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Full text of "Archivum romanicum : nuova rivista di filologia romanza"

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Toronto 

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1IIDING LIST DEC 1 1923' 















ARCHIVUM 

ROMANICUM 

NUOVA RIVISTA DI FILOLOGIA ROMANZA 

DIRETTA DA 

GIULIO BERTONI 

VOL. VI (1922) 



GENÈVE 

LEO S. OLSCHKI, ÈDITEUR 


19 2 2 












Sommario 


Pag-. 

Fernandes, E., Le fonti del canzoniere del Boiardo . 886 

Gamillscheg, E., Wet zstein and Kumpf im Galloromanischen 1 
Gubernatìs, De, Massimo, Laccentazione degli allotropi italiani 

di base greca . . *. 426 

Gutkind, C. S., Die Sprache des Folengo . 425 

Jud, J., Zar Geschichte and Herknnft der Wortfamilie von 

franz. « dru ».813 

Kluge, F., Mittellateinische Wortgeschichten . 231 

— Zum Corpus Glossariorum Latinorum . 300 

Krappe, A. H, Notes on Dante’s Inferno . 376 

Ma ver, G., Parole croate di origine italiana o dalmatica .... 241 

Marchot, P, Les verbes forts en wallon prélittéraire . 340 

— La formation des mots en wallon prélittéraire . 356 

Pascu, G., Lateinische Elemente im Rumànischen . 254 

Rohlfs, G., Das romanische «habeo»-Futurum und Kon- 

ditionalis . 105 

Varietà e aneddoti. 

Bertoldi, V., Di alcuni nomi dell’ Iris fiorentina . 280 

Bertoni, G., Etimologie . 161 

— Tavola del ms. jacoponico del Marchese Viti-Molza a Modena . 183 

— Due rappresentazioni di L. Castelvetro e G. M. Barbieri . . . . 285 

Camilli, A, Libelli famosi del settimo secolo .. 510 

Marchot, P., Lancien wallon «stier» et «ster* .. . 505 

Riegler, R., Italienische Vogelnamen . 167 

Skok, P., Onastini .. 155 

Spitzer, L., Zu Briichs Bemerkungen Bibl. Arch. Rom. II, 3; 

26 ff. 494 

Vitaletti, G., Intorno ai «Miracoli della Vergine ». 175 

Z a va t tari, E., Il Polemii »Silvii Latercidtis» . 462 

Bibliografia. 

Bibliografia rumena 1916—1920 (G. Pascu). 212 

Buonaiuti, E-, Filosofia e religione nel Medio evo . San 

Tommaso e Sigieri di Br ab ante (G. M. Monti). 533 

Cutolo, A., Le miserie di un genio incompreso (G. M. Monti) . . 538 

Dottin, G., La Langue gauloise (J. Jud). 188 


























IV 


SOMMARIO 


Pag. 

Fedele, P., Per la storia dell attentato di Anagni (G. M. Monti) . 534 

Gérold, Th., Le manuscrit de Bayeux (P. Wagner). 296 

Gregorio, De, G. Contributi al Lessico etimologico romanzo 

(G. Rohlfs)..293 

Griera, A., Contribució a una dialectologia catalana (W. v. Wart- 

burg). 533 

Morelli, V., Maometto in disgrazia (G. M. Monti). 538 

Morghen, R., Dante, Villani, R. Mali spini (G. M. Monti). 537 

S p i t z e r, L., Die Umschreibungen des Begriffes unger» im 

ItalienisQhen (R. Riegler). 287 

Torraca, F., A proposito dell Intelligenza (G. M. Monti).533 

[Barnils, PJ, Vocabidari catala-alemany de Vany1502 (W. v. Wart- 

burg)... .. 532 














Voi. VI. 


ARCHIVUM ROMANICUM 

Nr. 1. Gennaio—Marzo 1922. 


Wetzstein und Kumpf im Galloromanischen. 

Vorbemerkungen. 

Die angefuhrten Dialektwòrter sind in der Regel in der Form iibernommen 
worden, in der sie sich in den Quellen finden. Da die franzòsischen Dialekt- 
vvòrterblicher gròfitenteils die literarische Orthographie verwenden, ist also 
in den daraus entnommenen Formen u wie deutsches ii, OH wie deutsches li 
zu lesen Zur Unterscheidung sind phonetisch umgeschriebene Worter in 
eckige Klammern ([]) gesetzt. Hier hat also u den deutschen Lautwert 

£ sind patatai alveolare Reibelaute, entsprechend frz. eh bzw. j. n ist 
palatales n, d' ist palatales d. u ist Halbvokal. 0 ist stimmhaftes 5 . (t ist 
spirantisches d. Ein kurzer Strich unter einem Vokal bezeichnet die Ton- 
stelle des Wortes; ein Punkt unter einem Konsonanten deutet an, dafi dieser 
gelegentlich schwinden kann. Ein Sternchen vor einem Worte bezeichnet 
rekonstruierte Formen; ist es am oberen Rande der Zeile angebracht, so 
hat das Wort vermutlich wirklich bestanden; ist es am unteren Rand der 
Zeile, dann hat die Wortform nur als Typus Geltung. Die iibrigen Zeichen 
haben die allgemein ubliche Bedeutung. 

Die Herkunft der in der Arbeit angefuhrten Dialektwòrter ist aus der in 
der Zeitschrift fiir romanische Philologie, Bd. 40, S. 129ff. angefuhrten 
Bibliographie zu entnehmen. 

Besonderen Dank schulde ich Professor Jud in Ziirich, der mir mit einer 
ungewòhnlich hohen Auffassung von den Aufgaben der Wissenschaft seine 
reichhaltigen Materialien zu dem im Folgenden behandelten Gegenstand 
zur Verfugung stellte. Wo mir seine Mitteilungen Neues boten — es war 
dies an mehr als einer Stelle der Fall —, habe ich es gewissenhaft vermerkt. 
Er hat mir aber auch die Materialien des ràtoromanisch-norditalienischen 
Sprachatlasses zugànglich gemacht und dadurch ermoglicht, gelegentlich 
den Blick iiber das Gebiet des Galloromanischen hinaus zu richten. 

Die Zeitschriften und wichtigsten Quellenwerke sind mit den Anfangs- 
buchstaben der Begriffswòrter abgekiirzt. Vergleiche im besonderen: 

ALE Atlas linguistique de la France. 

ASNS - Archiv fiir das Studium der neueren Sprachen und Litera- 
turen. 

BDR = Bulletin de Dialectologie Romane. 

BGPSR - Bulletin du glossaire des patois de la Suisse Romande. 

DG Dictionnaire generai de la langue Fran^aise p. p. A. Hatz- 

feld et A. Darmesteter. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


1 




2 


ERNST GAMILLSCHEG 


5 • . ''i:; 

RDR = Revue de Dialectologie Romane. 

REW =* Romanisches etymologisches Wòrterbuch von W. Meyer- 
Liibke. 

RLR ■= Revue des langues Romanes. 

RPG — Revue des Patois Galloromans. 

RPFL = Revue de Philologie Franpaise et de Littérature. 

ZFSL = Zeitschrift fiir franzòsische Sprache und Literatur. 

ZRP = Zeitschrift fiir romanische Philologie. 

1 . Dem Wetzstein und seinem Behalter eine Sonderuntersuchung 
zu widmen, wird manchem unzeitgemaB erscheinen, besonders da aus 
einer solchen Untersuchung fiir die allgemeine Kulturgeschichte nur 
geringer Gewinn erwachsen kann 1 . Fiir den aber, der einen Ein- 
blick in die Schaffenskraft der Sprache gewinnPn will, bietet das 
Wortpaar «Wetzstein» — «Kumpf» den unschatzbaren Vorteil, dafi 

der Literatursprache fremde Vorstellungen bezeichnet, die andrer- 
seits zu dem unentbehrlichen Vorstellungskreis der landlichen Be- 
vòlkèrung gehòren. Der EinfluB der Reìchssprache auf die Mund- 
arten, der um so gròBer ist, je literarischer die Begriffe sind, fallt 
also bei der Bezeichnung dieser beiden Begriffe vollstandig weg. Fiir 
die Landbevolkerung ist ferner die Bezeichnung des Werkzeuges, mit 
dem der Schnitter wahrend der Mahd die Sense schleift, eine unbedingte 
Notwendigkeit. Bei Bezeichnungen von Pflànzen, Tieren u. a., die 
nicht unmittelbar fiir die landliche Wirtschaft von Bedeutung sind, 
ist eine gewisse Unsicherheit, Zweideutigkeit ohne Belang, wie dies 
ja schon wiederholt beobachtet wurde. Anders aber hier. Tatsachlich 
weisen die Karten c off in und queux des ALF nirgends Frage- 
zeichen auf ? die Schwanken des befragten Gewahrsmannes bei der 
Antwort andeuten sollen. 

Der Wetzstein ist ferner kulturhistorischen Schwankungen im grofien 
und ganzen entriickt. Abgesehen vom aufiersten Norden, in dem eine 
besondere Art des Schleiferis der Sense; angegeben wird (s. Abschnitt 59) 7 
hat der Wetzstein eine Form, iiber die der folgende Auszug aus dèm 
Meyerschen Konversationslexikon hinlanglich unterrichtet : «Schleif- 
s tei ne. Man unterscheidet Wcts- oder Han cisterne , gròBere oder 

1 Vgl. dazu die Bemerkung VoBlers in der Internationalen Monats- 
schrift 13, 786: Demi es gibt .... spezifisch mittellateinische‘Worter und 
Sachen 1 , zum Beispiel auf dem Gebiet des klosterlichen Schreibwesens der 
monchischen Gemiitszustande {addici, meditavi ), des Vagantentums u. dgl., 
Dinge, deren sprachlich-sachliche Sondergeschichte gewifi nicht wenìger an- 
ziehend und wichtig ist als jene vielbetriebenen Forschungen tìber das Sàgen, 
Spinnen und Haspeln im (xalloromanischen usw.» 





WETZSTEIN UND KUMPF 1M < iAL LO ROMANI SCHEX 3 

kleinere Steinstiicke von meist lànglicher Form, oft an einer Seite 
zugespitzt, um damit in Vertiefungen gelangen zu konnen, und Dreh- 
steine , runde, scheibenformige, maBig harte Steine von feinem, moglichst 
gleichfòrmigem Korn (Sandstein), die auf einer Drehachse befestigt 
sind. . . . Wetzsteine zum Abziehen feinerer Schneidewerkzeuge mit 
Wasser oder 01 (Olsteine, Abziehsteine, Wetzschalen, Streiehschalen) 
bestehen aus Wetzschiefer, aus graubraunem, von Kieselsaure durch- 
drungenem Dolomit . . . oder aus einer Art Chalzedon.» 

Der Wetzstein des Schnitters steckt in einem der Form angepatóten 
Behalter, der gewohnlich am Gurtel getragen wird und Wasser, oft 
auch feinen Sand enthalt. Oft dient als Kumpf das abgeworfene Horn 
Qines Ochsen 1 (s. die Formen come , banna in Abschnitt 59) ; gewohn¬ 
lich ist der Behalter aus Holz (s. dazu die Typen sabot , [. sklapitiot ]); 
doch scheint in neuerer Zeit streckenweise der hòlzerne durch einen 
blechernen Kumpf ersetzt zu werden : es beginnt also auch hier die 
Massenindustrie die Erzeugnisse des Hausgewerbes zu verdrangen 2 . 
Einstweilen zeigt sich jedoch dieses Eindringen einer neuen Form noch 
nicht in der Benennung des Wortes. 

2. Fiir den Wetzstein besitzt das Lateinische das Wort cos, cotis 
das nach Walde, s. catns zu einer Wurzel *kòi «scharfen», «spitzen»; 
nvetzen» gehòrt, wahrend die im fruheren Abschnitt erwahnte. rudde 
Form des Schleifsteins, der Muhlstein, durch das postverbale Substantiv 
mola zu molere mahlen» wiedergegeben wird. ‘ Cos wié Mola ent- 
halten also schon etvmologisch den Hinweis auf ihre Bestimmung in 
sich. Cos bezeichnet also urspriinglich nicht ausschlieBlich den «Sensen- 
stein», wie aus den bei Georges angeftihrten Belegen (acuere sagittam 
cote , cote virtutis suae ferrimi acuere) hervorgeht ; doch hat sich das 
Wort in der ausschliefólichen Verwendung des Sensen-Wetzsteines er- 
halten, wie das bei Walde angefuhrte urverwandte mhd. Hdr . Von 
Cos , Cotis abgeleitet ist die Bezeichnung des Kumpfes, des Wetzstein 
behalters, auch Wetzsteinblichse, Wetzsteinfafichen genannt: Cotarium, 
das in der Pluralform cataria, cotona bei Alsen., dig. 39, 4, 15 

1 «Le coffin est une come de boeuf». Bemerkung Edmonts zu come , 
901 (Allier). 

2 Vgl. Verrier- Onillon, Glossaire de l’Anjou, sub couer : Petite 
botte, autrefois de bois et maintenant de fer-blanc, que le faucheur porte 
suspendue en avant et où trempe la pierrc à aiguiser la faux; M arte 11 ière , 
Glossaire du Vendomois, couget, couyer , «Vase en fer-blanc ou en come, 
que les fauchcurs portent suspendu à leur ceinture et qui sert à mettre la 
pierre à affuter» ; Gorbiet, Gloss. . . . du patois picard, (/ueusse, «pierre 
à aiguiser; signifie aussi rétui en bois que les faucheurs attachent derrière 
eu x usw. 


1* 




4 


ERNST GAM1LLSCHEG 


belegt ist. Da das Suffix -arium bzw. frz. -ier zu alien Zeiten die 
Funktion erfiillte, die Umfassung, den Behalter auszudriicken, bilden 
cos, cotis und cotarium , wie sie begrifflich miteinander verkniipft 
sind, auch formell ein untrennbares Paar. Wir kònnen daher a priori 
annehmen, daB dort, wo wir Vertreter des lat. cotarium in den 
romanischen Sprachen finden, auch cos, cotis vorhanden ist oder vor- 
hancten war. 

Sowohl das Stammwort wie die Ableitung sind nun im Gallo- 
romanischen erhalten, vgl. REW 

2275. Cos «Wetzstein», «Schleifstein». 

Rum. cute, ital. cote, engad. kut, friaul. kot, afz. keu, prov. cot y 
minh. godo, frz. qiieux, petva cotis , G. Paris, Mei. ling. 238. 

2281. Cotarium «Schleifsteinfutteral». 

Bologn. kudàr , piem. kue, trevis. Izoer, engad. koder, frz. coyer, 
jur. freib. kovei, prov. codier . ZRP 18, 234, BGPSR 2, 34. 

Frz. queux und coyer, prov. coi und codier scheinen also die gallo- 
romanischen Entsprechungen des Wortpaares «Wetzstein» — «Kumpf» 
zu sein; allein queux und coyer fuhren nur in den Wòrterblichern 
ein Scheindasein -, die gebrauchlichen Ausdrlicke sind pierre à aiguiser 
und coffin , das urspriinglich «Kòrbchen» bedeutet; cos wie cotarium 
sind also wenigstens in der Literatursprache untergegangen. Den 
Grunden und Wechselfàllen dieses Unterganges nachzuspuren, ist Auf- 
gabe der folgenden Untersuchung. 

3. Flir den «Wetzstein» wie den «Kumpf» besitzt der ALF voll- 
standige Karten, 307 coffin , 1121 queux . Der Vergleich dieser beiden 
Karten zeigt nun sowohl flir cos , cotis wie flir cotarium weite Dialekt- 
gebiete mit Erhaltung der lateinischen Wortstamme; zugleich aber 
fàllt die Tatsache auf, dafi in Nordfrankreich cos und cotarium geo- 
graphisch nicht zusammenfalien, sondern sich geradezu aùszuschliefien 
scheinen. Cotarium- Gebiete finden sich im aufiersten Nordosten, dann 
in ganz Mittel- und Siidfrankreich, von der Bretagne und der Gas- 
cogne abgesehen. Zwischen das nordòstliche und das slidliche cotarium- 
Gebiet schiebt sich eine im pikardisch-wallonischen Norden breite, gegen 
Siidosten schmal auslaufende Zone ein, in der nun nicht cotarium , wohl 
aber cos , cotis erhalten ist. Besonders anffallig ist dieses gegenseitige 
Sichausweichen im Nordosten, wo Punkt 199 cote , der Nachbarpunkt 
195 cotarium erhalten zeigt. Nur der Punkt 197 gehòrt zu beiden 
Gebieten. Im Siiden ist besonders der Stidwesten auffallig, der weder 
cote- noch cotarium Spuren zeigt. Da aber hier flir den Wetzstein 
wie flir den Kumpf ganz deutlich sekundare Bildungen auftreten, ist 
man berechtigt, auch hier eine Unterschicht dieser beiden Worter an- 




WEJZSTEIN UND KUMPF IAl GALLO ROMAN 1SCHEN 


5 


zunehmen. Die cotarium- und cote- Gebiete zusammengenommen zeigen 
deutlich, datò cos und cotarium ehemals in ganz Gallien gelebt haben, 
wahrend heute cos auf vier Funfteln, cotarium auf einem Drittel des 
ehemaligen Verbreitungsgebietes geschwunden ist. Warum schwindet 
also cos, cotis aus der Sprache, warum schliefien sich im eigentlichen 
Norden cos und cotarium gegenseitig aus? 

4. Diesel* Uberblick iiber die Geschichte der beiden Worter ist be- 
wufit vereinfacht. Zunachst zeigt das ros-Gebiet im Norden, von 
einigen ostwallonischen Mundarten abgesehen, nicht die aus lat. cote y 
Akkusativ zu cos zu erwartende Form [Ito], sondern erweiterte Formen: 
[kós] in Flandern, Artois, Pikardie, [kós] in der nordlichen He de'France, 

| kór] in der siidwestlichen Champagne; die Einzelheiten siehe im 
t’olgenden. Ein [£os] findet sich ferner nach Horning, ZRP 18, 
233f. auch bei Lorrain, Glossaire du patois Messili. Im Altfran- 
zòsischen solite ferner cotis, vlat. Nominativ fur. klassisches cos, als 
cous, keus, cote als con , kcu erscheinen; tatsachlich ist aber cous, 
keiiB im Altfranzòsischen indeklinables Substantiv, so deutlich im 
iiltesten Beleg des Wortes bei Chrétien, Cligès, 4251, queus im 
Akkusativ der Einzahl k Dieses afz. queus ftihrt G. Paris, 
Mèi. ling. 238, auf ein petra cotis zuruck; doch sieht man den 
Grund einer solchen attributiven Verkniipfung nicht ein, und Hor¬ 
ning, Le., dann ZRP 24, S. 552; 25, 737, will das pikardische 
[kós] auf eine Grund form * cotea zuruckfiihren, gegen die sich morpho- 
logisch nichts einwenden lafit, wie ja zum Beìspiel neben ahnlich ge- 
bautes retis fem. «Netzs retia dasselbe, im Romanischen «Gitterwerk» 
tritt, s. REW. 7255. Allein lautlich làBt sich eine Grundform *cotea 
oder *coteum , wie auch Horning bemerkt, mit afz. keus, pik. [kós] 
nicht vereinbaren, und anzunehmen, datò der Vokal von keus <*co- 
teum von afz. *keu beeinflufit sei, ist unwahrscheinlich, da vermutlich 
ein solches afz. *keu niemals bestanden hat ; und selbst dies zugegeben, 
ist nicht einzusehen, wie denn bis ins 11.—12. Jahrhundert hinein die 
Entsprechungen von cote und von *coteum nebeneinander in der 
gleichen Bedeutung und zumindest in benachbarten Mundarten weiter- 
bestanden haben sollen, bis es zur Verschmelzung der beiden For¬ 
men kam 1 2 . 

1 Eine Form kou , keil, die nach Horning 1. c. hàufig vorkomrtit und 
ins REW 2275 Aufnahme gefunden hat, ist mir nicht untergekommen ; sie 
kann aber im Siidwesten des nordfranzosischen Sprachgebietes bestanden 
haben und dann die Verbindung mit dem prov. cot herstellen. 

2 Horning ftihrt ZRP 18, 233 ein afz. coce als Variante angeblich aus 
dem 12. Jahrhundert an; doch ist dies zweifellos Schreib- oder Lesefehler 


6 


ERNST GAMILLSCHEG 


5. Besser gesichert scheint fiir cotarium eine i-Ableitung zu sein. 
Zunachst ist ein mittellateinisches COTIARIUS im Corp. gloss. 
Lat. 2, 223, 12; 2, 117, an der zweiten Stelle zusammen mit samicitor, 
mit gr. dxovìjztfg (zu axóvt] «Wetzstein») iibersetzt, und eine s, ts- 
Form, die auf lat. - ti - zuruckfuhren kann, findet sich aufierhalb Frank- 
reichs in den westlichen und zentralen ladinischen Mundarten. Nach 
den Materialien des ladinischoberi talienischen Sprachatlasses ergibt 
sich, dafi kntser -, kutse- Formen sich iiber das ganze westràtoromanische 
Gebiet, die sogenannten gemischten Zonen von Misox und Bergell 
qiitinbegriffen, erstrecken, wahrend der Kanton Tessin zum gròfiten 
Teil ts- lose Formen aufweist. Jenseits der italienischen Grenze findet 
sich nur in dem vereinzelten I sol ac eia (Bormio) flir den Kumpf die 
Form kotseyr , dann als kutseyr wiederholt, wahrend die hier all- 
gemein verbreitete Form das auf cotarium zuriickgehende [kuder\, 
[kude] ist. Flir das Zentralladinische liegen die Formen des Sprach¬ 
atlasses noch nicht vor. Vgl. im Nonsber g, Cagno [kosar] , und 
entsprechend im Grodnertal [ktisé], Enneberg, Abteital und in der 
weiteren Folge Friaul kennen keine s-, 5 -Formen mehr. 

Das angefiihrte westladinische [kutser] sowie das hochnonsbergische 
[kosar], (vgl. dazu besonders Battisti, Nonsberger Mandart, S. 144, 
§ 156, 1,. <zko;ar < *cotiariu Schleifsteinbehalter zu einem nicht mehr 
vorhandenen *kof < *cotim) lassen sich nun allèrdings auf eine 
Grundform *cotiarium zuruckfuhren, nicht aber das gròdnerische 
[kuse\ , dà im Gròdnerischen ti zu ts wird, s. Gartner, Gredner 
Mundart S. 59. Da aber nicht anzunehmen ist, dafi das nonsbergische 
[kosar] und das gròdnerische [kuze]- eine verschiedene Grundlage 
haben, ist die Grundform *coiiarinm fiir beide Mundarten und wohl 
auch das Westladinische aufzugeben. Das s in gròdnerisch [kuse] 
stammt daher wohl von dem Auslaut der ehemaligen Form flir den 
Wetzstein, beute [keut] (Lardschneider): da im Zentralladinischen -t s 
im Auslaut, wohl Iiber -ds , zu s wurde, s. Alton, Lad. Idiome 
S. 69,i §i 138, geht [kusé] vermutlich auf ein àlteres [kudse] zuriick, 
das ein [kouts] «Wetzstein» (neben *pret% — pretium , heute gròd. 
[pries]) erschliefien làfit. Wir findèn also fiir das Gròdnerische, und 
daher wohl auch fiir das Westladinische, als letzte erreichbare Form 
das gleiche couts flir lat. cos, cotis, das als indeklinables Substantiv 
fiir das Altfranzòsische S. 5 angefiihrt wurde. R^toromanisch [kutser\ 

fiir das coìis der iibrigen vier Handschriften. Das von Horning ZRP 31, 
S. 203 angefiihrte queusse ist nicht altfranzosisch ; dié àltesten Belege bei 
Go.defroy stammen aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts. 




WETZSTEIN UND KUMPF 1M GALLOROMANISCHEN J\ 

ist also weder lat. cotarium noch *cotiarium ,, sondern Neubildung na,ch 
einem indeklinablen kots y kouts, und das im Corp. gloss. Lat. 5, 168, 1 
bezeugte cotto ad acuminandnm diirfte aueh nichts anderes darstellen 1 . 

Mit dieser Entwicklung scheint aber die tatsachlich uberlieferte 
Form ftir die Bezeichnung des Wetzsteins [kut\ und iihnliche im 
Westladinischen, [keut\ im Grodnerischen, in Widerspruch zu stehen. 
Nun ist aber lat. cos , cotis Femininum, wahrend die alten indekli¬ 
nablen Substantiva des Galloromanischen (corpus, fundus , latus r 
pcctus , pondus, tempas; pretium, brachium) durchwegs Maskulina 
sind. Ein feminines kots fallt also ganz aus der Reihe der librigen 
indeklinablen Hauptwòrter heraus. Da -5 ferner auf galloromanischem 
Gebiet bei Femininen das charakteristische Pluralzeichen ist, konnte 
kots zu kot zurtickgebildet werden, besonders zu der Zeit, als im La- 
dinischen die Unterscheidung zwischen der Nominativ- und der Akku- 
sativform der Substantiva aufgegeben wurde. Ist dies richtig, dann 
ist zum Beispiel engad. kilt , ebensowenig die Entsprechung von lat. 
cote wie kutser von lat. cotarium , sondern baut, wie dieses, auf 
einem àlteren *kouts «Wetzstein» auf. Der Widerspruch, der zwischen 
Form und Geschlecht von galloromanisch-ladinischem kouts gelegen 
ist, wird in seinem Wirken noch wiederholt beobachtet werden 2 . 

1 Gartner, Gredner Mundart, S. 130 làfìt deshalb neben kuzé den 
Platz fiir die Etymologie frei, wahrend er S. 128 zu kout «Wetzstein» das 
lat. cos stellt. Die westladinischen kutse- Formen erklàrt auch Gartner, Rr. 
Gr. S. 37 mit* cotiarium. 

Wegen einer ahnlichen Ableitung schon in vorhistorischer Zeit vgl. sor- 
tiarius fiir *sortsarius in den Reichenauer Glossen zu sorz fiir sortis 
bzw. sortes «die Losstàbchen», s. Meyer-Lubke, Franz. Gramm. 2, S- 13, 
das die genaue Entsprechung des oben angeflihrten cotiarius ftir *kot- 
sarius ist; dann engad. punser com. ponzé «Gewicht an der Wage», — pon- 
dus + - arili , s. Jud, ZRP 38, S. 29, Anm. 2; ferner die galloromanischen 
Ableitungen von fundus, afz. fonz usw. Vgl. dazu ferner gròdnerisch 
[ bruzea\ Vorspannkarren am Pfluge», d. i. *biroteum +-aria, nicht etwa 
ein *birotearia . 

2 Ein àhnlicher Vorgang wie der fiir das Ladinische erschlossene hat sich 
in Lanslebourg (973) an der savoyisch-italienischen Grenze abgespielt. Hier 
ist -ts im Plural von -t Stammen zu 5 geworden und nun umgekehrt zu 
echten s- Stammen oder vokalisch auslautenden Substantiven ein neuer 
Singular auf 4 gebildet worden, daher pertut , hit, piut = pertuis , chou , 
poux. Ahnlich in Séez, s. Gilliéron, RPG 1, S. 179 ff. 

Die Rtickbildung des ladinischen kouts zu kout muft sich relativ frtìh 
abgespielt haben, da sie sich auf das ganze kutser- Gebiet erstreckt. Was 
hier erschlossen werden mufi, làfit sich an einem zweiten Fall nachweisen. 
In der deutschen Mundart von Lusern ist ein altladinisches bisaus «Urur- 
grofivater* in bischaus erhalten vlat. *bisavus. Dazu gehòrt grodn. beza - 


8 


ERNST GAMILLSCHEG 


I 


6. Frz. qneiix geht also auf ein afrz. indeklinables conz zuriick, 
das formell dem Nominativ vlt. cotis fur lat. cos entspricht. Warum 
bei diesem Worte die Nominativform, und zwar schon in vorhistorischer 
Zeit, verallgemeinert wurde, ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung. 
Neben cos, cotis haben noch eine Reihe anderer Substantiva mit weib- 
lichem Geschlecht und stammhafter Dentalis den gleichen auffàlligen 
Ubertritt in die Klasse der indeklinablen Substantiva mitgemacht, und 
bei alien zeigt sich in der Folge Schwanken im Geschlecht, vgl. 
Meyer-Lubke, Rom. Gram. 2, 28. Es gehoren hierher aufóer 
cos, cotis 

gius, glutis «Vogelleim», afz. gius, Das VVort ist heute lautlich 
zum Teil mit 4rz. glni «Roggenstroh» zusammengefallen und daher 
geschwunden. Das Wort ist in Lothringen, Franche-Comté, Dauphiné, 
Savoyen zum Teil Masculinum. Uber das Verhalten des Wortes in 
der Provence s. Abschnitt 33. 

retis, retis «Netz», afz. auch als Obliquus, wie cous , seit dem 
12. Jahrhundert bezeugt 3 . Eine Grundform *retium (Gròber. 
Arch. lat. Lex. 5, 453) ist wegen des afz. oi ebenso ausgeschlossen 
wie *cotiwn fiir afz. queiiz . Vgl. auch REW 7255, 3. Norm (> franz.) 
rets ist Maskulinum geworden; s. Armbruster, GescJilechtswandel 
im Franz. S. 113. 

liHer «UrurgroBvater» (neben bezavon «UrgroBvater ); dieses ist durch das 
zusammengesetzte Suffix -vter erweitertes bezal , das sich als Ruckbildung 
von einem Nominativ *bezaus = *bisavus erklàrt, also die Entsprechung 
des lus. bischaus ist. Dazu gehòrt ferner die organische Akkusativform 
Val Vestino bezlau, bergam. bislao u. a. Genaueres dariiber a. a. O. Man 
wird daher wohl auch das westladinische bisat , basat « Ur(ur)grotòvater*, 
das Tappolet, Vcrwandtschaftsitameli, S- 84 mit ahdt. atto «Urgroft- 
vater zusammenstellt, nicht von dem zentralladinischcn *bisavus trennen 
diirfen. Da im Westladinischen (aufier Engadin) ipse iìber *efs z u ets 
geworden ist, s. Gartner, Rr. Gr. S. 124, ist zu besaf — bisavum ur- 
spriinglich ein Nominativ besats gebildet worden, zu dem als Ruckbildung 
ein besat entstand, wie kilt aus kuts. 

Auch fur die Ableitung des grodnerischen kiizc von dem alten, heute 
untergegangenen Nominativ konts «Wetzstein» làfit sich ein paralleler Beleg 
unschwer beibringen. Lat. dies erscheint im Grodnerischen heute in der 
Akkusativform di\ die alte Nominativform dis liegt aber der Ableitung di sé 
zugrunde. Dieses bedeutet den Hirtenknaben, den Gehilfen des paster\ 
beide gehen zum Essen der Reihe nach in die Hauser der Bauern, deren 
Vieh sie auf die Weide fiihren. Dizé, d. h. dies + -arius bezeichnet also 
etymologisch «der, welcher den Tag hat». 

1 Lothr. Psalter 140, 10; li pechours . chairont en sa toiz et en 

ses las. Vgl. auch roits =rete in dem von Neubauer-Bohme heraus- 
gegebenen hebraischen Glossar, Rom. Stud. 1, 182 (617). 




WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMAN ISCHEN 


9 


vitis, vitis «Ranke», afz. la und le vis «Schraube», vgl. dazu 
ALF 1403. Das Wort ist in der Wallonie, im Languedokischen und 
im Sildosten Maskulinum; einzelne Mundarten suchen die Form des 
Wortes und sein urspriinglich feminines Geschlecht in Einklang zu 
bringen, vgl. in 816 (Loire) [visa) fem., 912 (Isère) [visi] fem., und 
dazu nun als Gegenbildung in 819 (Loire), 911 (Rhone), 829 (Isère), 
30 (Jura) [v/Stc], [viso] mask., die nicht auf *vitium zuriickfiihren 
konnen, da auch dieses lautgesetzlich nur [vis] ergeben hàtte, sondern 
auf alterem asofz. vis aufbauen. Vgl. ferner in 990 (Alpes mar.) 

[via] fem. fiir alteres [vi] . Die S. 7 angenommene Riickbildung von 
westladinischem kouts zu kout , kilt hat ein Gegenstiick in gaskognisch 
[bit] neben [bits]. Wahrend das Provenzalische cot, glut bewahrt 
hat, ist hier [vits] wie im Norden indeklinabel. 

sors, sortis «Schicksal», afz. sors und sort (dazu afz. sortir 
«Los werfen») ist Maskulinum und Femininum, vgl. Armbruster, 
1. c. S. 58, vgl. dazu das S. 7 angefiihrte sortiarius. 

cotis, glutis, retis, vitis und das in der Weiterentwicklung 
literarisch beeinflufite sortis haben also gemeinsam, dafi sie im Nord- 
franzòsischen indeklinabel werden, damit in éine Deklinationsklasse 
geraten, die iiberwiegend Maskulina enthalt. Die Folge davon ist 
eine gewisse Unsichérheit im grammatischen Geschlecht. Es kann 
auch kein Zufall sein, daB alle fiinf Substantiva im Stamm ein t ent- 
halten. An diese urspriinglich femininen Substantiva schlieBen sich 
einige Maskulina mit stammhaftem Dentai an, so gues , s. Rom. 
Gram. 2, 28, dann bies neben bief, das nach ALF 1175 (; ruisseau ) in 
979 [6/s], 988 [ bes ], in Evolène [bis] Bewasserungskanal erhalten ist 1 . 

7. In Nordfrankreich war also fiir den Wetzstein ein indeklinables 
cous mit femininem Geschlecht herrschend, das, abgesehen vom 
aufiersten Norden und Nordosten, im Laufe des 13. bis 14. Jahrhunderts 


1 Vgl. dazu Gauchat, BGPSR 8, 14 «Quant à l’s finale, elle nous 
rapelle qu’en vieux fran^ais, à coté de bief Fon rencontre souvent la forme 
bies , dont Féquivalent existe aussi dans nos anciens documents. Ainsi à 
Xeuchàtel: ou beiz de la Roche (. . . vers 1340).» Das Wort findet sich 
im Jahre 1427 als bccium latinisiert, das also ebensowenig eine v-Ableitung 
von einem Stamme *bet oder *bek ist wie das S. 7 angefiihrte colio f-Ab- 
leitung von cote. In Evolène ist auslautendes -5 der Rest eines alten 4s 
(deys. — digitos, dreys — directus usw.). Damit stimmt das bei Cer- 
logne bezeugte [kos\ «Wetzstein» in der siidlich von Evolène gelegenen 
Val d’ Aosta liberein, das also auf ein alteres kots zuriickfuhrt. [bes] als 
Obliquus findet sich schon im 12. Jahrhurdert im Cartulaire du Tempie de 
Vaulx in der stidlichen Dauphiné, s. Devaux, Essai sur la langue vulgaire 
du Dauphiné, S. 145. 



10 


ERNST GAMILLSCHE0 


in [kó], [ku] tiberzugehen droht. Der Schwund des auslautenden s 
in afz. queus (uber [&os]) hai aber zur Folge, datò die Ent- 
sprechungen von lat. cote »Wetzstein» und lat. coda 
«Schweif» auf dem gròfitenTeil des nordfranzòsischen 
Sprachgebietes zusannnenfallen. Denn auch das auslautende 
-e von afz. coue «Schweif» beginnt im 14. Jahrhundert zu verstummen. 
Diese Homonymitàt von coda und cote hat nun zur Folge, dafi die 
begrifflich nicht zu vereinigenden beiden [kó] miteinander in Konflikt 
geraten 1 . Das erste Stadium dieses Kampfes zeigt uns ein Schreiber 
des Endes des 14. Jahrhunderts an, der den Wetzstein um$chreibt : 
une queue a ciiguisier consteaux (Godf. s. v. A. N. JJ. 138). Er 
unterscheidet also queue «Schweif» von queue «Wetzstein , indem er 
dem leizten die attributive Zweckbestimmung a aiguisier hinzufiigt. 
Aber auch die Umschreibung queue à aiguiser ist nur so lange ein 
taugliches Mittel, den Wetzstein zu bezeichnen, als auch einfaches [kó] 
noch die Doppelvorstellung «Schweif» + «Wetzstein hervorruft; so- 
bald aber [kó] in der unverhaltnismafiig haufiger gebrauchten Bedeutung 
Schweif» [kó] in der Bedeutung «Wetzstein in den Hintergrund 
treten làftt, wird auch die Umschreibung queue à aiguiser ein Unding : 
sie wird zu einem < Wetzschweif . Dié Sprache ersetzt daher das hier 
unmògiich gewordene queue Schweif» durch das begrifflich nahe- 
liegende pierre «Stein ; so entsteht der heute auch literarische Typus 
pierre à aiguiser , der unter anderem auch das ostnormannische [kós\ 
im Westen fortsetzt. Queue à aiguiser ist also nur eine Ubergangs- 
bildung, die aber liberali dort entstehen konnte, wo coda und cote 
gerade zusammenfallen. Das zeigt sich noch deutlich im Siidwesten 
Nordfrankreichs, wo cote «Wetzstein noch erhalten ist. Die Punkte 
458, 459, 540 haben [kó] «Wetzstein», die im Osten anschliehenden 
Punkte 448, 429 [ko a ctdiiise], das ein [kó] «Schweif» + «Wetzstein 
voraussetzt, und in pierre à aiguiser , 417, 418, 419 iibergeht. Das 

1 Es liegt mir ferne, der Homonymitàt unter alien Umstànden zerstòrende 
Wirkung zuzuschreiben. Aber es liegt auf der Hand, dafi zwei Wòrter, 
die. in der gleichen Gesellschaftsschichte gleichzeitig eine wichtige Rolle 
spielen, die die gleichen syntaktischen Verbindungen eingehen konnen, und 
die beide Hauptworter sind, auf die Dauer nicht lautlich zusammenfallen 
konnen, ohne in ihrer V,erwendung diese Homonymitàt storend zu verspiiren. 
Die Folgen dieses Zusammenfalls werden im folgenden ausfuhrlich behandelt 
und begriindet werden. 

Auch heute wird von mangelhaft gebildeten Franzosen queux- cotis und 
queue -coda zusammengebracht:, vgl. bei Guillemant, Eresse louhan- 
naise: quoui, coni .«étui pour y tremper la queue à faux» (J. Jud). Der 
Verfasser unterscheidet also [ko] «Schweif und [kó] à faux Wetzstein». 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


11 


benachbarte 416 hat wieder [kò\ «Wetzstein». Datò sich hier cote 
gghalten hat, wird im spateren erklart werden. 

So ist also [ko] «Wetzstein; tiber quelle à ciigaiser oder eine 
ahnliche Umschreibung untergegangen. Die Anfànge dieses Unter- 
ganges sind im spateren Mittelalter zu suchen; zum Teil ist die Be- 
wegung aber heute noch nicht abgeschlossen, da der vollstandige 
iautliche Zusammenfall von coda und cote ([k'o] coda hat urspriinglich 
langeren Vokal als [kó] cote) auch heute noch nicht liberali erfolgt 
ist. Fiir das Normannische, wo heute [ko] «Wetzstein» nirgends mehr 
bezeugt ist, gibt das im Jahre 1849 erschienene Worterbuch der 
Brùder Duméril ein quelle — pierre à aiguiser , affiloir noch an; 
doch fehlt das Wort bereits in dem 1887 (Caen) erschienenen Worter¬ 
buch von Moisy. 

8. Der Schwund des auslautenden s in cous «Wetzstein» ist nun 
nicht von heute auf morgen erfolgt. Es wird, wie dies fiir aus- 
lautendes 5 in den franko-provenzalischen Mundarten Piemonts von 
Jaberg, BGPSR 10, S. 49 ff. (Notes sur l’s final libre dans les 
patois franco-proven^aux du Piémont) beobachtet wurde, zunachst 
in gewissen syntaktischen Verbindungen geschwunden, in anderen noch 
gesprochen worden sein 1 . 

Der Zusammenfall von qiieuz «Wetzstein und quelle Schweif 
war also urspriinglich nur ein gelegentlicher. Offenbar um der 
Homonymitat der beiden Substantiva vorzubeugen, haben nun die 
westwallonisch-pikardischen Mundarten die Pausa- und vorvokalische 
Form [Z?òs], [£os] fiir afz. queiiB in der Periode der freien» Auslauts- 
konsonanten zum Nachteil der vorkonsonantischen Form [ko] ver- 
allgemeinert. Das konnte um so leichter geschehen, als damit das 
femmine Substantiv queus die den Femininen entsprechende Endung 
bekam. Pikardisch [kds\ bekommt also die Endung von douce , 
Femininum von doiiB • es ist demnach scheinbar femmine Form zu afz. 
qucnz aus vlat. cotis 2 . Die Erhaltung des Auslautes von afz. queuz 

1 Vgl. Jaberg, 1. c. S. 54, <*s se conserve (à Noasca, Ceresole reale, Gros- 
cavallo, Mondrone) devant une pause et devant un mot commen^ant par une 
voyelle; il disparait devant un mot commengant par une consonne. Cependant, 
il sujfit de la plus légère hésitation ou de Varrei le plus insignìfiant 
pour le paire réapparaltre mème dans ce dernier cas. J’ai fait remarquer 
autre part (ZFSL d8, 258 f) que c’est exactement l’état où se trouvent les 
consonnes finales à Paris, au seizième siede, selon le témoignage de Henri 
Estienne. 

2 Àhnlich fatòt Haberl, ZRP 34, S. 40 die Entstehung des pikardischen 
[kós\, Diesem ist in der Folge ein neuer Konkurrent in lat. calce, frz- 
chaux entstanden, das im Pikardischen vermutlich tiber [kautf\ kaiit ^ r ] zu 


12 


ERNST GAMILLSCHEG 


bewahrt dieses vor der Homonymitat mit coda und damit vor dem Unter- 
gang. Das drilckt sich geographisch darin aus, dafi an den Randern 
des kompakten [kds] 7 [Ms]-Gebietes vereinzelte [kó], [£//]-Formen noch 
auftauchen, in deren Nachbarschaft cote dann vollstandig schwindet. 

Es kann iibrigens auch sein, dafi im Pikardisch-Westwallonischen 
die Verallgemeinerung der s , s-Form von afz. queus schon vor dem 
Ubergang von afz. queue zu [kò\ eingetreten ist, so dafi also der 
drohende Zusammenfall von coda und cote nicht den Anlafi zur 
Femininisierung von afz. queus gebildet hat, sondern umgekehrt durch 
diese die Homonymitat der beiden Stanarne auf diesem Gebiete nie 
zustande kam. Denn das pikardisch-wallonische [Ms]-Gebiet fàllt 
uberraschend genau mit dem Gebiet zusammen, wo afz./aws^ «Sense» 
nicht in der lautgesetzlich zu erwartenden Form [fo], [fo\ auftritt, 
sondern im Auslaut ein k zeigt: [fok], [fok] . Dieses k stammt von 
der Form des Verbums: [foke\ [fdkè] — frz. faucher, hat also eine 
ganz andere Geschichte als das s 7 s von [ k'ós], [. kos ]; aber beiden 
ist das Bestreben gemeinsam, den vokalischen Auslaut femininer 
Substanti va zu erweitern. Das Verbreitungsgebiet von [kdè] ist ferner 
ungefahr das Gebiet, auf dem flir maskulinisches doux die Feminin- 

\kós\ \ko\ wurde. Der Zusammenfall von_ afz. cous «Wetzstein» und apik. 
cauz «Kalk» ist heute in 275 und 245 [kos] vollstandig, vgl. aber auch 

285 272 ^ 271 263 

calce [kos 1 [kos] [koj\ [kos] 

co tis [kos] [kos] [kos] [k()s] . 

Diese Mundarten scheiden also calce und cotis durch die verschiedene 
Qualitàt oder Quantitàt des o-Lautes. Dafi diese Scheidung àber eine will- 
kiirliche ist, die auf die Dauer nicht beide Wòrter bewahren kann, zeigen 
die unmittelbar benachbarten Punkte 272 und 271, die [/jó-s] und [ kos] fur 
die beiden Begriffe besitzen, aber was 272 mit [kos] bezeichnet, benennt in 
271 den konkurrierenden Gegenstand und umgekehrt. Dafi [kós]= Wetz- 
stein» alter ist als [kos] — «Kalk», zeigt die bei dem ersten weitergehende 
Palatisierung des k vor <9, zum Beispiel in 255 mit [k$s] «Wetzstein» neben 
[kos] «Kalk«. Dieses Zusammentreffen von calce und cotis erklàrt nun 
auch, warum im aufiersten Norden des [kos] cotis-Gebietes Ersatzausdriicke 
fiir den ^Wetzstein» eingetreten sind, vgl. 

299 298 297 296 

calce [kòw ] [s e òw ] I kc ow] [s e Ou \ 
cotis [rif] [raguzuar] [rifl] [rif] 

Das anlautende s fur chaux in 298, 296 (das auch in 288 und 284 zu finden 
ist) stammt natiirlich aus literarischem chaux , das zur Vermeidung der 
Homonymitat herangezogen wird. rif(l) in 299, 297, 296 ist urspriinglich 
begrifflich von queuche «Wetzstein» geschieden, wie in Abschnitt 58 aus- 
gefiihrt wird. 


I 



WLTZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMAN ISCHEN 


13 


form douce, pik. [< dus ], eintritt, vgl. (eine Karte doux fehlt im ALF) 
Hécart, Dici. Ronchi - Fran^ais, donche — donx f douillet (fur 
Punkt 281 und Umgebung), Edmont, Lex. Saint-Polois [dus] (daneben 
1du ] «gezuckerter Likor») (P. 286); im Normannischen und Wallonischen 
wird dagegen ein solches maskulinisches douce nicht angegeben. 

9. Ob also die drohende Homonymitat von cote und coda der 
Anlafì zur [£òs]-Bildung war, oder ob dieses der gleichen Stròmung 
ihre Entstehung verdankt, durch die das S. 9 angeflihrte feminine 
[vi] in 990 zu [via] wurde, laBt sich bei der Unsicherheit der Chrono- 
logie der beteiligten Lautwandlungen nicht entscheiden. Dagegen ist 
fiir die im Siiden an das [£òs]-Gebiet anschliefienden Mundarten, die flir 
lat. cote die Form [kór] zeigen, die erste Lòsung zweifellos die richtige. 

Datò hier das r im Auslaut nicht ursprtinglich sein kann, liegt àuf 
der Hand. Auslautendes r ist bekanntlich seit dem Ende des Mittel- 
alters in verschiedenem Umfang geschwunden und erst im 16. bis 
17. Jahrhundert so weit wiederhergestellt worden, als es heute ge- 
sprochen wird L Eine genaue Untersuchung dieser Frage, soweit die 
Dialekte in Betracht kommen, ist naturgemafi bei dem Fehlen mund- 
artlicher Literatur in dieser Zeit unmoglich. Wichtig fiir die Erklarung 
der Form [kòr] ist aber der Umstand, dafì im 17. Jahrhundert auch 
in einsilbigen Wòrtern auslautendes r in der Umgangssprache ver- 
stummt war und hier in erster Linie wiederhergestellt wurde -. 
Vgl. in den bei Ross et abgedruckten Dix conférences en patois 
(1649-^-1660): la ché crue et cuitte = la chair crue et cuite-(2, 5); 
de quay as tu peti? = de quoi as tu peur? (5 ? 7) u. a. Diese 
Wiederherstellung war das Ergebnis einer Periode des Schwankens 
zwischen Formen wie mé und mer ? peti und peur u. a.; im allge- 
meinen ist jedoch unter denr EinfluS der Literatursprache das -r nur 
dort wiederhergestellt worden, wo es etymologisch berechtigt war. 
Immerhin kommen Ausnahmen vor. Schon alt ist [kler] fiir eie' 

1 Zur Geschichte des auslautenden -r vgrl. die Literatur bei Schwan- 
Behrens, Afz. Gramm. Anhang zu § 277, besonders L. Gauchat,- R 
anorganique en franco - provencal, Rom. Forsch. 23, S. 875 ff. ; dann 
Th. Rosset, Les origines de la prononciation moderne, étudiées au 
XVII* siécle. Paris, 1911, S. 260 ff. 

In dem siidostfranzosischen Livre d’Ananchet (aus dem 14. Jahrhundert) 
finden sich corone, done als Infinitive, afibler, pechier, creenter als Parti- 
zipia usw., s. Dissertation Bruns, 1889; ahnlich im Joufroi des 14. Jahr- 
hunderts usw., s. Vising, Romania 28, 581. Vor dem 14. Jahrhundert 
fehlen sichere Belege. 

2 Vising, Rom. 28, 587 glaubt, datò in einsilbigen Wortern -r auch 
dialektisch stets erhalten blieb; siehe aber dagegen Anderson, Rom. 28, 594. 


14 


ERNST GAMILLSCHEG 


(Gorlich, Biirg. Dialckt, 107), beute nach derh ALF 301 [fcìer], 
[tiar] in 17 und 27, bei dem Gauchat 1. c. volksetymologische Be- 
einflussùng durch clore — eiaudere vermutet; dann \der] — digi¬ 
tale, ALF 379, in 979, 969, 967, 927; [s/or] — sebum (Alpes Vaud.), 
ALF 1266 [sor] 975, [Mor] 969, [sur] 985 usf. In jedem einzelnen Fall 
hat das Eintreten des unorganischen -r wohl seinen bestimmten Grund. 

Es haben also'wahrscheinlich die Dialekte im Siiden des beutigen 
[Ms]-Gebietes ein [kò] besessen* das im 16. bis 17. Jahrbundert mit 
\kò] Schweif zusammenzufallen droht. Da die Spracbe in jener Zeit 
zwischen [pò] und [por] scbwankt, wird nun ftir [kò] «Wetzstein die 
scheinbare Voli- und Pausaform [kòr] geschàffen, die ebenso der 
Homonymitàt mit dem [to’] «Schweif» entrlickt ist wie das nordliche 
[Ms]. Erleichtert wird dieser r-Antritt durch das feminine Geschlecht 
des Wortes. Nordliches |/vYÀs] und stidliches [kòr] stehen also in 
keinem unmittelbaren, vermutlich aber ursachlichem Zusammenhang 
miteinander. In Punkt 128 treffen die beiden Formentypen zusammen ; 
so entstebt die Form [kòrs], die das nordliche 5 und das siidwestliche r 
vereinigt, also gewissermaBen die Heilmittel im Kampfe gegen [kò] 
«Schweif» kombiniert l . 

Der Punkt 122 hat ftir cote die Form [kus] 2 . Das deutet darauf 
hin, dafi unter dem pierre der Punkt 126 und 124, die die Verbindung 
mit dem [kòrs] des Punktes 128 herstellen, auch ehemals eine s-Form, 
vermutlich [^ 05 ] vorhanden war, die aber hier nicht lebensfahig war, 
da gerade hier fiir lat. coxa die mittelfrz. (im geographischen Sinne) 
Form cuisse mit der ostfrz. Form [Ayìs] zusammenstoBt. Durch die 
Annahme des nOrdlichen 5 fiir [kò] — cote entgehen die Punkte 126 

\Anders ist die Form [kurs\ «Stechpalme» in Punkt 801 und 102 (Dep. 
Puy-de-Dome bzw. Creuse) neben poitev. [ku] (Vendée), mit den Ableitungen 
[kusak], [kutat], [ kuser ], bei Lalanne queasser , zu erklaren; voi. dazu 
auch in Cellefrouin gosa, Rousselot, RPG. 349. DasWort ist keltischer 
Herkunft (zu bret. kelen <*kol-enno) und ireht auf ein "allisches *kolis, 
die Entsprechung; von nddt. liuls (frz. houx) zurlick. Da oallisches l vor 
Konsonanten im Romanischen nur zum Teil mit lat. / 4- Konsonanten £leìch- 
màfiio* behandelt wurdé und im besonderén auf dem [kitrs]- Gebiet durch r 
ersetzt wurde, ist \kurs\ die unmittelbare Fortsetzum>* des oallìschen *kolis; 
vgl. dazu den Abschnitt égoger in meinen Franzòsischen Etymologien. Uber 
dieses gallofranzòsische [kus] vgl. Ivarte 2 des o«/?r-Aufsatzes von J. [ud 
in ASSL 1910 und S. 100, Anm. 1. 

2 Die Formen [ kurs ] bzw. [kòrs] werden durch die Dialektworterbiicher 
gerade hier bestatigt; vgl. nach Horning, ZRP 31, 206, Anm. 2 bei 
Baudouin, Gloss. Forèt de Clairvaux dazu raicousser «schleifeii» 

(bei Punkt 122); bei Heuillard, Patois de Gaye (bei Punkt 128) queurse, 
qiieurser. 



WETZSJEIN UND KUMPF LM Ci ALLO ROMAN ISCH EN 15 

und 124 zwar der Homonymititt mit [kó] -coda, sie geraten aber in 
den Kreis von [kós] — coxa «Schenkel», eine Homonymitat, die eben- 
so auf die Dauer unmoglich ist wie 'die mit [kó] «Schweif». Die 
Folge davon ist, das nun das unzweideutige pierrc à aigniser des 
Lokalfranzosischen cote verdrangt. Datò coxa auch auf anderen 
Gebieten in der Geschichte’von cote eine Rolle spielt, wird im foh 
genden gezeigt werden. 

Der Ausgangspunkt der [kór ]-Form fiir cote ist also nach der 
geographischen Lage der Punkte im Siidwesten des [kós, A’//s]-Ge* 
bietes, also etwa im Departement Yonne, zu suchen. Eine weitere 
solehe [kór ]-Form findet sich nun weitab von diesem Gebiet, in 
Punkt515 des Dep. Char. Inf., der schon zu dem siidwestfranzosischen 
Erhaltungsgebiet von cote gehort. Nichts berechtigt uns dazu, an- 
zunehmen, dafi auch das ganze zwischen den Pubkten 515 und etwa 
108 gelegene Gebiet ehemalsein [kor] — cote besessen hat* denn das 
Schwanken im r-Auslaut war ja nicht geographisch beschrankt, 
sondern fand sich vor allem in dem Bindeglied zwischen alien Mund- 
arjen, namlich der SchHftsprache. Das [kor] von 515 und das von 
108 erklart sich also aus der gleichen Grundlagé, den gleichen Strò- 
mungen; es liegt also Doppelschòpfung in verschiedenen Gegenden 
vòr. Es kann ja sein, dafì einzelne zwischen den beiden erhaltenen 
[£ò>]-Gebietén liegende Punkte voriibergehend ein [ kor] — cote be- 
sessén haben 1 ; aber solange das Schwanken zwischen [pò] und [por] 
noch nicht entschieden war, war auch eine Neubildung [kór] flir cote 
kein endgiiltiger Schutz vor der Verwechslung mit [kó] —coda, da 
auch dieses unter das gleiche Auslautgesetz geraten konnte. 
Weiteres iiber die Bedeutung dieser Form [kór] im Punkt 515 s. in 
Abschnitt 15. 

10. Es trifft also das pikardische [kós]- bzw. das stidlich daran 
anschliefìende [kós], [&ws]-Gebiet der Champagne mit einem Typus 
[kor] zusammen und endet im Siidzipfel der Champagne in der Form 
[ku\, die, ohne organischen Auslaut, mit coda Schweif» in Kon- 
kurrenz tritt und deshalb untergehen muB. Wenn tatsachlich der 
Auslautskonsonant von afz. qiieas «Wetzstein» so lange das Wort 
lebensfahig erhàlt, als er selbst in der Sprache erhalten bleibt, so 
sollten wir Bewahrung von cotis vor allem in der nordostlichen 
Wallonie erwarten, wo afz. bras noch héute mit auslautendem 5 ge- 

1 Vgl. dazu die folgenden Ortsnamen des Dep. Vienne: Sandour, so seit 
dem 16 Jahrh. fiir alteres Sandoas und umgekehrt altes (848) Magnalorum 
seit 1519 Mignaloux; dann N Otre-Dame- d’or fiir altes d’òs, d’ost. 


16 


ERNST GAMILLSCHEG 


sprochen wirdh Da im Wallonischen ferner lat. coda tiber awall. 
cowe zu [kbw] wurde, ist hier an einen Zusammenfall von afz. couz 
und awall. cowe nicht zu denken. Dazu kommt, dafi gerade die 
Mundarten, die ftir lat. brachium, afz. bras, die Form [ bres ] 
aufweisen, an Stelle des lat. cotarium eine Form \kozi\, \kuzi\ 
[kohi] besitzen, die auf einem [,kos ] «Wetzstein» bzw. einem alt- 
wallonischen [kouts] aufbaut (Punkte 194, 192, 191). Dieses [kos] 
wird ferner fiir die Gegend von Metz, also in der òstlichen Um- 
gebung der Punkte 163, 173, als lebend angegeben. Das -s, das in 
der Champagne [kos] lebensfahig macht, scheint also hier die Ur- 
sache am Untergange des Wortes zu sein. 

Es ist nun hòchstwahrscheinlich, datò dieses ostwallonische [kos] 
«Wetzstein» infolge des Zusammenfalls mit einem [kos] = coxa, 
cSchenkel> unterging. Lat. coxa ergab altwallonisch die Form 
coisse , das zu [kose] wurde und nach dem Verstummen des aus- 
lautenden -e mit [kos] «Wetzstein» zusammenfiel. eu fiir awall. oi 
findet sich schon in den Predigten des heiligen Bernhard; vgl. dazu 
Horning, ZRP 15, 562 1 2 , der es wahrscheinlich macht, dafi awall. 
oi zu o wurde, bevor / mit nachfolgendem s zu S verschmolz. Heute 
ist allerdings in der ganzen Wallonie das literarische cuissc in der 
Form [knis], [kixis] eingedrungen, und o-Formen finden sich erst siid- 
lich im Lothringischen, s. ALF 370; aber dieses wall. [kiiis] kann 
schon wegen des s-Lautes nicht einheimisch sein. Frz. ellisse ist 
eines jener literarischen Wòrter, das nach alien Richtungen hin vor- 
dringt und die heimischen Entsprechungen des lat. coxa verdrangt. 
Dies ist nicht nur in der Wallonie, sondern auch in der Normandie 
geschehen, wo Moisy noch eine Form queusse anfiihrt, die heute 
nach dem ALF hier vollstàndig geschwunden ist. Es ware nun 
zweifellos unrichtig, anzunehmen, dafi awall. [kos] - c o x a durch cuissc 
verdrangt wurde, weil [kos] doppeldeutig geworden war; denn nicht 

1 Vgl. dazu Zéliqzon in ZRP 17 430, der fiir die preufiische Wallonie 
die Erhaltung von auslautendem s bestàtigt. Der Auslaut von frz. puits 
ist auf viel weiterem Gebiet erhalten als der von afz. brag , so dafi Haberl, 
ZRP 34, 41 recht haben diirfte, wenn er in frz. puits nicht lat puteus. 
sondern ein daraus entlehntes frànkisches *pnti (nhd. Pfiitze) sieht. 

2 Zu [pus] in St. Hubert, Luxemburg, [pus] in Seraing: «Hat sich in 
urspriinglichem pois aus poteus i mit o zu ó verbunden . . . . , bevor 
wallonisch -is zu * wurde? Es blieb nur das sich pikarisch zu *, wallonisch 
spàter zu s gestaltete. Wall, pus beruht meines Erachtens auf altererò pós 
wie niit — noctem auf àlterem nói.» Coxa und puteus, fiir die oben der 
gleiche konsonantische Ausgang angenommen wurde, lauten in Pange, Metz 
(Dosdat, § 43) [pii/] bzw. [kó/]. 


WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 


17 


einheimisches ellisse findet sich auf Gebieten, die nie [Ajos] «Wetz¬ 
stein» gekannt haben. Aber dort, wo [kós] «Wetzstein» und [kos] 
«Schenkel» zusammenfallen, mufi zweifellos die Sprache Abhilfe 
schaffen. Denn der Bauer, der, um seinen Wetzstein zu bekommen, 
sagt: donnez moi ma [kos], oder sagt: ma [kos] est brisée, passez moi 
la [kos], setzt sich zumindest dem Gelachter aus, wenn unter [kos] 
auch lat. coxa verstanden werden kann. [kos] «Schenkel» ist das 
ungleich haufiger gebrauchte Wort als [kós] «Wetzstein», das ein 
Werkzeug bezeichnet, das der Bauer nur zur Zeit der Mahd benòtigt. 
In frilheren Zeiten, wo der Einflufi der Reichssprache noch geringer 
war als heute, muSte daher das nur gelegentlich gebrauchte [kós\ 
«Wetzstein» vor dem homonymen Worte weichen und durch ein ein- 
deutiges Wort ersetzt werden. Wlirde heute eine solche Homonymitat 
eintreten, dann wlirde allerdings wahrscheinlich [kós] «Schenkel», ftir 
das der Landbevòlkerung im Norden Frankreichs heute das lite- 
rarische ellisse gelaufig ist, vor dem unliterarischen [kós] «Wetz¬ 
stein» weichen mlissen. Dieses [Ms] «Schenkel» hat also in der nord- 
òstlichen Wallonìe [&os] «Wetzstein» mit organischem -s zum Unter- 
gange verurteilt; es hat aber auch, wie S. 15 angenommen wurde, 
das [kós] des Dep. Aube, dessen s Schutz vor dem Zusammenfall mit 
queue «Schweif» sein solite, unmòglich gemacht. 

11. Wie erwàhnt, geht das queuche -Gebiet der westlichen Wallonie 
in Formen ohne Auslautkonsonanten tiber, die also mit [&ò’]-coda 
zusammenzufallen drohen. Es handelt sich hier um die Punkte 
292 291 199 198 197 188 

cote [kg] [koi] [kgl] [ke 0 w] [kg] [kg] 

coda [k(f] [kg e i] [kew] [ków] [kaw J [kew] 

Es zeigen also nur die unmittelbar an das [Ms]-Gebiet anschliefienden 
Punkte 292, 291 Zusammenfall der beiden Formen; denn die ost- 
'licheren Mundarten haben in lat. coda den das Wallonische kenn- 
zeichnenden Ubergangslaut w 1 . Dieser tritt nun aber in 198 
auch fiir cote ein, d. h. [k$ow] «Wetzstein» dieser* Ortschaft ist 
gar nicht lat. cote, sondern formell lat. coda. 198 hat ursprtinglich 
[kó] in beiden Bedeutungen besessen; es entlehnt daher aus den 
Nachbarmundarten im Osten die Form [ków], [keiv] fiir coda, und 
setzte es fiir [kó] der eigenen Mundart ein. Die fast notwendige 

1 Vgl. in Mamur [ków], [kow\ in alten Cartulaires queuve und quewe: 
der ó‘-Laut in awall. cowe seit dem 13, Jahrhundert, 2. Halfte, s. Nieder- 
lànder, Ma. Namuf, § 46. Ebenso im awall. Sone de Nausay: keuwc , 
12455. Awall. cowe ergibt im Osten [kaw], wie in Punkt 197. kovc ist 

Archivimi Romanìcum. — Voi. VI. — 1922. 2 





18 


ERNST GAMILLSCHEG 


Folge war aber die, datò nun die w-Form des Ostens auch fiir [kó] 
«Wetzstein» eintritt, nachdem zur Bezeichnung des Schweifes das alte 
[ko\ und das neu entlehnte [ków] nebeneinander gebraucht wurden. 
So kommt es neuerdings zur Homonymitàt der beiden Wòrter. Da 
aber die benachbarten Mundarten fiir lat. coda die Doppelformen 
[kew\ und \ków\ kennen (die zum Beispiel beide fiir Namur ange- 
geben werden), werden zur Unterscheidung von «Wetzstein» und 
«Schweif» dialektisch verschiedene Varianten des lat. coda verwendet 1 . 

12. Der Zusammenfall von cotis und coda konnte, abgesehen von 
dem wallonisch-lothringischen Grenzgebiet, sowohl auf der Stufe [ko\ 
als auf der Stufe [kit] erfolgen. Letzteres ist die lautgesetzlich zu 
erwartende Form im ganzen Westen Frankreichs einschliefilich der 
Normandie und in Mittelfrankreich siidlich einer Linie, die im Westen 
ungefàhr bei der Mundung der Loire beginnt, geradlinig nach Osten 
bis ins Herz Frankreichs sich hinzieht und von hier in einem 45gra- 
digen Winkel nach Nordosten abbiegt. Seit dem Mittelaltey dringt 
aber das literarische ò namentlich im Westen Frankreichs in ein- 
zelnen, immer zahlreicher werdenden Wòrtern vor. Innerhalb dieses 

ferner die altlothringische Entsprechung von coda (zum Beispiel in den 
Homilien des Haimo von Halberstadt, Diss. Giittler, Halle, 1915, S. 15) 
und stellt die Verbindung mit sofrz. cotta her, das in Abschnitt 31 aus- 
fuhrlich zur Sprache kommt 

1 Datò die Gegend, die nach der im Text gegebenen Annahme [ków\ 
f k?w], aus der ostlichen Wallonie entlehnt hat, auch sonst un ter dem Ein- 
fluB der ostlichen Mundarten steht, hat Gilliéron, Abeille, S. 32f. wahr- 
scheinlich zu machen versucht. Datò dialektisch urspriinglich voneinander 
geschiedene Entsprechungen eines und desselben Wortstammes stkundàr 
innerhalb einer Mundart zur Scheidung von Bedeutungen, die sich aus 
demselben Grundwort entwickelt haben, auch sonst Verwendung finden, 
wurde in ZRP 39, 177 unter salix Waschtrog* gezeigt. 

Solche Ubertragungen von einem Worte auf den homonymen Wortkòrper 
konnen rein mechanisch stattfinden, wie das folgende aus der gleichen Gegend 
stammende Beispiel zeigt. Lat. cubitus ; erschéint in 198 (das fiir cote die 
Entsprechung von coda eintreten liefi) und den im Norden und Westen an- 
schliefìenden Mundarten mit auslautendem -s.* [tos], [#6>s] u. a. Die gleichen 
Formen [kus\ [kós ] treten im Anschlufò daran im Osten fiir lat. con sue re 
auf, wo sie auch berechtigt sind, da im Ostwallonischen s vor Konsonant 
erhalten bleibt. Es sind also im pikardisch-wallonischen Grenzgebiet cubi- 
tus und consuere lautlich als [kud], \kód] zusammengefallen. Dann ist 
aus irgend einem Grund in diesen Mundarten fiir [kud] — consuere die 
ostliche Form [kits] iibernommen worden, das Schwanken zwischen der ein- 
heimischen Form [kud\ und der aufgenommenen Form [kus] wird nun aber 
auch auf dasbegrifflich und syntaktisch durchausferne stehende, aber homonyme 
[kud] — cubitus iibertragen, das auf diesem Wege zu einem sonst ganz 
unverstandlichen auslautenden -5 gelangt. 


VVETZSTE1N UND K.UMPF 1M GALLO ROMAN ISCHLN 


19 


[/^]=coda und cote-Gebietes zeigt sich nun in 19 Ortschaften des 
ALF Erhaltung von cote, so dafi also hier a priori Homonymitat 
von cote und coda za erwarten ist. 

Da fallt zunachst Punkt 171 (Meurthe-et-M.) weg, der in [kaw]- 
coda einen letzten Rest des altlothringischen cowe zeigt, s. S. 17, 
dagegen cote als [ku] lautgesetzlich entwickelt hat. Im Anschlufi 
an das [kor ], [£z/5]-Gebiét (S. llff.) ist [ku] erhalten in den Ort¬ 
schaften 

120 28 27 17 

cote [ku] [ku] masc. [ku] [ku] 
coda [ku] [ku] fem. [ku] [ku] 

In den Ortschaften 120, 27, 17 ist also tatsachlich der Zusammen- 
fall der beiden Starnine volistàndig, der Untergang eines der beiden 
Wòrter nur mehr eine Frage der Zeit. Dem Zusammenfall ging eine 
Periode voran, in der [ku] — coda mit langem n neben [ku] -cote mit 
kurzem ù stand. Dafi aber dieser quantitative Unterschied der beiden 
Tonvokale den Zusammenfall der beiden Wòrter in der raschen Rede 
nicht aufhalt, zeigt [ku] — coda in Punkt 17. Das kurze h dieses 
Wortes geht also im letzten Grunde auf den Tonvokal der Ent- 
sprechung von lat. cote zuriick, wie das S. 17 angeftihrte [kew] 
cWetzstein» in P. 198 auf lat. coda. Punkt 28 zeigt uns dagegen 
ein neues Mittel, der Homonymitat ^wischen coda und cote aus- 
zuweichen; er hat maskulinisches [ku] «Wetzstein» neben femininem 
[ku] «Schweif ;. Schon in Abschnitt 6 wurde ausgefuhrt, dafi die in 
deklinablen Feminina die Tendenz haben, Maskulina zu werden, d. h. 
ihr Geschlecht der Deklinatiousklasse, in die sie geraten sind, anzu- 
passen. So ist auch afz. couz bei Godefroy 10. 460 vom Jahre 1397 
(un grant queuz) als Maskulinum bezeugt. Maskulinisches [ku] 
kennt ferner Jaubert, Gloss. du Centre, far Berry (coue: 1. queue 
d’un animai, 2. étui en come ou en bois . . . qui recèle son cous ... 
sa pierre à aiguiser). Der Abbé V a y s s i e r, aus dessen Nachlafi 
im Jahre 1879 ein Dialektwòrterbuch des Dep. de'l Aveyron ver- 
òffentlicht wurde, schrieb ferner: cout. écout: queue f. queux m. 
affiloir. Ftir ihn war also das literarische queux «Wetzstein» Mas¬ 
kulinum. Ein solches maskulinisches [ko] làfit ferner Punkt 918 
(Jura) mit [akò] masc. erschliefien; siehe daruber Abschnitt 29 1 . 


1 Zur Frage des Geschlechtswandels vergleiche aufier Armbruster die 
ideenreiche, aber unhistorische Untersuchung von E. Platz, Recherches 
sur la formation du genre et la superposition verbale d’ après l'Atlas lin- 
guistique de la France, besonders § 53, in Arch. Rom. II., 1 33 ff. 



20 


ERNST GAMILLSCHEG 


Ein afz. cous Maskulinum ist also eine Form, die entwicklungs- 
geschichtlich berechtigt ist und daher ehemals wohl viel weiter ver- 
breitet war, als dies aus den heutigen Resten hervorgeht. Ein neu- 
frz. maskulinisches [ku] ist aber ebenso zum Untergang verurteilt wie 
feminines [kti] ; denn es ist zwar dem Zusammenfall mit coda entriickt, 
gerat aber in den Kreis von cou — collum, coup — colpum und ist 
deshalb ebenfalls nicht lebensfahig. Das ist auch der Grund, warum 
wir nicht zahlreichere Reste von afrz. mask. cous - c o t i s finden. 

13. Ein weiteres Gebiet mit erhaltenem lat. cote umfafit Tede von 
Poitou und Saintònge. Es sind diés zunachst fiinf Punkte des Dep. 
Vendée und P. 416 des Dep. Vienne. Vgl. 

458 459 540 448 429 416 

cote [ko] [kò] [kò] [kò a adiiize] [kò a adiiize] [ko] 
coda [tio] [kii] [kti] [ku] [ku] [kò] 

Da zeigt sich nun die uberraschende Tatsache, da 13 die erwartete 
Homonymitàt von coda und cote in Wirklichkeit nirgends zu finden 
ist. Fiir «Schweif» finden sich in den drei westlichsten Punkten und 
in 416 Formen, die nicht lautgesetzlich entwickeltes lat. coda dar- 
stellen, sondern angepafites literarisches queue sind. Die Punkte 448 
und 429 haben dagegen noch unliterarisches [ku] »Schweif«, aber 
[ko] à aigniser «Wetzstein». Die Erganzung à aiguiser bei [ko\- 
cote hat aber nur dann eine Berechtigung, wenn die Sprache ein 
anderes [ko] besitzt, von dem dieses erste [ko] geschieden werden 
soli, siehe S. 10. Daraus ergibt sich, dafi [ku] «Schweif» der Punkte 
448 und 429 ebensowenig lat. coda in unbeeinflufiter Entwicklung 
darstellt wie etwa [ko] in 416. Es war hier zweifellos [ko] ehemals 
sowohl die Entsprechung von coda wie von cote; daher wurde fiir 
das zweite ein à aiguiser hinzugefiigt. Gleichzeitig oder spater 
wurde aber in dem gleichen Streben, der Homonymitàt auszuweichen, 
das [ku]-c oda der Nachbarmundarten im Norden und Siiden an- 
genommen, so dafi nun neben [ku] «Schweif» ein [ko] à aiguiser steht, 
in dem à aiguiser als iiberfliissig weggelassen werden kann (P. 416, 
458, 459, 540). Schliefilich drang das literarische queue in den YVesten 
und verdràngte [ku] «Schweif», so dafi nun queue «Schweif» und [ko] 
«Wetzstein» bis auf weiteres nebeneinander bestehen kònnen 1 . 

1 Es ist schwer, aus den urkundlichen Formen auf diesem Gebiete einen 
tatsàchlichen Einblick in die Entwicklung des lat. ò auf diesem Gebiete zu 
gewinnen. Fiir Vendée gibt E. Gorli eh, Slidwestliche Dialekte der langue 
d’oil, Frz Stud. 3, 59 als hàufigste Form o an, ebenso fiir Vienne; vgl. auch 
die Schlufifolgerung Gorlichs, 1. c. S. 60. «Im allgemeinen gilt die Regel : 
o bleibt in unseren Dialekten im 13. Jahrhundert intakt. Schon im Anfang 



WETZSTE1N UND KUMPF 1M GALLOR0MAN1SCHEN 


21 


Das Nebeneinander von [ko] à aiguiscr «Wetzstein» und \kò] 
^Schweif» bestand ehemals wohl auch in den Mundarten 427 und 417, 
die den Ubergang des cotis-Gebietes des Departements Vendée mit 
Punkt 416 (Vienne) darstellen. Diese Mundarten haben aber zwecks 
Ersatzes von f ko] «Schweif» nicht zu einer Form der Nachbarmund- 
arten gegriffen, sondern in der Verbindung [kò\ à aiguiscr «Wetz¬ 
stein», das zu einem «Wetzschweif» zu werden droht, das doppel- 
deutige [ko\ durch das entsprechende allgemeine picrrc ersetzt, wie 
schon S.. 10 ausgefuhrt wurde. 

Es wurde also oben vermutet, datò das Eindringen des literarischen 
quelle im Westen nicht unmittelbar durch die Homonymitat von coda 
und cote verursacht wurde, wie ahnlich im Osten eclisse ostfrz. [kòs] 
ersetzt, auch wo niemals ein [kos] «Wetzstein» bestanden hat. In 
Vendée war, wenn die oben gegebene Erklarung richtig ist, der Kampf 
zwischen cote und coda schon vorher entschieden (hier durch Aufnahme 
einer Form benachbarter Dialekte fiir coda), und so wird nòrdlich 
davon die Homonymitat, wie im Stiden des Departements Vendée, auf 
der Stufe \ku] eingetreten sein, bevor literarisches queue eindrang h 

des 13. Jahrh. macht sich jedoch das Streben geltend, o vor 5 und am Ende 
derWórter in ou iibergehen zu lassen. Diesem Ubergang des o vor 5 und 
am Ende der Worter schliefit sich dann die in der Mitte des 13. Jahrh. auf- 
tauchencje und von der Zeit an immer mehr uberhandnehmende Entwicklung 
des o vor r an, ein Wandel, welcher im 14. Jahrh. die Oberhand gewinnt 
und im 16. Jahrhundert bereits den Sieg davongetragen hat .... Die Ent¬ 
wicklung von o durch ou zu eu ist in unseren Dialekten bis auf den 
heutigen Tag fremd geblieben, ausgenommen natiirlich diejenigen Falle, 
welche aus der franzosischen Schriftsprache eindrangen.» 

Eine Verschiedenheit in der Entwicklung von afz. eoe und couz ist also nicht 
anzunehmen; o und u sind nicht nach der Art der hier vorliegenden Auslaut- 
konsonanten bzw. -vokale, sondern zeitlich und geographisch geschieden. 

1 Das Vordringen von queue in Nordfrankreich hàngt mit der Verbreitung 
des literarischen ó fiir lat. ò in freier Stellung zusammen. Es wandern eben 
nicht nur Worter, sondern auch Lautgesetze. Das Eindringen des literarischen 
queue ist eine verhàltnismàftig junge Erscheinung Heute ist ìku] — coda 
in Westfrankreich nur mehr auf wenigen zerrissenen Gebieten vom Departe- 
ment Manche bis Vendée zu finden. Moisy, 1. c. S. 160 kennt fiir die 
mittlere Normandie noch colie , das heute nach dem ALF 1120 hier er- 
loschen ist. Vgl. ferner bei Verrier-Onillon, Gloss. de TAnjou, Angers. 
1908, coue, écoue: Ce mot important a beaucoup vieilli; il est remplacé 
presque généralement aujourd’hui par son syn. fran^ais. Fiir Berry gibt 
Jaubert, Gloss. du Centre de la France, Paris, 1864 an: Coue : queue 
d’un animai; extrémité inférieure de certaines choses, daneben queue in 
einer Reihe syntaktischer Verbindungen (551); heute ist hier coue voll- 
stàndig geschwunden. Fiir Blois kennt Thibaut, Gloss. du pays Blaisois, 
Blois, 1892 coue nicht mehr. Dottin, Gloss. du Bas-Maine, Paris, 1890 




22 


ERNST GAMILLSCHEG 


14. Im Sliden des zuletzt behandelten Gebietes ist nun aber die 
Welle , die [queite] ftir einheimisches [ku] eindringen lafit, mit dem 
Ausgleichskampfe zwischen cote und coda zeitlich zusammen- 
getroffen und hat in ihn eingegriffen. Es betrifft dies die folgenden 
Ortschaften der Departements Vienne, Deux Sèvres, Char. Inf. : 

514 512 515 527 528 630 632 

cotis [ku é ] [kù d dai] [kò r ] [kù] [ku] [ku] [kù] 

coda [kuet] [kuet] [kuet] [kuw] [kù] [ku] [ka] 

Es wiederholen sich also zunachst auf diesem Gebiet die Erschei- 
nungen, die schon aiif den friiheren Gebieten beobachtet wurden. 
Punkt 527 hat ftir coda die altertumliche Form {kuw ], deren w- 
Nachklang den letzten Rest des afz. auslautenden -e von eoe darstellt. 
Derselbe Nachklang in der Form eines nasalen e tritt auch in 514 
auf, aber hier nicht fur coda, sondern ftir cotis, wo er nie be- 
rechtigt war. Es ist hier also, ahnlich wie [kew\ — coda in der 
Wallonie, die lautliche Entsprechung von coda ftir cotis eingetreten. 
[ku] und [ku e ] waren also satzphonetische Varianten von coda (wie 
[pò] und [por] S. 14); dieses Schwanken wurde nun auch auf [ku] — 
cotis iibertragen, und hier hat sich die Pausaform erhalten, wàhrend 
[ku] — [ku e ] «Schweif» einer Neubildung weichen muBte. Das Neben- 
einander von [kuw] und [ku] von 527 wiederholt sich in 630, wo 
cotis mit kurzem ù , coda mit langem n erscheint. Aber solche 
Unterschiede genugen auf die Dauer nicht, um eine Verwechslung der 
beiden Begriffe hintanzuhalten, und tatsachlich wird in den Punkten 
528 und 632, die 630 (mit [ku] neben [ku]) einschliefien, dieselbe Form 
[ku] fur «Schweif» und «Wetzstein» angegeben. Es ist hier also der 
Kampf noch in vollem Gang. Diese wenigen Punkte zeigen nun 
gleichzeitig drei Wege an, die die Sprache einschlagen kann, um der 
durch die Homonymitat gegebenen Verwechslungsmòglichkeit der 
beiden Wòrter auszuweichen. Neun Punkte in dem hier in Betracht 
kommenden Gebiet (darunter die Punkte 512, 514, 515) haben ftir 
coda die Koseform couette «Schweiflein». Ohne auBeren AnlaB be- 
zeichnet kein Landmann den Schweif seines Ochsen oder Pferdes mit 
einer Koseform; aber diese ist ihm ein Mittel, den «Wetzstein», der 
inhaltlich eine Koseform schwer zulaBt, von dem «Schweife» zu unter- 
scheiden. Es kann also angenommen werden, daB liberali, wo wir 


verzeichnet noch [kii\ in der Pflanzenbezeichnung [ku de mar ] «Leucanthe- 
mum vulgare» und in dem Vogelnamen [ku ruz] «Rotschwànzchen», sonst 
[kd] [, kió ]; vgl. dazu in der Grammatik, S. 6 C ) der Eirileitung die alten 
Formen. die durchwegs ou zeigen. 



WETZSTEIN UNI) KUMPF 1M GALLO ROM ANISCHEN 


23 


heute couette «Schweif» antreffen, ehemals ein [ku] «Wetzstein» vor- 
handen war, also im besonderen unter dem * aiguisette des Punktes 510, 
Pierre à aiguiser der Punkte 511, 507, 509, pierre à afùter des 
Punktes 523 usf. Dafi tatsachlich gerade auf diesem Gebiet die 
Diminutivbildung ein Mittel ist, um der Homonymitàt zweier begrifflich 
nicht zu vereinigender Begriffe auszuweichen, zeigt die folgende Tatsache : 
Lat. filum «Faden» und ficus «Feige», hier in der Bedeutung «Warze», 
fallen im Sudwesten Nordfrankreichs unter der Form [fi] zusammen 1 ; 
es tritt daher fiir [ fi] «Faden» die Koseform filet — »Fadchen» ein. Die 
Ubereinstimmung der beidenGebiete ( filet — irz. fil und [fi] = frz. 
verme) ist eine so auffallende, dafi an einen Zufall nicht gedacht 
werden kann. Die Bildung der Koseform filet fiir fil «Faden» mufi 
in ursachlichem Zusammenhang mit der Form [fi] — ficus stehen. 

[fi] «Warze» und filet «Faden» kònnen bei einiger Phantasie zu- 
einander in die Beziehung des Grundwortes zu seinem Diminutivum 
gebracht werden; die «Warze» kann als dicker Faden, der «Faden» 
als diinne Warze gefafit werden. Anders aber ist das Verhaltnis von 
colie «Wetzstein» zu couette «Schweif». Das Eintreten der Koseform 
couette fiir colie «Schweif» ist nur so lange ein Schutz im Kampfe 
zwischen coda und cote, als es noch tatsachlich als Koseform ge- 
fiihlt wird, neben der ein [ku] = »Schweif + Wetzstein» weiterbesteht. 
Sobald aber couette usuell fiir «Schweif» wird (wie etwa mulet «Maub 
tier» fiir mul), wird es notwendigerweise ne.uerdings mit [ku\ in Be¬ 
ziehung gebracht, das nun aber eindeutig «Wetzstein» bedeutet. Ein 
[ku] «Wetzstein» neben [kuet] «Schweif» ist aber auf die Dauer eine 
Unmoglichkeit; denn bei der Lebenskraft des -ittus-Suffixes mufi je 
nach der affektischen Starke eines der beiden Wòrter entweder [ku] 
die Bedeutung «grofier Schweif» annehmen, oder [kuet] wird zum 
«kleinen Wetzstein». Aus ahnlichen Griinden wie hier ist in einzelnen 
provenzalischen Mundarten couette fiir coda eingetreten; dazu schreibt 
nun der Abbé Vayssier 1. c. unter c o u o : queue, grande queue ; 
coueto: queue; N. Dans les pays où l’on dit aio, les mots coueto , 
cueto ... ne s’emploient que dans le sens de petite queue. 

Das Eintreten der Form [kuet] fiir [ku] — coda ist also nur eine 
zeitweilige Hilfe ; der eigentliche Kampf geht weiter. Der Punkt 512 
(mit [kiiet] «Schweif») setzt fiir [ku] «Wetzstein», das der Form nach 
immer in Gefahr ist, als «grofier Schweif» verstanden zu werden, die 
Umschreibung [ku à dai], « [kit] fiir die Sense» ein. Es ist diese 

1 Dieser Zusammenfall erfolgte erst im spàteren Mittelalter, denn altpoitev. 
ergab ficus — [fik'], filum — [fin]. 



24 


ERNST GAMILLSCHEG 


Umschreibung die Entsprechung des [ko] à aiguiser der Punkte 448 und 
429 und wird vermutlich friiher oder spàter in pierre de dail iibergehen, 
wie467 (Loire-Inf.) in unmittelharer Nachbarschaft von [ko] «Wetzstein» 
(458) mit seinem pierre à dar vermutlich ein [ko a dar] fortsetzt. 

15. Der Punkt 515 endlich hat [kuet] «Schweif», daneben [kó r ] 
«Wetzstein». In der Entsprechung des lat. cotis ist sudlich der alten 
li —o-Grenze (S. 18) nirgends ein [ó] tzu finden als in dieser einen 
Mundart; es stammt aber. zweifellos auch hier die ò’-Form gar nicht 
von lat. cotis, sondern geht von literarischem queae aus 1 . Das làfit 
uns fur die Zeit vor dem Eintreten der collette = «Schweif»-Form 
eine weitere Stufe in dem Streit der Homonymen erschliefien. Es 
sind also offenbar afz. cous (oder hier vielleicht cou , s. S. 5 Anm.) «Wetz¬ 
stein» und eoe «Schweif» auf der Stufe [ku] zusammengefallen • um 
der Verwechslung der beiden Begriffe auszuweichen, griff daher die 
Sprache nach dem literarischen queue «Schweif». Dieses Eindringen 
von quelle hat vermutlich mit der oben erwahnten Sprachwelle, die 
queue in geographisch geschlossener Form vorschiebt, nichts zu tun-, 
hier handelt es sich um eine wirkliche Entlehnung unmittelbar aus 
der Schriftsprache, die vermutlich schon im 16./17. Jahrhundert ein- 
trat. Es stand also jetzt neben einem [ku] Wetzstein ein [ko\ 

Schweif , das aber altes [ku e ] < Schweif» nicht plotzlich verdràngt, 

sondern eine Zeit hindurch neben diesem gebraucht wird. Die Folge 
davon aber ist notwendigerweise, da fi diese Doppelformen [ku] — [ko] 
nun auch fur [ku] «Wetzstein» eintreten, da die Entlehnung der 
schriftsprachlichen Form [ko] fur coda eine individuelle Tat darstellt, 
den aufnehmenden Kreìsen aber der innere Gruna fur die Ubernahme 
dieser fremden Form [ko] gerade fur [ku] —coda, und nicht fur das 
homonyme [ku], nicht bewufit war. Die Homonymitàt ist also neuer- 

dings da. Nun wird fur [ku] — [ko] in der Bedeutung Schweif» 

nach dem Vorbild der Nachbarmundarten die Koseform collette ver-, 
wendet, die, wie erwahnt, neben sich ein [ku] «Wetzstein» auf die 
Dauer nicht dulden kann. So wird von den Doppelformen [ku] — [kó] 
in der Bedeutung Wetzstein» die zweite beihehalten; denn queue — 
couette stehen zwar im nòrdlichen o-Gebiet zueinander im Verhaltnis 
von Grundwort und Diminutivum, nicht aber hier, wo weder lat. ò 
noch 6 ein ó ergaben. Spater trat dann an [kó] «Wetzstein anlafi- 
lich der Wiederherstellung des auslautenden -r bei einsilbigen Haupt- 
wòrtern falschlich ein r an, vgl. S. 15 Anm. 


1 Der gleiche Punkt 515 hat inmitten von la sau «Salz» franzosisierendes 
la sei , s. Gilliéron, Et. Géogr. ling., S. 82. 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 25 

Das 6 von [kó r ] «Wetzstein» stammt also von coda Schweif», 
und zwar auf dem Umweg iiber literarisches quelle. Es zeigen sich 
also zum drittenmal in der Geschichte der Wortstamme coda und 
cotis in der Bezeichnung des Wetzsteins lautliche Merkmale, die ur- 
sprunglich nicht cotis, sondern coda zukommen: w in der Wallonie, 
auslautendes e und betontes ó im Sudwesten. 

Es hat also je nach der Zeit, in der der Zusammenfall von coda 
und cote erfolgte, die Sprache nach verschiedenen Auswegen ge- 
sucht, um der Verwechslung der beiden Wòrter auszuvveichen. Drei 
verschiedene, nur zum Teil erfolgreiche Wege zeigen uns die wenigen 
Mundarten im Sudwesten Frankreichs an, die noch lat. cote in Aus- 
Uiufern erhalten haben. Was sich aber unter dem Meer von Neu- 
bildungen ftir afz. couz zwischen den drei bisher besprochenen Er- 
haltungsgebieten dieses Wortstammes abgespielt hat, bevor dieser rest- 
los untergegangen ist, lafit sich nicht mehr feststellen. 

16. Die Voraussetzung ftir den Zusammenfall von cote und coda 
ist der speziell nordfr. Schwund des auslautenden -a und das Ver- 
stummen der in den Auslaut tretenden Konsonanten. Es solite daher, 
wenn keine anderen Grlinde ftir den Untergang von cote mafigebend 
wàren, das aprov. cot auf dem ganzen siidlichen Gebiete erhalten sein. 
Tatsachlich zeigt sich dieses aber nur im Anschlufi an das [£//]-Gebiet 
von Saintonge in der Gironde* dann in einem zusammenhangenden 
Gebiet, das die Departements Lot ? Cantal, Aveyròn, Lozère und einige 
anschliefiende Mundarten umfafit. Cotarium Kumpf> ist dagegen 
fast im ganzen Siiden erhalten. Eine Ausnahme macht davon nur das 
Gebiet der Gascogne, wo weder cote noch cotarium in ihren Fort- 
setzungen zu finden sind. 

Namentlich das Fehlen der beiden Wortstamme in der Gascogne 
ist auffallig, und man wird den Grund dafiir wohl in Eigenheiten der 
Mundartentwicklung gerade auf diesem Gebiete zu suchen haben. 
Homonymitat irgendeines aprov. Wortes mit aprov. cot kommt nicht 
in Betracht. Wo der Hebel der Erklarung anzusetzen ist, zéigt die 
Form einer einzigen Mundart, namlich [kuterero] des Punktes "697, 
das den letzten Auslaufer von cotarium gegen das gascognisch- 
bearnische Gebiet hin bildet. [kuterero] ist weder unmittelbare Fort- 
setzung des lat. cotarium, noch Neubildung nach einem bearnischen 
| kilt] «Wetzstein >, sondern entspricht einem frz. iY coutclière l , d. h. es 

1 Vgl. dazu im Ostteile des gaskognischen Gebietes die Form \deznuzera \ 
ftir westliches [deznuda] «einen Knoten auflosen», das von [nnzet] «Knoten^- 
neugebildet ist. (ALF 1532.) In der Gascogne sind lat. nodus und lat. nuce 
(frz. nceud und noix) in Konflikt geraten; eines der Mittel zur Vermeiduni:: 



26 


ERNST GAMILLSCHEG 


ist Ableitung von einem franzòsisierten couteau «Messer». Das Gebiet, 
in dem cote wie cotarium in Siidf rankreich fehlen, 
fàllt nun fast genau mit dem Gebiet zusammen, in dem 
lat. cult e II us, die Form [kutet\ angenommen hat. 

Was oben flir das Verhàltnis couette «Schweif» zu coue «Wetzstein 
erschlossen wurde, spielt sich also hier vor unseren Augen ab. Ein 
[kut] «Wetzstein» wird unmoglich, sobald daneben ein [kutet] «Messere 
tritt ; es bekommt die Bedeutung «groGes, altes Messer», oder [kutet] 
Messer wird zum «kleinen Wetzstein . Da [kutet] Messer ungleich 
haufiger in der Sprache gebraucht wird als [kut] «Wetzstein» , und 
besonders da das letztere im Wortschatz der Frauen, die allgemein 
den konservativen Teil der Bevolkerung, auch in sprachlichen Dingen, 
darstellen, eine ganz geringe Rolle spielt, bleibt \kutet] «Messer» Sieger; 
[kut] «Wetzstein muG ersetzt werden. DaG aber tatsàchlich dieser 
Ausgleich nicht kampflos vor sich ging, zeigt das angefilhrfe [kute- 
rero] des Punktes 697, das ein vortibergehend Wetzstein» bezeich- 
nendes [kutet] voraussetzt 1 . 

17. Da das Gascognische nicht nur in lautlicher Beziehung oft in 
Gegensatz zu den anderen provenzalischen Mundarten tritt, konnte 
man vermuten, daG hier das lat. cote und cotarium uberhaupt nie 
bekannt waren. Dagegen spricht vor allem, daG fur «Wetzstein» und 
«Wetzsteinbehalter» ’ hier durchwegs sekundare T}^pen herrschen 
( pierre / etili, coupé usw.). Ohne ein [kut] «Wetzstein ist ferner 
[kuterero] 697 unverstàndlich. Ein altes [kut] «Wetzstein» lassen aber 
vor allem die Mundarten der Gironde erschlieGen, die noch innerhalb 
des [kutet] «Messer -Gebietes liegen. Vgl. die Ùbersicht tiber die 
folgenden Mundarten, unter denen die an das cote-Gebiet der Gironde 
im Osten anschlieGenden Punkte mitaufgenommen sind: 

548 549 650 641 662 653 

cote [kùts] [kùts] [kuts] [kuts] [kuts] [kuts] 

cotarium [kutei] [kutòi] [kutoi] [kudeit] [stiiF] [ktibat] 


der Verwechslung war die Diminutivbilduno;, die je nach den Mundarten bald 
nodus, bald nuce ergriff. [deznuzera] «den Knoten lòsen» ist ebenso ein 
Zeugnis ftir [nuzet\ «Knoten» wie[ kuterero 1 ), «Kumpf» fiir [kutet] «Wetzstein». 

1 DaG hier in der Gascogne auch cotarium untergegangen ist, kann die 
Folge des Unterganges von cote sein; wahrscheinlicher ist aber die Er- 
klàrung, die in Abschnitt 38 gegeben werden wird. Uber die Folgen des 
Ubergangs von - ellus zu -et im Gascognischen vgl. Gilliéron, L’aire 
clavellus usw., Bern 1912, 4 ff. ; daG der Zusammenfall von' - ellus und -ittus 
hier ein vollstandiger ist, siehe in dessen Pathologie et thérapeutique ver- 
bales, Bern, 1915, 50 ff. 




WETZSTE1N UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 


27 



643 

635 

636 

cote 

pierre de daille 

pierre 

pierre à aiguiser 

cotarium 

[kudei] 

[kudi] 

[kuie| 


637 

638 

720 

cote 

pierre 

[kuts] 

[kut] 

cotarium 

[kudie] 

[kudie | 

[ kutsiero] 


Es haben also die Mundarten der Gironde und Punkt 638 des De- 
partements Lot-et-Gar. statt der zu erwartenden Form [kilt] eine Form 
[kuts], die durch die Ableitung [kutsiero] auch fur 720, Departement 
Lot, zu erschliefien ist, dessen heutiges [kut\ «Wetzstein; also auf 
alterem [kuts] beruht. Da nun gerade in der Gascogne lat. vitis 
als [ bits] erscheint (davon gelegentlich [bit] als Ruckbildung, s. S. 9), 
kònnte man zunachst vermuten, daB dieses nordgascognische [kuts] 
gleich dem afz. cous ein indeklinables galloromanisches c o t i s 
darstellt. Dann ware allerdings die Erklàrung des Schwundes von 
cotis in der Gascogne wegen des Zusammenfalls mit dem Stamme 
von [kutet] aufzugeben* denn ein [kuts] «Wetzstein steht morpho- 
logisch mit [kutet] «Messer in keiner Beziehung. Allein [kuts] ist 
ebensowenig ursprtinglich wie das [kilt] in 720, denn die Form [kutei], 
[kutoi\ fiir den Kumpf in 548—650 ist wieder nicht unmittelbare 
Fortsetzung von lat. cotarium, soridern Ableitungen von einem [kut] 
Wetzstein , das auf einem noch zu bestimmenden Weg zu [kuts] 
wurde. [kut] in 720 beruht also auf alterem [kuts], dieses auf [kut], 
das auf aprov. cot — lat. cote zuruckgeht. Die Bildung der Form 
[kuts] flir [kut] in den zwei Punkten 638 und 720, die auBerhalb des 
c u 11 e 11 u s - [kutet]- Gebietes liegen, hat mit der Wechselbeziehung 
zwischen [kut] und [kutet] nichts zu tun. Wohl aber kann man an- 
nehmen, daB eine einheitliche [kuts] - Zone ehemals von 720 sich bis 
in den Norden der Gironde erstreckte. Hier ist [kuts] als Form der 
Nachbarmundarten entlehnt worden, weil, wie oben angenommen 
wurde, das heimische [kut] als scheinbares Grundwort zu [kutet] un- 
brauchbar wurde. 

Die Analogie mit dem Verhalten der nòrdlichen Mundarten liegt 
auf der Hand. In Poitou wird ein [ku] —coda der Nachbarmund¬ 
arten entlehnt. um doppeldeutiges [ko] zu vermeiden; so lebt [ko\ 
«Wetzstein neben [ku] Schweif wie hier [kuts] «Wetzstein; neben 
[kutet] Messer». Aber auch die Form [kuts] ist kein endgtiltiger 
Schutz vor der begriffiichen Beziehung des Wortes zu [kutet] «Messer . 
Denn da -s charakteristisches Piuralzeichen ist, ist eine Riickbildung 
von [kuts] zu [kut] stets drohend, wie ja gerade in der Gascogne 


28 


•ERNST GAMILLSCHEG 


zahlreiche [bit] - Formen neben [bits], [bis], aprov. vis Schraube> zu 
finden sind. Es schwindet also auch [knts] , wenn und soweit es 
ehemals sudlich vom heutigen [£//£]-Gebiete vorhanden war. Dann 
ist dort aprov. coi iiber [kut], [ kuls], [ kut ] in peire — petra iiber- 
gegangen; [knts] war also nur vorubergehendes Schutzmittel, wie 
etwa [ko] in 515. 

Wie ist aber die Form [kuts] zu erklàren, wenn sie nicht ein aprov. 
cos sein kann? Fiir lat. apis erscheint in den drei Punkten 548, 
549, 650 eine Form aps, die man zunàchst als alte Pluralform fassen 
mòchte, aber die Verwendung einer Pluralform bei [kut] Wetzstein» 
ist noch weniger wahrscheinlich als bei aps «Biene», da ja der Wetz- 
v stein beim tatsachlichen Gebrauch ausschliefilich in der Einzahl vor- 
kommt. Aufierdem macht G i 11 i é r o n, Abeille 177, wahrscheinlich, 
dafi dieses aps der Gironde gar nicht lat. apis direkt fortsetzt, 
sondern aus dem Nordosten entlehntes eps darstellt. Hier wird auch 
ausgesprochen, dafi gerade diese Mundarten mit Vorliebe Formen der 
Nachbarmundarten entlehnen h Die Heimat der Form [kuts] ist also 
nicht in der Gironde zu suchen; sie liegt in der Gegend der Punkte 
638, 720 und Umgebung. Denn gerade hier lauft die Grenze zwischen 
den Gebieten durch, auf denen/lat. -et- einerseits zu aprov. eh, heute 
tSj anderseits zu -it, t wird, vgl. die Formen [estretsó] neben [estreto] 
= frz. étroite ; [frets] neben [fret] fiir frz. froid; [lets] neben [let] 
fiir frz. lit; [mets] neben [met] fiir frz. mi, lat. medium. Nament-. 
lich die Punkte 720 und 638 liegen bald innerhalb, bald aufierhalb 
des As-Gebietes. 

Vgl. dazu noch die Karte nuit des ALF (929) mit 638 [nets\, 
720 [net] ; Karte 369 cuti, mit [kets] in 638 und 722 usf. Das 
/s-Gebiet scheint vor dem ^-Gebiet im Riickgang begriffen zu sein; 
das bezeugen falsche Riickbildungen wie [dei] fiir decem in 637, 
628, 720; [krut] fiir cruce in 628, 637 und im Nordosten des 
As-Gebietes in 715, 717. 

Es hat also nach dem Zeugnis der letzten Formen [kuts] ehemals 
vermutlich zumindest nach 637 gereicht, so datò zu der Briicke zum 
|&///5]-Gebiet des Médoc ein neuer Pfeiler gelegt ist. [kuts] fiir [kut] 
entsteht also in dem Gebiet, in dem [mets] neben [met] = medius, 
[nets] neben [net] — noe te u. a. in Gebrauch stehen. Dieses [kuts] 
entsteht gerade rechtzeitig, um als Variante fiir ein [kut] einzutreten, 


1 1. c. S. 178: «Il faut dono que le Médoc soit un emprunteur de pro- 
fession, en quelque sorte, et cela est non seulement vraisemblable, mais 
certain.». 





WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMANISCHEN 


29 


das in den Stammkreis eines fernstehenden Wortes, nàmlich [kutet], 
gezogen wird. Die Entlehnung erfolgte vermutlich an dem Teil der 
ts — ^-Grenze, der mit der Grenze zwischen [kutet und [kutel], [ kuteu\ 
zusammenfiel, also in der Gegend von 637, 648, und ist von hier in 
den Nordwesten gewandert. Dafì ein solches [kuts] selbst wieder in 
Gefahr ist, zu [kut\ zu werden, zeigt augenscheinlich die Form [brut] 
— [kruts] — cruce in 637, 549\ 

18. Es bleibt noch zu untersuchen, in welcher Zeit sich die oben 
angenommenen Verschiebungen vollzogen haben. Der Ubergang von 
-II- zu t ist schon fur das 11. Jahrhundert bezeugt ( cauad, bet = 
caballus, bellus), s. Schultz, Gask. Gram. 42. Ein Teil des 
heutigen /-Gebietes hatte ehemals die Lautung ty , s. P. Meyer, 
Rom. 5, 3ò9* immerhin durfte das heutige Verbreitungsgebiet zu der 
Zeit erreicht gewesen sein, zu der der zweite in Betracht kommende 
Lautwandel, der Ubergang des vortonigen ou zu u und des betonten 
g zu u sich vollzog. Der Wandel von o zu u ist' seit dem 15. Jabr- 
hundert bezeugt, im 16. Jahrhundert gesichert, $. A. Schneider, 
Zur lautlichen Entwicklung der Mundart von Bayonne, Breslau 1900, 
S. 14. Lat. ultra ist in Dokumenten der Landes noch im 14. Jahr¬ 
hundert bisweilen oltre geschrieben, daher wohl outre gesprochen-, 
eine Form otre , die als [utre\ gelesen werden kann, ist im 14. Jahr¬ 
hundert, dann Ende des 15. Jahrhunderts belegt, s. Millardet, 
Etudes de Dialectologie Landaise, S. 107, Anm. 5. Die Stufe u war 
also im 15. Jahrhundert sicher erreicht. Es ist also Ende des 15., 
Anfang des 16. Jahrhunderts zu dem Konflikt zwischen cote und 
cultellus gekommen- das Eindringen der Form [kuts] fur [kut] im 
Médoc wird daher bald hernach erfolgt sein. 

19. Das t von [kut] aprov. cot war die Veranlassung, datò das 
Wort in der Gaskogne in den Bannkreis von [kutet] geriet ; das aus- 
lautende -t scheint nun die Ursache zu sein, datò sich cote in dem 
S. 25 angegebenen Gebiete als [kut] erhielt. Denn nach alien Rich- 
tungen hin, von der Stidwestgrenze abgesehen, geht das [kut]-Gebìet 
in [ku] tlber, das nur noch in wenigen Grenzmundarten erhalten ist, 

1 [;/e/s]-nocte in Bagnères de Luchon (ALF 699) ist nach Sarrieu 
RLR 47, S. 121 ftir [net] nach dem Vorbild der Neutra [kos], [tens], [hiems] 
aus corpus, tempus, femus neugebildet. [«w/s]-nodum, [mYs]-nidum 
in Lézignan (Aude), wird von A ngl ad e, RLR 40, 309 auf die alten Nomi¬ 
native zurtickgefuhrt, die sich wegen der Ableitungen [w^fl]-nodare 
[ani 2 ri] - *adnidare gehalten hatten. Da aber durch das Departement Aude 
die dret-drech-G renze geht, wird [nuts], [nits] eingetreten sein wie [kuts] 
fur [kut] im Nordteil der Grenze. 



30 


ERNST G AMILLSCHEG 


also zurri Schwunde flihrt. Es hangt also der Untergang von cote 
mit dem Verstummen des auslautenden -t zusammen 1 . 

Man ware nun versucht, eines der homonymen [&^]-Wòrter frz. 
coup , con zur Erklarung des Schwundes von [ku\ — cote heran- 
zuziehen, allein diese sind durch ihr Geschlecht und vor allem durch 
ihre ganz verschiedene syntaktische Verwendung von [kit] — cote 
getrennt. AuBerdem ist die Homonymitat des Wortkòrpers (ohne 
Artikel) von c o 11 u m, colpum und cotem geographisch sehr be- 
schrankt: sie besteht auf dem Papier 7 nicht aber in der lebenden 
Sprache. 

Wahrend bisher die Entwicklung eine verhaltnismàBig einfache und 
durchsichtige war, treffen nun im Norden des erhaltenen [&/££]-Gebietes 
eine ganze Reihe verschiedener Stromungen zusammen, so dafi es im 
einzelnen Fall oft schwer wird, das Primare vom Sekundàren zu 
scheiden. Der Ausgangspunkt der gemeinsamen Entwicklung von 
cotis und cotarium liegt hier bei dem letzteren* es wird also 
nòtig, die lautliche Entwicklung der Bezeichnung des Kumpfes auf 
diesem Gebiet nilher zu betrachten. 

Cotarium erscheint innerhalb des erhaltenen [kilt] — cote- 
Gebietes in der Form [k lidie], die im Westen und Osten tiber dieses 
Gebiet hinausgreift. Derselbe oder ein ahnlicher Typus solite bei 
lautgesetzlicher Entwicklung von cotarium aber weiter nordlich 
bis an die Grenzlinie reichen, die zum Beispiel sudliches [kudena] 
vom nordlichen couennc scheidet, also auf dem Gebiete, wo fur 
cotarium noch eine Form mit intervokalischem -d- zu erwarten ist. 
Tatsachlich taucht der zu erwartende [kudie\, [kude\ = cotarium- 
Typus erst wieder hart an der t > rf-Grenze auf, wahrend das Gebiet 

1 Auslautendes t ist erst wieder im àufiersten Osten erhalten, in Bonneval 
(Savoye), Lanslebourg, s. RPG I, 179 ff. Die to-Grenze lauft làngs der 
Ostgrenze des [&w£]-Gebietes stidwàrts durch die Departements Lozère, Gard, 
Hérault. Die Gegenden des «freien» konsonantischen Auslauts zeigen ahn- 
liche Verhaltnisse wie an der franko-provenzalisch-piemontesischen Grenze 
bzw. im 16. Jahrhundert in Nordfrankreich; vgl. Mazuc, Gram. langue- 
docienne, S. 8/9. In Pézénas, Hérault bei Punkt 768 schwindet t in rat, 
boulet vor konsonantischem Anlaut und wird in Pausa gesprochen. Da- 
gegen wird in cat, puput (= huppè), pertout unter alien Umstànden t ge¬ 
sprochen. Bei cat liegt der Grund dieser Fixierung des Auslautes auf der 
Hand. Es ist der drohende Zusammenfall mit canis, carrus u. a., der 
die Pausaform verallgemeinern làfit. Es ist dies das genaue Gegenstuck zu 
der Erklarung, die S. 11 fiir die Beibehaltung des s in [ kós] in der Pikardie, 
des s in [kós] in der Umgebung von Metz gegeben wurde. Bei puput und 
pertout wird ein ahnlicher Grund vorliegen. 



WETZSTE1N UND KUMPF IM GALLO ROMAN ISCHEN 


31 


im Norden der erhaltenen [£w/]-Zone im Westen tìMose Formen, sonst 
die feminine Entsprechung von cotarium, aìso einen Typiis *cotaria 
aufweist. 

Das lat. cotarium ist also auf einem weiten Gebiete im Nordwest- 
teil des provenzalischen Sprachgebietes (Dep. Dordogne, H. Vienne, 
Creuse, Cantal, Puy-de-Dóme) zwar in Auslàufern erhalten, es zeigt 
hier aber nirgends die lautgesetzlich zu erwartende Form. Es fallt 
nun dieses Gebiet iiberraschend genau mit einem 
Dialektgebiet zusammen, auf dem lat. cubitus in der 
Form [kude\ mit mebr oder weniger horbarem aus- 
lautenden e erscheint. Dieses [ kude ] — cubitus-Gebiet wird 
namentlich im Siiden, aber auch im Stidwesten und Nordwesten von 
lautgesetzlichen Formen von cotarium begleitet, wahrend innerhalb 
desselben auch nicht eine solche zu finden ist. Es mutò also cotarium 
in seiner lautlichen Entwicklung mit cubitus zusammengestofien sein. 
Dieses Zusammentreffen drohte zu einem vollstandigen Zusammenfall 
zu werden, wie aus dem Folgenden hervorgeht. 

Das ganze [kude\ — cubi tu s- Gebiet hat nach Karte me uni e r 
des ALF die Tendenz, den Akzent auf die erste Wortsilbe zu tiber- 
tragen, eine Tendenz, die nach Osten und Sudosten weit liber dieses 
Gebiet hinausgreift. Es ist endlich ftir die Gebiete des Limusinischen 
und der Auvergne im Mittelalter ftir lat. -arium die Form - eir , 
spater -er bezeugt, das auf dem in Frage stehenden Gebiet zum Teil 
noch heute erhalten ist, so als -e nach Karte poirier des ALF in 
506, 705, 807, 809, 808, 504, 505. Siehe ftir die alte Zeit Staat, 
Le suffixe-arius dans les langues Romanes, Upsala 1896, S. 115 ff. 1 . 

Es ist also hier cubitus und cotarium zusammen- 
gefallen; der «Kumpf» wird zum «Ellbogen . 

Wir mtissen uns also den Gang der Entwicklung folgendermafóen 
vorstellen. Im 16. Jahrhundert, vor dem Verstummen der Auslaut- 
konsonanten, standen hier nebeneinander : 

1 Wo heute hier -arium als [-je] erscheint, ist letzteres Lehnsuffix. Zur 
Zeit des Schwundes der Auslautkonsonanten geràt -er -arium hier in 
Gefahr, mit dem Diminutivsuffix -et homonym zu werden. Da -arium und 
-ittum gleichmafiig bildungsfàhig sind, beide Ableitungen von Nominal- 
stàmmen bilden und eine ausgesprochene Funktion besitzen, ist diese Hom- 
onymitàt ebensowenig ftir die Sprache belanglos wie Homonymitàt der Wort- 
korper, vgl. meine Grundzuge der galloromanischen Wortbildung, S. 59 ff., 
in Biblioteca dell’ «Archivum Romanicum», Serie 2, voi. 2. So wird zum 
Beispiel ein [kuder] «Behàlter des [kaf]» zu \kudet\ «kleiner [kilt]» u. a. 
Es tritt daher hier ftir -er -arium die stidliche bzw. vom Femininum (eira, 
-iera beeinfluftte Form -ier ein. 



32 


ERNST GAMILLSCHEG 


[font] «Wetzstein», [fonder] «Kumpf», [fonde J «Ellbogen ,, [kua\ 
«Schweif». Beziiglich der Zeit der Zuruckziehung des Akzentes in 
[fonder ] wissen wir nichts Bestimmtes; doch laBt die Weiterentwicklung 
des cotarium-Typusses es wahrscheinlich erscheinen, daB diese 
Akzentverschiebung schon alter ist als die nun folgenden Umge- 
staltungen. In der Zeit des fakultativen Verstummens der Auslaut- 
konsonanten (s. S. 11) wird nun [fonder] vor Konsonanten zu [fonde], 
fallt mit [fonde j — cubitus zusammen. Dagegen lehnt sich die 
Sprache auf. Sie besitzt ein naheliegendes Mittel, der Doppeldeutig- 
keit dieses [fonde] (als syntaktischer Variante von [fonder]) vorzubeugen, 
indem sie die funktionell gleichwirkende femmine Form des Suffixes 
-ariunì, das ist eira , ftir - er , eintreten laBt. [kndeira] cKumpf» ist 
wieder eindeutig und erhalt sich auf unserem Gebiet bis heute. Die 
femininen Bildungen auf -icre neben -ter- Formen sind im Franzòsischen 
zàhllos, vgl. zum Beispiel Meyer-Liibke, Frz. Gram. 2, 46/7, die 
Mòglichkeit einer Neubildung *c otaria war also jederzeit gegeben, 
aber gerade bei cotarium «Kumpf» ohne auBeren AnlaB nicht zu 
erwarten, da die -iere- Form des Suffixes in der Regel dem Grundwort 
kollektive Bedeutung verleiht oder sie, wenn das Grundwort selbst 
schon kollektive Vorstellungen erweckt, hervortreten laBt. Da nun 
tatsachlich bei cotarium die feminine Form des Suffixes nur auf 
dem Gebiet eingetreten ist, wo cotarium. mit cubitus zusammen- 
fiel, und auf diesem ganzen Gebiet kein einziges lautgesetzliches 
cotarium zu finden ist, miissen die beiden Erscheinungen in ur- 
sàchlichem Zusammenhang stehen. 

Das *cotaria Gebiet umfaBt den mittleren Teil des [fonde] «Kumpf» 
+ « Ellbogen »-Gebietes. Im Osten und Westen griffen die Mundarten 
nach einem anderen Mittel, der Doppeldeutigkeit dieses [fonde] aus- 
zuweichen: sie schliefien die Bezeichnung des «Kumpfes» lautlich an 
die des «Wetzsteins» naher an. Sie berichtigen also ein [fonder] 
«Kumpf», das zu [fonde] «Ellbogen ^ zu werden droht, in [ font-er ] bzw. 
[kn-er], je nachdem die syntaktische Vollform [font] oder die Kurzform 
[fon] fur cote der Ableitung untergelegt wird. So erklart sich die 
Form [fondai] in 809, [k 0 ntie] in 812, 815, ebenso in Mons-la-Tour, 
H. Loire, RPF 25, 163; dann mit unorganischem Anlaut [eikntei] in 
Ambert, Puy-de-D., zwischen 806 und 809, RPF 26, 137; vgl. dazu 
Tappolet, Die ^-Prothese in den franzòsischen Mundarten, Fest- 
sphrift 14. Neuphilologentag Zurich. Dieses [fontie] ist der Gefahr 
einer volksetymologischen Beziehung zu conde «Ellbogen» entriickt 
und hat sich deshalb bis heute gehalten. In 709 hat das Bestreben, 
den untergehenden Auslaut von [fon] «Wetzstein» in der darauf auf- 




WETZSTEiN UND KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN 


33 


bauenden Ableitung fiir cotarium zu neuem Leben zu erwecken, 
za der unorganischen Form [ kufiei ] gefiihrt, die aus ahnlichen Grunden 
wie hier auch im unteren Rhónegebiet (853, 863, 862, 873, 871) auf- 
tritt. Dieser Punkt 709 hat heute in site die Form [se], also mit 
Schwund des Ausi autes, dagegen fiir cote die Form [kut] ; die Mund- 
art hat also nach einer Periode der Unsicherheit, in der die Form 
[kufiei] gebildet wurde, nach dem Vorbild der siidlich anschliefien- 
den Mundart den etymologisch begriindeten Auslaut t wieder ein- 
gefiihrt. 

Solcher Auslautverkennung gingen die Mundarten im Westen und 
Osten des [kude] = cubitus-Gebietes aus dem Wege, wenn sie von 
vornherein die syntaktische Kurzform [ku\ — cote der Neubildung 
zugrunde legten. Das so entstehende zweisilbige [ku-er] «Wetzstein- 
ist eine morphologisch einwandfreie Bildung, die in dieser Form auch 
begrifflich keine Konkurrenz zu befurchten hat. Sie hat ferner den 
Vorteil, dafi sie mit der entsprechenden Form nòrdlich der t > d- Grenze 
identisch ist. So standen nach dieser ersten Erschtitterung im Wort- 
schatz dieser Gegend die urspriinglich einheitlichen Mundarten in 
zwei Gruppen einander gegeniiber: 

I. mit [kut] «Wetzstein», [kua] «Schweif'), [kuer] bzw. [kuter] 
«Kumpf », 

II. mit [kut] «Wetzstein», [kua] «Schweif », [kudieira] «Kumpf . 

20. Wie lange die Periode der freien Auslautkonsonanten dauerte, in 

der also [kue] neben [kuer] — cotarium bestand, wie etwa im Neu- 
franzòsischen im pluralischen Artikel [leg] neben [le] , lafit sich nicht 
feststellen. Aus den in Abschnitt 25 angegebenen Grunden hielten 
sich die Doppelformen aber zweifellos durch mehrere Generationen. 
Endlich schwand aber doch die Voli- = Pausaform der Worter mit 
direkt auslautenden Konsonanten, und an die Stelle der Doppelformen 
[kue] — [kuer] trat urspriinglich zweisilbiges [kue], das aber ahnlich 
wie in einer friiheren Periode eoa «Schweif» zu [kua] geworden war, 
in einsilbiges [kue] iiberging. 

Dieses [kue] «Kumpf» (das also auf alte rem [kuder] aufbaut) und 
die entsprechende lautgesetzlich aus cotarium entwickelte Form 
jenseits der t > d- Grenze geriet nun im òstlichen Teil des [kude] = 
cubitus + cotarium-Gebietes in den Kreis der Formen fiir lat. 
collum, das iiber cuoi [kuel] zu [kue] geworden war. Diese Hom- 
onymitàt von «Kumpf» und «Hals» ist begrifflich ebensowenig zulassig 
wie die von «Wetzstein» und «Schweif» oder «Schenkel», wie etwa 
ein Satz wie: mon [kue] est brisé, il y a trop peu d'eau dans mon 
[k uè] augenscheinlich zeigt. Dieses [kue] — collum setzt also im 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 3 


34 


ERNST GAMILLSCHEG 


Osten des [kude] = c u b i t u s - Gebietes ein, greift in der Gegend des 
Departements H. Loire uber die t > d-Grenze hinaus und wird dort 
in der Folge zu [kuà] (817, 825. 826, 837), wie in Abschnitt 22 ge- 
zeigt werden wird. Dann schwindet es zunachst, taucht jedoch in 
dem Punkt 915 des Departements Ain wieder auf (kud) , und auch 
die Form [kole], [kule] Hals der Punkte 829, 921 zeigt eine Ab- 
leitung, die eine vorhergegangene Erschtitterung der Lautform des 
lat. collum voraussetzen labt. Dieses [kole] geht auf ein alteres 
[kole ], das ist collet , Hàlschen» zuriick, das sich zur lautgesetzlich 
entwickelten Form von collum verhalt wie das poitevinische couette 
zu [ku] = coda + cote. Heute hort [kue] (bzw. das daraus hervor- 
gegangene [kua]) <Hals» dort auf, wo [kue] «Kumpf» beginnt bzw. 
sicb ftir eine friihere Periode erschliefien lafòt. Oder mit anderen 
Worten: Ein grofies [£^]-Gebiet, das die Departements H. Loire, 
Puy-de-D., Saone-et L. und einige anschliefiende Mundarten umfafit, 
teilt sich in ein siidwestliches Gebiet, in dem [kue] die Bedeutung 
«Hals besitzt, und ein nordòstliches mit [kue] = «Kumpf». 

Diese heutige bzw. zu erschliefiende Verteilung der Bedeutungen 
ftir dieses geographisch zusammenhangende [kue]- Gebiet ist das Er- 
gebnis eines Kampfes zwischen [kue] Hals^ und [kue] Kumpf», der 
neuerdings Unsicherheit in die hier behandelten Wortstàmme brachte. 
Wie sich collum in diesem Kampfe der drohenden Homonymitat zu 
entziehen wufite, ist Sache einer eigenen Untersuchung. Hier handelt 
es sich darum, das Verhalten der Entsprechungen von lat. cotarium 
festzustellen. 

Die Punkte 902, 802, 803 liegen bereits aufierhalb der £> d- Grenze; 
sie waren also dem Zusammenfall mit cubitus nicht ausgesetzt- 
doch schlieBen 802, 803 unmittelbar an das Gebiet an, in dem [kuder] 
(das zu [kude] «Ellbogen» zu werden droht), durch die feminine Ab- 
leitung [kudiero] ersetzt wurde. Das nòrdliche 902 hat noch mas- 
kulinisches [kue] «Kumpf », dagegen 802 femininisches [knel\ 803 [kuele]. 
Das heifit : c ò 11 u m und cotarium drohen in der Periode der freien 
Auslautkonsonanten zusammenzufallen, das erste als [knel], das zweite 
als [kuer\. In derselben Zeit greifen die Nachbarmundarten aus ahn- 
lichen Grtinden zu einer femininen Neubildung; die Punkte 802 und 
803 folgen also dieser Stròmung. Aber das Bild : «Kumpf» = «Hals» 
(was vermieden werden soli), ist bereits so weit im Vorstellungskreis 
der sprechenden Bevolkerung vorgedrungen, datò nun in der femininen 
Ableitung ftir [kue] —cotarium der schwindende Auslautkonsonant 
von [kué] — collum auftaucht. [kuel] «Kumpf» geht also streng ge- 
nommen auf ein *colla zuriick, cotarium ist untergegangen. 


WETZSTE1N UND KUMPF 1M GALLOROMANISCHEN 


35 


Die gleiche Femininbildung, aber hier mit der richtigen Form des 
Suffixes -aria liegt in 905 \kuir], in 911 [kuisi] vor, die ein àlteres 
[kneiri] als Femininum zu [kuer] darstellen. Die Umschreibungen 
godet 909, 6, 11, potei 907, vielleicht auch etili in 908, botte in 819 
diirften ebenfalls der einstmaligen Homonymitat der beiden \kue]-Formzn 
zuzuschreiben sein. Damit ist der grofite Teil des Gebietes zwischen 
808 an der d/0-Grenze, das [ktie] — cot>ar iu m noch besitzt, und dem 
Punkt 6, der zwischen [kue] und godet schwankt, ausgefullt. 

Bemerkenswert sind ferner die Formen der Punkte 

817 827 825 826 

cotarium . . [gueiro] f. [guio] f. [kueira] f. |kudrie] 

collum . . . [kua] koi] [kua] [kua] 

Diese siidlichsten Punkte des [kue] = collum -f cotarium- 
Gebietes haben also ahnlich wie die oben angefiihrten nordlichen 
Nachbarpunkte im Kampfe zwischen collum und cotarium fiir 
den < Kumpf» eine Neubildung geschaffen; [kue] Hals» blieb erhalten 
und geriet in 817, 825 und 826 in die [ue] > [uà] -Welle. Einen 
anderen Weg schlug nur 827 ein, das zwischen 817 und 825 an der 
/>0-Grenze liegt. Es hatte ursprunglich : 

1. [kuel] Hals>, [kuei] cKumpf». 

2. \kuei] Hals^ (wie noch heute das benachbarte 814), [kuei] 
Kumpf». In diesem Stadium der Unsicherheit iibernimmt die Mund- 

art flir collum die Form [ko] der Nachbarmundart 838, hat also 

3. [ko] neben alterem [kuei] Hals > und [kuei] «Kumpf». Die beiden 
Formen fiir Hals:> verschmelzen nun zu einer einheitlichen Form 
\koi\ , die aber nun auch flir [kuei] Kumpf eintritt; vgl. das ganz 
ahnliche V^erhalten der Mundarten S. 36 ff. Es stehen also in der 
Mundart wieder nebeneinander 

4. [koi] Hals und [koi] ^Kumpf :. Jetzt greift die Mundart zu 
demselben Mittel, das die benachbarten Mundarten 817 und 825 schon 
friiher zu Rate gezogen haben ; es wird fiir den Kumpf eine feminine 
Form gebildet: das ist [kuio] bzw. mit dem Anlaut des nordlichen 
[gueiro] [guio], [guio] verhàlt sich zu [koi] ^Kumpf- + Hals» 
ebenso wie in 802 [kuei] < Kumpf zu [kue] Kumpf» -p Hals». 

21. Eine betrachtliche Reihe von Mundarten hat also im Kampfe 
zwischen collum und cotarium das letztere durch ein fremdes Wort 
ersetzt oder morphologisch umgestaltet. Andere haben collum in der 
lautgesetzlichen Form aufgegeben und sich [kue] «. Kumpf» bewahrt. 
Es kam wieder Ruhe in die Sprache. Ein Grund flir den Untergang 
von la [ku] < Wetzstein oder le [kue] Kumpf auf diesem Gebiete 

3 * 


36 


ERNST GAMILLSCHEG 


war also zunachst nicht gegeben. Aber [kue J «Kurnpf geriet in den 
Kreis eines neuen Lautwandels, dessen Folgen nun auch fiir [ ku ] - 
cote letal wurden. Den Schllissel zu diesen neuen Umgestaltungen 
gibt die auf den ersten Blick ràtselhafte Form [gudena] «Kurnpf» 
des Punktes 807, Departement Puy-de-Dóme. 

Dieses [gudena] ist lautlich die Fortsetzung des galloromanischen 
*cutenna, frz. couenne «Schwarte», «Schweinshaut», REW 2431. 
Wie aber kommt ein Wort, das «Speckschwarte» bedeutet, dazu, den 
Wetzsteinbehalter zu bezeichnen? Selbst wer der Vergleichskraft der 
Volksphantasie einen gròfieren Einflufi auf die Sprachentwicklung 
zutraut als der Verfasser, wird nur schwer annehmen, ^dafi sich die 
Sprache des Bildes von dem Wetzstein,, der in dem Kurnpf steckt wie 
die Sau in ihrer Schwarte, unbeeinflufit bemachtigt habe. Aber hier 
schiitzt aufierdem die Geographie vor einer ebenso billigen wie unhalt- 
baren Annahme. Denn in der unmittelbaren Nachharschaft von 807 
taucht der gleiche *cutenna-T)^pus fiir lat. coda auf (706, 703, 
805, 815, 814) und fiir cui ter «Pflugsterz in 816 [kuaina]. Fiir 
Mons-la-Tour (H. Loire) zwìschen den Punkten 812 und 815 gibt 
Guerlin de Guer in RPF 25, 163 fiir queue die Formen [kuena] 
und [kuonfa] , das letzte deutlich mit Einwirkung der Form [kuó] — 
coda, wie sie die Nachbarmundarten 816, 817 aufweisen; vgl. Ab- 
schnitt 32. 

Zunachst làfit sich leicht nachweisen, dab [kuaina] Pflugsterz^ 
von dem benachbarten *cutenna *Schweif ausgeht- denn die 
Punkte 818, 911, 819 haben fiir cPflugsterz die Form [kua], 809 
[kuo], das ist die òrtliche Entsprechung des lat. coda. So wird auch 
*cutenna «Kurnpf» von *cutenna Schweif» ausgehen; das Binde- 
glied ist aber nicht etwa eine gemeinsame Vorstellung, sondern ein e 
homonyme Grundform, die zuerst in der einen Bedeutung von *cu- 
tenna abgelòst wird und in der Folge in der Nachbarmundart fiir 
die gleiche Grundform, aber in der zweiten Bedeutung eintritt. Diese 
gemeinsame Grundform, die also urspriinglich sowohl «Schweif wie 
» Kurnpf « bedeutet haben mub, ist nun [kiia], wie sich unschwer er- 
weisen labt. 

22. Dafi die lautgesetzliche Entwicklung hier coda zu [kua] flihrt, 
zeigt ein Blick auf die Kart e queue des ALF. Das *cutenna- 
Gebiet wird an alien Seiten von [kua] — coda eingeschlossen. Was 
die Entwicklung von cotarium betrifft, so wurde schon in Ab- 
schnitt 19 festgestellt, dafi innerhalb der t > d- Grenze einzelne Mund- 
arten das lautgesetzliche [kuder] durch [kuer] ersetzt haben, und jen- 
seits dieser Grenze ergibt sich nach E. Staaf, 1. c. S. 110L, dafi ehe- 



WETZSTEIN UND KUMPF IA1 GALLOROMANISCHEN 


37 


mais weit iiber das Gebiet hinaus, wo heute poirier mit - c erscheint, 
cotarium zu [ liner ] werden mufìte. Dies gilt besonders fiir das Ge¬ 
biet des Lyonesischen, das in der vorliegenden Frage die wichtigste 
Rolle spielt. 

Es ist also im Nordosten des erhaltenen [^/^]-Gebietes cotarium 
iiber coer zu [kne] geworden, dessen betonter Diphtong hier mit [ue] 
aus afz. oi zusammengefallen und gemeinsam mit diesem zu [uct] ge 
worden ist. In dem Wandel von [ne] zu [no] liegt ein Fall der 
Ubernahme eines literarischen Lautwandels vor; dabei gerat aber 
auch [ne], dem in der Literatursprache gar kein [ne] entspricht, in 
die Bewegung : die Mundart wird literarischer als die Literatur¬ 
sprache 1 . 

Dieser Vorgang ergibt sich ohne weiteres durch die folgenden Tat- 
sachen: Zunachst hat der ALF fur soie die Form [sua] im Dep. 
Allier, Saone-et-L., dann im Lyonesischen (905, 819, 908, 914, 911, 
913), dann siidlich davon in S29, 920, 837 und weiter siidlich. Man 
sieht also deutlich den Weg, auf dem hier eine Lauttendenz der nord- 
lichen Mundarten in den Siiden wandert. Mafigebgnd sind aber die 
folgenden Falle der Uberentaufierung > : 

Lat. coquere wird iiber coire zu [kuer], so in 803, 808, 819, 809, 
dieses zu [kuctr], daher {kuos] 911, [linose] 912, [kuare] 921, [kuor\ 
936. Dazu in 921 die 3. Plur. [kuosò], siehe ALF 1646, onglée. 

Lat. sor or, afz. saer wird zu [suor] in 914. 

Lat. ovum, afz. uef wird zu [suà] in [bla d’sua\ EiweiB in 
914, 931, zu [uà] in 921, ALF 1464. 

Lat. focus wird iiber [ fu e] zu [fu a] in 913, 914, 915, 917, 921, 
922, 926 usf. 

Frz. foiiet wird zu [fua] in 916, 907, 909, 919, ehemals auch in 
803, 806, 816. 

Lat. coxa wird iiber coissi , [kuesi], [kucse\ (zum Beispiel 926,925, 
924 usf.) zu [kunsi] 912, 921, 911, [kitas] 908. Auch [kuos] 914 
diirfte auf alterem [kuos] beruhen und wegen des Nebeneinanders 
von [kuo] und [kuo] = coda analogisch entstanden sein. Vgl. ferner 
die Karten poèle und moelle des ALF. 

Die hier hauptsàchlich in Betracht kommenden Mundarten zeigen 
auch fiir nasales [ut] die uberentaufierte Form [tó] ; vgl. fiir frz. 
coing in 907, 90S, 816, 925 [bua], ALF 1510; fur frz. poing in 807, 
812, 815, 709 \pnà] usf. 


1 Vgl. dazu auf Karte foicet des ALF (59 c )) zu P. 418 (D Sèvres) die 
Bemerkung: «[fue], en fran^ais prov. [ftta]». 


38 


ERNST GAMILLSCHEG 


23. Es sind also in erster Linie die Mundarten der Dep. Rhóne. 
Ain und Umgebung, also das Gebiet des L^onesischen im weiteren 
Umfang, in dem ftir cotarium eine Form [ kua] zu erwarten ist. 
Tatsachlich ist dieses [kua] aber hier nirgends mehr zu finden; daflir 
tritt auf einem zusammenhangenden Gebiet eine Form [kuatie] auf, 
die beginnt 7 wo das [kua] - co da-Gebiet aufhort, so dafi sich geo- 
graphisch die folgende Reihe ergibt: [kuatie] «Kumpf» im Nord- 
osten geht in [kna] «Schweif» iiber, in dessen Mitte ein couenne- 
[kudena\ «Schweif»-, «Pflugsterz»-, «Kumpf»-Gebiet eingeschlossen ist. 

Daraus ergibt sich zunachst das Folgende : Auf dem Gebiete nord- 
òstlich der t^> d- bzw. der 0-Linie, also im weiteren Umkreis von 
Lyon, ist coda und cotarium unter [kna] zusammengefallen. Es 
standen also hier nebeneinander : 

1. la [kna] «Schweif:, 2. le [kna] «Kumpf», 3. la [ku\ «Wetzstein». 
Das letzte hat ferner, wie im Abschnitt 31 gezeigt werden wird, die 
Tendenz, gerade auf diesem Gebiet die feminine Endung -a anzu- 
nehmen, also zu [kua\ : spater dann auch [kna] zu werden. [kua] 
^Kumpf hat mannliches Geschlecht, aber weibliche Endung, wie [rtja] — 
rota, [kua] — coda; [ku] «Wetzstein» mànnliche Endung, aber weib- 
liches Geschlecht. Dieser Zustand ist aber auf die Dauer unhaltbar; 
es ist daher, wie in 819, 816, 825, 807, also gerade auf unserem Ge¬ 
biet, glu<Cg Iute zu [gliia] wurde, [ku\ «Wetzstein» zunachst zu 
[kua] geworden. Nun hat zwar dieses die dem Geschlecht ent- 
sprechende Endung, aber es wird in der Folge mit [kna\ «Schweif» 
nun vollstandig homonym, und ein le [kna] »Kumpf« driickt in der 
Form nicht mehr die Umfassung eines la [kua] «Wetzstein» aus; es 
werden also nun sogar cote und cotarium dem Stamme nach hom¬ 
onym. Es schwindet also entweder [kna] «Schweib oder [kna] 
«Kumpf: oder [kua] «Wetzstein» aus der Sprache. 

In diesem Kampfe, in den nun gleich drei Begriffe miteinbezogen 
werden, lassen sich nun verschiedene Phasen beobachten. Im Nord- 
osten wird das begriffliche Verhaltnis von la [kua] «Wetzstein» und 
le [kua] «Wetzsteinbehalter» morphologisch dadurch wieder richtig- 
gestellt, dafi zu [kua] «Wetzstein» ein [kua-t-ie] «Kumpf» geschaffen 
wird. [kua] und [kuatie] verhalten sich wieder zueinander wie lat. 
cote zu cotarium. [kua] «Wetzstein» wird aber nach den Ton- 
verhaltnissen der Gegend notgedrungen zu [kua] \ es fallt also mit 
[kua] «Schweif» zusammen. Es schwindet daher, Avie liberali im 
Norden, [kna] «Wetzstein» vor [kua] «SchAveif». Nun wird aber 
[kua-t-ie], neben dem das dazugehorige [kua] «Wetzstein» geschwunden 
ist, der Form nach zur Umfassung von [kua] «Schweif» ; beide kònnen 


WETZSTEIN UND KUMPF IM GALL0R0MAN1SCHEN 


39 


nicht nebeneinander weiterbestehen. Im Norden, wo das literarische 
queue wie im Slidwesten Frankreichs in geographisch geschlossener 
Linie vorwartsdringt, wo also neben [kuatie] «Kumpf nunmehr [ko\ 
Schweif» steht, kònnen beide Ausdrlicke bestehen bleiben. Im Siiden 
dagegen, wo [kua] «Schweif » erhalten ist, schwindet [kuatie | 
«Kumpf». Dies war zweifellos in den Mundarten 911 7 819, 818 und 
Umgebung der Fall, welche die Verbindung zwischen dem erhaltenen 
[kuatié\-Geb\ete und der auf [kua] «Schweif» aufbauenden *cutenna- 
Zone herstellen. Nur der Punkt 913 am Slidende des heutigen 
[kuatie]-Gebìztes hat [kiia] «Schweif» noch bewahrt. 

Der Punkt 912, der von alien Seiten von einem [kua] «Schweif : 
eingeschlossen ist, hat fur lat. coda die Form [kiie]. Diese ftihrt 
uns in die Zeit zuruck, als lat. cotarium noch die Form [kue] be- 
safi, die in die Welle [ne] zu [uà] hineingezogen wurde (Punkt 912 
hat [knase] — coquere, [kuasi] — coxa, s. S. 37). Es schwankte eine 
Zeit hindurch [kue] und [kua] «Kumpf», und dieses Schwanken wurde 
auf das dem Stamm nach homonyme [kua] «Schweif» iibertragen, 
wie dies gleich im folgenden bei der Erklarung von *cutenna 
«Kumpf» in ahnlicher Weise beobachtet werden wird. In der Folgè 
wurde [kue] — [kua] «Kumpf» zunachst vermutlich durch die Neu- 
bildung [kuatie], wié in 913, ersetzt, das mit [kua] als Nebenform von 
[kue] «Schweif» in Konflikt geràt. Es schwindet daher [kua] 
«Schweif» wie [kuatie] «Kumpf» (das durch das ostliche [kovie] er¬ 
setzt wird), und [kue] «Schweif» bleibt erhalten. Es geht also 
lautlich hier [kue] «Schweif». auf eine aìterttimliche 
Form von cotarium zuruck. 

24. Es eriibrigt noch, die Frage zu beantworten, wie der *cutenna- 
Typus, der den Ausgang der ganzen Erklarung bildet, in die Ent- 
wicklung von coda und cotarium eingriff. Es ist dabei notwendig, 
wieder einen Schritt ruckwarts zu tun und sich daran zu erinnern, 
dafi zwischen dem [kuatie] «Kumpf»-Gebiet und der t>d- bzw. 
0-Grenze ehemals ein le [kua] «Kumpf» und ein la [kua] «Schweif» 
standen (in deren Gefolge [kua] < [ku] «Wetzstein unterging). 
Es ist nun in dem Gebiete, das uns hier beschaftigt, vielfach in 
Wòrtern mit betontem Auslautvokal dieser nasaliert worden. Ein 
solches Nasalierungsgebiet ist noch heute in der Gegend der Punkte 
917, 918; in 918 ist das lat. cote mit dem - a des Artikels la ver- 
wachsen als [akb] bezeugt; frz. fouet ist hier iiber [fua] zu [futi] ge- 
worden. Lat. lupus hat hier die Form [lò]\ aber lupa erscheint 
als [love], das ein alteres [lo]- lupus erschliefien laBt. Dieser Fall 
zeigt deutlich, datò die Nasalierung der betQnten Auslautvokale wohl 


40 


ERNST GAMILLSCHEG 


gròfitenteils wieder riickgangig gemacht wurde. Flir 917 wird fiir 
fernet die Form [fu e] angegeben. 819 im [èwa]-Gebiet hat [è] = ai 
in [è e krii\ = fai cru, ALF 361. Altes ko, ke — eccum hoc er- 
scheint in 803 als [kje-tsi], in 808 als [tie], 819 [kiò], 818 [tie-ti], 829, 
920 [itiè], 921 [itici], wobei allerdings zu erwahnen ist 7 dafi das ent- 
sprechende afz. cen auf weitem Gebiete ein anders zu erklàrendes n 
bzw. Nasalierung angenommen hat. Dafi die Nasalierung auf diesem 
Gebiet ehemals stàrker vertreten war, als die heutigen Reste ver- 
muten liefien, bezeugt die Mundart von Bizónnes (sudìiche Dauphiné), 
wo [lìà] — locus nur mehr in der Redensart [o lià de fare) = au liete 
de faire bezeugt ist. (Devaux, 1. c. 191.) In Chatonnay, bei 921. 
erscheint sìtis als [se], digitus als [de]. In Còte-St. André bei 931 
[triiè] — torculum; in Proveyzieux [sanie] — carruca, in St. Michel- 
de-St. Geoirs [tsaruè] dasselbe, zwischen 921 und 931. An verschie- 
denen Punkten der Dauphiné [nevò], [rosino], [prò], [io] fiir neveu, 
rossignol, proti, ceuf, s. Devaux, 1. c. 269f. Am weitesten geht 
die Mundart von Eydoch bei 931, wo auch unbetonte Auslautvokale 
nasaliert werden, zum Beispiel revon — robure* ina kavalan — une 
jnment, aber im syntaktischen Zusammenhang la revo dii bwa, la 
kavala dii vaezen l . 

Es ist also das tìber [kue] aus cotarium entstandene [kua\ etwa 
der Punkte 917, 916, 914 (wo im Kampfe zwischen collum und 
cotarium in einer friiheren Periode [kne] cKumpf siegreich ge- 
blieben war) zu [kuà] geworden und fiel, abgesehen vom Artikel, 
mit [kuà] < c o d a (tìber [kua]) zusammen. So standen neben- 
einander : 

le [kuà] «Kumpf» — la [kuà] «Schweif^. 

Es ist also [kuà] cSchweif» formell das Femininum zu [kuà] KumpP. 
Da aber im allgemeinen die feminine Form zu Wòrtern mit Nasal- 
vokal im Auslaut durch dentales n + Auslautvokal (der verstummen 
kann) gebildet wird (vgl. in 916 [&o]— [bon], in 914 [&f>] — [bón], in 
819 [bò] — [bona]), wurde das Femininum [kuà] nach dem scheinbar 
morphologisch dazugehòrigen Maskulinum [kuà] in [kuan], [kuana] 
umgebildet. Diese Form ist aber gleichzeitig in dem Gebiet, in das 
der [ue) > [uà] -Wandel vorgedrungen ist, die Entsprechung von 

1 Abseits von unserem Gebiete findet sich durchgehende Nasalierung im 
Berner Land, so [/2m]~fl agellu, [/>raw]~pratum, in Malleray, \mannan\- 
moneta in Crémine; [san] - seta, ebd., s. Gauchat, BGPSR 7, 54, Degen. 
Patois von Crémine 21. Es ist also hier Entnasalierung mit Auflòsung in 
den nasalen Konsonanten eingetreten. In Bourberain (Còte-d’Or) wird aus- 
lautendes 4 zu [?]: [n$]-nid, [vne]-venir, [fm\-fenil, s. RPG 2, 259. 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROM ANISCHEN 41 

*cutenna Speckschwarto, so in 916, 917, 908, 911 usf. [kuana] 
als Neubildung ftir [knù] <Schweif» wird in der Heimat der Bildung 
als Ableitung von dem alten [kua] gefiihlt; die Beziehung zu *cu- 
tenna ist erst sekundar. Als aber aufierhalb des [kuana] <Schwarte»- 
Gebietes infolge des Zusammenfalls von [kna] ^Schweif» und [kua] 
Wetzsteim (s. S. 38) einer der beiden Begriffe bzw. alle beide Neu- 
bezeichnungen erfahren mufiten, griffen die Mundarten an der t> d- 
bzw. 0-Grenze zu den Mundarten des Lyonesischen, von denen wir 
schon einmal gesehen haben, dafi sie fur die Nachbarmundarten vor- 
bildlich wirken, identifizierten aber das [kuana] dieser Mundarten mit 
der eigenen Entsprechung von *cutenna, das ist [kuena], so zum 
Beispiel in 818, [kueina] in 816 usw. Dies [kuena] = Schweif» + 
.Speckschwarte* wandert nun sogar iiber die t> d- bzw. @-Grenze, 
bekommt daher das - d- der einheimischen Form ftir *cutenna ; hat 
also jeden Zusammenhang mit coda verloren. Es wird Ersatzwort 
ftir [kna] —coda, und wie es bei seiner Wanderung dieses verdrangt, 
wird es gelegentlich auch ftir das dem Wortkòrper nach homonyme 
[kua] Kumpf eingesetzt, da die Sprechenden, die das fremde 
*c u t e n n a fur das eigene [kna] einsetzen, ganz mechanisch die 
gleiche Form gebrauchen, ob es sich nun um ihr [kua] — coda oder 
[kua] —cotarium handelt. Es ist also umgekehrt das Auftreten der 
Entsprechung von *c u t e n n a in der Bedeutung Kumpf : eine Be- 
statigung daftir, datò hier cotarium tatsachlich in einer fruheren 
Periode in der Form [kna] vorhanden war. 

Nur das Nebeneinander von le [kna] ^ Kumpf und la [kuà] 
Schweif erklart die Entstehung des femininisierten Typus [kuana] ; 
daher kommen die unmittelbar an der Grenzlinie liegenden Punkte 
808, 905, 816 als Heimat der Bildung nicht in Betracht, da sie 
cotarium entweder noch als [kue] aufweisen oder auf dieser Stufe 
verloren haben, vgl. S. 33 f., aber gerade diese Mundarten sind es, die 
sich das [kuana] cSchweif assimiliert haben. Vgl. die folgende Uber- 
sicht der in Betracht kommenden Formen. (Die eingeklammerten 
Formen sind die vermutlichen Vorstufen der heutigen Formen.) 

908 905 911 

coda [kuo] ([kua]) [kua] [kua] ([kuana]] <([kua]) 

cotarium [etui] ([kue]) [kuir] ([kue| fkuizi] ([kue]) 

cutenna [kuan] [kuen] [kuana] 

818 " 816 

coda [kua] (wie911) [kuo| ([kuaina]erhalten= <-Pflugsterzi>) 

cotarium [kovò] (kue]) (kudie| ([kue]) 

cutenna [kuena] [kueina] 


42 


ERNST GAMILLSCHEG 


808 809 806 

[kuo](?) [kuo] ([kudeno]) [kuo] ([kudeno]) ([kya]) 
[kuei] [kud^i] ([kua]) [korne] ([kua]) 

[kueno] [kudeno] [kudeno] 

804 703 805 

coda [kua] [kudena]) [kuina] ([kua]) [kuteno] ([kua]) 
cotarium [kudiro]([kua]) [kudera]([kua]) [kudiro]([kuteno])([kua)] 
cutenna [kueno] [kuena] [kudeno] 

807 809 . 815 

coda [kueto] ([gudeno]) [kuo] ([kudeno]) [kueina] ([kua]) 

([kua]) ([kua]) 

cotarium [gudena] ([kua]) [kud^i] (kua]) [k 0 utie ([kua]) 
cutenna [kudeno] [kudeno] [kudena] 

814 

coda [kueina] ([kua]) 

cotarium [kudie] ([kua])? 
cutenna [kuana] 

25. Aus dieser Ubersicht ergibt sich nun folgendes: Die Mund- 

arten, in denen durch die Femininbildung zu [kua] «Schweif» ein 

[kuana] «Schweif» + «Schwarte» entstanden war, haben diese neue 
Homonymitat wieder beseitigt, da die dadurch entstandene Ver- 
wechslungsmòglichkeit auf die Dauer ebenso unertràglich war wie 
eine der im friiheren angefiihrten. Es ist heute das *c u t e n n a 
«Schweif»-Gebiet offenbar wieder im Riickgang begriffen. Das zeigt 
deutlich 816, das [kuaina] nicht mehr in der Bedeutung «Schweif:, 
sondern in der iibertragenen Bedeutung «Pflugsterz» besitzt (= queue 
de la charme ). Die Punkte 806 und 809 miissen ferner aus geogra- 
phischen Grtinden *cutenna «Schweif» besessen haben, haben dafiir 
aber das [kuo] der Nachbarmundarten angenommen. 

Wenn nun *cutenna auch fiir cotarium eintritt (807), so liegt 
der Grund nicht etwa darin, dafi [kua] «Kumpf» und [kua] «Schweif» 
homonym waren und deshalb einer der beiden Ausdriicke ersetzt 
werden mufite, denn die beiden [kua] sind ja stets durch den Artikel 
goechieden. Sondern hier liegt rein mechanische Ubertragung der 
Doppelformen fiir «Schweif» auf das im Stamm identische [ima] 
«Kumpf» vor. In der einen Mundart, vermutlich 809 oder 805, 
schwanken [kua] und [kudena] in der Bedeutung «Schweif»; dieses 
Schwanken ergreift nun in 807 das zweite [kua] ebenso wie das erste. 
Die so fiir beide Begriffe entstehenden Doppelformen werden dann 


coda 

cotarium 

cutenna 


WETZSTEIN UND KUA1PF IM GALLOROMANISCHEN 


43 


sekundar differenziert. Aber auch die Mundarten, die *c uterina in 
zwei Bedeutungen erhalten haben, zeigen nirgends vollstàndige Hom- 
onymitat der beiden Formen, siehe in der Ubersicht die Punkte 816, 
815, 814, 807, 805, 703. [budino] «Pflugsterz» < «Schweif» in 816 
ist [kueina\ «Schwarte» + [ku a \ «Schweif, d. h. die neue Homonymi- 
tat zwischen [kneina] «Schweif» und [kneina] «Schwarte» wird da- 
durch beseitigt, dafi das untergehende [kua] «Schweif vorubergehend 
zu neuem Leben erweckt wird. [kueina\ wird zur Ableitung von 
[ kua] «Schweif», d. h. es wird zu [kua\na\. Diese Entwicklung ist 
in Mons-la-Tour noch im Gange, s. S. 36, hier steht noch das ur- 
spriingliche [kuena] «Schwarte» + «Schweif» neben dem etymologi- 
sierten [kyonia] «Schweif», das aus einer Kreuzung von [knena] und 
[kuo] «Schweif» (das auch in 809, 806 sekundar eingetreten ist) her- 
vorgegangen ist. [kyema ], das in 815 «Schweif bedeutet, ist die 
Form ftir «Schwarte» in dem benàchbarten 816; zwischen 815 und 
816 geht die /> d- bzw. 0-Grenze, so war die Moglichkeit zu Doppel- 
formen gegeben. [kneina] «Schweif» in 814 neben [Uncina] Schwarte» 
hat in der ersten Bedeutung die Form, die in dem òstlich davon ge- 
legenen 825 die «Schwarte» bezeichnet usf. Die neue Homonymitat 
zwischen *cutenna «Schweif» und *cutenna Schwarte» ftihrt also 

1. zum Untergang des neu ubernommenen *c u t e n n a «Schweif», 

2. zur Ubernahme dialektisch verschiedener Formen des gleichen 
Grundwortes, 3. zu analogischen Umgestaltungen. 

Besonders lehrreich ist in dieser Beziehung der Punkt 805 im 
Norden von 807, das *cutenna «Kumpf» aufweist. Hier hat coda 
die Form [kuteno\ mit - 1 -, das auf der Karte couenne nirgends zu 
finden ist. Der Punkt 805 liegt in dem Gebiet, in dem das aus- 
lautende 4 in [kut\ — cote zu schwinden beginnt. 705 hat bereits 
[ku\, das anschliefiende 709 dagegen [ ( kilt\ ; 815, auBerhalb des heutigen 
[kut\ - Gebietes, hat nun fiir c otarium [koutie ], dessen 4- vom Aus- 
laut des lat. code in einer frtiheren Periode stammt. So geht auch 
4- von [kuteno\ «Schweif» auf das 4- von [kut\ «Wetzstein» zuruck, 
das selbst spàter geschwunden ist. Es gehòrte offenbar der Punkt 805 
ehemals ebenso zu dem *cutenna «Wetzstein» - Gebiet wie das stid- 
liche 807. Die Entwicklung ergibt sich aus der folgenden Ubersicht: 

I. [kut] «Wetzstein», [kuder\ «Kumpf», [kua] «Schweif». 
[kudena] «Schwarte». Es schwindet [kuder] aus den in Ab- 
schnitt 19 angeftihrten Griinden, fiir «Kumpf tritt entwedef die 
Neubildung [kuter] ein (so. in 815) oder [kuer\ mit Anlehnung 
an die syntaktische Kurzform \ku\ — cote. Nun tritt der Wandel 
[ne] zu [ya] ein. Daher 


44 


ERNST GAMILLSCHEG 


IL [ kut] «Wetzstein», [kuar ] «Kumpf», [kua] «Schweif», [kit* 
dena\ «Schwarte». Fiir [kua] «Schweif» tritt [ kudena ] der òst- 
lichen Mundarten ein; dieses wird mechanisch auf [kiia] «KumpP 
iibertragen. Es stehen also nebeneinander 

III [kut] «Wetzstein», [ kudena ] «Kumpf» + «Schweif», [kudena] 
Schwarte». Wie [kueina], «Schweif» in 816, neuerdings an [kua] 
angeschlossen, zu [kuaina] wird, so wird [kudena] «Kumpf» nach 
[kut\ Wetzstein» zu [kutena] verbessert; dieses wird formell zur 
Ableitung von [kut] — cote. Diese Umgestaltung ergreift 
nicht das in der Sprache fest verankerte [kudena] «Schwarte», 
wohl aber das jung eingedrungene [kudena] — «Schweif». Das 
ergibt 

IV [kut] «Wetzstein», [kutena] «Kumpf» + «Schweif», [kudena] 
Schwarte». Die Doppelbedeutung von [kutena] (der in 807 

[gudeno] in denselben Bedeutungen entspricht) ftihrt nun zur 
Aufnahme eines Wortes der Nachbarschaft, d. i. in 805 [kudiro] 
Kumpf», in 807 [kueto] «Schweif». 

26. Es ist also [kue] «Kumpf», das zum Teil lautgesetzlich co- 
tarium fortsetzt, zum Teil ein altereS [kuder] ersetzt hat, im 
Nordosten des erhaltenen [&^]-Gebietes in den Wandel von ne>ua 
miteinbezogen worden und dadurch in der weiteren Folge mit [kua] 
«Schweif» in Beziehung getreten. Àhnliche Vorgange spielten sich 
im Nordwesten des [&z//]-Gebietes ab, wo nach S. 33 der Ersatz von 
[kuder] durch [kuer] allgemein war. Auch hier ist dieses [kuer] zu 
[kua] geworden, und zwar konnte dies auf zwei Wegen geschehen. 
Die im Osten beobachtete Uberentauberung von ue > ua zeigt sich 
auch hier in einigen Spuren. Vgl. in 611, dann 630, 632, [fua] fiir 
fouet\ in 604, 609, 711 [mualo], dann 621, 529 [mual] = frz. moelle\ 
(die dazwischenliegenden Mundarten haben den siidlichen T}^pus 
meolla ), usw. Es konnte ferner, solange das -r in [kuer] gelegentlich, 
zum Beispiel in der Pausastellung, noch gesprochen wurde, [kuer] auf 
Grund eines bekannten Lautwandels zu [kuar] werden: vgl. dariiber 
Meyer-Liibke, Frz. Gramm. I. 87 ff.; es kann der ne>na Wandel 
also hier schon friiher als im Osten erfolgt sein. Mit dem Wandel 
von -er zu -ar hangt sicherlich die Form [kua] der Punkte 521, 
(Vendée), 510, 512 (D. Sèvres) zusammen, da hier poirier in der 
Form [puara], [pnera] bezeugt ist, ALF 1049. 

Die Folgen dieses Ubergangs lassen sich nun aus den folgenden 
Entsprechungen von cotarium erschliefien, die zunachst angeftihrt 
werden mògen. An die Stelle des bisherigen Fortschreitens vom 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


45 


Frliheren zum Spateren muB hier wieder die heutige Form den Aus- 
gang bilden, bis die beiden Entwicklungslinien zusammentreffen. 

Vgl. 603 [fona], 604 [kuado] fem., 711 [ku] fem., 611 [kuadie] neben 
\kud[c\ 610 [kudadAe] d. i. Kreuzung von [kudie] und [kuadie], die 
im benachbarten 611 noch nebeneinander bestehen, 615 \kuodiero], 
616,^626 [ kuodriero ]. 

Die [Formen der Punkte 615, 616, 626 sind zunachst Ableitungen 
nicht von [[ku] oder [kuct\ sondern von einem [kuado], das, nachdem 
[i kiiodiero] «Wetzstein-Behàl ter» bedeutet, selbst die Bedeutung 
«Wetzstein» besessen haben mufì; denn das -d- vor dem Sut’fix -ie 
kann nicht Ùbergangskonsonant sein (als solcher kàme -t- in Betracht 
wie in dem [kuatie] des Lyonesischen), sondern mufì stammhaft sein. 
Àhnlich gibt fiir das Limusinische Béronie, Dict. pat. du bas_ 
Limousin ein quouado «écuelle de bois, sans oreiiles, qui a une 
longue queue trouée par laquelle on fait couler Feau et qui s’appelle 
Lou pissorot de lo quouado» an, zu dem als Ableitung quouodado 
«quantité d’eau qui peut contenir dans le godet» tritt. Dieses quouado 
«Art Kelle» ist Ableitung von quouo «Schweif» (aus altere m * écuelle 
queuée ), hat also zunachst mit dem oben erschlossenen [ kuado ] «Wetz¬ 
stein» nichts zu tum [kuado] ist nun, ohne Riicksicht auf seine Be¬ 
deutung, der Form nach scheinbar Femininum zu einem Maskulinum 
[kua] (in Analogie der Partizipia auf -atum, -ata), setzt also ein 
le [kua] voraus, das offenbar mit dem in 603 noch bezeugten [kua] 
«Kumpf» identisch ist; aber zwischen le [kua] «Kumpf» und la [kuado] 
«Wetzstein fehlt noch ein Mittelglied, das die femmine Neubildung 
begriindet, d. i. ein. la [kua] «Westzstein». Le [kua] «Kumpf» und 
la [kuado] «Wetzstein» verhalten sich hier ebenso zueinander wie im 
Gebiet des Lyonesischen le [kua] «Kumpf» und la [kuana] «Schweif» 
S. 40 f. ; in beiden Fàllen bildet das Ubergangsglied ein Femininum, 
das mit dem ersten Glied der Gleichung homonym ist und die Bedeutung 
des zweiten hat, also la [kua] «Wetzstein» wie la [kuà] «Schweif». 
Damit ist die Entwicklungsreihe geschlossen. 

Nach dem Ùbergang von [kuar] «Kumpf» zu [kua] standen in der 
Sprache nebeneinander. 

le [kua] «Kumpf», la [ku] «Wetzstein», la [kua] «Schweif». Le 
[kua] ist die Umfassung von la [ku\ hat mànnliches Geschlecht, trotz 
des an dem homonymen [kua] «Schweif» vorhandenen weiblichen 
Geschlechtes. [ku] ist weiblich, trotzdem in der Mehrzahl der Falle 
Wòrter mit betontem vokalischem Auslaut Maskulina sind. Es tritt 
also dasselbe ein wie in dem entsprechenden Gebiet des Ostens: la 
[ku] Wetzstein» nimmt die feminine Endung -a an, wird also zu 


46 


ERNST GAM1LLSCHEG 


[kua] , das zunachst noch von [kua] «Schweif» verschieden ist, aber 
zu [bua] werden mufi, da in der Sprache wohl der Diphtong [ua\ 
< [ue] 9 nicht aber ein zweisilbiges [ita] vorhanden ist. So wird [kua\ 
«Wetzstein uber [kua] mit [kua] «Schweif» vollstandig homonym. 
[kua] Wetzstein» ist also nun morphologisch das Femininum zu [kua] 
Kumpf , ein Zustand, der bei Bezeichnungen, die im Verhaltnis von 
Grundwort und Umfassung zueinander stehen, in der Sprache ganz 
vereinzelt dasteht. 

Da es nun zum Ausgleich zwischen la [kua] Schweif und la 
[kua] Wetzsteinc kommen mufi, greift die Sprache zu der Bezeich- 
nung le [kua] Kumpf», zu dem la [kua] Wetzstein» morphologisch 
das Femininum darstellt, und bezeichnet dieses Verhaltnis eindeutig 
durch die Annahme der Femininendung -ado\ es entsteht also der 
Typus [kuado] Wetzstein» (uber alterem [kua] , dieses liber [ku] 
aus [kut] — cote), der ehemals von 604 (wo er in der Bedeutung 
Kumpf noch erhalten ist), bis 626 (wo er aus [kuodriero] erschlossen 
wurde), vorhanden war. [kua] Schweif» kann also nun ohne Ver- 
wechslungsmòglichkeit weiterbestehen, lebt auch tatsàchlich in dieser 
Form auf dem ganzen [kuado]-«Wetzstein» Gebiet, nicht aber dieses. 
Denn es gerat zunachst in den Kreis des angefiihrten limusinischen 
quoaado «Art Kelle». Diese Vorstellung ist mit der eines Wetzsteines 
nicht vereinbar, wohl aber mit der des zu dem Wetzstein gehòrigen 
Kumpfes; vgl. die Typen godet , coupé usw. in Abschnitt 59. Es wird 
daher in Punkt 604 [kuado] «Wetzstein» in ein [kuado] «Kumpf 
berichtigt; die Mundart besitzt daher nur mehr einen Ausdruck fur 
Wetzstein und Kumpf. Vgl. dazu bei Corblet, 1. c. queusse — 
«pierre à aiguiser. Signifie aussi Pétui en bois que les faucheurs 
attachent derrière eux» usw. [kuado] «Wetzstein in 604 hàtte niemals 
die Bedeutung Kumpf bekommen, wenn es nicht mit dem bereits 
vorhandenen [kuado] «Schopfkelle» identifiziert worden ware, und 
[kuado] Schopfkelle» hatte niemals die Bedeutungserweiterung zu 
«Kumpf erfahren, wenn nicht eine Neubildung [kuado] zu [kua] 
«Wetzstein in die Sprache getreten ware. In dem Worte kreuzen 
sich also zwei Etyma: cote «Wetzstein» und codata «Kelle», wahrend 
das der Bedeutung zukommende cotarium etymologisch vollstandig 
ausgeschaltet ist. 

Àhnlich wird in 711 [kuado] «Wetzstein» eingedrungen und neben 
das einheimische [ku] , das im benachbarten 712 noch lebt, getreten 
sein, so dafi hier an der Grenze des [kuado]-« Wetzstein»-Gebietes 
Schwanken zwischen [ku] und [kuado] herrschte. [kuado] wird aber 
mit [kuado] Kelle» identifiziert, wird zum «Kumpf», so dafi nun das 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


47 


Schwanken zwischen [kuado] und [ku\ auf den Begriff cotarium 
iibertrageri wird. Als nun [kuado] aus den gleich anzugebenden 
Griinden wieder schwand, blieb von den Doppelformen [ku] «Kumpf» 
zuriick, das gleichzeitig auch den Wetzstein bezeichnet, bis durch 
die Umschreibung peira mola , heute privo fiir den Wetzstein* \ku ] 
wieder eindeutig wurde und nun den «Kumpf bezeichnet. So ergibt 
sich die zunachst iiberraschende Tatsache, datò eine Mundart cote 
zwar bewahrt zeigt, aber nicht in der etymologischen Bedeutung 
Wetzstein: , sondern in der der Ableitung cotarium. Diese Be- 
deutungsverschiebung erklart sich durch das Zwischenglied [kuado], 
das hier-also nur mehr in seinen Auswirkungen erschlossen werden 
kann. 

27. Wahrend also f kua] Schweif aus dem Kampf mit der Uber- 
gangsbildung [kua] «Wetzstein» unversehrt hervorging, war [kuado] 
Wetzstein» nur so lange in der Sprache moglich, als es begrifflich zu 
( kua] «Kumpf» gehorig, als formelles Femininum zu diesem in der 
Sprache verankert war. [kua] «Kumpf» ist das Stammwort, der 
Ruckhalt, an den sich [kuado] Wetzstein» anlehnt. Da aber [kua] 
formell nicht die Umfassung einer Wortform [kuado] bezeichnet, 
morphologisch eher umgekehrt [kuado] die Umfassung von [kua] 
ausdruckt, wie limusinisch [knodado] den Inhalt von [kuado] zum 
Ausdruck bringt, wird zu [kuado] «Wetzstein» ein [kuadie] [kuodie] 
Kumpf» neugebildet. Nun wird wieder [kuado] Wetzstein» zum 
Haupt der Familie, kann aber diese Funktion nicht erfullen, 
da es mit conado Brut» homonym ist. 

Dieses couado ist diedimusinisch-gaskognische Form des frz. couvée\ 
es gerat also cotarium — cote in den Kreis von lat. cubare briiten». 
Wegen couado Brut vgl. Mistral s. v.; ferner B èro ni e 1. c. 
Couado s. f. Tous les oeufs qu'un oiseau couve en mème temps, ou 
les petits qui en sont éclos■>; Vayssier (Aveyron) couado , dreisilbig 
«couvée», zweisilbig «Schopfkelle»-, D’Hombres-Charvet, couado 
in der ersten Bedeutung ; Lespy-Raymond, Dict. Béarnais coade 
dass. usw. Es wird zwar [kuado] Brut fiir das Dep. Aveyron als 
dreisilbig angegeben, ist also von [kuado] Wetzstein» zunachst ge- 
schieden, aber ein solches dreisilbiges [kuado] ist selbst auf dem Weg, 
zweisilbig zu werden; denn selbst das Stammverbum cubare wird 
im Westen Siidfrankreichs im Infinitiv eipsilbig = [kua]. Aufierdem 
gibt die Viertelkarte couvée des ALF (1795), die nur den Ostteil des 
Provenzalischen enthalt, fiir die in der NHhe des [kuado]-« Wetzstein»- 
Gebietes gelegenen Punkte 720 und 731 die Form [kuado] «Brut» 
an, bestiitigt also die vollstiindige Homonymitat der beiden Begriffe. 


48 


ERNST GAM1LLSCHEG 


Leider ist es nicht mòglich, im eigentlichen [kuado]-<> Wetzstein - 
Gebiet die Folgen dieser Homonymitàt auf [kuado] —^cubata zu 
verfolgen. 

DaB ein Wort nicht gleichzeitig «Wetzstein und «Hiihnerbrut» be- 
zeichnen kann, liegt auf der Hand. Beides sind Begriffe des land- 
lichen Lebens, derselben Bevòlkerungsklasse, spielen in derselben 
Jahreszeit im bauerlichen Haushalt eine Rolle, und wenn auch im 
einzelnen Fall ersichtlich sein kann, welches der beiden homonymen 
Wòrter gemeint ist, tràgt doch eine Verwechslungsmòglichkeit von 
>Wetzstein: und «Brut» an sich den Stempel der Lacherlichkeit, des 
Widersinns; vgl. zum Beispiel Sàtze wie: tiens ma [kuado] , n’as tu 
pas vu la [< kuado] du valet?, ma [kuado] est égarée, émoussée, perdue, 
brisée usw. Damit ist die Entwicklungsmoglichkeit des Wortstammes 
cote in diesen Mundarten erschòpft; die Form [kuado] ist ein Sack- 
geleise, aus dem es keinen Ausweg gibt : der Stamm geht unter, es 
tritt peira mola an seine Stelle. 

jVlit dem Untergang von [kuado] «Wetzstein» verliert aber auch 
[kuadie] «Kumpf» seinen Ruckhalt, und da im Norden des Gebietes 
durch einen ebenfalls lautlichen Vorgang fur den «Kumpf» sich das 
Bild der «Kiirbisflasche» einfindet, bemdchtigen sich die Mundarten, 
in denen [kuadie] «Kumpf nunmehr ohne Wortfamilie dasteht, des 
neuen Bildes und arbeiten in diesem Vorstellungskreis weiter; siehe 
dariiber Abschnitt 42. 

28. Der Untergang von cote und cotarium ist also nicht das 
Ergebnis eines willkiirlichen Ersatzes, eines der Sprache immanenten 
Triebes nach Veranderung oder der Freude am bildlichen Ausdruck 
seitens der Sprechenden, sondern die Folge einer langen Reihe mehr 
oder weniger organischer Umgestaltungen. Zur Erlàuterung nehme 
ich einen einzelnen Punkt, 612, heraus, der heute ftir den «Wetzstein 
pierre de dail «Sensenstein>, fiir «Kumpf» [kuso],' d. i. «Holzschale 
(= nprov. coussct — «sébile, écuelle de bois à l’usage des bergers et 
des vendangeurs») gebraucht, das selbst zu cosse «Schote» gehort. 
Diese beiden Wòrter haben den folgenden Stammbaum: 

[peiro de dae].[kuso].[kual 

[peiro] 

[peiro muoio] 

[kuado].[kuadie] 

Oder aber es ist hier wie in 604 [kuado] in der Doppelbedeutung 
«Wetzstein» + «Kumpf» vorhanden gewesen; dann ist [kuso] «Holz¬ 
schale» unmittelbarer Ersatz von [kuado] «Holzkelle». 






WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN 


49 


|kua]. 


[ku]. 

.[kua] 


[kuar] 


[kuer] 

[kut]. 



[koder] 

cote. 



Àhnlich ist das Entwicklungsbild der ubrigen zuletzt besprochenen 
Mundarten. 

29. So bleiben noch zwei Dialektgebiete zu besprechen, auf denen 
cote heute bis auf wenige Reste geschwunden ist, nàmlich das Slid- 
ostfranzòsische und das eigentliche Provenzalische mit den anschlieBen- 
den Mundarten des Languedokischen. Im Sudostfranzòsischen ist zu- 
nachst im Gegensatz zu den eigentlichen provenzalischen Mundarten 
von einer Form couz auszugehen, die aufier durch die im folgenden 
besprochenen Ableitungen durch die Form [kos] im Aostatale (um 
Punkt 975) bei Cerlogne, Dict. du patois Valdótain, Aoste, 1907, 
117 gesichert ist 1 . Dieses cous ist nach Mafigabe der Karte loup 
des ALF 783 zu [kou] geworden (so fur die Punkte 989, 988, 975, 
985, 939 zu erwarten), das dann im Norden uber [kcio\ (957, 958, 969, 
70) zu [ka] (40, 50, 60, 5t, 61, 62), im Westen zu [kó] riickgebildet 
werden solite; vgl. zu dieser Ruckbildung Philipon in P. Meyer, 
Documents linguistiques du midi de la France, Paris, 1909, S. 114. 
Dieses westliche [ ko] ist durch das schon erwàhnte [ akò] des Punktes 
918 bestatigt. In Savoyen solite gleichfalls die Form [kó\ herrschen; 
vgl. [lo] -lupus in 955, 964. Von diesem ganzen Gebiet ist aber 
nur [&05] in Aosta, [ akò ] in 918 und in Savoyen, Punkt 963, ein ver- 
einzeltes [koe] statt des zu erwartenden [ko] zu finden; cotis ist also 
nur dort erhalten geblieben, wo auslautendes -5 erhalten btieb oder 
cote selbst nicht-lautgesetzliche Umgestaltungen erfuhr. 

Àhnlich steht es hier mit den Entsprechungen von cotarium. 
Lautgesetzliche Formen sind nur am àuBersten Rand des Gebietes zu 
finden, so in den Punkten 969, 977, 978 der franzòsischen Schweiz, 
in 985 Piemont usw. Im Zentrum des Gebietes erscheint fur cotarium 
eine Form [kofi], so im Departement H. Savoie und den anschliefien- 


1 Cos sm. Allé à gran —, aller à toute hàte, au grand galop, à la course. 
Sf. Pierre à aiguiser; cose = cove sm. Etui ou on met la cos ou moietta 
(pierre à aiguiser). Vgl. dazu S. 10 der Einleitung «S sonne à la fin 
des mots.» 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


4 








50 


ERNST GAM1LLSCHEG 

li 

den Mundarten der franzòsischen Schweiz; dieses [kofi] wird ringsum 
von einem Typus [kove ], [kovié], [bovi] eingeschlossen, der iiber das 
Sudostfranzòsische hinaus, das Rhònethal abwarts bis an die t>d- 
Grenze sich erstreckt und im Nordwesten fast das ganze Departement 
Doubs und Jura mit einschliefit. 

\kofi\ und [itovi] kònnen nicht auf die gleiche Grundform zuriick- 
gehen, und doch mufi ihre Entstehung ahnliche Vorbedingungen haben. 
sonst kònnte nicht das [£o/z] - Gebiet in dem [itovi] - Gebiet aufgehen. 
Das Gebiet, in dem fiir cotarium die Form [Jtoji ] erscheint, fallt 
nun fast Punkt fiir Punkt mit den Gebieten zusammen, wo cale e are 
als [sofi], [sqfi] (ALF 259), nuptia als [nofe] (ALF 913), frz. danser 
als [elafi] (377), lat. dulcis als [dofe], [dojc] (ALF 421), afz. lairei 
als [Icife] (ALF 746) auftritt, d. h. [kofi] geht auf ein alteres [kotsier] 
zuriick, das mit den [, kiitsc ], [itutser | - Formen des Westladinischen 
identisch ist, s. S. 6 1 * * * * * . ^ 

Dieses [itotsicr] Kumpf kann aber lautlich ebensowenig *cotiarium 
sein wie das S. 7 angefiihrte gròdnerische [kitsé] ; es ist vielmehr 
Neubildung von einem [kots] Wetzstein , der Vorstufe des in Aosta 
noch bezeugten |/J05|, siehe oben. Fine entsprechende Ableitung, aber 
mit stimmhaftem Konsonanten im Inlaut liegt in den Formen [kudse] 
987 und [itoze] 975, 986 vor, die ein alteres \kodzcr\ zu [À 7 o/5] Wetz¬ 
stein voraussetzen. 

Es hat sich also offenbar auch auf diesem Gebiet das Bedtirfnis 
nach einer Neubildung fiir cotarium geltend gemach£; denn dab 
auch hier einmal cotarium vorhanden war und nicht etwa ^kot- 
sarium die alteste Bezeichnung des Kumpfes bildete. zeigen die 
cotarium-Reste in 985, 969, 978, 977 an. Diese Neubildung, die 
auf der Lautform der Bezeichnung des Wetzsteins aufbaut, erreichte 
die Entsprechung des lat. cotis in der H. Savoie und den anschlieben- 
den Mundarten auf der Stufe [kots ], [, kouts ], wie ja noch beute in 
einzelnen savoyischen Mundarten die Auslautkonsonanten gesprochen 
werden, vgl. S. 30 Anm. ; auf dem grofiten Teil des siidostfranzòsischen 
Sprachgebietes setzt die Neubildung [kovic] dagegen einen Stamm 


1 Das ehemalige Verbreitungsgebiet des Wandels von ts zu f sowie die 

Bedingungen, unter denen dieser tìbergang eintritt, sind unklar. Heute 

finden sich kèine oder nur vereinzelte .AFormen fiir écrevisse, ficelle, force , 

herse, pace , écorce, sorcier, source, sourcils u. a.; massue, wafon, bossn, 

giace haben f nur im Norden, embrasser nur ini Stiden des [&Q//]-Gebietes. 

mofa fiir mousse fehlt in der H. Savoie, erstreckt sich aber iiber weitere 

Gebiete der franzòsischen Schweiz und Piemonts. 



WJiTZSTEIN' UND KUMPF IM GALLOROMANISCHKN 51 

\kov\- voraus, der von einem aiphthongischen [kou] «AVetzstein» aus- 
geht K 

30. Es ist nun zunachst zu erklaren, warum auch auf diesem Ge- 
biet das alte cotarium geschwunden ist. Denn die Beobachtungen 
auf den anderen Gebieten haben gezeigt, datò die blofie lautliche Ent- 
fernung zwischen cote und cotarium allein noch kein gentigenderGrund 
ist, dafì die laùtgesetzliche Entsprechung von cotarium umgebildet 
vvird. Es gilt daher zunachst, iiber die Form ins klare zu kommen, 
die dieses bei ungestòrter Entwicklung auf unserem Gebiet angenommen 
hatte. Zunachst muBte das intervokalische -t- hier wie im Nord- 
franzosischen fallen. Die t>d- Grenze hat schon im 14. Jahrhundert 
ungefahr den heutigen Gang. So wird fiir feta schon im 14. Jahrhundert 
weit sudlich im Departement B. Alpes, durch das noch heute die d- 
Grenze zieht, fella, feci neben feda y vehel — vitellus angegeben; s. 
P. Meyer, Doc. ling. S. 235, 407. 

Ftir -arium gibt Staaf, 1. c. S. 98, die folgenden Entsprechungen : 
Waadt, heute fiir februarius die Endung - ai , -e, vereinzelt -i; -ai, 
-, e fiir altes - er, -i fiir - ier , da§ aber von den Palatalstammen ausgeht, 
also urspriinglich bei cotarium nicht vertreten war. Wallis zeigt 
heute gròBtenteils die Verallgemeinerung der -ier- Form, daneben -e , 
- ei , -tir, Belege, die eine Entwicklung -eir, - er, -ar erschliefien lassen. 
Neuenburg hat heute -ier verallgemeinert. Freiburg hat -arium 
(mit -67, -é) von Palatal + -arium (mit -/) geschieden ; Jura wie 
Neuenburg. Fiir die Dauphiné sind alte Formen bezeugt, so im 
12. Jahrhundert -er neben ier fiir Palatal + - arium. Erst Ende 
des 15. Jahrhunderts wird -ier allgemein. Auch das delphinatische 
-er wird von Staaf auf eine Form -eir zuriickgefuhrt. Dafi im Lyo- 
nesischen die Entwicklung dieselbe war, wurde S. 37 ausgefiihrt. 

Es wurde also cotarium iiber codeir~ zu coer , das heute im Siiden 
als [kue] erscheinen solite, wo nicht im 14./15. Jahrhundert an Stelle 
der Endung -er die palatale Entsprechung -ier eintrat. Ein solches 
coier ware dann zu [bui] geworden. Diese Formen finden sich auch 
tatsachlich in den Mundarten, die cotarium bewahrt haben: coer 
als [ ko a e ] in 969 fdazu \m Q ola de ko a e\, das ist merde de coyer fiir 


1 Gauchat BGPSR 2, S. 34 sieht in \kovef (Greierz) die unmittelbare 
Fortsetzung eines *cotarius und vergleicht damit das y in frz. pouvoir. 
Hierher gehort auch die Form von Vionnaz bei Gilliéron, Pat. com. de 
V., S. 159, nàmlich [korvài\, das ein àlteres [kóvùi] mit langem o und 
falscher Riickbildung von langem Vokal + stimmhaftem Bauerlaut zu 
Vokal 4* r + Konsonanten voraussetzt. Auch dadurch ist geradlinige 
Weiterentwicklung des lat. cotarium ausgeschlossen. 


4 * 



52 


ERNST GAMILLSCHEG 


* 

den «Wetzstein») im Berner Oberiand, als [kue J 977 Wallis; daneben 
coier in [kui] 978 ebenda. [kui] und [kue] finden sich ahnlich neben- 
einander im Departement Doubs und den im Nordwesten anschlieften- 
nordfranzosischen Mundarten. 

Dieses urspriinglich zweisilbige [kuer ], [kuier], spater [kue] , [kui], 
ist in der Folge einsilbig geworden — nur [kui] in 978, 985 ist noch 
zweisilbig —und ist nun in zwei verschiedenen Perioden 
mit der Entsprechung von lat. corium • zusammenge- 
falien. Der «Kumpf» wird zum «Leder». Auch hier ist eine Be- 
grundung daflir, dafì nicht dasselbe Wort gleichzeitig «Leder» und 
«Kumpf» bedeuten kann, tiberflussig. [kover] ist also eine Abwebr- 
bildung gegen [kuer], das zu [kuer] — «Leder» + «Kumpf» zu werden 
droht. 

Fur den Siiden des covier- Gebietes liegt diese Entwicklung klar vor 
Augen. Es ist hier wie im ganzen Osten Nordfrankreichs corium 
zu coir geworden, das zunachst zu [kuer] wurde und nun zum Teil 
in den Ersatz von - er durch -ier, d. h. von -arium durch -(i) arium, 
hineingezogen wurde. Das zeigen besonders deutlich die Mundarten 
der sudlichen franzòsischen Schweiz, die heute fur corium die Form 
[kui] aufweisen, wo ftir cotarium Formen mit der Endung -i sich 
finden, dagegen [kue], wo -arium als -e(r) erscheint, vgl. : 

959 968 978 979 989 988 977 976 

corium [kue] [kue] [kui] [kuir] [kui] [kui] [kuei] [kyer] 
cot arium [kovò] [kove[ [kui] [kovi] [kovi] [kovi] [kue] [kove] 

Diese Ubersicht zeigt gleichzeitig, wie die Mundarten, die hier noch 
co tari um bewahrt haben, gegen die Homonymitàt mit corium an- 
kampfen; 968 und 977 sind unmittelbar benachbart. 977 hat [kue | 
«Kumpf», 968 genau die gleiche Form fiir «Leder». In der Be- 
deutung «Leder wird [kuei], das ist [kue] «Kumpf» mit einem -i-Nach- 
klang angegeben, der hier sonst nirgends auf der Karte cuir des ALF 
zu finden ist; d. h. [ku$i] ist Kreuzung von [kue] «Leder + «Kumpf 
mit [kui] « Leder « der òstlichen Nachbarmundarten. 978 hat [kilt] 
«Leder» neben [kui] «Kumpf». Auch dieser Unterschied scheint un- 
organisch zu sein, jedenfalls nicht stark genug, um beide Formen auf 
die Dauer nebeneinander zu halten. 

Das Zentrum des covier- Gebietes (Savoyen und die anschliebenden 
Mundarten im Osten, Norden und Westen) fàllt mit dem Gebiet zu- 
sammen, auf dem corium als [kuer], [kuir] bzw. mit Fortsetzungen 
dieser Formen erscheint. Hier ist also c o t a r i u m auf der Stufe 
[kuer] mit [kuer] — corium in Konflikt geraten und in [kou er], 
[kover] verdeutlicht worden. Wo corium auf diesem Gebiet mit der 


WETZSTE1N UND KIJMPF 1M GALL0R0MAN1SCHEN 


53 


Form [kitir\ erscheint, hat es wie in Wallis -ir nicht als Reflex der 
Endung von corium, sondern -(i)arium. Das covier- Gebiet greift 
aber im Siiden tiber das [kuer\ — corium-Gebiet hinaus. Da aber 
hier corium in der zweifellos entlehnten Form [ktiir] erscheint. 
aufierdem nur im Westen und Siidwesten des [kuer] — corium-Ge- 
bietes fiir corium «Leder» peau als Ersatzform auftrift (11, 919, 
916, 908, 838 und einige andere), ergibt sich deutlich, da!3 es auf 
diesem Gebiete eine Erschiitterung in der Lautform fiir corium ge- 
geben hat, und da der covier- Typus an der £>^-Grenze haltmacht, 
wird man sein Vordringen in den Siiden mit einer gewissen Wahr- 
scheinlichkeit wie im Norden mit einem ehemaligen Zusammentreffen 
von corium und cotarium erklaren dlirfen. 

Andérs liegen die Verhaltnisse im nòrdlichen Teil des covier- Ge- 
bietes. Hier ist corium liber afz. coir zu [, koi ] geworden, das im 
Norden des covier-Ge bietes in einigen Ortschaften in dieser Form er- 
halten ist, dagegen slidlich davon tiber [koi] zu [ko \, [kit) wurde, 
Hier war also ein Zusammenfall von cotarium und corium nicht 
auf der alteren Stufe coer moglich, sondern erst dann und dort, wo 
dieses mit Verallgemeinerung der Palatalform von -arium, das ist 
-ier, zu coier, spater \koir] wurde. Dieser Ersatz von -er durch -ier 
ist aber nach Mafìgabe der Karte poirier des ALF nur im Osten des 
corium-Gebietes eingetreten; daher greift auch [koi] —corium im 
Westen iiber das covier- Gebiet hinaus. 

Dieses lokale Zusammentreffen von \koir] Leder und [koi e r ] 1 
Kumpf erklàrt eine weitere Tatsache. Im Anschlulò an das covier- 
Kumpf»-Gebiet erstreckt sich an der franzosisch-deutschen Sprach- 
grenze eine lange Zone, in der cotarium vollstandig untergegangen 
ist. Dafiir sind als Ersatzworter botte, buhot oder Neubildungen von 
\ko ], [ku\ Wetzstein aus eingetreten, die im Abschnitt 48 erklart 
werden. Es ist auf diesem Gebiet zwar nur im Osten ^pirarius zu 
poirier geworden, wahrend die westlichen Mundarten fiir -arius 
noch heute -er zeigen, d. h. es ware, wenn man die heutigen Ver¬ 
haltnisse allein berticksichtigt, nur im Ostteile dieses Gebietes zu einer 
Homon}^mitat zwischen corium und cotarium gekommen; aber der 
Typus coier kann hier ehemals weiter westlich gereicht haben, als 
dies aus der Karte poirier hervorgeht, da hier fiir den Ersatz von 
-arius durch -(i)arius noch als weiterer Grund das Vermeiden des 

1 Uber die Betonung ie fiir den afz. Diphthongen ie s. Meyer-Liibke, 
Frz. Gramm. I, 57 f. ; der Ubergang von ie zu i im Ostfranzosischen ist ebenfalls 
schon spàtaltfranzosisch, ist also zweifellos alter als die Weiterentwicklung 
von oi zu ói im siidlichen Teil des [koi]- Gebietes. 



54 


ERNST GAMILLSCHEG 


Hiatus in [ko-er\ hinzukam 1 . Jedenfalls erklart eine solche drohende 
Homonymitat von corium und cotarium + -(i)arium dieauffàlligen 
Formen fiir den «KumpL in den beiden Ortschaften 153 und 171 in 
unmittelbarer Nachbarschaft des Gebietes, in dem cotarium voll- 
stàndig geschwunden ist, namlich [kuoj] in 153 und das daraus ent- 
standene [ka^ii] in 171 2 . oi ist in 153 die normale Entsprechung von 
-orium, ebenso u in 171; aber eine Bildung *cotorium gerade nur 
hier ist ein Ansatz, aber keine Erklàrung. Aber oi in 153 und ii in 
171 ist auch das Ergebnis von -orium, vgl. [koj] bzw. [kiìr\.i\ìr 
corium. Ich vermute daher, dafi hier ehemals corium als [koir\ 
und cotarium als [koir] zusammenzufallen drohten, und dafì deshalb 
die Beziehung des letzteren zum Stammwort cote neuerdings zum 
Ausdruck gebracht werden solite. So wurde in 153 [koir] <Kumpf 
in ein [ku-oir] verdeutlicht, àhnlich in 171 [koir] in [kou-oir] mit Ein- 
beziehung der Form [kon] fiir cote. 171 hat beute [ku] Wetzstein , 
das also nach Mafigabe der Ableitung aus alterem [kon] entstanden 
ist. Diese Zerdehnung der lautgesetzlichen Form von cotarium 
und die gleichzeitige Neueinbeziehung des Grundwortes in die Form 
der Ableitung war also ein Mittel, den Zusammenfall von Kumpf 
und < Leder zu vermeiden; die Mehrzahl dieser nordlichen Mundarten 
verzichtete aber auf ein Eingreifen in dìesen sprachlichen Konflikt und 
gab die Entsprechung von cotarium vollstandig auf. [kauit] von 171 
besteht also etymologisch aus vollbetontem cote und einer Endung, 
die gleicherweise - o r i u m wie -otarium ist. 

Dèr Parallelismus zwischen den zuletzt angefuhrten Formen und 
dem covier des Siidens ist augenscheinlich. [kover] ist ein [kon] 
«Wetzstein^ + -er als Protest gegen den Ubergang von [kuer] zu 
[ikiier] , das ja Leder bedeutet; [ ku-oir ] in 153 ein Protest gegen 
[kojr] , das zu [koir] zu werden droht und damit ebenfalls «Leder 
bedeutet. Dieser Zusammenfall von corium und cotarium im 
gròfiten Teil des Ostfranzosischen fuhrt uns in das spatere Mittelalter, 
zum Teil in die Zeit vor dem Verstummen der Auslautkonsonanten 
zurlick; denn [ku-oi] in 153 setzt ein noch lebendes [ku] ^Wetzstein , 
[kojì] in Savoyen ein [ kots ] mit noch gesprochenem Auslaut, endlich 
der covier- Typus ein noch lebenskraftiges diphthongisches [kon] «Wetz- 


1 Im ganzen Osten des nordfranzòsischen Sprachgebietes werden Hiatus- 
vokale nicht kontrahiert, es treten dazwischen Ubergangslaute auf, vgl. zum 
Beispiel lothr. [meni] — maturus; vog. [fe%in\ — :|i faguina; es ist also 
hier [ koet] > [ koier] geworden, auch wo sonst -arium als -er erhalten 
blieb. 

2 S. dazu Bourberain kuati, RPG 2, 267 , (J. Jud). 




WETZ STEIN UND KUMPF IM GALLO ROMAN 1SCH EN 


55 


stein voraus. Warum ist aber nun dieses geschwunden, nachdem es 
sich eben erst als lebenskraftig erwiesen hatte? 

31. Das [ku] «Wetzstein von 153 wurde durch [ ku ]— coda er- 
driickt, das heute das ganze nordliche covier -Gebiet ausfiillt, ungefàhr 
von der Linie an, wo [kner ]— corium aufhort. Aber weiter slid- 
lich ist ein Zusammenfall von coda und cote auf lautlichem Wege 
ausgeschlossen, und doch ist es auch hier zu einem solchen gekommen. 
Den Weg,N der zu diesem Zusammenfall fuhrte, zeigt .uns die Form 
[, koe ] Wetzstein des Punktes 963 an, die unmittelbar an das covier- 
Gebiet angrenzt. Dieses [koe] ist nicht lat. cote, sondern ein aus 
cotis — cotis entstandenes [ ko ], das die weibliche Endung -e fur lat. 
-a angenommen hat. -e als Entsprechung von lat. -a hat heute bei 
mola zwar nicht der Punkt 962, aber das benachbarte 972, auch die 
Nachbarmundarten von 963 im Westen zeigen bei mola die Tendenz, 
das auslautende a verstummen zu lassen, was Edmont durch die 
Form mol a andeutet. . Ein konsonantisch auslautendes [kouts] oder ein 
daraus riickgebildetes [kout ] 1 kònnen ihrer Form nach auch Feminina 
sein : aber ein daraus entstandenes f kou ], [ko] rtickt formell in die 
Klasse der Maskulina ein 2 ; dagegen straubt sich die Sprache. Das 
zeigt augénscheinlich die Viertelkarte gin des ALF, die gerade das 
hier behandelte Gebiet Frankreichs beriicksichtigt. Lat. gius glutis 
Vogelleim ist morphologisch die genaue Entsprechung des lat. cos, 
cotis, ebenso afz. gius die des afz. cous , s. S. Bff. Innerhalb des covier- 
Gebietes ist nun mit wenigen Ausnahmen das aus afz. gius entstandene 
giu entweder zum Maskulinum geworden, oder es wurde an den Stamm 
[giu] die feminine Endung -a angehangt. Der erste Weg, Ubergang 
des femininen [kou] zum Maskulinum, fiihrte aber zum Zusammenfall des 
Wortes mit con — collum, wurde daher wohl kaum beschritten. Der 
zweite Weg, nàmlich die Anhangung des femininen -a an [kon], fuhrt 
zwar nicht unmittelbar, aber in der Folge zu einem ahnlichen Ergebnis. 
Es hat feminines [kon] die charakteristische Endung -a angenommen, 
wie das angefiihrte [koe j des Punktes 963 deutlich zeigt, aber wohl 
erst als [koua] «Schweif zu [kaija] geworden war, wahrend [ kotj ] Wetz¬ 
stein noch einen o-Diphthongen besafi, wie etwa noch heute zum 
Beispiel in Punkt 985 noch [lon] — lupus neben kava «Schweif- steht. 

1 Vgl. dazu die S. 30 Anm. angeftihrten Hauptwòrter mit analogischem -t in 
Lanslebourg, ferner S. 7 die Erklàrung des westlad. kut. Vgl. auch afz. 
viet — vetus bei Kraus, Ostliche Champagne, S. 71. 

2 Vgl. dazu M. Gabbud und L. Gauchat in BGPSR 7, 5: «Les ter- 
minaisons ou , óu , ò s’appliquent exclusivement nous semble-t-il, à des noms 
masculins » (Mélanges Bagnards.) 


56 


ERNST GAMILLSCHEG 


Es wird also wohl [kou] «Wetzstein» zu [koua] geworden sein, als 
coda bereits die Form [kaua] erreicht battè. Aber der Unterschied 
zwischen [kgua] «Wetzstein» und [kaua\ «Schweif» war offenbar auf 
die Dauer kein besseres Mittel gegen den Zusammenfall der beiden 
Wòrter als im anschliefienden Westen der Unterschied zwischen [kua] 
«Wetzstein» und [kua] «Schweif», s. S. 45; denn zunàchst lag der 
Ubergang von offenem o zu a vor u auch in der Entwicklungs- 
richtung des [ou] , nachdem [k$ua] zu [kaua] geworden vrar, wie die 
Form [lao] flir lupus und die Weiterentwicklung zu [la] zeigt, s. 
S. 49, und dann kam der assimilierende Einflufi des auslautenden -a 
hinzu, der nun [koua] «Wetzstein» von [lou] lupus weg in die 
Richtung nach [kaua] «Schweif» hin verschob. So kam es nun doch 
zu der unvermeidlichen Homonymitat der beiden Wòrter, deren tat- 
sachliches Vorhandensein durch zweierlei Erscheinungen bestàtigt 
wird: 1. durch die Art des Ersatzwortes fiir [koua) Wetzstein , 
uber die in Abschnitt 52 berichtet wird, und 2. durch die unorga- 
nische Entwicklung von coda im Nordteile des covier -Gebietes. 

Die Homonymitat der Bezeichnungen fiir den Wetzstein» und den 
«Schweif» fiihrt also zu den gleichen Ergebnissen wie auf den ubrigen 
Gebieten: Es schwindet entweder [kaua] Wetzstein» allein, oder es 
schwinden beide Begriffe. Fiir das unliterarische [kaiia] «Wetzstein 
tritt eine Ersatzform ein; fiir das literarische [kaua] Schweif» wird 
in den der Literatursprache zugànglichen Mundarten das literarische 
queue angepafit; die widerstandsfàhigen Mundarten greifen zu einer 
Form der Nachbarmundarten. 

Der erste Fall ist in Neuenburger und Berner Mundarten eingetreten, 
im ALF den Punkten 939 [kiewa], 40, 50 [tiiiva], 51, 61, 62, 60, 70 
[kiiva] , die sàmtlich auf ein alteres [kóva] zurtickfiihren, das angepafites 
frz. queue darstellt. Àhnliche Formen in 41, 31 (Doubs). 20, 30, 928, 
938, 927 (Jura), die aufier dem an der Grenze liegenden 41 durchwegs 
sich im covier- Gebiet finden 1 . Der zweite Fall, namlich die Aufnahme 
einer Form der Nachbarmundarten, kann im Departement Savoie ein¬ 
getreten sein, das heute die Form [kìia] aufweist; doch kann hier 
[kua] auch unmittelbar aus alterem [koua] entstanden sein, wie wohl 
auch [kua] 937, 959 (Waadt), [kua] 52 denselben Ursprung haben. 

1 Vgl. dazu Urtel, Beitràge zur Kenntnis des Neuchateler Patois. Darm¬ 
stadt 1897, S. 28. «Coda erscheint als kiiva (kòa - kùa - kiiva) von, Corn. 
(àux) bis Vaum. (arcus). In Cres. (sier), Land, (eron) finde ich kaw , in Lign(ières) 
kau, dessen Entwicklung wohl die gleiche wie bei kaua (Val de Bagnes) ist. 
SchwerlichkannhieraneineErhaltungdesaltenDiphthongen 
gedacht werden. Ebenso unklar ist kni’ya (Provence, Kanton Waadt). 


WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMANI SCHEN 


57 


Ist hier die Form [kiia] alt, dann ist hier wohl zunachst neben [kua] 
Schweif» ein [koa\ (vgl. [koe] in 963 an der covier - Grenze), [kua\ 
Wetzstein» getreten, das als [kua\ mit [kua] «Schweif» homonym zu 
werden drohte und nun schwand, wie im Norden [kaua] » Wetzstein » 
vor dem homonymen Schweif». 

32. Es wirkt schon einformig zu sehen, wie coda immer wieder 
mit cote in Konflikt gerat. Denn dasselbe Schauspiel bietet uns das 
letzte Gebiet, das im Stiden noch zu besprechen ist, die eigentliche 
Provence mit den anschliefienden Mundarten des Languedokischen, 
wo cote tiber [kilt ] zu [ku] werden mufite. Um den genauen Weg 
der sprachlichen Entwicklung auf diesem Gebiet verfolgen zu konnen, 
ist es notwendig, die heutigen /Entsprechungen des aprov. eoa — 
coda genauer zu betrachten. Auf fiinf verschiedenen, zum Teil aus- 
gedehnten Gebieten ist an Stelle des einfachen eoa die Ableitung 
eoeta Schweiflein» eingetreten, der wir schon im Norden in Poitou 
als Abwehrform gegen [ku] = cotis + coda begegnet sind. Diese 
getrennten eoeta-Gz biete werden samtlich miteinander durch Zonen 
verbunden, in denen statt des aprov. eoa frz. queue eingedrungen ist. 
Die fiinf eoeta - und die vier queue -Gebiete bilden einen zusammen- 
hangenden Komplex, der an keiner Stelle von einem organisch ent- 
wickelten eoa unterbrochen wird. Wiirde sich eines der eoeta- oder 
queue-Gebiete etwa inmitten eines eoa - Gebietes finden, dann konnten 
die Neubildungen eoeta und queue unabhangig voneinander erklàrt 
werden; so aber bilden eoeta und queue eine untrennbare Einheit. 

Dieser geographische Zusammenhang der beiden Typen kann theo- 
retisch dreierlei Erklarung finden: 1. Das Gesamtgebiet von eoeta + 
queue war urspriinglich ein einheitliches eoeta- Gebiet, queue ist 
sekundar; 2. es war ein altes queue-Geblet, eoeta ist sekundar; 3. ein 
einheitliches Gebiet mit einer Form fiir aprov. eoa , die untergehen 
mufite, wurde in die verschiedenen eoeta- bzw. queue - Gebiete ge- 
spalten ; denn das Eintreten einer Koseform oder der literarischen Form 
fiir den Begriff .<Schweif sind naheliegende Mittel, eine unbrauchbar 
gewordene Form fiir coda zu ersetzen; sie konnten also unabhangig 
voneinander an verschiedenen Punkten zur Anwendung kommen. 

Die Entwicklung des aprov. eoa fallt unter drei Lautgesetze, den 
Wandel von betontem o zu u, den Wandel von auslautendem -a zu -o, 
und die Akzentverschicbung in eoa auf den Auslautvokal. Die rela¬ 
tive Zeitbestimmung dieser drei Erscheinungen ist unsicher. Der 
Wandel von o> u erstreckt sich iiber das ganze provenzalische Gebiet, 
von wenigen òstlichen Mundarten abgesehen. Er ist zuerst im Limu- 
sinischen bezeugt, und zwar im 14. Jahrhundert, s. Porschke, Laut- 


58 


ERNST GAMILLSCHEG 


und Formenlehre des Cartulaire de Limoges, Breslau 1912; in der 
Gascogne im 15./16. Jahrhundert, s. S. 29; fiir die Dauphiné im 
16. Jahrhundert gesichert. Auslautendes -a ist noch heute namentlich 
im Westen des provenzalischen Gebietes inselfòrmig, dann geschlossen 
im Siidostfranzòsischen erhalten, ist dagegen im Limusinischen seit 
dem 15. Jahrhundert (Chabaneau, RLR 5, 180), im Departement 
Hérault seit 1507 gesichert. Es ist auf dem letzten Gebiet sogar 
wieder zu Ruckbildungen gekommen, s. Z a u n , Ma. von Aniane 
S. 72/73. Uber die Akzentverschiebung von eoa kann nur dieses 
selbst aufklàren. Die [kua] —coda-Formen im limusinischen -o-Ge- 
biet zeigen, dafi die Akzentverlegung hier alter ist als der Wandel 
von -a zu -o ; dasselbe gilt fiir die [kua] - Formen der Provence. In 
der siidlichen Dauphiné, die heute noch -a erhalten hat, ist eine Form 
[kiia] fiir das 14. Jahrhundert gesichert, vgl. bei Devaux, 1. c. S. 194, 
456 die Schreibung cua mit u wie in cuer — corium, gegen o bzw- 
ou in prior , redolir, flours usw. 

Immerhin ist diese Akzentverschiebung zum Teil uberhaupt nicht, 
zum Teil auf einer spaterén Stufe eingetreten. Das letztere in den 
Mundarten, die fiir coda die Form [kuo] zeigen; hier ist also eoa 
uber [kuo] zu [ kuo ] geworden. Die Mundarten aber, die der Wandel 
von -a zu -o vor dem Wandel von o > u und vor der Akzentver¬ 
schiebung erreichte, mufiten eoa zu \koo\ und dieses weiter zu [kò] 
werden lassen. Dieses [kò] ist tatsachlich in dem Punkte 862 (Departe¬ 
ment Gard) an der Grenze des queae - Gebietes bezeugt, scheint aber 
ehemals weiter verbreitet gewesen zu sein, da es im languedokischen 
Wòrterbuch von D ? Hombres-Charvet neben quuio angefiihrt wird \ 

Gegen dieses Einsilbigwerden der Form \koo\ scheint sich nun die 
Sprache aufgelehnt zu haben; denn -o als charakteristisches Zeichen 
der Feminina aufzugeben. bedeutet, ein Wort aus der Klasse, in die 
es nach Form und Geschlecht gehòrt, herauszuheben ; das ist aber die 
Umkehrung der Stròmung, die Substantiva in charakteristischen 
Deklinationsklassen zu vereinigen, die man, vom Vulgarlateinischen 
angefangen, bis heute beobachten kann, und die gerade fiir die Ent- 
wicklung der Provence als ausschlaggebend festgestellt werden wird. 
Die Nacbbarmundarten von 8ò2 im Norden und Siiden, 871 mit zwei- 
silbigem [kou] , 863 mit [kuou] haben nun dieses zu verschmelzen 
drohende [koo] zu [kou] dissimiliert ; [kou] in 863 hat dann mit dem 
| kua] der Nachbarmundarten gekreuzt die Form [kuou] ergeben. 

1 Auch in der Verbindung: siès un la quò «du bist ein TaugenichtS', 
aus der hervorgeht, datò dieses quò im Begriffe ist, mit dem Artikel zu ver* 
wachsen. Es ist also offenbar das Wort im Wortkòrper zu ausdruckslos. 



WETZSTEfN UNO KUMPF IM GALLO ROMANLÌCHEN 


59 


Ein weiteres Mittel, die beiden o-Laute in [koo\ vor dem Ver- 
schmelzen zu bewahren, ist das Einschieben eines Ubergangslautes. 
So erscheint in 778, das unmittelbar an der collette -Grenze liegt, die 
Form [koio]. Fiir giu — gl ut e ist eine aus [glilo] gebildete ahnliche 
Form [gitilo] in 824, 833, [gloio] in 861 bezeugt. Der eigentliche 
Ubergangslaut zwischen den beiden velaren o-Lauten ist aber nicht 
das i der Palatalreihe, sondern u , und so ist auch in unmittelbarer 
Fortsetzung der f/v’0/o]-Form im Westen [koo\ zu [kouo] geworden, 
das von dem Wandel des betonten o > u ergriffen und zu [kuuo] wurde, 
das nach einerii bekannten, auch in historischer Zeit noch wirkenden 
Lautgesetz in [ kugo ] iiberging. Dieses ist die Form fast der ganzen 
Departements Hérault und Aude, und auch die [/^oj-Formen am 
Westrande des [£//g-o|-Gebietes durften auf einem [kouo ], [kuiio] be- 
ruhen. Damit ist das Zwischengebiet zwischen dem languedokischen 
collette — quelle- Gebiete und den entsprechenden Dialekten der De¬ 
partements H. Garonne und Ariège als ehemaliges [£oo]-Gebiet ge- 
wonnen. 

Man wird aber weiters schliefien dtìrfen, daB auch die verschiedenen 
couettc- und quelle- Gebiete auf einer Unterschicht [koo] aufbauen. 
Denn sieht man von den Mundarten des Departements Hérault ab, 
flit* das in alter Zeit der Wandel von -cr>-o bezeugt ist, wenn er 
auch spater wieder riickgangig gemacht wurde, s. S. 58, so zeigt 
sich, dafi die queue - couctte -Formen genau dort einsetzen , wo der 
Wandel von -a>-o beginnt. Es ist demnach ein [koo\ y das zu [kò] 
zu werden droht, in der einen Gruppe von Mundarten in queii-o ver- 
deutlicht worden; d. h. die literarische Form von coda wird heran- 
gezogen, um dem Worte seine morphologische Steli ung zu bewahren, 
oder [koo\ wird in [koeto] verdeutlicht; an Stelle der verschwindenden 
Endung -o wird die feminine Form des Diminutiv - Kosesuffixes 
-ittus eingesetzt. \koio\, [koiio], [ko-o\ und [koeto] sind also nur 
verschiedene Mittel, ein einsilbiges, aus dem iibrigen Formenschema 
herausfallendes [ko\ zu vermeiden. Diese vier Typen zusàmmen- 
genommen fiillen ein altes zusammengehoriges Dialektgebiet aus, das 
auch in anderen sprachlichen Erscheinungen bisweilen gleiche Wege 
geht, (so zum Beispiel erscheint hier frz. aveugle als civókl u. a.). 
Daher erklart es sich auch, da£> die einzelnen collette- und queue - 
Gruppen luckenlos aneinander anschliefien. 

33. Dagegen ist das Gebiet der eigentlichen Provence ein altes 
[kua | - co da-Gebiet; denn dieses ist nicht nur im heutigen -a-Gebiet 
bezeugt, sondern auch im aufiersten Siiden (Var, B. du-Rhòne), wo 
-a zu -o geworden ist. Wenn dazwischen nun \k]ià\, f^o]-Formen 


60 


ERNST GAMILLSCHEG 


auftreten, so handelt es sich wohl um sekundàre Zuriickziehung des 
Akzentes; s. dazu S. 31. Es standen also hier nach dem Verstummen 
der Auslautkonsonanten ein [ku] , zum Teil auch [ko] Wetzstein» 
neben [kua] «Schweif». 

Es zeigt min das ganze hier in Betracht kommende Gebiet fiir giu 
Vogelleim», alter [gliit], durch die Femininendung erweiterte Formen: 
[gliia] in 935, 959, 971, 879, 889, 825, 877; [gliio] in 849, 847,' 873, 
729; [gliié] in 866, 878; [glóio] in 861; [gliiio] in 824, 833; [gloo] 
in 778; [glóa] in 768. Dazu die bemerkenswerten Formen [glua] in 
819, [glua] in 937. Wie schon erwàhnt, findet sich * neben diesem 
femininen [gliio] auch maskulinisches [giti] ; dagegen ist lautgesetzlich 
erhaltenes feminines giu nur ganz vereinzelt zu finden. 

Es ist also hier [ko] aus [kot] zu [koa] geworden, daher in 963 
| koe] ; dieses [koa] hat dann den Wandel von o>u mitgemacht und 
ist zu [kua] geworden. Damit war der Anstofi zum Untergang ge- 
geben. [kua] wird zu [kiia] wie [glua] in 953 zu [glua], selbst [gliia] 
in 819 zu [glua] wurde. da [ua] ein hàufiger Diphthong war, dagegen 
zweisilbiges u-a nur in wenigen Verbalformen, zum Beispiel zu 
cubare, zu finden war, und wird dadurch mit [kua] cSchweif» identisch. 
Es ist s also auf diesem Gebiete genau der gleiche Vorgang eingetreten 
wie im benachbarten Stidostfranzosischen — die beiden Gebiete sind 
ja, wie aus den angefuhrten [gliia] -Formen hervorgeht, durch die 
gleiche Stromung der Anpassung der Endung an das Geschlecht der 
Substantiva verbunden —, und so ist auch auf beiden Gebieten die 
gleiche Ersatzform fiir cote eingetreten, wie in Abschnitt 54 gezeigt 
werden wird. 

34. Auf diesem Gebiet ist cotarium zunachst im Norden als 
[koier], [kuier] erhalten, daraus mit Uberentàufierung in 879 [kulé] 
(H. Alpes). Aber im Siiden setzt ein Gebiet ein, auf dem cotarium 
entweder vollstandiggeschwunden ist oder unorganische Umgestaltungen 
mitgemacht hat, die eine Erschiitterung der Lautform von cotarium 
erschliefien lassen. Diese unorganischen Formen von cotarium greifen 
nach Westen zu in das Gebiet iiber, wo cote in lautgesetzlicher Form 
als [kut] erhalten sein solite, aber dafiir Neubildungen eingetreten 
sind. Das Fehlen von cote in der Form [kut] und das gleichzeitige 
Auftreten von unorganischen Formen fiir cotarium gerade hier 
mufi zweifellos in Zusammenhang stehen. 

Um nun bei dem folgenden ErkJarungsversuch mòglichst auf dem 
Boden der Tatsachen zu bleiben, bringe ich zunachst einige Formen. 
die meines Erachtens den Schliissel der Losung des Problems bieten. 
Im aubersten Osten des cotarium-Gebietes, in 990 (Alpes-Mar.), 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN 


61 


wird der Kumpf als [kue] bezeichnet, und zwar siidlich der t > ^-Grenze ; 
die Form ist also nicht organisch entwickeltes cotarium. Das 
gleiche [kue] bedeutet im benachbarten 898 den «Ellbogen», wàhrend 
hier cotarium durch étui wiedergegeben wird. Fiir das lateinische 
cubitus zeigen die an der aufiersten Grenze des franzòsischen Sprach- 
gebietes liegenden Punkte 990 [guve\ 899 [guio], 893 [kuvedé], die 
ubrigen Mundarten des hier behandelten Gebietes [kude], Es ist also 
hier cubitus Iiber [kovede], das altprovenzalisch belegt ist ? einerseits 
zu [ koude ], [kude] geworden, wàhrend anderseits die Formen [guvé], 
[kue] an den Randgebieten eine Weiterentwicklung von [kovede] > 
[i kovee] > [koite] erschliefien lassen. 

Das Nebeneinander von [kue] als «Kumpf» in 990 und als Ellbogen 
in 898 deutet augenscheinlich auf einen Zusammenfall von cubitus 
und cotarium hin. Dieser Zusammenfall erfolgte aber nicht auf 
der Stufe [kue] (die auf lautgesetzlichem Wege hier niemals auf 
cotarium zuruckgehen kònnte), sondern auf der Stufe [kude]. Denn 
auch hier ist die alte Entsprechung von -arium zunachst -eir, 
spater - er ; s. Staaf, 1. c. S. 118. Es ist also cotarium iiber coder 
zu [kuder] geworden, das nach dem Schwunde der Auslautkonsonanten 
dort, wo cubitus nicht die EntwickWng zu [kovee], [koiie] mit- 
gemacht hat, also liberali auBer in den ^aufiersten Randmundarten, 
mit [kude] «Ellbogen» zusammenfiel. Von den Mundarten, in denen 
heute [kude] «Ellbogen» zu finden ist, haben nur 896, 897, 894 iiber 
[kuder] lautgesetzlich entwickeltes [kudie] ; das sind aber gerade die 
Mundarten, die das òstliche [koue] — cubitus-Gebiet mit dem [kuvede] 
des Punktes 893 verbinden, wo also [kude] — cubitus vermutlich 
nicht einheimisch ist. Die ubrigen Mundarten haben dagegen [kude] - 
cotarium durch fremde Stamme ersetzt ([ badauko ], [balio], étui ): 
die an der t > d-Grenze gelegenen Mundarten haben die nòrdliche 
Form [kuie] iibernommen. Endlich der Punkt 990 hat offenbar ur- 
spriinglich ebenfalls ein doppeldeutiges [kude] besessen; er entlehnt 
daher fiir cubitus den im Siiden angrenzenden Typus, ersetzt also 
[kude] «Elbogen» durch das fremde [kue] ; wie schon so oft beobachtet 
wurde, dringt nun die als Schutz gegen die Homonymitàt entlehnte 
Form auch an die Stelle des zweiten [kude] vor, so daB die Mundart 
nun ein doppeldeutiges [kue] besitzt. Dasselbe war in der benachbarten 
Mundart 898 der Fall. Um dieser neuen Homonymitàt auszuweichen, 
greift 990 neuerdings zu der friiher aufgegebenen Form fiir «Ellbogen», 
nàmlich [kude J, das in den Nachbarmundarten im Norden noch lebt, 
zuriick; so wird [kj*e], das etymologisch cubitus ist, in der Bedeutung 
«Kumpf» frei und bleibt so in der Mundart. In 898 wird dagegen 


62 


ERNST CiAMILLSCHEG 


\kue\ in der etymologischen, wenn auch nicht einheimischen Bedeutung 
Ellbogent erhalten, fiir cotarium tritt eine Ersatzform ein. 

35. Im Westen dieses Gebietes (auf dem also cubitus in der Form 
| kudé\ erscheint) tritt fur lat. cubitus die Form [kuide] auf, die sich 
iiber die Departements Gard, Hérault und einige anschliefiende Mund- 
arten erstreckt und ini Departement Aude in. eine Form \kude\ mit 
spirantischem d iibergeht, an die sich die katalanischen Mundarten des 
Departements Pyrén. or. mit [kudsé] anschliefien. Es hat also hier 
das i von [kuide], aprov. coide das d palatalisiert. 

Der Punkt 786 des Departements Aude hat nun fiir das [kudc] der 
Nachbarmundarten eine Form f kudet], d. h. scheinbar eine diminutive 
Ableitung von cubitus, und die Nachbarmundarten 776 und 787 
zeigen das gleiche diminutive -et — -ittus in der Entsprechung von 
cotarium, namlich \kud:et\. Àhnliche Formen treten im Westen 
dieses Gebietes auf. 699 im iiufiersten Siiden des Departements 
H. Garonne (fiir das noch [kut\ Wetzstein zu erwarten ware) hat 
fiir cotarium die Form \kuzct\, das im Osten anschliefiende 790 ohne / 
diminutive Endung [kuze\. 698 endlich, die Nachbarmundart von 699, 
hat \kud$\ Kumpf neben [kudd] Ellbogen . Es ist also auch hier 
zu Beruhrungen zwischen cubitus und cotarium gekommen. Diese 
Beriihrungen miissen erklaren * 1. warum \kut\ Wetzstein auf diesem 
Gebiet geschwunden ist, 2. warum Diminutivbildungen fiir cubitus 
und cotarium auftreten. und 3. warum, abgesehen von einer schmalen 
Zunge, cotarium hier nirgends in lautgesetzlicher Form erhalten ist. 

Es lafit sich zunàchst nachweisen, dafi die auffalligen Ableitungen 
\kudìal\> \kud\au\ fur cotarium im Departement Aveyron und 
Hérault nicht auf altererò [kudic] aufbauen, also gar nicht das lat. 
cotarium fortsetzen, sondern entlehnt sind. In einem Teile des 
Departements Aveyron (P. 728) und dem ganzen Departement Lozère 
wird -arium Iiber 4cr, 4a zu -io ; vgl. die Karte pommicr, ALF 1058, 
s..Staaf, 1. c. S. 116. Die Zwischenstufe [4a\ ist in alten Texten 
bezeugt ; s. M e ) T e r - L ii b k e, Rom. Granim. I, § 237 : cavatici, tesauria , 
premia . Nun ist im Departement Lozère (das also fiir heutiges [kudio] 
ehemals die Form \kudìa\ besafi) - a aber gleichzeitig die Entsprechung 
von lat. -ale, s. auf Karte 801, maison des ALF die Form usta — 
hospitale, das nun im Siiden in die Formen \ustal\, [ustau\ iiber- 
geht. Ein [kudui] der Punkte 810, 729, 728 findet also, wenn es in 
den Siiden wandert, an der Endung von [usta] eine Entsprechung 
(nicht aber an der von -arium, da dieses hier zu -ir geworden ist) 
und wird bei der Weiterwanderung mit diesem in eine Reihe gestellt, 
d. h. es bekommt scheinbar die Endung -ale; es wird also auf dem 




WETZSTEIN UND KUMFF 1M GALLOROMANISCHKN 


63 


Wege der Wanderung, und nur unter dieser Voraussetzung, zu [kudial], 
| kudiau], Der Punkt 830 am Siidrand des Departements Lozère hat 
heute [ustau] — hospitale, wie die benachbarten Punk te des Departe¬ 
ments Ardèche und Gard, dagegen\ [pumio] — pommier wie die ubrigen 
Mundarten des Departements. Da er jedoch an der [pumie]- Grenze 
liegt, war hier das Bewufitsein, dafi dem -à des Nordens sowohl eigenes 
-au wie -jc entsprechen kann, noch wach; es schwankte daher die 
Mundart zwischen [kudic] und [kudiau], Das Resultat war eine Form 
\kud\cu\, die heute hier und in den benachbarten 824, 841 (weiter- 
entwickelt zu [kudiu]) lebt. Die Form condivi , Departement Gard 
(RLR 26, 56), deren Kenntnis ich J. Ju d verdanke, schliefit geographisch 
an [kudieu] der Punkte 841, 842 an und ist dialektische Anpassung 
dieser aus den Nachbarmundarten entlehnten Form; vgl. das Neben- 
einander von [kudfal] und [kudiau], 

Daraus ergibt sich mit Notwendigkeit folgendes: Der Typus [kudial] 
t'indet sich nur in unmittelbarer Fortsetzung der Form [kudio], die 
die lautgesetzliche Entwicklung von cotarium darstellt. Ware 
[kudial] irgendwo inmitten des [kudie]-Gebietes gelegen, dann konnte 
man versuchen, einen Suffixwechsel [kudie] zu [feudial] zu erklaren, 
wenn auch fiir einen solchen kein Grund oder Vorbild vorzuliegen 
scheint. Die geographische Lage der [kudial], [kudieu]- Formen un- 
mittelbar in der Nachbarschaft der lautgesetzlichen [^//^io]-Formen 
zwingt aber dazu, die beiden Formengruppen in Zusammenhang zu 
bringen. Dieser Zusammenhang besteht, wenn man annimmt, dafi die 
[feudial] -Formen in dem Gebiet, wo heute das zu erwartende [kilt] 
Wetzstein fehlt, aus dem nòrdlichen Gebiet, wo noch heute [kilt] 
Wetzstein erhalten ist, entlehnt $ind, und dafi sie bei ihrer Wanderung 
die Form des - a 1 e - Suffixes angenommen haben. Das Departement 
Hérault wurde schon in der Geschichte des auslautenden -a in coda als 
wenig konservativ erkannt; s. S. 58. Der Ausgangspunkt der Wanderung 
liegt in der Gegend der Punkte 728, 729, 830, diese geht also etwa 
von dem Zentrum Millau aus; sie ist erfolgt, als -arium noch auf 
der Stufe [~iu\ war. Der Ubergang von [kudio] — cotarium in 
[fcudial], y d. h. cotarium -f -ale, 'erinnert an die Wanderung des 
lyonesischen [kuaiia] = coda + femininer Endung, das auch erst auf 
dieser Wanderung fàlschlich mit *cutenna identifiziert wurde. 

36. Wenn also [kudial], [kudiau] der Departements Hérault und 
Aveyron nicht einheimisch sind, so mufi ihnen notwendigerweise eine 
Form von cotarium vorangegangen sein, als deren letzte Reste wohi 
die Form [kudzet] der Punkte 776 und 787 anzusehen ist. Ware nun 
im Siiden des [£///)-Gebietes die lautgesetzliche Entwicklung von 


64 


ERNST GAMILLSCHEG 


cotarium nicht gerade [kudjo] , sondern etwa wie auf dem 

grofiten Teil des provenzalischen Sprachgebietes, so wàre ein gleiches 
in den Siiden gewandertes \ktidié] in dieser Form erhalten geblieben 
und nichts wlirde die Wanderung und das Nicht-Einheimische dieser 
Form verraten. Ich vermute daher, dafi die scheinbar lautgesetzlichen 
Formen von cotarium, die das [kudial]-Ge biet von den Ersatzformen 
des Gascognischen trennen, auch nur aus dem nòrdlichen [kut\ — 
cote-Gebiet entlehnte Formen sind, also auch das [kuèe] in 790, 
[kuzet] in 699 zu den Spuren des alten cotarium-Gebietes zu 
rechnen sind. Dann hatte also auf einem ausgedehnten Gebiet, das 
die Departements Hérault, Aude, Ariège und die anschliefienden 
Mundarten des Nordens und Westens umfafite, ehemals flir cotarium 
ein Typus [kudze(t)\ bestanden, der aus einem noch festzustellenden 
Grunde durch eine aus dem Norden entlehnte Form ersetzt wurde. 

Die Formen [kudze] bzw. [kuze] gehen zweifellos auf eine Form 
mit palatalisiertem d zuriick. Im Languedokischen ist flir -arium 
eine Form -ier schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts gesichert, s. 
Staaf, 1. c. S. 117, also bedeutend frtiher als auf den iibrigen pro¬ 
venzalischen Gebieten. Daher erkliirt es sich auch, dafi hier codier 
zu [koder] wurde , wahrend die nòrdlichen und ostlichen Mundarten 
noch auf der Stufe [koder] waren. Dieses [koder] ist dann zu [kude] 
geworden. Anderseits hat hier cubitus li ber aprov. coide [kuide] 
ergeben, das, wie die Weiterentwicklung zu [kude\ im Departement 
Aude, zu [kudze] im Departement Pyrén. or. anzeigt, ebenfalls d 
palatalisiert. Eine solche Palatalisierung durch i vor Dentalis zeigt 
das in der Nahe von 699 (mit [kuzet]) gelegene Bagnères-de-Luchon, 
in dem 1 e g i t, f u g i t iiber leit , fuit zu letch , hiitch werden, s. 
Sarrieu, RLR 47, S. 120/21. Auf welcher Stufe nun der Zusammen= 
fall von cubitus und cotarium erfolgt ist, ob dieser Zusammenfall 
ein vollkommener war oder nicht, lafit sich kaum mehr feststellen. Dafi 
ein solcher aber tatsàchlich erfolgt ist, zeigt augenscheinlich das Neben- 
einander der Diminutivformen flir beide Begriffe, das oben (S. 62) er- 
wàhnt wurde. Ich vermute, dafi die letzten hier tatsachlich vor- 
handenen Formen [kude] flir cotarium und [kit de] flir cubitus 
waren, und dafi auf dieser Stufe die volksetymologische Beziehung 
der beiden Begriffe eingetreten ist: Der «Kumpf» wird lautlich zum 
cEllbogen , aber die Sprache greift bessernd ein. Der «Kumpb als 
das Kleinere wird zum Diminutivum, zu [kudet] «kleiner Ellbogen , 
aber nicht ohne dafi ein Schwanken zwischen [kude] «Kumpf» und 
[kudet] «kleiner Ellbogen: = «Kumpf» vorhergegangen ware. Dieses 
Schwanken verrat sich durch die Form [kudet] «Ellbogen» (und nicht 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


65 


kleiner Ellbogen») in 7é6, das unmittelbar neben [kudzet] Kumpf» 
787 liegt. [kudet] «Ellbogen», das seine Diminutivendung dem kon- 
kurrierenden [kud’et\ «Kumpf» verdankt, ist das genaue Gegenstiick 
zu dem S. 25 f. angefiihrten [kutet] «Wetzstein» (erschlossen aus [kute- 
rero\ «Kumpf»), das [kut] «Wetzstein» mit der scheinbar diminutiven 
Ableitung von [kutet] «Messer ist. 

Die Formen [kuide |, [kuire] fiir cubitus im Departement Hérault 
scheinen nun der Annahme einer Entwicklung von cubitus zu [ku’de] 
auf diesem Teil des hier behandelten Gebietes zu widersprechen ; allein 
gerade hier hat sich [ kudjal \, [kudiau] «Kumpf» als nicht boden- 
standig erwiesen, s. S. 62, und so ist die Annahme nicht allzu gewagt, 
dafi [kuide ], [kuire] ebenso aus dem Norden und Osten eingefiihrt 
sind wie die Bezeichnung des «Kumpfes». Dafiir spricht auch die 
vereinzelte Form [kude] in 768 inmitten des [kuide] - Gebietes, die ein 
altes [kude], gekreuzt mit dem eindringenden [kuide] , sein kann. Der 
Verwechslungsmòglichkeit zwischen [kud’e] « Kumpf » und [ku’de] 
Ellbogen wird also dadurch begegnet, dafi fiir bei de Begriffe 
Formen der Nachbarmundarten entlehnt werden. 

37. Der folgende Versuch, den Schwund von [kut] auf diesem Ge- 
biet mit dem Zusammentreffen von cubitus und cotarium zu er- 
klaren, kann nun nicht Anspruch auf absolute Uberzeugungskraft er- 
heben, weil die Formen, auf die sich die Erklàrung stutzt, zu wenig 
zahlreich sind und hier auch das sprachgeographische Moment im 
Stiche lafit. Aber er sucht verstandlich zu machen, warum [kut] und 
[kude] gemeinsam schwinden. Die Erklàrung geht von den 
Formen des Punktes 729 aus, der tief in das Gebiet mit erbaltenem 
[kut] «Wetzstein;» hineinreicht und im Siiden an das [kudieu]- Gebiet 
von 830, das [kudial] - Gebiet von 748 angrenzt, fiir die ein [kude] 
als Vorstufe wahrscheinlich gemacht wurde. Hier ist fiir den «Wetz¬ 
stein» [kudio] in Gebrauch, das etymologisck cotarium = «Kumpf» 
ist, fiir den «Kumpf» [porto - kudio], wortlich «Kumpfbehalter». Der 
Gang der Entwicklung war also hier der folgende: [kudio] —cotarium 
wird aus irgendeinem Grund die Bezeichnung des Kumpfes samt 
Wetzstein, und wird in der Folge fiir den Wetzstein allein gebraucht. 
Nun wird die Neubildung [porto-kudio] geschaffen. Ich vermute nun 
— und dafiir fehlt allerdings jeder Beweis —, dafi diese Bedeutungs- 
erweiterung von [kudio] «Kumpf» zu [kudio] Kumpf» + «Wetz¬ 
stein» unter dem Einflufi der siidlichen Mundarten erfolgt ist, dafi 
also etwa die Form, die dem [kudieu] von 830 und den benachbarten 
Formen voranging, ehemals auch die Entwicklung von «Kumpf» zu 
«Wetzstein» mitgemacht hat. Dann ware also das [kudio] des Punktes 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 5 


66 


ERNST GAMILLSCHEG 


729 ein Ubersetzungslehnwort nach dem siidlichen doppeldeutigen 
[kude\ .Kumpf», spater Kumpf» samt «Wetzstein ». Wie ist aber 
das zu verstehen? 

[kucido] , das im Limusinischen «Wetzstein» bedeutete, ist in 604 
zum «Kumpf» geworden, weil es mit quouado «Schopfkelle» identifi- 
ziert wurde und dieses Bild sich wohl mit der Vorstellung «Kumpf», 
d. h. Hohlgefàfi, in das der Wetzstein gesteckt wird, nicht aber mit 
der des «Wetzsteins» selbst vereinigen lafit. [kudé\ bzw. [kudet], das 
etymologisch «Kumpf» bedeutet, kann entsprechend in der assoziierten 
Bedeutung «kleiner Ellbogen» zwar den «Wetzstein» benennen, den 
«Kumpf» aber nur insoweit, als in ihm der Wetzstein steckt. Denn 
in dem Wetzstein kann man bei einiger Phantasie einen kleinen 
(spitzen) Ellbogen sehen, dagegen lehnt der ho hi e Kumpf den Ver- 
gleich mit dem Ellbogen unter alien Umstànden ab. Die volksetymo- 
logische Beziehung von [kude\ — cotarium zu [kude] — cubitus ist 
also die Ursache, datò es selbst zum «Wetzstein» wird und in der 
Folge das alte [kut\ —cote ersetzt. Nur im aufiersten Siiden des Ge- 
bietes, in den angefiihrten vier Ortschaften, hat es die etymologische 
Bedeutung «Kumpf» behalten, da es gerade hier in den Vorstellungs- 
kreis eines zweiten Wortes tritt, mit dem eine Assoziation in der Be¬ 
deutung «Kumpf» moglich war* [kuzet ], [kudèet] wird als Diminutiv 
von \kuzo\ [kudzo\ «Kilrbis» gefuhlt, das zum Beispiel fur Bagnères- 
de-Luchon in der Nahe von 699 bezeugt ist, vgl. dazu RLR 47, 486 
und besonders Abschnitt 42. Das ergibt also die folgende Ent- 
wicklung : 

I. [kut\ Wetzstein», [kude] Kumpf , [kude\ Ellbogen:. 

Nun erfolgt die Beriihrung von cotarium und c u b i t u s , der 

«Kumpf» wird zum «Ellbogen» bzw. in [kiidet] «kleiner Ellbogen» 
verbessert. Das neu assoziierte Bild entspricht nicht der Anschauung 
des «Kumpfès» allein, wohl aber der des «Wetzsteins»; es wird also 
nun fiir Kumpf + Wetzstein» bzw. spater fiir den Wetzstein 
allein gebraucht. [kudef] bedeutet also etymologisch «Kumpf», als 
scheinbares Diminutiv zu [kn’de\ Ellbogen aber eher Wetzstein». 

II. [kudet\ «Wetzstein -f «Kumpf», [kude] und mundartlich 
[ku’det] «Ellbogen». 

Das doppeldeutige [kudet], das obendrein mit cubitus vollstandig 
zusammenzufallen droht, wird unbrauchbar. Die vier siidlichsten 
Mundarten reduzieren die beiden Bedeutungen wieder auf die des 
«Kumpfes^, indem sich das Wort in den Kreis von [klidzo] «Flaschen* 
ktirbis» fluchtet, die tibrigen Mundarten lassen es fallen. Fur die Be- 


WETZSTE1N UND KUMPF IM GALLO R OMAN I SCHEN 67 

deutung Wetzstein» treten Neubildungen ein, fiir den Kumpf wird 
das [kndià] der nòrdlichen Nachbarmundarten entlehnt. 

38. Ahnlich war die Entwicklung in der Gascogne. Hier ist 
cubitus, abgesehen von einigen Punkten der Gironde und dem 
Norden des Departements Landes (mit [kupte] und àhnlichen) uber 
[kude] zu [kude] geworden und mit. [kude\ <codeir — cotarium zu- 
sammengefallen. Daher ist [kude\ «Kumpf geschwunden, nachdem 
schon lange vorher [kut\ «Wetzstein» untergegangen war* s. S. 26ff. 
Heute spielt sich auf dem Gebiete der Gascogne ein neuer Kampf 
zwischen [kude\ «Ellbogen» und [kude\ «Schweif» ab. Die drei Punkte 
691, 692, 685 des Dep. B. Pyr. haben \kut\ «Ellbogen gegen [kude] 

Schweif». Da -e heute die charakteristische Endung der Feminina ist, 
ist also hier ein ehemaliges le [kude] «Ellbogen neben la [kude] «Schweif» 
in le [kilt ]— la [kude] verbessert worden. Es ist dies ein Gegenstiick 
zu der Bildung [kuadó] Wetzstein» fiir [kua] wegen des daneben stehen- 
den le [kua] «Kumpf», oder zu der Bildung von la [kuana] «Schweif» fiir 
[kua], s. S. 40 f. Mask. [kude] Ellbogen» wàre wohl nie zu [kilt] riick- 
gebildet worden, wenn es nicht volksetymologisch zu [kude] «Schweif» in 
eine morphologische Reihe gestellt worden ware. In 665, 657 wird der 

Ellbogen» mit le [kuet] bezeichnet, in 657 der Schweif» mit la [kueto]. 
[kuet] «Ellbogen» ist etvmologisch queuette mit maskuliner Endung, ist 
also eine Ableitung von coda und nicht cubitus. Es standen hier 
urspriinglìch ein le [kude] Ellbogen» neben la [kude] Schweif»; fiir 
das letztere trat das [kueto] der Nachbarmundarten ein (s. S. 57 f.), aber 
die alte Beziehung zwischen den beiden [kude]- Formen wirkt auch 
nach der Aufnahme des benachbarten [kueto] noch nach : so zieht la 
[kueto] «Schweif» ein le [kuet] Ellbogen» nach sich. 

39. Es ist also im Siiden Frankreichs die Geschichte von cotarium 
mit der von cote in untrennbarem Zusammenhang. Wo cote er- 
halten ist oder war, ist die Riickanlehnung der Form von cotarium 
an die Form von cote ein wiederholt beobachtetes Mittel, drohenden 
Zusammenstofìen auszuweichen, Auf weiten Gebieten ist aber cote 
geschwunden, wahrend cotarium noch seine lautgesetzliche Ent¬ 
wicklung nahm, und stand in der Folge ohne Stammwort da. Die 
Geschichte von cotarium namentlich nordlich der />^-Grenze, 
soweit die betreffenden Formen in die Entwicklung von cote nicht 
eingegriffen haben, soli nun im folgenden verfolgt werden. 

Die t>d- Grenze hat schon mehrfach in der Geschichte der beiden 
Worter eine Rolle gespielt. Zwischen nordliches rotte und siidliches 
roda fiir lat. rota hat sich ehemals eine Zone eingeschoben, in der 
das lat. intervokalische 4- zu 2 wurde, wie t im Siiden das lat. -d-. 


68 


ERNST GÀMILLSCHEG 


Dieses -z- ist dann spater zum Teil zu -d- zurlickgebildet worden, zum 
Teil geschwunden, je nachdem diese Mundarten unter den EinfluB des 
Nordens oder des Stìdens gelangten l . 

Sowohl flir den Wandel von t- zu z auf dieserai Gebiet wie firn die 
Riickbildung d, z zu d sind lebende Zeugnisse vorhanden. Fiir lat. 
lendite «Nisse» findet sich langs.der t>d- Grenze ein Typus lenze , 
der aus *lendeze entstanden ist 2 * vgl. in 611 [lenze] , 603 [lènze], 
702, 801 [làze] , 806 [lèzi], Galloromanisches *paratella «Sauer- 
ampfer , unsicherer Herkunft, REW 6230, erscheint in 711 in der 
Form [porozelo] (ALF 1657). Wegen a'-Formen zu lat. crates 
s. ALF 1504 und 1587. Zahlreicher sind die Spuren der Riick- 
bildung dieses z zu d . Hierher gehòren die nicht naher lokalisier- 
baren poitevinischen Dialektformen brizea und bridea , im Jahre 1706 
bredeau «Futtergerste aus gallorom. *bracellum, s. ZRP 40, 138; 
ferner poitevinisch bedoche neben besoche < Grabscheit >, *bisocca, 
REW 1129; dann aprov. gazai zu saintongéais gadoue «Dirne», das von 
hier in die Literatursprache wanderte; saint. jozelle «Wasserhuhn», 
poit jauzelle «Kriekente >, angev. joserelle neben jodelle, daneben'im 
16. Jahrhundert jondelle y B. Maine jodelle und judelle , berrich. ju- 
delle usw. Das ganze poitevinische Gebiet ist ferner von einem Typus 
ronde flir lat. rum ice ausgefiillt; es ist also hier wie im Siiden rum ice 
uber romeze zu ronze , rondze geworden, dessen z bzw. dz zu d riick- 
gebildet wurde. Àhnlich ist salice zu sau(d)ze geworden und hat 
einen Typus [sofl?] ergeben, kler allerdings bis in die Bretagne hinauf- 
reicht, so dafi es fraglich ist, ob der Wandel von ,a>^in rumice und 
salice mit dem von bridea, bedoche zusammengestellt werden darf. 

Dieses [sóflT] wird von Meyer-Liibke, ZRP 38, 211 f. als Fortsetzung 
des frankischen *salaha angesehen und damit die Entwicklung von 
spatula zu westfrz. [epod] verglichen. Damit bleibt aber die Ent¬ 
wicklung von rumice unerklart. 

Bine solche falschlich riickgebildete ^-Form liegt ferner in dem 
Typus [vordel] Weide» in den Ortschaften 407 (Indre-et-L.), 409, 416 
(Vienne) vor, die unmittelbar nòrdlich der t\d- Grenze liegen; dazu 
gehòrt die mannliche Entsprechung vardiati, verdiau bei Jaubert, 


1 Die Geschichte dieses -z- < 4- sowie des im Abschnitt 40 erwàhnten un- 
organischen -t wird jetzt im Zusammenhang in meinem Aufsatz «Zur sprach- 
lichen GliederungFrankreichs» in der Festschrift fiir Ph. A. Becker behandelt. 

2 Dieses lenze wird REW 4978 aus einer Kreuzung von lendite und 
p u 1 i c e erklàrt. Diese Erjdarung ist aber abzulehnen, weil die geographische 
Lage der lenze- Formen an der t> d-Grenze, und nur dort, nicht beriick- 
sichtigt ist. 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLO ROMA NISCHEN 


69 


Gloss. du Centre, das ftir 902 als [vardjo\, 1 als [ver dio] angegeben 
wird. Auch diese beiden Punkte liegen an der t\d- Grenze. Das 
[vardio] des Punktes 902 geht unmittelbar in die Form [verzio] der 
Punkte 903 und 906 tiber; die Zusammengehorigkeit dieser beiden 
Typen ist also durch die geographische Anordnung derselben augen- 
scheinlich. Das Wort hat natiirlich mit viridis nichts zu tun (wie 
G. Stephan, Die Bezeichnungen der Weide im Galloromanischen, 
dem die angefiihrten Formen entnommen sind, S. 35 vermutet), 
sondern ist eine -ellus-Ableitung von lat. virga, das nach Stephan, 
1. c. S. 34, auch sonst zur Bezeichnung der Weide dient. Es ist also 
hier ein friiheres vergelle, verzicai aus *virgellu (mit der sudlichen 
Entwicklung der Gruppe rg) gleichzeitig mit rondze. saodze zu ver del, 
ver dio zuriickgebildet worden. 

Vgl. ferner H. Maine, gerdereau Art kleine Wicke , berrich. 
geardriau dasselbe, bourb. dzar diati Kornrade», daneben literarisches 
gerzean Kornrade, B. Maine [zerziao j, angev. jarzeau, poitev. 
geargea, berrich. geargio, poitev. auch jerzais < Art Wicke , berrich. 
geargiau, gcarziau blattlose Platterbse ? die auf eine Grundform 
*g a r g e 11 u zurlickgehen, deren Stamm vermutlich galliseli ist und 
in afz. gargarie , jargerie, jarzerie ^Taumellolch> ? Ackerunkraut 
auftritt. Hierher gehort endlich berrich. gendive aus gendzive , lat. 
g i n g i v a. Vgl. ferner zu gallorom. *m a r g e 11 a, lat. m a r g o 
^Rand frz. margelle und marzelle , aber poitev. berrich v verd. chal. 
mar delle ; dann ftir afrz. heuce aus h elice, poitev. lenze neben lede 
«RadnageP. Dann B. Maine bardin Schaffloh», H. Maine berdine, 
das nach Thomas, Mélanges S. 29 auf ein *berbicinum zuriick- 
fuhrt, vgl. 1. c. aufter dem angefiihrten mardelle noch bordois bei 
Pean Gastineau, ftir borzois , u. e. a. 

Innerhalb des im Obigen gekennzeichneten Gebietes finden sich nun 
auch ftir cotarium .s’-Formen. 517 [kuzie\, 514 [kuze]. Die 
beiden Punkte haben in *cutenna - d-, in rota Schwund des 4-, Die 
in 517 und 514 erhaltene -.a 1 --Form ist also die lautgesetzliche Stufe, 
die bei cutenna und rota in entgegengesetzter Richtung beeinflufit 
wurde. 508, 507 mit [kuze\, 405 mit [kuze] und \kuzue] schliefien 
unmittelbar an diese Punkte an. [kuzne] in 405 ist Kreuzung des 
alten [kuze\ mit dem benachbarten [kne\. Dazu gehort das bei 
Lalanne 1. c. angefuhrte gonzié aus der Gegend dieser Punkte. 
Fernab von der heutigen t>d- Grenze liegt der Punkt 617 mit 
\knziero] (ftir alteres [kuzer] , s. S. 32). Dafì auch hier -g- die laut¬ 
gesetzliche Form des alten -t- ist und nicht etwa Ableitung von einem 
alten couz — cotis vorliegt, zeigt die angefuhrte [porozelo]- Form in 


70 


ERNST GAMILLSCHEG 


dem unmittelbar benachbarten 711. Im Nordwesten des poitevinischen 
Gebietes, ebensoweit von der £>fl?-Grenze entfernt, ist ferner [kozit] 
neben [koi] in 459. Zwischen den zentralen [koser] - Formen und 
diesem [kozit\ liegen aber die ronde- Formen fiir ronze< rumice, 
so datò 459 and 617, 711 die àuBersten Grenzpunkte dieses t>g- Ge- 
bietes sein werden. Auch die Formen [krumer] in 904, [krozier] in 
903, Departement Allier, beruhen zweifellos auf einem alten [kuzer] — 
c o t a r i u m, denn in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft treten die 
Formen ronde und [sofl?] fiir rum ice und salice auf, und etwas 
weiter siidlich an der t > d- Grenze erscheint lenze fiir 1 è n d i t e. 
Dieses \kuzer\ spàter [kusier] fem. (s. S. 32) hat sich gehalten, weil 
es volksetymologisch mit der Form fiir «Muschel an diesen Punkten 
zusammengebracht wurde (s. ALF 322: 904 [kroz\ , 903 [kriize\, 
[krbz\ in der ganzen Umgebung, das zu frz. creux gehort) und von 
diesem das erste r iibernommen hat. Dagegen ist [kiltzi] in 911 ein 
alteres [kuiri] ; vgl. an demselben Punkte [t scimi zi] — charniere t 
[i tsodizi ] = chaudièrc, [gotisi] = gonttiere usf . 1 . 

40. Einige der Formen des siidwestlicheri Gebietes Nordfrankreichs 
zeigen in cotarium im Auslaut ein 4 , dem nicht dieselbe Bedeutung 
zukommt wie etwa dem 4 im languedokischen \kndzct\ S. 62. Vgl. 
641 (Gironde) \kude:t\ 535 (Char. Inf.), 513 (D. Sèvres), 427 (Vendée) 
[kuet] , 459 (Vendée) \kozit\. Das 4 ist in alien diesen Formen un- 
organisch an die lautgesetzliche Form von cotarium angetreten 2 . 


1 Horning hàlt ZRP 24, 552 diese ^-Formen des Poitevinischen fiir die 
Fortsetzung eines *cotiarium; es ist aber aus den im Texte angegebenen 
sprachgeographischen Griinden diese Grundform hier ebenso abzulehnen 
wie auf den iibrigen Gebieten. Poit. cosse «Weicher Kalkstein» wird von 
Horning auf sein *cotea zuriickgefiihrt. Ubergang von «Kalkstein» zu 
«Wetzstein» wàre verstàndlich, nicht aber von «Wetzstein» zu «Kalkstein«. 
Dieses cosse geh5rt zu dem gallischen Stamm *kot-> den REW 2288 als 
cotulus «Steinchen» anfuhrt. Dieses kot hat kurzes o, wie aprov. cqdol 
«Kieselstein »lehrt; vgl. dazu auch angev. cosse «spaltbarer Stein», H. Maine, 
«Art Kiesel» usw. 

2 Uber dieses unorganische 4 vgl. Chabaneau in Rom. 8, 110, dann 
Gilliéron, Abeille, S- 178. Das 4 ist nach r schon im 13./14. Jahrhundert 
bezeugt und ist hier analogische Riickbildung vom Plural jourz aus. Da¬ 
gegen beobachtete Chabaneau bei einem Siidwestfranzosen, dafi er beim 
Gebrauch der Literatursprache sprach: je snis venut, il est partita auch 
biirot , ékiirit u. a., d. h. die -^-Formen nach betontem auslautenden Vokale 
werden nicht in der eigentlichen Mundart, sondern beim Franzosischsprechen 
gebraucht und sind nur gelegentlich auch in die Mundart gedrungen, Von 
wo dieses pseudoliterarische 4 ausgeht, wàre noch zu untersuchen. Millardet, 
Études de dialectologie Landaise. S. 148 ff. glaubt. dafi / nach r in Lehn- 



WETZSTEIN UND KUMPF 1M GALLO ROMAN ISCHEN 


71 


So sind namentlich im Departement D. Sèvres und Char. Inf., wo 
nach S. 22 im Kampfe zwischen [ku] «Wetzstein» und [ku] Schweif < 
die Diminutivbildung couette eingetreten ist, in dem gleichen Gesichts- 
kreis zwei [kuet]-Formen aufgetaucht, ein feminines [kuet] «Schweif» 
und ein maskulinisches [kuet] «Kumpf». Wtirden die beiden Formen 
altererbt in der Sprache nebeneinanderstehen, so wiirde diese Hom- 
onymitàt der Wortkorper zweifellos keinerlei Einflufi auf das Bestehen- 
bleiben der beiden durch den Artikel voneinander gesehiedenen Wòrter 
ausllben, wie ja auf weitem Gebiete Frankreichs le [kit] — collum und 
la [ku\ —coda ohne weiteres nebeneinander leben. Aber es ist doch 
kaum ein Zufall, datò das [kuet] «Schweif» - Gebiet im Osten wie im 
Westen dort aufhOrt, wo [kuet] «Kumpf» beginnt. Die Sprache ist 
also vor der Ersatzform [kuet] «Schweif» dort zurtickgeschreckt , wo 
schon ein [kuet] vorhanden war, besonders weil durch den Zusammen- 
fall von coda und cote die Begriffe «Schweif» und «Wetzstein», 
daher auch «Kumpf», im Sprachbewufitsein einander nàhergeruckt waren. 

4L Das \kume\ - Gebiet in Sudwestfrankreich geht unmittelbar in 
ein [kué\- Gebiet uber, das den gròfiten Teil der Departements Char. 
Inf. und Vendée ausfullt und den Formen [kua] 510, 511, 521 zu- 
grunde liegt, wie S. 44 ausgefiihrt wurde. Da hier -arium in 
poirier als -e bzw., wo [kua] belegt ist, als -a erscheint, ist hier 
cotarium uber coer bzw. coar zu [kue], [kua] geworden. Anders 
steht es dagegen mit der Form [kui], die in einem zusammenhangen- 
den Gebiet im Zentrum Frankreichs auftritt (Indre, Cher, Nièvre, 
Yonne), und die man zunachst mit dem ostfranzòsischen Wandel von 
-ter zu 4 in Zusammenhang bringen mòchte. Allein das /-Gebiet in 
-arium reicht weder im Suden noch im Osten an das [kilt]- Gebiet 
heran, und Anhaltspunkte dafiir, dafi -/ fiir 4er ehemals bis in die 
[kui] - Zone gereicht hàtte, scheinen nicht vorzuliegen. Dagegen wird 
gerade auf dem [kui] — cotarium -Gebiet lat. gubia uber gote (so 
bourb. lyon. forez) zu [giti], das nun zum Maskulinum wird und als 
gotty seit dem 14. Jahrhundert bezeugt ist, s. Godf. 4, 301, REW 
3906. 


wòrtern entstanden ist, weil r im Auslaut heimischer Worter nicht vor¬ 
handen war und deshalb bei der Artikulation des (Zungenspitzen)-r in Lehn- 
wòrtern Verschlufi gebildet wurde. Da -rn in afz. jorn u. a. auf dem Ge¬ 
biet, das Millardet untersucht, als -rn bzw. -n erhalten ist, kann die Er- 
klàrung richtig sein; dann ist das t in [kudeit\ wie schon oben angenommen 
wurde, von dem t in [amert\ frz. amer zweifellos unabhàngig. Am weitesten 
verbreitet ist die Form [isit], [ikit] fiir ecce bzw. eccum hic; vgl. dazu 
die entsprechenden nasalierten Formen S. 40. Vgl. jetzt die Anm. 1, S. 68. 



72 


ERNST GAMILLSCHEG 


Es ist also hier cotarium iiber coier zu [koie] geworden und 
wurde auf dieser Stufe von der S. 31 erwahnten Riickziehung des 
Akzentes erreicht. Diese so erschlossene Grundform [koie] erklàrt 
auch die an das [kui]- Gebiet geographisch anschliefienden Formen 
[koze\ [goze], [kuze] [guze], Es ist also hier das i sekundar zu [è] 
geworden, wie àhnlich in afrz. tienge, vienge> frz. lange, Unge . Die 
Verschmelzung des o , n mit dem nachfolgenden i ist hier vielleicht 
aufgehalten worden, weil neben [koie], \ku[e\ «Kumpf» das dazugehòrige 
[ko], [ku\ cWetzstein» stand; siehe auch meine Grundsatze der gallo- 
romanischen Wortbildung S. 3. Die Form [kuzie] in 311 liegt am 
Rande des [kuze] -Gebietes und ist daher Kreuzung von diesem mit 
dem nordwestlich angrenzenden [kuie]. 

Diese erschlossene Grundform mask. [koie] liegt in dieser Form in den 
im Slidwesten an das [kuze]- Gebiet angrenzenden Mundarten 414 und 416 
noch vor, ging aber im Norden 412 (Maine*et-L.), 411 (Sarthe) in [kijaie], 
440 (Mayenne) \kueie], 349 (Mayenne) [kuaió] iiber. Es handelt sich hier 
um Literarisierung der mundartlichen Formen, wie die Entsprechungen 
von lat. botellus, 439 [buaia], 411, 412 [bueio], s. ALF 167, zeigen. 

42. Mit diesem [koie] ^Kumpf» scheint auch die Form [koi] des 
Punktes 506 identisch zu sein; doch wird fur diese weibliches Ge- 
.schlecht angegeben. Dieses feminine [koi] ist geographisch mit der 
Form gourde des Punktes 503 (Indre) in Zusammenhang, das vKtirbis- 
flasche, d. h. umflochtene Glasflasche, ursprunglich Flaschenkilrbis , 
bedeutet und auf lat. cucurbita zurtickgeht. Wenn auch die Form 
des .Kumpfes> nur von terne an eine «Kilrbisflasche erinnert, so 
lassen sich doch die beiden Vorstellungen vereinigen. Die an das 
[koi] fem. Gebiet anschliefienden Mundarten 606, 607 (H. Vienne) 
mit [nabo] , 608 mit [nabu], 614 (Dordogne) [nobu] haben dagegen 
das Bild der Kilrbisflasche» bzw. des Flaschenkiirbisses abgelehnt, 
denn ihré Bezeichnung des «Kumpfes» ist diminutive Ableitung von 
prov. nap Steckrube» aus lat. napus, REW 5821. Es ist also die 
làngliche, nach unten sich verbreiternde Form des Kumpfes» der 
Anstofi zu der Umgestaltung geworden. Endlich der Punkt 605, der 
in der Nachbarschaft von [koi] fem. und nabot liegt, hat ftir den 
«Kumpf [korno] «Home; er setzt also fiir die in gourde und nabot 
zugrunde liegenden Bilder das den Tatsachen entsprechende \kornó] 
ein. Endlich das neben dem Punkte 503 (mit gourde) gelegene 600 
hat fiir cotarium die Form [ puer ], das ist poire Birne^, also die 
dritte botanische Bezeichnung in derselben Gegend. 

Wieder lehrt die geographische Anordnung dieser Formen, dafi die 
Sprache nicht unabhangig dreimal einen Vergleich zwischen dem 



WETZSTE1N UNI) KUMPF 1M GALLOROMANISCHEN 


73 


* Kumpf und einer Frucht gezogen und den bildlichen Ausdruck an- 
genommen hat. Die Schòpfungskraft der Sprache ist viel geringer, 
als man bei oberflàchlicher Betrachtung vermuten wlirde. Die drei 
angeflihrten bildlichen Ausdrucke verdanken ihr Entstehen dem laut- 
lichen Zusammenfall des lat. cotarium aui der Stufe [koie] mit dem 
regionalen Typus der Bezeichnung des «Kiirbisses», namlich ^kubia, 
der in Siidwestfrankreich zu [koic\ wurde 1 und in der Weiterentwick- 
lung mit [koie] «Kumpf auf verschiedenen Stufen zusammenfàllt. 
Vgl. dazu Rolland, Flore populaire 6, S. 14ff.; ALF 296 citrouille. 
So wird fiir Mauzé-s.-l.-M. (D. Sèvres) [kna] «Kurbis (R o 11. 1. c. 
S. 20), in 510, 512 [kna] «Kumpf» angegeben; im Departement Char. 
Inf. in beiden Bedeutungen \kuc\. Die Stufe \koi] bedeutet in 505 
(Indre) Kurbis , in dem benachbarten 506 «Kumpf». Der Zu¬ 
sammenfall der beiden Starnine ist also ein vollkommener ; doch sind 
die beiden Bezeichnungen durch das Géschlecht voneinander geschieden. 

Dort nun, wo der alte maskuline Typus von cotarium und der 
femmine sekundare Typus ^cotaria zusammentrafen (s. S. 32), also 
vermutlich im Norden des Departements H. Vienne, wo also im grani- 
matischen Geschlecht der [koie] — cotarium -Form Schwanken eintrat, 
wurde in der Sprache der «Kumpf» zum Kurbis» : der Ausgangs- 
punkt war geschaffen. Nun greift die Sprache bessernd ein. Nicht 
der runde Kurbis — [koi] fem. von 506 entspricht der Form des 
Kumpfes, eher noch der langgestreckte Flaschenkiirbis, daher die 
Form gourde von 503. Aber auch dieses Bild befriedigt auf die 
Dauer nicht. da der Flaschenkiirbis krumm ist; daher tritt poire 
Birne» ein, das in 600 an pierre Wetzstein» eine ahnlich gebaute 
Entsprechung findet; oder noch besser nabot Steckriibe», die der 
Form des Kumpfes noch naherkommt. Der Kumpf heiftt also zum 
Beispiel im Departement H. Vienne. «Steckriibe», weil hier 1. co¬ 
tarium und ^cubia lautiich zusammenfallen und 2. hier cotarium 
und * c o t a r i a zusammenstofien. 

Das Bild des «Ktirbisses» hat sich noch an einer zweiten Stelle in 
der Benennung des «Kumpfes» eingefunden. im Departement H. Ga- 
ronne. Punkt 699, s. S. 66 f. Hier ist [kuèei] « Kumpf » ein kleiner 
Kurbis», weil hier der gleiche Stamm * cubici zu [kuzo] wurde und 
damit mit der Form von cotarium in volksetvmologische Beziehung 


1 Wegen der Entwicklung von -bi- zu -i- in Slidwestfrankreich vgl. oben 
S. 71 die Entsprechungen von gubia, ferner poitev., saintongeais eh ai «Wein-, 
Branntweinkeller» (frz. chai\ aprov. (Bayonne) casa aus lat. cavea, REW 
1789; poitev. cairoi-q uadru vium u. a. 



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ERNST GAMILLSCHEG 


gebracht wurde; vgl. zum Beispiel in Luchon [kuza] fem. und [kuzet\ 
«Kiirbis» bei Rolland, 1. c. S. 18. 

43. Ein Teil der Bretagne und daran anschliefiend das Departement 
Loire-Inf. mit Ausnahme des Punktes 447 hat nun cotarium 
«Kumpf: aufgegeben. Die Ersatzwòrter sind vereinzeltes godei, come , 
daneben ein Typus, der nur hier, und zwar mit den folgenden Formen 
auftritt: [logéo] 467, [loiao] 466, 446, 445* [noie] 475; [lodze] 486; 
[loie] 494, 493, 453; [ogie] 482. Die gemeinsame Grundform ist ein 
*loiga, das ist die mittelbretonische Entspreehung von bret. loa 
«Lòffel , Kelle» (Troude, Dict. breton-frangais), das nach Henry, 
Lexique étymologique . . . du Breton moderne, Rennes, 1900, S. 188 
auf eine Grundform *leigà (lat. ligula, gr. lel/to) zuruckgeht. 
Da die angefiihrten Formen sich auf ehemaligem bretonischen Boden 
finden, liegt hier ein Wortrelikt vor, ein Wort, das die romanisierten 
Brétonen aus der heimischen Sprache beibehalten haben. Dagegen 
ist godei in 484 und weiter nòrdlich in 378 (Manche) die franzòsisòhe 
Ubersetzung des mittelbret. Hoiga «Kelle.: ; denn von den vielen Be- 
deutungen, dìe godet im Franzósischen hat, wird gerade die Be- 
deutung Schòpfkelle» fiir Westfrankreich angegeben 1 . Wie aber 
kommen die Bretonen dazu, ein Wort ihrer Sprache, das «Lòffel , 
«Kelle bedeutet, in der éedeutung c Kumpf» in die neu aufgenommene 
Sprache, die franzòsische Mundart, zu iibernehmen? 

Ich vermute nun, datò das Bindeglied zwischen dem bretonischen 
Hoiga Lòffel und dem franzósischen [loiao] «Kumpf» das frz. cuil- 
lère «Lòffel» bzw. die altfranzòsische maskulinische Nebenform cuiller 
bildet, das mit coyer bzw. westfrz. [kuie] in Zusammenhang gebracht 
wurde. Heute ist allerdings ein vollstandiger Zusammenfall von 
coyer und cuiller nirgends zu beobachten; das erste hat im Siiden 
des Hoiga - Gebietes die Form [kivr ], [kiiier ], im Norden sogar 
[Mìo] mit Erhaltung des palatalen l von cochlearium, REW 2012. 
Am ehesten kommen noch die Mundarten in Betracht, die im 
Osten unmittelbar die *loiga -Zone begrenzen; vgl. im Departement 
file - et -V. 2 . 

1 Fiir Anjou vgl. Verrier-Onillon, 1. c. 436. Godet, Ustensile ser- 
vant à puiser de l’eau dans un seau. C’est un vase en bois avec un long 
manche percé d’un trou qui va s’ouvrir au fond du vase et par lequel s’écoule 
l’eau qu’on a puisée; àhnlich bei Montesson, Vocab. du Haut-Marne; 
Martellière, Gloss. du Vendòmois usw. 

Dafi sich hier in Westfrankreich das vortonige o von cochlearium 
erhalten hat, der Zusammenfall dieses Wortes mit cotarium auf der Stufe 
[kuie] ehemals also ein vollstandiger war, ist wegen des Fehlens eines afrz. 
*coillier , prov. *colhier unwahrscheinlich. 






WETZSTEIN UNI) KUMPF 1M GALLOROAlANISCHEN 


75 


470 460 359 461 450 462 451 453 

cochiearium [kiìle] [kuiò] [kiiio] [kliier] [kliio] [kuiò] [kuiò] [kuiò] 

cotarium. . [kòn] [kuiò] [kuiò] [kuie] [koiò] [kuie] [kuiò] [loie] 

Es haben daher vermutlich die Bretonen wahrend der Zeit der 
Zweisprachigkeit bei ihren Nachbarn im Osten [kiiio] «Lòffel» und 
[kuiò] «Kumpf» gehòrt, aber den geringen phonetischen Unterschied 
der beiden Wòrter nicht erfafit. Diese sind also erst im Mund der 
romanischen Bretonen homonym geworden. Die Doppelbedeutung 
dieses bretonisch-franzòsischen [kuió] — [kiiio] «Lòffel» + «Kumpf» 
wurde nun auf das einheimische *loiga , das zunachst nur Lòffel 
Schòpfkelle» bedeutete, iibertra'gen. Als dann die Bevòlkerung von 
Morbihan und Cótes-du-Nord das Bretonische vollstandig aufgab, blieb 
nun Hoiga in der unliterarischen Bedeutung Kumpf in ihrer 

Sprache, wahrend die etymologische Bedeutung «Lòffel durch das 
literarische cuiller bezeichnet wurde. E'inen weiteren Schritt in der 
Franzisierung des Bretonischen haben die Mundarten 484 und 378 
getan. Sie ilbersetzen *loiga «Lòffel mit frz. cuiller, *loiga « Schòpf¬ 
kelle» = «Kumpf» mit godet . 

44. Eine wirkliche Homonymitat von cotarium und cochiearium 
ist also bei der von Alters her franzòsisch sprechenden Bevòlkerung 
nirgends eingetreten ; es kann deshalb auch das Schwinden von coyer 
im eigentlichen Norden nicht damit in Zusammenhang gebracht 
werden. Die Gefahr drohte vielmehr von einer anderen Seite. Heute 
ist die Bezeichnung des «Kumpfes im Normannischen buhot, s. Ab- 
schnitt 59; aber das Wòrterbuch von Duméril kennt noch ein fe- 
minines couie — vase où les faucheurs mettent leur pierre à aiguiser 
und ahnlich hat Punkt 103 (Cher.) im Norden des [kni\ < [koie] — co- 
tarium-Gebietes eine feminine Form [kui]. Zu diesem normannischen 
[kui] Kumpf» gehòrt wohl auch das von Duméril fiir Bayonne 
angefuhrte couillère — cornet de parchemin dont on se sert en guise de 
tabatière, also «Art Tabakstute», dessen Bedeutung mit jener der im 
Folgenden angefiihrten Typen cafolili, coffin ubereinstimmt und da¬ 
her wohl wie diese ehemals auch die Bedeutung «Kumpf besessen 
haben wird. 

Es ist also cotarium im Anschlufi an das S. 71 f. angefuhrte \kue\, 
[kui], [& 2 /^]-Gebiet zu [kuie] geworden, das nun dort, wo palatales, 
l zu i wurde, volksetymologisch mit couille - c o 1 e a «Hodensack zu- 
sammengebracht wurde. [kuie] - cotarium wird so zu couillet 
«kleiner Hodensack», das nun, da die Vorstellung des «Kumpfes» eine 
diminutive oder kosende Form ablehnt, zu couille (norm. couie , in 103 



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ERNST GAMILLSCHEG 


[kui] fem.) riickgebildet wird. So wird der ^Kumpf» zum -Hoden- 
sack». Auf der ursprtinglichen Form [kuie] = couillet baut dagegen 
die Form conillonnette iKumpf» bei Peschot, Perche 114, am 
Rande des erhaltenem c o t a r i u m - Gebietes auf (deren Kenntnis 
ich J. Jud verdanke), wo ftir couille gleichbedeutendes couillon 
eintrat, die scheinbar diminutive Ableitung von couillet aber er- 
halten blieb. 

Es ist also [kuie]- cotarium mit einem obszònen Inhalt erfullt 
worden ì . Die Folge da von war eine doppelte. Entweder man ver- 
mied das zu obszònen Assoziationen neigende Wort, oder aber die 
Volksphantasie bemachtigte sich des obszonen Bildes: «KumpP 
= «Hodensack; und wuchert nun in diesem Anschauungskreise 
weiter. 

Geographisch wird diese Annahme dadurch bestatigt, dafi [kuie] , das 
in dieser Form den gròfiten Teil Nordfrankreichs ausfiillen solite, nur 
im unmittelbaren Anschlufi an die [kne\, [kui], [kuze]- Gebiete zu 
finden ist, und zwar hier in erster Linie dort, wo der Wandel von 
li zu i noch nicht oder noch nicht lange eingetreten ist. Die An- 
fànge dieser Durchsetzung von [kuie] mit einem obszònen Inhalt gehen 
demnach in das 17./18. Jahrhundert zuruck, s. Meyer-Lubke, 
Franzòsische Grammatik I, S. 159; andererseits ist im aufiersten 
Westen und Siidwesten [kuie] noch heute in seinem Bestand von 
colea nicht bedroht. Man solite dementsprechend auch im aufiersten 
Norden (Pas-de-Calais, Somme, Nord, westliche Wallonie) Erhaltung 
von [kuie] erwarten, aber gerade hier wird der «Wetzstein-» nicht 
vom Schnitter bei sich getragen, an Stelle des Kumpfes tritt der Sand- 
topf, s. in Abschnitt 59 den Typus pot à sabouret , so dafi hier aus 
begrifflichen Griinden [kuie] unterging. 

45. [kuie] Kumpf» = «Flodensack^ bildet also den Ausgangspunkt 
zu einer Reihe neuer obszòner Vergleiche. Zunàchst schliefit daran 
der Typus cafotin an drei Punk'ten des Departements Nord (272, 280, 
271) und zwei Punkten der Wallonie (292, 290). Dieses cafotin be- 
deutet zunàchst Papiertiite» (Sigart, Glossarne Montois), dann 
«Nadelbtichse (Hécart, Dict. Rouchi-fran^ais, St. Poi), und ist ab- 
geleitet von einem wallonischen cafoter «einhiillen», besonders in eine 
Papierttite. Dieses ist Gegenbildung zu wallonisch escafoter , scafoter 


1 Vgl. dazu Jaberg, Sprachgeographie, S. 12. Afrz. connin, connil 
«Kaninchen» geht unter, «weil das volkstiimliche Sprachbewufitsein die alten 
Namen des Kaninchens als Ableitungen von cunnus auffafit oder sie d.och 
fortwahrend mit diesem assoziiert.» 






WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


77 


*aus der Nufischale auslòsen:, dann allgemein «aus einer Hòhlung 
herausnehmen■> das zu wall. skafìon Nufischale» gehòrt*, s. Sigart, 
s. v. 1 . 

Dieses cafotin «Nadelbuchse»' «Tute» hat nun auf dem Gebiete, 
auf dem es in der Bedeutung «Kumpf» belegt ist, auch die Be- 
deutung «weibliche Scham» 2 (Hécart, 1. c.), und diese obszòne Be¬ 
deutung vermittelt den Ubergang zu [kuie) «Kumpf»— «Hodensack . 
Im unmittelbaren Anschlufi an cafotin «Kumpf» tritt nun fiir den 
«Wetzstein» die Form [verzio], [verzio] auf, 261, 179, 270, 189, 178, 
169, 251, dàs ist Ableitung von verge «mentula». Wegen der 
Endung vgl. hier [sigio], [sigio] fiir cisean , AF L 295. Der Punkt 
270 hat nun gleichzeitig [verzio\ «Wetzstein» und [verzó] «Kumpf» ; 
die letzte Form ist aus dem benachbarten wallonischen [verzo] «Wetz¬ 
stein», Punkt 290, entlehnt, die beiden Formen sind also etymo- 
logisch identisch 3 . 

Wie cafotin und vergeau in geographischem Zusammenhang stehen, 
so sind sie auch kausal miteineinander verbunden. cafotin «Kumpf 
— cunnus ruft das Bild von verge «mentula» = «Wetzstein« hervor. 
Nun ist aber abgesehen von Punkt 290, das cafotin und vergeau 
nebeneinander hat, auf dem siidlichen vergeau «Wetzstein»-Gebiet 
nicht cafotin zu finden, sondern das in der Literatursprache ein- 
gedrungene coffin y das etymologisch «Kòrbchen» bedeutet, s. REW 
2207. Dieses coffìn ist, trotzdem es zum literarischen Ausdruck er- 
hoben wurde, auf ein kleines Gebiet beschrankt. Es ist auf 
dem hier behandelten Gebiet begrifflich mit cafotin in der nicht ob- 


1 Die Wortsippe, zu der dieses cafotin also in der weiteren Folge gehort, 
ist etymologisch dunkel; vgl. dazu in Valenciennes dècaffoter «aus dem 
Versteck herausziehen» in Weiterbildung der Bedeutung «aus der Nufischale 
auslòsen». Dazu gehòrt einerseits nprov. e scafa, e scarda, escrafa «Schoten 
ablòsen», auch descoufa, andrerseits nprov. escaloufa, boulogn. écaloffe, 
pik. écajlot «Schote», die sich auf einen Stamm *skalf, *skarf - zuriick- 
fuhren lassen, der in kymrisch ysgraf «abschàlen» (wie nprov. escrafa), 
ysgrawen «harte Kruste», irisch sgraith «grtiner Rasen» u. a. vorliegt, 
s. Mach ain, Etymological Gaelic dictionary s. sgratli, und einem gallischen 
*skarv- «auslòsen», «ablòsen» entspricht. Damit fallt das von mir ZRP 40, 
S. 175 ùber cafotin Gesagte. 

2 Vielleicht wegen volksetymologischer Beziehung zu foutre. 

8 Dafi «Kumpf» und «Wetzstein» auch ohne lautliche Beziehungen zu 
obszònen Vergleichen anregen, zeigt das folgende Tiroler «Schnader- 
htìpfel» : 

Drei Mahder, drei Wetzstoan-Und oan Kumpf zum dreintoan 

Wie geat denn dòs zue-Dafi ’n an ieder eini dartue? 



78 


ERNST GAMILLSCHEG 


szònen Bedeutung des Wortes identisch, so in St. Poi, Boulogne usw 1 . 
Es ist also urspriinglich das nicht obszone coffin Deckwort flir das 
zum Teil obszone cafotin. So liegt vermutlich unter detn coffin 
iKumpf» des Departements Aisne ein cafotin «cunnus» + «Kumpf», 
das den Ausgang flir vergeau «mentula» + «Wetzstein> gebildet hat 
und selbst auf [ kuie ] beruht, in dem sich volksetymologisch cole a 
eingefunden hat. Dieses pikardische coffin ist dann in den Siiden 
und die Literatursprache gewandert und hat dort [kuie]- cotarium 
wohl unmittelbar ersetzt. 

An das coffin-Gebiet schliefit geographisch der Typus [è opè], 
[ 5 * opè] des westlichen Departements Oise an. [è] bzw. [#] ist die 
dialektische Entsprechung des unbestimmten Artikels un ; der Typus 
lautet also in literarischer Form ìiopin . In dieser Form wird das 
Wort auch von dem Lehrer der Gemeinde Allonnes, Departement 
Oise bestàtigt (hopin — sorte d’étui en come ou en metal (zinc) qui 
sert à mettre la pierre à aiguiser la faux). Hinter dem Worte, das 
ich aus den mir zur Verfiigung stehenden Hilfsmitteln sonst nicht 
nachweisen kann, verbirgt sich ein Problem, das ich nicht zu lòsen 
imstande bin. Auffallig ist es, dafi Edmont flir alle drei Ortschaften 
an denen dieser Typus belegt ist, das Wort in Verbindung mit dem 
unbestimmten Artikel angibt. Die geographische Lage dieses Ty- 
pusses im unmittelbaren Anschlufi an die coffin-JfoYmen lafit vielleicht 
darauf schliefien, dafi hopin auch irgendwie in den Kreis von cafotin 
gehort. 

Die einzelnen angeflihrten Bezeichnungen gehen restlos ineinander 
liber* es liegt also geographisch ein ahnlicher Fall vor wie beziiglich der 
queuc- collette Gébiete im Siiden. Es ist also auch hier von einer ver- 
bindenden Unterschicht auszugehen, die zu Neubildungen drangte, 
das ist eben das obszon gewordene [kuie] — cotarium. Nur cafotin 
und vergeau zeigen im Osten ihres Gebietes die Tendenz, sich iiber 
das Gebiet hinaus auszudehnen, in dem cotarium die Einwirkung 
von couille erfahren konnte. 

46. Der Ausbau der obszon gewordenen Wortform [kuie] war der 
eine Weg, den die Mundarten einschlugen ; andere Mundarten suchten 
der obszonen Vorstellung auszuweichen, indem sie von der Form des 
eWetzsteins;: aus den «Kumpf» neu benannten. Ahnliche Neubib 

1 Vgl Edmont, Lexique St. Polois \kofe]; étui à aiguilles, mème signi- 
iication [kafote]: Haigneré, Le patois Boulonnais: coffin = étui en bois, de 
forme allongée, servant à mettre des aiguilles. Il n’y a pas une femme qui 
ne porte journellement dans sa poche son dé et son coffin. Cafotin en Rouchi 
et Wallon. 




WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


79 


dungen finden sich vereinzelt auch in dem ostlichen Gebiet, in dem 
nach S. 52f. cotarium schon frliher infolge des Zusammenfalls mit 
corium gefallen war. Diese Neubildungen lassen nun vérschiedene 
Entsprechungen des afz. cons - z otis fur das Nordfranzosische er- 
schliefien, die im Stammwort heute untergegangen sind. Hierher ge- 
hòren zunachst die S. 16 angefiihrten Mundarten der ostlichen WaF 
Ionie, die auf einem conz mit gesprochenem auslautendem s aufbauen. 
Diese Neubildung mufi erfolgt sein, bevor hier [kòs] — cot is mit [£ò’s] — 
coxa zusammenfiel, istalso von der Beziehung von [kit[e] — cotarium 
zu colea unabhàngig. 

Nach Schwund der Auslautkonsonanten ist dagegen die Form 
[komio] des Punktes 210, S.-et-Marne, neugebildet. Das -m- dieser 
Ableitung setzt eine aus [ko\ gebildete nasalierte Form [kù\ voraus, 
die dem siidostfrz. \akò\ in 917 entspricht. Das - m - vor dem Suffix 
-[?o] = -arium ist analogisch nach dem Vorbild \et$\-\etcime\ und 
àhnlichen eingetreten; s. Meyer-Lubke, Franzosische Grammatik 2, 
S. 17. Dieses kom-ier ist demnach eine sich auf [ko] «Wetzstein» 
stlitzende Auflehnung gegen die Form [kuie], verdankt also ihre 
Entstehung den gleichen Grundsàtzen, die in 153 und 171 zur Bildung 
der Form [kou-oir] flir koir gefuhrt hat; s. S. 54. 

Hier tritt als Ubergangskonsonant zwischen Stamm und Suffix ein 
-m- auf, das von der Nasalierung des o in cotis ausgeht. Dort, wo 

eine Nasalierung nicht vorhanden war und die Sprache trotzdem die 

unmittelbare Ableitung [ko-fer] vermeiden wollte, weil diese das Wort 
mit fremden Assoziationen erftillte, konnte nun als Ubergangslaut 
mundartlich ein - 5 - eintreten*, vgl. dazu zum Beispiel frz. foissier 
Tonne flir die Leber vom Kabeljam zu foie Leber > ; frz. écla- 

bousser , so seit dem 16. Jahrhundert fiir alteres zum Beispiel nor- 

manisches éclaboter , das zu westfrz. clabot «Wasserloch gehort; 
angev. magosse , fem. zu rnagot Schatz> usw. Dieses -5- geht aus 
von Fallen wie gresserie : Sandsteinlager» zu grès Sandstein->; 
B. Maine [làfósie] Linnenarbeiter'> zu [làfór], [làfei] din en filasse- 
aus lanificium, REW 4893, s. auch Nyrop, Grammaire hist. 3, 

§ 90 * 

So konnte also auch, nachdem das z in afrz. cous verstummt war, 
zu [ko] eine Ableitung [kosie] treten. Auf einer solchen Grundlage 
beruht die vereinzelte Form [/cosi] des Punktes 77, Departement 
Vosges, in dem S. 54 bezeichneten Gebiet, auf dem cotarium zu 
[koir] geworden war; es ist also [/cosi] eine Zerdehnung von [koir], 
das einsilbig zu [/coir] zu werden drohte. Hierher gehòrt auch das 
bei Adam, Patois lorrains flir Rehaupal angefiihrte gossi. Ein 


80 


ERNST GAM1LLSCHEG 


gleiches cossier liegt ferner in Westfrankreich in 421 [kosio] Kumpf 
zugrunde, das von Dottin bestàtigt wird. Dieses [kosio] ist der Form 
nach Ableitung von cosse «Schote», vgl. in 421 [vesto] fiir vesse , 
ALF 1379, [kosio] = cosse in 281, 292, ALF 1518, wird aber fiir 
Westfrankreich in der Bedeutung «Futternapf» angegeben 1 . Es ist 
also zu [ko] cWetzstein», das im Siidwesten in dieser Form noch er- 
halten ist, ein [kosie] gebildet worden, das [koie] ersetzen solite. 
Dieses [kosie] wurde aber nun mit der Wortsippe um cosse «Schote 
in Zusammenhang gebracht. cossier wiirde nun eine < Menge Schoten 
bedeuten; es wird daher zu [kosio] «Napf» berichtigt und kann sich 
dank dieser sekundaren Beziehung halten; vgl. besonders die in der 
Anmerkung angefuhrte Umschreibung von [kosio] Kumpf > als sabot 
und die in Abschnitt 59 angefiihrten Benennungen nach dieser Form. 
Ein solches cossier liegt endlich in 219, Eure-et-L. dem tiberlieferten 
[kosè] zugrunde, das in der Endung Beeinflussung durch das im an- 
schlieBenden Norden herrschende coffin zeigt. 

47. Man solite nun in erster Linie eine solche -ss- Ableitung auf dem 
Gebiet erwarten, wo das afrz. conz in der Form [kos], [kos] erhalten 
ist, s. S. llff. Allein hier ist zunachst im Norden fiir cotarium aus 
begrifflichen Griinden poi à saboterei eingetreten, s. S. 76, und Ab¬ 
schnitt 59. Im Sliden ist [kiiie] «Kumpf» + «Hodensack» aber von 
der Volksphantasie aufgenommen und ausgestaltet worden; die Sprache 
hatte also gar keinen Grund, eine Neubildung nach der Form des 
«Wetzsteins zu schaffen. Wir sehen ja, wie umgekehrt auf einem 
Teil des auf dem [kuie] aufbauenden cafotin - Gebietes der diesem 
zugrunde liegende Vorstellungskreis auch die Bezeichnung des < Wetz- 
steins» anzieht; s. S. 77. Die siidlichen Auslàufer des \kós]- Gebietes 
liegen dagegen in dem erhaltenen cotarium-Gebiet in dessen ver- 
schiedenen regionalen Formen. So erklàrt sich die S. 5 als auf- 
fàllig befundene Tatsache, dafi in Nordfrankreich cotarium gerade 
dort fehlt, wo cote erhalten ist. 

48. Der gewòhnliche Ubergangskonsonant zwischen vokalisch 
endendem Stammwort und ebenso beginnendem Suffix ist jedoch im 
Franzosischen ein das schon bei dem [kuatie] - Typus, S. 38, be- 
obachtetwurde,vgl. Meyer-Llibke, Frz.Gramm.2, S. 18f.; Nyrop, 
Gramm. hist. 3, § 89. Dementsprechend haben die Punkte 78 und 85 
(Departement Vosges bzw. ElsaB) eine Form [guti], [goti] im ehe- 

1 Vgl. Montesson, H Maine: cossiau 1. petite auge portative dans 
laquelle on donne aux bestiaux du son ou des cosses de légumes. 2. sabot 
ou cornet en bois que les faucheurs portent à la ceinture et qui contient le 
vinaigre destiné au repassage de la faux. 




WETZ STEIN UN D KUMPF 1M GALLO ROM ANISCHEN 


81 


maligen [koir\ — co tar ium + corium - Gebiet, wie das oben er- 
wàhnte [kosi] derselben Gegend. Diese Formen lassen nun flir 78 
ein [ku], flir 85 ein [kó] «Wetzstein» erschliefìen, von denen nament- 
lich das letztere erwàhnenswert ist. Flir coda haben heute beide 
Mundarten eine Form [ku], so dafì in 85 auch cote in der Form 
[ku] erscheinen solite. Das tatsàchlich erschlossene [kó] erklàrt sich 
nun wohl ahnlich wie [kór] «Wetzstein» am entgegengesetzten Ende 
Frankreichs, s. S. 24. Es ist vermutlich in dem Kampfe zwischen 
ku «Schweif» und [ku] «Wetzstein^ flir ersteres zunachst das literarische 
queue eingetreten-, das Schwanken zwischen [ku] — [kó] «Schweif» wird 
aber spàter auch auf [ku] «Wetzstein» Iibertragen. Als Rest dieser 
Nebenform [kó] «Wetzstein» bleibt die Ableitung [goti] erhalten, selbst 
geht sie aber unter, und auch [kó] Schweif wird wieder durch das [ku] 
der Umgebung verdràngt, als kein [ku] — [kó] «Wetzstein» mehr mit 
ihm konkurrierte. So làfìt sich flir die zusammenhangenden Punkte 77, 
78, 85 ein ehemaliges c o t e - Gebiet erschliefìen, auf dem sich dieselben 
Kampfe abgespielt haben wie in den auf gleicher Hohe liegenden 
Mundarten im Westen Frankreichs. 

49. Solange cos, cotisin irgendeiner Form in der Sprache vor- 
handen war, konnte die Bezeichnung des «Kumpfes» als der Um- 
fassung des « Wetzsteins» auf der Lautform des letzteren neu aufbauen, 
wenn die lautgesetzliehe Form von co tari um eine Neubildung als 
wlinschenswert erscheinen liefì. Der umgekehrte Fall, dafì das Stamm- 
wort cos, cotis nach der Form der Ableitung seine Lautform be- 
richtigt, ist dagegen nirgends eingetreten und konnte nach den Laut- 
gesetzen des Franzòsischen auch schwer eintreten. So stand die Sprache 
vor der Aufgabe, aus eigenen Mitteln flir den Begriff «Wetzstein», 
«Sensenstein» Ersatz zu schaffen, was um so schwieriger war, als die 
Schriftsprache, die sonst in ahnlichen Fallen mit Vorliebe zu Rate 
gezogen wird (s. die literarischen qaeue y ellisse- Formen auf S. 20f.; 
56, 57 ; 16), bei der Benennung eines so unliterarischen Begriffes wie 
des Wetzsteins versagt. 

Da lag es zunachst nahe, flir den engeren Begriff des «Wetzsteins» 
den weiteren des «Schleifsteins», pierre à aiguiser zu gebrauchen, 
oder die Zweckbestimmung, die den «Wetzstein» von der weitesten 
Form der Vorstellung, dem «Stein», scheidet, durch eine attributive 
Erweiterung des Grundwortes zum Ausdruck zu bringen. 

Zunachst ist es aber schwer verstàndlich, dafì flir den «Wetzstein 
die allgemeine Bezeichnung «Stein >, im Norden pierre , im Siiden 
peira eintritt. Dafì der Bauer gelegentlich von seinem Stein spricht 
und darunter, wenn er gerade beim Mahen ist, seinen Wetzstein meint, 

Archivum Roraanicnm. — Voi. VI. — 1922. 6 


82 


ERNST GAMILLSCHEG 


ist erklarlich. Wo also auf der Karte queux des ALF pierre Wetz- 
stein» vereinzelt belegt ist, kann eine solche gelegentliche Verwendung 
des Wortes vorliegen. Soli dagegen der «Wetzstein» als solcher ein- 
deutig bezeichnet werden, so wird wohl auch dort ein à aiguiser, 
de daille u. a. hinzutreten. Anders aber, wo ausgedehnte, zusammen- 
hangende Gebiete petra filr Wetzstein» zeigen. 

Einzelne Mundarten des Nordens unterscheiden nun pierre Stein 
von pierre «Wetzstein», indem sie dem letzteren den bestimmten 
Artikel voransetzen, so 210 (S.-et-Marne) und 408 (Indre-et-L.)*, es 
ist also la pierre der Wetzstein, ime pierre , des pierres «Stein», 
«Steine». Es hat hier der Artikel noch seine demonstrative Kraft 
bewahrt, wie gelegentlich im Altfranzósischen (s. Tobler, Vermischte 
Beitràge 2, S. 44f., Haas, Frz. Syntax, S. 162f.), was sprachlich 
durch eine Tonerhohung in der Artikulation des Artikels zum Aus- 
druck gebracht wird, wie in deutschem dér Stein . Diese Scheidung 
ist deshalb von Erfolg begleitet, weil fur den Schnitter der Wetz¬ 
stein in der Regel nur in einem bestimmten Exemplar eine Rolle 
spielt. im Gegensatz zu pierre Stein , das nur als Mehrheit oder 
doch nicht als einzelnes, von anderen unterschiedenes Exemplar in 
Betraeht kommt. Auch [le piar] in 4 (Nievre), 6 (Saone-et-L.) und 
[le pier] 66 (Vosges) gehoren hierher, da le hier die Entsprechung 
des femininen Artikels der Einzahl ist. 

Im ganzen Siidwesten Frankreichs, nàmlich im Gaskognischen im 
weiteren Umfang und den Departements Dordogne, Corrèze und den 
anschliefienden Mundarten, ist das lat. petra ohne Erweiterung fur 
cos, cotis in Gebrauch. Diese Homonymitàt macht sich aber zweifel- 
los fiihlbar; denn auf vier verschiedenen Gebieten tritt flir petra 
«Stein» die Entsprechung des frz. caillou Kieselstein ein, so da8 
vermutlich in der Gaskogne in absehbarer Zeit die Homonymitàt 
zwischen petra Stein un^l-petra «Wetzstein wieder aufgehoben 
sein wird. Wie aber kommt die Sprache dazu, mifìverstandlich 
gewordene Bezeichnungen flir den Wetzstein» dadurch zu ersetzen, 
dafì an ihre Stelle neuerdings ein doppeldeutiges Wort gesetzt 
wird? 

Die einzige verniinftige Antwort darauf kann meines Erachtens nur 
die sein, dafì das prov. peira nicht der unmittelbare Fortsetzer des 
[kut] «Wetzstein in der Gaskogne, des [kuado] «Wetzstein» im nòrd- 
lichen Teil des petra-Gebietes ist, sondern dafì hier eine Mittelstufe 
ausgefallen ist. Diese Zwischenstufe ist in dem in der zweiten Halfte 
des 18. Jahrhunderts verfafiten limusinischen Wòrterbuch von B é r o n i e, 
190/1 zu finden, vgl. 




WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


83 


PE'IR0 7 s. f.Pierre; 

PE-IRO, MOLO; PE-IRO DE MOULI; MOLO. Pierre 
dont on fait les meules de moulin. Pierre de meulière; 

PE-IRO-MOLO, s. f. C’est le nom générique qu’on donne à 
toutes les pierres à affiler; 

MOLO, s. f. Pierre qui sert à moudre, à aiguiser. 

Es ist also hier urspriinglich an Stelle der untergehenden Formen 
fiir cote pierre Stein> getreten, das nun durch die appositionelle 
Bestimmung metile «Miihlstein» naher bestimmt wurde; ein pierre 
metile bedeutet also zunachst «Stein von der Art des Miihlsteins». 
Jede appositionelle Bestimmung hat aber in sich die Tendenz, attri¬ 
buti zu werden, d. h. mit dem zugehòrigen Grundwort zu einer 
einheitlichen Vorstellung zu verschmelzen. So wird pierre-metile 
Stein von der Art des Miihlsteins» zum «Schleifstein». Das ist der 
augenblickliche Zustand, wie er von Béronie festgehalten wurde. 
Daneben steht aber weiter metile «Miihlstein», ein pierre -metile ist 
also gleichzeitig ein «Miihlstein», bei Béronie als Peiro, molo be- 
zeichnet (neben Peiro-molo «Schleifstein»); es wird also in dem 
einheitlich gewordenen pierre-meule «Wetzstein» das zu Mifìdeutungen 
Anlafi gebende metile weggelassen, pierre-meule «Schleifstein» wird 
zu pierre «Schleifstein, der kein metile Miihlstein ist . Dieses pierre 
Schleifstein; steht nunmehr mit pierre «Stein» in Kampf, iiber dessen 
Ausgang einstweilen noch keine Voraussage moglich ist. 

51. Zu einem Ohergang von mola «Miihlstein zu mola «Wetz¬ 
stein» ist es auf diesem Gebiete nicht gekommen, obwohl Ansatze 
dazu in limusinisch molo bei Béronie bereits zu sehen sind. Dagegen 
ist es auf dem siidostfranzòsischen Sprachgebiet und den siidlich an- 
schliefienden Mundarten der eigentlichen Provence zu einer solchen 
Verschiebung gekommen. Der runde, unbewegliche Miihlstein und 
der spitzig zulaufende Wetzstein, der vom Schnitter bei sich getragen 
wird, sind so verschiedene Gegenstande, dafi an eine unmittelbare 
Obertragung von mola auf den «Wetzstein» nicht zu denken ist. 
Den Ausgang der Verschiebung zeigen die Mundarten 989 und 988 
in der franzòsischen Schweiz an, die fiir den «Wetzstein» eine Form 
[molire\ 7 fiir den Miihlstein > [verenta] aufweisen; ferner 969 mit 
[m a olct ridda] «Miihlstein•>, d. i. mola rotunda und [m (1 ola de ko a e\ 
Wetzstein», d. i. metile de coyer. Wie in 969 Miihlstein und Wetz- 
stein das gleiche Grundwort, lat. mola zeigen und durch die ver¬ 
schiedene attributive Bestimmung auseinandergehalten werden, so sind 
zweifellos auch \molire\ «Wetzstein: und [verenta] «Miihlstein» ur- 
spriinglich Erganzungen eines Grundwortes, das aus einem noch zu 

6 * 



84 


ERNST GAMILLSCHEG 


bestimmenden Grunde weggelassen wurde. Tatsachlich ist [verenta] 
Adjektiv-Partizip von [veri] «sich drehen», zu altsudostfrz. virier flir 
frz. viver ; [verenta] ist also Rest einer Verbindung [mola verenta ], 

• die sich drehende mola», wie im benachbarten 969 [m u ola riàda ] die 
,runde mola» bedeutet. 

Es ist demnach [molire] in 988, 989 (neben [verenta] «Miihl- 
stein») aus einem [mola molire] entstanden und ist die Entsprechung 
des frz. meulier , meulière «von der Art * des Muhlsteins», also 
adjektivische Ableitung (-arius) von lat. mola «Miihlstein»; vg]. 
frz. pierre meulière, silex meulier <qui a rapport aux meules à 
moudre». (DG.) 

Es liegt auf der Hand, datò eine Bildung wie metile meulière 
nicht urspriinglich ist ; es kann ihr aber auch kein pierre meulière 
vorangehen, das dem limusinischen peiro-molo bei Béronie ent- 
sprechen wurde * denn man miifite als Fortsetzung eines solchen pierre 
meulière doch hier oder dort ein pierre à amouler erwarten, wàhrend 
das ganze slidostfranzòsische Gebiet von dem siidlichen, ganz ver- 
einzelten 922 abgesehen, nur mola bzw. moietta Wetzstein» kennt. 
In der eigentlichen Provence dagegen, wo, wie im folgenden gezeigt 
werden wird, tatsachlich ein peira mola vorhanden war, ist auch der 
Typus pierre à amouler uber das ganze Gebiet verbreitet. Es mufi 
also die Vorstufe des mola in [mola molire] ein Wort gewesen sein, 
das 1. eine Erganzung brauchte — ein lat. *cos molaria ist ja 
zum Beispiel ein Widersinn — und 2. in der Folge unterging, so daB 
Spuren dieses Wortes, etwa wie peira fiir peira mola im Limusinischen, 
nicht zu erwarten sind. 

52. Dieses Wort war nun zweifellos das S. 55 f. erschlossene [Pana] 
Wetzstein » (aus [kona], dieses aus [kon] — c o t i s + -a der Femmina), 
das mit [Pana] «Schweif homonym geworden war. Wie heute in 
der Literatursprache meule Miihlstein als meule à moudre dem 
homonymen meule in meule de foia «Heumiete* entgegengestellt 
wird ? so wurde also das zweideutig gewordene [Pana] «Wetzstein» 
durch [Pana moli eri] <ikaua von der Art des Muhlsteins» verdeutlicht. 
Dieses [Pana molieri] ist die Entsprechung des S. 10 angefiihrten 
mfrz. queue à aiguiser, nur ist hier die attributive Bestimmung in 
Form eines Zugehorigkeitsadjektivs und nicht in Form eines Pràpo- 
sitionalausdruckes bezeichnet. Syntaktisch entspricht diesem * queux 
meulière vollstandig der Typus rat taupier fiir die grofie Feldmaus 
(frz. nmlot) im Departement Hérault, fiir die Spitzmaus (frz. musa- 
raigné) in den Departements Gard und Lozère, ALF 1641 und I 642 . 
Dafi diese Art der attributiven Erweiterung im besonderen im [moliri]- 




WETZSTE1N UND KUMPF 1M GALL0R0MANISCHEN 


85 


Gebiet iiblich war, zeigt das von Gauchat, BGPSR 2, 35 an- 
gefiihrte [kuti paria] Hobel», wortlich *cultellus paratorius 
Messer zum Gleichmachen dienend» (fiir ein unbrauchbar gewordenes 
plana), nur tritt hier statt des Suffixes -arius das zur Ableitung 
von Zeitwòrtern dienende -orius auf; s. Grundziige der Wort- 
bildung, S. 27. 

Eine Bildung wie [kaua molieri ] ist aber nur so lange moglich, als 
sich mit der Lautfolge [kaua] noch die Vorstellung Wetzstein» ver- 
bindet, wie àhnlich mfrz. queue à aiguiser nur in der Zeit der Doppel- 
deutigkeit von [kb\ gangbar war und spater durch pierre à aiguiser 
ersetzt wurde. Stellen wir uns vor, dafi fiir metile die Bedeutung 
Heumiete» untergeht, so wird ein meule de foin zu einem < Miihl- 
stein aus Heu ; das meule mtìfite dann durch einen passenderen Aus- 
druck, etwa tas, ersetzt werden ì . Àhnlich erging es mit der Verbindung 
|kaua molieri}. Als selbstandiges kaua ausschliefilich Schweif» be- 
deutete, wurde [kaua molieri ] zu einem <.Schweif von der Art des 
Muhlsteins , d. h. es wurde sprachlich unmòglich. Das urspriingliche 
[kaua molieri} tragt den Ton auf dem [molieri} ; denn dieses ist das 
psychologische Pradikat, das dem psychologischen Subjekt [kaua} das 
von [kaua} Schweif ) unterscheidende Merkmal beilegt. Sobald aber 
selbstandiges [kaua] «Wetzstein» untergegangen war 7 wurde [kaua 
molieri} eine einheitliche Vorstellung, wie das neufrz. meule de foin , 
und nun beginnt die psychische Gegenbewegung. Die Schopfung der 
Wortgruppe [kaua molieri} «kaua von der Art des Miihlsteinst> ist 
ein synthetischer Vorgang; die Auflosung von [kaua molieri} in 
Schweif (was ja nicht sein kann) — mol'iern = «Wetzstein» ist da- 
gegen eine Analyse; die einheitliche Vorstellung Wetzstein wird 
volksetymologisch zergliedert, das unmdgliche \kaua} «SchweiP durch 
eine mit dem Wetzstein assoziierte Vorstellung, als welche sich jetzt 
wie bei der Synthese gleicherweise der cMuhlstein» einfand, ersetzt. 
Bei dieser Gegenbewegung wird nun aber [molieri} als der feste Be- 
standteil der Wortgruppe zum psychologischen Subjekt; das unpassende 
psychologische Pradikat [kaua} wird durch das entsprechende [mola 


1 Die Zusammenstellung von meule «Miete» und lat. mola «Miihlstein», 
die REW 5641 angenommen ist, ist abzulehnen. Das Wort ist zuerst im 
14. Jahrhundert als mule belegt, und dieses ist Riickbildung von afrz. muilon , 
mulon , nioilon , heute meulon in der V. d’Yères, Morvan «kleine Heu¬ 
miete», das auf ein gallisches *muljo «kegelfòrmiger Haufe», Erhebung» 
zu schottisch, irisch mul, moil dasselbe zuriickfiihrt. Wenn spanisch muda 
(= mola) auch ^Heuschober» bedeutet, so licgt wohl Bedeutungslehnwort aus 
dem frz. meule vor. 



86 


ERNST GAMILLSCHEG 


ersetzt* dieses wird als psychologisches Pradikat auch zum Tontràger. 
Das sprachliche Korrelat fiir die Vorstellung des < Wetzsteins», das 
ursprtinglich in dem [kaua] = co te + -a gelegen war, ist zunachst 
auf den einheitlichen Wortkomplex [kaua molieri ] tibergegangen und 
nach dem allgemeinen Betonungsgesetz des Franzòsischen auf der 
ursprtinglich attributiven Erganzung [molieri] haften geblieben , so 
dafi der zuletzt geschaffene Typus [mola molieri ] die Vorstellung des 
«W e t zsteines» in dem molieri zum Ausdruck bringt. also dieses 
«mola von der Art des Wetzsteins» bedeutet, zu dem als Gegen- 
bildung [mola verenta] d. i. « mola , die sich dreht», d. i. «Miihlstein 
geschaffen wird. 

Nun tragt aber eine Verbindung wie [mola molieri] in sich den 
Keim des Unterganges. Sie ist berechtigt, solange sie im Gegensatz 
zu einem noch bestehenden [kaua molieri] den Ton auf dem mola 
tragt, wird dann aber, da im Franzòsischen das psychologische 
Pradikat dem psychologischen Subjekt in der Regel nachgestellt wird, 
zu [molieri mola] umgestellt- dieses entspricht dann syntaktisch dem 
limusinischen und provenzalischen (im engeren Sinn) peira mola . 
Sobald aber nun [kaua molieri] auch in der Erinnerung untergegangen 
war, wurde [mola molieri] mit der alten Stellung von Substantiv und 
Adjektiv ebenso eine Tautologie wie das s)mtaktisch dem Verhàltnis 
von psj^chologischem Subjekt und Pradikat angepafite, umgestellte 
[molieri mola]. Es bedeutet ja nur cmola wie eine mola » bzw. 

«molieri von der Art der mola ». Wie in 989, 988 [mola verenta] 
«die sich drehende mola zu [verenta] mit Substantivierung der 
attributiven Bestimmung wurde, so wurde nun offenbar [mola molieri] 
«Wetzstein zu [molieri], heute [molire] 989, 988 bzw. [mairi] 978, 
und das syntaktisch richtigere [molieri mola] zu mola , das nunmehr 
auf dem gròBten Teil des sudostfranzòsischen Sprachgebietes den 
«Wetzstein» bezeichnet. 

So wird mola «Miihlstein zu mola «Wetzsteins, das da- 
neben aber in der urspriinglichen Verwendung zur Bezeichnung des 
runden Muhlsteins in Verwendung steht. Die Folge davon ist. 
dafi mola in dieser Gegend weder «Muhlsteins noch 
«Wetzstein bedeutet, sondern die Bedeutung bekommt, die 
beiden Vorstellungen gemeinsam ist, e s wird zum «Schleif- 
stein. 

Diese gemeinsame Beziehung zwischen «Wetzstein und «Miihl- 
stein» war ja auch der Grund, warum [kaua] «Wetzstein» (in das 
sich [kaua] «Schweif» einschleicht) durch die Ableitung von mola, 
namlich molieri , erweitert wurde, und dafi es spater, als molieri der 




WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 87 

Trager der Vorstellung des Wetzsteins geworden war, selbst durch 
mola ersetzt wurde 1 . 

53. Dafi tatsàchlich im Slidfranzosischen und dem anschliefienden 
Provenzalischen mola nur mehr in der Bedeutung «Schleifstein vor- 
handen ist, zeigt das von mola abgeleitete Verbum molar, amolar , 
das gerade auf diesem Gebiete die Entsprechung des frz. aiguiscr ist. 

Das siidostfrz. [mola] ist also begrifflich die Entsprechung des lite- 
rarischen pietre à aiguiser Schleifstein» und kann infolge dieser 
mittleren Bedeutung sowohl fiir den runden «M uhi stein wie den 
spitzig zulaufenden «Wetzstein verwendet werden, wie dies in zahl- 
reichen Mundarten der Fall ist. (31, 20, 30, 915, 926, 935, 917, 921, 
829, 942, 958, 947, 945, 956, 944, 957, 955, 933, 954, 965, 953.) Nur 
gewisse westliche Mundarten unterscheiden die bei den mola , indem 
sie in der Bedeutung «Wetzstein» die Zweckbestimmung de dar y de 
der fiir die Sense hinzufugen* siehe dazu ZRP 40, 517f. (927,928, 
938); vgl. auch in 912 (Isère) [mule a amolo ] «Wetzstein , 818 mola 
a amolo] neben [mule] bzw, [mola] «Muhlstein», das dem oben er- 
schlossenen [mola molieri] mit Ersatz der adjektiviscben attributiven 
Bestimmung durch den Prapositionalausdruck à amouler «zum 
Schleifen» entspricht. Das benachbarte 922 mit [pierà a amola] hat 
das unpassende mola dieser Verbindung durch dass allgemeinere 
pierre «Stein ersetzt. 

Auch der umgekehrte Vorgang, dafi der «Muhlstein» nun als be- 
sondere Art Wetzstein bezeichnet wird, ist vereinzelt zu belegen, 
vgl. in 924 (Ain) [muoia] Wetzstein > gegen [muol a vriia] «Miihl- 
stein» und àhnlich in 869 [muoia] «Wetzstein» gegen [muoia vira- 
reira] sich drehender Schleifstein , das also dem oben erschlossenen • 
\mola verenta] der Punkte 988, 989 genau entspricht. 

Immerhin ist der Unterschied zwischen «Wetzstein» und «Muhlstein» 
in der Form so grofi, dafi auf drei verschiedenen Gebieten die Sprache 
zur Unterscheidung der beiden Vorstellungen den «Wetzstein» als die 
kleinere Form des Scbleifsteins bezeichnet; es tritt also ein Typus 
moietta kleiner Schleifstein» = «Wetzstein» neben mola «grofier 
Schleifstein = «Miihlstein». Dies ist der Fall an drei Punkten des 
piemontesisch-frankoprovenzalischen Grenzgebietetes (auch in Vionnaz 

1 Dabei ist zu berucksichtigen, dafi frz. meni e nicht nur den «Miihlstein» 
bezeichnet, mit dem die Getreidekorner zermalmt, gemahlen werden, sondern 
auch den vom fliefienden Wasser oder durch eine Tretvorrichtung gedrehten 
Stein, an dem Messer, Scheren usw. geschliffen werden. Diese zweite Be¬ 
deutung ist auch die allgemein bekannte, wàhrend mola in der etymologischen 
Bedeutung «Mah! stein * speziell in den Wort- und Vorstellungskreis des 
Miillers gehort. 



88 


ERNST GAMILLSCHEG 


rnoleta—pierre à aiguiser ), ferner im Norden und Siiden des ge- 
schlossenen mola «Wetzsteim-Gebietes. 

54. Àhnlich wie im Sudostfranzòsischen ist die Entwicklung im 
eigentlichen Provenzalischen vor sich gegangen, wo nach Abschnitt 33 
cote iiber [ko ], [koa], [kua\ mit [foia ] «Schweif» in Kollision ge- 
raten war und in der Folge unterging. Heute sind auf diesem Ge- 
biet im Siiden des siidostfrz. mola «Schleifstein» = «Wetzsteim -Ge¬ 
bietes flir den «Wetzsteim die folgenden Typen in Gebrauch: 1 . metile 
à amouler, 2. metile, 3. pierre à amouler , 4. pierre . Da das ganze 
Gebiet fiir «Schleifen» den Typus amouler aufweist, ist auch hier fiir 
mola die Grundbedeutung Schleifstein» erwiesen. 

Auf das Verhàltnis der einzelnen Formen und ihre begriffliche 
Entwicklung werfen die Angaben Licht, die Calvino, Dict. Nigois- 
frangais, Nizza 1905, macht: 

PEIRA n. f. pierre, terme de magonnerie, bloc de pierre de 90 
à 100 kilogrammes. 

PEIRA n. f. meule pour écraser les olives (terme de meunier). 

PEIRA DE MOLIN n. f. meule à moulin. 

PEIRA MUOLA n. f. meule, pierre d’émeri servant à aiguiser. 

MUOLA n. f. pierre à aiguiser. 

Es ist also mola zum «Wetzsteim> geworden; peira muoia be- 
zeichnet den schweren, runden, vom Wasser betriebenen «Schleifstein.:, 
peira allein oder mìt der Erganzung de moliti den eigentlichen Mahl- 
stein». Mit peira verbindet sich die Vorstellung des schweren, massiven 
Steines, daher wird das Wort zur technischen Bezeichnung des Mahl- 
steins» geeignet. 

• Das angegebene peira muoia «Schleifstein ist der Angelpunkt der 
Erklàrung dieser Formen; es bezeichnet im ersten Bestandteil die 
massive Form des «Schleifsteins^, in der Apposition die Zweck- 
bestimmung des : Schleifens.>. Aber diese Verbindung ist zweifellos 
nicht urspriinglich. Ich vgrmute, dafi ahnlich wie im Norden [mola 
molieri ] fiir alteres [kaua molieri ] eintrat, zunachst mifiverstandlich 
gewordenes [kua] «Wetzstein;> durch [ Ima mola] ckua , die wie ein 
Wetzstein ist», verdeutlicht wurde, vgl. mfrz. queue à aiguiser , S. 10, 
dafi aber dieses nach dem Untergang von [kua] «Wetzstein» zu einer 
appositionellen Erweiterung von [kua] «Schweif» wird, so dafi nun 
[kua] ersetzt. werden mufi. Das begrifflich zunachstliegende mola, 
das sich im Norden voriibergehend als Grundwort neben molieri 
halten konnte, kommt hier naturgem&B nicht in Betracht (es ware ja 
\kua mola] zu [mola mola] geworden); so wird das allgemeine peira 
«Stein» fur das unbrauchbar gewordene [kua] «Schweif», friiher 



WETZSTEIN UNO KUMPF IM GALLO ROM ANISCHEN 


89 


^ Wetzstein*, eingesetzt. Es entsteht der Typus peira mola AVetz- 
stein . Die Sonderbedeutung iSense nstein» wird aber durch peira 
gar nicht, durch mola nur unvollkommen zum Ausdruck gebracht; 
denn mola cMuhlstein» steht einstweilen noch daneben. So wird 
mola auch hier seiner besonderen Funktion zur Bezeichnung des 
Mahlsteines* entkleidet, es wird zum «Schleifstein», und peira mola 
dem unerweiterten mola gegentiber zur schweren Form des Schleif- 
steins», zum eigentlichen Miihlstein». 

Auf peira mola in der fruheren Bedeutung Wetzstein* (als direkter 
Nachfolge des erschlossenen [kiia mola]) beruhen dann peira Wetz¬ 
stein* neben muoia < Wetzstein» im Departement H. Alpes; auf mola 
Wetzstein , das daneben auch «Muhlstein bedeutet, beruht [mola 
a amular] mola zum Schleifen» im Departement Alpes-Mar., das 
dann in das am weitesten verbreitete peira a amular berichtigt wird. 

55. Die einfachste Form, das untergehende cote, cotis zu er- 
setzen; bestand aber darin, den Wetzstein;) als das Werkzeug zu be- 
zeichnen, mit dem die Handlung des Schleifens vollzogen wird. Dazu 
standen der Sprache eine Reihe von Mitteln der Wortbildung zur 
Verfugung. 

1. Lat. -orium, -oria, s. Meyer-Lubke, Frz. Gram. 2, 
S. 47/48. Zu affiler wetzen, schleifens gehòrt affiloir , bei 
Duméril 1. c. als literarische Form, dann * affiloire in 318 
(Sarthe), dazu in 397 (Jersey) [afilòs] aus [afilór], der dialektisehen 
Entsprechung von ^ajfiloire ; siehe dariiber Grundziige usw. S. 63. 
Der gleiche Typus zeigt sich in adjektivischer Funktion in * pierre 
affiloire auf einem zusammenhangenden Gebiet in Westfrankreich 
(440, 338, 327, 325, 315). Uber dieses adjektivische -atorius vgl. 
Grundziige usw. S. 27/28, ferner den Typus *cultellus para¬ 
tori us S. 85. 

Die entsprechenden Ableitungen treten zu aiguiser schàrfen, 
schleifen auf, sowohl in mannlicher wie weiblicher Form; vgl. 
entsprechend einem mannlichen ^aiguisoir : Còte-d’Or [ egiiior] mask.. 
104 (Nièvre) [agitine], 105 [agitene], 106 (Yonne) [egiizuer], 733 
(Tarn-et-G.) [asiigadu] < [agiisadu]. Als Femininum = * aiguisoire 
399 (Guernesey) [egli sòr], 

Fiir aiguiser tritt die verstlirkte Form * raiguiser ein 1 ; vgl. 
[regiisor] 19, f regiizur] 16, [ragUzuar] 298, Pas-de-C,, [ragiiisuer] 

1 Zu dem r^-Pràfix s. M. Meinicke, Das Pràfix Re- im Franzosischen, 
Diss. Berlin, 1904, besonders S. 69, re- im Sinne einer Steigerung, als Ver - 
stàrkungsartikel, wie in lat. reposcere «nachdriicklich verlangen» u. à. 
Hierher gehOren Falle wie afrz. retaire{= lat. re ti cere *absolut schweigen»). 


90 


ERNST GAMILLSCHEG 


279, Somme, dazu bei Vautherin, Chatenois pierre ai raidiii- 
joùere . 

Entsprechende adjektivische Formen in 905, Loire, agóBÓr \, 

908, Rhone, agumir ], 785, Aude, [peiro agiisaduro\ alle ent- 

sprechend einem literarischen ^pierre aignisoirc . 

2. Mundartlich tritt das Suffix deve fiir -oir, -oirc ein, siehe 
Grundziige usf. S. 67. So erklart ' sicb das ganz vereinzelte [agu- 
siro ], das ist *aiguisière in 805, Puy-de-D. 

3. Im Altfranzòsischen konkurriert mit adjektivischem -oir 
- a t o r i u s das Suffix -eres aus -ariceus; s. Thomas, Nouv 
Ess. 62ff., Grundzuge, 13f. Einen Rest dieses Suffixes zeigt die 
Form [pir rafilros\ 76, Vosges, literarisiert *pierre raffileresse. 

4. Die postverbalen Substantiva von transitiven Verben bilden 
in der Regel Werkzeugsbezeichnungen ; siehe Grundzuge S. 25. Da- 
her ein Typus *aiguise «Schleifstein.v in 146, Marne [giiè ], in Poitou 
zusammenhangend 478 [egiiis], 521, 531, 535 [adiiis |, 225 [aiiis], 
536 [agiiis], dann wieder in Zusammenhang 804, Puy-de-D. [agiiso], 
807 [agii3e] und Cantal, 811 [gosa]. 

5. Namentlich im Osten ist das Werkzeugsuffix -ette mit der 
dialektischen Entsprechung [~ot], [- at ] in Gebrauch; siehe Grundzuge 
S. 26. Es tritt an fast alle Verba an, die hier fiir «wetzen, 
schleifen angegeben werden y*vgl. : 

A. *aignisette in 57, Vosges, | egiihat \, 510, D. Sèvres 

[a[iiBet\. 


roablier , renvier «dringend einladen», frz. rechercher, recommander, ren- 
fermer, raccrocher u. à. Dieses re- wird dann vollstàndig bedeutungslos; 
vgl. dazu Darmesteter, Mots nouveaux S. 144. «De nos jours, il appar- 
tient à la langue écrite de se prémunir contre cette tendance souvent abusive 
de la langue populaire et de maintenir autant que possible Tintégrité des 
droits du mot simple»; ferner F. Boillot, Patois de Grand’ Combe, S. 39, 
r , re- (wird gebraucht).... «simplement pour renforcer l’idée contenue dans 
le verbe .... ròta = òter\ rlasi = donner en location» usw., ferner fiir das 
Departement Aube Guérinot, Notes sur le parler de Messon, RPF 23, 
257 ff. «Dans le parler de Messon le mème préfixe (nàmlich re-) est peut- 
ètre plus usité encore que dans le fran^ais populaire, si bien que la plupart 
des verbes simples sont remplacés par des formes avec re- prosthétique»_ 
Das r- in raigniser kann auch die mehrmalige Wiederholung, das Hinundher 
der Handlung zum Ausdruck bringen; vgl. dazu besonders Meinicke, 
1. c. S. 74, wie in afrz. ce ravient «das geschieht immer von neuem», ivoire 
replané ■ «wiederholt poliert», nfrz. ils nous rebattent les oreilles (Claude 
Lemaitre) ‘liegen uns fort und fort in den Ohren», bois repercé «wieder und 
wieder durchbohrt» usw. 






WETZ STEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


91 


B. * raignisette in 113, Aube, [ragiièot], 38, H. Marne [re- 
giizot ]. 

C. *affiletto in 143, Meuse, [efilot\, 463, Ille-et-V., 484, Mor- 
bihan [afilet\ 

D. * raffilette . Dieser Typus umfafit einen grofìen Teil des 
Departements Meurthe-et-M., H. Marne, Vosges, gewòhnlich in 
der Form [refilot], Er geht im Osten in den ebenfalls stark ver- 
tretenen Typus 

E. * ramoulette iiber, zu ramouler «schleifen , vgl. im Departe - 
ment Meurthe-et-M. [; r amulo f ], [ramulat], Vosges [remolot], [ra- 
miihot\ u. a. 

F. *i amoulette als Werzeugsbezeichnung in 835, Crome, [emu- 
leto\ , kann auch Diminutivum von mola sein; s. S. 87. 

56. Es kann der «Wetzstein» ferner dadurch bezeichnet werden, 
dafi ein Substantiv allgemeiner Bedeutung, in der Regel pierre , durch 
eine appositionelle oder attributive Erweiterung naher bestimmt wird. 
Da# hier pierre oft an die Stelle einer anderen Bezeichnung getreten 
ist, wurde im einzelnen schon erwahnt; S. 10, 88. Attributive Erweite¬ 
rung in Form eines Adjektivs liegt in den in Abschnitt 55, 1 bzw. 
3 angefuhrten -orius- bzw. ariceus-Bildungen vor. Den erschlossenen 
bzw. belegten Verbindungen wie peira mola entspricht ferner der 
Typus ^pierre aiguise (513, 517, 519, 610, 606, Departement D. Sèvres 
bzw. Charente), in dem aiguise «Schleifwerkzeug^ vielleicht flir ein 
alteres mola eingetreten ist, da das [peiro gii£o\ des Punktes 606, 

H. Vienne, unmittelbar in das peiro Wetzstein -Gebiet des Limusi- 
nischen rmindet, flir das ein fruherer Typus peiro molo nach S. 83 
bezeugt ist K 

Die attributive Bestimmung kann ferner aus Praposition und Sub¬ 
stantiv bestehen ; das Grundwort ist in der Regel pierre, vereinzelt in 
Ùbergangsbildungen queux bzw. mola, s. S. 10, 88. Die Typen sind 
im Norden pierre à faux, pierre de faux , im Stiden pierre de dail, 
daille , im Zentrum auch pierre de dar, die durchwegs cSensenstein* 
bedeuten. 

Einzelne westfrz. Mundarten haben als Grundwort statt pierre 
«.Stein die Entsprechung des frz. grès «Sandsteim . daher grès à 
dar 476 (neben grès à affiler in 485). Flir Pléchàtel bezeugt Dottin 

I. c. dieses [gre] als «grande pierre piate à àiguiser.; ; es ist also die 


1 Eine àhnliche appositionelle Verbindung monche — ep Fliege, nàmlich 
die Biene» erschlieftt, Gilliéron, Abeille passim. Vgl. ferner chat écureuil 
«Eichhornchen» im Departement Creuse und Umgebung. 



92 


ERNST GAMILLSCHEG 


Entsprechung des provenzalischen [tsiafre] in Abschnitt 58. Da nach 
S. 2 f. Wetzsteine tatsachlich auch aus Sandstein bestehen, ist hier ftir 
das allgemeine pierre das speziellere grès eingetreten. Datò diesem 
grès a dar ein Typus [ku\ à dar vorangegangen ist, laBt sich ohne 
weiteres annehmen, aber nicht beweisen. « 

57. Die haufigste Form der Umschreibung besteht aber aus einem 
Grundwort und einem finalen Infinitiv, in dem die verschiedenen Be- 
zeichnungen ftir «Schleifen» auftreten. Es sind dies: remoudre, 
109, Yonne, 173, Meurthe-et-M., zu lat. mole re «mahlen», bedeutet 
also etymologisch «auf dem Miihlstein schleifen»; am oaler, nament- 
lich im Stidosten, s. REW 5641. ramouler im Lothringischen. 
affiler zu fil «Schneide», raffiler , aiguiser , r aiguiser \ 
dazu gehoren wall. [rauizi], wie zum Beispiel Namur \awii\ — aiguille , 
s. Niederlander 1. c. § 48 und ALF 14; in 85 ElsaB [rabzi] < 
[rauizi] , wie in den Vogesen [fti] < [veti]—vètir , ALF 1381, vgl. 
dazu ftir Zeli im Breuschtal (Horning, ZRP, Beiheft 65) [rebzi] 

die Sense wetzen», dazu \rebzbis] = * raiguisoire Wetzstein». 
afftìter , eigentlich «zuspitzen», zu flit «Schaft^, lat. fustis. 

[rm or file] in 354 neben [afile], [rafìle] der Nachbarmundarten, 
ist Ableitung von frz. morfil «Grat an einem geschliffenen Schneide- 
instrument». Dieses bedeutet urspriinglich die nach dem Schleifen an 
der Klinge hàngenbleibenden Stahlteilchen, ist also etymologisch mort- 
fil «abgestorbene Schneide» ; vgl. in derselben Bedeutung liittichisch 
[miier teià] , das ist *mort taillant , ferner frz. morvolant Wirrseide 
= iwas tot, unbrauchbar wegfliegt». 

[rsemi] in 192, 196, nordòstliche Wallonie, gehòrt zu Namur. 

| risimi ], \simi] dazu [pir a simi], das im ALF fehlt; dazu wall. 
sémerèse <.Schleifstein» mit dem S. 90 angegebenen Werkzeugsuffix 
-aricea, wall. sèmi, senmi « schleifen», pire da séme Schleifstein ' aus 
lat. sa mi are « schleifen >, REW 7563. 

An Stelle des Infinitivs kann auch ein Verbalabstraktum stehen. 
Vgl. das postverbale Substantiv in abstrakter Funktion ^.raffli in wall. 
191 [pir a rafi]\ entsprechend zu raiguiser ein Typus *raiguise 
«Schleifen"> in 183 [pier a rawis ], 75 [pier a dziiz ], dann bei Grand- 
gagnage das oben angefiihrte pire da séme . Das Suffix -atura 
in kollektiv abstrakter Bedeutung liegt in [pier d’afiliir] des Punktes 
904 vor. 

58. Drei Punkte im Unterlauf der Rhone haben ftir den «Wetz¬ 
stein» die Form [tsiafre] , namlich 840, 841, Gard, 779, Hérault. 
Mistral kennt ein chafre, safre als «Sandstein», «schlammiger Kies», 
auch «Schleifstein». Das Nebeneinauder von ts und 5 im Anlaut 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


93 


spricht flir arabischen Ursprung. Das Wort stammt aus arabisch 
Bahr Fels , flir das Meyer-Lubke, REW 7517 zweifelnd Belege 
aus dem Iberoromanischen anfuhrt. Dieses [tsiafre] «Wetzstein» ist 
die begriffliche Entsprechung des westfrz. grès «Sandstein» > «Wetz¬ 
stein». 

[làbardin] 423, Maine-et-L. wird bei Verrier-Onil 1 on 1. c. als 
*Art Sense mit langer, breiter Klinge», dann auch «Wetzstein» an- 
gef iihrt ; in der ersten Bedeutung werden als Synonyme dard, dar dine, 
darine angegeben. lambardine «Wetzstein» ist daher vermutlieh aus 
Pierre à lambardine «Sensenstein» losgelost. Eine iiberzeugende 
Etymologie des Wortes vermag ich nicht zu geben. Ve r rier- 
On ilio n verweist unter lambardine auf ein pimont «grofier Wetz¬ 
stein» und schreibt dazu: «On ne s'en sert plus, et le mot est presque 
oublié, mais on emploie toujours les petits (!) queux appelés autrefois 
et aujourd’hui encore lambardines . Le rapprochement de ces deux 
mots m'avait suggéré qu'ils devaient ètre pour Piémont et Lombardie. 
J'ai fait une enquète à ce sujet, mais je n’ai pas obtenu de renseigne- 
ments bien précis.» 

Drei Punkte des aufìersten Nordens haben ftir den «Wetzstein» die 
Form [rifl], 297, Nord, bzw. [rif], 299, 296, Pas-de-C. Das Wort 
wird von Haigneré ftir Boulogne bestàtigt, vgl. rifle «sorte de rape 
en bois de chene équarri, que les faucheurs enduisent de sable mouillé, 
et dont ils se servent pour aviver de temps en temps le tranchant 
de leur faux». Dazu rider «mit der rifle scharfen». Dieses rifle ist 
also nicht der eigentliche «Wetzstein», sondern ein Gegenstand aus 
hartem Holz, mit dem die Schneide der Sense geglàttet wird, wahrend 
der eigentliche Wetzstein» [kos], [kos] mit dem dazugehòrigen «Sand- 
topf», « pot à sabonreU nicht vom Schnitter bei sich getragen wird. 
In St. Poi besteht daher zum Beispiel [rif], [;rifl ] «Reibholz neben 
[kos] «Wetzstein ; das Wort lebt ferner in der Vallèe d’Yères, dann 
in der mittleren Normandie (Moisy), also weit iiber das Gebiet hinaus, 
in dem [rifl] im ALF flir «Wetzstein» angegeben wird. S. 12 wurde 
angenommen, da!3 diese Verwendung von [rifl] «Reibholz» ftir den 
«Wetzstein : mit dem Zusammenfall von [kos] — cotis und [kós] — calce 
zusammenhangt. Das Wort ist aus mndl. rijve «Reibe», «Reibeisen; 
entlehnt (ostfriesisch rif e , ndl. rijf], dann ist das l sekundàr wie in 
frz. cible, norm. mèsangle flir mésangc, norm. maigle = frz. mèguc usf. 
Daneben besteht ein stammverwandtes Verbum [rifle], [eride] «weg- 
reifien», «rauben», «pliindern» (zu engl. rifle dasselbe), das iiber die 
Normandie, Pikardie, Wallonie verbreitet ist und dessen stammhaftes 
l den /-Antritt in \rifl\ «Reibe» beeinflufit haben kann. Vgl. die 


94 


ERNST GAMILLSCHEG 


verwandten, ebenfalls ins Romanische gedrungenen germanischen 
Worter in REW 7308, 7309. 

Das vereinzelte triche in 242 scheint die siidliche, vielleicht entlehnte 
Form von frz. (<pik.) trique «grofier Stab» zu sein und an das nord- 
lidie rifle Reibstab» anzuschliefien. Doch ist die Erklarung begriff- 
lich wenig befriedigend. Die Nachbarschaft von \verzìo\ (s. S. 77) 
wurde auf eine obszone Bedeutung des Wortes schliefien lassen, fur 
die mir Belege fehlen. 

59. Die Neubildungen fiir cotarium, die auf der Form von cotis, 
cote neu aufbauen oder mit der lautgesetzlich entwickelten Form von 
c o t a r i u m durch volksetymologische Beziehungen verkniipft sind, 
wurden schon im einzelnen behandelt. Hier sind die Ersatzworter an- 
zufiihren, die die Sprache mit Unterbrechung der lateinisch-galloroma- 
nischen Tradition aus eigenen Mitteln schuf. 

Im Norden Frankreichs ist ein weites Gebiet, wo an die Stelle des 
«Kumpfes», den der Schnitter am Gtirtel tràgt, der Sandtopf tritt, den 
der Schnitter am Rande des Feldes abstellt. Auch der eigentliche 
Wetzstein bleibt beim Sandtopf, wahrend zum Handgebrauch das 
«Reibholz , rifle dient, tiber das im vorhergehenden Abschnitt ge- 
handelt wurde. Auf diesem Gebiet ist also cotarium aus begriff- 
lichen Grlinden untergegangen, weil der < Sandtopf» nicht der Behalter 
des Wetzsteines sondern des Reibsandes ist. Da der eigentliche 
Kumpf hier nicht bekannt ist, wurde Edmont bei der Frage nach frz. 
c off in die Bezeichnung fur diesen Ersatz, den Sandtopf angegeben. 
Daher der Typus pot à sabouret (Nord, Pas-de-C., Somme), das in 
273 (Pas-de-C.) in \sabnre\ vereinfacht wurde. Wegen sabouret vgl. 
boul. Rouchi, St. Poi sabouret feiner Sand , dazu REW 7486. 
[sabure] steht fur [sabre], das ist diminutive Ableitung von mund- 
artlichem [safr], [sabr] Sand > ; wegen des unetymologischen -r vgl. 
auch in St. Poi [ sabrou ], Rouchi sabreux sandig . Fiir pot a sa¬ 
bouret haben die Punkte 268, 257, 291 das entsprechende pot au 
sable , 293 pot à sable, 199 pot à sablon. [sabo a saburo] in 281, 
Nord, hat pot Topf durch die dialektische Entsprechung von frz. 
sabot Holzschuh ersetzt, s. ALF 1177. Zu dem Ersatz vgl. die 
Umschreibung des westfr. [/^os/o] bei Montesson S. 80, ferner im 
folgenden den Typus [. sklapitiot |. 

279 hat fiir den Kumpf ^ die Bildung [po a l sbs ]. Das ist eine 
Kreuzung von [porte-kos] der Nachbarmundarten 267 und 277 und 
[po o sabl ] von 268: d. h. der Wetzsteinsand heifìt hier [sos] fem., 
das ist sable mask. + [£ó‘s] fem. 

Auf die Sekundàrform pierre fiir «Wetzstein» baut *pierrier «Stein- 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


95 


behalter f tir cotarium auf, vgl. 443 [piirie ], 433 [per io ], 423 
[perle], [porle], das bei Verrier-Onillon 1. c als peurrier bestàtigt 
wird. 

Der Kumpf besteht bisweilen aus einem blofìen Horn, daher die 
Formen come—cornet , die tiber ganz Frankreich zerstreut sind; vgl. 
dazu die Bemerkung Edmonts zu 901 «le coffin est une come de 
boeuf ;. Auf come beruht unter anderem wallonisch [kuàn] , [kuèri] 
aus alterem cuerne. Die Form [batto] Kumpf in den Departements 
B.-Alpes und B.-du-Rhóne bedeutet ebenfalls Horn und geht auf 
das REW 934 angeftihrte gallische *banno zurtick. 

A m weitesten verbreitet ist in Nord frankreich das afrz . buiot, buhot , 
behot Rinne , Rohre , Scheide ,. das in der Normandie als buhet , 
buhot Rohre , pik. buhot dasselbe, Rouchi buhot «Ròhrchen weiter- 
lebt. Das Wort erscheint in verschiedenen dialektischen Formen : 

1. mit gesprochenem h im Nordwesten und Osten, wo auch in en 
haut (ALF) h gesprochen wird, vgl. [biiho] 393, 363, 335, 330, 367, 
377, im Westen dazu 386 [biiho], wall. [boba] 185, Meuse 154 [boba], 
Meurthe-et-M. [bobe]. 

Dieses [bobe] des Punktes 173 ist tiber alterem [koir] = cotarium 
+ corium in den Osten gewandert, dort aber zunàchst als Fremd- 
wort gefiihlt und dementsprechend literarisiert worden K Da dem b 
einheimischer Wòrter literarisches 5 entspricht, wird dieses [bobe] in 
Woippy bei Metz zu [bose] , und auf ein entsprechendes uberliterari- 
siertes [bobe] diirfte auch [bodie] in Remilly zurtickftihren ; s. Rolland, 
Rom. 2, 437; 5, 199. Wegen des vortonigen o in 173 [bobe] und 
den nach Osten weitergewanderten Formen vgl. in 173 [bove] = 
cuvier; wegen der Entsprechung b — s s. Brod, ZRP 36, 261. 

1 Vgl. einen àhnlichen Vorgang in der franzòsischen Schweiz bei Tappolet, 
Die alemannischen Lehnwòrter in den Mundarten der franzòsischen Schweiz, 

I, S. 61. Alemannisches erscheint im Schweizer Franzòsischen bisweilen 
als ts. «Wenn schwd. salewàrx neben salvèr auch als tsalver auftritt, so 
kann dieser Fall nicht als ,Lautsubstitution * l angesprochen werden, da an Patois- 
wòrtern mit s-Anlaut kein Manghi ist. tsalver ist nur erklàrbar durch die 
Annahme, dafi dem so Sprechenden die Korrespondenz von chat — tsa , 
chanter — tsàta , chez — tsi gegenwartig war. Wie weit dieser Vorgang 
sich bewufit oder mechanisch vollzieht, ist nur individuell zu entscheiden. 
Jedenfalls aber liegt ihm das unklare Bestreben zugrunde, ,richtig‘ sprechen 
zu wollen. Die ihm vorschwebende Norm kann sowohl, wie hier, das Patois 
als wie in buche (Batzen) die franzòsische Gemeinsprache sein. Nach dieser 
Theorie erkliiren wir uns unter anderem schwd. batse zu bus.» Der im Texte 
angeftihrte Ubergang des mundartlichen [ bobe ], das als nicht einheimisch 
gefiihlt wird, in die Form des Lokalfranzòsischen [bose] ist also die genaue 
Entsprechung des schwfrz. \ba*] ftir aufgenommenes [batse]. 



96 


ERNST GAMILLSCHEG 


2. Aus der h- Form entstand der Typus [buo], [bila] , dialektisch 
im Osten [buo], [bua], der liberali im AnschluB an die [biiho] - usw. 
Formen zu finden ist. 

3. Schon alt ist eine Form buiot, in der nach Verstummen des 
h zwischen il und o ein Hiatus i eingeschoben wurde, und die heute 
als [biio], [bio], [bio], [bia] u. a. erscheint. 

Das Wort ist nach Form und Verbreitung germanischen Ursprungs 
und gehort zu altdànisch bug «Bauch», < Schweinetrog», wohl auch 
zu afrz. buie «irdener Wasserkrug», dazu afrz. ballote, buhotel, 
«Kruglein»; doch ist das Verhaltnis der //-Formen zu dem zugrunde- 
liegenden frankischen k aufzuklàren. Nicht damit zu vergleichen sind 
die //-Formen in Stidwestfrankreich bei focarium, frz. foyer , da hier 
h alteres è fortsetzt. 

Das frz. godet, das als Ùbersetzungslehnwort aus dem Bretonischen 
im Westen beobachtet wurde, tritt als [godo], [gudo] im Departement 
Saone-et-L. auf, neb enpotet, das ist «Topflein», des benachbarten 907. 
Es ist deshalb von der Bedeutung < Napf > des afrz. godet auszugehen. 
potet wie godet sind Verlegenheitsbildungen, da hier vermutlich 
cotarium tiber [kue] mit [kue] «Hals» zusammengefallen war; s. S. 33 f. 

Weit verbreitet ist ferner frz. étui <Behalter» bzw. in 226 étui du 
faucheur. Dazu gehoren unter anderen [stuts] 662, [estoit], [ ostili ] 
Gaskogne, [esiti] 712, Lot, [estati], [stuts] Alpes-mar. usw. 

Bei zahlreichen Formen kann man im Zweifel sein, ob sie zu frz. 
botte, vlat. buxida, oder zu afrz. bout «groBe Fiasche», prov. bota, 
das auch die allgemeine Bedeutung Behalter» hat, aus lat. buttis, 
gehoren. Mi strai kennt zu dem letzteren die Form boato <Wein- 
schlauch», «Fafi», Tonne», c^TintenfaB». Zu frz. botte Schachtel», 
Blichse», ^Hiilse», ^Kapsel» gehort zweifellos die diminutive Ab- 
leitung [buetò] in 338, Mayenne, dann [bustio] in 86, Vosges = 
Jootteau, das sich hier durch die Erhaltung des vorkonsonantischen s 
als alteinheimisches Wort erweist. Die im Norden daran anschlieBenden 
Formen [butrei], [putrii] der Punkte 87, Vosges, und 88, Lothringen, 
mochte man dagegen zunàchst mit afrz. bouterelle <Fischkorb», also 
zu buttis gehòrig, zusammenstellen, allein [buhtri] bei Horning, 
Grenzdialekte, in d 8 , dazu in Schoneberg im Breuschtal dasselbe (in 
Zeli [buetoi] «Nadelblichse») setzt ein vorkonsonantisches 5 voraus, 
entspricht also einem literarischen * botterie . So ist ferner [bota] in 
819, Loire, wohl angepafites literarisches botte auf der Stufe buete , 
wàhrend die Schachtel» bedeutende Form [biiiti] desselben Punktes 
alteinheimisches boisti fortsetzt. [bufo] in 659, Tarn-et-G., 665, Gers, 
stimmen nun lautlich mit dem aus Mi strai angefiihrten [buio] FaB 



WETZSTEIN UND KUJVIPF IM GALLOROMANISCHEN 


97 


vollstandig liberein; aber schon [butto] fem. in 762, H. Gar., weicht 
mit seinem i von aprov. bota ab, und in unmittelbarer Nachbarschaft 
dieser Formen findet sich flir den «Kumpf» [btito] 679, 771, 760, 
dessen U mit dem u von lat. buttis sich ebenfalls nicht vereinigen 
lafit. Vgl. noch [buget] in 668, Gers. Es sind daher zweifellos 
samtliche angeflihrten Formen Anpassung einer Form [biiet] flir 
literarisches botte des, Lokalfranzòsischen. Fiir Bagnères-de-Luchon 
bei 699, H. Garonne, gibt Sarrieu, RLR 47, 499, als mundartliche 
Entsprechung des literarischen oi in Lehnwortern entweder ue an, 
zum Beispiel tnemuero, oder il, zum Beispiel in piinàr, putrirlo , friisa. 
Es ist also das literarische botte in einer frtìheren Periode als [buet\ 
in die Mundarten gedrungen und je nach den Mundarten zu [biito], 
[buto] angepafìt worden. Spater ist es in der literarischen Bedeutung 
ein zweites Mal in den Sliden gewandert; s. ALF. 146. Àhnlich 
dlirfte [bute] 71, frz. Schweiz, neben dem heute [buet] —botte steht. 
die einheimische Form von buxida darstellen, wie die Form [but\ 
«Schachtel» im anschliefienden Departement Doubs zeigt. Flir buttis 
«Fafi» hat die franzòsische Schweiz eine z-Ableitung [ bosa ] ; siehe 
ALF 1313. 

Zu [kuso] mask. in 665, Landes und 612, Dordogne vgl. S. 48/9. 
Das zugrundeliegende Stammwort, die Entsprechung des frz. cosse 
Schote», ist nprov.. cosso «Holzschachtel, in der der Bauer Kase 
u. a. tragt ». 

Der Typus [badauko] 887, B. Alpes, [badoko] 884, Var, ist identisch 
mit nprov. badoco, bedoco, zu dem Mi strai die Bedeutung «Schote 
von Hlilsenfriichten», dann «Holzbogen mit einer Langskerbe, in die 
der Schnitter die Schneide seiner Sichel oder Sense einlegt» anfiihrt. 
Es ist also [ badauko] «Kumpf» libertragen von «Schutzkapsel flir die 
Schnittflache der Sense». In dieser iibertragenen Bedeutung ist das 
Bild der Schote, die die Frlichte einschliefit, noch deutlich zu sehen. 
Mistral verweist auf ein spanisches bajoca, das nach dem Nuevo 
diccionario de la lengua castellana tatsachlich in der Provinz Murcia 
(also an der katalanischen Grenze) ein Schotengewachs —judia verde , 
ferner den sich einspinnenden Seidenwurm bezeichnet. Das Wort 
stammt im Spanischen wohl aus dem Katalanischen und geht auf ein 
gallisches *bud-auka zuriick, das mit mndl. bodìke «Braufafi», anord. 
bu&ke «Schachtel», agls. bodig «Korper» urverwandt sein dlirfte; siehe 
Falk-Torp, un ter boddike, nhdt. Bottich . 

[ko] , 764, Tarn klingt an cote, cotarium nur an. Es ist nprov. 
cos «Holzgefafi», «grofier Lòffel», das ist Rlickbrldung von dem oben 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. , 7 


98 


ERNST GAMLLLSCHEG 


erwahnten cosso nach dem Nebeneinander von aprov. cop Schàdel , 
Eichelkapsel» und copa «Tasse, s. d. F. 

Der heutige gaskognische Typus ist [kup\ mit der Ableitung 
[kupeta], im Nordeh [kupat] in 664, 645. Es gehòrt zu lat. cuppa 
«Becher», REW 2409, ferner Lespy coup, cup, cop «Kumpf , dazu 
coupct «espòce de coupé de bois ou de metal à laquelle est adapté 
un tube de mème matière . Die bei Lespy angefiihrte, von cupa 
«Kufe» beeinflufite Form [kiip] ist in Punkt 694, B. Pyrén, bezeugt. 
Dahér stammt [kilbet] in 693, B. Pyrén., ferner in 653, Gironde 
[kiibat], Die -at- Ableitung der drei zusammenhangenden Punkte 653, 
664, 645 ist vom Standpunkt der Wortbildung auffàllig. Da diese 
Mundarten an das Gebiet anschliefien, auf dem cote tiber [ku ], [kua], 
zu [kuado] wurde, s. S. 46, ist [kupat], [kiibat] vielleicht nach der 
Gleichung la [kua] > la [kuado] = lo [kup] ( kiip) > lo [kupat] ( kiibat ) 
analogisch entstanden, d. h. -at in le [kupat] Kumpf ist die mann- 
liche Entsprechung des neu in Gebrauch kommenden Suffixes - ado in 
la [kuado] Wetzstein . 

D\e Formen [esarbo] 931, [isarbo] 942, Isère, sind aus der schweizer- 
deutschen Entsprechung des elsassischen sarwe , sdrwe < irdener Blumen- 
topf», «Milchtopf» u. a. entlehnt, gehòren also zu nhdt. Scherbe , das 
im Mittelhochdeutschen auch Topf bedeutet; vgl. dazu charabot 
«Kumpf bei Ravanat, Grenoble, und Blanchet, Voirronnais 
(J. Jud). Es ist dieses Wort also die Entsprechung von frz. pot 
«Kumpf» in 335, potet in 907. 

Das vereinzelte [bro] in 940, Isère, ist prov. broc Krug , heute 
gewòhnlich «Schòpfeimer», s. REW 1320. 

[kabo] 481. Cótes-du-N. durfte zu frz. caboche, cabosse u. a. ge¬ 
hòren; vgl. dazu auch poitev. cabot «Hàufchen , in Guernesey cabot , 
cabotel «halber Scheffeh, so im Normannischen seit dem 13. Jahr- 
hundert bezeugt, vgl. auch norm. cabot «kleiner Heuhaufen . 

[butte] in 193, Wallonie, ist vielleicht aus mndl. bulte Hòcker» 
entlehnt. Es ist dann urspriinglich scherzhafte Weiterbildung von 
wall. come Horn» = Kumpf». (?) 

[sklapitiot] 672, Landes, ist in csclop petiot aufzulòsen. esclop , 
escloup bedeutet im Bearnischen 1. «Holzschuh >, 2. < kleiner Trog» 
und ist postverbales Substantiv von *csclopar hinkend machen», 
s. REW 1997. esclop petiot bedeutet also wòrtlich kleiner Trog ». 
Der Ubergang des ersten o zu a ist als Dissimilation in Ordnung, 
vgl. einen ahnlichen Fall Grundzilge S. 55. Wegen des Ubergangs 
von Holzschuh* zu kleiner Trog», zu «Kumpf vgl. oben [sabbi]. 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 


99 


òO. Die genaue Untersuchung der Karten coffìn und queux ergibt 
also, dafì von dem Gebiet, das urspriinglich als Erhaltungsgebiet von 
cotis ~ cotarium angesehen-wurde, ein grofier Teil nicht die laut- 
gesetzliche Entwicklung der Grundformen zeigt, datò also die lateinische 
Tradition fiir cotis, cote Wetzstein» auf hòchstens einem Zehntel, 
die von cotarium auf einem Viertel des galloromanischen Sprach- 
gebietes aufrechterhalten blieb. Noch geringer ist die Zahl der Mund- 
arten, die sowohl cos, cotis wie cotarium nebeneinander un- 
beeinfluBt entwickelt und erhalten haben. An und fiir sich kann man 
der Sprache bei Ausdriicken wie Wetzstein» und Kumpf», die ja 
keinen Modeschwankungen unterworfen sind, nicht die Tendenz der 
Abwechslung zumuten. Wo keine àufieren Einfliisse eingreifen, nehmen 
die Formen ihren durch die Lautgesetze bedingten Verlauf. Aber 
gerade die auflósende Wirkung der Lautgesetze im Galloromanischen, 
wie der Schwund der Auslautkonsonanten, der Schwund bzw. das 
Stimmhaftwerden der intervokalischen VerschluBlaute hat cos und 
cotarium in Beziehung zu Wortern und damit zu Vorstellungen 
gebracht, die von Natur aus einem ganz anderen Vorstellungskreis 
angehòren. 

So fàllt cos, cotis Wetzstein mit coda «Schweif:, mit coxa 

Schenkel , in der weiteren Folge mit *cubata Brut» zusammen; 
cotarium Kumpf» mit corium Leder», mit cubitus -Ellbogen», 
mit *cubia Kiirbis». In den Vorstellungskreis von cotarium schiebt 
sich colea Hodensack ein; cote wird auf Grund der lautlichen 
Entwicklung selbst zum Stamme von cultellus. Jedes Wort ist das 
Glied einer begrifflichen Reihe; steht es aufìerhalb einer solchen, so 
ist es von vornherein der Anziehung festgefiigter Reihen unterworfen ; 
es wird in eine solche einbezogen oder es geht unter. Wenn nun* auf 
Grund der lautlichen Entwicklung ein Wort in den Vorstellungskreis 
eines anderen kommt, dann muB es sich entweder diesem anpassen, 
oder es wird, wenn die gegenseitigen Begriffe, deren sprachliches 
Korrelat die Worter sind, eine Vereinheitlichung der beiden Vor¬ 
stellungen nicht zulassen, durch einen anderen Ausdruck ersetzt. 
Es kommt zwischen den Homonymen zum Kampf. Die Sprache ist 
passiv den Lautgesetzen unterworfen, bis ein solches Zusammenstofien 
zweier Glieder verschiedener Begriffsreihen eintritt. Dann erst greift 
sie ein, bemachtigt sich der auf Grund der Lautentwicklung ent- 
standenen neuen Beziehungen und baut sie aus. So wird zum Beispiel 
der" Kumpf zum Kiirbis», dieser zum Flaschenkiirbis», und da 
auch dieses Bild auf die Dauer nicht befriedigt, zur Birne bzw. 

Steckriibe», s. Abschnitt 42. Oder f fonie], das zu couillet wird, 

7* 


100 


ERNST GAMILLSCHEG 


rtickt die Vorstellung des Kumpfes in den Kreis obszóner An- 
schauungen und zieht das im gleichen Begriffskreis stehende queux 
«Wetzstein» sich nach. Oder aber es lehnt die durch lautliche Vor- 
gànge* aus ihrer Passivitàt erweckte Sprache das neue Bild, das einen 
ererbten Ausdruck in eine neue Begriffsreihe stellt, ab; die homo- 
nymen Wòrter werden entweder beide oder es wird das sprachlich 
schwàchere ersetzt. Sprachlich schwacher ist auch das Wort, fur 
das ein Ersatz leichter zur Stelle ist als bei dem konkurrierenden 
Ausdruck. 

Jedes Wort steht aber nicht nur in begrifflichen, es steht auch in 
grammatikalischen Reihen, die sich zum Teil durchkreuzen. Cos — 
cotarium ist eine solche morphologische Reihe, cos als Femininum 
steht in einer Reihe mit den Femininen gleichen Baues. Wo nun 
diese Reihe, wie etwa durch das Verstummen des auslautenden 3 des 
Altfrànzòsischen aufgelost wird, wird das einzelne, grammatikalisch 
nun allein stehende Wort in danebenstehende festgefiigte Reihen 
grammatikalisch àhnlich gebauter Wòrter eingeordnet. So wird [ku\ 
aus cotis zu \kua\ dadurch wird die morphologische Reihe [ku] — 
[kue\ = cos — cotarium durchbrochen, sie muB in anderer Form 
wiederhergestellt werden, sollen nicht die zusammengehòrigen Glieder 
den Zusammenhang verlieren. So greift die Entwicklung von cos 
Wetzstein» in die von cotarium ein und umgekehrt. An und fur 
sich besteht keine feste Beziehung zwischen dem Geschlecht von Grund- 
wort und dazu gehòriger Ableitung wie cos — cotarium. Wenn 
aber durch eine der angefiihrten assimilatorischen Umgestaltungen 
lautlich die Entsprechungen von cos und cotarium zusammenfallen. 
so wird die begriffliche und morphologische Reihe cos — cotarium 
nun auch zu einer flexivischen Reihe. Ein la [kiia] «Wetzstein» neben 
le [kiia\ «Kumpf» wird auf Grund der Gesetze der neuen Reihe in la 
[kiiado\ berichtigt, s. Abschnitt 26. Oder ein la [knà] «Schweif» tritt 
mi ( t le [lena] « Kumpf» in eine flexivische Reihe, es wird zu la [kuana], 
das in dieser auf Grund mehr oder weniger unbewufiter Vorgànge 
enstandenen Form in den Begriffskreis von *cutenna «Schwarte 
tritt. So entfernt sich die Sprache von ihrer lautgesetzlichen Form; 
das einzelne Wort, das bisher ein Glied verschiedener Reihen war 
und als solches aus der allgemeinen Entwicklung nicht hervortritt, 
bekommt seine eigene Geschichte, die es nunmehr aus der lautgesetz¬ 
lichen Entwicklung der Sprache heraushebt. Es schwindet aus der 
Sprache, auch ohne Veranderung der zugrundeliegenden Vorstellung, 
wenn sich die sprachliche Entwicklung in eine Sackgasse verliert, aus 
der es keinen Ausweg mehr gibt, wie besonders deutlich die Ent- 




WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMAN1SCHEN 


101 


wicklung des Wortpaares cos — cotariumim sildlichen Limusinischen 
gezeigt hat; s. Abschnitt 26—28. 

Von keiner einzigen einzelnen Form fur quenx oder cofftn làfìt 
sich von vornherein sagen, dafi sie in ununterbrochener Linie das 
lat. cos, cotis oder cotarium fortsetzt; ein Lautgesetz, das sich 
auf eine solche vereinzelte Form stutzt, ist also wissenschaftlich wert- 
los. Ebenso ist jeder Versuch, begrifflìche Ubergange ohne Beriick- 
sichtigung der vorhergegangenen lautlichen Vorgànge zu erklaren, 
unsicher. [ kuctdo] des Punktes 604 ist nur deshalb vom Wetzstein» 
zum «Kumpf» geworden, weil diese beiden Worter in einer begriff- 
lichen Reihe stehen und [kuado\ < [kua] < [ku\ — cote mit conado 
<SchòpfgefàfF = ^codata zusammengefallen ist. Noch gefàhrlicher 
ist es, aus der Erhaltung gewisser Stammworter in verschiedenen 
Sprachen auf engere oder weitere Verwandtschaft zwischen denselben 
zu schliefìen. Wollte man aus dem Fehlen oder Vorhandensein zum 
Beispiel von cote in den franzosischen Mundarten auf die nahere 
Verwandtschaft der einzelnen Dialekte Folgerungen zièhen, so wurde 
das Unhaltbare einer solchen Methode augenscheinlich sein. Was 
heute recht ist, ist aber auch fur friiher billig. Wenn auch die laut- 
liche Zersetzung des Franzosischen weitergegangen ist als in den 
meisten anderen indogermanischen Sprachen — von cote und 
cotarium bleibt ja nur der Anlaut, und der nicht uberall. unver- 
andert — so sind doch die Triebkrafte der S>prachentwicklung uberall 
mehr oder weniger die gleichen, solange sich das Denken in den 
gleichen Bahnen bewegt. 


Nachtràg-e. 

Zu S. 9: Afrz. vis Schraube > ist wohl aus der in § 6 gegebenen 
Liste auszuscheiden • vgl. jetzt Dacoromania I, S. 424, rum. bit, serbokr. 
bic «Locke». Dazu stimmt, dafi sich im Provenzalischen zwar vis, 
aber cot, glut finden. Dadurch wird auch die Fassung des Ab- 
schnittes 17, S. 27 formell geàndert. 

Zu S. 26, § 16: Nach Holthausen, GRM VII, 187, ist im Alt- 
nordischen fràls «frei» durch fri verdrangt worden, weil « frdlseman » 
die spezielle Bedeutung «Edelmanm angenommen hat. Die Endung 
-man des altnordischen Wortes ist funktionell mit einem Suffix gleich- 
wertig, es ist ja nur ein Mittel der Sprache, den Eigenschaftsbegriff 
an einer mànnlichen Person zu verselbsUindigen, wie etwa im Ro- 
manischen das Suffix -arius. Wie kutet <Messer» kilt «Wetzstein» 
unmoglich macht, so wird fràls frei durch die Begriffsentwicklung 
von frdlseman in der Sprache unmoglich. 


102 


ERNST GAMILLSCHEG 


Zu S. 32: Zeilen 17—20 (aber gerade.hervortreten lassen) 

sind zu streichen. 

Zu S. 37, Z. 12: Vgl. die ganz entsprechenden Falle von «Uber- 
literarisierung» im Niederdeutschen bei Schròder, GRM, IX, 19 ff. 

S. 39, Abschn. 2: Zu [kne ]— coda in Punkt 912. Diese Mundart 
hat auch ftir rota eine Form [rne]. Es ist also in beiden Fàllen an- 
lafllich des Schwankens von ne und ua ohne Riicksicht auf die Ent- 
wicklung von cotarium die einheimische -ua- Form zu -ne liberiiterarisiert 
worden. 

Zu S. 46: Zu dem Verhàltnis zwischen Maskulinum und Femininum 
vgl. jetzt Wartburg, Subst. fém. avec valeur augmentative in Butl. 
de Dial. Catalana, IX. 

Zu S. 50: Zu kudse als Ableitung von kots, afrz. coug vgl. jetzt 
in dem Spécimen BGPSR in Leyzin abedm «creuser de petits canaux 
pour Tirrigation des prés . .» zu biez, erstarrter Nominativ von bief, 
dazu auch die deminutive Ableitung bèdzè ebd. 

Zu S. 73, Anni. 1 : Zu quadruvium im Siidwesten Nordfrankreichs 
vgl. Jud in Rom. 1921, 499. 

Zu S. 93: Zu angev. lambardine vgl. jetzt M. Zweifel, Unter- 
suchung tiber die Bedeutungsentwicklung von Langobardus-Lombardus, 
Diss. Zurich 1921, S. 116, Blois lombardie «Schleifsteim, bei Mistral 
peiro loumbardino in Tarn, sodafi angev. lombardine wohl ein fanx, 
datile lombardine darstellt. 

Der vorliegenden Arbeit war urspriinglich eine Reihe von Sprach- 
karten beigegeben, doch scheiterte deren Wiedergabe an den hohen 
Herstellungskosten. Es ist daher zum Verstàndnis der Arbeit not- 
wendig, die entsprechenden Karten des ALF heranzuziehen. Dafi die 
Arbeit iiberhaupt gedruckt werden konnte, verdanke ich dem uner- 
mtidlichen Entgegenkommen des Herausgebers dieser Zeitschrift. 

Ernst Gamillscheg. 



WETZSTEIN UND KUMPF IM GALLOROMANISCHEN 103 

I 


Inhalt. 

Seite 

1. Einleitung. 1 

2 . cos — cotarium . 3 

3. Ubersicht. 4 

4. petv a cotis, * cotea? . 5 

5. *cotiarium im Ladinischen. 6 

6 . cotis, glutis, vitis, sortis u. à. 8 

7. coda und cotis, queue à aiguiser . 9 

8 . Pikardisch kó$, fok; kós — chaux . Il 

9. kór, kolis .13 

10. Wallonisch kós — coxa + cotis .15 

11. coda und cotis im Pikardo-Wallonischen.17 

12. im Champagnischen; couz masc..18 

13. ko — ka in Poitou. 20 

14. ku — knet,filet «Faden».22 

15. Poitev. kór .24 

16. Gaskognisch kilt — kilt et . 25 

17. Gaskognisch kuts . ..26 

18. Zeit des Unterganges von gask. kut .29 

19. cotarium — cubitus; cotaria .29 

20 . collum und cotarium . 33 

21. cut ernia — «Kumpf» und «Schweif».35 

22 . ne > iia, cotarium — kua .36 

23. kua «Wetzstein», + «Kumpf», + «Schweif»; kuatie .38 

24. Nasalierung betonter Auslautvokale, kua — kuana .39 

25. cutenna «Schweif», + «Schwarte».42 

26. couado «Wetzstein», «Gefàfi». 44 

27. couado «Brut». 47 

28. Genealogie der Bezeichnungen des Punktes 612, coussot .48 

29. cofier, covier Ubersicht.49 

30. cotarium — corium, ku-oir .51 

31. koua — kaiia .55 

32. coda im Siiden.57 

33. Prov. koa, kua — cote . . . ..59 

34. cotarium + cubitus im Provenzalischen.60 

35. langued. kudze , kudial .62 

36. langued. kudze — cubitus .63 

37. Schwund von langued. kut; kudzet «Kurbis».65 

38. cotarium-\ cubitus im Gaskognischen.67 

39. koser; cosse «Kalkstein».67 











































104 ERNST GAMILLSCHEG I WETZSTEIN UNI) KUMPF UNI GALLOROMANISCHEN 


Seite 

40. kudeit = cotarium . 70 

41. cotarium > koie > kiii, kuze, kuaie .71 

42. koie — «Kumpf», + «Kiirbis» ; nabot, poire . 72 

43. loiga — cuillère, godei . 74 

44. cotarium + colea . 75 

45. cafotin, vergeau . 76 

46. Neubildungen auf cotis; komie, cossiau . 78 

47. cotarium im queusse- Gebiet.; . . . . 80 

48. gufi, goti . 80 

49. petra «Wetzstein».81 

50. peira mola . 82 

51. molire-verenta .. 83 

52. kaita molieri . 84 

53. mola «Wetzstein».87 

54. Prov. peira mola .' . 83 

55. Werkzeug-Neubildungen. 89 

56. Attributive Erweiterungen.91 

57. Verba des Schleifens.97 

53. tfiafre, lambardine , rifl, tris . 91 

59. pot à sabouret, come, barino, buhot, godei, botte, badauko, cos, 

coupé, scherbe, sklapitiot u. a. 94 

60. Schlufibemerkungen.99 

61. Nachtràge. 101 


) 


























Das romanische JiCT&eo-Futurum 
und Konditionalis. 

(Mit einer Sprachkarte.) 

Vorwort. 

Vorliegende Studie beschaftigt sich mit den Schicksalen der 
lateinischen Formel dare habeo auf romanischem Boden, kniipft also 
an Thielmanns trefflichen Aufsatz Habere mit dem Infinitiv und die 
Entstehung des romanischen Futurums (ALL II, p. 48 ff.) direkt an. 
Was das verarbeitete Material betrifft, so ist versucht worden, sàmt- 
liche romanische Idiome ohne Bevorzugung einer bestimmten Sprach- 
gruppe in den Kreis der Beobachtungen zu ziehen. Wenn trotzdem 
das Ratische gai* nicht, das Rumanische nur gelegentlich hervortreten, 
so liegt der Grund in der lokalen Verbreitung der Struktur. Das 
mundartliche Material entstammt zùm gròbten Teil den bekannten 
Fachzeitschriften , der Folklore, Dialektarbeiten usw. Eigene Auf- 
nahmen sind durch ein Kreuz (f) gekennzeichnet. 

Die Arbeit wurde im November 1918 abgeschlossen ; spatere Literatur 
hat nur in den Fufinoten Berlicksichtigung gefunden. Leider brachten 
die grofìen Druckschwierigkeiten es mit sich, dafó der Umfang der Arbeit 
auf etwa ein Drittel gekurzt werden mufóte. Wenn hierbei die Zahl 
der Beispiele auf das Allernotwendigste beschrankt wurde (eine sprach- 
historische Arbeit soli nicht aus einer Materialsammlung bestehen), 
diirfte dies kein besonderer Schaden sein. Datò andererseits auch der 
Text gelegentlich bis zu lakonischer Kiirze gestutzt werden mufite, 
bedaure ich selbst am allermeisten. 


Verzeichnis der nicht selbstverstàndlichen Abkùrzungren. 

O. BurgatAky, Das Imperfekt und Plusquamperfekt des Futurums im 
Altfranzòsischen. Greifswald 1886. 

F. Caballero, Cuentos populares andaluces. Sevilla 1859. 
Briz-Candi-Saltò, Cansons de la terra, cants populars catalans. 2 voi. 
Barcelona 1866. 


106 


GERHARD ROHLFS 


A. Casetti e V. Imbriani, Canti popolari meridionali. Torino 1871. 
G. Ferraro, Canti popolari Monferrini. Torino-Firenze 1876. 

A. Coelho, Contos populares portuguezes. Lisboa 1879. 

A. Pereira, Cousas d 1 a Aidea, versos gallegos, Bibl. gali. 26. La 
Coruna 1891. 

E1 dialecto vulgar leonés, p. S. A. Garrote. Astorga 1909. 

A. M. Salazar, Documentos, gallegos de los siglos XIII al XVI. 
La Coruna 1911. 

Recueil de fables et contes en patois saintongeais, p. H. Bourgand 
des Marets. Paris 1859. 

Fiabe Mantovane, racc. da J. Visentini. Torino-Roma 1879 (= Canti 
e racc. del pop. Ital. voi. VII). 

T. Grossi, La Fuggitiva, novella in dial. milan. Milano 1844. 

E. Gamillscheg, Studien zur Vorgeschichte einer romanischen Tempus- 
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A. Zuccagni-Orlandini, Raccolta di dialetti italiani. Firenze 1865. 


AGI 

ALL 

AStI 

AStNSp 

ATRP 

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LB 

RLR 

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Rom. 

RPhF 

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StR 

StMSp 

ZRPh 


Zitierte Zeitschriften. 

= Archivio glottologico italiano. 

= Archiv fiir lateinische Lexikographie und Grammatik. 

= Archivio Storico Italiano. 

= Archiv fiir das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. 

— Archivio per lo studio delle tradizioni popolari italiane. 

— Jahresbericht fiir Romanische Philologie. 

— Literaturblatt fiir germanische und romanische Philologie. 

= Revue des Langues Romanes. 

= Romanische Forschungen. 

= Rivista di filologia romanza. 

= Re vista Lusitana. 

= Romania. 

= Revue de philologie fran^aise. 

— Boehmers Romanische Studien. 

=* Studi romanzi. 

= Studier i Modern Spràkvetenskap. 

— Zeitschrift fiir Romanische Philologie. 


1. Das lateinische Juibere ist mehr als unser deutsches haben», mit 
dem es auch etymologisch nichts gemein hat h Vielmehr ist es ver- 
wandt mit lit. gobti umfassen■>, air. gabim «nehmen», slovak. habaf 
«fassen und so ist es nicht biofi haben , < besitzen ? sondern auch 
«in sich halten -, enthalten., notwendigerweise mit sich bringen . 
Haec res habet deliberationem ist nicht nur «diese Sache schliefit 
Uberlegung in sich sondern geradezu «bedarf der Uberlegung , 
mufi iiberlegt werden . So kann es kommen, dafi habere fast gleich- 
bedeutend mit seinem Kompositum debere wird. In Antimacho vis 
et gravitas et minime vìdgare eloquendi genus habet tandem 
zwingt zu Lob , «mufi gelobt werden, Quint. inst. X. 1 ? 53; oratio 
argnmentationem non habet bedarf Cic. Flacc. 23. Sidlamis 


1 Ygl. Walde, Et. Wb. 2 S. 358. 


108 


GERHARD ROHLFS 


ager . . . tantam habet invidiavi «erregt» id. leg. agr. 3, 70. Auch 
debere scheint in der àltesten Zeit nur den Objektsakkusativ eines 
Substantivums regiert zu haben. Bei Plautus namlich tritt debeo + 
Inf. nur zweimal (Amph. 39, Persa 160) auf; aber auch bei Varrò 
ist diese Verbindung noch sparlich. Nun liegt es aber in der Natur 
der Volkssprache, sowohl den urspriinglichen abstrakten Begriff, der 
durch ein Substantivum vertreten wird, als auch eine umstàndliche 
Finalkonstruktion durch den Infinitiv zu ersetzen. So findet man 
denn seit plautinischer Zeit u. a. folgende interessante Verbindungen, 
die offenbar der tàglichen Redeweise angehoren: bibere (= «potionem») 
da, Plaut. Persa 821; qnod inssi ei davi bibere ... date, Ter. 
Andr. Ili, 2; reddere (= «ut reddaim) hoc , non perdere erus me 
misit, Plaut. Pseud. 642; nullns frngi esse potest homo visi qui 
et bene et male facere tenet «in sich schliefit», «zu tun weiB» ib. 
Bacch. 654; multa ] forent, quae mox caelo properanda sereno , 
maturare datur, Virg. Georg. I, 260; di tibi dent capta classem 
reducere Troja, Hor. sat. II. 3, 191. So ist es verstandlich, dafi in 
der Volkssprache auch aus einem liaec res habet deliberationem ein 
haec res habet deliberari sich entwickeln konnte. Begunstigt wurde 
die Entwicklung von habeo + Inf. durch den Parallelismus von habeo 
curam und mihi est cura. Neben diesem letzteren findet sich nun 
schon seit der Augusteischen Zeit und dann durch die ganzen Jahr- 
hunderte in der Volkssprache offenbar als Grazismus ein mihi est 
curare. Ein habeo curare verhàlt sich also zu habeo curam wie 
mihi est curare zu mihi est cura. 

Dabei ist zu beachten, dafi die Bedeutung von habeo + Inf. wie 
auch die von est + Inf. je nach dem Zusammenhange zwischen 
kònnen» und «miissen» schwanken kann. Schon Thielmann mufite 
wiederholt feststellen, dafi es auch aus dem Zusammenhange 
ungemein schwierig sei, die genaue Bedeutungsnuance von habeo + 
Inf. zu fixieren. Ob aber ein sic habeo queri (Quint. deci. 16, 5) «so 
konnte.) oder «so mufite ich klagen*, ob ein quid habui facere (Sen. 
contr. I. 1, 19) als «was hàtte ich tun kònnen» oder «sollem aufzu- 
fassen ist, kann dem Sprachforscher ziemlich gleichgultig sein, da 
hier weder posse noch debere zugrunde liegt, sondern eben ein Be- 
griff, der von vornherein eine viel gròfiere Zahl von modalen Be- 
deutungsvariationen in sich schlofi. Das Hilfswort hat schon auf 
dieser Stufe keine selbstandige Bedeutung mehr: Hilfsverbum und 
Stammverbum bilden bereits eine gewisse Einheit. Das erste modi- 
fiziert nur den Generalbegriff des zweiten. Wie es ihn modifiziert, 
das ist nicht aus dem Hilfsverbum allein, sondern aus der ganzen 



DAS ROMANISCHE //14^0-FUTURUM UND KONDITIONAL1S 


109 


Fundierung des Hauptverbums (Frage, Wunsch, Zweifel, Bedingung) 
zu entnehmen. 

2. Was die Stellung des Modalverbums betrifft, so scheint eine feste 
Regel von Anfang an nicht bestanden zu haben. Varrò kennt sowohl 
debuit dicere (R. R. I. 18, 3) wie facete debemus (ib. I. 18, 8), possunt 
vivere (I, 7, 1) und procedere possint (I, 23, 6); aber schon bei ihm làfit 
sich eine gewisse Vorliebe fiir die e n k 1 i t i se h e Stellung des Modal¬ 
verbums nicht verkennen. Wahrend sich bei debeo noch beide Moglich- 
keiten die Wage halten, nimmt die enklitische Stellung bei soleo bereits 
65 0/ o, bei volo, oportet und possmn gar 90—94% aller Falle ein. 

Obschon nun im Lateinischen der Typ dare habeo mit enklitischer 
Stellung des Modalverbums sehr viel haufiger war, findet sich da- 
neben durch die ganze Literatur auch der Typ habeo dare 1 . Wahrend 
aber Frankreich und Katalonien nur jenen fortgepflanzt haben, er- 
scheint dieser jtingere Typ mit romanischer Wortstellung auf Sar- 
dinien und in Unteritalien, neben dem lateinischen Typ in Portugal und 
Spanien, Ober- und Mittelitalien. 

3. Auf italienischem Boden herrscht der Typ dare habeo heute in 
den beiden nordlichen Dritteilen des Landes. Sizilien und Sardinien 
kennen diese Konstruktion nicht, und in Korsika wie der Gallura 
scheint cantaraggiu erst sekundar von Pisa und Lucca eingedrungen 
zu sein. Aber auch in Oberitalien hat sich canterò nicht so all- 
gemein durchgesetzt, wie man gewòhnlich annimmt. Campagnola 
(b. Reggio E.) kennt nur die zweiten und dritten Personen. Auch 
in den Talern oberhalb von Vicenza wie im Tessinischen ist das Fu- 
turum denkbar unvolkstumlich. Vollstandig unbekannt ist es im 
valdensischen Pral, ferner in Fossano, Strambino Grotte und Doliani. 

Schwieriger sind die Verhaltnisse im italienischen Siiden zu uber- 
sehen. Die altere Sprache verwendet sowohl in der abruzzesischen 
«Passio Domini», im «Sydrac Otrantino> wie im sizilianischen «Libro 
dei Vizii » reichlich das gemeinromanische Futurum. Das alles aber 
sind gelehrte Abhandlungen, die wie lateinischen und toskanischen 
Geist auch stark den Stempel der lateinischen, provenzalischen und 
toskanischen Schriftsprachen an sich tragen. Die alten Texte bieten 
nichts echt Volkstumliches. Und mogen auch manchmal Laute und 
auch Worte dem heimischen Leser zuliebe stiditalienisch zugestutzt 
sein, die Syntax ist von dieser popularisierenden Aufmachung ver- 
schont geblieben. Aber auch in den heutigen Volksliedern aus 
Noto usw. ist das Futurum so zahlreich vertreten, dafi man es als 


1 Bei Tertullian etwa 30 °/o sàmtlicher Belege. 






no 


: GERHARD ROHLFS 


bodenstandig bezeichnen kònnte. Docb gerade dieseLieder sind meistnur 
Variationen neapolitanischer oder toskanischer Texte. Spezifisch sizili- 
anischen Dichtungsarten wie den «Avòo und den doch gewifi volks- 
tlimlichen Marchen ist das romanische Futurum denn auch tatsachlich 
unbekannt. Was diese letzteren betrifft, so kann man in der treff- 
lichen Sammlung von Pitré wie in den abruzzesischen Marchen von 
Fin amore Hunderte von Seiten durchlesen, ohne ein einziges Fu¬ 
turum zu finden. Wenn daher Meyer-Ltibke (Ro. Gr. Ili, § 319} 
fragt, ob das romanische Futurum in Siiditalien tiberhaupt nicht 
heimisch gewesen war oder urspriinglich bestanden habe und dann 
wieder verlorengegangen sei, so glaube ich doch mit Filzi (StR. XI, 
72, Anm. 1) entschieden, dafi die Frage, nach der ersten Seite hin 
zu beantworten ist. Das Gebiet, das heute den Typ dare habeo nicht 
kennt, wird im Norden im grofien und ganzen durch eine Linie be- 
grenzt, die nordlich von Ascoli etwa dem Lauf des Aso folgt, dann 
in siidòstlicher Richtung, dem Kamm der Appenninen folgend, westlich 
an Campobasso und Benevent vorbeilauft und in der Gegend von Sa¬ 
lerno das Meer gewinnt. Datò diese Linie einst viel weiter im Norden 
verlief, zeigen einige Inseln im darò- Gebiet, die noch heute kein Fu¬ 
turum kennen (Arcevia, Camerino, Castro dei Volsci usw.). 

Wesentlich einfacher liegen die Verhaltnisse aufierhalb Italiens. 
Was den Osten betrifft, so findet sich dare habeo weder im Ratischen 
noch im Rumanischen ; auch im Vegliotischen 1 scheint es nicht be¬ 
standen zu haben. Im Westen dagegen herrscht der Typ seit der 
iiltesten Zeit vom Àrmelkanal bis zum Cap Tarifa. 

4. Der romanische Typ habeo dare ist bodenstandig in Sar- 
dinien und Unteritalien. Nord- und Mittelitalien dagegen und das 
Kastilische zeigen wenigstens in altester Zeit — das Portugiesische 
noch heute — Spuren der . lateinischen Verhaltnisse. d. h. die fakul- 
tative Stellung der Glieder. 

Was Spanien betrifft, so tritt bereits in alter Zeit der Typ habeo dare 
ganzlich zuriick. In der Schriftsprache scheint er das 13. Jahrh. 
nicht iiberlebt zu haben. Dagegen hat er sich erhalten in den Mund- 
arten des aufiersten Nordwestens. Im heutigen Asturien ist he de- 
fenderne , bentos dir, han facer et was ganz Gewòhnliches, und auch 
in den Talern des Westleonesischen dtirften haslo veri, Itelo sentiri, 
l'hemos coger , die wirklich populàren Futurformen darstellen (vgk 
Dial. leon. p. 81 u. 84). In Portugal erscheint diese Struktur seit 
der àltesten Zeit neben dare habeo und habeo de dare und ist hier in 


Vgl. Bartoli, Das Dalmatische I, 286. 



DAS ROMANISCHE i/.'DB£ , 0>FUTURUM UND KONDITIONAUS 


111 


der Volkssprache noch heute nicht ganz verdrangt wàhrend in Galicien 
hey llegar sogar die Oberhand hat iiber llegarey und hey de llegar: 

Wenig durchsichtig sind die Verhàltnisse im oberen Italien. Pie- 
mont und Ligurien scheinen seit alters nach Frankreich zu gravitieren. 
In der Lombardei dagegen wie in Venetien sind die alten Zustande 
noch bis ins 14. Jahrhundert nachweisbar. Und nicht nur ist hier 
die Stellung des Modalverbums vollig Irei, dieses selbst vermag — 
sogar in der organischen Form — noch mehrere Infinitive zu regieren 1 2 . 
Um dieselbe Zeit tritt habeo dare auch jenseits des Appennin in 
Lucca und Pisa auf (vgl. AGL 12, 166 u. 178). Beide Gebiete 
mògen einst zusammengehangen haben. Im 13. Jahrhundert dringt 
nun, westlich von Turin, sudlich von Florenz ausgehend, das ver- 
wachsene romanische Futurum in die lombardische Ebene. Nun ent- 
stehen Kontaminationen. Man gewòhnte sich zwar daran, den Futur- 
begriff durch das bekannte Flexionselement (-Ò) auszudriicken, da- 
neben war aber der alte Gebrauch noch zu festgewurzelt. So trat 
die Endung nicht an den lnfinitiv, s'ondern an das Modalverbum, das 
selbst schon das Futurum umschrieb: ho dar + darò > avrò dar. 
Seit dem 14. Jahrhundert scheint sich das neue Futurum in Ober- 
italien und der Toskana restlos durchgesetzt zu haben 3 . Was italienische 
Grammatiken 4 5 iiber eine angebliche Trennbarkeit des toskanischen 
Futurums berichten, ist nur eine optische Tauschung. Wohl begegnen 
bei Benvenuto Cellini Formen wie ò apportare 123, hanno haver 
271, bei Grazzini ha venire, und noch heute im Volksmund ha en¬ 
trare, sita ire, fo dire , fai tornar, che sa dire (Montepulciano f). 
Aber man wird bemerken, datò entweder der Infinitiv vokalisch an- 
lautet oder das Modalverbum selbst auf Vokal endet. So sagt man 
heute auf dem Lande zwar avet andare , aber avet a tornare, d. h. 
es liegen hier starke Verschleifungen (< t'ho a dire , ha a entrare ) vor. 
In Sardinien halt sich die Struktur bis ins 15. Jahrhundert, dann 
wird sie unbrauchbar (s. Gamillscheg p. 65 f.) und, von den 
§§ 29 und 39 erwahnten Fallen abgesehen, abgelòst durch eine 
Neubildung habeo ad dare 0 . Àhnliche Wege geht Unteritalien. In 


1 Zum Indoportugiesischen vgl. RL, IX, 158. 

2 Vgl. Mussafia, Beitr. z. Gesch. d. rom. Spr. 22 eo me perdereve e ccize 
u. AGL 14, 259. 

3 Zweifelhaft ist das von Filzi (StR 11, 70) erwiihnte istrische no dare , 
das aus no da dare entstanden sein konnte. 

4 Auch Riibel, p. 16, Filzi, StR XI, 70 und noch Bertoni, Italia 
dialettale, p. 180. 

5 Heutiges has andare erklàrt sich wie tosk. hai andare. 



112 


GERHARD ROHLFS 


der alten Sprache weisen nur Spuren auf das Bestehen eines Typs 
habeo dare\ Weit mehr bieten die heutigen Mundarten. Was 
Sizilien betrifft, so scheint sich trotz Schneegans 1 2 3 habeo dare als 
he davi in der ersten Person auf der ganzen Insel gehalten zu 
haben, wahrend in den iibrigen Personen sich die Neubildung aggia 
a davi durchgesetzt hat. Im festlàndischen Unteritalien dagegen haben 
wir zwei deutlich geschiedene Zonen zu unterscheiden. Der nòrdliche 
Teil mit den Provinzen. Benevent, Neapel, Foggia, Bari und Potenza 
zeigt beute als Futurum zum grofiten Teil bereits die Neubildung 
habeo ad dare , die offenbar auf ein àlteres habeo dare zurtickgeht, 
das selbst hier nur noch sporadisch auftritt. In der slidlichen Zone 
dagegen mit den Halbinseln Apulien und Kalabrien, wo bekanntlich 
der Infinitiv untergegangen ist und habeo facere durch personliches 
aggiu ku (mu) fassu* ersetzt wurde, konnten die neuen Formeln nicht 
mehr zum Tràger eines futurellen Gedankens werden. Hier gilt daher 
das einfache Prasens. Merkwurdig ist, dafi neben aggiu mu (ku) poriu 
auch eine (wohl spàter eingedrungene) Infinitivkonstruktion aggiu 
portare 1 freilich in rein modaler Verwendung, begegnet. 

Die personlichen Strukturen Unteritaliens bilden den Ubergang zum 
Rumànischen, wo seit historischer Zeit nur noch aibu sa cdntu vor- 
liegt, wahrend im sogenannten «KonditionaF habuero noch heute den 
Infinitiv nach sich hat. Auffallig ist nun, dafi im System dieses 
heutigen ara-Konditionalis Formen (ai, am , ati cdntd) begegnen, 
die offenbar vom Prasens von habere stammen. Wenn man weiter 
bedenkt, dafi in der altesten Zeit und noch heute im Oltenischen (vgl. 
Gamillscheg, Tempuslehre p. 114 u. id. Oltenische Mundarten p. 101) 
auch in der syntaktischen Verwendung von Futurum und Konditionalis 
die gròfite Verwirrung bestand, mochte man fragen, ob nicht durch 
einen teilweisen Zusammenfall beider Systeme das alte Futurum *aibu 
cdntare unbrauchbar und nun erst durch aibu sa cdntu ersetzt wurde. 

5. In der Gruppe laudare habeo ist das Modalverbum fruh enklitisch 
geworden. Infinitiv und Modalverbum traten unter einen gemeinsamen 
Wortton: laudar dbeo ward zu laudar dbeo . Die Folge davon ist, 
dafi durch die Toneinheit nun beide Worter auch als Worteinheit ge- 
fiihlt werden. Von wo die vollige Verschmelzung der Futurform aus- 
gegangen ist, làfit sich schwer sagen. Meyer-Liibke erklart ge- 
wòhnlich, das verwachsene Futurum sei von Stàtten grofierer Bildung 


1 parente ned amico non t’ ave aitare, Monaci, Crest., p. 108. 

2 Sizil. Dial., p. 8ff. 

3 Auf diese Konstruktionen werde ich an anderer Stelle zuriickkommen. 



DAS ROMANESCHE /£4-&£0-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


113 


(Toskana und Frankreich) ausgegangen und fehle in den minder kulti- 
vierten Làndern (Oberitalien, Sardinien, Rumànien und Ràtien). 
«Warum aber haben nun», fragt Leo Spitzer (AStNSp. 131 ? 467), «ge- 
rade die Statten hoher sprachlicher Kultur wie Siidfrankreich und die 
Iberische Halbinsel die Trennbarkeit der Elemente des Futurums be- 
wahrt, also das Futurum noch nicht zu einer festen Form gebildet?» 

Nun kennen aber schon die altesten nordfranzòsichen Texte nur 
noch die verwachsene Form. Auch die ersten mittellateinischen Be- 
lege, welche die verwachsene Form zeigen, finden sich in der soge- 
nannten Fredegar-Chronik und sind somit wohl dem franzosischen 
Norden zuzuweisen J ). Aufierhalb Frankreichs findet sich ahnliches in 
Norditalien erst im 11. Jahrhundert 1 2 . Wenn nun sowohl Ober- und 
Mittelitalien, Spanien und Portugal wie auch Sudfrankreich bis in 
historische, zum Teil bis in die heutige Zeit Spuren der eigentlichen 
Formation bewahrt haben und sich nur in Nordfrankreich auch nicht 
die Spur einer Dekomposition entdecken lafit, so durfte dies wohl da- 
fiir sprechen, dafi in der Volkssprache Nordfrankreichs die feste Form 
lange vor der historischen Zeit, vielleicht schon im 6. Jahrhundert, 
fertig ausgepragt war. Nun lafit sich auch der Weg, den das syn- 
thetische Futurum genommen hat, ziemlich genau verfolgen. Es dringt, 
dem Laufe der Rhone folgend, ziemlich frlih nach Sudfrankreich, dringt 
in einer spateren Periode erst tiber die Pyrenaen, vermag aber hier 
wie in dem angrenzenden Gebiet nòrdlich der Pyrenaen die trennbare 
Form erst spat (14. Jahrhundert) zu verdrangen. Wesentlich ab- 
geschwacht gelangt die Welle in das Innere und den Stiden der Halb¬ 
insel, noch spater erst in das alte Lusitianien, wo sich der Kampf 
zwischen darabeo und abeo dare eben noch vor unseren Augen ab- 
spielt. Auf der anderen Seite halt das Futurum von Nordfrankreich 
tiber den M. Genèvre und den kleinen St. Bernhard seinen Einzug 
in den Piemont und die Toskana. Infolge der hier màchtig aufbliihenden 
Literatur rollt dann im Laufe des 13. Jahrhunderts eine neue, ge- 
stàrkte Welle von Florenz sowohl nach Norden in die Lombardei, 
Venetien und in die ràtischen Alpen als nach Siiden in die umbrischen 
Berge, nach Rom und in die Terra di Lavoro. Auch diese Welle 
ist heute noch nicht abgebrandet. Mit Eisenbahn und Militar dringt 
das romanische Futurum heute sowohl iiber die Abruzzen wie im 
Zuge der Staatsbahn Neapel-Potenza-Tarent tief in die Basilicata und 
riittelt hier heftig an dem altheimischen Bestand. 


1 Vgl. daras. addarabo , s. RLR V, 114. 

2 Vgl. Tra uzzi, Carte bolognesi: malfarai (a. 1137), aberetis (a. 1014). 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 8 


114 


GERHARD ROHLFS 


6. Im Gegensatz zu Nordfrankreich haben sich die stidwestlichen 
Gebiete (Siidfrankreich und Iberien) noch geraume Zeit nach der Ver- 
schmelzung das Bewufitsein der etymologischen Zusammensetzung und 
somit die Fàhigkeit bewahrt, enklitische Pronomina und Ortsadverbien 
an den sanktionierten Platz zwischen Infinitiv und Modalverbum treten 
zu lassen. Fiir Siidfrankreich trifft dies freilich nur bedingt zu; denn 
in Frage kommt hier nur der siidliche Teil der Languedoc, Roussillon, 
vielleicht das Rhonegebiet und hauptsachlich das Bearnesische. Das 
Limousin aber und die Auvergne gehen mit Nordfrankreich. Auch 
sonst unterliegt hier die Trennbarkeit des Modalverbums einigen Be- 
schrànkungen. Àufierst selten ist sie beim Konditionalis; mir selbst 
sind nur vier Falle bekannt geworden : 

dar la mia Paulet de Marseille, ed. Levy I, 3; apellar Pian 

Lespy et Raymond I, 145 (prov. Version); poder V i tornar ib. 

I, 72 (bearn. Version); far m en ils me feraient» ib. I, 60. 
Aber auch beim Futurum scheint sich die Dekompositionsmòglichkeit 
in der Hauptsache bei der a- und /- Konjugation erhalten zu haben. 
Formen wie creisser-ri ets, adur-lo-us ai begegnen zwar, sind aber 
relativ selten. Dafi auch sonst die erste oder zweite Person Pluralis 
spàrlich begegnen ( dar-vos em, far-li età) , hat wohl darin seinen 
Grund, dafi bei den Kurzformen das Geflihl fiir die syntaktische Zu¬ 
sammensetzung zuerst geschwunden war. Àhnlich liegen die Ver- 
hàltnisse im Katalanischen. Hier hat sich das trennbare Futurum 
bis ins 14. Jahrhundert erhalten: servir vos hi Iran (ZRPh. 2, 158), 
dar nos ets (7 Weisen 2551), comptar-vos he (R. Muntaner cap. 226), 
aydar ni en hia (Tierepos von Ramon Lull p. 16). 

7. Weiter sind die Grenzen im Spanischen gezogen. Hier hatte 
das Modalverbum in alter Zeit selbst nach der Verschmelzung noch 
die Kraft, einen weiteren Infinitiv zu regieren, vgl. Alex. 430 nos 
iremos a ellos e ferir-llos ' de Jaz. «wir werden gehen und schlagen» 
(vgl. p. 111). Spuren der Trennbarkeit finden sich bis in die Mitte 
des 17. Jahrhunderts; doch ist die Dekompositionsmòglichkeit in dieser 
letzten Periode auf den besonderen Fall beschrankt, dafi das Futurum 
an der Spitze eines Hauptsatzes steht h Das heifit, die Scheu, welche 
das verbundene persònliche Pronomen vor der Satzanfangstellung 
hatte, vermochte die Entwicklung zur unlòsbaren Einheit noch eine 
ganze Weile hintanzuhalten. Heute hèrschen im spanischen Mutter- 
lande, in der Ubersee wie im Judenspanischen 1 2 die gemeinromanischen 

1 Vgl. Gefiner, ZRPh 17, 42. 

2 Das judenspanische alegrar - mos - emos gehòrt nicht der lebenden 
Sprache an (Wagner, p. 120). 



DAS ROMANISCHE //.I^jETO-FUTURUM UNI) KONDITIONAIJS 


115 


Verhaltnisse. Vollig noch in der Schwebe ist die Entwicklung im 
Westen der Halbinsel, wo die Volkssprache in Portugal und Ga- 
lizien, falls sie nicht iiberhaupt die romanische Stellung wahlt, 
noch beute beim Hinzutreten eines Personalpronomens die Trennung 
der Elemente der synthetischen Form vorzieht. 

8 . Was Italien betrifft 7 so ist hier das romanische Futurum dare 
habeo seit alten Zeiten eine nicht mehr losbare Einheit. Zwar be- 
gegnen auch hier — freilich selten — Falle, die den bekannten stidwest- 
romanischen Formen auffallend àhneln. Aber das altoberitalienische 
pregar avemo (Ugugon v. 201) und tornar ve navi (Mussafia, Mon. 
ant. E. v. 12) diirfte Kontamination aus dem heimischen avemo pregar 
und dem toskanischen pregaremo darstellen, und das neusizilianische 
cuntintari ni hai (Noto 179), proctirari mi V haggiu (ib. 212), firriari 
avissi (ib. 204) und caccari v’ aviti (Pitré III, 271) ist einfach einem 
amari vi vi irria (Noto 238), pinciri ti vtirria (ib. 141) mit empha- 
tischer Satzanfangsstellung des Hauptverbums an die Seite zu stellen. 

9. Viel jtinger als die eben besprochenen Typen sind die aus rein 
romanischem Material und nach romanischer Art (Verkniipfung mit- 
telst Praposition) erfolgten Neubildungen habeo ad dare und 
habeo de dare , die immerhin bereits in den Merowingerurkunden des 
8. Jahrhunderts auftauchen. Hier wie in den altromanischen Denk- 
malern 1 werden beide Praepositionen noch ohne Uìiterschied neben- 
einander gebraucht, ein Zustand, den einzelne moderne Mundarten 
bewahrt zu haben scheinen : Oh te sée matta ? cos avemm a menci ti? 
coss’ hèm de menati ti, Milano Nov. fior. 164; Va chiamati In 
vnccierica s’Itavi a scannari In vitieddn ! ... lu vitiddnzzn qnannn 
’ntisi diri aceti ssi ca s’avia di scannari ... Casteltermini; Pitré IV, 216. 

Heute herrscht der Typ habeo ad dare in ganz Frankreich, in 
Mittel- und Unteritalien, Sizilien und Sardinien, wàhrend Rumanién 
ihn wieder aufgegeben hat. Doch gilt dieser Gebrauch nicht fur das 
Monferrat, wie Meyer-Lubke (Ro. Gr. II, p. 138) vermuten will; denn 
in Piazza Armerina ist habeo ad dare zweifellos Sizilianismus. Habeo 
de dare dagegen ist bodenstandig auf der Iberischen Halbinsel 2 , in 

1 Zum Portugiesischen vgl. RE 6, 336; zum Spanischen Larsen p. 53. 

2 In Portugal wird hei de als Einheit gefiihlt, d. h. es kònnen zwischen 
Praposition und Infinitiv andere Satzteile treten; vgl. conio hei de eli, 
depois de casada, deixar de conversar, Diniz, As pupillas 169. An dieses 
heide treten in Estremadura und im Yulgarportugiesischen sogar die Flexions- 
endungen, s. Ro. Gr. II, § 242 und C. Michael is, Der portugiesische 
Infinitiv, p. 29: hades (= has de), Modem (= Mo de). Vgl. auch galiz. 
t Por qaé IT hades qnitar à nn homo lionrado? Aires d’a minha terra 
(Bibl. gali. 2) S. 148. 



116 


GERHARD ROHLFS 


Oberitalien und Kalabrien. In Italien ist die Grenze zwischen habeo 
de dare und habeo ad dare schwer zu ziehen. Beide stofien im 
mittleren Italien aufeinander und bewirken hier eine Kontaminations- 
bildung: habeo de-ad dare . Diese Formel scheint heute in der Tos- 
kana lebenskràftiger als habeo ad dare. Aber auch sonst macht ho 
da fare Eroberungen. Im Abruzzesischen dràngt es das alte ho a 
fare auf die 1. Pers. Sing. und die 1. und 2. Pers. Plur. zuriick, so 
dafi heute hier folgendes Kompromifisystem Geltung hat: l .ajj’afa, 
2. hi da fa; 3. a da fa; 4. avem a fa; 5. avet’ a fa; 6. anri da 
fa. Àhnliche Systeme herrschen in Campobasso und Altamura (vgl. 
ZRPh. 40, p. 504). 

Interessant ist, dafi die Weiterentwicklung dieser jlingeren Formeln 
sich in denselben Bahnen vollzieht, die der altere Typ dare habeo 
bzw. habeo dare bereits Jahrhunderte vorher zuruckgelegt hatte. Auf 
der Iberischen Halbinsel war habeo de dare schon im 11. Jahrhundert 
zur Umschreibung des Futurums gelangt. In Sardinien dagegen wird 
der Futurbegriff in appo a seguire erst im 15. Jahrhundert aus- 
gepragt. Kaum viel spater im nòrdlichen Apulien, wahrend in den 
Abruzzen und im sizilianischen Binnenlande die Entwicklung von 
ajf a fa, aggiit a fari zu «ich werde tun eben vor unseren Augen 
von statten geht. 

Wir hatten also bei der nun folgenden systematischen Betrachtung 
immer die vier verschiedenen T} r pen zu unterscheiden : 

/. DARE HABEO; IH. HABEO AD DARE; 

li. HABEO DARE; IV. HABEO DE DARE. 

IO. Wir hatten oben bereits gesehen, dafi die Urbedeutung von 
habeo + Inf. wohl einst in der Richtung eines Sollens gelegen haben 
mochte, dafi spater aber bei Abschleifung im modalen Gebrauch die 
genaue Bedeutungsnuance sich nur selten feststellen liefì. Es ist da- 
her schwierig zu sagen, welches modale Verhàltnis zum Trager des 
futurellen Gedankens wurde. Wie iiberhaupt die ersten Personen 
jedes Futurums in erster Linie voluntative, die zweiten Per¬ 
sonen mehr oder weniger jussive Tragkraft haben und nur die 
dritten Personen «neutral» sind, so besteht die Wahrscheinlichkeit, 
dafi auch das romanische Futurum aus den Komponenten ganz ver- 
schiedener Bedeutungsreihen erwuchs. Wer dann aber erwarten 
wollte. dafi mit der Ausbildung der temporalen Verbalform urplòtz- 
lich unsere Formel ihre modalen Funktionen abgeschuttelt hatte, hat 
nur ein unvollkommenes Bild vom Leben der Sprache. Eine Verbal¬ 
form lebt und vererbt sich doch nicht als solche, sondern nur im 


DAS ROMANLSCHE i/H^O-FUTURUM UNO KONDITIONALIS 


117 


Satzzusammenhange inmitten der lebendigen Rede. Und in der Tat 
schimmern die urspriinglichen modalen Funktionen bei unserer Formel 
auch in dem romanischen Gewande noch allenthalben durch 1 . 

Il» Bleiben wir zunachst bei der Idee des Miissens. Es ist natlir- 
lich, dafi dieses modale Verhaltnis besonders in der zweiten Person 
auftritt. So erscheint dare habes bereits in lateinischer Zeit gern 
im Sinne und an der Seite eines Imperativs auf -to. Ergo tale erti 
illud , «multille et tcrris» : ita scandere habes So sollst du skan- 
dieren > Gramm. lat. 5, 298, 26; paratus quoque csto . . . iam enirn 
memento, quod domos aedificasti! Habes hoc emendare et in ho¬ 
norem eius domum dedicare! a. 720, Mon. Germ. Script, rer. 
Merov. VI, 251, 25; tu germana pium quem ducis ab ubere fascem 
non carnis, sed legis habes cervice fideli subdita,ferre iugum nec 
vincla in coniugis ire. Mundanas odisse vias , percurrere mundas, 
illinc notte toros, hinc sponsum quaerere Christum «Du sollst tragen, 
gehen, hassen usw-», Avitus VI, 194. 

Interessant ist, dafi auch die àltesten lateinischen Belege, die das 
verwachsene Futurum zeigen, imperativische Funktion besitzen. 
Ist das ein Zufall ?* In der Fredegar-Chronik (7.—8. Jahrhundert) 
ili e respondebat : Non dabo. Justinianus dicebat: Daras «du sollst 
sie doch gebep>, vgl. RLR 5, 114. Sodann eine mittellateinische 
Randglosse zu einer Virgilhandschrift aus dem 10. Jahrhundert, die 
wohl nach Siidfrankreich gehoren durfte. Hier heifìt es Georg. IV, 
438 Vix defessa senex passus componere membra , cimi . .. cla¬ 
more ruit magno, manicisque iacentem occupat. Aristaus stiirzt 
sich auf Proteus mit lautem Geschrei. Dazu bemerkt ein geistreicher 
Interlinearglossator, als ob er selbst dem Ùberfall beigewohnt hatte, 
tdicens: non inde tu irabis, fello ».* mit dem Ruf: Du sollst mir 
nicht wieder entwischenb Vgl. RLR VII, 403. 

12 . Dieser kategorische Imperativa hat sich in den romanischen 
Vulgarsprachen bis auf den heutigen Tag erhalten 2 . Er hat seine 

1 Im Grunde ist dies nichts anderes, als wenn zum Beispiel voler «stehlen-', 
und piano «leise» ihre urspriinglichen Bedeutungen «fliegen» und «eben 
beibehielten. 

2 Lerch lafòt in seiner «Verwendung des romanischen Futurums», p. 23ff. 
diesen Imperativ aus der temporalen Funktion des Futurums entstehen, 
wobei er sich auf die Verwendung der praisentischen Indikative cantatis 
(> chantez !), cantamus (> chantons!) in imperativischem Sinne beruft. 
Sind das aber wirklich Indikative? Lerch beweist es nicht. Aber gerade 
franz. chantes, chantons waren in der alten Sprache ebensogut Kon- 
j un k ti ve. Sichere Imperative kon junk ti ver Herkunft sind dagegen: 
franz, soyez, ayez, sachez , veuiìlez, puissiez , afranz. oiez, voiez ; prov. 


118 


GERHARD ROHLFS 


bevorzugte Stellung in behòrdlichen Gesetzen, Statuten, Geboten und 
allgemeinen Bestimmungen, Fllichen und Verwtinschungen. Dieser 
Imperativ tritt ferner ein 7 wenn der Vorgesetzte zum Untergebenen 
(Befehl, Auftrag) oder der Erfahrene zum Lernenden (Rezept, Ge- 
brauchsanweisung, Lehrbuch) spricht. Er findet sich durch die ganze 
Romania in den Grenzen, in denen die M&£0-Umschreibung zu Hause 
ist 1 . Besonders haufig tritt diese Befehlsform in Frankreich und 
Italien auf. Hier lafit sie sich durch die ganze Literatur verfolgen, 
scheint, wenigstens was Frankreich betrifft, in der alten Zeit ungleich 
ublicher gewesen zu sein als heute, wo sie im wesentlichen eine 
charakteristische Stilform der vulgàren Volkssprache bildet, wàhrend 
sie in Italien nicht nur keineswegs an Boden verloren, sondern in 
den Mundarten auf Kosten des alten Imperativs sogar Eroberungen 
gemacht hat 2 . 

siate, ayatz usw.; aprov. digatz, auiatz , veiats; sii di tal. fate ( < eatìs) ; 
rum. (sci) umblatìj (sa) faceti, fit\, ganz abgesehen vom Adhortativ, der 
gemeinromanisch dem Konjunktiv entlehnt ist: rum. sa umblàm; sard. an- 
ciéus; ital. andiamo; span. portug. andernos; prov. anem; franz. allons. 
Prov. anats dagegen konnte eine Kopie nordfranzòsischer Sprechweise 
(2. Plur. Imp. = vermeintlicher Indikativ Praesentis) sein, genau so, wie wenn 
man heute in Sardinien fiir den Adhortativ neben dem besonders auf dem 
Lande alteingesessenen andéus (< ambiilemiis)* nach toskanischem Muster 
vielfach bereits die Form findet, die sonst dem Indikativ («andiamo») ent- 
spricht: andàiis (C ambulanms). Dafi im iibrigen bereits im Lateinischen 
als Ersatz fiir den Imperativ nicht der Indikativ, sondern der Konjunktiv 
eintrat, zeigt uns an so vielen Beispielen bereits die plautinische Volks¬ 
sprache: dicas (vgl. aspan., prov. digas) Poen. 1100, ebenso Mil. 1101, Mil. 
1118, Mil. 1166 u. o., iabeas Persa 314, ebenso Persa 570, Men. 314, 
Mere. 801, eas Poen. 1349, taceas Persa 610, apscedas Poen. 801, des 
Mil. 1030, sis Stich. 316, habeas Stich. 615, sumas Poen. 801 usw. 

Wenig beweiskràftig sind die Belege, die Lerch (p. 24) aus dem Alt- 
franzòsischen ** beibringt. Auch die neufranzosischen Beispiele sind mehr oder 
weniger als ausmalende oder suggerierende Aussageformen denn als tat- 
sachliche Befehlsformen zu verstehen. 

1 Es war daher kein besonders gliicklicher Gedanke von Lerch (p. 286 ff.), 
den Gebrauch dieses «vergewaltigenden» Imperativs dem besonderen morali- 
schen Charakter bzw. der fanatischen Veranlagung der Franzosen in die 
Schuhe zu schieben. 

2 Selbstverstàndlich soli damit nicht gesagt sein, dafi nun auch jedes 
Futurum in imperativischer Verwendung unbedingt aus der historischen 
Bedeutung der etymologischen Elemente erklàrt werden miifite. Natiirlich 
kann jedes Futurum als solches wie auch jedes Pràsens iiber die hòfliche 
Frageform sich zur (hoflichen) Befehlsform entwickeln, zum Beispiel mi 

* Die Bestàtigung dieser alten Formen verdanke ich der Freundlichkeit von M. L. Wagner. 

** Zu afrz. os i=fragender Indikativ) vgl. jetzt Spitzer, Arch. Rom. Ili, 375. 


DAS ROMANESCHE //lE^O-FUTURUM UND KONDITiONALIS 119 

I. Tu non auras deu estrcinge deveint moi . . . tu ne prendras 
pas . . . sis jors laboreras . . . tu non ocirras . .. tu non 
luxurieras, Berger, Bible frang. p. 101; Alfricans , conseillies 
me avant . . . Sire, dist Alfricans, vous ferez eslongier vostre 
ost et ferez entendre que . . Rom. d'Ablanade, ZRPh 17, 
231; Prendrez . . . des gros navets et les pelez et fendez et 
puis mettez , Ménagier II, 244; Vai, papiols, mon sirventes 
udrei, mi portaras part Crespili el Valei mon Isembart en 
la terra artesa: e digas li . . ., Bertran de Born ed. Stim- 
ming 31, 43 ff. ; Maldicha, dis , la tierra en tu obra sera, e 
con muy muchos trabajos tu mano Ictbrard, e con sudor de 
tu carne el tu pan comeràs, Rim. de Pai. 1425; tres pelos 
tomareis ,. . y echarcislo . . . llegareisvos a ella . . . y direis, 
Poes. astur. 67 ; lamprèas por bovas que sejam nom pasa. 
ràni de 40 rs. in einer Hòchstpreisbestimmung des Magistrats 
von Lamego a. 1532, Ined. hist. port. p. 605; a feiticeira 
dissellile entào: Irds a tal sitio . . . entrards no palacio e 
verds una biella de sete cabe$as ; entào matal-a-lias ; mas 
toma cautela, nào a mates pelas cabefas . . . mata-a, pelo 
pescoso, collie o sangue ... e o deitards . . ., Cont. port. 120; 
faras ke tu vive donaor «f acito ut vivas munificus», leceras 
Vergilio «legito Virgilium », altvenez. Dion. Cato p. 54; ti du- 
man matin te glie fere saltda-vée la testa, te ’l tajeré sii a 
tocch e te mel fàré cos pulitu. La mata la ma ’l portarci 
sii im bosch, Tessin; Pellandrini ,p. 116. 

II. Tomareis nueve tdramos de versa . . . y echareislo a cocer 
en un pacherò . . . con tod ì esto licibeis fer un bravo ensal - 
mo, Poes. astur. 75; noni has tu entrar en eia, Coll. ined. 
port. II, 166; iti turnare puskrai «ihr sollt zuriickkehren > Ga- 
latina f ; de una cosa eo te voio conseler ... de mantenant tu 
f averci lever , davanti son leit tu f averci despoiler , apreso 
la raina tu t' averci colcer, Macaire ed. Mussafia v. 211 ff. 

III. Deo so su Segnore Deus fon , non d às antebonner atere 
Deus a mie, ATRP 23, 354; et qui nexunu de dictos pesa- 
tores . . . levet over dimandet . . . nexunu casu santi o se¬ 
cata ... et qui non hant a levare nen dimandare melca 

und sie dlirfen auch Sauermilch weder wegnehmen noch ver- 


porterete un caffè! neben mi portate mi caffè!, die freilich niemand mehr 
als Fragesatze empfindet. Aber das sind Entwicklungen, die sich uberai 1 
einstellen, und die sich von selbst erklàren. 


120 


GERHARD ROHLFS 


langen», Statuti Sass. s. LB 1916, 386; di avervi a fa? — 
M avef a spaccd sta mundagne, m avef a pri ’na casce 
de ferve ... e me set a parta chele tre ppallette, Traci, pop. 
abr. 116; t' a salire nella stantia e ni a portare una sed¬ 
inola, Monte Mignaiof. 

IV. Primevamente, o hijo , has de temer a Dios ; lo segando , has 
de poner los ojos en quien eres, Cervantes, Don Quij. II, 42 ; 
pero aslos de llevar . . . los pies puestos en la mano , ZRPh I, 
229 ; e avedes nos de dar em cada hu ano ho ter co de 
todo ... e no avedes de poer ... e nò no avedes de vender 
nem concambiar; Doc. gali. p. 151; a brttxa entào disse-lhe: 
amanita has de ir dispòr cépas, e a noite has de me traser 
um cesto de uvas, RL IV, 345; je dette ’n uoldre cummanne. 
Je disse: M’i da ji ppijjed 'ne vacile d'ore, Trad. pop. abr. 
202; se tieu vuò sentije ru cunsiglie meje , tea huoje nrì hit 
da scije da la keàsa «wenn du meinem Rat folgen willst, so 
gehe heute nicht aus dem Hauser, Voc. Agnon. 147. 

13. Nun erweitert sich aber die Gebrauchssphare des kategorischen 
Imperativs, zumai dort, wo das die Verpflichtung bezeichnende modale 
Element nicht mehr gefuhlt wurde. Er ubernimmt geradezu die 
Funktion eines gewòhnlichen Imperativs 1 und wird mit diesem und 
dem Optativ ohne Unterschied nun bunt durcheinander gebraucht 2 . 

I. Or ni escoutez ; si vous dirai le millor conseil qae jou sai. 
Demain irez droit a la tor ... a la hautor garde prenes ... 
e vous en vostre mance arez cent onces d'or qa'a li metrez. 
Mais sans avoir ni alez mie ... li donez ... et Vendematn 
la rep airiez . . . otroiez . . . porterei . . . rendei . . . dones ... 
dires . . . en l'aatre main reporteres . . . rendez . . ., Flore 
et Blancheflore 1857 ff.; Mira ta qaales seran, verlos has , 
experimentarlos has y dirasmelo algun dia, Gracian, Criti- 
con 25 b, 28 f.; daraz a eyos: akozeran; avriras tu mano: 
se artardn de bien «gib ihnen, so sammeln sie», Konstanti- 
nopel; Psalm 104, 28; ZRPh 30, 181; que me tirou da can- 
ceira de casa ras, nào casards, sei freira, nào sejas freira 

1 Dieselbe Entwicklung hat auch debeo + Inf. durchgemacht, vgl. vos 
deca desevrer = « desevrés» Macaire ed. Mussafia v. 51, le decà mener 
ib. 666; no di mete pan in vin, Bonvesin N 93. 

2 Im Altfranzosischen vertritt non feras und mar feras geradezu den 
Prohibitiv: Non feras; lai le tonte coie, Fabl. Montaiglon III, 238, mar 
aurez pour «nolite timere» Reis ed. Curtius I, 26, 9, mar en orrez «nolite 
audire» ib. IV. 18, 31, mar i aresteras «ne steteris» ib. I. 20. 38. 


DAS ROMANISCHE HABEO-Y UT U R U M UNI) KONDITIONALIS 


121 


befreite mich aus der qualenden Lage; Verheirate dich ! Ver- 
heirate dich nicht! Werde Nonne! Werde nicht Nonne!» 
aus Gii Vicente, zitiert von L. Spitzer, Mitt. d. Rum. Inst. I, 
400; educa-os segando os principios ... e nào os distanci- 
ards, accredita . . ., Diniz, As pupillas 4 ; adesso è 7 tempo, se 
te vico di a vegne una sera à filò pare celliere si 1 («prepara») 
pur de le castagne , Magagnò I, 74; segniore, sare («sii») 
presente ale nostre oratione, Pavia; Salvioni, Pav. p. 28; 
baderai di non dire « saressimo » ne « fossimo » per «saremmo», 
Spano, Ort. sard. 92. 

II. Lo viecchio V aje vota («wirf») ppe le lenzole , Airola, Canti 
mer. 23; mi ai fare («fammi») nu pjatfere, ai fird («va») ku 
trovi fratdma e li ai diro, Galatina f ; portala leggia leggia 
siiti ali ale . . . culle to' marni uni V ha consigliare , Lecce, 
Canti mer. 32. 

III. / so binata a darti ’nu pnghiero: ni hai a di camme snjfre 
li mancanze «sage mir», S. Martino d’Agri, Papanti; dissi a 
lu patri: Patri mia, vui aviti a jiri a circari la Sorti mia: 
aviti a jiri 'nta na Signura e ci aviti a dumannari un quar- 
tuccio di vino geht und fragt», Pitre IV, 199; piga kiista 
isporta , as armare a su merkatu c mi kompras unii matsu 
de frores nimm, gehe, kaufe», Tonara, Prov. Cagliari f. 

IV. No il heu de dir a mon pare ni tampoch a mori germd 

sagt es nicht», Cans. catal. I, 79; torna la e has de Ihe per¬ 
giurar: En quando é que he' de pagar? Cont. port. 159; 
ti t'ha da toeur i cuciar d'argent (Parma, Zuccagni-Orlandini 
p. 163) iibersetzt ital. prendi i cucchiai. Derselbe ital. Befehl 
wird in Modena wiedergegeben mit f ae da tour i cucciaer 
et argent (ib. p. 182), in Reggio E. f he da tor i cuccier 
d! argini (ib. p. 183). 

14. Auf gewissen Gebieten Oberitaliens geht die Substituierung so 
weit, datò dieser Befehlsform wie beim reineri Imperativ Personal- 
pronomina und Ortsadverbien enklitisch angehangt werden kònnen : 
prenderete lo chorno ed enpieretelo di vino, Monaci p. 348; far àio 
andare ( lab ihn gehen ) suso V albaro ... e paseràlo de una ga¬ 
iina, Persiano c. 125; tu dici bene , prendila, ecco voi tu altro? Ma 
tornerali poi sai , ZRPh 15, 329; dolz me fcirdel inenz che me 
parta , diresme la casoit .. Belluno, AGI 16, 72, v. 31 ; fo¬ 

reste mò da i cui via questa roua, ib. v. 511; recor dar et e e te- 

1 Zu der Form vgl. AGL 16, p. 266. 



122 


GERHARD ROHLFS 


gnercte in la smelmuoria erinnere dich >, Magagnò I, 76; dariesiniele 
a mi «gib sie mir», ib. I, 81; etite 9 dis: tornarè-me-la a me$ater$a; 
eie dis: sie farem , U. Levi, Dial. di Lio Mazor p. 46. 

Noch heute ist hier die enklitische Stellung etwas ganz Gewòhn- 
liches im Pavesischen : darérn kvel kurtel! portarém na kadrega! 
faréni sta grasja! Mirabello b. Pavia f; pensarég tu «pensaci tu», 
AGI 14, 259 n. Àhnliches begegnet auch anderwàrts, besonders im 
Iberoromanischen, darf so aber ohne weiteres nicht hierher gezogen 
werden, da dort ja die Enklise 1 bis in die neueste Zeit viel weitere 
Grenzen kennt, als dies etwa in Italien oder gar im Franzòsischen 
heute der Fall ist : echareislo Poes. astur. 67 ; llegareisvos ib. ; dare- 
desio d un maragato, Cousas d’a Aidea 49; y dir asmelo algun dia 
Gracian, Criticon 25 b, 28 f. 

15 . Dieselbe Umschreibung kann nun auch fiir die erste Person 
Plur. des Imperativs stehen. In diesem Falle bezeichnet das Modal- 
element weniger eine Verpflichtung als eine Aufforderung, selbst in 
Gemeinschaft mit anderen Personen eine Handlung vorzunehmen, alsò 
einen Willen, einen EntschluB. Vgl. schon im Lateinischen als Uber- 
gangsformel zu Beginn eines neuen Kapitels: Habemus etiam vesti - 
mentorum in scripturis mentionem ad spem carnis allegorisarc 
als Kapitelanfang bei Tertullian, resurr. 27. Gelegentlich auch als 
Ausdruck eines festen Gelòbnisses: Nec scriptum, aut aliqualiter 
mutare habemus , per quam possimus adversus vos exinde agere\ 
Toskana, a. 1072 ; Muratori, Antiqu. II, p. 955. 

I. Vieti sin irrum en Vost des Philistiens «veni et transeamus» 
Reis ed. Curtius I, 14, 1 ; et revenrons à nostre matiere et 
disons aitisi quc après ces choses ... als Kapitelanfang bei Join- 
ville, Hist. S. Louis cap. 21; ronpeg le frain et le chevoislre , 
sirons («und gehen wir>) tornoiier moi et vos Yvain 2501, 
ni Yauras tu ni laure jo, mes partiram lo (mit enklitischer 
Stellung!) cum lo senhor ha manat teilen wir das Kindlein . 
Lespy et Raymond I, 80; lou cousin don pichot det cantavo 
au pus picliounet: aitar en au barri , cassar en de garrì 
«allons au rempart, chassons des rats», Ammenlied aus Mar- 
seille, RLR 4, 129; disciarem lu dot, cantarem aub' alagria 
y n arem a dd las Pascuas a Maria «let us leave off mourn- 
ing, let us sing with joy, let us go and give our salutations 
to Mary , Katalanisch aus Florida, ZRPh 30, p. 329; vamosy 
nos valdremos del arbitrio de antes para y Caballero, Cuentos 


\ 


Gefiner, ZRPh 17, 41 ff. 



DAS ROMANISCHE i/^^O-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


123 


161; o Deus dos Judeus nos chamoii : iremos andadura de 
tres dias pelo deserto e faremos sacrificio ao nosso Deus , 
Coll. ined. port. II, 95 (Vgl. ib. p. 98 vaamos ao deserto e 
facamos sacrificio ) ; premiamo quessi danari novielli . . . 
torneremo lo buono homo in sa casa . Sorgamolo ... ; Cola 
di Rienzo, Muratori Ant. Ili, 449; pregar avemo con grand 
affiiccion lo criatore, qe ve fa<;a perdon, Ugu<?on 201 ; mas- 
rèmolo sta note sto fiol d f un can de becher e . . . glie bitta- 
remo rò dal telo, Dalmatien, ATRP X, 90; vedaremo, chi 
clic li dispiantarà mejo, mi o ti lafi uns sehen-, ib. X, 89; 
Caporal Pipeta, léviti suso, senio i tui amici, andaremo a 
rogar a Tostarla, ib. X. 317. 

II. pois olha, homem , havemos ir (elafi uns gehen ) d Senhora 
da Gra<;a e havemos perguntar-lhc quem foi que bebeu o 
vinho, se fui eu ou a gata, Cont. port. 152; avimu jiri a 
T aria, stak$ena de granii < gehen wir zur Tenne*, Malocchio, 
Prov. Reggio C. f. 

III. et specialmente, Purissimi frael, nuy habiemo a pregar per 
le anime de nostri pare lafit uns bitter, Salvioni, Pav. 
p. 57 ; ora raccumannamuni a li Santi, li hamu a amari cu 
tia continuamenti, Noto 211; ddoppu maritati, dicu li nicu: 
Ora dmu a jiri a vidiri a lu papa. Dici: Si, jemu, Pitré 
II, 384; s ha a partire (= abbiam a partire) la mandria : un 
rinserrato per uno «lafi uns die Herde teilen;, reden Manfane 
und Tanfane ihrem dummen Bruder zu ; Nov. fior. 587. 

IV. andemm. tosànn, vegnì adreè mi, eli emm de andà in d' on 
bel sit, Milano, Nov. fior. 277 ; ora gem di divid i dane 
< teilen wir das Geld , Comof; ades ava da turner al prim 
pjà, Bologna f; avale amu da sparte li soldi teilen wir 
jetztAjaccio f ; amu da falare in djo gehen wir hin- 
unter ,, ib. 

16. Noch weiter geht das Judenspanische, das Bergamaskische und 
ein Teil des Furlanischen. Hier ist die Umschreibung so màchtig. 
dafi sie sich iiber den konjunktivischen Adhortativ durchgesetzt hat, 
ja diesen zum Teil bereits verdrangt hat 1 : anda i mi kerido, saldré - 
mor al kampo, durmiremor entre las vinas. Madrugaremor en 
lar vinas , vcrémor si enfioresió la vid cegrediamur, commoremur, 
surgamus, videamus , Konstantinopel, ZRPh 30, 185; le diso el padre 

1 Vgl. Subak, Judenspanisches aus Saloniki, p. 16; v. Ettmayer, Bergam. 
Alpenmundarten p. 49. 


124 


GERHARD ROHLFS 


a la iza: mete mesa, komeremos «deck den Tisch, wir wollen 
speisen», Wagner p. 21; bamos kaminando al sarai i tornaremos 
està galeca pr e siosa «gehen wir nach dem Palast und nehmen wir 
diesen wertvollen Pantoffel», ib. 73; ni spartirà le palanke «sparti¬ 
amo i soldi», Brembate Sotto, Bergamo f; ni mparlerà «parliamo», 
ib. ; ni ndara’n fità «andiamo in città», ib. ; o lari a la platfe gibt 
in Moliniss (f), Friaul ein ital. «andiamo alP aja» wieder, ebendort 
portari ke taule in go «portiamo questa tavola in giù», montar! la 
ftyale «montiamo le scale», kumò dividerl i bets «adesso spartiamo 
i soldi» ; abiem de dir < diciamo«, Val Camonica, v. Ettmayer, a. a 
O. p. 49. 

17 . Mit der adhortativen Funktion verwandt ist die optative, die 
ebenfalls ihren Haupttràger in den ersten Personen hat. So durften 
die bereits im Ciceronianischen Latein begegnenden Formeln habeo 
dicere , affirmare, scribere , polliceri im Sinne eines Optativs stehen, 
der hier meistens einer bescheidenen Behauptung gleichkommt; vgl. 
noch Quint. deci. 16, 5 ego cum me necessitas rapit, sic habeo queri 
«mòchte ich klagen». 

I. Im Franzòsischen besonders in der ersten Person: jc vous 

avoucrai «ich mòchte zugeben», je vous prierai «ich móchte 
bitten», vgl. die Belege bei Clédat, RF 23, 311 und Solt- 
mann p. 24; o moulnier, beau moulnier, mouldras tu bien 
mon grain? «Mòchtest du mir wohl mahlen?» ZRPh 5, 
524 E y gentils marichal, ferreras-tu mon cheval? ib. 11, 

399; vendrastu ton roncyn a moy? Fabl. Montaiglon II, 
244; busco per aqui a Jesus, si voldria confessarme. — De 
que ’t confessards tu? «mòchtest du beichten?», Cans. cat. II, 
100; cosa vurei, o sunadur? Nui avurumma an pò d' li - 
mosna. Ra piemonteisa, an ra fava? «wir mòchten etwas 
Almosen», Canti monferr. 78. 

II. Ca nini aggiu fare (vgl. Var. di Lecce: nime vogliu fare) 
’na scupetta a micci , de palle d'oru Vaggiu carricare , Gala- 
tina, Canti mer. 331. Rundinella, ci rundini Iti mare } cuc- 
chia quantu te dicu do palore ... eli aggiu fare na lettera 
(vgl. Var. di Roma: voglio scrive) a lu mi' amore, Arnesano, 
ib. 30. 

III. Mi nni vogghiu jiri dda banna lu mari\ aju a ciantari («ich 
mòchte pflanzen) un peri ri nucidda , Noto 128; nime vogliu 


1 Hier wie in den beiden folgenden Beispielen liegt wohl einfach eine 
Frageform (einschmeichelnde Bitte) vèr. 




DAS ROMANISCHE /M^O-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


125 


fare ’na scupetta a miccia, de palle d'ore laggiù a carri¬ 
care mochte ich sie laden», Lecce, Canti mer. 331; quellej a 
resposte: vuoje lu rré; f ajf a cerca gramje «ich mochte 
ihn um eine Gnade bitten», Trad. pop. abr. I, 60; mi hant a fai 
so presgeri de ni- allogiai po notte sta? «Mòchten Sie mir 
den Gefallen tun», Nov. sarde 28; e ha a vule Deu «lo voglia 
Iddio», vgl. StR XI, 74. 

IV. Per que no la m has d' esplicar a s endevinaya, ara que 
som tots sols? «Warum willst du mir das Ràtsel nicht er- 
klàren», Rond. mallorqu. II, 19; toma arsenico, Joào . Ora 
por que nào has de tu tornar arsenico? Diniz, As pupillas 
109; tu sei la rundinella eh’ ha da volar (Vgl. Var. di Spi¬ 
nosa: « vuoi volare»), Gessopalena, Canti mer. 64; ma, foejje 
mié , pecche f i da pijjeà la foejje de re massare «warum 
mochtest du die Konigstochter nehmen», Trad. pop. abr. 207. 

18 . Das optative Verhaltnis fuhrt hiniiber zum konzessiven Ver- 
haltnis. Es wunscht nàmlich der Sprechende, um sich den Anschein 
zu geben, als ob er ein Geschehen oder eine Tatsache, die ihm in 
Wirklichkeit unangenehm ist, als gleichgtiltig und unwesentlich be- 
trachtet, das Eintreten dieses Geschehens geradezu herbei. 

I. conterà ce que fa coutera, va cherclier monsieur Patoir ! 
«(dìe Kosten werden nicht gering sein, aber) das soli nun kosten, 
was es wolle», Zola, Terre 254; regrettera qui veut le bon 
vieux temps . . . mai je rends grdee à la nature sagc. < Be 
dauern! Fàllt mir nicht ein. Aber, wer will, mag die gute 
alte Zeit bedauern», Voltaire, ed. Molland X, 83; chi vorrao 
tornare, tornarao; chi vorrao remanere, remanerao , Muratori 
Ant. Ili, 519. 

III. tu ni ha ’ a priari comu li Santi, tuttu sdegna mi trovi e 
amuri nenti «magst du mich auch bitten», Noto 256; tu aje 
a trovà 'na nenna tanto onesta, chella ha da essere V ur- 
demo disgusto, ’na nenna comm’ a mme non troverraje, 
Neapel, Canti mer. 233. 

IV. Per me , tu hai da essere figlia di un Re, tu hai da essere 
anche figlia di una spassaturaja; se vuoi venire giù, vieni , 
Fiabe mantov. 399; tu m' a da difd, tfobbd vm, non td potsd 
pordum «du magst mir sagen, was du willst, ich kann dir 
nicht verzeihen», Altamura f. 

10. Haufiger ist nattirlich der Fall, wo Anktindigung des Ereignisses 
und Konzession in Gestalt einer wirklichen Rede und Gegenrede er- 
folgen: De vous a lui me clamerai . — Clameras , pute . . ./ «Be- 


126 


GERHARD ROHLFS 


schwer’ dich doch ! > Fabl. Montaiglon III. 239; loti loup ié ' dis : 
trespetarai, trespetarai , ta cabana se demoulirci. La galineta ié 
respond: trespetaras y trespetaras, ma cabana se demoulira pas 
trampie du nur immer!» Languedoe, RLR 31. 590; vole pas vous 
cachà que marribo souvent de fuma la cigareto entre douas pipas. 
— Eh be! la fumar es, paure ome } m’i acostumar ai «meinetwegen 
raucht sie», Périgord, ib. 28. 42. 

Aber auch sonst wird ein Verbum in der Konzessivform wieder auf- 
genommen, um die Zwecklosigkeit einer Tàtigkeit zu bezeichnen, bzw. 
um die Kontinuitàt dieser mit negativem Resultat vonstatten gehenden 
Handlung auzudrucken: Vat ati nic ... oh/ ’l é vrai qui a gougit 
bein sa potdc, peur force a li douvrait la goule. A la gougit, ma 
fi! gougit y gougeras-tu y si beun qtiall’ Venvoyit, boun gen/ a 
Mouijeku. «Die Frau geht zum Nest, erwurgte ihre Henne, òffnete 
ihr mit Gewalt den Schnabel, erwurgte sie, meiner Treu, erwurgte 
sie, erwurg du sie nur immer! (Hindern kann rnan's doch nicht 
mehr), wtirgte sie so stark, daB sie dieselbe ins Grab schickte.» Fabl. 
saintong. 36; la vwatyro ses emburbado , gaito le paure bailet! 
empusibile de la bulegà! puso, pusaràs, he Vcn leparàs pas «der 
Wagen ist steckengeblieben, sieh’ nur den armen Knecht, unmòglich, 
ihn von der Stelle zu riihren! er schiebt — schieb nur immer! —frei 
bekommst du ihn doch nicht> Ariège f ; el e bo tone e viri; el li 
damuro atatfi. alor lo pois a i dis e: ton, te tonerei , te nà defàdrei 
pe il a beau tourner et virer (sur le poirier), il y reste attaché; alors 
le paysan lui disait: Tourne, tu tourneras, tu n’en descendras pas>, 
Conflansf ; on se bette à berlo , a appelo où secour, et gì da, gularé-tse! 
viquia tout lou mondou si pie on beuglait, appelait au secours, 
gueule, gueuleras-tu, voilà tout le monde sur pied Herzog, Franz. 
Dialekttexte 58, 7. 

Diese Wendungen werden nun so haufig in der lebendigen Rede- 
weise gebraucht, daB sie rein formelhaft werden. Es bleibt namlich 
der Konzessiv im Singular. selbst wenn es sich um eine Mehrheit von 
Personen handelt: le bailet gogo la flayto e tutos Vaivuelos sauton } 
sautaràs der Junge spielt auf seiner Flòte, und die Schafe, wie sie 
waren, fangen an zu hupfen, htipft nur immer!» Ariège f. Noch 
deutlicher wird das Formelhafte beim Hinzutreten eines Reflexiv- 
pronomens. Dieses tritt dann namlich in der Konzessivform nicht in 
die Anredeperson, sondern wird vom regierenden Verbum in derselben 
Form ubernommen: Botdand a beau trepà , treparas-tju , s'eibrashà, 
s’eibrasharas-tju , qu’ei tout coumo shi bessavotmt Vaigo «Bouland 
stampft vergebens mit den Fiifien — stampP du nur! — reifit sich 





DAS R0MAN1SCHE HABEO-vm\jK\)M UND KONDITIONALIS 127 

die Arme aus — reifi sie dir nur aus ! — es ist, als ob man Wasser 
umgriibe. Creuse, RLR 20. 279. 

20. Eine Weiterentwicklung dieses Gebrauches diirfte die bekannte 
provenzalische Formel santo que sautaràs 1 springe, was du auch 
immer springen magst darstellen, die heute auf dem ganzen proven- 
zalisch-katalanischen Sprachgebiet aufierst beliebt ist: nido ke rndaràs, 
k'o tun pais tnrnaràs du magst dich herumtreiben, so viel du willst, 
du kommst doch in dein Dorf zuruck», Rodez f ; dna droles marina 
ke mart^eras arrivami au viladge, Castro, Tarn y • Vìiome — sega 
que segaràs — prompte tingile feta una garberà, Rond. cat. II. 29; 
lo barquer se posa a remar y rema que remaras fins que fou d 
Valtre bora , ib. I. 54. Aber auch auf dem _Rest der Iberischen Halb- 
insel scheinen diese Formeln nicht ganz unbekannt zu sein. So wird 
ftir das Spanische von Cuervo (Dice, de constr. y reg. s. v. dar 4) 
der Typ ; date que le dardsl angegeben. Auch Michaelis (Novo 
Dice. s. v. dallie) registriert ftir das Portugiesische ein dallie que 
dards «wie langweilig!» Die Mundarten scheinen hier noch weiter 
zu gehen, vgl. y pasa les noches afta q'anards, Poes. astur. 239; 
y el aperta que t'aperta y fata que falards, Cousas d’a Aidea 139. 

21. Ganz' allgemein durchgesetzt hat sich die /mò^o-Umschreibung 
im Sinne des lateinischen dubitativen Konjunktivs, den sie hier vòllig 
verdràngt zu haben scheint ; quid faciam? wurde zu quid facere 
habeo: Quid habeo aliud deos immortales precari quam ut...? 
Sueton. Aug. 58. Dieselbe Formel kann auch als Deliberativ in der 
Abhangigkeit begegnen. 

I. Quand iray je? Larrivey, Esc. I. 3; en esmai sont que il 
feront, s'il atendront ou s'il fuiront, Rom. de la Viol. 2649; 
Chantarai eu ? — Oc , pois al comte plats, Bertran de Born 
6. 6; Coussi Vapelaren aqueste?, Languedoc, RLR 27. 184; 
;Que te fare? Prim. Cron. gen. 135. 1. 16; perseguirei eu a 
està tropa? alcan$al-a-hei? Samuel I. 30. 8; faremos d'elio 
um padre, snr. reitor ? — One duvida! Diniz, As pupillas 7; 
la pianse la formiga: Cossa farogio mi? Zara, ATRP XI. 38; 
no saitfe ke o fagarai? Paluzza, Udine f. Nicht hierher ge- 
hòrt eine Stelle aus dem «Detto d’amore». Or come vivere 
o | sans y amor ? vive reo | chi si governa al mondo. Monaci 
Crest., p. 314. Hier wird vivere ò von Monaci (S. 621) als «fase 
ancora analitica del futuro > aufgefafit, was formell wohl unmòglich 


1 Vgl. dariiber Herzog, Neuprov. Syntax, p. 19; Piat, RLR 54, 272 
und besonders Spitzer, Aufsatze z. rom. Syntax, p. 181 ff. 


128 


GERHARD ROHLFS 


ist, da aus dem weiblichen Reim vive rèo zur Geniige hervorgeht, 
dafi hier viver èo zu lesen ist ? d. h. wir haben es mit einem 
dubitativen Tnfinitiv zu tun l * . 

II. j Agora que he forzoso defendéme . . .? Poes. astur. 17; 

tQha facer un probe ahora . . .? ib. 48; £Qu’ lian facer, 

mal pocado si aqui viven espremidos? Cousas d 7 a Aidea 61 ; 
non sei eu qu 9 hemos parar , ib. 95; que ha far donca li 
miseri Bonvesin, De die jud. 26 ; ce piacire alla morie viaggiti 
fare? Otranto, ATRP 3. 280; nu sacciu cce ’rremediu agghiu 
pigghiarij Mordano, Canti mer. 204 ; e comu he fari, ca nura 
ri riposu ’un mi vuoi rari? Noto p. 316. 

III. Ite humus a rispondere ad su Segnore meu; o ite hamus a 

faeddare? Spano, Stor. di Giuseppe 44. 16; comu hagghiu a 

fari ca min hagghiu mamma? Noto 212; rimmi lu si o hi 
no, zoccu hamu a fari ib. 153; lzosa t'o dire? kosa vo portare? 
Buonconvento f 

IV. ò * Aont Vhc de posar a sa llenya torta? Rond. mali. 29; 
j Porqtié habemos d'andar per tras d 1 Uviedo ? Poes. astur. 6 ; 
Dizc , mulher, que hei de fazer mima notte de tao pezar? 
RL 8. 71 ; mas nos aonde havemos d'ir agora dormir ? Cont. 
port. 160. 

22. Entprechend tritt fur dén Dubitativus Preteriti (quid facerem) 
quid facer e habebam (bzw. liabui) ein: Verni ad me pater: Quid 
habui facer e? Per ducer e illuni ad patrem? «Was hàtte ich tun 
sollen?» Seneca contr. I 1. 19. 

I. Puis sunt muntet es chevals e es muls, si clievalcherent — 
que fereient il plus? «Was hàtten sie welter tun sollem, 
Roland 2811; Pus un gros chien, Seigneur! Que feraieni- 
elles d'un gros chien? Maupassant, Contes de la Bécasse 55; 
pues conio haria yo para no oirlas, Gracian I. 376; e dentan¬ 
doli David conselho a Deus, se hiria pelegar com os Filisieus, 
Coll. ined. port. II. 254; i savia nà andua andarla , Lauriano 
Po f. 

II. Quhabia facer a ncna senon mirar prò rapaz! Cousas d’a 
Aidea 8. 

III. Ma deu chi seti troppa pobara po teneri una fitta, comenti 
d' emù a manteniri e bistiri ? «Wie solite ich sie unterhalten 
und kleidem, Nov. sarde 64; asta cosa lu 'Imperaturi eh 1 avia 


1 Vgl. dunque morire eo Monaci, p 52; piuttosto morir io che esser 

causa della vostra morte, Fiabe mant. 431. 




DAS ROMANISCHE #4BJEO-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


129 


a fari? Pitré IV. 39; nand sapaja adau avai a fi «wohin 
er gehen solite», Altamuraf; tfi Vavaia a kreta ka idda avaia 
tanta tornisa? «Wer hatte glauben sollen, dafi jener so viel 
Geld hatte?» Matera f. 

IV. No savia qu havia de respondre, Rond. mali. 50; perguntou- 
Ihe que caminho havia de seguir, Cont. port. 52; qu 1 hctbian 
de fazeri Despareceron. Cousas d’ a Aidea 145. 

23. Die /mò^o-Umschreibung tritt ferner ein in der unwilligen Frage, 
die eine von der Gegénseite gestellte Zumutung oder Behauptung 
entriistet abweisen will. Hierbei wird das Verbum, in dem die Zu¬ 
mutung liegt, von der angeredeten Person im Affekt meist wieder 
aufgenommen. 

I. Il faut que tu m’épouses, ou que tu sois perdu. — Je vous 
épouseray! moy? Dancourt, Vendanges se. 22; Cum aucidrai 
eu vostre rei? «Wie? Ich soli Euern Kònig tòten!» fors- 
fais non es . Passion 229; Et cum aquest menlts credent, 
no circumcis , apremer a aixi la nostra gent! No far a pas! 
Lespy et Raymond I. 50; Senòr, se està su mercé burlando? 
con que no quiero ir por doce y e irta por nueve! «Wenn 
ich’s fiir 12 Duros nicht tuen wollte, solite ich fur 9 Duros 
gehen!» Caballero, Cuentos 100; come haveraco mercede, che 
me liaco fatto despennere tutto mio ariento? «Wie? sie sollen 
Gnade bei mir finden!» Muratori, Ant. III. 389. 

II. Còrno non ha tocar triste, s' é triste o aire qu* a henche , Cousas 
d’ a Aidea 99 ; ddopu chi vui mi dati la vita , jeu v liè mangiari? 
Pitré IV. 170. 

III. Forsis eo et marna tua et frades tuos humus adorare a tie 
supra sa terra? «Sollen etwa wir dich anbeten!»' Spano, 
Storia di Giuseppe 37. 10; e comu mi appi a spartiri di vui! 
«Wie hatte ich mich von dir trennen sollen!» Novara Sicula, 
ATRP 23, 463. 

IV. éQué dices tu de esto? — ?Q ue ' ^ de decir? Trueba, cuen¬ 
tos 77; scòrno la traduce vuesa merced en castellano? — 
^ Cònio la liabia de tradiicir . . .? Cervantes, Don Quijote 
II. 62; Ora! cantar! Que hei de eu cantar? Diniz, As pu- 
pillas 14; fugir ! para que haviam de fugir de mim? ib. 179. 

24. Ebenfalls an Stelle des Konjunktivs tritt facere habeo in der 
Verwendung eines abhangigen Jussivus auf, wobei das Modalverbum, 
wie nicht anders zu erwarten, zunachst selbst noch im Konjunktiv 
erscheint. Aus einem impero ut eas wird also ein impero ut ire 

Archivum Roraanicum. — Voi. VI. — 1922. 9 


130 


GERHARD ROHLFS 


habeas , das weiter zu einem romanischen impero ut ire habes 1 
flihrt: Ctirn ... ut id mihi habeam curare roges, experiar ... da 
du mich bittest, ich mochte mir dies angelegen sein lasserà Varrò, 
rust. I. 2 ; praecipiens .. .ut responderi non habeat (Mv. hat : debcat) y 
Cassian. c. Nest. VII. 22. 3. 

I. es ordenat e estatut que los ditz cossols . . . estaran honesta- 
ment e no diran . . . RLR IV. 242-, quero avisar-te que 
andards com juizo se déres outro getto ds tuas cantigas , 
Diniz, As pupillas 165; mais je voeil que de vo main destre 
sii vous plaist me fiancerez, Escan. 20137; zitiert von Tobler 
V. B. I. 2 27. 

III. 2 min boglio che ppe mmc aviss a morire datò du stirbst», 
Maddaloni; Canti mer. 162; ma vide che mie 'Vanisti a purtà r 
ppàsci a cchcla rnundagne, Trad. pop. abr. I. 91; ti preti cium 
avisi a 'nsignari conni tu supporti, Castellamare del Golfo, 
Papanti. Allora un prete sagrato , attui prese addire: Con 
Dio voglio cheti ' abbi acconciare, ZRPh 15, 49. In Matera 
tritt dieser Jussiv nach volere sogar an Stelle eines Infinitivs 
auf: vog'jd k'agf a fé ich will gehen , ijoddo vold k’ av ’a 
volti er will kommen , Matera f. 

IV. Ricuordeuteu cheti le buttighie e bicchieri e li bicchirini ànn 
da essere di vrito arrutent gibt ein ital. (.ricordati che . . . 
siano di cristallo arrotato’ wieder, Foggia, Zuccagni-Orlandini 392; 
min fa ca pé mme avisse da murire, Canti di Marigliano, 
ed. Imbriani, 15; e bade eli nen f aviss da scorda dii piatt\ 
Chieti, Zuccagni-Orlandini p. 362; quieto que hayas de corner 
comigo, Libro de Ex. 332, zitiert von Larsen p. 101. 

25. Einem impero ut ire habes entspricht fiir die Vergangenheit 
ein imperavit ut ire h aber et, das romanisch zu imperavit ut ire 
habebat werden mufòte 3 . 


1 Auch debere erscheint in dieser Funktion: le prego q’ el me dica 
perdoner, Macaire, ed. Mussafia v. 1907 ; humilmente voglio te pregare ... 
che la pregierà mea digi scollare , Vattasso, aneddoti in dial. roman. 99; 
ti pvego che tu debbia adorare li miei Iddìi, ib. Vgl. auch Rii bel, 
p. 57. 

2 In Italien tritt bei den jiingeren Typen meist wieder der Konjunktiv 
ein, wobei in Unteritalien der untergegangene Konjunktiv Pràsenstis durch 
den Konjunktiv Imperfekti ersetzt wird. 

3 Hàufiger ist in lateinischer Zeit ein ire deber et bzw. debebat, vgl. 
necessarinm fuit, ut . . . accipere deberunt, Form. Merov. ed. Zeumer 
10, 15; ut facere debiret, ib. 10, 25. Vgl. Gamillscheg, p. 175. 




DAS ROMANISCHE //A iS.E'O-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


131 


I. Li roys ordena si cornine l'on dist } que sui frere retourner- 
oient, Joinville, Hist. S Louis c. 86* il Jut donc décidé que 
le pere et le fils iraient à Cloyes, Zola, Terre 328 ; egli chiama 
Pacchione e gli dice che il giorno dopo andrebbe col carro 
nel vicino bosco, Fiabe mantov. 54. 

Ili K fu duyfzd defisa ha s'avaia ad atfida la figfa e hu lu sanga 
s'avaiana a bagna V oh far a du va 'dafi man die Tochter tòtete 
und mit dem Blut die Augen des Kónigs gewaschen wiirden>, 
Matera j ; jadda k$ama lu s%rva a nfa difa ha avai a fi ku u 
traina a lu vosk, Altamuraf ; arfece lo bando in altri paesi: 
che chi vulia la so' fija per sposa , avisse a veni , Viterbo; 
Rom. XII, 545. 

IV. Fue condicion . . . que si D. Quijote vencia y su contrario se 
habia de casar con la hija . . Cervantes, Don Quijote II, 56; 
e stai dit ira noealtr* he Cecco Ves de turnà al so paes, 
Nembro, Bergamo f. 

26. Hàufig erscheint habeo + Inf. bereits in lateinischer Zeit dort, 
wo es sich darum handelt, das Eintreten eines Ereignisses als ungewifi 
hinzustellen, bzw. um einer subjektiven Vermutung Ausdruck zu geben, 
vgl. nec te si cupiai laedere rumor habet cdlirfte wohl nichts Ver- 
letzendes iiber dich aussagen», Ovid. Pont. III. 1. 82 1 2 . Da mochte 
man fragen, ob nicht iiberhaupt das romanische Futurum als 
temporaler Verbalbegriff letzten Endes auf ein< n potentialen 
Gedanken zurtickgeht. Tempesias illa iollere habet totani paleam 
de area (zitiert von Thielmann p. 185), der Sturm wird hinweg- 
fegen» ist zunàchst eine rein subjektive Annahme «er diirfte hinweg- 
fegen». Ob nàmlich der Sturm wirklich einsetzt, wann und mit 
welcher Starke er losbricht, hangt nicht von unserem Einflufi ab. 
Rex . . . ut dicitur, venire habet wie es heiBt, diirfte der Kònig 
kommem , Fulbertus, Patr. lat. 141. p. 236. Auch hier hangt das 
wirkliche Eintreffen von unvorhergesehenen Zwischenfàllen ab. Der 
Gedanke bleibt eine Vermutung. Mit anderen Worten, venire habet 
bezeichnet im Gegensatz zu veniet er wird kommen > nicht ein tem- 
porales Verhaltnis, sondern stellt von Hause aus eine subjektive Ver¬ 
mutung, also ein affektisches Futurum dar. Es wird also mit 
dem romanischen Futurum ein Geschehen zunàchst nur als bedingt 

1 Vgl. p. 130, Anm. 2. 

2 So auch debeo + Inf., vgl. Petron. Sat. 7 numquid scis ubi ego 
luibitem? . . . Quidni scìani? . . . «hic», inquit, debes h abitar e, «hier 
diirftest du wohnen». 

9 * 


132 


GERHARD ROHLFS' 


hingestellt l . Denn wenn jemand zum Beispiel beim Anblick eines 
Schwerkranken sagt «il mourra», so ist dieser Gedanke und damit 
die sprachliche Form durch den hoffnungslosen Anblick des Kranken 
hervorgerufen. Ob der Tod tatsàchlich in der nachsten Zukunft ein- 
tritt, lafìt sich freilich nicht mit unbedingter Gewifiheit behaupten, da 
immerhin eine unerwartete Besserung eintreten kann, d. h. il mourra 
bleibt lediglieli eine Schlufìfolgerung aus den derzeitigen Umstànden. 
Romanische Mundarten zeigen zum Teil noch beute die alten Ver- 
hàltnisse bewahrt. So sagt man zum Beispiel in Thiene (Verona), 
wenn man sich die Arbeit fest fiir den folgenden Tag vorgenommen 
hat ; domani matina andemo (Prasens !) seminare di fasioi c morgen 
werden wir Bohnen saen gehen», wàhrend andremo eine Ungewifiheit 
ausdriicken wiirde «vielleicht konnen wir morgen ans Saen gehen» (f). 
Denselben Gebrauch belegt Crocioni fiir Arcevia. Das Futurum 
wird hier nur dann gebraucht, «quando occorra accennare a una 
leggera incertezza» Dial. di Arcevia p. 54. Ein Beweis fiir das hohe 
Alter dieses «Potentialis» ist die Tatsache, dafi, wo in Unteritalien 
^Formen des synthetischen Futurums volkstiimlich sind, diese noch rein 
potentiale Geltung haben 2 . Aber auch auf dem ubrigen Gebiet làfit 
sich die potentiale Tragkraft des Futurums noch heute nachweisen. 

I. Dó es el mi am ado? .. . Ellos le respondieren : El lobo se 
lo habra tragado, Berceo, Jós. 28; j Sabes la piacela delas 
moxcas? — Essa no. — Nó la sabrds . . . <du kannst ihn 
wohl nicht wissen», Lope de Rueda, Medora IV. 3; no faltard 
en el pueblo quién le acompane «es wird wohl jemand da sein<, 
Trueba, Cuentos 27; mas bavera cousa de quinte dias ou 
tres semanas , que jd o nào lenito visto, Diniz, As pupillas 9 ; 
e dixo: Serdn os ratos? y eston ripricou a nena: Sera 
calesquera cousa, corno quer vosté qu’eu sepia! «sind das 
vielleicht die Ratten?» Cousas d’a Aidea 43; lo seu marit. . . 
se n’es anat à la guerra, set anys trigard a venir «wohl 
sieben Jahre schon zógert er wiederzukommen» Cans. càtal. 
3. 65 ; ke herà tres mes kelu me frai izes partii «es sind wohl 
drei Monate her, dafi mein Bruder abgereist ist», Pau f ; eh, 
V avrà sognato, Nov. fior. 217 ; andrà quindi letto .. . «es mufi 

1 So bereits This, Zur Lehre der Tempora und Modi. Festgabe fiir 

Gròber, p. 238. ' 

2 Besonders hàufig ist die Form sarà , die in Tarent sogar dazu dient, 
das » ganze Futurum zu umschreiben: sarà ca sò, sarà ca si, sarà ca è, 
sarà ca simi, sarà ca siti, sarà ca sò. Vgl. De Vincentiis, Voc. del 
dial. Tarant, p. 19. 



DAS ROMA NI S C HE //.li^O-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


13S 


wohl gelesen werderi», AGI 16.27; che vuol dir questa fac¬ 
cenda? Ci avrete presi in isbaglio. Noi siamo due poveri 
orfanelli «ihr habt uns wohl verwechselt», Fiabe mantov. 164; 
chi ci avarrà ffatte ’ stu bbene de fa sta frescure? «Wer mag 
uns dieses Gute getan haben?», Trad. pop. abr. 155; ca ciertu 
te darrà quarchi confuortu, Poes. calabr. 70. 

IL tfi lu sape se vene kra matina? ave essere ku la freva Wer 
weifi, ob er morgen kommt; ich vermute, dafi er krank ist», 
Galatina f ; li pitfini adu avanti ìzviddu nieddu? la mujere 
li ditfe: Vanu avulu trovare 1 < woher haben die Kinder den 
Ring? Den haben sie wohl gefunden», ib. 

III. dgugeli una kadrea a si setsere a ikufhi signore, at a essere 
franfeu, « bring dem Herrn einen Stuhl; er diirfte nitide sein», Tissi, 
Sard. f; gran famigghia nobilihaviaessiri! «Das mufi eine vor- 
nehme Familie sein», Pitró, IV. 234; tfe jord sonda? — avon a 
jesd li tfinfzd . « Wie spat ist es ? Es mag 5 Uhr sein», Altamura f ; 
avon a fa tfhifc amia ha na Vagfa k<;u vista «es sind wohl funf 
Jahre her», ib.; kiu prenditi u miu kurtieddu? - o avia viri 
pidjatu miu frateddu, «mein Bruder hat es wohl genommen», 
Ragusa, Siz. f; esse ’la ’vut accide 1 «die mufi ihn getotet 
haben», Trad. pop. abr. I. 61; me Và 'vut ’a tòjje lu t avernar e 
«der Wirt hat sie mir wohl weggenommen,» ib. 188. 

IV. isse ha haveute da deà la posta a cacke birba 1 «der hat 
wohl irgend so einem Schandwejb ein Stelldichein gegeben», 
Cremonese, Vocab. del dial. Agnonese p. 147; quisf à da esse 
qualchedune cchih jferme de mi, «das scheint ein noch Schlauerer 
zu sein als wir», Trad. abr. I. 118. Heu de creare y pensar 
qu ’ una vegada hi hagué un purè que tenia dos fiys «ich 
glaube und denke wohl, dafi einmal ein Vater war, der hatte ...» 
als Màrchenanfang, Rond. mallorqu. 3; grande nati , grande 
tormenta; has de ter ouvido diser , «das hast du ivotil schon 
sagen hòren», Diniz, As pupillas 4; E o defeito e da fmeta y 
ou de qìiem a vende? Ha de ser de quem a vende . . . «die 
Schuld liegt wohl an dem, der sie verkauft», ib. 37. 

Das Franzosische ist hier bisher stillschweigend tibergangen worden. 

Die alte Sprache namlich scheint diésen Potential kaum zu kennen 2 . 

Der Grund hierfiir diirfte hier in der verhaltnismafSig friihen Ver- 


1 Zur Form vgl. il a dii venir statt il doit ètre venu, s. Ebeling, 
Probleme, p. 23 ff. 

2 Vgl. auch Malmstedt, StMSp 4, p. 55. 



134 


GERHARD ROHLFS 


schmelzung zur einheitlichen Futurform liegen (s. o. p. 113). Heute 
ist dieser Potentialis auf das sogenannte «futur antérieur* beschrànkt, 
d. h. auf die mit dem Part. Perf. verbundenen Futura von avoir und 
ètre oder, genauer gesagt, auf die beiden Formen aura und sera. 
Da in der Tat andere Formen nur selten in dieser Funktion verwandt 
werden, kann man im Franzòsischen von einem «konjekturalen» Ge- 
brauch des Futurums wohl gar nicht reden ; denn nicht dieses besitzt 
potentiale Tragkraft, sondern lediglich die beiden Formen aura und 
sera . Das ober dtirfte wohl darauf hinweisen, dafi in diesen beiden 
hàufigsten Futurformen ein fremder (italienischer ?) Gebrauch kopiert 
wurde. Da die Erscheinung (il l'aura trouvé) allgemein bekannt ist, 
wird es sich eriibrigen, hier besondere Belege anzufiihren 1 . 

27 . Es ist zu bemerken, dafi dieser Potential sich ausschliefilich 
dann findet, wenn eine Vermutung iiber eine Tatigkeit ausgesprochen 
wird, die sich in der Gegenwart abspielt. Wird dagegen die Vermutung 
in eine Handlung der Vergangenheit gelegt, so wird aus dormire 
habet ein dormire habebat (babuit) «er mochte wohl geschlafen haben». 

I. Los demas turcbs ... que seriali basta treintay seis personas «die 
36 Personen sein mochten», Cervantes, Don Quij. IL 63; basta 
seis ó ocbo se babria dado Sancho, cuando le pareció, ib. II. 71; 
vejo que me enganava ainda bontem disendo-me que tinha 
confianca em mim .... — Enganaria ; mas enganava-me 
a mim mesma tambem «ich mag Sie getauscht haben», Diniz, 
As Pupillas 175; las campanas van, — cP er tocarian ? 
Tocan per un gran — un gran de la vila. Ne cava 7 fosser — 
Iper qui cavaria? «Flir wen mochten sie làutenV — Fur wen 
mochte er grabenV» Cans. catal. 3. 159; sarié sta malaut «er 
mochte krank gewesen sein», zitiert von Ronjat p. 203. 

II. Habian ser mais d! as des\ todos estaban deitados, Cousas 
d 7 a Aidea 13. 

III. chissà chi mi domannau . . . appi ad essivi S. Petru «der 
mich fragte, das war wohl St. Petrus», ATRP. 23. 215. 

IV. 3 ' babia de ser de dia? Abre, por Dios, esa ventana de 
tu cabecera, y verlo-bas. «Solite es schon Tag sein?» Ce¬ 
lestina, Bibl. ant. esp. 37 a. 26; abia de ser un kasabiko muy 
luzio «es war wohl einmal ein gar hubscher Fleischer», Wagner 
p. 1 ; abia de ser un mansebo, ib. 7. 

1 Belege liefern Clédat, RPhF 20, 266, 282f.; RF 23, 313; Malm- 

stedt StMSp 4, p. 50ff; Soltmann, p. 15f. Anders geartet sind die von 

Tobler (V. B. 2 * * I, S. 253) mitgeteilten Falle (empirisches Futurum): Mainte 

pucele avrai veue usw. 



DAS ROMANISCHE HABEO-V UTURUM UND KONDITIONALIS 


135 


28 . Mit Vorliebe erscheint dieser Potentialis auch im abhàngigen 
Nebensatze, und zwar sowohl im verallgemeinernden Relativsatz wie 
im unbestimmten Temporalsatz und dem potentialen Nebensatz 1 . Im 
Altsardinischen gar scheint habeo + Inf. uber diese Funktion liber- 
haupt noch nicht hinausgekommen zu sein 2 . Vgl. im Lateinischen 
Christianis responsum faciunt, ea sane ratione, ut quoti habis emere, 
non tangas, Anton. Plac. c. 8. 

I. Amix, digas tot quan volres, Flamenca 6409 ; siempre fas 
con conseio quanto facer ovieres 3 , Alex. 48; io verroe con 
voi ovunque a voi piacerne, Monaci, Crest., p. 339. 

II. establescemos . . . que tod omne , pues que mostrar [B. R. 1 
hat ha mostrar ] su querella al rey . . . non se fuga . . . 
«jedesmal wenn er vortragt», Fuero Juzgo II. 25; arvore que 
de fruito, quem ha tallar peyte cinquo soldos e quem ha 
decotar peyte ... «wer einen Obstbaum abhauen solite ...» Port. 
Mon. hist. I, 544 ; e casa direita quem a derubar , peyte trinta 
soldos , ib. 545 ; et si per aventura su contrariti aen facher et 
de cussa mercatantia alcuna cosa in terra aet romaner , pagliet 
su patrona . . . Statut. Sassar., AGI 13. 27; et ki Vaet devertere , 
appat anathema, a 1080, Carte volg. di Cagliari, AStI 35. 282. 

III. s'oéje m ajjf a ’ccasà, m àjf a pijjed la foejje de re 
mussare, «falls ich mich verheiraten solite,* nehme ich . . .», 
Trad. pop. abr. 207. 

IV. Si oviere enfermedat o a de tractar otro pleyto mayor, non 
faga detardar, Fuero Juzgo II. 1. 20. 

29 . Eine interessante Form des Potentialis bietet Sardinien. Hier 
war im 15. Jahrh. der bisherige Potentialis aet fakere zum Futurum 
geworden. Dadurch wurde, wie Gamillscheg (p. 60) nachgewiesen hat, 
die Formel fiir beide Funktionen unbrauchbar. Letzteres wurde nun 
durch aet a fakere ersetzt; der Potentialis aber wurde zu aet cónto 
fakere (< habet eccummodo facerc ), d. h. er wurde durch Hinzu- 
fiigung des Adverbiums der Gegenwart 4 ausdrucklich von der zu- 
kiinftigen Zeitstufe geschieden: Sutf unti manta quinguer duas per- 

1 Bei Tertullian begegnet habeo + Inf. fast ausschliehlich noch im Neben¬ 
satz. Vgl. Thielmann, p. 83 u. 87. 

2 Vgl. Gamillscheg, § 42ff.. 

3 Doppelter Ausdruck des Potentialis. 

4 In àhnlicher modaler Verwendung begegnet im Transsylvanischen amìi 
(< eccummodo) \ vgl. Amu cine mai mare est e intra imperatia ceriului, 
«Quis, putas, maior est . . .?» «Wer diirfte wohl sein . . .?* Matth. 18, 1 
(zitiert von Tiktin, Rum-Deutsch. Wtb. I, 17). 


136 


GERHARD ROHLFS 


sones non bi at coni esser mai conformidade; su simile in diversas 
intensiones difficile hat com r esser samistade «diirfte nie Uberein- 
stimmung ,sein — diirfte Freundsehaft schwierig sein», Araolla, ed. 
Wagner p. 39; tottu hat a preterire, hat a mancare . Oui siat istada 
un 1 ora, unte momentu f a conio parrer «diirfte dir scheinen», ib. p. 21 1 . 

30. Wie fiir den Potentialis dem , dederim in romanischer Zeit 
dare habeo eintrat, so wurde der Irrealis darem durch die preteri¬ 
tale Form der Umschreibung abgelòst: dare habebam (liabui). Als 
namlich im Laufe des 3. Jahrh. der alte Irrealis si haberem, darem zu 
einer potentialen Periode der Gegenwart herabsank (Gamillscheg 
p. 35), wurde fiir den Ausdruck des Irrealis ein Ersatz notwendig. 
Da war denn das Nachstliegende, den Modus der Irrealitat durch 
eine Modalumschreibung auszudriicken. Wir stehen also hier vor 
derselben Entwicklung, die wir heute den deutschen irrealen Kon- 
junktiv durchlaufen sehen. Dieser ist in der Auflòsung begriffen. 
Zwar sagt man noch, «Wenn ich Geld hatte, ginge, fiihre, àfie, 
gàbe . . .ich», aber es wird heute kaum einem Menschen mehr ein- 
fallen, etwa zu sagen «Wenn ich kònnte . . ., biike, mòlke, wiische, 
tranke ich . . .». Das heiBt, das Abbròckeln einer Verbalform beginnt 
bei Verben, die an und fiir sich schon weniger gebraucht werden. 
Hier setzen zuerst Umschreibungsversuche ein: «ich wollte, mòchte, 
kònnte, diirfte, tate, miifite, wiirde backen». Genau dasselbe im Ur- 
romanischen: cantarem ward umschrieben durch volebam, poter am, 
debebam , habebam cantare. Sàmtliche dieser Modalumschreibungen 
haben Spuren 2 im Romanischen hinterlassen. Wenn sich gerade die 
letztei*e Form in so iiberwàltigender Majoritat in den Vulgaridiomen 
durchgesetzt hat, so liegt die Ursache hierfiir wohl in dem Parallelis- 
mus zu habeo cantare dem romanischen Potential (> Futurum), 
ahnlich wie auch im Deutschen heute «ich wiirde singen > (neben dem 
Futurum «ich werde singen») die beliebteste Form des umschriebenen 
Irrealis darstellt. 

Es wàre daher miifiig, darum zu streiten, welches in der Formel 
dare habebam die urspriingliche Bedeutung von habere gewesen sei. 
In dem Moment (4.-5. Jahrh. ’?), wo dieser Irrealis zum erstenmal irgendwo 
auf dem Boden des Imperium Romanum von einem Individuum ge¬ 
braucht wurde, wohnte dem Modalverbum iiberhaupt kein runder 

1 Andere Beispiele bei Gamillscheg, p. 68. 

2 Volebam cantare im Altfranzosischen (Burgatzcky 184), im Rumànischen 
urea canta; poteram c. im Italienischen (Wedkiewicz, p. 90f.), debebam c. 
in Sardinien, Spanien, im Italienischen (ib. 90 f.), im Franzòsischen (Riibel, 
p. 18 ffBurgatzcky, p. 184), debili c. in Oberitalien (s. ZRPh 40, p. 505.) 



DAS ROMAN1SCHE //^j8£“0-FUTURUM UND KONDITIONAL1S 


137 


Begriffsinhalt mehr inne: Infinitiv und Modalverbum waren bereits 
eine Einheit, die nur als Ganzes den irrealen Gedanken umschrieb. 
Mit anderen Worten , das neue dare habebam war zunàchst nichts 
anderes als ein affektischer Ausdruck des alltaglichem darem. 

Wie Gamillscheg (p. 45) richtig erkannt hat, unterscheidet hier die 
alteste Zeit noch insofern zwischen dare habebam und dare habui, 
als ersteres den Irrealis Praesentis, letzteres den Irrealis Praeteriti 
bezeichnet. Aber schon seit dem 8. Jahrhundert diirfte, wie ich 
x bereits ZRPh 40. 505 zu zeigen versucht habe, dare habui auch in 
der Toskana rein prasentische Geltung angenommen haben, d. h. der 
heutige Zustand eingetreten sein: Ideo hoc dicemus, quia si inve- 
nisset eum (der der badenden Frau die Kleider wegnehmen mochte) 
aut vir aut propinquus . . . scandalum cum eum committere habuit 
(Var. committerent, committeref), «wenn er fande, wurde er begehen», 

а. 733, Leg. Liutpr. cap. 135. 

Dagegen hat sich der pràteritale Typ dare habui wenigstens in 
den jiingeren Zusammensetzungen in einem ganz besonderen Falle 
erhalten. Dariiber vgl. § 48. 

31. Wir hatten also fur das Mittelitalien des 8. Jahrh. folgende 
Strukturen anzusehen: 

I. se avesse , dar avia 

II. se avesse, dar ’ ebbi 

Beide Typen werden hier bis ins 13. s. noch promiscue gebraucht, 
vgl. e io tenessi . . ., io faria . . . essi verrei, Monaci, Crest. p. 319 ff. v. 
240 ff. Erst seit dieser Zeit gewinnt dare habui im Toskanischen 
ein entschiedenes Ubergewicht und verdrangt dare habebam (bei 
Benv. Cellini fast nur noch bei Modalverben) schliefilich ganz aus der 
Schriftsprache. Etwas konservativer sind die Mundarten, die zumai 
im umbrischen Siiden ein Kontaminationssystem anwenden, vgl. Massa 
Martana 1. dar io, 2. daressi, 3. daria, 4. daressimo , 5. daressivo, 

б. dariano (f). Auch in Korsika dlirfte der ia- Typ der urspriing- 
lichere sein. Er findet sich heute noch im Westen und Siidwesten 
der Insci, wàhrend von Bastia und Corte her der aus der Toskana 
stammende ebbe- Typ freilich schon langsam uber das Gebirge dringt*, in 
der zweiten Person hat dieser iiberhaupt die ganze Insel bereits erobert. 

32. Fur Oberitalien galt im 10. Jahrh. etwa folgendes Schema: 

I. se avessi — dessi 
II. se avessi — dar' avi (avi dar) 

III. se avessi — dar' aveva 

Flir die alte Zeit sind die einzelnen Typen schwer zu lokalisieren. 
Bonvesin gebraucht in der Regel den habui- Typ (II.) ; die wenigen 


138 


GERHARD ROHLFS 


ia -Formen kònnten entlehnt sein. Àhnlich liegen die Verhàltnisse in 
den iibrigen lombardischen Denkmàlern (vgl. Gamillscheg p. 251 ff.). 
Heute ist die Verteilung derart, dafi Typ I. auf die Gebirgstaler im 
àufiersten Norden (Bergell, Grodnertal, Val di Fassa usw.) zuriick- 
gedàmmt ist. Typ III. herrscht im ganzen Piemont westlich eines 
Bogens, der durch die Punkte Monte Rosa—Novara—Casale—Ales¬ 
sandria geniigend fixiert sein diirfte, herrscht weiter in ganz Ligurien 1 
und scheint in beiden Gebieten seit historischer Zeit bodenstandig zu 
sein. Er findet sich weiter auf einem gròfieren Gebiet, das sich zwischen 
dem Lombardischen und Furlanischen einschiebt, im Sliden durch den 
Po, im Westen durch die Linie Gardasee—Mantua, im Osten etwa 
durch die Livenza begrenzt wird und im Norden in die ratischen 
Mundarten auslauft. Typ IL — und das ist das Auffallige — 
scheint heute aus Oberitalien verschwunden zu sein. Bis auf spàrliche 
Reste. Sein Hauptvorkommen ist heute im oberen Piavebecken und 
im furlanischen Vorgelànde mit den Zentren Pordenone und Sacile. 
Dazu kommt das venezianische Lagunengebiet, im Norden ferner Po- 
schiavo (datovi ), im Osten noch Pola, Dignano und Rovigo 2 . 

33. Dafiir begegnet nun hauptsachlich auf dem Boden der alten 
Lombardei — dem Gebiete des altoberitalienischen duravi- Typs — eine 
neue Form daréss. Dieses daress herrscht heute auf einem Gebiet, 
dessen àufierste Vorposten gegen das Piemontesische Alessandria, 
Casale und die Valsesia zu sein scheinen. Nòrdlich lassen sich die 
Formen bis an die Sprachgrenze (Domodossola, Faido, Bormio) ver- 
folgen; im Sliden diirfte der Po die Grenze bilden, wàhrend im Osten 
die bereits erwàhnte Linie Gardasee—Mantua den Abschlufi gegen 
das m-Gebiet bildet 3 . Jenseits dieses ^-Gebietes tauchen die ess- 
Formen wieder in Friaul auf. Noch weiter gen Osten findet sich ein 
isolierter Aufienposten in Muggia. Der Ausgangspunkt flir diesen 
neuen Irrealis, unter dem, historisch und sprachgeographisch be- 
trachtet, als altere Schicht dare habui lagert, sind die zweiten Personen 
dieses alten Typs dare habnisti bzw. habuistis , deren -sii lautgerecht 
zu -ssi werden mufite. Nach diesen Personen Wurde nun nach und 
nach der ganze Irrealis analogisch umgebildet. Dieses heutige daress- 
Gebiet wird halbkreisfòrmig umschlossen von einer Zone (ligurisch— 
toskanisch - umbrisch - veronesisch), die ebenfalls heute auf dem Wege 

1 Mit der § 33 ausgesprochenen Einschrànkung. 

2 Vgl. die Sprachkarte. 

3 In Mailand und im Stadtdialekt von Como herrschen heute wieder ia- 
Formen, die einem allgemeinen Sieg des norditalienischen ia- Typs den Weg 
zu.bahnen scheinen. 




DAS ROMANISCHE HABEO-F UTURUM UND KONDITIONALIS 


139 


zur Durchfiihrung eines ^ss-Konditionals ist, aber zum Teil erst auf 
der Stufe angelangt ist, die wir in der Lombardei bereits im 14. Jahr- 
hundert vorfinden. Naheres uber diese Formen bei Wedkiewicz 
p. 74 ff., Meyer-Lubke, RoGr. IL p. 365 und Gamillscheg 
p. 252. Ob diese Erklarung auch fiir die ^ss-Formen Friauls und 
Muggias zutrifft, ist zweifelhaft. Da nach den jiingsten Feststellungen 
Gamillschegs fiir die rumanischen AnschluBgebiete im Osten (Istrien, 
Bahat) jebenfalls doch mit einem Typ dare habuisscm (s. u. § 37 u. 44) 
zu rechnen ist, diirfte es nicht ganz ausgeschlossen sein, dafì dieser 
auch hier vorliegt 1 2 . 

34. Wenig einheitlich sind die Verhaltnisse in Unteritalien. Hier 
steht in alter Zeit fiir den Irrealis Praesentis si habercm , darcm , zu 
dem in Neapel si haberem , dare habebam tritt. Nach dem Unter- 
gange des Konjunktiv Imperfekti trat an dessen Stelle teils der Indi- 
kativ des Imperfekts, teils der von Norden hereindringende Konjunktiv 
Plusquamperfekti, teils der bisherige Irrealis Praeteriti dederani . Was 
die /«Formen Unteritaliens betrifft, so finden sich diese heute nicht 
allein im Napolitanischen \ sie sind weitverbreitet im Stadtdialekt von 
Foggia und tauchen hier in der Capitanata auch bereits auf dem Lande 
auf. Merkwiirdigerweise erscheint dieser Irrealis hier nun aber auch 
im 5/-Satz. Aber nicht nur hier bieten Vorder- und Nachsatz dieselbe 
Form. In der ganzen Terra d* Otranto herrscht heute si habebam 
— dabam 2 • weit verbreitet in Kalabrien ist si habueram — dederarn 3 , 
wahrend si habuissem - dedissem ganz Sizilien und den Rest des 
kontinentalen Unteritaliens einnimmt. Dafi in alllen diesen Fallen 
nicht reine Attraktionserscheinungen 4 zugrunde liegen kònnen, diirfte 
klar sein. Alle diese Perioden fordern vielmehr als «geistige Ety- 
mologie» einen lateinischen Typ, der im Vorder- und Nachsatz dieselbe 
Form bot. Dies aber kann nur si haberem — darem gewesen sein. 
Als nun im Laufe des 11. Jahrhunderts der Konjunktiv Imperfekti in 


1 Vgl. dare debidssem im Altfranzosischen jà desdaignier ne me 
déusses, se à ton caer fiitié eusses , Dolop- 3403. 

2 Vgl. Galatina (f) se io sapia , io Jia, «wenn ich wtìfite, ginge ich,» se 
vui sapivivo, no mi lo komandavivo , «wenn ihr wiifitet, wurdet ihr mir’s 
nicht befehlen,» io avia tuntisi, ti davo , «wenn ich Geld hatte, wiirde 
ich dir’s geben». 

* Vgl. Lauropoli (f) sa io saptrrd, io jtrrd,« wenn ich wiihte, ginge ich»; 
S. Pietro Apostolo (Papanti) si hi poterra fare, ti la cederra , «wenn ich 
konnte, wiirde ich sie dir geben», Serra-Pedace si forra na palumbedda, 
me miniera . . . f. 

4 So Gamillscheg, p. 256. 



140 


GERHARD ROHLFS 


Unteritalien unterging (Gamillscheg p. 204 ff.), trat die ihn ab- 
losende Form nun selbstverstandlich nicht biofi im Nachsatz, sondern 
mechanisch auch im s/-Satz auf. Dafi im librigen die za-Formen, vom 
Napolitanischen' abgesehen, nirgends im Stiden volkstumlich sind, zeigt 
jeder Marchentext, zeigt aber auch die phonetische Form, vgl. Campo¬ 
basso avarria , aber puteja, Larino dar ria, abev perdeve, Palena vurria, 
aber faciaive usw. Wo immer diese Irreale auftauchen, bleiben sie 
espressioni di gala» h 

35. Wie sehr hier noch alles in Entwicklung ist, und wie muhsam 
die Sprache nach einem Ersatz fiir den untergegangenen Irrealis 
(darem) ringt, zeigt am besten eine Anzahl von Zwitterbildungen. So 
begegnet gleich im Stiden von Rom eine Verschmelzung des ebbe - 
und za-Typs, non mi vorebbia mai arricordare, Morolo, Marsiliani 
p. 207, ve vorrebbia dì, Rom, Zuccagni-Orlandini p. 309. Im Kala- 
bresischen von Aprigliano findet man jerreria, entstanden aus dem 
alten Plusquamperfektum jerra + -eria . Noch seltsamer muten einige 
Formen an, die ich kiirzlich in der Mundart von Spaccaforno (im 
aufiersten Siidosten von Sizilien) feststellte: trovasserei «troverei», 
kantasserei, avessiressivo «avreste», pagar asserei «pagherei», also 
Kontaminationen aus dem heimischen trovassi und dem schrift_ 
italienischen troverei 1 2 . Da mòchte man fragen, ob nicht auch ein Teil 
der bekannten -r/ss/-Formen Siziliens (Naheres bei Gamillscheg p. 253) 
lediglich auf Konto einer Kontamination crederla + credissi > credi - 
rissi zu setzen ware*? 

36. Wesentlich einfacher liegen die Verhàltnisse im Westen. Hier 
hat zunàchst das Iberoromanische als Irrealis Praesentis si hciberem 
— dare habebam, als Irrealis Praeteriti si habueram — dederam . 
Ersteres wurde in romanischer Zeit zu si habuissem, dare habebam; 
letzteres erhalt im 14. Jahrhundert prasentische Funktion. Seit dieser 
Zeit werden beide Typen ohne wesentlichen Unterschied nebeneinander 
gebraucht. Vgl. Gamillscheg, p. 283ff.; Gefiner, ZRPh 14, p. 21 ff. 

Auf dem provenzalisch-katalanischen Sprachgebiet steht dem Irrealis 
Prasentis si habebam — dare habebam ein zunàchst prateritaler Typ 
si habuissem — dederam gegentiber, der spater mit dem pràsentischen 
Irreal gleichbedeutend wird. Dazu kommt im Katalanischen noch 
ein Kontaminationstyp si habuissem , dare habebam. 


1 Vgl. Modica, p. XXII. 

2 Auch in Reggio di Cai. hort man avissarissivu «avreste». Vgl. noch 
kalabr. ftessera (Catanzaro) und sarera (Saracena) «sarei» f. Uber for ria 
s. Gamillscheg, S. 243. 





DAS ROMANISCHE HABEO-Y\J'l \]RUM UND KONDITIONALIS 


141 


im àltesten Franzosischen finden sich si habuissem, dedissern und 
si habuissem, dare habebam gleichwertig nebeneinander. Letzteres 
wurde spàter, vielleicht durch sudlichen Einflufizu si habebam 2 , 
dare habebam . 

37 . In Rumànien schliefilich ist an die Stelle von darem fruh 
dedero getreten, das in Istrien und Mazedonien blieb, im ubrigen 
aber von dare habuero (habuero dare) abgelòst wurde, vgl. ZRPh 
40. 503. Fiir den Irrealis der Vergangenheit hat wohl auch hier 
einst ein besonderer Typ bestanden, und zwar, wie Gamillscheg (p. 131) 
glaubhaft macht, dare habuissem , das durch teilweisen Zusammenfall 
mit Formen des Verbums «Sein» unbrauchbar und durch volebam 
cantare (s. ZRPh 40. p. 503 f.) ersetzt wurde. Doch haben sich in 
dem System des heutigen Konditionals Spuren ( as càuta, olymp. 
kalkares) erhalten, die noch auf den alten Zustand hinweisen. 

38 . Zweifelhaft ist, ob die optative Funktion, in der der rumanische 
ara- Typ erscheinen kann, auf ròmische Zeit zuriickgeht oder aus dem 
Einflufi der Nachbarsprachen zu erklàren ist. Fiir den ersteren Fall 
spricht, daB auch in Unteritalien die Formel dare habebam bzw. heute 
habebam ad dare noch durchaus voluntative Kraft haben kann: Era 
'n cammisa, ca m ' avia curcari «wollte zu Bett gehen», Noto 302; 
ora nu scarpareddu avia di maritari («wollte verheiraten») la figghia 
Pitré 4. 49; d i aére nu rré che tené tré ffije Jémmene. «Stu rré 
avé da ji 1 a la fjere. «Wollte gehen >, Trad. pop. abr. I. 130. 

Dieser rumanische « Optati v» tritt nun so wohl im reinen Wunsch- 
satz als auch in Fliichen und Verwunschungen auf 3 . 

I. Fecior de crani, veded-te-as imparati «Kònigsohn, ich mochte 
dich als Kaiser sehen!» Harap alb 5; mànca V ar branca, 
sà’l màndnce ! «Der Rotlauf móge ihn essen!» Jarnik, p. 18; 
màncav 'ar fripte al de ve are ! »Moge euch gebraten der- 
jenige essen, der euch hat!» ib. 


1 Nach Gamillscheg, p. 195. Auffàllig aber ist, dafi der àlteste Beleg 
fiir diesen Typ (Gormund, v. 425, s. u. § 40) sich im abhàngigen Aussage- 
satz findet. Noch im Dolopathos stehen 37 Prozent dieses Typs im ab¬ 
hàngigen Satz. Bestàtigt sich dieses Verhàltnis fiir die altere Zeit, dann 
wàre si je venais, je serais zunàchst nichts anderes als indirektes 5 / je 
viens, je semi, eine Periode, die sich fruh verallgemeinert hàtte. 

2 Keine Dissimilaiion (!), wie Lerch (LB 1920, Sp. 260) will. 

3 Ausfiihrlich handelt iiber diesen Gebrauch des rum. Konditionals in 
Wunsch- und Verwiinschungssàtzen Ebeling, Probleme, p. 19ff. u. Ticèloiu, 
ZRPh 41, S. 435ff. 



142 


GERHARD ROHLFS . 


IL te-as ìntrebd «ich mochte dich fragen», Harap alb 12; de ne-ar 
da Dumneséu tot atita stipar are «wenn uns Gott nur immer 
soviel Sorge geben wollte», ib. 40. 

39. In den einzelnen Vulgarsprachen verteilen sich die hypothetischen 
Systeme folgendermafien : 

Si haberem, dare habebam (Sardinien). 

IL T isti conio ispantare 1 certa inie si casta barba hirsuda 
intro ima ispiyn videres «du wlirdest erschrecken, wenn du 
sàhest», Araolla, ed. Wagner 52; Jiint conio esser de fama 
pias ancora , si ,.. cnddn ingegna non s esser et par fida, ib. 57. 

III. si oberemu, iat a essi mali po mei «wenn ich òffnete, wiirde 
es mir schlecht gehen-, Nov. sarde 61. 

40. Si habebam — dare habebam . 

I. (Frankreich, Katalonien, Korsika) 

veir dist li sors, si jeo veneie en icest ost que je sereie o pns 
o mors, Gormund v. 425; si s 9 esdeveuia qtte no pognes venere 
per forca . . . aydar-m en hia per ma art, Tierepos Roman 
Lull, p. 16; se jo sapia . . . jo andaria, Bigorno, Bastia f. 

III. (Sardinien) 

Si tue teniaz a dinare, me ne aias a a dare «wenn du hàttest, 
wiirdest du geben*, Tonara f ; si osateros temete tempus u , 
aiais 1 a benere kon noiz ', ib. 

41. Si habitissem (habneram) — dare habebam . 

(Frankreich 2 , Iberische Halbinsel, Italien) 

I. Io be f hi deixaria com tu 'm prometesses de tornarne, 
Rond. catal. 74; si no se gnardase està puntualidad con 
estos, no se podria vivir con ellos, Cervantes, Don Quij. IL 60 ; 
se tu tivesses o rabo mais curto, fìcarias muito mais bonito , 
Cont. port. 19; ca s' io temesse c a voi dispiacesse , ben m 
aucideria e non viveria, Monaci, p. 47; stesse vicina cornine 
sto lontana , io te lo facerria mattina e sera, Neapel, Canti 
mer. 118. 

IL se as informaQòes fossetti desairosas havia disertile a elle , 
aus Castello Branco, zitiert von Cornu, Gròbers Grundrifi 2 I. 2, 
p. 1023; si lu viera Don Toribu , non tien dada, liabia ablucase, 
Poes. astur. 89. 


1 Dieser lrreal, der noch heute im Zentralsardischen von Bitti erhalten 
ist (ZRPh 34, 587), entspricht dem potentialen hat corno fakere «er durfte 
tun» (s. o. p. 133); zur Form habui stati habebam , vgl. Gamillscheg, p. 62. 

2 Uber diesen Typ im Altfranzosischen vgl. Sechehaye, RF 19, 365 ff. 





DAS ROMANISCHE HABEO-V\5TVR\JM UND K.ONDITIONALIS 


143 


IV. me habias de condenar si ya no lo estuviese, Caballero, 
Cuentos 95* se as mesmas koras se voltdsse para o ontro 
lado . . . havia muitas veses de avistar a Ina , Diniz, As 
Pupillas 63. 

42. Si habuissem — dare ìiabui (Italien). 

I. se kaves Cento ducat ... me faròue far un brond, magneroù ... 
compreroh, Belluno, AGI 16, p. 90 ff., v. 1011 ff.; murusa meta , 
se sula i te truvasse, te dunaravi el pan eli f gò in bisasse, 
Cant. istr. 79. 

II. e se no fos el prego vostro , ìYIadona, lo mondo avo perir 
cun gran furor, Mussafia, Mon. ant. F. 173f.^ nu havem fa 
pur ben, se lo cor . . . volesse pur sta in fren, Bonvesin, 
ed. Bekker,. A 286. 

43. Si habere kabebam — dare kabebam (Capitanata, Principat). 
I. ca si lu pputarria fa, cu tuttu lu core ti la rarriu, Ariano, 

Papanti; O Dija! k’ eija sarija patora, o retratta da latnija 
amika far eija, «wenn ich ein Maler ware, wiirde ich mein 
Liebchen malen», Foggia f k 

44. Si kabuissem — dare habuissem . 

1. (Altrumanisch, Friaul?) 

se o savss, o lares wenn ich wlifite, ginge ich-, Paluzza, 
Friaul f. 

III. (Sizilien). 

Oh Diti, sta cantunera fussi seggkia! Nun mi ci avissi a 
moviri assittatu. Ware diese Ecke ein Sitz, so wiirde ich 
nicht aufstehen>, Noto 192; Ok Din, ca V arti mia forra 
pitturi! Lu ritrattu ri tia m’ avissi a fari, ib. 141. 

45. Si habere kabuissem — dedissem (dare kabui usw.). 

Dieser Typ findet sich zerstreut iiber ganz Italien, hauptsàchlich 

in Sizilien und der Lombardei. Vollstandig Boden gefafit hat er in 
Orzinuovi (Prov. Brescia). 

III. Ddoppu reci anni su avissi a tumori , la 'me cinturi stissa 
amassi a tia, Noto 174; siddu ni avissi tu a cunsiderari , 
certa dicissi: Ragioni vui aviti, Etna, ATRP 8, 542 ; se anche 
tu avessi a mancarmi, che sarebbe di me senza figli affatto ? 
Fiabe mantov. 62. 

1 Auch in Stidkalabrien, vgl. si sarria ti acceddu, volarria (Giffone t)- 
Zum Franzosischen vgl. Burgatzcky, p. 133 ff.; der Typ ist heute weit ver- 
breitet im Pas de Calais; vgl. Atl. ling. K. 511. 


144 


GERHARD ROHLFS 


IV. se avess da pudì, at voress dona «wenn ich kònnte, wiirde 
ich geben», Bozzolo b. Mantova, Papanti; se f avesset de vede, 
mamma, che bella giovina che V e veglimi a la festa «wenn 
du gesehen hattest, was fiir ein schònes Madchen auf das Fest 
gekommen ist!» Milano, Nov. fior. 161; se ges da sai V, ta 
V digares «wenn ich’s, wiifite, wiirde ich’s sagen», Orsinovi f; 
se V es da trovà la to mostra , te la dares «wenn ich die 
Uhr fande, wiirde ich sie dir geben», ib. ; se te ta ’m esset 
da dà kela legar le, ta la pageres «wenn du mir jenen Hasen 
dort gabest, wiirde ich ihn dir bezahlen», ib. 

46 . Si habuissem — dare habueram \ 

II. Portugal 

Que se do boi los chavelhos eu alli Ihe fosse dar, de ludo, 
qu ' cu Ihe fedisse, nada iriliavéra negar. «Wenn ich ihm 
gabe, wiirde er mir nichts abschlagen», Azevedo, Romanceiro 
da Madeira, p. 279; si me contasses occulto, meu reino bavera 
dar } Romero, Cant. pop. do Brazil I, 14. 

III. (Altspanien, Modica) 

se por peccados malos quisiessen contender, ovieran se los 
griegos en coyta a veer, Alex. 2006 ; si ftiesse tu ventura . . . 
ovieras a mi solo por sennor a catar, ib. 1617; Ó Ddiu! 
ca Varti mia fussi pitturi, nu ritrattu ri tia irìaverra a 
jfari , Modica 68; Oh Ddiu! ca si bb’avissi ppi muggeri, 
sempri a li sona v’avcrra a ffari ) ib. 80. 

IV. (Altspanien) 

ovieranse y de matar, si non por el rey que departiolos «sie 
hatten sich getótet», Cron. gen., ed. Pidal 417, 2, 28; apouco 
de tenpo Ile ouveran de cortar a cabe^a, se eytor alij non 
chegara «wenn Hektor nicht gekommen ware, hatten sie ihm 
den Kopf abgehauen», ib. I, 225. 

47 . Si habere habuero — dare habuero (Rumanien). 

I. Donneai tu mult si bine y Harap alb, de nu ieram leu «du 
wiirdest schlafen, wenn ich nicht gewesen ware», Harap alb 57 ; 

II. De m’ati iubi , v r atf fi bucuratu «hattet ihr mich lieb, so 
wiirdet ihr euch freuen», Johannes 14, 28; de nu asu fi venitu .. . 
nu aru ave pccatu «wenn ich nicht gekommen ware, so hatten 
sie keine Siinde», ib. 15, 22. 




1 Zum Lateinischen vgl. Thielmann, p. 193. 




DAS ROMANISCHE /MSjE'O-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


145 


48 . Eine merkwurdige Form des Irrealis findet sich in Unteritalien 
und im Leonesischen. Hier wird nàmlich, wenn man ein drohend 
bevorstehendes Ereignis (Eventualis) ankiindigen will, dessen Ein- 
treten aber schliefilich doch noch unterblieb (paene cecidi), nicht, wie 
man nach den ganzen romanischen Verhàltnissen erwarten solite, die 
pràteritale Zeitstufe durch den Infinitiv, sondern durch das Modal- 
verbum zum Ausdruck gebracht, also nicht essere habebam mortuus , 
sondern hàbui mori «ich wàre beinahe umgekommen», d. h. es diirfte 
in diesem besonderen Fall der lateinische pràteritale Typ hcibui dare 
«ich hatte gegeben> (s. oben p. 137) sich erhalten haben h 

II. hubo caerse «er wàre beinahe gefallen», Dial. leon. 84. 

III. lo nigro prencepe sentuto sta ntimazione de decreto appe a 
morire spantecato «wàre vor Schreck bald umgekommen», 
Pentam napol. ed. B. Croce I, 240; la quale, visto chella brutta 
caira pelosa appe a crepantare de spasemo, ib. I, 111; Sapa- 
tella, che ntese parlare a no serpe, appe a spiretare, ib. I, 210. 

IV. visto ca V aveva fatto doppia de figura, appe da dare de 
capo pe le mura, ib. I. 61 ; sta signora abbe da muri pe la gra’ 
pena de ’ri arsione accusi brutta, Campagna di Roma, Papanti. 

40 . Auffàllig ist, dafi dieselbe Formel (dare habui) auf den gleichen 
Gebieten nun auch im Sinne eines durativen Praeteritums stehen 
kann 1 2 . 

II. cu le lacreme mmeiV ibbi addacquare «ich bewàsserte», Lecce, 
zitiert von Filzi, StR XI, 74. 

III. avia lu cori comu la carta e a nuddu mai appi a fari la- 
mintari «faceva piangere», Pitré IV, 35; ma ncarchidunu nei 
appi a diri «sagte ihr», Palmi, Papanti; f ntra se bistimiava\ 
ma appi a fmeiri, e dissi «er verstellte sich», Partinico, ATRP 3, 
260; ovo està facienda XV. dias a durar «dauerte 14 Tage», 
Alex. 1903; cuydeste de mi mano foir e estorcer, ovieste 'en 
peores manos a caer «bist du gefallen», ib. 1615 3 . 

1 Das Altfranzòsische bietet hier eine verwandte Konstruktion debui dare; 
vgl. de poor dui estre crevez. Rom. de Ren. 14371, s. Rii bel, p. 55 f. 

2 Vgl. rum. vrea face «er tat», lat. voluit relegare «relegavit», 
s. Gamillscheg, p. 120, Spitzer, AStNSp 131, 471, Filzi, StR XI, p. 74. 

3 Dieselbe Verwendung bietet noch heute das Regionale Spanische von 
Murcia; vgl. Me hard usted un gran favor .... hube de respanderle 
«antwortete ich ihm», Alb. Sevilla, Gazapos literarios 68, en las Nociones . . . 
que hubo de escribir («geschrieben hat») el dodo catedrdtico , ib. 160, en 
cambio no hubo de anotar («hat er nicht vermerkt») palabras tan murcianas 
corno . . . id. Vocab. murcian., p. IX usw. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VX. — 1922 . 10 


146 


GERHARD ROHLFS 


IV. nei sarà la secunda scotnlata y Parmeri 1‘ ebbi già ’i telegrafari 
< es wird noch einen zweiten StoB geben, Palmieri (der Direktor 
der Observatoriums) hat es schon gemeldet», Rose e spine 45; 
dimmi tu, grandi Dio, pe quali miri avisti ssa figghiola di 
criari «creasti», ib. 33; gli Ré chi abbe da capì sto latino 
’nfinalmente esci da la pigrizia «verstand», Campagna di Roma, 
Papanti. 

50 . Nachdem im Laufe unserer Untersuchungen bereits mehrfach 
von dem sogenannten abhangigen Futurum die Rede war, sei 
hier kurz das Wichtigste iiber diese Form der Abhàngigkeit nach- 
getragen. Ich stelle dieses Kapitel deshalb aufierhalb des eigentlichen 
Rahmens dieser Arbeit, weil in dem Moment, wo der Typ dare habeo 
(habeo dare) in den verschiedenen Teilen der Romania einmal als 
temporale Verbalform ausgepràgt war, die Form des abhangigen 
Verhaltnisses von selbst gegeben war. 

Ich glaube jedoch, mich hierbei um so kurzer fassen zu diirfen, als 
Gamillscheg in seiner grundlegenden Arbeit dieser Frage bereits 
gròBere Abschnitte (vgl. p. 60ff v p. 231, p. 301 ff.) gewidmet hat. 
Gamillschegs Verdienst ist es, nachgewiesen zu haben, daB Konditionalis 
und abhàngiges Futurum grundverschiedene Begriffe sind, daB letzteres 
sich vom Konditionalis lostrennt, wo immer das selbstàndige Futurum 
eine Sonderentwicklung nimmt (p. 302). 

Die sprachliche Form selbst hangt da von ab, ob jeweils das 
Abhàngigkeitsverhaltnis durch den Konjunktiv oder Indikativ be- 
zeichnet wird. Und zwar steht der Indikativ nicht nur in Frank- 
reich, sondern auch in Sardinien und Unteritalien ; habeo dare wurde 
zu dixit quod dare habebat. Dort aber, wo die Abhàngigkeit 
durch den Konjunktiv ausgedriickt wird (Nord- und Mittelitalien, 
Spanien, Portugal, Frankreich in der àltesten Zeit), muBte habeo 
dare zu dixit quod dare haberet 1 werden. Dieser Typ erscheint 
nach dem Ersatz des Konjunktiv Imperfekti durch den des Plus- 
quamperfekts als dixit quod dare habuisset . Demnach kamen 
flir den Ausdruck des abhangigen Futurums folgende Urtypen in 
Frage : 

I. Ind ikati vische Form [Frankreich] 
a) dixit quod dare habebat 

dist li sorz . . . que jeo sereie o pris o morz , Gormund 
v. 425. 


1 Vgl. Thielmann, p. 81. 





DAS ROMANISCHE HABEO-FUTVRUM UND KONDITIONALIS 


147 


b) dixit quod habebat dare [Sardinien, Spanien, Portugal] 

si se videren c arun poter vinker ad esser liveros, vennitos 
ind* esseren a ccorona, Condaghe 205 ; en el tiempo primero 
oyemoslo de$ir quantos iban a la iglesia . . . todos aviari 
el cnerpo de Christo resibir ^wiirden empfangen», Sacr. 
de la Missa 285. 

c) dixit quod habebat ad dare [Unteritalien] 

sapia chi cci avia a jiri la Morta arreri «wufite, dafi der 
Tod zuriickkehren wiirde», Pitré III, 74; vulia sapiriquannu 
avia a chioviri «wann es regnen wiirde», ib. 135; saira 
atandiìid tri a dittd, ka avaijd a turna sia matina gestern 
abend sagte mir mein Vater, dafi er heute morgen zurtick- 
kommen wiirde;», Altamura j 

d) dixit quod habebat de dare [Spanien, Portugal, Unteritalien] 
O rei disse-lhe que fosse que havia de vèr dois tanques 

er solite gehen, denn er wiirde sehem, Cont. port. 136; 
yo te quise no pensando que me habias de olvidar, Caballero, 
Cuentos 239; ieje sapujja c’ ackuscì haveive da dicere 
«ich wufite, dafi du so sprechen wiirdest», Cremonese, Vocab. 
Agnon. 147 * • 

e) dixit quod debebat dare [Unteritalien] 

vedendo che grande bene et profecto devia essere, Sydrac 
otrant., AGI XVI 57, 44; multo grande invidia de ciocca 
ilio deveano montare donde illu era caduto f ib. 58, 1. 
Weitere Beispiele bei Gamillscheg, p. 239. 

KonjunktivischeForm 

a) dixit quod habuisset dare [Oberitalien | 

ben sope f anse k’ el te creasse , ke tu havissi perire , ke tu 
per toa colpa havissidexobedire, Bonvesin; vgl. Gamillscheg, 
p. 239. 

si com vos aves feit de li , eussies vos feire de moi ou pis 
in einer franzosischen Handschrift des 13. Jahrhunderts, die 
offenbar von einem Italiener verfafit ist, vgl. Mussafia, 
Sitzungsber. phil.-hist. Kl. Wien 39, 549. 

b) dixit quod habuisset ad dare [Mittelitalien, Spanien] 

per più giorni non esce, forse sperando che ancor avesse 
a rivivere, Fiabe mant. 146; io vorrei sapere, quando io 
V avessi bavere , Benv. Cellini, p. 271; si sabes que tal 
cars scu Itagli es a seguir , noi vos volguera hauer donat 
per cosa del mon , Prim. congr. int. de la lleng. catal., p. 142. 

10* 


148 


GERHARD ROHLFS 


c) dixit quod habuisset de dare [OberitalienJ 

sperand col temp che avess de ravvedemmo «elafi er mich 
wiedersehen wurde», Milano, Fuggitiva, p. 12. 

d) dixit quod debuisset dare [Mittelitalien, Nordfrankreich] 

tu credevi, sciagurata fanciulla, che io non dovessi accorgere 
della tua curiosità, Fiabe mant.. p. 73; allora fo viso che 
tocta la terra debesse fundare de troni, Monaci, p. 548; 
et cuidoit bien ke la reine déust toz jors estre brehigne, 
Dolopathos, v. 1067; il penseroient que de voir Ven aper- 
ceusses et ke le trou garder déusses «dafi du das Loch 
bewachen wiirdest», ib. 5572. 

Freilich darf man nicht erwarten, dafi diesen hier aufgestellten Grund- 
formeln nun die heutigen Verhaltnisse auch unbedingt entsprechen. 
Zunachst haben aufiere, meist analogische Einfliisse das Bild der aus 
lateinischen Verhaltnissen allein zu erwartenden Entwicklung verwischt. 
Daher ist es zu erklaren, dafi die oben aufgestellten Formeln heute 
zum Teil untergegangen sind, zum Teil neben den heutigen Bildungen 
nur noch gelegentlich zum Vorschein kommen. So ist heute einerseits 
in den nordlichen zwei Dritteln Italiens (in Norditalien mehr als in 
Mittelitalien) an Stelle der konjunktivischen Umschreibung n^ch fran- 
zosischem Muster die Form getreten, die gleichzeitig den Irrealis um- 
schreibt. Dieselbe Verwendung des anorganischen Konditionalis hat 
sich auch in Portugal und Spanien (hier bedeutend frliher als im 
Westen) eingeburgert (vgl. Gamillscheg, p. 304 f.), wo urspriinglich 
der blofie -ss- Konjunktiv als Ausdruck des abhangigen Futurums 
genugte. Andererseits beginnt in Unteritalien unter dem Einflusse 
der Schriftsprache der Konjunktiv vielfach in die Konstruktion der 
Abhangigkeit zu dringen und hier dem Indikativ den Platz streitig 
zù machen; vgl. Pitré III, 224 cridennusi pirò ca ci V avissiru a 
fari tastari; ib. 225 pirò ci cridia ca di mumentu ’n mumentu ci 
n } avissiru a pur tari quarchi pizzuddu; Pent. napol. I, 210 penzanno 
ad ora ad ora che V avesse a sciccare lo naso . 

Zusammeiifassung‘. 

Immer mehr hat sich im Laufe dieser Untersuchung gezeigt, dafi 
das romanische Futurum und Konditionalis gar keine einheitlichen 
Tempora sind. In den beiden gemeinromanischen Formen dare habeo 
und dare habebani ist vielmehr eine ganze Reihe von modalen 
Verbalfunktionen zusammengeflossen : 

I. Potential, Optativ, Imperativ, Dubitativ, Konzessiv > Futurum, 
II. Irreal; pràteritaler Dubitativ, Jussiv und Potential > Konditionalis. 


DAS ROMANESCHE i/^££*0-FUTURUM UND KONDITIONALIS 


149 


Neben diesen beiden Formen hat aber in urromanischer Zeit ein ganzes 
System einer mit habere und dem Infinitiv gebildeten und vollstàndig 
durchflektierten Modalumschreibung bestanden, deren einzelne Glieder 
(cantare habui, habueram, habaero, habeam, habuissem) auf 
romanischem Boden freilich nur hie und da Reflexe hinterlassen 
haben. Wenn nun heute il fera «es ist mòglich, dafi er es tut» in 
erster Linie als Verbalbestimmung der Zukunft aufgefafit wird ? so 
bedeutet das nichts anderes, als dafi die Modalfunktion (Potentialis) 
sich mehr ùnd mehr zur Temporalfunktion 1 verschoben hat ? d. h. es 
wiederholt sich hier derselbe Vorgang, der sich in vorplautinischer 
Zeit in der Entwicklung von veniat «er diirfte kommen», faxo «ich 
mòchte tun» zu veniat er wird kommen», faxo deh werde tun» 
abgespielt hat 2 . Aber auch hier geschah der tJbergang vom Modus 
zum Tempus nicht so urplotzlich und elementar, dafi nicht haufen- 
weise Spuren der urspriinglichen Funktion erhalten blieben 3 . 

Diese Entwicklung vom Modus zum Tempus ist heute langst nicht 
abgeschlossen. Die vollzieht sich auf den einzelnen Gebieten der 
Romania an unserer Formel in denselben Bahnen stets wieder von neuem ; 
und gerade die modernen Mundarten sind es ? die uns an ihrem lebendigen 
Bora immer und immer wieder die Familiengeheimnisse der alteren 
Sprachen verraten. 


1 Auch der sogenannte «Konditionalis» ist alles andere als «urspriinglich 
ein Tempus» (Lerch, Verw. des rom. Fut., p. 244). Im Gegenteil hat sich 
hier die Modalfunktion in ihrem vollen Umfange erhalten. Allerdings stellt 
die Form il ferait auch ein abhangiges il fera dar, aber abhangiges Futurum 
und Konditionalis sind doch schliefilich grundverschiedene Begriffe; vgl 
Gamillscheg, p. 301 ff. 

2 Urspriingliche Konjunktive (der Ungewifiheit) sind ferner videro, 
ero j td'ojLu , XQéjuuù) usw. Dieselbe Entwicklung vom konjunktiven (also 
modalen) Begriff zum Futurum hat sich nicht nur im Neugriechischen, im 
Albanesischen, Bulgarischen und Rumànischen, sondern auch im Alt- 
deutschen vgllzogen. 

3 Vgl. ibo «ich will gehen», manebimus *lafit uns b.», venies hodie 
«komm», sic curabis «sollst pflegen», laadabiint «mògen loben», istic erit 

der diirfte es sein», usw. 



150 


GERHARD ROHLFS 


Verzeichnis der Punkte zur Sprachkarte 4 . 


1. Spalato 

2. Sebenico 

3. Zara 

4. Cherso 

5. Albona. 5 a. Fiume 

6. Pola 

7. Dignano 

8. Rovigno 

9. Pisino 

10. Capodistria 

11. Muggia 

12. Badia 

13. Gròdner Tal 

14. Val di Fassa 

15. S, Martino 

16. Montebelluna 

17. Bormio 

18. Li vigno 

19. Poschiavo 

20. Bergell 

21. Sondrio 

22. Erba 

23. Como 

24. Milano 

25. Martinengo 

26. Monticelli 

27. Zibello 

28. Ficarolo 

29. Spezia 

30. Foligno (f) 

31. Todi 

32. Massa Martana (f) 

33. Viterbo 

34. Teramo 

35. Castelli 

36. Notaresco (t) 

37. Città S. Angelo 

38. Canosa Sannita 

39. Bucchianico 

40. Casoli (f) 

41. Atessa 

42. Villa S. Maria 

43. Gesso Palena 

44. Civitaluparella (f) 

45. Agnone 


46. Morrone del Sannio 

47. Larino 

48. S. Martino i. P. 

49. Monte Sant’ An¬ 
gelo (f ) 

50. Manfredonia (f) 

51. Foggia (f) 

52. Celle S- Vito 

53. Melfi . 

54. Canosa di Puglie 

55. Andria 

56. Bisceglie 

57. Terlizzi 

58. Bari 

59. Modugno 

60. Altamura (f) 

61. Airola (f) 

62. Nola (f) 

63. Muro Lucano (t) 

64. Tito 

65. Matera (f) 

66. Saponara 

67. Moliterno 

68. Ferrandina 

69. Castrovillari 

70. Lauropoli (f) 

71. Casole Bruzio (f) 

72. Cosenza 

73. Cellara 

74. Scigliano 

75. Grimaldi 

76. Nicastro 

77. Catanzaro 

78. S. Pietro Apostolo 

79. Tiriolo (f) 

80. Monteleone 

81. Palmi 

82. Bovaiino 

83. Calanna 

84. Reggio di C. (f) 

85. Melito 

86. Brancaleone (f) 

87. Messina (f) 

88. Etna (f) 

89. Acireale 


90. Catania 

91. Carlentino (f) 

92. Siracusa (f) 

93. Noto 

94. Modica 

95. Ragusa (f) 

96. Mineo 

97. Assoro 

98. Troina 

99. S. Fratello 

100. Nicosia 

101. Castro Giovanni 

102. Caltanisetta 

103. Aidone 

104. Polizzi 

105. Vallelunga 

106. Girgenti 

107. Alia (f) 

108. Termini 

109. Palermo (f) 

110. Capaci 

111. M. S. Giuliano 

112. Trapani (f) 

113. Marsala 

114. Mazarra (i*) 

115. Cagliari 

116. Tonara (t) 

117. Lodè (f) 

118. Bit ti 

119. Macomer 

120. Bolotana 

121. Ozieri 

122. Alghero 

123. Tissi (f) 

124. Sassari 

125. Tempio 

126. Sartena (f) 

127. Ajaccio (t) 

128. Valle d’ Alesani 

129. Bigorno (f) 

130. Bastia (f) 

131. Speloncato (f) 

132. Isola Rossa 

133. Prunelli (f) 

134. Rogliano 


1 Die einzelnen Werte gehen im allgemeinen auf die Versionen bei Papanti 
zurtick. Ein f weist auf eigene Aufnahmen. 







DAS ROMANICHE HABEO-FV TURUM UND KONDITIONALIS 


151 


Nachtràge. 

S. 110, § 4: Ein ursprungliches avi cantar (chabebam cantare) 
glaubt Meyer-Lubke auch ftir das Altgaskognische erschlieBen zu 
diirfen; vgl Zeitschrift f. fr. Spr. 1916, S. 103. 

S. 112, Anni. 1: Vgl. noch altabruzz. questo celato no ò tenere, 
Passio Domini, s. Bull. Ist. stor. V, S. 133. 

S. 112, Zeile 11 : Erhalten hat sich habeo dare hier noch in Airola, 
Marigliano und vielleicht in Cerignola. Vgl. Airola aje votà (Canti 
mer. 23), Marigliano aggio vede (Imbriani, Canti di Marigliano, S. 6), 
V haje levare (ib. 13). Zu Cerignola vgl. AGI 15, 234. 

S. 117, Anni. 2: Mit der Feststellung, dafi der Imperativ chantez 
in der alten Sprache ebenso gut ein Konjunktiv sein konnte, soli nattir- 
lich nicht gesagt werden, datò citante* ! nun tatsachlich auf einen 
schon lateinischen Befehlskonjunktiv (*cantatis ! < cantetis!) zuruck- 
geht, vielmehr haben wir es in citantes! wohl mit einer relativ jungen, 
wahrscheinlich nach dem Zusammenfall von cantate! und cantata 
(> chantet) erfolgten analogischen Pluralbildung zu tun, die allerdings 
in den Imperativen konjunktiver Herkunft (aie : aies, saette: sachez usw.) 
eine starke Stutze gefunden haben konnte. Es wtirde sich hier also 
um eine ahnliche sekundare Neubildung handeln, wie sie beim Prohi- 
bitiv nicht nur im Unterengadinischen non purtar! > non purtarai !, 
sondern auch im Altrumanischen mi jurare! > nu jurdretì! zu be- 
obachten ist. Vgl. Gartner, Ràtorom. Gr. § 133 und Tiktin, 
Rum. Elementarb. § 235. 

S. 120, § 13: Einen merkwiirdigen Prohibitiv kennen die ost- 
italienischen Mundarten von Arcevia bis Campobasso. Hier erscheint 
namlich das Modalverbum im Konjunktiv Imperfecti: n atssce da 
toccà «non toccare» Arcevia, Crocioni S. 36; nne vv’ avessif d credere 
<non credete», Agnone, Papanti; 'n d! aviscia crére «non credere», 
Campobasso, ib. Es scheint, als ob hier eine Kontamination vorliegt 
aus non avef a credere! und einem konjunktivischen Prohibitv non 
credeste! Datò ein solcher Prohibitivtyp (non cantasses!) ftir einen 
Teil der Romania anzusetzen ist, zeigt das Altlombardische (vgl. Arch. 
glott. 14, 260) und Arcevia ( n te credtssce y Crocioni S. 36). Aber 
auch im Katalanischen ist dieser Prohibitiv durchaus gebrauchlich, 
vgl. no li diguessis pas res f Rond. cat. I, 43, mes no f adormen- 
tisses pas y ib. 44, no segtiissis pas lo printer, ib. 48, no ’ls toquessis 
pas, ib. 64. Der Konjunktiv Imperfecti ist hier nicht ganz leicht zu 


152 


GERHARD ROHLFS 


erklàren. Vielleicht ist auszugehen von lat. ne cantaris!, das mit 
dem Konjunktiv Imperfecti cantàves zusammenfiel und wie dieses bei 
dem Untergang des Konjunktiv Imperfecti nun automatisch durch den 
romanischen Konjunktiv Imperfecti cantasses ersetzt wurde. Uber 
eine andere Erklarung des altmailandischen no prendissi! vergleiche 
Gamillscheg, § 238. 

S. 134: Zu § 27, III ist noch hinzuzufiigen : Reggio di Cai. (f) 
Don Cicchi appi a murivi di morti subbit a «ich vermute, dab Don 
Cicciu eines plòtzlichen Todes gestorben ist». 

S. 145, § 49: Dieselbe Entwicklung, die man in habui dare [«ich 
hatte gegeben» > «ich gab»] beobachtet, zeigt ubrigens auch kretisch 
eì%e xd^iev «er hatte getan» = i'xaue «er tat»; s. Kretschmer, Les- 
bischer Dialekt, S. 311. 




































































































































































































DAS ROMANISCHE iMBifO-FUTURUM UND KONDITIONAUS 


153 


lnhait. ■ - 

Seite 

Vorwort.105 

Abkiirzungsverzeichnis. 105 

1. Entstehung und Bedeutung von habeo + Infinitiv .107 

2. Stellung des Modalverbums.109 

3. Verbreitung von dare habeo . 109 

4. Verbreitung von habeo dare ...110 

5. Verschmelzung zur synthetischen Form.. 112 

6. Trennbarkeit im Prov.-Katalanischen.114 

7. Im Spanisch - Portugiesischen. 114 

8. In Italien. 115 

9. Romanische Neuschòpfungen.115 

10. Bedeutung der Formel in den einzelnen Personen.116 

11. dare habes als Imperativ. 117 

12. Als kategorischer Imperativ im Romanischen. 117 

13. Als gewòhnlicher Imperativ.120 

14. Enklitische Stellung der verbundenen Pronomina.121 

15. dare hàbemus als Adhortativ. . . .. 122 

16. Verdràngt den Konj. Pras.123 

17. dare habeo als Optativ .1.124 

18. Konzessiv. 125 

19. Il fumé. — Fumeras! .125 

20. sauto que sautaràs . 127 

21. Dubitativ Praesentis. 127 

22. Dubitativ Praeteriti.128 

•23. In der unwilligen Frage. 129 

24. Als abhàngiger Jussiv Praesentis.129 

25. Als abhàngiger Jussiv Praeteriti.130 

26. Als Potentialis Praesentis.131 

27. Als Potentialis Praeteriti. 134 

28. Potentialis im abhàngigen Satz.135 

29. Sard. aet corno fakere ...135 

30. dare habebam (habui) als Irreal. 136 

31. In Mittelitalien. 137 

32. In Oberitalien.137 

33. Lomb. darèss . 138 

34. In Unteritalien..139 

35. Zwitterbildungen.140 

36. Im Westen. 140 

37. dare habuero im Balkanromanischen. 141 









































154 GERHARD ROHLFS, DAS ROMANESCHE //AREO-FUTURUM USW. 

Seite 

38. as ìntrebd als Optativ.....141 

39. Si haberem — dare ìiabebam .142 

40. Si habebam — dare habebam . 142 

41. Si habuissem — dare habebam . 142 

42. Sì habuissem — dare habui .143 * 

43. Si habere habebam — dare habebam .143 

44. Si habuissem — dare habuissem .143 

45. Si habere habuissem —- dedissem . 143 

46. Si habuissem — dare habueram . 144 

47. Si habere habuero — dare habuero . .. 144 

48. habui cadere als Eventualis.145 

49. habui dare als duratives Praeteritum. 145 

50. Das abhàngige Futurum. 146 

Zusammenfassung.. . . . 148 

Verzeichnis der Punkte zur Sprachkarte.150 

Nachtràge. 151 

Gerhard Rohlfs. 




















VARIETÀ E ANEDDOTI. 


Onastini. 

Im Jahre 37/38 n. Chr. bezeichnete der Platzkommandant (praefectus 
castrorum) L. Trebius Secundus durch Marksteine die Grenzlinie 
«inter Onastinos et Narestinos» 1 im Auftrage des kaiserlichen Statt- 
halters der Provinz Dalmatien L. Volusius Saturninus, der vorher in 
einer Verhandlung (athi[b]ito consilio) Grenzstreitigkeiten zwischen 
diesen zwei illyrischen Vòlkerschaften geschlichtet hatte. Ein auf 
dem Htigel Greben bei Krug in der Landschaft Po^ica (bei Spalato, 
Dalmatien) aufgefundener Grenzstein berichtet uns inschriftlich dieses 
Ereigriis, s. CJL III, 8472 1 2 . Der Name der Bevòlkerung Onastini 
erscheint funf Jahrhunderte spater, a. 533, als Landschaftsname, ge- 
schrieben diesmal mit e statt a : Onestmum (se. territorium), in den 
Beschliissen der Bischofssynode von Salona 3 , wo es heifòt, daB es zur 
Diòzese von Mùccùrum , heute Makarska 4 , zu gehoren habe. 


1 Setzt voraus die Existenz eines illyrischen Ortsnamens * Nei reste, ge- 
bildet mit demselben Suffix wie Bigeste, ebenfalls in Dalmatien. Vgl. noch 
CJL III, 12794 ijnter Ner[... Juos et Pitunlinos termini r[...]gniti, 
wo vielleicht eine andere Variante dieses Ortsnamens, etwa *Nereste, zu 
postulieren wàre. Die Formen, die die antiken Geographen dafiir geben, 
gehen stark auseinander, s. CJL III, p. 1499 und p. 2131. 

2 Zur Interpretierung der Inschrift vgl. noch Bulic und Gatti in Bullettino 
dalmate XII, 147; XIV, 9. 

3 Sisic, Enchyridion fontium historiae croaticae I, 162, Thomas archi- 
diaconus, historia salonitana, herausgegeben von Racki, p. 17. Batthyàn, 
Leges ecclesiasticae regni Hungariae. V. I, p. 291. Farlati, Illyrici sacri 
tomus II, 173, 21. Kukuljevic, Codex diplomaticus I, p. 198. Ich gebe 
in der Note 1, S. 153 den vollstàndigen Satz nach meiner Auffassung. 

4 Die heutige serbokroatische Form ist die adjektivische Ableitung mittels 
-ìsk im Feminum vom antiken Namen. Die Ouantitàt kann aus der serbo- 
kroatischen Form erschlossen werden. . 



156 


P. SKOK 


Onastini ist eine hybride Bildung, halb illyrisch, halb lateinisch. 
Das lateinische Ableitungssuffix -inus ist an das illyrische mittels 
-st 1 gebildete Adjektiv getreten, erinnert daher an die Adjektiva 
jadestinus von Jader a von illyr. *jadest 2 oder an lat. marrucinus 
vom adj. *niarroucos von Marruvium 3 . Das illyrische Adjektiv- 
suffix -st ist als Pagusbenennung in Pannonien nachweisbar: pago 
Jovista CJL VI, 3297 bei Aquae Balissae; in den von Stadtnamen 
abgeleiteten Bevòlkerungsnamen ist es gerade in der romischen Provinz 
Dalmatien des òfteren nachgewiesen worden : von Burnum — Burnistae 
CJL III, 2809 und PW III, 1068 f., von Splonum — Splonistae CJL III, 
2809, 2026. Das Primitivum von Onastini ist daher zweifelsohne die 
auf der Strabe Salona—Narona Legende Station 3 Ovaiov bei Ptolemàus. 
Plinius, Tabula Peuting., Anonymus Ravennas, sowie auch die schon 
erwahnten Akten der Bischofssynode vom Jahre 533 schreiben diesen 
Namen mit dem Ùbergange ae> e 4 Oneum. In der Form Onestinum y 
die in diesen Akten zu lesen ist, wurde also das urspriingliche a 
durch e ersetzt, entweder nach der spateren Form Oneum oder 
unter dem Einflufi des dieses Gebiet durchfliefienden Nestos, heute 
Cetina 5 . 

Nach dem 6. Jahrhundert erscheint weder Oneum noch Onestinum. 
Die Stadt ist offenbar gleich Salona und Epidaurum bei den Einfallen 
der Slaven zugrunde gegangen. Die erwahnten Akten lassen noch 


1 Vgl. Jokl JF XXXVI, 125 und meine «Studije iz ilirske toponomastike» 
im «Glasnik b. h. zem. muzeja» XXXI, 154 f. 

2 Vgl. meine «Studije iz ilir. toponomastike» im «Glasnik b. h. zem. muzeja» 
XXIX, 124 f. 

3 Schulze, Zur Geschichte der lateinischen Eigennamen 29, Note 2. 

4 In der Latinitàt der Provinz Dalmatien làftt sich dieser Ubergang 
aus dem Jahre 14 n. Chr. belegen-, vgl. meine «Pojave vulgarno - lat. 
jezika», p. 17. 

5 tìber die Identitàt von Nestos und Cetina vgl. Tomaschek PW II, s. v. 
Bulini, AlaCevic und Bulic in Bullettino dalmato II, 31, XIV, 46 ff., XXVII, 33, 
XXXI, 7; Patsch, Ósterr. Jahreshefte X, 170. Der letztere ist in Wissensch. 
Mitteilungen aus Bosnien u. Herz. IV. 119 (Sep.-Abz., p. 87) Note 1 noch 
unentschieden. .Nach Miiller, Geogr. graeci minores I, 28 f., wàre es Titius, 
heute Krka . Von Wichtigkeit fur diese Frage ist die Angabe von Scylax 22: 
IJaQànlovg tari Ttjg BovXtr(òv ydìoag rj/ufyag pcocong tnì NÉarov noxa^òv^ Miiller, 
o. c., p. 28, 29, wie Ala£evic sehr richtig a a. O. hervorgehoben hat. Da 
sich Bulimia in der Nahe von Trogir— it. Trau (vgl. Bullettino dalmato II, 31) 
befand, kann es sich nur um die Cetina handeln. Fiir all diese Identifizierungen 
siehe jetzt auch die von Bulic entworfene archàologische Karte von Salona r 
Beigabe zum Bull. dalm. XXXI. 


ONASTINI 


157 


den SchluB zu 1 , daB in dieser Zeit der FluB Cetina, der antike Nestos, 
auch Oneus 2 hieB. 

DaB das lateinische Bevòlkerungs- und Landschaftsnamen ableitende 
Suffix -inus nicht unmittelbar an * Onaeum , sondern an illyr. *Onastcie 
(vgl. deutsch Albanesisch, Fransosisch usw.) getreten ist, laBt sich 
durch die Einmischung des FluBnamens Nestos 3 oder des Bevolkerungs- 
namens Nestoi 4 erklàren. Onastini konnten gewissermaBen als «die 
an Nestos Wohnenden» gedeutet und gefiihlt werden. Diese Ein¬ 
mischung war dadurch bedingt, weil -inus gewòhnlich an die kon- 

sonantisch auslautenden Stamme zu treten pflegt. Dem Berichte des 
Scylax von Carjanda 22, 28 zufolge befand sich ó JSU.ozog 7 tozafnóg 
sowie Néozot gerade auf dem Gebiete der Onastini. Alacevii* und 
Bulic gehen in dieser Hinsicht sogar noch weiter, indem sie Onastini 
als eine Ableitung von Nestos auffassen, zu vergleichen etwa mit 
albanischen Landschaftsnamen Nerfandina bei den Mirditen < geg. 
ner (< inter) + Fandi (Stamm- und FluBname) + lat. Suff. - inus . 

Diese Ansicht scheitert aber an dem Vokal a in der Ableitung und 

in dem Primitivum. 

Heute sind wir in der Lage, sowohl das Territorium als auch die 
Stadt und den Flufì genau zu ubizieren. Die Fundstelle des Grenz- 


1 Da heifit es: Mucurìtanus namque episcopus se (hier sind offenbar 
ausgelassen die Worte: non solum territoria; Batthyàn [= Sisic] ergànzt 
unnotigerweise : extra fines) montanorum Delminense, Onestinum, Saloni - 
tanimi dumtaxat " quidquid in insulis continetur, vel trans Oneum 
noscitur esse divisimi, quod continens appellatili', sed etiam Redditicum 
in dioecesim habiturum (Batthyàn [= Sisic] hat daftir habiturus, RaCki 
habitarum) accipiat. Siehe Note 3 Seite 151 wegen der Literaturangaben. 

2 Hier hatten wir den oft vorkommenden Fall der Identitàt des Flufi- 
und des daran liegenden Siedlungsnamens ; vgl. gerade aus der Provinz 
Dalmatien Naro — Narona. Nachdem aber Oneo recht spàt als FluBname 
erscheint, kann es sich vielleicht um denselben Fall handeln wie in Narona , 
heute Norin , welches jetzt nicht mehr Siedlungsname wie einst, sondern ein 
Bachname ist. Vgl. meinen S. 152 Note 2 erwàhnten Artikel p. 120. 

3 Patsch a. a. O. hàlt diesen Namen fiir thrakisch und zwar fUr identisch 
mit dem Nestos = heute Mesta (ni statt n ist der Dissimilation zwischen 
zwei Dentalen n — t zuzuschreiben?) oder tiirkisch Karasu (= schwarzes 
Wasser). Falls dies zutrifft, wage ich nicht Nestos und Oneum in etymo- 
logische Verbindung zu setzen und in der Endung das illyr. - st zu sehen. 

4 Wenn der Herausgeber des Periplus, Muller, § 23, p. 29 (Note) *Ntou,cn 
oder Ntnraìoi erwartet, so geht er offenbar von der Voraussetzung aus, daB 
die Volkerschaft ihren Namen vom Flusse erhalten hat, was nicht notwendig 
ist, da es auch umgekehrt sein kann; vgl. in Gallien den Flufinamen Séquana, 
heute Seine und den Namen der die beiden Ufer bewohnenden Volkerschaft 
Sequani, wo man also gar keine Differenz im Suffix zu sehen vermag. 



158 


P. SKOK 


steins mit der Inschrift beweist, daB sich das Territorium der Onastini 
bis zum oben erwàhnten Hiigel Greben erstreckte 1 . Die Angabe der 
Bischofssynode, wonach Oneus = Cetina , in Verbindung mit der 
Distanzangabe der Tab. Peuting., wonach zwischen Epetium, heute 
Stobrec 2 3 , und Oneum eine Entfernung von VII m. p. (c. 10,50 km) 
besteht, kann man mit Sicherheit annehmen, daB Oneum dort zu 
suchen ist, wo sich heute Omis, im Mittelalter Almisium*, befindet, 
d. h. an der Mundung der Cetina. Nachdem aber die Bischofssynode 
zwischen dem (territorium) Onestinum und dem (territorium) trans 
Oneum unterscheidet, kann man wiederum folgern, datò Onastini das 
rechte Ufer der unteren Cetina bewohnten. 

All das bisher Gesagte beruht auf sicheren Tatsachen. Die weitere 
Erklàrung, die ich zu geben versuche, griindet sich bloB auf Ver- 
mutungen. Die obige Annahme, daB sich in Onastini — Onestinum 
Nestos eingemischt hat, làBt die Mòglichkeit zu, o- als Prafix auf- 
zufassen und mit slav. o, obu, lat. oh oder op (in operio, opacus) zu 
vergleichen. Trifft dies zu, so ist Onaion als Kompositionsableitung 4 


1 Siehe CJL III, 8472, AlaCevic 1. c., Bulic 1. c. 

2 Die heutige serbokroatische Entsprechung Stobrec scheint auf * Extra 
Epetium zuriickzugehen, mit der gewòhnlichen Metathese von r und pr > br 
wie in persica > breska. 

3 Ùber diesen Ortsnamen vgl. meine S. 152, Note 2 zitierte Studie im 
«Glasnik b. h. zem. muzeja» XXXII, 34. 

4 Eine àhnliche Kompositionsableitung habe ich in Nastavni Vjesnik XXIV, 
658 f., Note 4 fiir Autariatae = «die Bewohner der beiden Ufer von Tara» 
(vgl, Tomaschek PW I, 2593) angenommen. In au sah ich den illyrischen 
Reflex von idg. * mbhi (vgl. gali, ambi in Ambisavi CJL III, 13 406 in 
Pannonia superior, Ambidravi in Noricum, PW I, 1798) mit dem Schwund 
des m vor b wie in slav. oba = lat. ambo. Idg. ambi dient noch heutzutage 
fiir derlei Ableitungen im Albanischen zum Beispiel geg. miAkodràn == der 
Bewohner aus der Gegend von Skutari. Als einen mòglichen Beweis fiir 
die Existenz eines illyr. a?/-Pràfixes sah ich a. a. O. in der Graphie der 
Tab. Peut. Ad Fasciano fiir Aufiistianis (eine Station in Dalmatien) bei 
Ravennas, wo*also au- durch ad latinisiert wurde. Der Beweis ist natig¬ 
lieli kein zwingender, da der Verfasser der Tabula ebensogut au als lat. 
Prafix au «fort, weg» auffassen konnte, und da ihm im Ortsnamen besser 
ad paBte, so hatte er es durch ad ersetzt, dies um so mehr, da es sich in 
Aufiistianis offenbar um einen lateinischen Ortsnamen, abgeleitet durch 
-anus vom gentilicium Au fu stili s } handelt. Fiir den Ausfall von m vor 
Labial im Illyrischen habe ich a. a. O. die Graphie des Ravennas Tabia 
neben Tarnbia angefiihrt. Auch kein zwingender Beweis. Bario, Albano- 
rumànische Studien I, 68 sieht hingegen in au idg. *obhi und vergleicht es 
mit alb. a in akol\ Dazu ist nur soviet zu sagen, daB wir bisher keinen 
Beweis fiir idg. o = illyr. a haben. 





0NASTIN1 


159 


zu betrachten, und zwar mit demselben Suffix wie lat. confinium , 
Interamnium 1 oder = serbokr. Meduric, Meuric, c. Meziric. Wenn 
man bei bisherigen Erklarungen der idg. Namen ftir Wasserlàufe 
meistens von Begriffen wie «flietòen» usw. ausgegangen ist 2 , so ware 
man versucht, in *0(p)-naàon > Oneum idg. *sna cfr. ir. snnadh 
Fiutò (cfr. Walde 2 s. v. no, nave; Boisacq s. v. vaco) zu suchen. Der 
illyrische Ortsname wiirde dann den vielen slav. Porcé't, -Ije, Zar eòi } 
Ije, Mezdureciy -Ije, poln. Obrzycko 3 entsprechen. Fur diese Er- 
klarung wiirde auch der Umstand sprechen, datò die meisten Wasser¬ 
laufe der óstlichen Kiiste der Adria noch heutzutage meist mit dem 
Apellativum Fiutò benannt werden. Ich erinnere an Rijeka, ital. Fiume: 
der Fiutò heitòt beute mit der Ableitung Rjecina, ital. Fiumara . Jadro 
bei Salona heitòt auch einfach Riha; ebenso Zrnovnica 4 , im Mittel- 
alter Bade / der Fiutò bei Ragusa Rijeka, sein ital. Name Ombla 
beruht auf slav. Qblì°, im Altertum 14quov ivoTaiióg*, ebenso auf der 
Insel Corfù FLoTafióg. Diese Erscheinung erklart sich dadurch, datò 

1 Gewòhnlich geschrieben Interamna oder Interamnes ; die ital. Ent- 
sprechungen Teramo und Terni beruhen aber auf dem Locat. * Intértanni 
mit der Versetzung des Akzents wie in mércurl diem > it. mercoledì, 
frz. mercredi usw. Davon kann der Nominativ lauten entweder Interamnium, 
wie es auch des òfteren belegt ist, und worauf tatsàchlich frz. Entrain (Nièvre, 
s. Saint-Martin, Nouveau dictionnaire de géogr. II, 180) zuriickgeht, oder 
analogisch * Intéramnum, worauf it. Teramo beruht. 

- Vgl. d’Arbois de Jubainville, Les premiers habitants de TEurope. 2. Aufl. 
IL 130, 131, 134—156. 

3 Vgl. Miklosich, Slavische Ortsnamen aus Appell. Denkschriften Ak. 
Wien, Phil.-hist. RI. 23, Nr. 534. 

4 Beides Ableitungen von slav. zerny , Muhlstein. Eine Deutung dieser 
Xamen versuchte ich in Nastavni Vjesnik XXIII, 445 zu geben, wozu ich 
jetzt hinzufiige, datò Zrmanj ain Dokumenten erst im Jahre 1365 vorkommt, 
geschrieben Zirmana , s. SmiCiklas, Codex diplomaticus XIII, 426. Die 
Benennung ist metaphorisch. Der Fiutò, gleich dem Muhlstein, brockelt 
nàmlich das durchflossene Terrain allmàhlich ab. Vgl. diesbezuglich eine 
anschauliche Beschreibung der Zrnovnica oder Zrnovica (bei Spalato) von 
TvanUevic im Zbornik za narodni 2ivpt i obicaje Vili, 196. Wenn in Siid- 
dalmatien ein mittelalterlicher Gau lat. Brennum, slav. Zrnovnica heitòt, 
so handelt es sich nicht mehr um einen metaphorischen Ausdruck, sondern 
um die tatsàchliche Bezeichnung der Muhlquellen am Meeresufer, cfr. Jirecek, 
Handelsstratòen 8, 24. Schwieriger zu erklaren ist der Name des Berges 
bei Belgrad, welcher jetzt tiirkisch Havala (s. Ak. Worterbuch III, 583 
s. v. 1), friiher aber castellum Xerno Jirerek, Heerstratòe 133, Handels¬ 
stratòen 53 = Ìrnovanj bei Mijatovic Cupiceva Godisnjica I, 53 hietò. 

5 Jirecek. Handelsstratòen, p. 8. Im Montenegrinischen ubao, gen. tibia 
(Broz. Ivekovic, Hiv. rj. II, 612) = eine Grube, die als Brunnen dient, woraus 
Wasser geschopft wird. 


160 


P. SKOK 


diese Gegenden sehr arm an Wasserlàufen sind. Es besteht daher 
kein Bediirfnis nach Benennungen, wodurch sich mehrere Wasserlaufe 
unterscheiden wlirden. Nachdem alle diese Fltisse, ausgenommen 
Narenta = slav. Neretva, fur den Verkehr von gar keiner Bedeutung 
sind, kommt es vor, dafi sie nicht nur in ihren verschiedenen Teilen 
noch heute verschiedene Namen tragen, sondern auch, dafi sie im 
Laufe der Zeiten oft den Namen wechselten 1 2 . So hiefi beispielsweise 
die heutige Zrmanja 9, im Altertum Tedanius , im Mittelalter Koprivct; 
Krka im Altertum (KaTctQpàxrjg oder) Titins; die heutige Cetina 
wiederum im unteren Laufe im Altertum Nestos oder Onens, im 
oberen Hipp(i)us CJL III, 3202 oder Tìlur(i)us 3 4 . Der letzte Name 
ist noch heute im Ortsnamen TriP geblieben. 

1 Vgl. Patsch, Das obere Cetinatal in romischer Zeit. Wissensch. Mitt. 
aus Bosn. u. Herz. IV, 119, Note 3. 

2 Vgl. Note 4, S. 155. 

3 Die Quantitàt und der Akzent ist aus der heutigen serbokroatischen 
Entsprechung erschlossen. Vgl. Tragitriitm > Trògìr, welches dieselbe 
Endung zeigt. 

4 Die serbokroatische Form scheint wegen l statt / auf lat. gen. Tìlftri 
zuriickzugehen, d. h. auf den Namen der Station Ponte Telnri (e anstatt ì 
ist vulgàrlateinische Erscheinung) im It. Anton., mit ausgelassenem Apellativ, 
Tilnrio Tab. Peut., Tilurion Ravennas, wie heute in Bosnien, wo das Volk 
anstatt Sanski Most (= Brticke an der Sana, Kreis Banja Luka) einfach 
Sana sagt, meint aber nicht den Flufì, sondern die Siedlung. I — r wurden 
umgestellt wie in serbokroat. fritta < rum. filler. 


P. Skok. 



Etimologie italiane. 

Valmagg. luguzóm, perdigiorni, fannullone, miserabile. 

Tra le varie voci valmaggine, che significano «fannullone, mise¬ 
rabile» ecc. (p. es. bindóm, pampalilga, linèistróm, pincistróm , 
tcivabi, ecc.) una ve n’ ha, che mi viene du Broglio: liigiizóm . In 
questo vocabolo io vedo il nome «Uguzzone» con V articolo concresciuto, 
e credo che si tratti di S. Uguzzone, il protettore dei poveri, il patrono 
dei casari, il santo venerato in Val Cavargna e in molti altri luoghi 1 . 
Racconta la leggenda che Uguzzone ebbe una vita miserabile: che 
scacciato dal suo padrone, sotto V imputazione di ladrocinio, vagabondò 
fino a che potè mettersi al servizio di un altro padrone. Ma finì i 
suoi giorni assassinato. Benché povero, egli trovava modo di fare 
abbondanti elemosine di formaggio. E con un formaggio e un coltello 
è rappresentato nelle statue e dipinti, che di lui si hanno in chiese e 
capelle. In onor suo, si usa fare un pellegrinaggio in Val Cavargna 
il 12 Luglio. 

Nei dipinti è rappresentato povero, talora con un bordone da pelle¬ 
grino; e quando v’ ha il nome, questo è generalmente scritto: Luguzon 
E chiamato anche Lucio , probabilmente, secondo me, perchè da 
Lu(g)uzón si ebbe Lucóri (forma attestata : Tavordo 1628, Luzzono 
Carlazzo 1498, ecc.). Da Luzón si estrasse Liiz, Lucio; ma intanto 
lugiizóm ebbe in Valmaggia il senso di «fannullone, vagabondò, ecc., 
degenerazione semantica di cui altri nomi di santi dànno esempio (piem. 
mafée uomo deforme, irp. cenàrro balordo, S. Gennaro, ecc.» Rend. 
lst. Lomb., S. II, voi. XLIV, 809. 

diva «frantumi delle bucce di castagne». 

E voce di Montese (diva) e non si può staccare naturalmente dai 
noti posch. diva, vicent. ulva «friscello», gen. turba «frantumi delle 
scorze e delle pelurie di castagne secche». Si risale al lat. vulva, 

1 E. Stuckelberg, San Lucio (S . Uguzo) patrono degli Alpigiani, 
Lugano 1912. y 

Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1 Q 22. 


11 


162 


GIULIO BERTONI 


allato a VQlva. Cfr. Salvioni, «Rend. R. Ist. Lomb.», S. Il, 
voi. XXXIX, 488. 

Ho ricordato questo termine di Montese, perchè mi dà occasione di 
spendere qualche parola intorno ai riflessi di Z + cons. nei dialetti 
deir Apennino emiliano. Dirò dunque che VI in i è regolare in 
óiva, in quanto a Montese ogni Z, cui segua immediatamente una 
consonante labiale o ^gutturale, si fa /, p. es. póipa, cóipa , vóipa 
volpe, aipa alpe, diber albero, àibe truogolo-, óim olmo, paimós 
palma (della mano); sóiìz solco, dóik, morbido, dolco, ecc.; mentre 
resta dinanzi a dentale: alt, kàld o cade per diss. con Tart. in (iter 
altro, utem ultimo; là óter oltre. Abbiamo anche un quàink cosa 
qualche cosa, che risale a un quàik con influsso, forse, di cliente. 
Ricordo poi, perchè molto interessante, éólder (cfr. cóld chiodo) chiu¬ 
dere con sterpi le aperture della siepi». L’ l secondario è stato, 
come il primario, naturalmente conservato. 

Questo fenomeno di l in i dinanzi a labiale e gutturale è assai 
diffuso nelle regioni, di cui qui si tocca. Già in un testo in dialetto 
di Fanano del sec. XVIII (ms. Campori X, 2, 19: Intermesso di 
quattro suore) itrovo : Sor Poipetta, quaich, ecc. Nel dialetto odierno' 
abbiamo ormai le condizioni letterarie quando si tratta di Z + lab., ma 
il fenomeno vive * ancora quando V l sia seguita da cons. gutturale, 
p. es. stiik solco l . Lo stesso fatto abbiamo a Lizzano nel bolognese 
e persino nelle campagne di Bologna accade di notare esempi di 
Z + gutt. in i. L' Ungarelli (p. 48) cita biòik e biòica , accanto a 
biòlca bibulca. 

Troviamo invece Z in /, sia dinanzi a gutturale, sia dinanzi a labiale, 
a Pavullo: sóik solco, fàik falco, cóip colpo, màiva malva, tdipa , ecc.; 
a camatta: bióica , cóip, póira polvere, che verrà da *poira , *poivra; 
a Sestola: cóip, óium olmo, sóik; a Montecreto: nini olmo, cuipa, 
dìbor , aip alto (con influsso evidente di «alpe»), stiik; aMagrignana: 
uim y tdipa, maiva (mà alt), ecc. Anche a Montefiorino si ha óim , 
dibjr, poipa, sóik, e così a Polignago : stiik, àibqr albero, ecc. ecc. 

A Montese óiva è dunque regolare. Rispecchia un vulva dissimilato 
in ulva y come avviene delle altre forme settentrionali citate. 

Cavergno (Valmaggia) «snint» uno per uno. 

Credo si abbia in questa voce un plurale metafonetico fossilizzatosi, 
e parto perciò da siiént , dove vedrei un derivato di s i n g u 1 u con 

1 Questo suik, r ho da Trentino di Fanano. A Lotta di Fanano si ha: 
citipa, àlbero, suik, ecc. 







. ETIMOLOGIE ITALIANE 


163 


V aggiunta di -entu (cfr. lomb. riizinent arrugginito, ecc.) e con 
una forte risoluzione di - ng'l - nella protonica in /7. Di ancór più vi¬ 
gorosa risoluzione dà esempio il lomb. sajiitter (con -ngl- primario) 
che rappresenta un *singlutulu (Flechia, «Arch. glott.» II, 377). 
Anzi, non sarebbe impossibile che sajiitter venisse da un *salutter 
per *saflutter (cfr. frane, carrillon, ant. frane, carrignon quater- 
nionem). E qui siami lecito ricordare il noto sene singulu, col 
senso di «semplice* nel Jura bernese. 

Giulio Bertoni. 


1. Ital. vita «Stunde» 

ist bisher nicht erklàrt, vgl. REW 6033, wo alle bisherigen Versuche 
abgewiesen werden. 

Ich dachte einen Augenblick an ein habita [hora /, das in der Be- 
deutung da die [richtige] Stunde sich ergibt» im Mittellatein nach 
Ausweis des galiz. hàbitahora «à ver que llevas, ó traes, ensénamelo, 
veremos lo que es, al momento, ahora que hay proporcion» (Pinol) 
bestanden haben mutò, aber malehabitus gibt altit. malatto (umgebildet 
daraus neueres ammalato ), nicht *malotto, das man bei dieser An- 
nahme in moietta malora» sehen mùBte. 

Die ursprùngliche Bedeutung des Wortes scheint mir nicht «Stunde», 
sondern rechte Stunde», «xaipóg» (wie schon Diez gesehen hat), und 
von da ist nicht weit zu «erwùnschte Stunde». Ich gehe daher von 
einer ursprùnglichen Bedeutung «Wunsch» aus: a bell ' otta, ad otta 
a tempo», ursprùnglich «nach Wunsch» « wunsch gemàfi» ( viene ad 
otta «er kommt wie gerufen»): aus ad otta (und vielleicht in poca d } otta) 
wurde a dotta umgruppiert und danach a tua, sua dotta «a tuo, suo 
beneplàcito», dotta «occasione opportuna» gebildet, wo die Bedeutung 
Wunsch noch durchschimmert ; otta catotta di quando in quando» 
- otta caf otta . A tua dotta entspricht in der Bedeutung a tuo 
agio, a tua posta; das bello in a bell otta erinnert an a tuo belV 
agio wie es dir beliebt», a bella posta «absichtlich», otta catotta 
wieder an apposta apposta poco per volta». Wàhrend unter a tuo 
(bellj agio, a tua dotta ein langsames, bequemes Tun unter dem 
wunschgemàfien Tun mitverstanden wird, so in ad otta ein schnelles, 
augenblickliches; vgl. in posta «in furia», da sua posta «subito» 
(Petr. s. v. posta). Der Wunsch des Menschen strebt entweder nach 
gemùtlichem Beharren oder augenblicklicher Befriedigung : Tràgheit 

11 * 


164 


LEO SPITZER 


oder Zligellosigkeit ! Ganz àhnlich hkt der Deutsche aus einem leiden- 
schaftlichen ital. (auch frz.) con amore ein Àquivalent fiir a suo bell' 
agio, «gemàchlich», «langsam» gemacht. Das otta *«Wunsch» ist 
dann fiir mich postverbale Bildung von dem gleichzeitig (14. Jahrh.) 
belegten, heute ebenso . wie Qtta veralteten, vom REW s. v. optare 
eben wegen dieser geringen Verbreitung als gelehrt angegebenen 
òttare «desiderare, chiedere». Ebenso gut solite dann auch otta als 
gelehrt bezeichnet werden, da man ja sogar dittongo aus diphthongus 
im Italienischen sagt (Meyer-Liibke Einf. 3 34). Zu optare wàre dann 
noch aprov. optat «Wunsch» ( venir a son optat, Levy) und altkat. 
optat «id.» (Verf. Lexik. aus d. Katal. s. v. obte ) als gelehrter Reflex 
hinzuzugesellen und vielleicht mit Castro Rev. d. fil. esp. 5, 29 otar 
«betrachten abzusondern. 

Umgekebrt von «Stunde» zu «redhte Stunde, gute Gelegenheit» hat 
sich im Romanischen hora (bona horà > afrz. buer usw.) entwickelt. 


2. Ital. scaltrire . 

Den Stand unseres Wissens tiber dies Wort entnimmt man aus 
REW 7646 s. v. * scalpturtre «kratzen, ritzen»: «Aitai, calterire, 
lucch. caltrire ,ritzen*, ital. scaltrire ,witzigen, schlau machen*, 
obwald. skultri ,kàmmen* — Ableitung : ital. scaltro, friaul. sk'alterut 
,schlau* Diez, Wb. 396 ist nicht annehmbar, da der Wandel von -u- 
zu -e- nicht den italienischen Lautgewohnheiten entspricht, von einem 
Substantiv scalptura ein Verbum auf -are, nicht auf -ire zu erwarten 
wàre und auch die Bedeutung nicht recht pafit.» Ich stelle die Wort- 
sippe zu griech.-lat. cauterium «Àtzmittel»; neben cauteri(s)are «àtzen» 
«kauterisieren», «brandmarken» konntenach scalfire «ritzen» (REW7662) 
ein * cauterire gebildet werden ; tibrigens gibt es auch ein scaltrare bei 
Petrocchi, und vielleicht findet sich noch irgendwo ein *scalt(e)reggiare. 
Ein scalt(e)rare -ire konnte tibrigens auch von der Form cantero (neben 
cauterio Petr.) abgeleitet werden. Zum Lautlichen vergleiche rom. 
calma aus kauma und besonders kat. caltiri «Feuerhaken, Àtzmittel», 
neben cauteri . Der Wechsel von c- und se- im Italienischen weist 
wohl auch eher auf ursprlingliches c- als auf einen S£-Anlaut (etwa wie 
in *scalpturirè). Die Bedeutung «witzigen» erklàrt sich aus «unempfind- 
lich machen» (vgl. den im Dict. gén. s.iv. cantere zitierten franzosischen 
Beleg aus Bossuet: Une certame insensibilité que saint Paul exprime 
admirablement par le cantere qui rend les chairs insensibles en 
les mortifiant, vielleicht auch deutsch das gebrannte Kind fiirchtet 
das Feuer und mali, escalivarse «gewitzigt werden, sich besserm 



ETIMOLOGIE ITALIANE 


165 


Miit. d. Sem . Hamburg 1918, S. 27), die Bedeutung «abbellire (Petr.) aus 
«ritzen, schaben > (wie prov. pouli < hiibsch», frz. poli «hòflich» ursprting- 
lich «poliert»). Die ursprtingliche Bedeutung ist wohl aufbewahrt im 
Gergo der Sesselflechter von Belluno: scaltrì «cuocere» (Rovinelli). 
Ich fiige noch aprov. escautrimen «finesse, ruse», escautridamen 
«finement, adroitement» (in waldensischen Texten) an. 

3. Ital. strabiliare in hòchstes Erstaunen geraten», «vor 
Verwunderung ganz aus dem Hàuschen sein». 

Ùber dies Wort sagt REW 8281: «Ital. strabiliare «in Erstaunen 
geraten», urspriinglich «die Augen verdrehen» AGlItal. XV, 509 ist 
morphologisch nicht annehmbar ; noch weniger geht *EXTR AVARI ARE 
R. XXVII, 212». Ich sehe in strabiliare, neben dem strabilire in 
Siena vorkommt (Petr.), einfach Ableitung von bile 1 (volkstumlich bilia) 
Galle», wovon wir auch gelehrte Ableitungen wie (atra)biliario haben. 
Pur die Bedeutung muB man von «schlechter Laune werden, sich 
argern, zomig werden» [iiber eine bòse oder unerwartete Nachricht] 
ausgehen (vgl. die entsprechenden Bedeutungen von ital. bile ); zur 
Ableitung vergleiche ital. strafelarsi «sich abarbeiten», trafelare 
«auBer Atem sein». Man beachte noch, daB die haufigste Wendung 
ist: tu mi fai strabiliare = «du làssest mir die Galle ubergehen», 
«du bringst mich ganz aus dem Hàuschen». Gemeinsam ist dem 
strabiliare wie der collera (zu gr. y y olr t «Galle») das Plòtzlic.he und 
Intensive der Erregung. tJber die Galle im Volksglauben vgl. Brissaud, 
Histoire d. express . popul. pass. 

4. mail. zmétiga, usmetik «Geschicklichkeit, List» 

leitet REW 2277 mit Schuchardt, Zeitschr. 31, 106 von cosmetica 
ab, wobei dieser Einflufi von usmd «eine Spurnase haben» annimmt. 
Ich glaube, einfacher ist, von arithmetica auszugehen: Sainéan, Le 
langage parisien au XIX e siede zitiert S. 32 die Angabe Desgranges’ 
(1821): «Arusmétique , pour arithmétique f est une faute grossière», 
bemerkt dazu: «Pancienne langue ne connaìt arismétique qu’on lit 
dans Brunetto Latini, dans le Roman de la Rose et dans Oresme» 
und erwàhnt aus Vadé (18. Jahrh.) den Satz, der die Kenntnis der 
Arithmetik als etwas Besonderes hinstellt: «C’est un fignoleux, mais 
y fait trop le fendant, à cause qu'il a du bec, et qui fait la rusmétique 

1 Dieselbe Deutung schlàgt, wie ich nachtraglich sehe, schon Subak, 
Zeitschr. 33, 480 vor. 


166 


LEO SPITZER, ETIMOLOGIE ITALIANE 

comme un abbé.» Auch Petrocchi hat ein arismetfrfica «arimmetica» 
unter dem Strich (altkat. arismeticha). L’ari smette a, *V arusmetica > 
la r]i]smetica } la rfusmetica. Valsesia. smeltola hat iibrigens nicht 
dieselbe Bedeutung wie die librigen Worter (wie es nach REW 
scheinen kònnte), sondern «lazzo, gesto sguajato», offenbar von «Trick, 
Kunstgriff» aus. Man kann allenfalls matematica «l’arte d’indovinare» 
(Petrocchi unterm Strich) vergleichen, vielleicht afrz. artimaire, falls = 
ars mathematica (REW s. v. ars), besonders aber im spanischen Rot- 
welsch cifra «List» ( cifra «Chiffernschrift ). 

Leo Spitzer. 


! 




Italienische Vogelnamen \ 

I. 

1. Ven. rovegar «klettern» leite ich von *rupicare ab, das auf 
r tipico (rupex) «Steinbock» (im REW fehlend) zuriickgeht. Hier- 
her gehòren auch ven. rovegarolo (G. 250), padov. rovegantin, roe - 
gàntin Blauspecht» (G. 251), ferner padov. roveghin (G. 256) «Baum- 
laufer». Beide Vògel sind Klettervògel. Man vergleiche ftir den 
Blauspecht die Bezeichnung «Rindenkleber» zu anord. klifa «klettern», 
ferner schweiz. chlan oder klener zu klenen t «kleben, klettern», 
schliefìlich franz. grimpard von grimper «klettern». (Suolahti, 
Die deutschen Vogelnamen, S. 162.) Analogien finden sich ftir den 
Baumlàufer. 

2. Der Wiesenknarrer heifìt auch Wachtelkònig, weil er meistens 
mit den Wachteln ankommt und oft in ihrer Nàhe, noch òfter zu 
Ende der Erntezeit an gleichen Orten angetroffen wird und deshalb 
beim gemeinen Mann ftir deren Anfuhrer 1 2 auf der Reise gilt. (N a u - 
mann-Hennicke, Die Vògel Mitteleuropas VII, 183.) Dem 
deutschen «Wachtelkònig entspricht ven. requagio 3 (règem + eoa- 
culam REW 2004, mit mannlicher Endung nach re), veron. requajo , 
istr. requaje (G. 537). Der schriftsprachliche Name des Vogels ist 
re di quaglie, wozu Giglio! i, S. 537 dialektische Varianten ver- 
zeichnet. Auch ftir das Grashuhn findet sich requajo mit dem Zusatz 
negro (Vicenza, G. 533). In Feltre heifìt dieser Vogel ral, ralet 
(G. 533); vgl. frz. rdle y deutsch Ralle zu *rasciare «kratzen» (REW 
7072) 4 . Diese Bezeichnung bezieht sich auf den Ruf des Vogels. 

1 G. — Giglioli, Avifauna italica, 1907. 

2 Vergleiche die spanischen Dialektnamen guión de codornices (Màlaga), 
gula de codornices (Granada, Murcia), guión de pàs-pallàs (Galicia, Aré- 
valo y Baca, Aves de Espana, 298). Eine Umkehrung des sozialen Ver- 
hàltnisses dieses Vogels zu den Wachteln deutet an der Name «Wachtel- 
knecht» im nordlichen Bòhmen (Suolahti, a. a. O. 294). 

3 Auch gen. 

4 Zu dem hier verzeichneten katal. rascia noch zu stellen rasciò, ferner 
span. rascón (Sevilla, Granada, Arévalo y Baca, op. cit. 300). 


168 


RICHARD R1EGLER 


Vergleiche den deutschen Namen Wiesenknarrer (Suolatiti, 296), 
dialektisch auch Wiesenschnarre, Schnarrhuhn, Schnarrwachtel, daneben 
einfach Schnarre (Suolahti, a. a. 0.) 

3. Dafi in venez. repéndol «Goldammer» (G. 19) eine Verschrànkung 
von aurum und pendulus «schwebend» (schon im Lateinischen von 
Vògeln gebraucht) vorliegt, zeigt ganz deutlich span. oropéndola 
Arévalo y Baca, 253), was geradezu «goldenes Pendei» zu be- 
deuten scheint. Ubrigens bezeichnet pendolino im Italienischen nach 
REW 6388 die Schwanzmeise (bei G. fehlend). Schlechtweg als 

Goldammer» (< aureolus REW 791) wird der Vogel nach der Farbe 
seines Gefieders in vielen Mundarten Italiens und Frankreichs benannt. 
(Vgl. G. 10 f. und Rolland, Faune pop. de la France, II, 230.) 

4. Dafi ital. pernice «Rebhuhn» (REW 6404) auf einer Kontami- 
nation von perdix und coturnix «Wachtel» beruht, ist bekannt. Un- 
beachtet aber blieb bis jetzt, dafi perdix sich auch mit beccaccia 
«Schnepfe» (zu becQUS «Schnabel» REW 1013) vermischt hat, wie 
aus calabr. percaccia «Waldschnepfe» (Catanzaro, G. 610) ersichtlich 
ist. Nicht zu ubersehen ist der Anklang an caccia «Jagd» h 

5. Die Wildente heifit in Vecchiano ronco (G. 450), das wie span.- 
port. ronco «heiser» eine Kontamination von rancus «heiser» und 
rhonchare «schnarchen» ist. (REW 7093 und 7292.) Einfaches raucus 
liegt vor in rochett (Mantua, G. 476) «Knàkente». Der Schrei dieser 
Vogel klingt heiser. 

6. Zu REW 7045 ranucula , wovon granoccliio «Frosch» ist hin- 
zuzufiigen fior, granocchiaia, ranocchiaja «Purpurreiher» (G. 424) 
eigentlich «Fróschler» (nach seiner Lieblingsnahrung). 

7. Zu germ. rampa «Kralle» (REW 7032) gehòren rampichino 1 2 
(Marken, G. 222) und rampinello (Ancona, a. a. O.) < Goldhàhnchen», 
aufierdem piem. rampici , r ampie ai, rampighin «Spechtmeise» (G. 255) 3 . 

8. Zu pulla «Evenne» REW 6828, 2) ist zu stellen das dim. pulli- 
cìda y das sich findet in bologn. poligola , puigula ) puigla , buigla «Kohl- 
meise» (G. 234). Vgl. auch REW 6826 die auf *pùllius zuruckgehenden 
Vogelnamen. 

9. Zu REW 6732 pratum «Wiese» zu stellen lomb. prader, pra- 
diroìtj pradireù «Grauammer» (G. 65, wo noch andere dialektische 
Varianten). Vgl. frz. proyer. Der Vogel halt sich vorzugsweise auf 

1 Vgl. dial. span. percaza «Heerschnepfe* in Alava (Baràibar, Nombres 
vulgares de animales y de plantas usados en Alava, S. 7.) 

2 Vgl. ital. rampicare «klettern». 

3 Wo noch zahlreiche Varianten aus anderen Dialekten. 






ITALIENISCHE VOGELNAMEN 


169 


Wiesen auf. In Piemont heifìt die Grauammer auch predicatour 
Prediger» (G. 65). Dieser Name findet wohl seine Erklarung in 
folgender Stelle Brehms (Tierleben IV, 1, S. 344) : Wàhrend des Singens 
nimmt die Grauammer verschiedene Stellungen an und bemiiht sich 
nach Moglichkeit, mit ihren Gebàrden dem mangelhaften Gesange 
nachzuhelfen. In Umbrien und in den Marken bezeichnet predicatore 
das Schwarzkehlchen (G. 171 f.). Benennungen nach der geistlichen 
Hierarchie sind bei Vogeln in alien Sprachen sehr haufig. 

10. Die Wasserralle wird wegen ihres grunzenden Lautes: uitt 
(vgl. Brehm, Tierleben V, 2, S. 667) nach dem Schweine benannt, 
und zwar entweder direkt ( porcellus «Schweinchen zu REW 6660) 
oder indirekt (das grunzende Tier: gmndire «grunzen zu REW 3893). 
So verzeichnet Gigliòli 531 fur die Wasserralle pur slanci (Boi.), pur- 
sana (Romg.), porciglione, sporciglione (Marken), porcignula (Rieti); 
flir das verwandte Grashuhn 533 purslana (Mod.), purslona (BoL), 
pur sana (Romg.), porciglione (Marken, Umbrien) usw. Vgl. hiermit 
rum. porcusor «Schweinchen» flir den zu den Regenpfeifern gehòrigen 
Mornell (Hiecke im 12. Jahresbericht des Instituts f. rum. Spr. u. 
Lit., S. 130). Als «Grunzerchen» erscheint die Wasserralle in der 
Lombardei: grugnel 1 , griignett (G. 531). 

11. Piovano (Aosta, G. 55), piouvann (Piem., G. id.) «Gimpel» 
heifit eigentlich «Landgeistlicher» und gehòrt zu plébs (REW 6591), 
Die Bezeichnung dieses Vogels nach dem geistlichen Berufe erklàrt 
sich aus seinem Àufiern (Eindruck der Beleibtheit, schwarzer Scheitei) 
und ist in vielen Sprachen ublich. (Vgl. ital. monachino , span. frai- 
lecillo, port. fradinho , frz. prètre. deutsch Dompfaffe 2 [Verfasser, 
Das Tier im Spiegel der Sprache, S. 167].) Fernzuhalten von diesem 
piovano ist piem. piovana «Salamander», das zu plùvia Regen» 
gehort (REW 6620). Dies Tier kommt bei Regenwetter zum Vor- 
schein. Mit piovana lassen sich vergleichen die Salamandernamen 
trent. bissa da piova «Regenschlange», tirol. Regentàtsch (Dalla 
Torre, Die volkstumlichen Tiernamen in Tirol und Vorarlberg, 
S. 30 f.), ferner schweiz. Regenmoler (R oli and, Faune pop., Ili, 
S. 78). Nichts zu tun mit piovano haben die prov. Gimpelnamen 
pivouana (Nizza), pivoino (Gard.), frz. pivoine , eigentlich Pfingst- 


1 Vgl. auch Sainéan im X. Beiheft der Ztschr. f. rom. Phil., S. 104. 

2 Das merkwiirdige port. Doni Fafe (A ré vaio y Baca, Aves de Espana 
247) sieht aus wie eine volkstumliche Romanisierung des deutschen « Dom¬ 
pfaffe», wofern man an ein allerdings wenig wahrscheinliches Eindringen 
des deutschen Wortes ins Portugiesische glauben darf. 



170 


RICHARD RIEGLER 


rose» (zu paeonia REW 6140; Rolland, op. cit. II, 16ò). Tertium 
comparationis ist die rote Farbe. (Fast die ganze Vorderseite des 
Gimpels ist hellrot gefarbt.) Ubertragung von Blumennamen auf 
Vògel sind nichts Seltenes. 

12. In Bari heifit die Zwergohreule (nach G. 348) wegen ihres 
klagenden Rufes lagno «Klage» (zù laniare «klagen REW 4892). 
Hiermit vergleichen sich die deutschen Namen Klagevogel, Klagefrau, 
Klagemutter (Suolahti, a. a. O. 321), in Tirol auch kurzweg Klag', 
woraus sogar eine mythische Gestalt wurde K Ein Seitenstiick zu 
lagno ist ferner frz. dial. limante, nach Rolland, Faune pop. IX, 
S. 95 die Bezeichnung der Schleiereule in Genf (von se lamenter 
REW 4867). Suolahti (op. cit. 321) halt es auch fiir wahrscheinlich, 
daS Echel, der luxemburgische Name des Kauzes, als achila aus 
mhd. achen «klagen» zu deuten ist. In weiterem Sinne gehòrt auch 
hierher piansota, der veron. Name der Haubenmeise (G. 248), zu 
piangere (REW 6572). Pianger bedeutet hier «in klagendem Tone 
piepen». So iibersetzt Boerio in seinem Dizionario del dialetto venez. 
c pianzoto » mit «pigolone» {pigolare «piepen»). 

13. Zu REW 6545 pits «Spitze» ist zu stellen cors. pizmgone 
«Kernbeifier» (G. 38), eine Neubildung, die das ererbte lat. frisio 
(REW 3520), das sich sonst in den meisten italienischen Mundarten 
erhalten, verdràngte. In Kalabrien ist fiir den Kernbeifier pizsicafirru 1 2 
«Eisenpicker» iiblich (G. 39), das zu apul. speggaferr, speggafierr 
«Eisenbrecher» (G. 38) stimmt. 

14. Neben cuccuvaja «Sumpfeule», das auf neugriech. vLovxovftàyLa 
zuriickgeht (Heldreich, Faune de Grèce 32, REW 1898), ist im 
Gebiete von Otranto cnccnascia, cuccuvascia iiblich (G. 352), worin 
eine Kontamination von cuccuvaja mit ascia (ascio, asciu) «Wald- 
ohreule» (G. 350) zu axio (REW 843) zu sehen ist. Dieses axio 
findet sich auch onomatopoetisch umgeformt (fiir den Eulenruf ist der 
Vokal u charakteristisch) in florent. usciolo «Zwergohreule» (G. 348) 
neben assiolo , id. (vgl. Verfasser, op. cit., S. 117). Ubrigens 
findet sich cuccù auch selbstàndig in Kalabrien (G. 352) fiir die Sumpf- 


1 Die Mythisierung tierischer Laute steht nicht vereinzelt da. So ist zum 
Beispiel im Ótztale die «Fuchsfoche* zu Hause (vom Fauchen des Fuchses 
abstrahiert), die àhnlich wie die «Kla g» Unheil und Tod bedeutet (Ritter 
v. Alpenburg, Deutsche Alpensagen, S. 171). 

2 pizzaferro (G. 325) bezeichnet in Kalabrien den Bienenfresser, der da- 
neben auch pizzafainu, pizzifainu (G. id.) heifit. Fainu zu pagina «Buch- 
ecker», REW 3143). 





ITALIENISCHE VOGELNAMEN 


171 


eule, wahrend umgekehrt siz. bùfolo, btlfulu (G. 318), gleichsam dim. 
von bufo «Waldohreule» (Pisa, G. 350), fiir den Kuckuck gebraucht 
wird. Es handelt sich hier offenbar nicht um eine Verwechslung 
der beiden Vògel selbst, sondern ihrer Rufe. 

15. Wie einerseits ein einfàltiger, leichtglàubiger Mensch im Fran- 
zosischen als «Wiedehopf» (dupe — huppe) 1 bezeicbnet wird, so heifìt 
anderseits der Wiedehopf in S. Marco in Lamio «Tolpel» = baba- 
lucco (G. 330) = schriftital. babbalocco , das zum Lallwort bah gehòrt 
(REW 852, wo die Nebenformen bàbbèo, babbaléo, babbione, babbano 
angeftihrt sind). 

16. Umbrisch faluppa «Wiedehopf» (G. 330) scheint eine Kontamina- 
tion zu sein von uppa aus upupa .(REW 9076) und lomb. - venez.- 
emil. faloppa «Liige, dummes Zeug, Fiause» zu faluppa «Spanchen, 
Strohfaser» (REW 3173) 2 . Zweifelsohne ist das umbrische Wort 
identisch mit schriftital. faloppa «eitler, aufgeblasener Mensch, Prahl- 
hans», wobei naturlich der Name des Vogels das Ursprtingliche ist. 
Der mit seiner Federkrone scheinbar Stolz einherschreitende Wiede¬ 
hopf macht den Eindruck eitler Selbstbespiegelung (vgl. frz. huppé = 
eingebildet; Verfasser, op. cit., S. 133). Bei dieser Gelegenheit 
sei auf die ansprechende Vermutung Rollands (op. cit., II, 102) 
hingewiesen, salope = femme très sale sei ursprunglich gleich sale 
hoppe — (huppe), Der Wiedehopf ist bekanntlich ein sehr schmutziger 
Vogel 3 4 5 , woher im Patois von Metz der Vergleich sale comme une 
hoppe . Als salopé in seiner urspriinglichen Bedeutung nicht mehr 
verstanden wurde, bildete man dazu das Maskulinum salop (salaud) A . 

17. Nach der Spindel [fusus REW 3620) sind mit Bezug auf ihre 
Gestalt benannt die Zwergrohrdommel im Piem. (G. 432) : fus 5 — so- 
wie der Purpurreiher im Apul. : fuso (G. 424). Weiterbildungen 
sind rum . fusar «Aal» (Hiecke, op. cit. 118), lomb . fuseli a <£ich- 
hòrnchen», fusaiina «Mittelsàger» (Pavia, G. 494) fusalinon «Polar- 
und Rotkehltaucher» (Pavia, G. 689 f.). 

Eingemengt hat sich fusus in siz. furticchiu «Kohlmeise», «Blau- 
meise» (G. 235, 251) = fusus + vèrtìculus < Wirtel» zu REW 9255. 


1 Vgl. bayr.-òsterr. «Ho'pf» in derselben Bedeutung. Schuchardt, Zeitschr. 
f. rom. Phil. XV, S. 98ff. und Verfasser, op. cit., S. 133f. 

2 x\n Zitaten sind nachzutragen: Zeitschr. f. rom. Phil. XXIX, 327 f., 
XXXI, 71 ff. Horning) und XXXI, S. 236ff. (Schuchardt). 

3 Vgl. die Namen frz. coq pliant, deutsch Kothahn, Stinkhahn usw. 

4 Rolland, op. cit. IX, S. 163. 

5 fus marein, fus marin «Mittelsàger», «Gànsesàger» (Pavia, G. 493f.) 



172 


RICHARD RIEGLER 


Ebenso liegt eine Einmischung von fusus vor in apul. fusufai y fusu- 
fau «Pirol (Terra d’ Otranto, G. 20) neben sicufai, sicnfau aus 
neugriech. Gvyiocpdyijq, Gvxocpàg , wortlich : «Feigenfresser» (vgl. Morosi 
in Arch. glott. ital. XII, S. 82, Nr. 37). 

18. Teccola «Grashuhn» (Fucecchio, G. 533) ist eine Kontamination 
von taccola (von langob. tahhala «Dolile»*, REW 8529) 1 2 mit tecca f 
teccola «Fleck» (frank. tekka «Zeichen», REW 8534) 3 4 . (Das Gras- 
huhn ist weifì getupft.) Hierher gehort auch rom. tecchia } tecca 4 als 
Bezeichnung der Uferschnepfe (G. 607f.). Man vergleiche, was Brehm 
(Tierleben VI, 3, S. 19) iiber die Farbung dieses Vogels sagt: «Das 
Kleingefieder der Uferschnepfe ist vorherrschend rostrot, auf dem 
Kopfe und Oberriicken durch breite Schaft-, auf dem Mantel durch 
Pfeilflecken gezeichnet.» 

19. Die gelbe Bachstelze wird in verschiedenen Mundarten Nord- und 
Mittelitaliens (G. 118 f.) als Rinderhirtin ( bovarina, boarina zu boarius 
REW 1180) bezeichnet. Vgl. Brehm, Tierleben IV, 1, S. 238: 

Bei den Viehherden 5 stellt sie sich regelmafiig ein, bei Schafhiirden 
verweilt sie oft tagelang 6 ». In den Marken findet sich nun statt bova¬ 
rina beverino, das durch Einmischung von bevere «trinken» zu er- 
klaren ist. Die Bachstelze hàlt sich, wie schon ihr deutscher Name 
sagt, an Bàchen auf, daher die naheliegende Gedankenassoziation, die 
Bachstelze als «Trinkerin» 7 zu bezeichnen. (Vgl. beverino «Trink- 
napfchen» im Vogelkàfig.) 

Dasselbe Verhàltnis wie zwischen bovarina und beverina làfìt sich 
zwischen siz. bovarotta 8 und beverotta «Brachvogel» (G. 619) fest- 
stellen. Der Brachvogel halt sich auch gern an Gewàssern auf. 


1 Taccola heifit «Dohle» und nicht «Elster», wie Rigutini-Bulle und 
Meyer-Liibke (im REW) angeben, Vgl. die italienischen Elsternnamen 
bei Giglioli, op. cit. llf. 

2 Bertoni, L’ elemento germanico nella lingua italiana, S. 206. 

3 Bertoni, op. cit., S. 205. 

4 Dies auch fiir die Pfuhlschnepfe gebraucht (G. 608). 

5 Vgl. friaul. arrnentaresse (G. 118), ferner frz. bergeronnette, bergère 
(Centre), R oli and, op. cit. II, 229. 

6 Vgl. die Namen guardapecora, parapecora % (Marken, G. 118), wozu 
steir. Schafhalterl (Suolah ti, op. cit., S. 92). 

7 Von bevanda «Getrànke» ist gebildet bevandola «Wasserspinne» (REW 
1074). 

s Daneben vujara = buvara , auch masc. vnjaru (buvaru) «Rinderhirt» 
(G. 619) von der Vorliebe des Vogels fiir Viehweiden. (Naumann- 
Hennicke, Naturgeschichte der Vògel Mitteleuropas IX, 144.) 




ITALIENISCHE VOGELNAMEN 


173 


In Gegenden Piemonts und der Lombardei heifit die gelbe Bach- 
stelze auch b aliar ina « Tanzerin» (G. 118). Dieses Wort geht gleich- 
falls mit bovarina t ine Verschrànkung ein, die ein bavarina ergibt 
(Basso-Piem. G., ebenda). 

20. Die Spechtmeise wird in verschiedenen italienischen Mundarten 
nach ihrem Ruf benannt. So finden wir nach G. 250 ciò-ciò in Cremona, 
Mantua, Modena, Finale, in den Marken, in Umbrien, im Trentino, in 
Rovigo, wo auch giò-giò angegeben wird. Zu bemerken ist, dafi ciò 
in ganz Oberitalién als Interjektion gebraucht wird, um jemandes 
Aufmerksamkeit zu erregen. Neben ciò-ciò findet sich cieu-cieu in 
Piem. (G. ebenda), cià-cià (Como, G. ebenda) \ ciciott (Marken, G. 
ebenda), ciaciao (Romg., G. ebenda), cui (Friaul., G. ebenda). 

Die von Rolland, op. cit. II, 77 aus den Landes angefiihrten 
Namen dieses Vogels: sii, tit 1 2 3 tuit scheinen nach Voigt, Exkursions- 
buch zum Studium der Vogelstimmen, S. 99 f. seinem Ruf e nàherzu- 
kommen. 

21. Zu schallnachahmend trita, REW 8921 «Drossel» (richtiger: 
«Misteldrossel») gehòrt apul. tre - tari 3 cBrachhuhn, Triel» (Lecce, 
G. 555). Dieser Name behebt jeden Zweifel an der onomatopoetischen 
Herkunft von deutsch Triel, die von A. Voigt, op. cit. 255, Anm. 
vermutet wird, wahrend S u o 1 a h t i, op. cit. 268 eine solche bestreitet. 
Triel erklàrt auch das bei Suol ah ti 267 nach Gesner fiir den 
verwandten Kiebitz angefiihrte Zweiel, das offenbar eine scherzhafte 
Analogiebildung nach Triel ist, das volksetymologisch an drì = drei 
angelehnt wurde. Siz. trituri, trittari verzeichnet ferner G. 515 fiir 
den Frankolin. Brehm, op. cit. V, 2, 545 gibt den Ruf dieses Vogels 
wieder durch die Silben tschuk tschuk tititur . Hierher gehòrt wohl 
auch tritillo 4 «Goldhahnchen» (Jelsi, G. 222). Vergleiche, was Voigt, 
op. cit., S. 84 von dem naheverwandten Zaunkònig sagt: «Hàufig 
hòrt man ein fast klirrend durchdringendes tsr, tsr.* Zu vergleichen 
ist auch lothr. tritri fiir den Zaunkònig (Rolland, op. cit. II, 292). 
Schliefilich beruhen einige franzòsische dialektische Namen der Mistel- 
drossel (Rolland, op. cit. II, 240) auf derselben Schallnachahmung. 
wie zum Beispiel trìda , irido, trie, trée, traye usw. 

1 Auch Ravenna, daneben cidcaron «Schwàtzer» (G. id.). Vgl. tose. 
chiacchiera (G. 251). 

2 Vgl. engl. titlark «Pieper» und titmouse «Meise». 

3 Daneben: turlì. 

4 Wenn lat. trittilare (Georges, Walde) wirklich «schwirren» bedeutet, 
wàre es von tritillo «Goldhahnchen» fernzuhalten. Solite es sich aber nicht 
vielmehr auf den Ruf gewisser Vògel beziehen? 


174 RICHARD RIEGLER, ITALIENISCHE VOGELNAMEN 

22. Fiir die weifie Bachstelze ist in Florenz cutrettola ublich, worin 
man richtig cii(las) + trèpìdus (REW 8882) gesehen hat. Der Vogel 
verdankt diesen Namen der grofien Beweglichkeit seines langen 
Schweifes. Flir canda ist culus eingetreten, wie wir auch neben- 
einander haben coditremola (Siena, G. 116) und culitremola (Korsìka, 
G. 116) zu tr emular e «zittern» (REW 8879). So haben wir analog 
im Franzosischen neben hocheqneue, haussequeue , hochecul, auchecul 
(Rolland, op. cit. II, S. 224). 

23. Von siz. snmmuszari «untertauchen» (zu sùbpùtcare REW 8388) 
sind abgeleitet neap. summuzsariello, sommussanello Zwergtaucher 
(G. 700), calabr. siimbuzsature (ì) (G. ebenda),. summnz zumar tino 1 
(Catanzaro, G. ebenda), summugsaturu (Rossano, Cosenza, G. ebenda). 

In sumbuttu (Terra d’ Otranto, G. ebenda) scheint Einmischung von 
imbùtum + buttis «Trichter» vorzuliegen (zu REW 4286). Als Analogon 
zu summiigzariello ist hierherzuziehen aus dem Spanischen somorgnjo 
Haubensteififufi» zu somorguj ar = *sùbmlrgii ciliare untertauchen 
(REW 8381). Daneben assimiliert auch somormujo (A ré va lo y 
Baca, op. cit., 432), in Màlaga £ambullidor (Arévaio y Baca, 
id.) von sambullir «untertauchen» ( sepelire REW 7827). 

Im Venezianischen heifit der Haubensteififub gleichfalls Taucher» = 
sotarol (G. 699) zu snbtus (REW 8402). Dasselbe Wort wird in 
Belluno (G. 693 und passatim) flir verschiedene SteififuBarten ge- 
brauchC in Siidfrankreich finden wir es als soutairé (Var, Rolland, 
op. cit. II, 404) wieder. 

Richard Riegler. 


1 Martino ist ein iiberaus hàufiger Vogelname. 






Intorno ai Miracoli della Vergine^. 


Lo studio dell’ interessante volume, che Ezio Levi ha dato in luce 
nel 1917 sui Miracoli della Vergine (si veda la recenzione del 
Bertoni in questo Arch. rom/ I, 268), mi ha suggerito alcune osser¬ 
vazioni e postille, che mi par prezzo delL opera rendere di pubblica 
ragione. 

Interessante in particolar modo è il miracolo del povero cavaliere 
che per miseria vende al diavolo la propria moglie e che dà argo¬ 
mento a quel curioso poemetto lombardo, Lo Sciavo Dalmasina, 
in 122 versi alessandrini che il Biadene pubblicò nel Propugnatore 
(N. S., voi. VI (1893), P. II, p. 319 sgg.) e che si legge in un codice 
milanese scritto tra il 1429 e iV 35. La leggenda ebbe un insperato 
favore e il popolo, impadronitosene, la cantò e V ebbe cara per lungo 
volgere di anni. Tanto il Libro dei cinquanta miracoli» 
quanto il poemetto lombardo, parlano di un cavaliere ricco che cade 
in povertà, mentre il poemetto popolare in ottava rima, il Miracolo 
della Vergine del Rosario, di cui s' hanno due stampe siciliane 
del settecento e quattro edizioni popolari del secolo XIX, sbocciato in 
mezzo al popolo, ne fa un giuocatore, come vediamo mettendone a 
raffronto i primi versi. 


Redazione milanese dello 
Sciavo Dalmasina. 

Intendite, segnuri, se 4 ve plaxe : 

d' uno bello sermone ve voyo 
cuntare, 

se voi ponite mente ben vi potrà 
zovare. 

Sempre de la morte se de’ V omo 
regardare ; 

chi serve Jesù Cristo no po’ mal 
arivare. 


Redazione del Miracolo della 
Vergine del Rosario. 

Stava in Catania un uomo di¬ 
sperato, 

pieno d’ affanni e gran pena sen¬ 
tiva, 

un giocatore, eh* è tanto ostinato 
tutta la robba per giocar sen giva. 
Essendo a malo termine arrivato 
per il pessimo oprar d ; alma 
lasciva, 


176 


GUIDO VITALETTI 


Contare ve voyo de uno omo rico 
e assiato; 

10 padre suo de 1’ avere assai li 

aveva lassato: 

caze in povertade, molto era 
desventurato. 

Lo Sciavo Dalmasina per 
nome era domandato; 

E1 fo de la Zizilia ? in Palermo 
fo nato. 

11 popolo, come è stato avvertito, amò molto questa leggenda e 
attraverso rapidi scorci, conservò i particolari più notevoli del primitivo 
racconto, pur sacrificando, per brevità, inutili aggiunte e cambiando 
soltanto il ricco uomo, caduto in povertà, in un giuocatore sfrecato, 
per più aspro sapore della leggenda. Ecco infatti la redazione orale 
eh’ io ho raccolto nell’ Appennino umbro-marchigiano (Val d’ Olmo) 
e che mi permetto di offrire al L. 


e un giorno preso da sfrenate 
voglie 

parti dolente e abbandonò la moglie. 


Il Giuocatore. 

Era vi ’n giocator tanto ostinato 
Tutta la robba giocata s’ avia. 

Va a casa ’na sera tutto colorito: 

— Allegra, consorte mia, 

5Che nel gioco so’ stato assai vincente; 

U ò racquistate tutte le ricchezze 
Che perse avea ne i giorni passati! 

Vojo che dimatina di bon’ ora 
Cavalchiamo per la selva ombrosa, 
io Giàmo 1 a prende’ possesso dei danari, 

Palazzi, di giardin, fior di lavori. — 

— Caro consorte, son pronta a farvi compagnia 2 ; 
Vojo ’na grazia. — — Me la chiederete. — 

— E questa grazia m’ avete concessa : 

15 Prima de parti’ scoltar la messa. — 


1 Ì giàmo '• [gire] andiamo. 

2 Variante: Andàmo, consorte mia, du vùe /dove voiJ volete: 
So 1 sopragiunta a fàvve compagnia — 



INTORNO Al «MIRACOLI DELLA VERGINE» 


177 


S’ incontra 'na cappella arovinata 
— O cavaliere mia, fèrmete e posa: 

Vo' salutà' Maria eh' è mia avvocata. — 
E cavalcando la donna gioiosa 
20 Per tenerezza piange e '1 cor non posa. 
Se mette a fà’ orazione con affetto 
E con sommo e con divoto cuore, 

E co' 'na mano se batteva '1 petto. 

E mentre eh' essa stava 'nginocchiata 
25 Subbitamente cadde addormentata. 


E fòra che ’1 marito 1' aspettava 
Quella credendo che la moje sia, 

— O iniquo scellerato, o iniquo tristo, 

Nun sàe eh' io sono la madre de Cristo? 

30 J' apparve quel sito che '1 demonio 1' aveva lasciato 
E lo trovò tutto spaventato. 

— Dicesti che mi portavi qua a tua moje, 

Invece me porti chi me dà tormento e doje? — 

— Quel don che t' ò promèrso, t' ò portato: 

35 Io '1 lasso a te che mi disfacci '1 resto. — 

Arispose Maria col volto suo turbato, 

Je disse: — Brutta bestia, vien qua presto: 

Il fijo mia è bello e feroce 

Per P uomo à sparso '1 sangue su la croce. 

40 Va là que la cappella arovinata 
Ce troveràe tua moje addormentata. 

Notevolissimo è pure quello della «Cortigiana», frammentario all' 
inizio, in cui una donna dissoluta, per essere devota della Vergine 

(’L mercoledì col sabbato privilegiato 
s’ ariguardava de nun fà peccato), 

è salvata da questa mentre sta per essere artigliata dal demonio. Una 
«lacrimetta» salva Buonconte: lo scapolare con P immagine della 
Vergine libera la cortigiana. 


Archivurp Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


12 



178 


GUIDO VITALETTI 


La Cortigiana. 


Sopra de mezzo a ’h prato la menòne 1 
E li ’n quel sito la donna parlòne: 

Tre volte al petto se senti tirane. 

— Fija, que te pense de fàne, 

5Che lo Nemico ’nfernal lo vòe provane 2 ? 

Sappi chi porta quest’ àbbito ’n petto 
Commo divoto nT à da rispettàne. — 

Aritornanno a questa cortigiana 
Ch’ era del sua falli’ tutta dolente, 

10 Pareva li suo’ occhi ’na fontana 
Tanto forte piangeva veramente. 

Tutto tremante se ne parte quello 
Scellerato demogno de cappello. 

’Nverso la chiesa del Carmine lia volava 
15 A ritrovarlo ’n bon predicatore, 

Tutto quanto ’l successo je narrava 
Se confessava dei suoi gravi errori. 

E de ’na pompa 3 vesta se spojòne 
E de ’na scura vesta s’ ammantòne. 

20 E se levò da torno ogni bellezza : 

I danari eh’ avea d’ oro e d’ argento 
Li messe per di’ le messe nel convento. 
Aringraziando la madre del Signore 
Che dato j’ avea la contentezza: 

25— Non più gioveni al mondo e non più amori 
Sempre venga Maria, la madre del Signore. 
Non più gioveni al mondo e non più amanti 
Sempre venga Maria da me davanti. — 

Accusi dice: — O mondo traditore 
30 Ch’ accusci presto m’ avete ’ngannata: 

Si nun era la madre del Signore 
Io per 1’ eternità m’ ero dannata! — 


1 menòne: condusse. 

2 lo vòe provàne ? : lo vuoi provare? 

8 pompa: pomposa. 



INTORNO «AI MIRACOLI DELLA VERGINE» 


179 


Un altro miracolo riprende il motivo del cavaliere devoto, la 
cui moglie si uccide credendolo innamorato di altra donna, mentre 
invece questi si allontanava per onorare e pregare la Vergine, 
talvolta anche di notte. La Madonna risuscita la moglie morta e 
dannata. 

Il cavaliere devoto. 


Steva ’n casa un cavaliere 
Che Maria divoto avea, 

L’ oratorio lui solea 
4 De fasse pregio notte e di. 

La moje al sua marito 
Tutta notte alzar sentia, 

Pien di rabbia e gelosia 
sje lo disse allor cosi: 

— Marito mia, ami tu qualch’ 
altra donna? — 
— L’ amo io, V amo daéro 1 
Una gran (am)abile 2 signora: 
12 Je donai tutto ’l mio core 
Che del tènderò 3 mio amore 
Notte e giorno servirò. — 

Arestò muta e disperata: 

16 A la notte appena udito 
Che ’l marito è già partito, 

Pija ’n ferro e s’ ammazzò. 


Artorna a casa ’l cavaliero 
20 Che la moje sua ravvisa, 

Del suo sangue proprio intrisa 
Nun vedia, misera, più. 

Smorcia ’l lume ’l cavaliero 
24 Ritornando a la cappella, 

S’ anginocchia e tal favella 
Sangozzando pronunziò: 

— Per venirte a onorà’ 

28La perdi(i) la moje mia: 

Cara madre mia Maria 
Tu me devi provedé’. — 

La Signora j’arisponne 
32Che mommo 4 je viè’ la dama: 
— La Signora già ve chiama 
Nu’ la fate più aspettà’. — 

— Marito mia, pe’ le tue preci 
36Io pur m’ era dannata: 

La Madonna m’ à salvata 
Adesso vado a ringrazià’. — 


Il racconto dei Due compari », uno dei quali, chiamato al capezzale 
della madre morente, affida all’ altro la propria moglie, è denso di 
dramma. Nell’ assenra la donna viene tentata e siccome resiste all’ 
insana passione, il compare si vendica accusandola ingiustamente al 
marito che, furente, la uccide. Ma la Vergine, di cui era devota, 
risuscita la donna dopo quarant’ ore/ la consegna al marito avvertendolo 
del tradimento del compare, che messo alle strette, è obbligato a 


1 daéro: davvero. 

- Nella dizione orale si dice costantemente «abile». 

* tèndevo: tenero. 4 mommo: subito, subito. 

12 * 


180 


GUIDO VITALETTI • 


giurare T per S. Giovanni. In chiesa, proprio sul punto decisivo, il 
diavolo s’ impadronisce del disgraziato, il quale «in fumo se ne va». 
In questa redazione, più che altrove, mancano dei versi, taluni sono 
ipermetri, altri si sono sovrapposti nella recitazione orale. Pure V 
elemento drammatico, nella sua povertà, le ha permesso una notevole 
diffusione, e i volghi la ripetono e vi s’ indugiano con compiacenza. 

I due compari. 


Uno dei due compari 
Ci avfa la moje bella, 

Onesta, santarella, 

4 De bona qualità. 

Uno dei due compari 
Je venne V imbasciata : 

La sua madre è ammalata 
8je convien de parti'. 

— Men parto e men vò via: 
Lascio la moje mia 
Saperla ben trattà 1 — 

12 — O tu compare mia 
De me non dubbi tà'. — 

A capo de tre giorni 
'L perfido malegno 
16 Co '1 suo falso disegno 
Allor la gì 1 a tantà! 

Arispose la donna 
Col core inviperito: 

20— Ancora a mio marito 
Accusci 2 lo vòe 'ngannà'? — 

Disse: — Que donna 'ngrata 
Comm' un cane arrabbiato 
24 Te vojo fà' ammazzà'. — 


Va ’ncuntra 3 al suo compare, 
Lo 'ncuntra pe la via, 

L' abbraccia: — Caro caro, 

28Sci nn 'ero 4 più che io 
Ch' avevo ben trattato, 

Tua moje 'n gran peccato 
Con me voleva fà' — 

: 3 ,2— Sci questa cosa è vera 
Io mó m' arvò 5 e 1' ammazzo! - 
La trovò che dormia : 

— Su su, Lucrezia mia, 

86 Se faccia 'na gran festa 
A lodo de Maria: 

Io te ce vói menà’ 6 . — 

— Si si, marito mia, 

40 La gran madre Maria 
Giàmola 7 a visità’. — 

La prende pe' 'na mano, 

La mena pe' la via, 

44 La scanna in fede mia 
E in terra la gettò. 

Doppo le quarant’ ore 
La Vergine biata 
48 Dal del che fu calata 
E vinuta a risusscità'. 


1 gì: andò. 2 accusci: cosi. 3 ’ncuntra: incontro. 

4 Sci nn’ ero: se non ero. 5 arvò: tornerò. 

6 voi menci’ : voglio condurre. 

7 sciamola: andiamola. 



INTORNO AI «MIRACOLI DELLA VERGINE» 


181 


— Arisuscita Lucrezia 
Sopra de questo sasso: 

52 V’ arisurgirà Maria 

Quella eh' andé* 1 a visita*. — 
La prende pe* *na mano 
L* arporta dal marito: 

56— Giujo 2 , dècco 3 a tua moje 
Nnucente dal peccato 
E *1 tuo compare ’ngrato 
Iddio lo pagarà. — 


60— Il giuro per la fede 
Che san Giovanni vede 
Che questa è verità. — 

Andaveno a la chiesa 
64’Scoltare una messa: 
Quanno fu per giurà* 

In fumo se ni va. 


Curioso e diffuso, sebbene relativamente recente (fine del sec. XVIII, 
quando Napoleone invase le Marche), questo prodigio della Vergine 
lauretana, che si chiude con un sorriso ironico attraverso 1* inter¬ 
vento del Papa, il quale, se non avesse rimandato «in pace» i fran¬ 
cesi, «pure la Santa Casa, volla ricamminà» ! I tempi sono [assai 
cambiati da quelli del secoli di mezzo, e il documento mi sembra 
sopratutto significativo per questo suo sapore nuovo. 


La Madonna di Loreto. 


Quanno che fu a Loreto 
Trovò lo ’ngegno e 1’ arte 
E pue 4 lo Bonaparte 
Co’ la truppa arivò. 
Giranno le fortezze 
Ancora li cannoni 
Che sia calati giune 
E portati via di qua. 

Girò *ntorno a la Casa 
Trovò le porte chiuse 
Che nun podia nentrà* 5 . 
Chiama* lo sagrestano 
Che je porti le chiàe 6 . 


’L povero sagrestano 
Le chiave je portò. 

Doppo 1* avia portate: 

— Aprite do* ve pare, 

Pijate quel che c* è —. 

Va *n Santa Cappella 

Di* 7 *no sguardo a Maria] lì 

— Ma qui nun ce s* aria 8 ,1 
La scala ce la vò —. 
Chiama* lo sagrestano 

Che je porti la scala 
Lo pòro 9 sagrestano 
La scala je portò. 

Doppo 1* avea portata, 


1 eh andé: che andavi. 2 Giujo: Giulio. 

3 dècco: ecco. * pue: poi. 5 neutra’ : entrare. 

6 chiàe : chiavi. 7 di’ : diede. 8 aria : arriva. 

* pòro: povero. 



182 GUIDO VITALETTI, INTORNO 

L’ avia rizzando aritta 1 , 

De la mano sinistra 
A Maria je 1’ appoggiò. 

Ce munta 2 due francesi 
E uno cascò ’n terra: 

Queir altro stramortito 
Disse: — Io me so’ pentito 
Più ’n su nun posso andò’! — 
Doppo de le otto ore 
Ce prova ’n ’ altra ólta 3 
Mango co’ ’na bon’ ora 4 
Nu’ la pòlse 5 calà’. 

Se parte due francesi 
Co’ schioppi e ballinetti 
Due preti va a trova’. 

Poveri sacerdoti! 

Piangendo e lagrimando 
Col fazzoletto biango 
J ’occhi se stea a asciutta’. 


«AI MIRACOLI DELLA VERGINE» 

De pena se moria(n): 

— Disse(r) : — Santa Maria 
Venétece a calà’. — 

Doppo 1’ avea calata 
Je vanno attorno attorno, 
Curàje (i e perle al collo 
Je le fece cavvà’. 

La messe ’n t’ en cassone 
Quand’ è bell’ inchiodata 
Pe’ pótella ’mbarcà’. 

Poveri Loretani! 

Piangendo e lagrimando : 

— Maria se partiranno 
De nue se scordarà —. 

Sci nn’ era ’l Santo Padre 
Che ’n pace li mandava 
Pure la Santa Casa 
Volia ricamminà’! 

Guido Vitaletti. 


1 rizzando aritta: eretta drizzandola. 

2 manta: sale (salgono). 3 òtta: volta. 

4 mango co’ ’na bon 'ora: neanche con un’ ora buona {di lavoro e di sforzi). 

5 pòlse: potè. 0 curàje: coralli. 


Tavola del ms. jaeoponico del Marchese Viti-Molza 

a Modena 1 . 

O amor de pou^rtgde [165] 

Pouertà inamorata [218] 

Insegnatimi Yh^su Christo [107] 

Uergene più che femina [204] 

O nouo canto [189] 

Homo de ti me lammto [119] 

O alta penitenza [164] 

Homo che uol parlare [121] 

O amor muto [165] 

Alte quatro uirtute [51] 

Homo che possa lingua domar [147] 

O anima che desideri [58] 

Multo me sono delungato [156] 

Che fai anima predata [224] 

O mezo uirtuoso [188] 

Assai me sforzo de guardare [81] 

Signore dame la morte [241] 

O Regina cortese [194.] 

Or chi hauaria cordoglio [195] 

Piange dolente azzima predata [213] 

Amore dilecto Christo beato [54] 

Amore dilecto amore [54] 

Sapeti uui nouelle [235] 

O jubilo del core [184] 

La bontade infinita [135] 

1 Su questo ms., cfr. Solerti, Giorn. stor. d. lett. ital. XV, 312, Piccolo 
cart. sec. XV, proveniente dalla Bibl. di S. Francesco alla Vigna, Venezia. 
Non ho potuto avere sottocchio il ms. che per un ’ora, durante la quale ho 
redatta la presente tavola. Tra parentesi quadre, la pagina degli «Inizii» del 
Tenneroni. 


184 


GIULIO BERTONI 


Lo amore in lo core uol regnare [137] 

La bontà se lamenta [135] 

O amore diuino amore — perchè, ecc. [165] 

O dolce amore — che hai, ecc. [172] 

Fugo la croce che me deuora [114] 

In septe modi corno pare a mi [107] 

O Homo metete a pensare [121] 

La superbia de laltura [140] 

Auditi la bataglia — che me fa, ecc. [63] 

Oldite noua patia [253] 

Cinqui senni ha messo el pegno [83] 

Lanima che uitiosa [138] 

Lo ho mo fu creato uirtuoso [147] 

Si corno fa la morte [240] 

Dona del paradiso [103] 

Lo amore che uennuto in carne [48] 

Uoi che hauita fame de lo amore [263] 

Chi ne seria credente odando dire [77] 

Lo mio core e la mente [147] 

Lo Y/zesu sguardo incarnato [146] 

Signor mio io uo languendo [242] 

Amore de caritade [54] 

Nullo ho rno mai se sa ben confessare [163] 

Sopra ogni lingua amore [244] 

O Jesu fornace ardente [184] 

Uolendo acomenciare [164] 

O Christo mio diletto [170] 

El dolce amatore [106] 

O Jesu nostro amatore [132] 

Nouo tempo de ardore [163] 

O Francisco pouerello [175] 

Uergene clara luce [204] 

Audite una tentione (fra Onore e Vergogna) [63] 
Senno me pare e cortesia [238] 

Mutato han ueste li lupacini [157] 

Guarda che non caschi amico [120] 

Pero che alchuni ho mini domandan [212] 

Non tardati peccatori [162] 

Conscientia mia [169] 

Alto patre nui te pregiemo [52] 

O femine guardate [174] 


TAVOLA DEL MS. JACOPONICO DEL MARCHESE V1TI-MOLZA A MODENA 185 


O papa Bonifatio — molto hai, ecc. [191] 

Auditi una tenzone — Che era fra due persone [63] 

O Christo pietoso [171] 

O anima fidele [166] 

O castitade bel fiore [169] 

Amor che ami tanto [54] 

Que farai fra Iacopone [225] 

Signor mio per cortesia [201?] 

Ne forte aliquis patet, ecc. 

Un arbor è da dio piantato [254] 

0 corpo infracidato [170] 

O frate briga a dio tornare [176] 

O frate guarda el uiso [175] 

Non se tenga amatore [162] 

O Christo omnipotente [171] 

O derrata 1 guarda el prezo [172] 

O Christo omnipotente (rip.) [171] 

0 amor che me ami [165] 

Amor diuino amore — Amor che non sei amato [54] 
Piange la ecclesia [213] 

Jesu Christo se lamenta [131] 

Frigesente caritatis 
O anima mia — creata gentile [166] 

O uita de Jesu [205] 

O amore contrafacto [55] 

O libertà subiecta [185] 

La ueritade piange [144] 

Or se par irà chi hauerà fidanza [196] 

Poi che a dio io possa piacere [243] 

Auditi una tenzone — che è fra V anima e ’l corpo [63] 
O peccatore chi te ha fidato (209) 

In cinqui modi appare [107] 

A li ogij corporali [47] 

O Francesco da Dio amato [175] 

O frate Ioh anne de Aluerna [47] 

Que farai Petro da Morono [225] 

O papa Bonifatio-porto ecc. [191] 

Lo pastore per mio peccato [106] 

Lo amore che à consumato [137] 

Nel ms. si direbbe stia scritto: denota. 


186 


GIULIO BERTONI 


Jesù fazo lamento [132] 

Ama Jesù anima inamorata [53] 

O anima fidele — che vuoi di Dio, ecc. [l«bò] 
Tropo perde el tempo [249] 

O dolce amor Jesù quando sarò [173] 

0 dolce amor Jesù che amato me hai [173] 
Laudiamo lo amore diuino [143] 

Ne la degna stalla [159] 

Ciascuno amante [81] 

Laudiamo Jesù el figliol de Maria [142] 

Ben moro de amore [71] 

Amor Jesù dilecto [56] 

Anima peregrina [59] 

Dilecto Jesù Christo [98] 

Chi uol auer de Dio [79] 

Guidarne tu Jesù guidarne tu [120] 

Aue domine Jesn Christo 
O cmtx fr-uctus saluificus 
Lo amore a mi uenendo [137 ] 

Anima benedeta [57] 

Sempre te sia in dilecto [238] 

Aue fuit prima salus 
Stabat matcr spetiosa 
Stabat mater dolorosa 
Vergene benedeta [260] 

Canti zogliosi [74] 

Verbum caro factum est 
Cum desiderio uo cercando [85] 

Ochio che uede Dio 
Io son Jesù dilecto [127] 

Jesus dulcis memoria 
Crux de te nolo conqueri 
Cur mundus militat 
Ave regis angelorum 
Laudiamo Jesù [143] 

Partete core (208) 

Cristo amatore — verace intendanza 
O amor non cognoscuto 
Si fortemente son tracto [241] 

O dolce amore che uolesti 
O Jesu Christo omnipotente [184] 


TAVOLA DEL MS. JACOPONICO DEL MARCHESE VITI-MOLZA A MODENA 


187 


Figliol de Dio nel mondo nato 
Pregamo te divisto saluatore [218] 

Or questo ciecho mondo 

Gode gode ne le pene gode [119] 

Dica el mondo ciò eh’ el vole 
Lo mio signore che è nato [147] 

Dura sei anima mia [104] 

O gloriosa sopra li beati 
Amare non uoglio te [53] 

Ueniti amanti al diuino amore 
L’ amore ma sì ligato [138] 

Sempre sei tu laudato [238] 

In uita eterna [125] 

Benedetto sia lo giorno [70] 

Pouertà zoiosa [193] 

Non poterai fugire [162] 

Doppo queste alegreze [104] 

De sedatiui o peccatori ingrati 
Misericordia dolcissimo Dio [155] 

[O amore che facto me hai] [164] 

[Poi che sei facto frate [217] 

[Signore amoroso] 1 
Audite una mata patia [253] 

Faciamo facti or faciamo [110] 

Amor J^su perche el sangue spandisti [56] 

Quando talegri homo daltura [223] 

Dolce uirgine Maria [103] 

Per li nostri gran ualori [211] 

Di Maria dolce [98] 

Bon Yh^sù amor cortese [72] 

Douame la morte Iesù [103] 

Christo per lo tuo amore [89] 

Moro damore [157] 

Languisco damore [138] 

Chi ci uedesse el mio dilecto [76] 

Dauante ad una colonna [93] 

Me uoglio in altro homo mutare. 

_ Giulio Bertoni. 

1 Munca una carta e perciò non si leggono nel codice i tre componimenti^ 
il cui principio è fra parentesi quadre. Della loro presenza nel codice, quando 
era integro, mi fa accorto 1' indica in fine del manoscritto. 



BIBLIOGRAFIA. 


G. Dottin, La langue gauloise. Paris, C. Klincksieck 1920. 
(Collection pour l’étude des antiquités nationales II). 

Fur den romanischen 'Sprachforscher ist ein Buch wie dasjenige. von 
Georges Dottin besonders willkòmmen: bietet das Werk doch in bequemer 
Form als das ftir uns Wichtigste zunàchst die aus dem Altertum iiber- 
lieferten Inschriftentexte, eine Abhandlung uber die Stellung des Gallischen 
innerhalb der keltischen Familie, eine Ubersicht auch der in der tìberlieferung 
herrschenden lautlichen Schwankungen einzelner Formen (p. 45—68), einen 
fesselnden Abrifi der Geschichte der Irrtumer auf dem Gebiete der keltischen 
Sprachwissenschaft und endlich ein Glossar der uns aus dem Altertum uber- 
lieferten Worter und Wurzeln (auch solcher, die durch die romanischen 
Formen gefordert sind), soweit die Eigen- und Ortsnamen uns solche klar 
erkennen lassen. — Es kann nicht in meiner Aufgabe liegen, die Kapitel 
zu bespréchen, welche auf der indogermanischen Seite liegen: dazu 
bediirfte ich jener Kenntnisse, die gerade Dottin auf dem Gebiete des Irischen 
wie des Bretonischen aufzuweisen den Vorzug hat, sondern es liegt mir daram 
diejenigen Kapitel und Probleme zu streifen, die den romanischen Sprach¬ 
forscher interessieren mussen. 

Da ist nun allerdings gleich zu bemerken, dafi Dottin auf der romanischen 
Seite sich durchaus wenig selbstàndig und unternehmend erweist: Das 
Kapitel: Les traces da celtique dans les Icingues rornanes , p. 72—79 
wird dem neugierigen Leser, der uber die Frage des sprachlichen Einflusses 
des Gallischen auf das Galloromanische orientiert sein mòchte, eher eine 
fiihlbare Enttàuschung hinterlassen. Man kann nicht einmal behaupten, 
datò dieser Abschnitt dem Stande der Forschung entspricht: die Entwicklung 
von frz. lieu <locum wird trotz Meyer-Liibkes Widerspruch, Z. /. rom. 
Phil. XXXII, 295 immer noch fast vorbehaltlos (p. 78) auf Einwirkung des 
bret. ledi zuriickgeftihrt ; ob unter den Romanisten irgendeiner noch die 
Ansicht vertritt, dafì der Dativus possessionis le livre à André keltischem 
Einflufi zu verdanken sei, mòchte man doch bezweifeln. Auch die ganze 
u—u-Frage ist merkwurdig unselbstàndig dargestellt und tràgt den in den 
letzten 20 Jahren eingeleiteten Forschungen kaum Rechnungh Es ist dieser 


1 Cfr. z. B. zuletzt Mever-Liibke, Zeitschv. f. frans. Spr. u. Lit. XLI, 
1; XLIY 75; Gamillscheg, ibid. XLY, 341. 







BIBLIOGRAFIA 


189 


Mangel, dem Dottin hoffentlich in einer zweiten Auflage abhilft, uni so mehr 
zu bedauern, als doch gerade 6r durch die feine Kenntnis der westfran- 
zòsischen Mundarten mit der romanischen Mundart- und Sprachforschung 
stets lebendige Beziehungen bewahrt hatte: Der meist histstorisch und 
nicht linguistisch orientierte Leser wàre ihm daher ganz besonders ver- 
pflichtet, falls er sich dazu entschliefìen konnte, den Leser knapp zu in- 
formieren, welches die Ergebnisse der romanischen Sprach- und speziell 
Wortforschung flir die Kenntnisse des Gallischen in den letzten 50 Jahren 
gewesen sind: datò dabei Ascolis beriihmte «Lettere glottologiche» hier bahn- 
brechend vorgegangen sind, datò Schuchardt, Meyer-Liibke und andere hier 
neue Wege eingeschlagen haben, diirfte wohl auch irgendwo im Buche Er- 
wàhnung finden. Wenn Dottin uns so pràchtig den Gang der wissenschaft- 
lichen Theorien uber Herkunft und Verwandtschaft des Gallischen berichtet, 
warum soli hier nicht gegenuber dem Optimismus Ascolis hinsichtlich der 
Spuren einer Einmischung des gallischen Lautsystems auf das Gallo- 
romanische die grofiere Skepsis Meyer - Ltibkes 1 an einigen Beispielen be- 
legt werden? 

Sehr vermissen wird nicht nur der romanische Sprachforscher, sondern 
auch der Indogermanist einen Abschnitt uber die Mittel und Wege, wie 
vom Romanischen aus gallische Worter und ihre Bedeutungen rekon- 
struiert werden diirfen: es ware interessane den in seiner Form auffallenden 
Satz: «La présence d’un mot supposé celtique dans la péninsule ibérique, 
dans^le centre et le le nord de l’Italie, dans l’Aquitaine en rend suspecte 
l’origine celtique et donne au contraire, à l’origine latine, plus de vraisemblance» 
(p. 72) mit Beispielen zu belegen; man mòchte aber auch wiinschen, der Ver- 
fasser wiirde sich dazu entschliefien, an einigen Beispielen die Schwierig- 
keiten der Rekonstruktion eines gallischen Wortes und die Fehlerquellen, 
die dabei zu vermeiden sind, zu beleuchten. — Nicht mit einem einzigen 
Worte werden solch groBartige Arbeitsinstrumente wie der Atlas lin- 
guistique de la France oder Mistrals Trésor dou felibrige er- 
wàhnt, die uber die Verbreitung von gallischen Wortern in den heutigen 
romanischen Mundarten Auskunft zu geben vermòchten: ein Hinweis auf 
die Arbeiten W. Schulzes 2 , auf diejenigen von P. Skok 3 oder von W. Kaspers 4 5 
uber die -acwn- Namen Frankreichs, auf die bahnbrechenden Forschungen 
MuretsVund Marteaux’ 6 uber die Ortsnamen der Westschweiz und 
Savoyens, das Bulletin du gloss. des patois de la Suisse romande, das doch 
Etymologien uber vorromanische Worter 7 mancherorts besprochen hat, 


1 Cfr. z. B. Literatnrbl. f. gemi. u. rotti. Pliil. 1910, 280. 

2 Zur Geschichte der lateinischen Eigennnamen, Abhandlgn. 
d. Gott . Ges. d. Wiss. 1904 (wo z. B. die gallischen Orts- und Personen- 
namenverhàltnisse der Gallia cisalpina mehrfach behandelt sind). 

3 Beiheft d. Zeitschr. f rom. Phil . II. 

4 Etymologische Untersuchungen liber die mit - acum, 
-anum, -ascimi, -useuni gebildeten nordfranzòsischen Orts¬ 
namen, Halle, Niemeyer 1918. 

5 Romania XXXVII, 1, 318, 540. 

6 Reme savoisienne XXXV et ss. 

7 Z. B. calvi , cfr. L. Gauchat. Bull, du gloss. de la Suisse rovi. IV, 3 
(cfr. uber dieses Wort auch Berthoud et Matruchot, Étude historique et 



190 


J. JUD 


haben bei Dottin weder Berlicksichtigung noch Benutzung erfahren. Solite 
die ihrer Internationalitàt sich nihmende keltische Philologie nicht auch 
auf dem Gebiete der romanischen Sprachwissenschaft dieselbe weitherzige 
Gastfreundschaft uben? 

Und nun zu einigen Fragen des ersten Teiles. 

P. 22—26. Es wàre sehr wertvoll, wenn der Verfassser sich gleich von 
Anfang an iiber den Geltungsbereich des Wortes «Gaule» klar aus- 
gesprochen hatte: Gehòrt Oberitalien und die Zentral- und Westschweiz mit 
dem Wallis auch zu «la Gaule»? Wenn ja, ist es dann unbescheiden zu 
verlangen, dafi diese aufòerhalb Frankreichs gelegenen Gebiete weniger 
stiefmtitterlich im Buche behandelt werden? So wàre wohl bei der Be- 
sprechung der aus dem Altertum iiberlieferten Ortsnamen der Gallia Cisalpina 
zu bemerken, dafl die Zahl der aus dem Alpengebiet iiberlieferten Namen 
aus leicht begreiflichen Griinden iiberaus spàrlich sein mutò; um so wert- 
voller wàre nun ein Hinweis auf Salvioni, Bollettino storico della Svizzera 
italiana, XIX, 142, der auf die -dannili- Namen im tessinischen Voralpen- 
gebiet hingewiesen hat: es sind Duno in Val Cu via und im Malcantone, 
Solduno (bei Locamo, das auf Seudunum auf Segudunum beruhen 
konnte), Gorduno, Ind u n o «m duno?). Hinsichtlich der gallischen Namen 
in der alten Provinz Ràtien (umfassend die Raetia prima und secunda), wàre 
auch hiergròlJere Pràzision von hohem Wert: die Raetia prima (Vindelicia) 
ist r e i c h e r an gallischen Ortsnamen als die Raetia secunda, die nur unmittel- 
bar stidlich des Bodensees in der dem bùndnerischen Bergland vorgelagerten 
Rheinebene auftauchen: Brigantion und, wie neulich R. v. Pianta 1 nach 
gewiesen hat, Vindobona (Vinomna, altromanischer urkundlicher Name 
von Rankwil) (Vorarlberg); denn BQctyóóouvov (nicht -doupov?), xccooóà'ovvov 
(neben xapvo-), %ccp/3ó<fovvov liegen wahrscheinlich in dem sicher von Kelten 
einst bewohnten Vindelizien; *1 oovoó y ayog ist nicht der Name «d’une ville 
des Alpes», sondern, soviel wir wissen, eines Ortes im schweizerischen 
Kanton Wallis, in der Rhoneebene, die nur wàhrend 150 Jahreneinen 
Teil der Provinz Ràtien gebildet zu haben scheint 2 . Bieten die Inschriften 
von Ràtien (d. h. Raetia secunda) wirklich zahlreiche (p. 24) gallische 
Personennamen 3 ? 

P. 28. Uber die Sprache des Laterculus von Polemius Silvius durfte 
neben der Studie von Ant. Thomas, Rom. XXXV, 161—197 diejenige von 
Schuchardt, Zeitschr. f rom. Phil. XXX, 712 wie auch die meine, Bull etili 
dii glossaire de la Suisse r ornati de XI, 40, Erwàhnung finden. 

P. 54—71. Dottin hat hier eine ganz aufierordentlich willkommene Zu- 
sammenstellung der lautlichen Varianten gewisser in den Inschriften und 
Handschriften uns iiberlieferten Formen und Wòrter zur Verfiigung gestellt: 

étymologique des noms de lieti de la Còte di Or 1901, I, p. 21 ss.); uber 
jura, Gauchat, ibid. Ili, 14, etc. 

1 Regesten von Vorarlberg und LicJitenstein bis zum Jaltre 1260, 
1. Lief. 1920, p. 75. 

2 Oder, wenn Dottin das Wallis als einen Teil der Provinz Ràtia betrachtet 
wissen will, dann miifìte er auch Octodurum und Sedunum in die Zahl 
der «ràtischen» Stàdte aufnehmen! 

3 Cfr. nun den schonen Band der Inscriptiones Baivariae romanae 
sire Inscriptiones provincia e Raetiae V, ed. F. Vollmer. Monaci 1915. 


BIBLIOGRAFIA 


191 


leider wagt er nicht hier iiber die Mògliclikeit der diale ktischen 
Formen innerhalb des Gallischen sich auszusprechen. Man erlaube mir 
daher in diesem Punkte folgende Uberlegungen dem Leser zu unterbreiten : 

Wir haben nur dann Aussicht, auf dialektische gallische Formen zu stoften, 
wenn wir bei unzweifelhaft gallischen Namen oder Wòrtern in ihren 
romanischen Deszendenten einen Laulwandel feststellen kònnen, der 
den romanischen Mundarten in der Verbreitungszone des gallischen Wortes 
fremd ist. So beobachten wir im Spanischen und Ràtischen keinen Wandel 
von lat. -st- > zu (oder > -f-), wohl aber ist uns ein solcher Wandel im 
Gallischen 1 sichergestellt. Wenn das gallische *ambibosta «was man mit 
zwei Hànden fassen kann» als span. (dial.) mosci, embosd oder als biindnerisch 
boffa erscheint, cfr. Rev. de ftl. esp. VII, 339—350, so liegt hier unzweifel¬ 
haft ein romanisches Beispiel fiir den gallischen Wandel von -st > fr 
vor. Man kann nun entweder annehmen, datò die noch erhaltenen romanischen 
-si- Formen (gasc. mousto , piem. ambosta) einen àlteren gallischen Laut- 
stand, die -Jf- Formen (span. mosci , obw. boffa) einen j ti n g e r e n gallischen 
Lautzustand widerspiegeln, oder man kann, so glaube ich, mit demselben 
Recht voraussetzen, datò der Wandel von st > # nicht auf dem ganzen 
kontinentalgallischen Gebiet sich durchgesetzt hat und in den verschiedenen 
rom. Formen ein dialektischer Zug des Gallischen vorliegt. — Ein zweiter Fall 
liegt in der Entwicklung des gallischen mi vor: p. 358 berichtet Dottin: il 
semble que nd et nn soient des variantes phonétiques d’un mème groupe 
primitif: Manda - essedum (cfr. Tarv-essedani) s’explique facilement par 
mannus «petit chevai». Wer die in Frankreich bekannten Falle von 
nn > nd bei Foerster. Zeitschr. f rom. Pini. XXII, 265, 509 durchmustert, 
ist erstaunt, auf wie schwankender Basis der Bonner Gelehrte das Laut- 
gesetz nn > nd im Franzosischen konstruiert: sehen wir von columna ab, 
das ein Fall sui generis ist, so sind als solche Falle einzig zitiert die nicht- 
lateinischen Namen: VAronde <L Oronna und Gìronde < Garninna 2 3 * : ob 
auf einem solch unsicheren Material tiberhaupt ein romanischer Laut- 
wandel von nd < nn nachweisbar ist? Ich glaube, wir diirfen ruhig die 
Ansicht aussprechen, dafi -nn- in Frankreich keiner Neigung zu -nd- 
verdàchtig ist. 

Umgekehrt ist auch lat. -nd- nicht zu nn- geworden; auslautend -nd- ist 
wohl im A 11 provenzalischen als sogenanhtes festes -n erhalten, aber durch 
Ableitungen rasch als nd- erkenntlich. 

Nun hatte seinerzeit Thurneysen, Keltoromanisches, p. 32, darauf 
hingewiesen, dafi neben dem bei Columella bezeugten arepennis das frz. 
arpent und altspan. arapende auf ein àlteres arependis weisen. Ja, ich 
glaube, man geht nicht zu weit mit der Annahme, keine romanische Form 
setze ein a repenne fort, sondern alle beruhen auf einem arepende 8 . Die 


1 Cfr. dazu Pedersen, Gramm. I, § 49, 5. 

2 Ich lasse hier den P'all Garumna beiseite : wir wissen ja heute noch nicht, 
ob die Form Garunna oder Garumna als die àlteste gallische betrachtet 
werden mufi; wir wissen ferner nicht, ob der Name galliseli oder 
iberisch ist. 

3 So altfrz. arpent und Ableitung vom Substanti v arpent er. wie altprov. 

arpen , prov. mod. arpent a. 



192 


J. JUD 


lateinische Uberlieferung der Formen zeigt uns aber ferner bei arepennis: 
arpennis (mit fehlendem -e- in der Silbe are-) dasselbe Schwanken wie bei 
Aremoricus und Armoricus ; ja sogar das im ausgehenden Altertum be- 
legte arapennis (bei den Gromatici und bei Isidor) liegt dem span. arapende 
zugrunde. Liegt hier nun dialektale Lautvariante des .bei Columella aus 
einer cisalpinischen (?) Mundart entlehnten arepennem gegeniiber dem trans- 
alpinischen arependem vor? Eiriem gallischen talo-penno (cfr. Rom. XLVII, 
488) entspricht im franko-provenzal. tala-pent , ostfrz. talevande: darf nicht 
auch hier von einer innerhalb des gallischen Frankreichs vollzogenen dia- 
lektalen Entwicklung ron -nn- > -nd- genau gleich wie bei arepenne 
arepende gesprochen werden? — Einem gallischen Icorarnia entsprechen 
nicht nur die verschiedenen Ingrande, Yvrande usw., sondern auch In- 
grannes, Eaugronne, Ingrannes 1 . — Einem sehr weitverbreiteten benna 
«Korb» entspricht in den westschweizerischen Mundarten beda «ruche». 
Durfen wir also nicht auf Grund dieser romanischen Beispiele von einem 
gallischen dialektalen Lautwandel von nn > nd reden? Ergibt sich daraus 
nicht mit zwingender Notwendigkeit die Einsicht, dafi nicht die uns uber- 
lieferten (meist offiziellen) Formen der gallischen Wòrter, sondern die 
romanischen die innerhalb der gallischen Umgangssprache vollzogenen 
Lautwandlungen verraten kònnen 2 ? 

Man gestatte mir, noch zwei Falle anzufuhren. Nach -r- schwankt die 
handschriftliche IJberlieferung in bezug auf die Wiedergabe von -rg-\ 
vercobreto steht neben vergobreto, Argantomagus gegeniiber Arcantodan. 
Dieses Schwanken findet auch im Romanischen seine Bestàtigung: ein 
gallisches ver co-, vergo- in der Bedeutung «Arbeit, Ertrag, Vermogen» findet 
sich nàmlich, wie ich nàchstens zu zeigen hoffe, nicht nur in siidostfrz. ver- 
chère, altprov. verqneira «dot», sondern auch in dem bis heute unerklàrt 
gebliebenen friihmittellat. Wort avergaria , das uns das Polyptique de Saint- 
Rémy uberliefert hat 3 . 


1 Vgl. dazu die beiden Artikel von Havet und Longnon, Revne archéol 
t. 1892, 170, 280, die beide in Dottins Buch keine Beachtung gefunden 
haben. 

2 Der Wechsel von en: ou: u (cfr. Teutates, Toutatis, Totati, Tutatis) 
spiegelt sich ebenfalls in den Bezeichnungen des Blitzes lene-, Ione-, Inc- 
auf galloromanischem Gebiete wider; cfr. K. Gc>hri, Revne des dial. rom. 
IV, 55. — Oder der Wechsel von -tt- und -t- (cfr. daruber E. N. Matto, Mato 
[p. 65]) in ambilattiu > altfrz. amblais (< ambilatiu)\ das Schwanken von 
s-, -ss- in sasia, *sassia: neuprov. seisseto, sisseto (rhod.), saisseto «froment 
de la plus belle qualité, froment barbu, gros froment originaire de Barbarie, 
avec lequel on fait la pàté de vermicelle», das ebenso wie span. jeja, catal. 
xeixa, valenc. aixeixa, trotz Meyer-Liibkes Einspruch, Zeitschr. J. rom. 
Phil. XVII, 566, aus semantischen Grlinden kaum mit saxeu «grau» etwas 
zu tun haben. — Als Parallele von Exobnus: Exomnus, vgl. auch Vindo- 
bona: Vinomna (Rankwil) bei v. Pianta, toc . cit. — Zu m : b: Cevenna: 
Kf/ufjevov, vgl. samanca : span. saboga, ^axallinea : amelanco (vgl. unten). 

3 Ein zweites Beispiel des Schwankens von -re-, -rg- innerhalb des Gallischen 
bieten uns die romanischen Deszendenten des von Loth, Rev. celt. XXXVIII, 
308 angesetzten barca «palais, *maison,» das nicht nur dem frz. barge, 
sondern auch dem oberital. barc(a) (cfr. Rom. XLVI, 468) zugrunde liegt. 



BIBLIOGRAFIA 


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P. 99. Uber sr>fr im Gallischen wàre wohl Meyer-Ltibkes Aufsatz 
uber tessin. froda, Zeitschr. f rom. Phil. XX, 530 einzusehen. Wie auch 
auf dem Gebiete der Wortbildungslehre etwa das Romanische neues Licht 
in die gallischen Verhàltnisse bringen kann, kann an dem sudostfrz. vaadru 
«très fertile* gezeigt werden, in dem der erste Bestandteil ver-druto nichts 
anderes ist als die Intensivpartikel ver- + Adjekt (cfr. Pedersen, Gram. II, 
p. 10 (vgl. den Artikel dru im nàchsten Heft des Arch. Rom.). 

Zu dem sehr willkommenen gallischen Wort- und Stammverzeichnis 
(p. 223 ss.) gestatte man mir, zunàchst folgende Anschauungen prinzipieller 
Natur zu àufiern 1 . 

I. Verhaltnis der aus dem Altertum uberlief erten Be- 
deutung zu derjenigen der romanischen Deszendenten 
des gallischen Wortes. 

Der Artikel broga lautet bei Dottin: broga, ms. brogae «agrum» (Scholiaste 
de Juvénal Vili, 234): gali. bret.: bro «pays», v. prov. broa (mit Hinweis 
auf A. Thomas, Revue celtique XV, 216—219). Wer nun nicht gleich ein 
altprovenzalisches Wòrterbuch zur Verfugung hat, wird nicht erkennen, 
datò altprov. broa= «bord d’une rivière, d’un champ» bedeutet; er wird vor 
allem nicht daraus schliefien kònnen, welch starke Verbreitung dasselbe 
Wort nach (dem bei Dottin noch zu zitierenden) A. Thomas, Essais de 
philol. franeaise, p. 96—102 in den heutigen neuprovenzalischen und siid- 
ostfranzosischen Mundarten 2 aufweist, und zwar, was bemerkenswert ist, 
stets in derselben Bedeutung «bord, rive, orée, lisiére d’un champ gami 
de broussailles, talus inculte qui séparé deux champs sur le penchant d’une 
montagne, haie de broussailles, haie» (en Dauphiné) 3 . Angesichts dieser 
• Einstimmigkeit in der Bedeutung der romanischen Deszendenten 
von broga haben wir nicht das Recht, die Bedeutung «Grenze» ftir 
das Gallische anzusetzen und dabei etwa an parallele Bedeutungs- 
entwicklungen wie von altprov. marca «marche, frontière» zu erinnern? 

1 Herrn Dottin mòchte ich dringend nahelegen, die Verweise auf die grund- 
legenden Artikel nicht zugunsten etwa eines generellen Verweises auf 
REW zu unterdriicken: der Forschung ist mit einem blofien Verweis auf 
die notwendig auf knappsten Umfang zusammengedràngten Formen der 
Artikel der REW nicht gedient. 

2 Vgl. nun auch im Supplément des ALF, s.gazon; brouo, broua «bord 
gazonné d’une terre, couvert ou non de buissons». 

3 Nicht nur in der Dauphiné, wie Devaux in seiner bei Ant. Thomas, 

loc. cit., p. 103 abgedruckten Zuschrift betont, ist das Wort in der Bedeutung 
«ados entre deux champs labourés, limite commune de deux champs» belegt, 
sondern es tritt auch noch weiter im Norden auf (Mons de la Tour [H-Loire] 
abró «bord» Rev. de phil. fr£. s XXV, 134), savoy. brova «talus naturel 
avec pente très rapide, renflement qui se forme à la lisière inférieure d’un 
champ en pente par suite de la descente de la terre» (adj. brevan «rapide d’une 
pente» < -ante). REW 1323 dauph. breva mutò genauer definiert werden als 
dauph. (francoprov.); ein dort ebenfalls angefiihrtes piem. bru(i)a finde ich 
in dem piem. Wòrterbuch als bròa «sponda, orlo, lembo, margine, riva»; 
vgl. ferner: monferrin. a broua, a ra broua «alla proda, alla riva» und 
hierher vielleicht das Verbum sbrouée «schiarire la selva, tagliando qua e 
là i cespugli cresciuti intorno agli alberi grossi». Vgl. auch Rom. XLVII, 482. 
Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 13 


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J. JUD 


Unter durilo- lesen wir bei Dottin: 

dumo-, terme de nom propre; irl. doni, gali, da ni «poing», bret. donni 
*main«, v. frz. dor «mesure de longueur constituée par le poing ferme», 
prov. doni. — Bei REW 2754 lesen wir: 

doma (gali.) «Hand»: altfrz. 1 prov. doni «eine Handvoll». 

Die romanischen Formen weisen, wenn ich richtig sehe, alle auf ein dumo, 
nicht auf ein doma (cfr. altprov. doni); sie bedeuten, soviel ich zu sehen 
vermag, nicht eine «Handvoll», sondern «largeur du poing, largeur de la 
main», es liegt also kein Hohl- sondern Làngenmafi vor (vgl. Thomas, Rom. 
XLI, 455 und auch Glaser, Zeitschr. f franz. Sprache u. Lit. XXVI, 113): 
nur aus dem Làngenmafi erklàrt sich Saintonge dome «giron», doniée, 
douvnée «un giron plein» (Jónain), Poitou dome «giron, espace depuis la 
ceinture jusqu’aux genoux quand on est assis», domale «ce que contient 
une dome» (Favre, Lalanne), dome «pierres qui forment le cintre, la gueule 
d’un four» (anderswo auch tablier genannt), Anjou dome «tablier, giron», 
doniée «contenu d’un tablier, ventrée (d’une femme, d’une chienne)» (Verrier 
etOnillon), mittelfrz. dome, fém. «giron, espace depuis la ceinture jusqu’aux 
genoux» (Godefroy), Bas-Gàtinais doniée «plein giron» ( Rev . de pini. frQ. 
VII, 41), cfr. auch ALF, Suppl. s. giron, tablier 2 3 . Ist nun die Bedeutung 
«Hand» oder «Faust» fiir das Gallische zu vindizieren? — Da aufierhalb 
des Bretonischen das mit lat. palina urverwandte ir. Umili, cymr. ilaw als 
Bezeichnung fiir «Hand» gilt, so diirfte es sich im Bretonischen eher um 
eine sekundare Bedeutungsverschiebung handeln; dem gallischen dar il 
ist also doch wohl die Bedeutung «Faust» zuzuschreiben s . Ich wiirde also 
den Artikel bei Dottin so redigieren: 

damo (probablement) «poing», irl. doni, gali, durn «poing», bret. donni 
main» — : vfr£. dor, vprov. doni mesure de longueur constituée par la 
largeur de la main»; poitev. saintong. angev. dome «giron, espace depuis 
la ceinture jusqu'aux genoux quand on est assis». 

Als weiteres Beispiel zur Beurteilung des Verhàltnisses der im Lateinischen 
iiberlieferten zu den im Galloromanischen bezeugten Bedeutungen sei car- 
peiitnin erwàhnt. Dottin fuhrt dariiber folgendes aus: carpentiun «char», 
mot latin emprunté aux Celtes (cfr. Arrien, Tact., 33); irl. carbat, frz. char - 
pente, gali, carfan «poutre», bret. curvan «ensouple». Voir Carbanto. 

Zunàchst wiirde es gewifi auch den Keltisten interessieren, dafi in einem 
Teil des Biindnerromanischen, im Nidwaldischen, carpidi, obereng. crapent, 


1 Existiert eine altfranzòsische Form dorn'ì 

- Dagegen wird man kaum wagen, das siidfrz. dorgno «irrégularité dans 
le fil, bouchon (lim.), pustule», donrgnomi «morceau de pain ou de viande; 
bigarreau» (lim.), Fourgs drougne «excroissance des arbres», piem. donai 
«tumore, bernoccolo» hierherzustellen, solange nicht die weiteren Beziehungen 
zum weitverbreiteten brongnoco, bongno aufgeklàrt sind. — Dagegen scheint 
es mir mòglich zu sein, das im Val Tournanche (Aosta) bezeugte danni 
< doni + -eoln «il pezzo di tela in cui portano la razione alle bestie», 
dor noia s. f. razione contenuta nel darmi e l’una e l’altro insieme» (Merlo, 
Rendiconti dell Ist. lomb. XLIV, 823) mit damo zu verbinden. 

3 Zur Bedeutung von domo «Faust» > «Handbreite», vgl. altfrz. poing 
(de terre) im Erec 963 (Variante), Foerster, Wórterbnch von Chrét. v. Troyes, 
s. v. 



BIBLIOGRAFIA 


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untereng. charpaint noch heute der Ausdruck fiir «Fuhrwerk* ist, dafi 
ferner im Obwaldischen carpidi den wohl heute (meistens) verschwundenen 
«Schlitten, um die Molken zu transportieren», bezeichnet (neben der all- 
gemeinen Bedeutung «Feldgeràte», wohl weil sie friiher auf dem carpidi 
aufs Feld hinaustransportiert wurden). Es wàre wohl ferner die Frage auf- 
zuwerfen, ob die Bedeutungsiibereinstimmung von bret. carvan «ensouple» 
(also eigentlich «Achse», auf der das zu Webende aufgerollt ist) nur zufàllig 
ubereinstimme mit der Bedeutung «Wagenachse» im friaul. p harpint «sala, 
grossa spranga di legno traversale, nelle cui estremità liscie, dette fuselli o 
fusoli, girano, come in un’ asse, due ruote» (Pirona). Man darf nun aber 
auch weiter der Frage nahertreten, ob die Bedeutung des frz. charpente 
bereits dem Gallischen zuzuweisen sei: denn schliefilich ist uns ja die 
Terminologie des gallischen Hausbaus nur fragmentarisch iiberliefert, da 
wir bei den ròmischen Schriftstellern iiber Wohnungsverhàltnisse Galliens 
wenig Auskunft erwarten diirfen. Zwar scheint bereits in einzelnen Belegen 
des Thes. 1. lat. carpentarius eine breitere Bedeutung als diejenige von 
«Wagenbauer» durchzuschimmern; sicher ist die Bedeutung von carpen¬ 
tarius im 7.—8. Jahrhundert (cfr. Ducange) der des frz. «charpentier» sehr 
nahegeruckt. Entscheidend flir eine schon ins Gallische zuzuschreibende 
Bedeutung von carpentum = «Balkenwerk des Daches» scheint mir nun aber 
die Ubereinstimmung der Bedeutung innerhalb des Nordfranzosischen und 
des Engadin-Veltlins: dem altfrz. charpent , charpente entspricht Bergiin 
cliarpenna , obereng. crapenda «Bretterboden ob dem Heustalle fiir Feld- 
friichte, Heu u. dgl.», untereng. miinst. cliarpainta (Pallioppi), puschlav. 
kraphia «oberer Teil des Heustalles, Tennreife» (Michael), Bormio kraphia 
tavolato o impalcato per pagliaio sopra il fienile», veltlin. crapena «impalca¬ 
tura sopra il fienile» (cfr. iiber dieseEinrichtungauchHunziker, DasSchweizer- 
haus III, p. 259). Auffàllig ist lautlich die Erscheinung von -nt- > - nd - > -nn- 
in den ràtorom.-lomb. Formen, die kaum romanisch 1 sein kann, sondern eher 
auf das Gallische zuriickgehen wird: an Lenition aber von -nt > -nd zu denken 
wird man so lange zogern, als nicht weitere Beispiele von - nt > -nd > -nn 
beigebracht werden 2 . Ich wiirde also den Artikel carpentum bei Dottin 
redigieren : 

carpentum 1 . «char à deux roues à personnes, à marchandises, charrette à 
fumier» ; irl. carhat «voiture»; conservé dans le rétorom. 
(sousselv.) carpien(t) haut-eng. crapent, bas-eng. charpaint 
«voiture» (de toutes sortes), surselv. carpidi «traineau pour 
rapporter les produits de laitage dans la vallèe». 

2. «charpente» (sens probablement gaulois d’après carpentarius, 
attesté non seulement au sens de «charron», mais aussi comme 


1 Der von Salvioni. Zeitschr. f rom.PhiL XXII, 468 postulierte Wechsel 
von -enta > onda > cuna (cfr. cimi send a > obw. classena) ist eine Verlegenheits- 
erklàrung, die so lange fraglich bleibt, als -nda > -una nicht in Bergiin und 
Veltlin durch andere Beispiele besser bestàtigt ist (cfr. puschlav. crapena 
gegeniiber tresemi,a < transienda, bormin. crapena gegeniiber ON. Tregenda, 
Bergiin cliarpenna gegeniiber strabendo). 

2 Ein troncante > frz tritante aber Ableitung truander und altprov. 
truandar sind wohl vom Romanischen aus zu erklàren. 


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J- JUD 


«faber ligneus» et cTaprès les formes suivantes): vfr^. citar- 
peni, -e (wall. cherpeint\ fr^.-mod. charpente, haut-engad. 
crapenda, bas-engad. chavpaìnta, «grenier placé dans la 
grange» Valtelline cr apena «fenil au-dessus de l’étable». — 
Le sens du bret. carvan «ensouple» rappelle celui du frioul. 
tharpint «essieu » 1 . 

Wie aber das liebe volle Studium der romanischen Familie einesgallischen 
Wortes auch der Kenntnis der Bedeutung eines gallischen Wortes zu- 
gute kommt, mòchte ich an zwei Beispielen zeigen: 1. frz. dru, eine Studie, 
die in dem nàchsten Heft des Archivimi romanicnin erscheint, weil sie, zu 
umfangreich, den fiir diese Besprechung gewàhrten Raum gesprengt hatte 
und 2. die Geschichte des Wortes gulbia «bec», das bei Dottin, p. 261, ver- 
zeichnet ist. Dottin stellt gouge zu gulbia «bec»; REW 3906 dagegen 
reiht gonge zu der einmal belegten Nebenform gubia. Als Fortsetzer von 
gnlbia làfit REW 3911 nur ital. sgorbia, San Fratello gonrb, neapol. gnlbia 
gelten. Uberschauen wir die italienischen Formen, so ist zunàchst der Ein- 
druck kaum zu unterdriicken, dafi der Name mit dem Werkzeug weit ge- 
wandert ist. Die -rè-Formen decken fast das ganze zentrale und westliche 
Oberitalien: moden. boi. veron. sgnrbia, piem. genues. mail. berg. parm. 
regg. mirandol. sgorbia, bresc. sgróbia, also stets = ital. sgorbia und auch, 
im Siiden finden sich als Vorposten: cal. sgnrbia, sizil. sgnrbia; eine 
einzige -/-Form ist fiir das trent. sgolbia sichergestellt. Die auf gubia 
zuriickgehenden Formen liegen in Italien an der Peripherie: neapol. 
gubbia (nicht gulbia in dem mir zur Yerfiigung stehenden neapolitanischen 


1 Der Artikel 1710 des REW ist deswegen irrefiihrend, weil der Leser 
kaum ahnen wird, dafi die Bedeutungen «Korb», «Korbwagen», <-Geriist» 
alle fiir carpentum erschlossen sind auf Grund der Etvmologie von 
carpentwn mit corbis : es wiirde sich daher empfohlen haben, die er- 
schlossenen Bedeutungen im REW der Wòrter mit einem Sternchen 
zu versehen. Ein dort zitiertes obwald. carpient existiert nicht in der Be¬ 
deutung «Bretterboden iiber dem Heustall»; heifit neufrz. charpente «Geriist» 
und nicht «Dachgebalk» ?. Ein engad. crapaint «Fuhrwerk» existiert nicht, 
sondern nur ein o b e r eng. crapent, u n t e r engad. citar paini. — Da die Zweige 
der Hagebuche meines Wissens nirgends in Frankreich zur Herstellung von 
Korben verwendet werden, so diirfte die Etimologie der ostfr. Wòrter, die 
REW auf carpinea (< carpimi ?) zuriickfiihrt, sich nicht halten lassen: denn 
ein Vergleich der Karten teigne, montagne mit charpeigne zeigt, dafi 
charpeigne mit -anca, nur selten mit -inea marschiert. Meyer-Ltibkes 
Formen sind, wie oft, irrefiihrend: ein wallon. Hirpen ist weder Horning, 
Zeitschr. f rom. Phil. XVIII, 215 noch Haillant, s. chairpaine bekannt; 
auch ein lothr. kirpen ist mir nicht belegt (sondern nur charpagne); erst in 
den Vogesenmundarten, da, wo mòtèn < montagne, tritt auch carpai auf, 
(fiir das Horning, der beste Kenner der Vogesenmundarten, ein -anea oder 
-mea [nicht -ìneu] postuliert). Da, wo die -igne -Formen (z. B. franchecomt. 
citar pine, Doubs citar pigne) auftreten, diirften solche auf Riickwirkung des 
charpignier «vannier* zuriickzufiihren sein: ein Gali, carp-agno (zum Suffix 
-agno, Pedersen, Granim. II, p. 27) wiirde wohl am ehesten den romanischen 
Formen entsprechen. 



BIBLIOGRAFIA 


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Worterbuch), irp. gubbeja, tarent. gubietta 1 , venez. sgubia (auch guiba?)^ 
friaul. sgoibe, vicent. poles. sgubba, bellun. sgiiba, romagn. Sgobba 1 sind 
mit lucches. sgabbia zusammenzubringen 2 : es scheint fast, als ob sgubia 
Hohlmeifiel» einer volksetymologischen Verkniipfung mit curvo (> sgorbia) 
unterlegen sei. In Frankreich liegen nun die Verhàltnisse aber wesentlich 
komplizierter: Eine erste Serie von Formen mit der Bedeutung von ital. 
sgorbia lautet: altprov. goja «gouge (outil)», prov. mod. goujo, boujo (gasc.), 
goubio (lang. lim.), gòbio (Quercy) «gouge», sav. gozè «gouge; doloire», Suisse 
rom. godja «gouge» (Bridel), Vionnaz godzè «hache à tranchant recourbé» 
Hérémence(Valais) gonze «instrument tranchant»,Planches-les-Mines egoudge 
«gouge», Bresse (Vosges) gouge «gouge*», frz. gouge, die alle gubia fort- 
fiihren. 

Dapeben taucht nun in Siidfrankreich (wo?) nach Mistral auch gourbio 
«ciseau à biseau triangulaire -, tuile cannelée, tuile faitière» auf, das piemonte- 
sisches Lehnwort sein kònnte. 

Eine andere Serie von Formen, die nicht nur der Dict. gén ., sondern 
auch RE W 3906 ohne weiteres auf gubia zuruckfiihrt, betrifft das franzòsische 
Wort gouet (das iibrigens nicht «Hohlmeifiel», sondern «serpe, petit couteau 
à lame fixe; arum [piante]» bedeutet), welches in die folgende Reihe von 
Mundartformen hineinzustellen ist : 

Siidfrankreich: Champsaur gouyart «grosse serpe», gouy «serpette à 
tailler les arbres», goyarda «forte serpe à pointe recourbée et solidement 
emmanchée pour fa^onner les fagots», gouyoun «petite serpe», Lallé: gonion 
«serpette», gouionnar «couper le taillis, les haies avec le g.», Velay goùia 
f. «forte serpette», Corrèze gouiar, -rdo «serpe» {Rom. XLII, 387), Romans 
gouye, gonyet «petite serpette». 

Frankoprovenzalisch: Grenoble goni «serpe de bucheron», goyetta 
«serpette», -yat f. serpe plus petite que la «goyarda» (Ravanat), Isère, 
Voironnais goni «serpette à tailler les arbres» Jons (Isère) goy, gaigoya, 
«serpe», goy età «serpette» {Rev. de phil. frf. VII, 269, 273). 

Forez. gouilla f. «serpe, serpette» goy e «serpe», gouillarde «espèce de 
hache, de grande serpe pour tailler les haies», lyonn. goy et a, goy arde «petite 
serpe de vigneron», Létra(Rhóne),gw m. «serpette à tailler les vignes», goyorda 
«serpe», sav. (Albertville) goian f gollian f golliarda «serpe recourbée à 
l extrémité dont on se sert pour l’élagage des arbres», goietta, gollietta f. 
petite serpe de poche, à lame recourbée, pour tailler la vigne »(Brachet), sav. 
gàie, gwé, gwéta «serpe, serpette« (Const. et Dés.), Fourgsg'cw^ «serpette», 
Yaudioux goi m. «serpe», vaud. gole «serpette du vigneron» Gignoux, Ztschr. 
f. rom. Phil. XXVI, 49. 

Ostfrankreich: Bresse louhannaise goyard «grosse serpe à long manche, 
muni d’une fourchette sur l’autre coté du taillant, pour tailler et piacer les 
ép>ines dans les bouchures», -arde «serpe en forme de faucille», Bn^e-les- 

1 An die Vegetius-Stelle: «compones pedem (iumenti) ad gubiam et omnem 
ungulam ad vivum allides» erinnert die Bedeutung von tarent. gubietta 
«scalpello ricurvo dei maniscalchi per pulire le setole dalle unghie delle 
bestie». 

2 Cfr. die Resultate von fovea: fobba, foiba in Xorditalien. 


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Pesmes: goni «serpe», gouillà, goyà «serpe à manche long qui sert à élaguer 
les arbres», Saóne-et-Loire goni «serpette de vigneron» (Fertiault), Morvan 
goyar «espèce de volan ou de vouge», berrich. gonet «serpe» (Lapaire), 
bourbonnais gouye, -yard, -rde, -yette «serpe, serpette» (Duchon), gouillard 
«instument tranchant polir élaguer les arbres, les haies» (Choussy), Yonne 
goue(t) «serpe»; Centre gonet, goy, gouy «serpette», goyart «serpe à long 
manche»; Haut-Maine gouet «serpe», Bas-Maine gwé «grosse serpe de 
bucheron» ; angev. gonet, gouette «couteau à lame forte et recourbée, servant 
dans les étables à fendre les betteraves, petite serpe pour tailler les arbres», 
poitev. gonet «lame de couteau effilée et légèrement recourbée, emmanchée 
au bout d’un morceau de bois et servant à enlever les noix de la coquille». 
Dafi aber diese goni «serpe» - Formen nicht gubia sein kònnen, zeigen 
meines Erachtens die Ableitungen: Petit-Noir: gwizot , Broye- les -Pesmes 
gouisotte «petite serpe», Fourgs gonesse «serpe», gouesson «serpette», Vau- 
dioux goyaci «serpe à long manche», neuchàt. gotieizet «serpette, petit couteau» 
(Bridel), Franche-Comté£'0mss£, goisse, gouisot etc. (nebengw) «serpe, faucille, 
serpette» (Dartois), Grand’ Combe gwès «serpe de bucheron», Pierrecourt 
gùzitw «petite serpe pour travailler la vigne», Saóne-et-Loire gonisot, -sote 
«serpette de vigneron», Sainte-Sabine gouz otte «petite serpe pour tailler la vigne, 
les arbres», dijon. guisotte «serpette», Meuse guaisottc «serpette» (Cordier). 

Wie sind nun aber die -sette - Ableitungen mit einer gubin :g‘oz-Form 
zu vereinigen? Ich sehe vorlàufig nur einen Weg, weiterzukommen: in 
Sùdfrankreich besteht nach Schuchardt, Globns LXXX, 209 1 als Be- 
zeichnung fiir die «Sichel» dansso (cfr. Mistral: dansso, poudo-cn-dausso , 
endansso, endanso, dans, dan «croissant fixé au haut d’un long manche, 
vouge» (wozu auch Thomas, Rom. XXXVIII, 361; XLII, 387) 2 . Die Grund- 
form ist ein dausu; die ostfranzósischen Formen aber scheinen auf ein gausin 
(oder gautin ?) 3 zuriickzugehen, aus der goisette , aber kaum gol zu deuten 


1 An derselben Stelle fuhrt Sch. auf eine Grundform gnlbia > gurbia 
(cfr. cymr, gylyf * Sichel») das neuprov. gonrb, gonerp (mars.), gonarp (aveyr.) 
«espèce de serpette», vb. gourbihà, gonrbilhd (lang.) «couper avec l’étrape». 
gourbiho, gonrbilho (aveyr.) (> biskayisch bask. gnrgnillu ), gonrbello (lang.) 
«étrape, petite faucille, serpette pour vendanger; ibis vert» zuruck. Allein 
wie erklart sich derWandel von lbi>-rbi, der jedenfalls in den Vertretern 
von salvia (cfr. ALF, c. sangé) keine Stiitze findet. Dann ist ferner zu 
betonen, datò keine Form belegt ist, die auf lat. -bici zuruckgehrt: die siidfrz. 
gonrb, gonrbiha weisen direkt auf cnrvu, cnrbn 4- ilho hin. Ist denn diese 
Bildung semantisch auffàlliger, als wenn das siidfrz. coudet «faucille» auf 
den gekriimmten Ellbogen coude, das cymr. cryman «Sichel» auf crwm 
«krumm» deutet? Lat. cnrvu ist nicht nur im span. corvillo «breites Messer», 
katal. corbella «breite Sichel», Chimay courbet «outil tranchant en forme de 
croissant pour amincir les cercles qui doivent maintenir les parois de la 
galerie». Val d'Aosta corbetta «serpette», metz. creubion, -biote «serpette des 
vignerons» (Jaclot), sondern curva kann alles mógliche «Krumme» bedeuten, 
so die Radfelge, krummer Haken, Knieholz, Krummholz (am Pflug) usw. 

2 Steckt dieses daus in poitev. andais, andois, ondeux «petite palette 
en fer, tranchante et à douiUe, que l’on adapte au pied de Faiguillon pour 
nettoyer la charrue et couper les mauvaises herbes»? 

3 Frz. goi(e) «serpe», gewohnlich als gota, einmal gobins bei DuC. aus 
dem 13. Jahrh. Ist letzteres falsche Latinisierung? 



BIBLIOGRAFIA 


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ist l . Ob nun im siidfrz. daus im Anlaut eine Angleichung von àlterem gatis 
etwa an dalli «faux» erfolgt ist 1 ? Auf jeden Fall darf frz. gouet > goi, 
ostfrz. goisot(te) nicht mehr einfach mit gubìa zusammengebracht werden, 
ehe nicht die semantischen und morphologischen Schwierigkeiten eingehend 
erortert worden sind. 

II. Aus dem Romanischen erschlossene Formen. 

Dem prov. abelanco, fr£. amèlangier stellt Dottin auf Grund von 
Schuchardts Artikel Zeitschr. f rom. Phil. XXVI, 421 ein aballinca 
«nèfle des Alpes» zugrunde. Nun wàre zunàchst wohl zu betonen, dafi die 
Angabe der einzigen Form prov. abelanco unter den bei Mistral verzeichneten 
Formen: amelenco, amalenco, malefico, aberlenco (lang.), amelanco, abe¬ 
lanco, abiatico (rouerg.), amelancho, amerancho (aveyr.) durchaus w i 11 k u r - 
li eh ist: willkurlich auch deswegen, weil dieses prov. abelanco, abiatico in 
dem Gebiete liegt, wo lat. -v- wieder zu -b- (lavare > label) wird> so dafi also 
zwischen aballinca und dem prov. abelanco fiir den nicht romanistisch 
geschulten Leser eine angebliche Ubereinstimmuag des intervokalen -b- auf- 
fàllt, die ihm den Gedanken nicht nahelegt, das neuprov. -b- beruhe zunàchst 
auf -v-, Es wàre ferner wohl neben aballinca auch ein aballanca anzugeben. 
Ein frz. amèlangier (nicht amélanchier ?) kann aber, da der Baum ja nicht 
im Norden gedeiht, nur siidfranzòsisches Lehnwort sein. 

Unter grauco fiihrt Dottin (nach REW 3849?) ein altfrz. groie, ein prov. 
granca ohne irgendwelche Bedeutung an; nach REW 3849 gehòrt unter 
graucu aber altfrz groue (nicht eher groe% groie sandiges oder sumpfiges 2 
Land», prov. crauc «stèrile, aride», cranca, grauca «terre stèrile», 

Dann stellt aber REW 3851 wiederum altfrz. grotte zu grava neben 
grève , ohne sich iiber das Verhàltnis der beiden Formen auszusprechen. — 
Nun wàre bei einer Grundform: graucu zunàchst zu fragen, ob es andere 
Beispiele fiir den Ubergang eines gali, gr- > cr- gibt: denn auf ein cr- weist 
das altprov. crauc adj., crauca neben grauca wie der Ortsname der Crau 3 . 
Ubergang von cr> gr ist im Franzòsischen und bei nichtlateinischen Wòrtern 
hàufig; fiir den umgekehrten Vorgang dagegen sind die Beispiele zunàchst 
noch beizubringen. Dottin hat aber weiter das prov. crauc auf eine Grund¬ 
form crauca, ein fr$. dial. guy. ente (welche Bedeutung?) auf erotica zuriick- 
gefiihrt, wàhrend RE W 2340 4 fiir dasselbe guy. criic «Kopf, Scheitei» (ist 
die Bedeutung «Kopf» bezeugt?) ein gali, eruca «runde Erhòhung» postuliert. 
Soweit wir heute die Verhàltnisse .iibersehen, liegen die Formen folgender- 
mafien : 


1 Castro, Rev. hisp. V, 32 hat das span. calagozo, calabozo «Hippe» 
in seiner Verbreitung untersucht: die ptg. Formen mit oti (calagouzo) 
weisen auf einen Diphthongen ou (oder au , also gautio ?) zuriick: handelt es 
sich nicht*'um dasselbe Wort wie in goizottel 

2 In keinem Beleg bei Godefroy kann ich die Bedeutung «sumpfig» finden. 
* Gehòrt hierher grati «petit canal entre un étang et la mer» (Dép. Gard) 

Rev . des l. rom. XXVI, 59? 

4 Schuchardt, Zeitschr. J. rom. Phil . XXVI, 316 hat die von M. L. 
im REW vorgetragene Anschauung nicht gebracht, sondern er geht von 
cochlea aus und deutet die Mòglichkeit eines gallischen Einflusses an. 


200 


J. JUD 


Guyenne cruc heifìt nach Mistral «sommet de la tète», aber auch cricco, 
crugo x «sinciput de la tète, sommet de la tète, cràne», ebenso im Dep. Cantal, 
Punkt 717 des ALF , c. cime heifìt cricco «cime de la montagne»; in 
derselben Gegend heifìt nach Rom. XXXVII, 489 cruquet ebenfalls «sommet 
de la tète». Also miifìte man zunàchst die lautliche Schwierigkeit von.gali. 
eruca 2 > cruco (Erhaltung des intervokalischen -c- !) beseitigen. Nun kennt 
der grofìte Teil Sudfrankreichs in denselben Bedeutungen wie cricco «sommet» 
ein truc, triico, ein sue, siico, ein cuc, cicco «monceau», das dem Westen 
der Provence (bis ins Zentrum Frankreichs [Puy-de-Dóme] verbreitet) eigen 
ist : ist nun das cruc, welches von truc, sue umgeben ist und an die cicco- 
Zone anschliefìt, nicht eher ein Kontaminationsprodukt aus truc + cicco? 

Auf jeden Fall ist das Problem cruc -o wesentlich zu kompliziert, um im 
gallischen Lexikon bei Dottin zu figurieren. Dagegen will mir scheinen, 
dafì in dem Gebiete, wo louk «Blitz» mit dem Diphthongen - au - (Mistral 
iciaUj eiaic, elhaus «Blitz») erscheint, auch ein gali, crouca mit - au - in 
prov. crauc nichts Auffàlliges ist. Ob nun dieses crauc mit dem bergam. 
grò «grillaria, luogo sterile» (ValSeriana, Val Gandino) zusammenhàngt, bleibt 
angesichts der Nebenformen wie sgrós zu untersuchen; dagegen scheint 
mir dieses crauca mit den bei Godefroy in den àltesten Belegen stets unter 
der Form groe figurierenden Formen ubereinzustimmen: cfr. anca, altfrz. 
oe>oue. Die heutigen Formen 3 grouet (geschrieben: groie und grouas) 
konnten groe -f et (cfr. vendom. grouetté) sein, wobei -et auf zwei Quellen 
- etum oder -ittu zuriickgehen kann, cfr. Beszard, Noms de lieu du Bas-Maine 
Index, s. -etum (cfr. fr£. gravois ), -ittum oder - aceum): falls -etum vorlage, 
konnten beim Schwanken von wè und wa (cfr. ALF, K fouet, Joie) die 
Doppelformen groie, grouet sich unschwer deuten lassen. Das einfache 
Substantiv la gro(e) lebt aber wahrscheinlich noch in der Bedeutung «giace» 
weiter, cfr. ALZ, K. giace und Bas-Maine grò «gelée; terre pierreuse 
ou durcie par la gelée» 3 (Dottin). Den Artikel Dottins wurde ich demnach 
so fassen: 

crouc ou crauc est postulé par le v. prov. crauc «stèrile, aride» ( crauca, 
grauca «terre stèrile», v. fr£. groe, qui se continue dans les dial. de l’Ouest: 
p. ex. poitev. groie ( <groas ou groet) (ou groe croisée avec croie «craie»?) 
«terre légère et calcaire, où il se trouve une assez grande quantité de pierres 


1 enego ist nicht sicher, da Mistral als Kopfartikel cricco, crugo «eruche» 
anftihrt, so dafì man nicht weifì, ob beide Formen auch fur die Bedeutung 
«sinciput» gelten. 

2 Bei Annahme eines Diphthonges crouca ware dagegen die Erhaltung 
des -c- leichter zu erklàren, cfr. aucat < auca. 

3 Da neben groie nach Lalanne, Gloss. poitev. auch groge « terrai n léger, 
rempli de petites pierres» belegt ist und letzteres in Ortsnamen. des Dep. 
Vienne auftreten soli, so wird man der Versuchung, in groe etwa ein gali. 
grulla (< grava) zu sehen, das sich (wie gali, baica [cymr. baw «saleté»] 
> siidfrz^ bouvo, altfrz. boe) zu altfrz. groe entwickelt hàtte, widerstehen 
mtìssen. Der Auslaut von grog, groe (Orne), Mémoires de la Soc. des 
Antiqu. IV, 236, «aspérités que présente la boue durcie par la gelée et qui 
rendent le chemin raboteux», beweist natiirlich nichts fur die Etymologie 
von groie. 



BIBLIOGRAFIA 


201 


de mème nature» (God.). — Il est douteux que le prov. (guyenne) cvuc «sommet 
de la tète, cime d’une montagne» entre dans la sèrie des descendants du mot 
gaulois. 

III. Verhàltnis des gallischen zum 1 ateinischen Wort- 
sch a t z. 

Im Arch. f d. Stud. d. n. Sprachen CXXVI, 117 hatte ich bei Anlafi 
der Untersuchung der Karte son des ALF auf die Tatsache hingewiesen, 
dafi gewisse, in den «sermo provinciali» Galliens ubergegangene gallische 
Worter das Eindringen des semantisch gleichbedeutenden lateinischen 
Wortes verhindert haben: gali, bren «Kleie» hat dem lat. furfur, canta - 
bruni, canicae; glenare einem spiculare oder legere spicas, das gali. 
multo dem lat. vervex in der Bedeutung «Hammel» 1 den Weg ver- 
sperrt. Àhnlichen Widerstand seitens gallischer Worter haben lateinische 
Worter in gròfierem oder kleinerem territorialen Umfang in Frankreich 
sich gefallen lassen miissen: quercus hat nirgends cassanus , sulcus (cfr. 
sudfrz. sou, souco ) das gali, riha nur in einem Teil Sudfrankreichs ent- 
wurzeln kònnen. Ist annona wirkJich je gegeniiber blé < gali, mlato volks- 
tiimlich geworden? Hat serum «Molken» das gali, mesga, das lat. terebra 
das gali, taratrum «Bohrer» je nur ernstlich zu bedrangen vermocht? So 
durften also gerade diese gallischen Worter bereits dem lateinischen 
Wortschatz Galliens im Altertum seine bestimmte Fàrbung verliehen 
haben: ein Beamter aus Italien mufite wohl, nach Gallien versetzt, manches 
gallolateinische Wort im Verkehr mit Bauern und Handelsleuten ebenso 
erlernen, wie wenn in der Schweiz ein Landwirtschaftslehrer plòtzlich vom 
Bodensee nach Bern versetzt wird und einen Teil seiner ihm von Hause 
aus vertrauten bàuerlichen Terminologie nun nach dem neuen Milieu um- 
gestalten mufi! 

IV. Und nun noch zu den einzelnen Wòrtern: 

alausa: heifit die prov. 2 Form nicht alauso V 

ambactus: zur Geschichte des Wortes wàre auch Baists Artikel, Zeitschr. 
f. deutsche Wortf IX, 32 einzusehen. 

ambicus: cfr. Bull, du gloss. des patois de la Suisse rom. XI, 23. 
Und da Dottin einen anderen Fischnamen des Polemius Silvius, nàmlich 
amulus, nicht erwàhnt, so darf ich auf dessen Nachkommen hinweisen, die 
ebenfalls an gleicer Stelle, p. 38, besprochen worden sind. 

anax: vielleicht wàre die Einsicht in den Artikel anax bei Ducange hier 
zu empfehlen. 

ancoravus : es wàre interessant zu erfahren, wie Dottin den Fischnamen 
ancoravus begrifflich mit ancora verbindet. 

1 Cfr. nun zu diesem Beispiel, W. v. Wartburg, Abhandlg. d. kgl. 
preujì. Akad. d. TF/ss. 1918, Nr. 10. 

2 Es wàre wohl im Interesse des Klarheit des Ausdrucks, wenn Dottin 
statt prov. (== neuprovenzalisch) den Ausdruck prov. mod. annehmen wiirde, denn 
auf deutscher Seite wird in ebenso mifiverstàndlicher Weise prov. (= alt- 
provenzalisch) verwendet: wie soli da ein mit romanischen Yerhàltnissen 
nicht vertrauter Keltist sich hinsichtlich der Bedeutung der Abkiirzung 
prov. zurechtfinden? 


202 


J. jUD 


aratro: Man darf sich wohl fragen, ob stidfr. araire, nordfrz. arere , die 
man gewòhnlich auf lat. aratrum zurtickfuhrt, nicht eher auf das gali, aratro 
cfr. auch frz. charme < carnicci) zuruckzufiihren sei, um so mehr, wenn 
man bedenkt, dafi mehr als ein Pflugteil des araire gallische Bezeichnungen 
tràgt: cfr. soc «soc» < socco (irl. soc, bret. soc’h «soc»), lim. chambijo «timon 
d'araire, haie de charme» ( Ccamb-ìca ) (cfr. Ant. Thomas, Bull, de la Soc. 
des parlers de France I, 135) 1 und slidfrz. tascoum «coin qui fixe le soc 
de la charme», das, wie ich in der Romania nàchstens zu zeigen hoffe, eben- 
falls gallischer Herkunft ist. 

attegia: ware es fiir den Nichtromanisten nicht wiinschenswert, uber 
die Verbreitung des Wortes im Wortschatz und in Ortsnamen etwas Ge- 
naueres zu erfahren? 

balca: existiert das altprov. terra banca, das Dottin wohl aus RE W S9 C > 
kopiert hat? Nach Levy existiert altprov. terra balca , dessen Bedeutung 
«terre forte (?)» jedenfalls aus der bei Levy angeftihrten Stelle kaum zu 
entnehmen ist. Uber das Problem vorlàufig Gamillscheg, Zeitschr. f. 
rom. Phil, XL, 135. 

barino: besser v. prov. baita ; zur Verbreitung des Wortes Bull, de diai. 
rom. Ili, 67 ss. 

bardala: El. Richter, Die Bedeutungsgeschichte der romanischen 
Wortsippe burd, p. 101 (Sitzungsber. d. Wien. Akad., Bd. 156; kennt ein 
lang. bardai «Perche» (Mistral), das ich allerdings im Tresor nicht finde. 

bascauda: frz. bacile «bassin» diirfte eher zu bacca zu stellen sein; cfr. 
slidfrz. bacho, altprov. bacii asa «pétrin». 

basi: ital. basire bedeutet jedenfalls heute nicht «sterben», sondern «von 
Ohnmacht befallen werden», pistoies. basire «in Ohnmacht fallen, sterben». 
Statt prov. basi ist wohl besser neuprovenzalisch zu setzen (auch poitev. 
basir «disparaitre»); comasc. mail. sbasì heifit »erbleichen, schlaff, welk 
werden», im tessinischen aber «sterben» (Monti), berg. sbasì «erschrecken», 
bresc. sbasì «sterben», trentin. sbasir «basir, assiderare, intirrizzire«, venez. 
sbasir «morire», friaul. sbasì «impallidire per timore», mantov. sbasir 
«morire», parm. sbasir «sterben», bolg. sbasè «pallido«, romagn. sbisì «che 
è già morto». 

bava: solite nicht besser gedruckt werden: balia, da doch ein frz. boe 
ein bara voraussetzt? Vgl. dazu auch neuprov. bouvo < baua wie fon 
< fagli. Das puschlav. boga, REW 1000, kann nattirlich von den Bull, 
de diai. rom. Ili, 69 angeftihrten Formen nicht getrennt werden: ein bawa 
geniigt aber jenen ràtischen Formen kaum, weil im Obwald, das lateinisch 
au bewahrt hat, bova und nicht bauva auftritt. 


1 RE IV kennt ein poitev. sambiz, limous. sambizo «Pflug», das mir 
unbekannt ist: das poitev. chambige bedeutet «morceau de bois fourchu 
auquel sont attelés les boeufs placés le plus près de la charme quand on 
laboure avec deux paires de boeufs» ; darf man die limousinische Form 
chambijo in sambizo umtranskibieren angesichts von Puybarràud (tcyàbìdzyo) 
«timon d’une charme à labourer» (Rev. des patois gallorom. Ili, 201)? 
Uber das Wort, das auch in der Auvergne erscheint, cfr. Dauzat, Rev. de 
phil. frc. XXVL 73. 




BIBLIOGRAFIA 


203 


beco: was unter REW 1014 angefiihrt ist, ist auch ftir altprov. belo z u 
beanstanden: ein siidfrz. belho «abeille« ist wie ital. pecchia, d. h. durch 
Artikeldeglutination zu erklàren: mit dem catal. bagot «Biene, Stechfliege» 
verhàlt es sich folgendermafìen : es figuriert nur bei Labernia unter bagct 
«gotim (= kleine Traube, die nach der Lese iibrigbleibt)*, ant. burinot, 
abella». Die Bedeutung «Biene» ist also nur a 11catalanisch; burinot wird 
bei Labernia wiedergegeben durch span. abejarron (Pferdepfliege, Maikàfer), 
abejorro (Maikàfer), abejon, stingano «Horniss, Drohne» (ferner iibertragene 
Bedeutung «Dummkopf»). Ob man nun dieses altcatal. bagot (cfr. Aguiló 
s. bagot) ohne weiteres mit gali, beco «Biene« verbinden darf? — Und in 
diesem Zusammenhang sei auch noch kurz das altfrz. besaine beriihrt: die 
Ansetzung einer Grundform besèna «ruche» 1 fiir das frz. besaine ist zum 
mindesten so lange unsicher, als nicht nachgewiesen ist, datò die-Formen 
alter seien als die -tìtt-Formen: die Belege bei Godefroy und Ducange 
geben in dieser Hinsicht keinen sicheren Anhaltspunkt 2 : dagegen gehen, 
wie Meyer-Liibke, Misceli. Ascoli 415 richtig betont hat, die obwald. 
maseina «langes Immenfafi» (Carig.), maseina, baseina «langer holzerner 
Bienenkorb» (Carisch) in der Tat auf ein besèna , wobei man fiir das Schwanken 
von b-, )n- die Doppelform von bascauda, mascauda anrufen kònnte. Den 
Zusammenhang des frz. besaine , des obwald. baseina mit berg. bisól «bugno, 
arnia» haben wohl bereits Ascoli, Arch. glott . VII, 570 und spàter Nigra. 
Rom. XXXI, 511 divinatorisch erfafit: die enge Verkniipfung des Wortes 
tur »Summen» und des Namens der «Hornifi und der Biene» zeigt nicht 
nur die Karte ALF, c bourdonner, sondern auch ve.d «bourdon», westfrz. 
vesiner, vesonner «bourdonner (des avettes, des bourdons)» 3 . 

benna: Gerade bei diesem Worte hatte REW 1035 das Recht, an die 
Spitze des Artikels die Bedeutungen «Korb, Korbwagen, Korbschlitten» 
anzusetzen, wobei allerdings durch ein Sternchen bei den Bedeutungen 
angedeutet werden solite, welche Bedeutungen erst aus dem Romanischen 
erschlossen sind, und welche im Altertum belegt sind 

beria: existiert ein prov. berrò bei Mistral (aufier in Ortsnamen)? Zu 
gallorom. beria: wàre nicht besser zu sagen mlat. und auf die betreffenden 
Artikel bei Ducange und, in bezug auf die Ausdehnung des Wortes, auf 
Bull. d. dial. rom. Ili, 13 n. 7 zu verweisen? 

bettiu: ist nicht die Verbreitung in Stidfrankreich genauer anzugeben 
auf Grund der Karte bouleau des ALF‘Ì 

bilio: Hier wàre nun wohl der Artikel von L. Spitzer iiber habiller, 
Zeitschr. f. frz. Spr. u. Lit. XLV, 366, einzusehen: aufier den im REW 
zitierten Formen (valses. bia, bijun «tronco d’ albero che si fa calare dai 
monti sulla neve*) wàren noch in Italien hinzuzufiigen: piem. bia «troncone, 


1 Auch die Bedeutung «Bienenkorb» fiir das Gallische anzusetzen scheint 
mir etwas gewagt: Die Bedeutung «(wilder) Bienenschwarm oder wilder 
Bienenstock» scheint, nach den Belegen bei God. zu urteilen, richtiger und 
àlter. 

2 Der Reim beseines :plaines beweist naturlich so lange nichts, als wir 
nicht wissen, ob der betreffende Text eine : aine auseinanderhàlt. 

3 Ein engad. masain «Speckseite» Misceli. Ascoli 415 ist aber nur im 
Miinstertal belegt: das bundnerische Wort ist cufica. 


204 


j. JUD 


pedale o parte del fusto d' albero % bion «tronco, fusto, pedale o stipite 
d’ albero segato»: dagegen ist es lautlich nicht so leicht — was iibrigens 
Nigra, Arch. glott . XV, 100 schon richtig gesehen hat — veltlin. bic (so, 
nicht bicc, wie REW schreibt), mail. bic «tronco dell’ albero dalla radice 
alla forcatura«, com. bic «tronco rotondo d’ albero da sega o da schiappa» 
mit bilia z u verbinden, weil veltlin. bic in einem Gebiete liegt, wo -Ij- 
auslautend nicht zu c wird, sondern als j bleibt (cfr. maj < malleuY. Siid- 
lich des Po liegt bilia (cfr. Nigra, Arch. glott. XV, 99, das Zitat fehlt RE W) 
nur in der Bedeutung «legni storti coi quali si serrano lé legature delle 
some» vor im regg. bilia, Arce via bilia, ital. bilia, das vielleicht langs der 
via. Romana mit den Saumtiertransporten gewandert ist. 

bistlos: So verlockend auch die Gleichsetzung von bistlos (in alien 
keltischen Dialekten die «Galle») mit altprov. bescle «rate» falso «Milz»), 
neuprov. bescle, blesqne «rate, viscère (auch airée de gerbes qui a été foulée 
par les chevaux, mais non remuée avec la fourche»), besclin «maladie de la 
rate», lvonn. bekle «rate de mouton» ist, so bleibt doch der Bedeutungs- 
ubergang von gali, bistlo «Galle» sehr seltsam (Zauner, Rom. Forsch. XIV, 
510 kennt nur einen Fall der Verwechslung, und zwar in dem Grenzort 
Malmédy rat «fiel»), wàhrend doch die keltischen Sprachen scharf auseinander- 
halten: bestlo «Galle», aber spclgh-a (bret. felc’h, altir. selg ) «Milz». 

bodina: Thurneysen, Keltoroman ., p. 91, hatte, da frz. b or ne ani bodina 
zuriickgehe, auf die zufàllige Ubereinstimmung mit cymr. byddin «Truppe, 
Armee» (< bodina) verwiesen und zwischen «Grenze» und «Truppe« als 
Ubergangsbegriff «Heersàule angenommen: wird das Hypothetische dieser 
Auffassung einem Leser des Artikels bodina von Dottin auch einigermafien 
verstandlich? 

bornia: vgl. Bull, dii gloss. de la Suisse rom. XI, 20. 

borvon: frz. bourbe, vgl. Maver, Sitsgsber. d. kais. Akad. in Wien 175; 
p. 156. Ware nicht hier der Ort, darauf hinzuweisen, dafi dem Schwanken 
von -b- Borvo und Bornio entspricht: lim. bourbo, borbo «vase, bourbe, 
lie», bourmarous «marécageux, humide où l’eau sourd, en Rouergue», bourmo 
«fumier délayé, purin, bourbe (dans les Alpes)»? 

braca: vgl. auch bracatns, Rom. XLV, 557. 

bracem «farine de choix»: ist diese Bedeutung von brace bei Plinius 
wirklich belegt? Altfrz. brais fiihrt Dottin an, dagegen REW 1253 frz. 
brai, wallon. brali , picard. bra* «geschrotete Gerste»; Diez in seinem Etymol. 

Wtbch. endlich bras (so auch Meyer-Liibke im Thesaurus l. lat., s. brace). 
Welches ist nun die richtige Form? Zunàchst ist die gewohnliche Ortho- 
graphie frz. brais, die altfranzosische Form sicher brais (nach Godefroy, 
SuppL s. v.) 1 2 . Der pràchtige Artikel bei Grandgagnage, s. brà (woher hat 
Meyer-Liibke sein wallonisch brah '?) 3 «blé préparé pour faire de la bière ou 

1 Man mufòte jedenfalls Entlehnung des veltlin. bic aus einem Gebiete 
annehmen, wo man paga «paglia» sagt. 

2 Woher hat der sonst so sorgfàltige Diez die Form brasi Etwa aus dem 
bei Grandgagnage zitierten altwall. bràzl 

3 Diez zitiert ein wall. brah e; das will doch bei ihm walachisch = ru- 
mànisch heifien ! Und meint auch Horning, Zeitschr. f. rom. Phil. XXX, 
453 dieses walachische brahe, das er mit einem wallon. brahe (woher?) 
gleichstellt? 


BIBLIOGRAFIA 


205 


du genièvre, cest du grain que l’on a torréfié après l’avoir fait germer», 
brahi «torréfier le blé germé pour en faire du brà»: alle diese Formen 
gehen also auf braisier zuriick, vielleicht noch heute in Malmédy brà «orge 
cuit qui demeure dans le basSin après que Fon en a tiré la bière» (Villers). 
Woher stammt endlich das picard. brache des RE W ? Wohl aus Corblet: 
brache «brasse, mesure de longueur»? 1 Dagegen hat neulich E. Gamillscheg, 
Zeitschr. f rovi. Phil. XL, 138>, Deszendenten eines bracellu sehen woilen 
im poitev. bridea, brizea «orge ou seigle que l’on séme très épais avant 
l’hiver et que Fon fait manger aux bestiaux au printemps, petite vesce noire» 
(dazu wohl auch brizeau «toute récolte qu’on fait pàturer ou qu'on coupé 
en vert pour faire manger à l’étable»), aber auch im neuprov. barjoulado, 
bargelado (rhod.), bargeirado (mars.), barjalado (lang.) «dragée, tramois, 
provende, mélange d’escourgeon et d’avoine et de vesce, qu’on fait manger aux 
bestiaux». Ein braisel oder *brazellada (altprovenzalisch ist kein Deszendent 
von brace nachgewiesen) hàtte nach G. einerseits brizel, in Sùdfrankreich 
barjoulado ergeben (ergibt macella > majel im Gebiet, wo barjoulado 
existiert?) 2 . Nun heifit aber die Wicke, also der Hauptbestandteil der barja¬ 
lado: neuprov. jarjaio, jargilho (dauph.), jarj alido (lang.), j arj a ri eies (a vey r. ) 
«esparcette, vesce fausse; vesce des blés, ers», altfrz. jardereau, jargerle 
«ivraie», das in den nordfranzòsischen Mundarten ebenfalls weit verbreitet 
ist: z. B. etwa Bas-Gàt. jerzeau «vesce», Forez jar der et, geargeai (Grasì, 
Centr ejarriaujargiau «vesces qui croissentparmi les blés» 3 4 usw. Das siidfrz. 
barjalado 4 kann etwaEinflufi des neuprov. balharge (lim.), baiar d, baiarge, 
balharc (gasc.) «orge» erfahren haben, die dem Mengkorn beigefugt wird. 
Damit ist nun naturlich noch nicht behauptet, dafi das poitev. bridail, 
brideau, briseau «orge ou seigle que Fon coupé en vert pour les bestiaux» 
nicht zu brace gehoren konne; doch miifite der Nachweis nun geleistet werden, 
datò man briseau, brideau, das auch «petite vesce noire» bedeutet, von dem 
siidfrz. barjalado trennen darf. Auf jeden Fall wird es gut sein, die weitere 
sachliche und lautiiche Aufklàrung durch Gamillscheg abzuwarten, bis diese 
Gruppe von Wortern unter brace eingestellt wird. 

branno: darf man angesichts des siidfrz. bren und anderer Formen ein 
branno «Kleie» ansetzen? 


1 Dagegen solite Dottin zu brachi, die von Horning, Zeitschr. j. rovi . 
Phil. XXX, 455 angefiihrten Verbalformen stellen. 

2 Wir werdèn auch in der kritischen Benutzung des Worterbuches noch 
Fortschritte machen miissen: ein pikardisches bralée existiert nur bei Corblet, 
der anerkanntermafien unzuverlàssig ist und Wòrter aus sehr verschiedenen 
Quellen zusammengeschrieben hat: kein anderes pikardisches Worterbuch 
bietet bralée, auch meines Wissens kein normannisches aufier dem Val 
d'Yères: brèlée: ist diese Uberlieferung und geographische Lagerung des 
traditionslosen Wortes nicht ein Fingerzeig, dafi brelée ein frz.-engl. barley 
repràsentiert ? 

3 Weitere Formen, cfr. Rolland, Flore IV, 216. 

4 Gamillscheg beruft sich fiir berjelado < barzelado auf die Formen 
siidfrz. aujel < aazel des ALF, c. oiseau: aber diese letzteren Formen 
sind im ganzen aufs Limousinische beschrànkt, decken sich also keines- 
wegs mit der Zone der barjelado-Formen. 



206 


J. JUD 


bris: warum vvird nicht das im Thesaurus l. hit. registrierte brisare 
<brechen» angefiihrt? 

brivo: woher stammt das altfrz. brif (Diez kennt nur ein altfrz. bri) c i 
Das sassares. brea «Schrei», alomb. brientar «verleumden», cors. briunci 
«schreien», brionu «Sdirei*, das REW zu unserem Worte stellt, hat, wie 
Guarnerio, Arch. glott. XIV, 390 gesehen hat, nichts mit unserem Worte 
zu tun, so langé das Verhàltnis dieses Wortes mit brigare, bregare «streiten» 
der ital. Md. nicht untersucht ist. 

caclavo: frz. caillou, cfr. nun mit anderer sehr beachtenswerter Begrundung 
E. Gamillscheg, Zeitsclir. f rom. Phil. XL, 161. 

Caio: ein altfrz eh ai existiert nur als altsiidwestfranzosisches Wort bei 
Ducange, und die Bedeutung ist die von «entrepót»: cfr. ALF, c. cave, 
carnbutta, Nigra, Bau steine z. rom. Phil., p. 224. 

camox: worauf beruht die «Keltizitàt» von camox'ì Welcher Quelle ent- 
stammt das frz. camu-s «Gemse«? Sind alle anderen Aufsàtze aufier den 
von Dottin zitierten Rom. XXXV, 176 iiber camox, camociu (also z. B. 
Salvioni, Rom. XXXVI, 228; Meyer-Lubke, Z.f. rom. Phil. XXXV, 503; 
Schuchardt, Z. f. rom. Phil. XXXV, 718) dem Verfasser unzugànglich 
geblieben 1 ? 

cantherius: gallisch? nur weil Plautus von «gallicis cantheriis» spricht? 
canthus: warum fehlt hier jeder Hinweis auf frz. jante und ALF, c.jante? 
capanna: warum kein Hinweis auf die franzosischenOrtsnamen Chavannes 
und camanna der Ostschweiz, Bull, de dial. rom. Ili, 4? Ist das Suffix 
von capanna hier auffàlliger als bel cavannus «hibou»? 

carnitu: irl. cani «amas de pierres». Zu cani- «amas de pierres» oder 
noch besser zu bret. carr-ek, ir. carraig gehòrt wohl jenes weit verbreitete 
frz. tsiron, woruber Archiv f d. Stud. d. neueren Spr. CXXIX, 234. 
cattus: gallisch? 

cavannus : aus den romanischen Formen (z. B. altprov. caiis, cavesca, 
cavana, altfrz. cìioe; cfr. Sainean, /. Beili, d. Zeitschr. f rom. Phil., 
p. 98) liefien sich doch wohl Riickschlusse auf die Aussprache des inter- 
vokalischen -v- im Gallischen wagen: solite nicht liberali von cabalimi 
auszugehen sein? So ist es denn sehr wohl mòglich, dafi das bei Holder III, 
Suppl., c. 1172 cavannu verzeichnete cauuam (falschlicherweise emendiert 
durch den Herausgeber in canna[nnu]ni) sich auf altfrz. choe stiitzen konnte. 

circius: existiert ein frz. cierce ? Solite nicht daruber ein Wort gesagt 
werden, dafi man vom Romanischen aus eher zu cercius gelangt, einer Form, 
die ja auch im Altertum bestàtigt ist. 

condate: vgl. dazu den schonen Aufsatz von Meyer-Liibke, Mélanges 
Chabaneau, p. 591 ss und Schuchardt, Zeitschr. f rom. Phil. XXXII, 78. 


1 Das fiir die Geschichte des Wortes camoce vielleicht bedeutsam und 
von Meyer - Liibke zum erstenmal im RE W angeftihrte Hérém. teyema 
«chèvre» steht bei Lavallaz, Essai sur le palois d’Hérémence, p. 20: ich 
erwàhne die genaue Stelle, weil das Auffinden der Form in der indexlosen 
Arbeit nicht leicht ist; vielleicht wàre es nicht ganz iiberflussig, darauf 
hinzuweisen, dafi Lavallaz fiir chèvre angibt: tcyèvra, nènia et tcyèma 
(letzteres Kinderbildungen?): Welche von diesen beiden letzten Formen ist 
die altere? Und ist teyema nicht = teyévra + nènia? 




BIBLIOGRAFIA 


’ 207 


crappao: zu irl. crapaim «je serre», gali, crajf «ferme* mòchte man 
gern stellen: neuprov. grapado (das neben grafado erscheint) in der Be- 
deutung «jointée, poignée». 

crientia: Als ich im Bull . de dial. rom. Ili, 68 gegen Salvionis Zuriick- 
fuhrung von tessin. oriente »scopatura del grano» Einspruch erhob (cfr. auch 
Zeitschr. f rorn. PJlil. XXXVIII, 78) und einen Typus crientia postulierte, 
war mir die Glosse nicht bekannt, die im Thes. gloss . lat . s. quisquiliae 
angefiihrt ist: IV, 559, 55: quisquilias: paleas vel crientas. Zu den an 
den beiden obengenannten Stellen erwahnten Formen fiige ich noch hinzu: 
piem. grinse «spiche o bacelli smallati, vagliatura del crivello», altfrz. es- 
creances (God.), creincier (Beleg, Rom. XLI, 68), Jura criarite «mauvais grain 
mélé dans le froment», écresanci «vanner de droite à gauche, rendre hargneux» 
(monnier), Fourgs: creiantès f. pi. «impuretés qui dans le vannage se séparent 
du grain et restent à la surface», écreuiantai «óter le mauvais grain», 
Broye-les-Pesmes : crientes «le petit blé *et la zizanie qui sont rejetés parie 
vanneur», Morvan crinses «déchet des grains après le vannage» ; Bourberain 
(Còte d’Or) èkrese «trier le blé* [Rev. des p. gallorom. I, 249), Sainte-Sabine 
crainces «grossières et mauvaises criblures», bourg. crinse f. pi. «déchets des 
grains« (Durandeau), Yonne crainces f. pi. «menues graines, déchets, résidus 
provenant de grains qui viennent d’ètre criblés ou vannés» (Jossier), troy. 
craincer «séparer le blé des dernières pailles» (Grosley), Centre crinser, 
cranser «cribler, nettoyer avec le crible», crinse, cranse «déchet de grains», 
poitev. ccrevances «grains défectueux qu’on enlève de la cour à battre ou 
qui tombént sous le crible» (Lalanne), angev. creiances, écréiances, quériances 
«déchets du criblage des grains» (Verrier et Onillon). Das Verbreitungs- 
gebiet von crientia im Norden Frankreichs und Oberitaliens hat Àhnlichkeit 
mit demjenigen von ambilattium (> amblais ), dritto > frz. dru und sombre 
«jachère« (. Arch . Rom . V 29 ss.). 

crith: warum hier nicht auf das Problem craindre hinweisen? 
damo: wàre nicht besser statt des nach Dict.gén. erst dem Bretonischen ent- 
lehnten irz.darnedas neuprov. fltam/omitseinerreichenBedeutunganzufuhren? 

derveta: solite nicht die belegte Form derbita an die Spitze des 
Artikels gesetzt werden, wobei ja ohne weiteres zuzugeben ist, dafi aus 
dem von Dottin auf Grund der keltischen Formen erschlossenen derveta 
(aber mit Akzentuierung dérvcta ) die Form dérbita (cfr. vervex : berbex, 
vervena : verbena ) leicht gewonnen werden kann. Was nun die RE JF2580 
angefiihrten Formen anbetrifft, so ist man eigentlich verwundert, dafi auf 
das merkwiirdige -i wie auf die -s-Formen des piem. derbi (wóneben aber 
dévbes, dèrbis «impetigginé» ebenso hàufig sind), prov. mod. bèrbi, dèrbi 
(rhod.), derbese, endèrbi, endèrvi Gang., gasc.) bers, dèrti masc. (aveyr.) 
neben enderte (bord.), endèstre (querc.), andèr, andèn, andèl (lim.), (dauph. 
derbio, berbio , aufier acht gelassen werden: das piem. derbi, neuprov. dèrbi 
(rhod.), endèrbi, endèrvi (lang., gasc.) kann doch wohl kaum anders als auf 
ein derbium 1 zuriickfuhren: aber wie sind die -5-Formen zu deuten? In 
Oberitalien liefie sich eine Form derbicu 2 plur. der bis (cfr. sg. arni(c): plur. 

1 Cfr. derbiosus, v Thes. I. lat., s. v. 

2 Auf ein solches -idi scheìnt piac. derbga hinzuweisen, das auch ein 
paves. monferr. derbia aus derbica wahrscheinlich macht! 


208 


J- Jud 


amis < amicu : amici) ansetzen, aber da das siidfrz. derbese, das seinerseits 
von poitev., enderce, endarde, enderde (Lalannne), Ile d’Elle onderce 
«dartre» {Re v. de phil. fr$. Ili, 104), andar se «dartre» (Levrier), Bas- 
Gàtinais anderce, end- «dartre laiteuse des gens» {Rev. de phil. fr$. VII, 
22, 46), Centre end arce, endarde «dartre», alteres frz. enderce (bei Godefroy 
spàte Belege) gestutzt wird, darf man doch kaum von einer anderen Form 
als derbice 1 ausgehen. — Was nun aber REW 2580: Bournois, Grand’ 
Combe de f co «Hiihnerauge» (eigentlich nur Grand 1 Combe: deco «cor au pied» 
Bournois décò m. «enflure produite par la piqure d’un insecte venimeux») 
anbetrifft, so ist die Zusammenstellung zu dèe «dartre» (von Boillot an- 
gedeutet) deswegen nicht ohne weiteres einleuchtend, weil weder das Htihner- 
auge (cfr. ALF) c. cor au pied ) noch eine Beule (vom Insektenstich her- 
rtihrend) von dartre aus benannt werden : es mufì wohl hier eine nachtràg- 
liche volksetymologische Verkniipfung an dartre aus einem àlteren arsion, 
arson vorliegen, das zum Beispiel weit in westfrz. Mundarten (angev. arsoli 
«sensation de brulure, de picotement, de démangeaison «fai des arsons au 
talon») vorliegt. 

dusiii: wtirde der Verfasser den Historiker nicht zu Dank verpflichten, 
wenn er auf Hornings Artikel Zeitschr. f rotti. Phil . XVIII, 218 ver- 
wiese ? 

eburo: Steckt eburo nicht im ersten Teil von frz. « bourdaine »? 
gamba «Bein» galliseli ?, cfr. aber REW, s. cainba. 
garmen: guerinenter altfranzòsisch? doch gewòhnlich guaimenter , das 
kaum mit gali, gami- irgendeine Beziehung hat; ebenso wird man altfrz. 
gramenter eher zu ahd. grani (4- lamentare) stellen. 

geusiae: darf man gense als altfranzosische Form ansprechen, wenn es 
nur zweimal, und zwar in demselben Text, iiberliefert ist? 

gigarus: wohl besser it. gichero (gicaro ist veraltet) einsetzen? Ist it. 
gichero die gleiche Pflanze wie gigarus ? 

glastuin: Das brescian. glazii, gl e ziti, gli zìi ist der Name von «Vacci- 
nium myrtillus», dessen Zugehorigkeit zu glastuin lautiich und begrifflich 
sehr fraglich ist. 

glissoinarga: ist nicht glisomarga Iiberliefert? 

gorto: solite bei lim. gorso nicht die Bedeutung angegeben werden? 
gretnia: kònnte uns Dottin dariiber aufklàren, warum innerhalb des 
Gallischen kelt. - en- > - an - nur im siidfrz. bano «Horn» (celt. belino > bauli-) 
vorliegt, wàhrend doch die romanischen Formen alle nicht ein grattini 
«Haar», sondern ein grennu (cfr. altprov. greti ) voraussetzen in Uberein- 
stimmung mit ir. gretti 

gluma: solite nicht die Bedeutung von altfrz. gonne angegeben werden? 
halus: wer die bei Rolland Flore populaire Vili. 72 angefiihrten Formen 
anugallicu , anagalicum algallico anagallis und den Artikel amigallietali 
anagallis des Thes. I. lat . einsieht, wird die «Keltizitàt» von halus wenig 


1 Horning, Z.f. rom. Phil . XXI, 452 n. Aber wie erklàrt sich dann das aus- 
lautende -e des prov. derbese ? Die piemontesischen Formen liefien sich zur 
Not ebenfalls mit derbice verbinden: derbis, das fàlschlich als Plural (cfr. 
lvònn. 1 e s dartres) aufgefafit und woraus ein Sg. derbi gebildet worden wàre. 



BIBLIOGRAFIA 


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gesichert finden; cfr. auch den Index p. 321 der Ausgabe des Marcellus, 
De medicamentis Iiber, ed. Niedermann. 

jupikellos: «genévrier» erinnert merkwurdig an den Namen desselben 
Strauches in Biinden; cfr. Bull, de dial. rom. Ili, 17 ss.: die einen btindner- 
romanischen Formen repràsentieren eine Basis jCippon (oberengad. giop, 
tessin. giiip ), die anderen eher eine Form jtlp(i)co (untereng. gioc). Ob aber 
dieser Name des Holunders wirklich keltisch ist? 

juva: iiber den Namen und Verbreitung des Wortes jiira in der Topo- 
nomastik wàre wohl in erster Linie ein Artikel von L. Gauchat, Bull, du 
gloss. d. pai. de la Sdisse rom. Ili, 14 (1905) zu vergleichen gewesen, 
fernet die Dissertation von W. Kaufmann, Die galloromanischen Be- 
zeichnungcn fiir den Bcgriff «Wald», Diss. Zurich 1913, 17—21. 

-late: geht gali, llaid auf -late zuriick? Und ist frz. délayer so sicher 
von altprov. deslegar «Jondre» zu trennen? 

mannus: vgl. REW 5309, dessen semantische Bedenken, wie ich nàchstens 
zu zeigen hoffe, kaum stichhaltig sind. 

manti: frz. maint darf nach dem Artikel von Schuchardt, Zeitschr. J. 
rom. P/iil. XV, 241 kaum mehr mit Sicherheit zum gallischen Wort gestellt 
werden. 

marga, mar gita: solite nicht zu marga das cat. span. ptg. margar «mit 
Mergel diingen», marga «Mergel» gestellt werden? Dazu gehort das cat. 
mar gali «Mergelgrube», mar gai, mar goni (rhod.), mar galli (aveyr.), 
margottili, margoulis (ìang.) «margouillis bourbier» mit der nordfranzòsischen 
Wortsippe margouiller, in die sich vielleicht frz. gouille < gulja, REW 
3911, eingemischt hat. Und wàre nicht im Zusammenhang mit der Plinius- 
Stelle, wo iiber die Verwendung des Mergels als D unger gehandelt wird \ 
auf die Karte des ALF, c. funder hinzuweisen? 

malora: solite hier oder in der gallischen Lautlehre nicht auf die Wieder- 
gabe des intervok. durch frz. t (statt Angleichung, tr > rr und prov. t 
statt -ir- cfr. fruire) hingewiesen werden? 

mena: solite hier nicht in erster Linie das prov. mod. meno «filon d’une 
mine» angefiihrt werden? 

mercasius: warum daneben nicht die ebenso hàufige altfranzòsische Form 
marchais angeben und auf westfrz. marchais hinweisen? 
mesgo-: cfr. Bull, de dial. rom. Ili, 67 n. 
nanto: vgl. Bull, de dial. rom. Ili, 74. 

nasca: vgl. auch nache «lien qui attaché les bètes à cornes à l’étable» 
(Verger, Jublains, p. 186). 

ole a: wàre hier nicht auf den Artikel in Paul und Braunes Beitràge 
911, 320 hinzuweisen und die Bedeutungen von altfrz. ouclie genauer 
anzugeben? Vgl. nun auch Spitzer, Zeitschr. f. frz. Spr. u. Lit. XLIV, 
251 und zur Bedeutung Marteaux, Revue savoisienne LX, 64. 
opulum: warum feblt das Wort in dem Vocabular bei Dottin? 
orlu : wàre die Form des Kasseler Glossars or digas nicht der Erwàhnung 
wert? 

padi: vgl. v. Ettmayers (Rom. Forsch. XIII, 380) Vermutung, es mòchte 
das trenti n. pagherà auf pad-a ria zuriickgehen. 


1 Bei marga fehlt der Verweis auf acaunomarga. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


14 



210 


J. JUD 


petitto: angesichts der Tatsache, datò frz. petit, aprov. petit als Bezeichnung 
fur «Kind» von dem bei Rossi, Insevipt. Clivist I, 356 belegten pitinnus 
(cfr. auch logud. pithinnu und pitinnus + picinnus, sp. pequeno ), pitulus 
sich nicht trennen lassen kann (cfr. schon Schuchardt, Vokalismus des 
Vulgdrlateins, p. 203 und Lófstedt, Philolog . Kommentar mi Peregrinatici 
Aetheriae, p. 197), so werden wir von gallischer Entlehnung wohl ganz 
absehen miissen. 

piperatium wie 7Tf7Tfo(ixi'Ov l u «iris des marais»: haben diese Namen keine 
etymològische Beziehung zu den von Ant. Thomas, Mélanges 114 auf- 
gezeichneten Namen derselben Pflanze? 

randa: hàtte hier nicht der auch sonst im Buche von Dottin merkwiirdiger- 
weise nirgends ervvàhnte Aufsatz von J. Havet, Igoranda and Icoranda 
«frontière» Revue archéologlque II. 170—75 (vgl. nun auch Ferd. Lot, 
Rom. XL, 492) Platz finden sollen? 

ratto: ist das allgemein romanische ratto wirklich keltischer Herkunft? 
rebarrus: man hàtte es geme gesehen, wenn Dottin sich uber die inner- 
keltische Verwandtschaft desWortes nàher ausgesprochen hàtte. Und ferner 
wàre es nicht unangebracht, uns zu erklàren, warum die galloromanischen 
Formen stets mit festem finalem -5 auftreten : also altprov. rebos, neuprov. 
rebous , reboussié, frz. rebrousse\ und vielleicht wàre eine griindliche 
Auseinandersetzung mit der Ansicht von El. Richter, Sitzgsber. d. Wieiu 
Akad. CLVI, 31—32 nicht iiberfliissig. 

reno und vino: bedeutet altfrz. rin «Quelle»? 

rotta: cfr. «nom. de poisson», Schuchardt, Zeitschr. f rom. Pini. XXX, 
727 und Verf., Bull, da gloss. de la Suisse rom. XI, 36. 
rufiis: Bull, du gloss. de la Suisse rom. XI, 35. 

rumpus: cfr. lombard. rompigli, rompami «oppio»; tessin. romp «oppio, 
adoperato a^sostegno delle viti», Salvioni, Bollett. storico della Svizzera 
ital. XIX, Ì65; Studi di filologia rom. VII, 222, 226. 

rlisca: im Sinne von «Rinde», cfr. ALFK, c. écorce und c. clivier. 
samauca ou samauca: durch die romanischen Deszendenten sp. sa boga 
< sabauca, cfr. Schuchardt, Zeitschr. f. rom. Phil. XXX, 728, ist doch 
wohl die Form samauca gesichert. 

samolum «sene^on»: solite der gallische Name nicht in den neben seneQon 
vorkommenden semefon, saninoli stecken? (cfr. ALFK, c. senecon und 
Rolland, Flore VII, 23). 

senoca: identisch mit altit. sellici «geschwollene Driisen», vgl. Bartoli, 
Das Dalmatische II, 431 (Schriften der Balkankommission, linguistische 
Abteilung V)? 

sesca: existiert altfrz. sesche? Und solite nicht eher das in den Be- 
deutungen den keltischen Wòrtern nàherstehende neupr. sesco «masse d'eau, 
typha, piante palustre en Gascogne; glaieul commun» (Mistral und ALF, 
c. roseau, Suppl. s. massette ), span. cisca «Art Schilf, womit man in Murcia 
die Dàcher deckt» (auch zisca) angeftihrt werden? 

socco, candosoccus: Thurneysens Vermutung, es mòchte das dem frz. 
soc «Pflugschar» zugrunde liegende succu eigentlich Schweinsschnauze* 


1 Daneben (a) rebus, (a) rebuzos «à rebours» bei Levy, Suppl. Wtb. 



BIBLIOGRAFIA 


211 


irl. soc «Pflugschar, Schweinsschnauze» mit einem anderen succu «Schwein» 
(cymr. kroch) identisch sein, ist gewifi sehr verlockend 1 , allein es wàre 
interessant zu wissen, ob auch anderswo die Pflugschar ihren Namen 
vom Schwein > Schweineschnauze > Pflugschar bezogen hatte: ich finde 
vvenigstens kein àhnliches weiteres Beispiel, und unter mehr als ein Dutzend 
Bezeichnungen fiir die Pflugschar eine einzige: bufere «soc» {ALF, K spc), 
dessen Verkniipfung mit bufo «moue» (unbekannter Herkunft) mòglich wàre. 
Ist all das ein blofler Zufall? — Dottin stellt candosoccus «margotte de 
vigne» (aus cando «weifì» + soccu «Pflugschar* [?]) unbedenklich zum obigen 
soccus. Wenn wir bedenken, dafl Columella fiir das gallische Flàchenmafì 
candetum eine Form mit -ud- kennt, wàhrend doch allgemein dieses an- 
geblich fehlerhafte candetum in cantedum {gaW.. cant «hundert») korrigiert 
wird, solite da nicht die Moglichkeit bestehen, dafì das bei demselben Colu¬ 
mella vorkommende candosoccus in cantosoccus zu àndern wàre? Der zweite 
Bestandteil wàre dann dasselbe Wort wie altprov. soca, neuprov. souco 
«cep de vigne» souc-au «cépée»: canto aber wàre vielleicht gleich zu erklàren 
wi e canto-(s)latta: frz. chanlatte (Du C. s. cantata , 15. Jahrh.) «planche de 
biseau qui porte le derni e r rang de tuiles d’ardoises d’un comble et forme 
saillie de manière à empècher les eaux pluviales de couler le long des fossés». 

canto-srin 2 : frz. chanfrein «partie antérieure de la tète du chevai du 
frontau naseau» (cfr. bret, tal «chanfrein» <talo «Stime»), d. h. dem canto làge 
cymr. cant «Rand» zugrunde (cfr. canto-limite > Champlitte, bei Holder). 
canto-soccu wàre also gewissermafìen der àufìerste Absenker (Rand) des 
Weinstockes, canto-latta die Randlatte des Daches, canto-srin «Teil, der 
am Rande der Nase liegt». Auf jeden Fall mtissen diese Bildungen canto + 
subst. zusammen ihre Erklàrung finden. 

tarbelodathion: korrigiert in tarbotabathion «langue de taureau» als 
Rame fiir «plantago» kdnnte sich berufen auf Rolland IX, 93: langue de 
boeuf, de brebis, d’agneau». 

tantica: vgl. nun auch Spitzer, Lexikalisches aus dem Katalanischen, 
Biblioteca dell ' Archivimi romanicuin, voi. I, p. 128. 

lecco: warum bei frz. tacon nicht auf Ant. Thomas, Rotti. XXXV, 94 
und Schuchardt, Z. XXX, 732 hinweisen? 

tucceta: warum fehlt das schon bei Diez, Wòrterbuch verzeichnete ptg. 
toucinhOy span. tocino ? 

urta: heurter hat stets altfrz. /?-: wie soli sich dieses mit dem gallischen 
Wort vereinigen lassen? 

vero: was bedeutet altfrz. verge als Ableitung von véro «courbe»? 

(302) scolpo: wàre hier nicht auch auf die Karte copeau des ALF hinzu- 
weisen. Existiert ein modem frz. escopel ? 

Ztirich. J. Jud. 

1 Der Hinweis auf ir. corr, das nicht nur «Kranich», sondern auch «Kranich- 
schnabel und verschiedene ihm àhnliche Gegenstànde» bedeutet, wiegt nicht 
allzu schwer: auch das engl. crane, frz. grue, deutsch Kran haben sich in 
ihrer technischen Bedeutung stark beeinfluftt. 

2 Mit volksetymologischer Anlehnung an fremi ? Cfr. aber auch Dict. gén. 
s. chanfreindre, das Gamillscheg, Zeitschr. f rotti. Phil. XL, 135 anders 
auffafit. 


Bibliographie roumaine 1916—1920 

Brusquement interrompue le 14/27 Aoùt 1916, l’activité scientifique n'a 
pas pu ètre reprise en Roumanie mème après le 7 Mai 1918; et la cherté 
du papier et de la main d’oeuvre font que longtemps encore oeuvres scienti- 
fiques mème de grande valeur, comme Origina Romìnilor (L’Origine des 
Roumains) par A. Philippide, l’ceuvre de sa vie, ne pourront voir le jour. 

A part donc quelques ouvrages parus avant la date précitée, les publi- 
cations de philologie roumaine dues, aux Roumains ne reparaissent qu’avec 
l’année 1920. Pour 1917—1919 on ne peut signaler qué des ouvrages dus 
aux non-Roumains. 

Dans les pages qui suivent je tàcherai d'en donner un tableau aussi fidèle 
que possible. 

1. P. Skok. NetteBeitrdge sur Kunde des romanischen Elements 
in der serbokroatischen Sprache. Zeitschrift fur romanische 
Philologie XXXVIII (1914 — 1915) 544 — 553, Heft 5. 
(Ausgegeben den 24. Januar 1916.) 

Je signale seulement les éléments roumains. 

[a. Noms communs.] 

Aràniui «chaudron» < roum. a nonio «chaudron de cuivre» (544). — Déjà 
Hasdeu 2819 avait derive du mème mot roumain le bulg. haraniìa «chau- 
dron à anse mobile». 

Balànva injure, invective < roum. balàurO) «dragon; tzigane». 

Tura < jeune fille» < roum. Jedoarà ; Fecor , Fitor noms de famille < 
roum. fedov (545). — Ajouter: (Archiv fur slavische Philologie 33 (1912) 
361) fatur «enfant bàtard * . 

Mrkatin'ui, mrkatula «coing» < roum. mar «pomme» + (MALUM) cydonium, cf. 
port. melgodao, maracottio (545). — Et. : mar (dr.), mer (mr.) «pomme ; 
pommier » + gntue (dr.), gntime (mr.) «coing» < MALUM COTONIUM =» cydo¬ 
nium. 

Pùìitiela, slovène puntela , puncka, punci\a, punta «jeune fille» < 
*pullicella (545 n.). — Pour n < /, cf. amilanais poltella, pontella, valenc. 
poncella . 

Frittela, brillitela, brundzela «boucles» < *fronticella, cf. arowm. fruii- 
ceaaa (545). — Dr. ancien jrunceà « front», mr./rtinteana «sourcil», pl.frun- 
céle, frinite die. 

Frzèli il, v.rzolin (orn.) «serinus meridionalis» < {rìouì.frandzel «pinson- 
(546). — Scr. frzèlin, verzolin «serinus meridionalis», ture (G. Meyer, Tur- 


BIBLIOGRAFIA 


213 


kische Studien, I 20) Jilorgin «pinson» < mr. *Jrindzilin , *frindznlin = 
sfrindzel «milan, épervier» < fring-, c f. FRINGILLUS «pinson», frixgutire, 
FRIGUTIRE, FRINGULTIRE, FRINGULIRE «chanter, en pari, du pinson; sau- 
tiller»; ngr. Créte qQiyytXàyi, «nom d’un oiseau» < FRINGILLA — FRINGILLUS 
[G. Meyer, Neugriechische Studien, III 72J. 

Hrnkàs, rnk<'<s «bceuf à demi chàtré» < roum. rincas (547). 

Krnatcì, krnatina (Istrie) «saucisson» < carnata (sic) (548). — $trekelì 
Archiv fiir slavische Philologie, 28(1906)521; istrocak. krnàta , krnàtina<L 
istroroum. carnai (dr. cimai , dial. cimai). 

Mrdzela, grnùela «perle fausse», dém. mrdzelita,grmìelita < Marcella. 
Le mot n’est pas un emprunt directe au roumain, comme le prouve le l 
conservé (548). — Mrdzela < mr. mardzeana , pi. inardzeale. Le mot 
forme un doublet avec mèrdzno, gén. mèrdznla «galon d’or d’un dolman», 
dérivé par l’auteur du lat. MARGELLA [Zeitschrift ftir roman. Phil. 36 (1912) 
651], mais qui est toujours roum. mdrgeana (dr.), mardzeaaa, -o (mr.). Pour 
scr. mrd zelila cf. dr. mar gelata. 

Mocuga, mahiga «gourdin» < roum. macinai (549). 

Motòruga, motoroga, matragci, màtrak, màtraka «bàton» < mattaris 
«javelot* (549—550). — Cf. dr. buturuga, buturoaga. 

Omsita «un certain, un individu» < roum. ins, in sa , megl. ons (550). 

Skutelka «pourpoint» < roum. scurteìca (551). — Le mot roumain a passe 
aussi en bulgare: skurtéìka; scr. dial. (Archiv fiir slav. Phil. 33 (1912 
364) kùrtav, kurtast «coupé, courtaudé» < roum. (s)cnrt «court». Pour 
scurteìca v. Sufixele Rommesti 237. y 

b. Zu den rumanischen Orts- und Personennamen auf dem skr. Gebiet 

Bàrbàtovti nom d’un village en Serbie, Berbàtovo nom d’un village près 
de Nis, Berbatovit nom de famille < roum. barbat «homme; mari» (551)* 

Bnn nom de famille, Bunóvi groupe de maisons dansle districte de Foca 
(Bosnie), Bunovit nom de famille et de localité dans les Bocche di Cattaro, 
Ballilo, Bnnilovit, Bnnisa noms de famille, Bnnoìevit village dans les 
Bocche di Cattaro, Bnnosevat village en Serbie (districte de Yrane) < roum. 
bau «bon» (551—552). — Cf. Bnnescu nom de famille. 

Dimitor montagne en Bosnie, Dnrmitor montagne en Monténégro et en 
Serbie < roum. dnrmitor de dormi dormir», déjà Jirecek, Geschichte der 
Serben, I 156 (552). 

Hrman, gén. Hrmaàa un monastère gréco-oriental abandonné, dans la 
région entre Una et Unat, nommé aussi Hrmaniìa ; Romaniìa montagne 
à Saraievo; Romani, Romanovti village dans le districte de Gradiska < 
romanus (552). — Mr. armin , animili, arimìn, rràminu «Roumain». Cf. 
aussi Romania l'empire romain d’est ainsi nommé par les Slaves et par les 
Italiens avec une éxpression qui n’était pas rare depuis le III e siede [Jire¬ 
cek, Die Romanen in den Stàdten Dalmatiens wàhrend des Mittelalters, 
I 36], Romana la piaine thrace en Bulgarie [Jirecek, ibid. I 36 n], \ 7 J wa«- 
via (scil. nóhg) «Constantinople» [Passow, Popularia Carmina]. 

Kormata, kormatnra noms de lieux en Serbie < roum. cannata -a } cur- 
malnra (552). 

Kyturiti nom donné aux Vlaques du roi de Bosnie Tvrtko Tvrtkovit < 
roum. dial. kitor = pici or «pied» (552). — Et.: mr. cJiéturì, pi. de clùatra 
«pierre; rocher». dr. chiànrà «montagne». 


214 


Gl ORO E PASCU 


Ligati, Ligatiti, Lìgatov han groupe de maisons dans la commune de 
Ustikolina, Ligatit nom de famille < roum. legat «lié» (552). 

Lupulovit nom de famille < roum. lup «loup*>, Lnpuì nom de famille 
(552). 

Magura lieu en Serbie < roum. magava «hauteur» et noms de hauteurs 
(552). 

Smederevo ville en Serbie, 2 L\\em 2 Lnà-m 2 Lgya.rSemendria<vo\im.Slmedrii, 
sumedru < sanctus demetrius (552). — En roumain on dit aussi (Codin, 
0 Samà de cuvinte, 69) sumendru. 

§èrbolovat petit ruisseau en Bosnie, gerbillo nom de famille < roum. serb 
«serf», Serbul nom de famille (553). 

2. Leo Spitzer. Rum. gnm (grimi) « Hugeb . Archiv flir das 

Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 134 
(1916) 138. 

Josef Briich. Rum. grum «Hugel». Ibidem 135(1916). 416—417. 

.Spitzer: gruni, grumi «còteau» < *C(0)R0NIUM < corona «couronne». 

Briich: grum, grumi (dr.) «còteau», grumi (mr.) «menton» < GRUNIUM 
«groin», cf. afr. groin «hauteur d’un còteau, d’une montagne». 

Je constate d’abord qu’outre le sens de «colline, còteau » le dr. grimi a 
encore les sens suivants: 1. (Pascu, Cimilituri, I 163) «jeune arbre», 2. (Damò, 
Terminologie, 9) «pièce de bois du char», 3. (Vichi, Glosar, 47) «pièce de 
bois du trameau». La forme grufili est attestò pour le Hateg dans la Re¬ 
vista criticà-literarà III 156 et pour la Bucovine dans un document slavon 
du 11 Nov. 1458 (I. Bogdan, Documentele lui §tefan cel Mare, I 24). Et.: 
*GORONEUM < GOR-, GAR- «arbre, arbuste, forèt, montagne», cf. abulg. gora 
montagne», bulg. gora «bois, forèt; mont, montagne», ,lit. gire «forèt*. 
apreufi. garian, garrin «arbre», npers. gar, gir «montagne», bulg. gorùn 
«chène», alb. gur «pierre», cech. pahórek , poi. pagórek, russe prigorok,. 
ndgorok «hauteur, colline» (Pour les mots slaves et indo-européens v. Ber- 
neker, Slav. et. Wb. 328—329 sub gora). ^ 

3. A. Philippide. Barangii in istoriea Romìnilor >/' in limbo 

romineasco. lasi, Viafa Romlneascà. Mart 1916. 8°. 

28 pg. 

Les bar angue s (Bar augi, fiapayyoi) étaient les mercenaires étrangers. 
Germains, qui, depuis l’empereur Constantin Monomachos (1042—1054) jus- 
qu’à la conquète de Constantinople par les Turcs (1 453), ont formò la garde 
des empereurs bvzantins. 

Les Dacoroumains ont connu ces barangues directement, parce que, au 
commencement du XIII e siècle, sur les deux rives du Danube, les Dacorou¬ 
mains avec les Bulgares et les Comans ont constitué l’empire roumaino- 
bulgare, qui, conduit par les frères Petru et Asan et Ioanitza, a lutté avec 
acharnement contre les Byzantins. 

Le mot grec bdrangos a passò en dacoroumain: bar ùnga 1. «le loup Je 
plus àgé d’une meute qui hurle le premier quand les loups commencent à 
hurler», 2. «le taureau le plus fort qui conduit le troupeau et qui porte la 


BIBLIOGRAFIA 


215 


sonnaille», bar unga *gladinà «barangue affamé», terme de mépris (bulg. 
gldden «affamé») > baraglddinà terme de mépris à l’adresse des Tziganes- 

Chemin faisant l’auteur relève plusieurs erreurs historiques et géographi- 
ques commises par N. Iorga dans sa Geschichte des rumànischen Volkes. 

4. A. Philippide. Prejuditji. Tasi, Viata Romìneasca, iVIaiu 1916. 

8 °. 11 pg. 

1. Theophylaktos Simokattes (VII e siècle) relate, qu’en Fan 587 un soldat 
de Farmée de Comentiolus en guerre avec les Avares, s’apercevant que le 
fardeau de la bète de somme d’un camarade à còté était sur le point de 
tomber, lui a crié «dans la langue du pays» retorna , c’est-à-dire «tourne toi, 
le fardeau de ta bete va tomber», ce qui a provoqué une grande confusion 
et dans Farmée de Comentiolus et dans celle des Avares- 

Theophanes Confessor (VIII e siècle) relate que le soldat a dit «dans la 
langue paternelle» torna, torna, fratre . 

Jusqu’en 1893 tout le monde était d’accord que retorna, torna torna 
fratre sont les plus anciennes traces de la langue roumaine. En 1893 
Jirecek (Archiv fur slav. Phil.) a affirmé que torna est un terme de com- 
mande comme cede, sta, move, affirmation répétée dans Die Romanen in 
den Stàdten Dalmatiens wàhrend des Mittelalters, 1902. Cette affirmation 
gratuite a été adoptée sans réserve et sans critique par divers savants, der- 
nièrement par N. Iorga, Bulletin de l’Institut pour Fétude de l’Europe sud¬ 
orientale, 1915. 

A. Philippide prouve que retorna , torna torna fratre sont en effet des 
mots du latin balkanique du VI e siècle, c’est-à-dire des mots roumains. 

2. N. Iorga, Bulletin de l’Institut pour Fétude de l’Europe sud-orientale 
1915, dit que du cóté de l’Adriatiqué les Balcha valaques fondaient l’état, 
en méme temps slave, albanais, grec et valaque , de la Zenta». Mais Bolsa 
est le nom d’une famille régnante serbe, et le mot Bolsa < illyrien ou 
thrace bai - + le suffixe serbe - sa. Le nom de famille roumain Bolsa est 
d’origine serbe. 

5. Giorge Pascu. Sufixele Romìnesti. Bucuresti, Academiea 

Romina, 1916. 8°, IV + 499 pg. Ouvrage couronné 

par l’Académie Roumaine en 1915 avec le prix Nàsturel 
de la valeur de 5000 lei. 

Cest une monographie complète sur les suffixes roumains. La matière en 
est classée en huit grands chapitres d’après l’origine des suffixes: les suffixes 
d’origine 1. latine, 2. latino-balkanique, 3. slave, 4. albanaise (un seul), 
5. néogrecque, 6. turque, 7. mag> r are, 8. néologique. Ces chapitres sont 
précédés d’une introduction et suivis d’une conclusion. 

Chaque chapitre distingue des suffixes substantivaux, adjectivaux, verbaux 
et adverbiaux. Chaque suffixe est étudié dans son extension et ses variantes 
phonétiques, dans sa fonction, son origine, ses formations analogiques, et le 
genre et le pluriel des dérivés. 

Le matériel a été recueilli pour les trois grands dialectes roumains: daco- 
roumain (dr.), macédo-roumain (mr.) et mégléno-roumain (megl.); le dialecte 


216 


GIORGE PASCU 


istro-roumain a été laissé de coté puisqu’il est extrèmement pauvre. Le 
matériel dr. a été puisé dans 40 dictionnaires, glossaires et textes; le ma¬ 
tèrici mr. et megl. dans toutes les sources autorisées (6 dictionnaires). Alors 
que pour le dr. l’auteur s’est borné à signaler les dérivés les plus importants, 
pour le mr. et le megl. il a enregistré tous les dérivés. Le nombre des mots 
étudiés est de 7400, des suffixes de 370, dont 166 simples. Parmi cesder- 
niers 75 ont été relevés et discutés pour la première fois. 

Nombreuses étymologies nouvelles. 

6. JLetopisetn l Tàrii Mot dovei pana la Aron Vodà ( 1359-1595) 

ìntocmit, dupà Grigori e Ureche vornicul, Istratie 
logofàtul §i aldi, de Si mio n Dascalul. Editie critica 
de Const. Giurescu, cu o prefatà de I. Bogdan. Bucuresti 
1916. 8°, XV + 304 pg. — Comisiea istoricà a Romtniei. 

En 1911 I. N. Popovici avait donne une édition assez correcte de l’illustre 
chroniqueur moldavg, du XVII e siècle: Chroniqae de Gligorie CJreache. 

Le nouvelle édition de Giurescu, publiée dans des conditions typographi- 
ques excellentes, est doublement mauvaise: 1° L’éditeur a amplifié le texte 
d’Ureache en concordance avec sa théorie, foncièrement fausse, que la chro" 
nique d’Ureache a été absorbée dans la compilation de Simion Dascalul, et 
2° il a changé la langue du manuscrit, et particulièrement le phonétisme. 

7. Psaltirea Scheianà comparata cu celelalte psaltiri din 

secolul XVI si XVII traduse din slavoneste. Editiune 
critica de I.-A. Candrea. Bucuresti 1916, 8°. I Introducerea, 
cu 11 plance, 240 pg.-, II Textul si Glosarele, 550 pg. — 
Comisiea istoricà a Romìniei. 

Le Psautier de 8>cheia, texte rhotacisant du XVI e siècle, a été publié 
d’abord en photo-litographies et transcription latine, par I. Bianu en 1889. 

La nouvelle édition de Candrea, seulement en transcription latine, est 
accompagnée d’un glossaire et d’une étude introductive. 

L’étude de Candrea présente des erreurs fondamentales. D’abord l’auteur 
n'a pas compris le rhotacisme, c’est-à-dire le changement de n intervocalique 
en r. En effet le rhotacisme présente deux phases: «. la phase nr (exemple 
bulini) et p. la phase r (ex. bum). L’auteur admet que nr et r ne sont 
que des graphies différentes pour nr, c’est-à-dire bum = bunru (pg. 156 
à 157, 160). 

L’explication donnée à ce phénomène est également fausse: «La chute de 
n , après avoir nasalisé la voyelle précédente, a mis en contact deux voyelles 
qui formaient l’hiatus: bùu, fidi, vee. Pour éviter l’hiatus entre les deux 
voyelles s’est glissée la voyelle Semi-consonnante ti (cf. mudimi < mudila), 
qui a évolué vers h (cf. ma dulia), devenu à la longue le postpalatal y, qui 
s’est changé petit à petit en r. Donc pour LUNAM > làrà nous admettons les 
phases intermédiafres: là a > làuti, là ha, làyà, lurti» (pg. 156). 

L’explication du phénomène est tout autre: Le rhotacisme a du présenter 
deux phases: «. voyelle nasale + r-+ voyelle simple, et p. voyelle simplex 


BIBLIOGRAFIA 


217 


r + voyelle simple. Ainsi par exemple bonus a donne en roumain bun. A 
un moment donné, probablement avant 1400, la voyelle accentuée, paranti- 
cipation sur le n suivant, est devenue nasale: burnì ; après 1400 s’est pro- 
duit le changement de il en r: bum , écrit bunru\ vers 1450 la voyelle 
accentuée, n’étant plus suivie de «, a perdu la nasalisation : burli , cf. le 
nom de personne Geamuru et le nom de localité Fìntivi ali dans le docu- 
ment slavon de 1453. 

Les deux phases du rhotacisme nous donnent ainsi la possibilité d’établir 
que tous les textes rhotacisants du XVI e siècle sont des copies. 

Gràce à son interprétation erronée du rhotacisme l’auteur a admis que le 
Psautier Hurmuzaki est un autographe (pg. 50), tandis qu’il n’est qu’une 
copie. 

Une deuxième erreur fondamentale est d’avoir considéré les psautiers 
rhotacisants et non-rhotacisants comme dérivant tous d’une traduction origi¬ 
nale faite dans la région rhotacisante de Maramures (pg. 96—97). 

L’auteur remarque avec justesse que tous les psautiers présentent des 
ressemblances frappantes (pg. 69—81). Mais à notre avis ces ressemblances 
sont dues à roriginal slavon sur lequel a été faite la traduction, c’est-à-dire 
le psautier serbe de Branko Mladenovici de 1346 (cf. pg. 112). 

L’impulsion pour la traduction des livres saints au XVI e siècle n’a pas 
été donnée par le mouvement hussite, comme l’affirme l’auteur (pg. 96—97), 
mais bien par le courant catholique et réformé et par le contact avec la cul¬ 
ture serbe au sud-ouest et avec la culture polonaise au nord-ouest. 

Sur toutes ces questions je parie longuement dans mon livre Histoire 
de la littèrattive et de la langue roumaine au XVI e siècle (en roumain, 
Bucuresti 1921). 

L’opinion de Candrea que rr ne serait pas une simple graphie pour r, 
mais marquerait bien une prononciation spéciale de r dans la région rhota¬ 
cisante (pg. 41—43, 87—88), ne tient pas. 

L’auteur transcrit souvent avec erreurs. Ainsi pg. 161 il transcrit le 
mot grigliti, qu’on rencontre sous cette forme une seule fois, par grinliii, 
heureux d’avoir ainsi pu attraper un exemple pour l’expression de la voyelle 
précedente nasalisée: grìlui (En tout cas grìului !). Le mot doit étre tran¬ 
scrit grìului pour les raisons données par Bàrbulescu, Fonetica alfabetului 
chirilic, 243—268. 

L’auteur a cru que le Psautier offrirait un exemple unique dans la langue 
roumaine de rinfinitif en-^s/fV a se incu reaste < iNCALESCERE(pg. 229etGloss.J. 
Le mot est employé une seule fois: «Incurescu-se fnrema mea in mere §i 
intru invàtarea incinde-se focu» 74 5 . Incùrescu-se est un indicatif présent, 
cf. incinde-se dans la mème phrase et plus haut «dzis: se feroseli caile 
meale se nu gresescu cu limba mea . (L’auteur a cru que 'incu reseti est 
un parfait simple!). Par conséquant l’infinitif est a se incuri. 

Murata «pauvre, malheureux ' = mr. marat , cité parmi les mots obscurs 
(pg. 230), est le participe passé du verbe perdu a se mura < bulg. maria 
se soucier, s’inquiéter de*. 

Le mot écrit cirmujure , que Tauteur incline à interpréter comme une 
laute pour curmitrele <C *curmu < v si. krumu «victus» (pg. 233), doit étre 
lu cirmojure , pi. de (Pascu, Cimilituri, 1 19) cirmoaju «croute de pain». 

Parmi les mots obscurs l auteur aurait du citer Jindis. 


218 


CilORGE PASCI! 


8. M. L. Wagner. Balkanroman. skala, niittel- und neugriech. 

OY.cc/.a , tilrk. iskele, alban. $kelu, rum. schela, usw. Zeit- 
schrift fiir romanische Philologie 39 (1917) 96 —101. 
Heft 1 (ausgegeben den 2. Oktober 1917). 

Roum. schele, schele, bulg. skélrn, srb. skela, alb. skelìi «échelle; débar- 
quement, port ; échafaud, échafaudage» < ture, iskelé idem < mgr. axàhc 
échelle; échafaudage» < scala «échelle*. — Pour ture iskele Je partirais plu- 
tòt du ngr. nxcUié, pi. du dém. oxaXt, cf. ture iskemné «chaise» < ngr. oxauvià. 
pi. de ma [a vi, defilé < ngr, óatpvrn. 

9. G. Weigand. Rumànische Grommatili: 2. Auflage. Leipzig, 

Barth. 1918. 12°, 248 pg. 

La première édition de la Grammaire roumaine de G. Weigand, parue en 
1903, a été l’objet d’une analvse minutieuse de la part de A. Philippide, 
Un Specialist rornin la Lipsca, Iasi 1910, in 8°. pg. 28 — 67. Quoique 
Weigand en ait tiré un très grand profit pour sa deuxième édition, il passe 
sous silence le nom de A. Philippide: «Nombre d’erreurs et de fautes d’im- 
pression (sic!) pour l’indication desquelles je suis redevable à Messieurs 
V. Trifu et Sextil Puscariu, ont été écartées». 

En réalité le professeur de Leipzig a corrigé les fautes, nombreuses et 
souvent très graves, de sa Grammaire avec la critique du professeur de Iasi. 

Les *40 pages de A. Philippide contiennent 115 articles. Pour faciliter 
au lecteur le contròie de ce qu’il est dit plus bas, nous citerons Tarticle de 
A. Philippide, la page de la première édition de la Grammaire de Weigand 
en parenthèse et ensuite la page de l’édition actuelle; si les pages des deux 
éditions concordent, la parenthèse est supprimée. 

G. Weigand a tenu compte des observations de A. Philippide pour 72(10) 
11, (13) 11 en deux endroits, (25) 24; 17 (10) 9, (12) 11, (13) 11, (19) 18. 
(23) 22, (29) 28, (37) 34, (79) 78, (85) 83, (92) 90, (99) 97, (116) 114, (117) 
114 en 2 endroits, (139) 137 en 2 endroits, (140) 138 en 2 endroits, (161) 
160, (167) 166 en 2 endroits, (182) 181, 189, 190, 200; 18 (19) 17; 19 (19) 
17; 21 (21) 20; 23 (23) 22 en 2 endroits; 24 (136) 134, (138) 136; £7 (19) 
18, (41) 38, (50) 47, (60) 57; 29 (27) 26 en 3 endroits; 31 (32) 30; 33 (33) 
31; 39 (39) 36; 41 (41) 39, (73) 70; 44 (47) 44, (59) 56; 45 (48) 46; 46 (49) 
46, (59) 56; 47 (49) 46 en 2 endroits; 48 (50) 47; 49 (50) 47; (52) 49, (131) 
129, (161) 160, (173) 172, 177, 185; 52 (60) 58; 57 (70) 67; 58 (73) 70: 
64 (81) 79; 65 (82) 80; 68 (87) 85; 69 (89) 87; 70 (90) 88; 71 (90) 88; 72 
(91)89; 73 (92)90; 80 (114) 111; 83 137; 98 176; 105 (185) 184, 112 195; 
113 195. 

Sous l’influence de la critique de A. Philippide G. Weigand a souvent 
changé la forme de Texemple, ainsi: 15 (15) il écrivait tini au lieu de tiì 
«tu tiens», 14 il change tinea par tacea ; 16 (18) Tinuturile de Brasov sint 
frumoase, Clopotele de Putita sunà tare — 16 Tinuturile aceste sunt frumoase, 
Clopotele aceste sunà tare. Il procède de la mòme manière avec 20 (21) 20 ; 
22 (23) 21; 24 (25) 13; 29 (27) 26. 

G. Weigand a biffe des exemples erronés: 17 (101) 99; 25 (26) 24: 29 
(27) .26; 33 160; 40 (41) 38: 42 (42) 39; 45 (4S) 46; 75 (95) 92; 76 (97) 
94; 93 (164) 163; 109 (181) 180; 106 187; 107 188; 200 200 et suiv. 



BIBLIOGRAFIA 


219 


G. Weigand a remplacé les exercices et les morceaux roumains qui con- 
tenaient trop de fautes par des exercices allemands ou par des passages des 
auteurs roumains: 17 (35) 33 — Texercice 22, (98) 96 — morceau 69, (112) 
109 — morceau 78, (162) 161 — morceau 113; 31 (32) 30 — exercice 19; 
51 (56) 53 — morceau 40; 53 (61) 58 — morceau 43. 

Le remplacement des exercices et des morceaux a été fatai pour G. Weigand, 
car notre grammairien commet des fautes nouvelles. 

Ainsi pg. 33, exercice 22: 

« Marno, de ce nu vini la noi?» — correctement «Manin, de ce nu vii 
la noi?» 

«Fo iute si n e-adu apà calda, cà avem frig in apa aceasta rece» — «Dit te 
ropede si adii apà calda, cà ni-i frig in apa asta rece». 

«Oi veni indatà, nu vezi cà am de lucru!» — «Am so vili ». 

« Nevasto, adà vin cà n-avem mai ce bea» — «Adà vin, nevasto, cà nu 
mai avem ce bea!» 

«Serveste-te institi, eu nu pot» — «Serveste-te singur, co eu nu te pot 
servi ». 

«Tàtucà, nu vei fi bun sà-mi cumperi o pàlàrie nouà?» — «Tatucà, fii bun 
sà-mi cumperi o palàrie nouà.» 

Pg. 96. «Dumiata u§or piei ràbdarea» — « Dumne(a)ta usor (ou mieux 
degrabo) pierai ràbdarea». 

«EI s-a dus la tirg ca sà vada pe elefante — elefantul ou bien un 
elefant. 

«Nido musco vrea s-o ucigo » — «Nido musco nu vrea sà ucidà». 

Pg. 109. «Nu-i bine sà se legene un copil pano so adoarmo » — pano 
ce adoarme. 

«Ea esi din colibà ca so meargo la piràu, sà spele rufele de ai ei» — 
«Esi din colibà si se duse la piràu sa spele rufe de ale ei», mieux encore 
«sà-sz spele finte rufe». 

«Dacà nu mà-nsel, dumiata capeti treisute de lei» — dumitale ti se 
divine, ou bien dumneta ai de luat, trei sut e de lei. 

«Spune-mi prezentul de a slobozi, a sari, a iubi, a pieri in indicativ si 
in conjunctiv» — «Spune-mi presentili indicativului si conjiinctiviilui 
dela . . .». 

Ces fautes nouvelles, ajoutées aux anciennes que G. Weigand s’est obstiné 
à ne pas corriger (cf. A. Philippide Nr. 1—12, 26, 36, 37, 43, 45, 54—56, 
59-62, 66, 67, 74, 77, 78, 81, 82, 85-92, 95-97,99, 101-104, 108-110, 
114), sont désolantes, car il ne faut pas oublier que G- Weigand étudie la 
langue roumaine depuis plus de trente ans et a bénéficié pendant 23 ans 
d’une subvention annuelle de 10 000 lei de la part du gouvernement roumain 
(soit 230 000 lei). 

Enfin je laisse au lecteur le soin de qualifier le procédé de G. Weigand, 
qui corrige tant de fautes d après A. Philippide sans citer A. Philippide. 

10. P. Skok. Einige Worterklarungen IL Archiv fiir slavische 
Philologie, 37 (1918). 

1. Eia Cberbleibsel des Rurndnischen im Serbokroatischen, pg. 81—82. 

Quelques numéraux remarquables que les bergers emploient pour compter 
les brebis par couples: 



220 


GIORGE PASCU 


le premier couple dò < roum. doùà «deux». 

le deuxième péto, pàto. < roum. patrie «quatre» par analogie au slave 
peto . 

le troisième sasto, scisto, setto, sàso < roum. sase «six» par analogie au 
slave sest. 

le quatrième sopte, sópti, sòrte , soti, sopì < roum. opt «huit» par analogie 
à suso et z"ti. 

le cinquième zèli, zèti < roum. zece «dix». 


2. Décalques linguistiques, pg. 83—89. 

а. Mots roumains qui ont re£u certaines acceptions sous l’influence des 
mots slaves. 

1. Carte t «lettre», 2 «livre» — scr. kniga 1, 2. — Je remarque que roum* 
scriptum et scrisoare ont également les deux significations. 

2. Codru 1. «morceau de pain», 2. «forèt; montagne» —slave deal 1. «partie», 
2. «montagne; còteau» > roum. deal «cóteau». — De tous les mots cités par 
Berneker, Slav. et. Wb. 195 sub dealò «partie», il n’y en a qu’un qui a les 
deux significations: scr. dìo , gén. ditela. Le ruthène din signifie seulement 
«chaine de montagnes» (dém. d’ilók «bocage, broussailles»). 

S’il s’agit donc d’un décalque linguistique on pourrait bien admettre le 
contraire, c’est-à-dire que scr. dìo et ruthène d'ili sont empruntés au roumain 
deal «cóteau» < ture, teli pi. tilal idem. 

Du reste roum. codru «forèt; montagne», alb. kodrò «colline, cóteau» 

< *codrum < crod-, cfr. abulg. krada «bucher, pile de bois», ruth. koróda 
«arbre branchu». Un dérivé de codru — koroda est Cordun , le nom popu- 
laire de la Bucovine «le pays des hètres». (L’étymologie de codru nous a 
été suggéré par notre ami August Scriban). 

3. Insela «tromper, séduire» < insellare < sella «selle — scr. nasa- 
màriti idem < stimar «bàt». — Quoique séduisante l’étymologie insela 

< INSELLARE n’est pas sure. 

4. Mire «jeune gar^on le jour du mariage» < MILES «soldat» — bulg. vóìno, 
volino «époux» < vom «soldat». — Mr. miràìasà = dr. mireasa «jeune fille 
le jour du mariage» montre que dr. mire = mr. aulirò' «empereur < ngr. 
(i/uiQag, ture, (ejmir. Puisque «le jeune gar^on le jour du mariage» est un 
empereur , «le mariage» en est le couronnement: dr. cununà «couronne», 
mr. megl. curunà 1. «couronne», 2. «mariage» < CORONA 1, ngr. oréquvuv 
«couronne, surtout nuptiale»; — dr. cununa 1. (ancien) «couronner», (moderne) 
2. «marier», 3. «servir de parrain ou de marraine dans un mariage» < CORONARE 
1, bulg. veaìvàvam 1, 2, 3 < veané{ «couronne», ngr. oTtqavCrw 1, 2, 3 

< oTt(f (<rov ; — dr. cununie «couronne que l’on pose sur la tète des époux 
pendant la cérémonie nuptiale», 2. «bénédiction nuptiale, mariage», bulg. 
veancàvanie } veancilka, veancilo, ngr. uré(/)«rw/<« «noces, bénédiction nup¬ 
tiale; couronnement». 

5. Tare «fort, dur» — scr. uik idem. 

б. Nous n’avons pas à faire à des décalques linguistiques en des exemples 
comme frigurì «fièvre» — scr. zinnia idem. 


BIBLIOGRAFIA 


221 


b. Exemples de décalques dans la syntaxe; 

7. Les expressions pour le sujet impersonnel (fran^ais on , allemand man) 
sont identiques en roumain et en serbo-croate: roum. spini — scr. kazu , 
se sic e — scr. kaze se. 

8. Le passif est exprimé en roumain et en serbo-croate par des formes 
identiques: ma bate, te bette, il bate — scr. tuku me, tuku te, tuku ga. — 

— Je ne comprends pas l’idée de l’auteur. Ma bate signifie «il me bat», 
te bate «il te bat», il bate «il le bat»; le passif en est sint batut «je suis 
battu», esti batut «tu es battu», este batut «il est battu». 

9. Dans les imprécatioris on répète le verbe en roumain et en serbo-croate : 
roum. «mìnca-te-ar moliile sa te minince» (mot à mot: que les teignent te 
rongent, qu’elles te rongent!) — scr. «vràg te napunì, nesnàga ìèdna, tè te 
dà bi napunì» (que le diable te gonfie, toi, monstre, qu’il te gonfie!). 

10. On répète le verbe pour insister sur l’action exprimée par le radicai: 
roum. « de vasut am va sut» (s’il s’agit de voir, j’ai vu!) — scr. «ìesam li 
suste, vaia ìesam « (je suis fatigué, mon Dieu, je le suis!). 

11. Le conditionnel peut exprimer l’action répétée: aroum. «de vrea aduce 
cineva aur, atuncea era vesel» (toutes les fois qu’il apportait de l’or, il était 
gai) — scr. «pa ie redom zvao berbere, da ga briìu» (ensuite il a appelé les 
coiffeurs tour à tour pour lui faire la barbe). — « De vrea aduce cineva aur, 
atuncea era vesel» signifie «si quelcun lui apportait (voulait lui apporter) de 
l’or, il était gai»: de vrea aduce =*= daca -ì aducea, l’imparfait de l’indicatif. 
Le sens «itératif» résulte du fait que l’imparfait exprime l’actio continua 
pour le passé. 

3. Zu den slav . Lehnwórtern im Rumcinischen, pg. 89-92. 

1. Idea «voilà» < scr. ìako «toute de suite, sur le champ». 

Daca «si» < scr. dàko, dako idem. — A coté de daca on dit aussi deaca 
(ancien) et de\ mr. deca «parce que». Et.: de + ca. 

Iar(a) «mais» < scr. ìà, àr, are idem, dar «mais» < fakav. dàr «au moins, 
du moins». — Dar < da idem (< slave da) + ìar. 

2. Letica «pièce de bois courbée qui soutient la ridelle» < scr. liìevca idem. 
Pour c < c cfr. colac «pain rond» < bulg. kolaé «gàteau, pàté; pastille; petit 
gàteau». 

3. Pirdalnic «infame, damné» < scr. prdalo «la partie postérieure» + - 'nic . — 
Cf. aussi bulg. parddlka «mauvaise voiture; petit tuyau de cornemuse». 

4. Scitici «pleurnicher» < scr. skuncàti idem. — Cf. aussi bulg. skimcd 
idem. 

11. H. Jarnik. Sur Ion Creangà Harap Alb, herausgegeben, 
ubersetzt und erlautert von Gustav Weigand, Leipzig 1910. 
Archiv fur das Studium der neueren Sprachen und Litera- 
turen, 135 (1916) 219—224. 

— 7mv Interpretation von I. Creangàs Harap Alp, ibidem, 

137 (1918) 51—64, 138 (1919) 207 — 216, 139 (1919) 
198—209. 

Critique judicieuse des erreurs multiples commises par Gustav Weigand 
dans sa traduction et interprétation de Harap Alb. 


222 


GIORGE PASCU 


12. Ernst Gamillscheg. Oltenische Mundarten. Wien, H <31 der, 
1919. 8°, 116 P£. — Akademie der Wissenschaften in 
Wien, Philosophisch-historische Klàsse, Sitzungsberichte. 
voi. 190, Nr. 3. 

L'auteur étudie le dialecte olténien de 24 localités situées au nord-est et 
au nord-ouest de Tirgu Jiu, le point de départ de la region étudiée étant 
forme par le dialecte de Topesti, village au nord-ouest de Tirgu Jiu. 

Les différents dialectes du nord du district de Gorj, malgré leurs nom- 
breuses parties communes, forment deux groupes, le groupe d’ouest (les lo¬ 
calités No. 1—18) et le groupe d’est (les localités No. 19—24). La localité 
No. 18 présente à plusieurs points de vue des phénomènes de transition. La 
frontière entre les deux groupes est tracée par la vallèe supérieure du Jiu, 
c’est-à-dire la chaussée qui mene de Tirgu Jiu au nord vers le défilé de 
Surduc et de Petrosani. Une place tout à fait différente est occupée par le 
dialecte de Racoti, village situé dans la partie extrème au sud-ouest de la 
région étudiée, qui présente une grande ressemblance avec les dialectes à 
l’est de Craiova. 

La plus grande partie de la brochure est consacrée à l’étude des voyelles 
(pg. 6—68). Malheureusement l’auteur a abordé l’étude des voyelles rou- 
maines avec le Lehrbuch der Phonetik de Jespersen, qui est sans doute un 
éminent phonétiste, mais qui se place uniquement du point de vue de la 
langue anglaise et des langues du nord. Gamillscheg se figure donc que 
les voyelles roumaines sont articulées avec la partie antérieure, moyenne 
et postérieure de la làngue vers la partie correspondante du palais (cf. spé- 
cialement pg. 6—7, 18 No. 9, 29 No. 10), ce qui est absolument faux. Les 
voyelles roumaines sont articulées uniquement avec la partie postérieure de 
la langue vers les différentes parties du palais. De la mème manière sont 
articulées aussi les voyelles allemandes, comme l'a déjà remarqué depuis long- 
femps Bremer, Deutsche Phonetik. 

«fi et i se contractent en i dans strin «étranger» < strimi» (13, No. 6). — 
Strin < striin, strein, stràin < *extraninus = extraneus. 

«Si une voyelle qui finit un mot vient en contact avec une Vovelle qui 
commence le mot suivant, alors, entre les deux voyelles, apparaìt quelque- 
fois un son de transition: la-ii-olaltn < la olciltà. nwna-u-odatà < ninnar 
odato, fi-ti-od atu <.fiì odati f (ex. cuminte)» (13, No. 7). — Mème dans la 
langue commune la. olalta , écrit laolaltà, se prononce lanolaltti et odati*- 
itodata, car en roumain o initial se prononce Ho ( om-uom , os-iosj; mima 
est une forme populaire courante aussi en Moldavie; fi <fiì par assi- 
milation. 

Pg. 16 l’auteur ci te les formes dialectales du mot commun óorap (corap) 
«bas pour les pieds» : corap , cirìàp, cirép pi. cirep. «Là où aujourd’hui nous 
trouvons le pi. cirep , nous pouvons admettre que jadis entre c et o avant 
l’accent s’est développé un i de transition. Cet i ensuite ou bien s’est ab- 
sorbé de nouveau en c ou bien s’est changé en e». L’auteur admet donc que 
pi. cirep < *ciorep, *ceorep, mais l’explication est la suivante : corap s’est 
changé d’abord en coreap par l’épenthèse de e à proximité d’un r. cf. mr. 
greas < gras; de corap on a fait un pluriel régulier *coreap, corep {ea — e, i 


BIBLIOGRAFIA 


223 


> e—e, i, cf. lecitane > lettine), ensuite *curep, avec le changement de o 
inaccentué en u , et cirep , avec le changement de cu- en a-, cf cintura et 
cituni «seau à puiser» < *CIUTULA, xvrog; d’après le pi. cirep on a fait enfin 
un sg. cirep . 

«Pour litt. picioare (picòdre), pi. de pidor «pied» à Racoti et à Tìrgu Jiu 
on dit picere ( picére ). La forme originaire en est * piceòdre , d’où ensuite 
*picóare , avec le changement de la triphtongue eòa en óa , et *piceare, pi- 
cere » (17). — La triphtonque éo# n’existe pas en roumain et n’est pas néces¬ 
saire non plus pour expliquer picere. Et.': picere < *picare, picuare, pi- 
coare. 

«A Topesti litt. cearsaf (carsaf) «drap de lit» < ture carsaf apparait sous 
la forme cersaf {cersaf) comme cirepi < cìorepì» (17). — Cearsaf s’est 
d ahord changé en cearsaf (còrsa/) avec le changement de a inaccentué en 
a. et ensuite en cersaf par assimilation de à à c précédent, cf. mold. cerdac 
(cerddk) «balcon» < ture cardale, ensuite ìetac Oetdk) «chambre à coucher» 
< ture iatak. 

Deate (ancien roum.) < dedit + stetit (45). — Deate < deade par dissi- 
milation (d—d > d — t ). 

Une forme remarquable est ieschie pi. teschi au lieu du litt. ascine «éclat 
de bois» (65). — Cette forme se trouve aussi en Banat (Viciu, Glosar, 52) 
et s’explique, comme megl. ìeripì < Hòripì = dr. òripì , par la prothèse de 2 -, 
v. Pascu, Beitrage, 17. 

Bulbui «rèver à haute voix» est certainement une formation récente de 
bulbuc «tourbillon d’eau, bulle d’eau» (111). — Et.: = bilbìi «bégayer», ou 
bien bìlbìi 4- buìgui «divaguer, délirer». 

Desurda «envain, vainement» < surd «sourd» 4- degeaba «vainement* 
(111). — Desurda = de-a sur da. 

Gtnfa «gonfierà est certainement refait sur ìngìmfa (112). — Gìnja, at¬ 
testò aussi chez Pascu, Cimiliturù I 161, dérive de ginfla idem < con¬ 
fidare. 

Cóbie «croupion de canard» (112). — Le mot se trouve aussi en Hateg 
avec le sens général de «croupion» (Revista eristica literarà, III 119). 

Mòcinis «farine de mais», litt. en général «repas (112). — Le mot mò- 
cinis ne signifie jamais «repas», cf. Pascu, Sufixele Rominesti, 355. 

Mijgura «bruiner», ind. pr. mijglira, vb. mpers. (113). — Hateg (Rev. 
cr.-lit. Ili 161) mijgui, ind. pr. mijgue; tnizg «temps pluvieux». 

Udi «rester» (113). — Le mot se trouve aussi en Hateg (Rev. cr.-lit.’Ili 
172). 

Virotic «verrat» (114). — Viciu, Glosar, 88: verótic , cf. Pascu, Sufixele, 
175. 

A se juca de-a popicu (114). — Hateg (Rev. cr.-lit. Ili 165). 

13. H. Baric. Albanorumdnische Studiai I. Saralevo, Verlag 
des Tnstituts fiir Balkanforschung. 1919. 8°, 142 pg.— 
Zur lvunde der Balkanhalbinsel, Quellen und For- 
schungen. Nr. 7. 

Recueil d’étymologies albanaises et roumaines traitées d’une manière 
superficielle. 


224 


CxIORGE PASCU 


Quelques remarques: 

Alb. bai «frère ainé» < alb. primitif *barts < *baràsct < bar-, cf. bari 
«bète, bétail»; roum. bacili «maitre berger» < alb. (pg. 2). — Alb. bat «frère 
ainé», roum. bacìa 1. «frère ainé», 2. «maitre bergere < bulg. baco 1. «frère 
ainé», 2. «terme de politesse pour un homme plus àgé», cf. aussi roum. bade, 
badìu «frère ainé» < bulg. bdtìu idem. Pour bulg. bathi, baco cf. Berneker, 
Slav. et. Wb. 45—46; alb. bari < barr-, berr- «brebis» conservé dans les 
langues romanes, cf. Meyer-Liibke, Roman, et. Wb. 1049, et en roumain, v. 
Pascu, Beitrage, 8. 

Alb. boia «gros serpent» < alb. primitif *baìa «mare, eau» 4- *ùars «ser¬ 
perli, reptile»; scr. blàvor, blàor, blòr «sorte de serpent», roum. balàar 
«dragon» < alb. (3—5, 89 n.). — Alb. boia «gros serpent», roum. baia «ani¬ 
mai» < BELLUA «gros animai; bète sauvage; monstre»; scr. blàvor, blàor, 
blòr «sorte de serpent» < roum. b(a)ldur «dragon»; alb. baiar «serpent 
aquatique», mr. (Dal.) baiar «sorte de gros serpent» < *belluarius, -a, -um 
= bellualis,-e «de bète» ; dr. baldar «dragon» < * baiar < *belluarius, 
-A, -UM -f- Idar (bot.) «datura stramonium» (piante vénéneuse). 

Roum. sarac «pauvre» (11) n’a rien à faire avec alb. ftar l'ima «éclat de 
bois». — Et.- vsl. sìra/cii. 

Roum. pochimb «poteau» (12) n’a rien à faire avec alb. dump «pointe, 
aiguillon». 

Roum. arda «sorte de fromage» < alb. *(Jt)ur$a = utiós < kher- «aigre» 
(28 n.). — Ngr. (Aravantinós, Ipirotikón Glossàrion, 71) ov^óa, bulg. (h)iirda, 
alb. atìós < roum. arda [G. Meyer, Neugriechische Studien, II 77; Miklo- 
sich, Etym. Worterbuch der slavischen Sprachen, 372; G. Meyer, Etvm. 
Wòrterbuch der albanesischen Sprache, 455] < thrace *URiDA, cf. agr. dvoóg , 
ÒQÓg «petit lait, lait aigre» [A. Philippide]. , 

Alb. lumake «éruption des arbres» < maka «colle forte, mastic» (48). — 
Alb. lumake, ngr. Epirus (Aravantinós, Ipirotikón Glossàrion, 58) Xoi^udxca 
pi. «branches, rameaux» < mr. {d)lumache «branche, rameau» < *RAMACA = 
RAMA, RAMUS «branche, rameau». s 

Alb. magala «cóteau» < garmile «motte de terre, d’herbe» < + gala-, 

cf. slave mo-gyla > gomyla, gornila «tumulus» (51—52). — Alb. magala 
dr. magarti < thrace *MAGULA. 

Alb. magar «àne» < alb. primitif *garest, cf. garis «braire» (54). — Alb. 
bulg. magar, dr. magar, mr. y amar e < ngr. youdoi. Pour ngr. a < o cf. 
ngr. dial. manastiri < monastiri, d’où bulg. manastir, roum. mona stir e 
«monastère», cf. aussi Foy, Lautsystem der griechischen Vulgàrsprache, 
102-103. 

Alb. psak fmt «village» < alb. primitif *based < scd-, cf. lat. sedeo 
(76). — Et.: FOSSAtum, d’où aussi roum. sat, ancien fsat. 

Roum. sta pia «maitre» < *IST0PANUS, *hospitanus < hospes (93—94). — 
Et.: thrace *stapanus < stap-, sta-, cf. lat. stare, aind. sthapaìami, sia- 
pana- «placement», sthapali «lieutenant, vicaire, gouverneur (d’une pro¬ 
vince)», alb. stapi «maison». Aslov. stopanu, bulg. stopdnùn), dial. stu- 
pan{in), srb. stópan < roum.; alb. slopdn «maitre berger» < slave. 

Alb. unirgli «sombre, noir» < mrg-, cf. alb. rmerguld, mìegaia «brouil- 
lard» (105); — alb. maga «crépuscule» < mogli-, cf. agr. àyì.vg «obscurité, 
ténèbres, brouillard» (104). — Alb. murgu < roum. murg «noir, sombre» < 


BIBLIOGRAFIA 


225 


*moricus = morulus; alb. mugli «crépuscule» < roum. amurg idem < 
murg; alb. miergulti , miegulti , roum. negarti «brouillard» < *negula = 
MEBULA. 

Le mot girsi (32) n’existe pas en roumain. Seul le mr. possède ghhistti 
«coup de main sur la nuque». 

14. Paul Haas. Assosiative Erscheimmgen in (lev Bildnng 
des Verbalstanunes ini Rumdnischen. Jahresbericht des 
Instituts fiir rumanische Sprache zu Leipzig, 21—25 
(1919) 1-59. 

L auteur s’est proposé d’étudier les changements des voyelles du radicai 
des verbes produits par l’analogie, par exemple: ìnfì't au lieu de *infat < 
fatti < fa cl\, caget au lieu de *coaget < COGITO, vtirs au lieu de *vìers < 
VERSO. 

C’est certes une question intéressante, mais malheureusement les con- 
naissances de l’auteur sur le roumain sont bien insuffisantes. 

Ainsi pg. 7 l’auteur cite «adap — adepti — adapa — valaque sa adape — 
moldave sa adape < A da QUO; adap est plus usuel». D’abord la forme la 
plus usuelle est adtip, non adap, ensuite l’indicatif présent adepì n'existe 
pas. Le Dictionnaire de l’Académie cite 2 exemples pour le conjonctif sti 
ad epe, dont un n'est pas probant, puisqu’il est demandò par la rime: «mur- 
gule cu coama lata, n-are cine sti te-adepe, tu, murgule, mori de sete», et 
le deuxième, pris de Sbiera Po vesti (Bucovina), doit ètre contrólé («s^-si 
adepe vitele»). 

Toujours pg. 7. «Aràt — areici — arata — sti avete et arate» — arati, sti 
artite; «distram — distremì — distramà, intràm — intremì — intramà» — 
distintimi , infranti; «ingràs — Ingres }—ingrasà» —ingrtisì ou ingras}\ «sàr 
— seri — sarti, sti sare» — sari, sare, sti sarti ou sti sae. 

Pg 15. «Turbez à coté de turbtiz, rapez < RAPio à cóté de raptiz». — 
Turbtiz, rapez, raptiz n’existent pas en roumain (on dit plus souvent turb). 

Le nombre de pareilles erreurs est considérable. 

L’auteur cite Mussafia, Zur rumànischen Vokalisation (186% et Alimànescu, 
Essai sur le vocalisme roumain (que personne n’a pris au sérieux) au lieu 
de Lambrior (Carte de Cetire), H. Tiktin et A. Philippide. 

15. G. Weigand. Die aromunischen Ortsnamen ini Pindns- 
gebiet. Jahresbericht des Instituts fiir rumanische Sprache 
zu Leipzig, 21—25 (1919) 60-64, 174-180. 

L'auteur énumère les localités du Pinde habitées par les Macédo-Roumains 
et il essaie de donner l’étymologie de ces noms de localités. 

Turici (61) se trouve aussi en Roumanie (nom d’un arrondissement du 
département de Jasi). 

Btihisa (62) < * bina re < bulg. baia «user de sortilège, exorciser, exercer 
la magie, dire la bonne a venture ; btiìasa = bulg. baule ka «exorciseuse, 
sorciére, magicienne; diseuse de bonne aventure». 

Glidzaò'es pour ngr. Chlidzaò'es, Chilidzch'ies, formation néogrecque de 
yihùlu «il a un troupeau de milliers de tètes» (cfr. Hepites, Dict. grec.-frant;.); — 
Archivimi Romanicum. — Voi. Vi. — 1922. 15 


226 


GIORGE PASCU 


-àófg est un suffixe qui forme le pluriel; le sens du mot est donc «possesseur 
de grands troupeaux» (174). — Et.: cf. ngr. yllvrCa «giu, mucosité», ytevr^ià^hy 
» de venir gluant». 

Culuflean <C cotofana (dr.) «pie» (175). — Et.: ngr. xovtCós «boiteux», dans 
les compositions «écourté, mutilé» + TCóqhov «coque, écorce»? 

Karpenision (177). — Et.: carpente (dr.) «charmaie». 

Mósli (179). — Et.: Moasli «les vieilles femmes» < moasà «vieille femme». 

Tricdla < bulg. tcirkólo «cercle» (179). — Et.: treì «trois» + cale «chemin. 
route», cfr. ngr. tqi'oòos, iqióóiov, tqioóicc , tqCotqutov , lat. triviam «carrefour». 

16. Walter Domaschke. Der lateinische Wortschatz des Ru- 
mànischen. Jahresbericht des Instituts fur rumanische 
Sprache zu Leipzig, 21—25 (1919) 65—173. 

Un tableau des éléments latins du roumain classés d’après le sens et basé 
seulement sur le Dictionnaire de Puscariu (1905), qui n’est qu’une réimpression 
du Dictionnaire de Cihac (1870) avec des manques et des erreurs nombreuses, 
v. A. Philippide, Zeitschrift fiir roman. Phil.31 (1907) 282—286, et Specialistul 
Romm, Iasi 1907, pg. 59, Ovid Densusianu, Viata Nouà, 3 (1907) 114—118, 
125-132. ? 

17. Giorge Pascu. Gligorie Ureaclie . Izvoarele lui Ureache, 

Interpolante lui Simion Dascalul si Textul lui Ureache. 
Studiu de istorie literarà. Iasi, Editura autorului,'1920. 
8° 42 pg. 

Je reprends l’examen des questions que pose le texte de la chronique 
moldave d’Ureache et la documentation du chroniqueur. Mes conclusions 
s’opposent nettement à celles qu’avait présentées en 1908 Giurescu dans ses 
Noni Contribntiuni la studiai cronicilor nioldovene: 1°. La source prin¬ 
cipale d’Ureache est une chronique de Moldavie, anonyme, écrite en slavon 
et peu différente de la chronique slavone publiée par I. Bogdan sous le titre 
Letopisàtul lui Azarie \ ses sources accessoires sont une chronique de Moldavie, 
anonyme, écrite en polonais et qui utilisait Bielski et d’autres historiens 
polonais, puis une chronique écrite en latin. — 2°. La chronique d’Ureache 
nous est parvenue dans de nombreux manuscrits qui tous dérivent d’une 
copie défectueuse et interpolée par un certain Simion Dascalul \ la critique 
de la tradition manuscrite et l’étude de la langue permettent de dégager de 
ces interpolations le véritable texte d’Ureache. 

18. Ovid Densusianu. Literatura Romina Moderna I . Bucuresti 
1920. 8°. 188 pg. 

L’école latiniste (depuis 1780): Samuil Micu, Ghiorghe Sincai, Petru 
Maior; D. Tichindeal. — Les débuts de la littérature poétique: Ienache 
Vàcarescu, Alecu Vàcàrescu, Neculai Vàcàrescu, I. Budai Deleanu, V. Aaron, 
I. Barac. — Les derniers chroniqueurs. — Les nouvelles directions en 
Munténie et en Moldavie: Gh. Lazàr, Gh. Asachi. 



BIBLIOGRAFIA 


227 


C’est le cours professe par l’auteur à la Faculté des Lettres de Bucarest 
il y a vingt ans. «Le fond et le pian sont les mémes, et si pour certains 
détails je n’ai pas tenu compte des études parues dernièrement, c’est que 
fai voulu conserver le manuscrit tei qu’il était». 

19. W. Meyer-Liibke. Romanisches etymologisches Wórterbuch. 
Lieferung 9 (taberna-volare), 10 (volaticus -swartsel, 
Wortverzeichnisse), 11—14 (Wortverzeichnisse, Ver- 
besserungen, Nachwort). Heidelberg, Winter. 1916—1920. 
8°, pg. 641-1092. 

Nous signalons ici ce dictionnaire seulement pour sa partie roumaine. 

Pour TABERNA - gwartsel v. ce que nous avons déjà dit pour a-taberna, 
Beitràge, 5—13. 

Obligé de garder le cadre adopté, lauteur n’a pas tenu compte des re- 
marques faites pendant Fapparition des fascicules par ses récenseurs (v. la 
liste pg. 735), mais, arrivò au bout de son travail, il avoue qu’il eùt fallu 
recommencer. 

La deuxième édition, absolument indispensable, devra ètre, à notre avis, 
une refonte complète du livre: Les mots devront ètre classés d’après leur 
origine (éléments latins, celtes, germaniques, arabes, etc.) et groupés par 
fami Ile s étymologiques (ex. ARARE, ARATUS, ARATRUM, ARATORIUs, ad A RARE). 

20. Leo Spitzer. Rum. porumb «Mais». Zeitschrift fiir ro- 
manische Philologie XL (1919) 108—109, Heft 1 (aus- 
gegeben den 7. August 1919). 

H. Tiktin. Zu rum. porumb «i/a/s». Ibidem XL (1920) 
713—715, Heft 6 (ausgegeben den 31. Dezember 1920). 

Spitzer: porumb «mais» < porumb «pigeon blanc». 

Tiktin: Ital. Brescia colombine et span. palomites «grains de mais rótis * 
qu’on mange comme friandises» sont des acceptions métaphoriques du mot 
coltjmba, palumba, la métaphore étant suggérée par la forme des pigeons 
et non par leur couleur, cf. les désignations roumaines cucoseì, propr. dit 
«petits coqs* et fioricele, propr. dit «petites fleurs», ensuite pnpusom «mais» 

< papusà «poupée ; pelotte de ficelle, paquet de feuilles de tabac ; feuilles 
qui enveloppent Fépi du mais». 

21. Sextil Puscariu. Locul lirnbii rornine intre Unibile reni anice. 
Bucuresti, Academiea Romina, 1920. 4°. 45 pg. 

L’auteur reprend la question, souvent discutée, de la classification des 
langues romanes et spécialement de la place de la langue roumaine parmi 
les langues romanes, mais ses résultats ne diffèrent pas essentiellement de 
ceux de ses prédécesseurs. 

Les langues romanes forment deux groupes: le groupe d'est représenté 
par le roumain et le dalmate, et le groupe d’ouest représenté par le rhéto- 

15* 


228 


GIORGE PASCU 


roman, l’italien, le sarde, le provenga!, le fran^ais, l’espagnol et le 
portugais. 

Les ressemblances constatées entre le roumain et l’italien et le sarde 
présupposent, selon lauteur, un substratum commun. Entre la langue 
roumaine et les autres langues romanes les différences dans la phonologie. 
dans la morphologie et surtout dans le lexique sont remarquables. Ainsi 
les langues romanes d’ouest possèdent des éléments latins qui manquent au 
roumain (exemples: FALSUS, FORMA) et vice versa (ex. OVIS); mème pour les 
mots latins conservés d’un bout à l’autre de la Romania le roumain possède 
des sens pour lesquels les langues d’ouest emploient d’autres mots (ex. ANIMA 
> inimct «àme», ouest COR). 

Les éléments étrangers qui ont pénétré en roumain diffèrent de ceux des 
langues d’ouest. Ainsi les langues d’ouest possèdent des éléments germains 
et arabes, tandis que le roumain possède des éléments albanais, grecs movens 
et modernes, turcs, magyars, sasses et surtout slaves. 

Le grand nombre des éléments non latins du roumain n’altère pas le 
caractère latin du roumain, parce que les mots les plus usuels sont toujours 
les latins. 

Une différence importante entre le roumain et les autres langues romanes, 
non relevée par l’auteur, est l’existence en roumain d’éléments thraces et 
grecs anciens. Pour ces derniers v. A. Philippide, Altgriechische Elemente 
im Rumànischen, dans Bausteine zur romanischen Philologie, Halle 1905. 
et Un Specialist romin la Lipsca, Iasi 1910, pg. 142—156; Pascu, Etimologii 
Rommèsti, Iasi 1910. En ce qui concerne les éléments thraces je publierai 
bientót une étude spéciale. 

L’auteur ne se déclare pas en principe contre l’existence en roumain 
d’éléments germaniques (pg. 38, 43 — 44). Autrefois il était nettement 
contre. 

En effet, dans Convorbiri Literare 39 (1905) 52—54, l’auteur disait: «Je 
voudrais insister cette fois-ci surtout sur ce point. Un des traits caracté- 
ristiques de la langue roumaine par rapport aux autres langues romanes 
est Vabsence totale d’éléments germaniques, ce qui prouve que les cir- 
constances historiques ont séparé les Roumains du reste de la Romania 
avant que les relations entre les Roumains et les Germains devinssent 
tellement étroites qu’elles puissent produire des influences réciproques. 
J’insiste sur ce fait souvent relevé, puisque ces derniers temps un distingué 
germaniste, R. Loewe, dans son article Altgermanische Elemente der Balkan- 
sprachen, inséré dans Zeitschrift fiir vergleichende Sprachforschung, 1904. 
pg. 265—334, a cru pouvoir découvrir des éléments germains anciens en 
roumain. Mais cet article est dépourvu de toute valeur, car Loewe, possé- 
dant très peu de connaissances sur le roumain, commet des fautes propres 
à un dilettante. Le manque total d’éléments germains anciens en 
roumain est tellement remarquable que, par une déduction logique, 
notes pouvons affirmer que toutes les fois qu’un mot se trouve simultané- 
ment dans les autres langues romanes et en roumain, son origine ne 
peut pas étre germaine» 

J’ai combattu cette idée précon^ue lors mème de son apparition dans 
Arhiva 16 (1905) 190—195, et mon opinion contraire a eu le mérite 




BIBLIOGRAFIA 


229 


d ébranler l’intransigeance de Puscariu, mais Puscariu, prèt à citer dans 
ses notes n’importe quelle bagatelle, passe sous silence mon article, cornine 
si rien n'était arrivé. ' 

Puscariu reconnait à présent que roum. (dr. et mr.) faro «famille» est le 
langobarde far a , mais il affirme, sans raison, qu’il est introduit par les 
Slaves (bulg. fava ), ou par les Albanais (alb. fava), ou par les Grecs 
(ngr. 7 «(>«). 

Les mots farà, pungo «bourse», mr. falcare «plusieurs familles et trou- 
peaux qui se trouvent sous la dépendance d’un celnic = propriétaire de 
troupeaux» [Pascu, Etimologii Rommesti, 54] sont introduits directement des 
langues germaniques. V. aussi A. Philippide, Un Specialist romin la Lipsca, 
147-148. 

La relation que l’auteur veut établir entre le rhotacisme roumain et le 
rhotacisme albanais (pg. 27) n’existe pas. 

Des étymologies proposées autrefois par l’auteur et maintenues dans cette 
brochure, comm e firetic «furieux» < phreneticus (pg. 17), retesa «couper 
le bout d’un objet» < *RAECEDIARE , apparaissent à présent comme des 
bizarreries, v. Pascu, Beitràge, 11, 12. 


22. Al. Rosetti. Colindele religioase la Romìni. Bucuresti 1920. 
4°. 80 pg. — Extrait des Annales de l’Académie 

Roumaine, sér. II, voi. 40, Les Mémoires de la section 
littéraire. 

Les colindes sont «les noéls qu’on chante en allant de maison en maison 
la veille du Noél». Elles sont de deux sortes: religieuses et sociales. Les 
premières représentent la coutume paienne du culte du soleil dans la forme 
du mithracisme, culte adopté par les Romains, et les Saturnalia et festimi 
Calendarum des Romains. 

Les colindes religieuses sont d’origine littéraire: du Nouveau Testament, 
de la Vie des Saints, des apocryphes, des apocalypses. Elles décrivent la 
naissance, la vie et la mort de Jésus Christ; la récompense des bienfaits ; 
des faits de la vie des saints; l’origine du monde; motifs divers d’ordre 
psvchologique, — en tout 27 types. 

Le mot colindo est l’ancien slave koleda < calendae, le refrain haìléruì 
Doamne < halleluiah domine (étymologies déjà connues). 

On voit bien que l’auteur est un commen^ant mal guidé: explications 
naives, verbiage, nombreuses citations superflues. Les quatre-vingts pages 
peuvent bien se réduire de plus de la moitié. 

Le mot jidov géant*, confondu avec jidov «juif», est d’origine slave: 
bulg. Hd «géant, colosse», d’où aussi mr. jùdav «informe, imparfait, laid» 
[Pascu, Sufixele RomTnesti, 282, 289]. 

Le mot lar de «sede si lar pàcurar», «sus pe plaiul muntelui sint trei 
lari pàcurari» (pg. 28 note 1 ) est le fragment final du mot specular, pocurar. 
De nombreux exemples ont été donnés dans mon livre Despre Cimilituri. 

Bolindet «verge portée par un chanteur de noél» (pg. 20, note 1) < colindet 
idem -f bot «verge». 


230 


GIORGE PASCU 


23. lorgu lordan. Diftongarea lui e si o accentuati in positiile 
à, e. Iasi, Viata Romfneascà, 1920. 8°. 352 pg. 

Après une recherche minutieuse basée sur un riche matériel propre surtout 
concernant les noms propres de famille et de localités et sur tout ce qu’on 
avait écrit auparavant sur le mème sujet, l’auteur aboutit aux conclusions 
suivantes : 

1. Dans les éléments hérités, et dans les emprunts selon une norme spéciale, 
tant dans les mots que dans les formes, é en position a et e se change en 
ed, et ó en od. 

2. En position —a e t — ea, é et ó restent intacts. 

3. è suivi de n, m 4- explosive se change en i, et ó en lì . 

4. Le changement 3 est antérieur au changement 1, qui tire son originq 
déjà du latin populaire. 

5. Dans la langue moderne ed—e est revenu à é — e. 

La cause physiologique de la diphtongaison doit ètre cherchée dans la 
prononciation de é et ó qui se sont transformés en une syllabe à deux 
sommets: é—«>ée — e, ó—e > óo—a, et dans la dissimilation de ée, óo en 
hi, ad. 

La partie originale du livre consiste surtout en des détails, qu’on ne peut 
pas résumer, et en des étymologies nouvelles. 

L’ouvrage, présenté comme thèse pour le doctorat à la Faculté des Lettres 
de Iasi, fait honneur à l’auteur et à son professeur A. Philippide. 

Quelques remarques: 

Dzeae (dr. PsSch) «déesse» < dea (47). — Le mot dzeae est le vocatif de 
Dzea «Dieu» et devait donc ètre discutè pg. 116. Et.: DEE. 

Ace chi sir e imv), pica siri (megl.) «comprendre» <capisso — capesso(64). — 
Et.: mr. achicasire, acachisire, megl. pica siri «comprendre», alb. (a)pikàs 
«conjecturer, présumer, supposer» < ngr. àneixciCw «entendre, comprendre; 
conjecturer; voir de loin ; ètre habile à; copier, dépeindre». 

Dismarm (megl.) «se reposer» < ngr. juayatra) «faner, flétrir» (66). — Et. : 
*disurnariri < dis- 4- umariri «se fatiguer» < bulg. umoridvam idem. 

Spirivi (megl.) «siffler, jouer» < ngr. aqvQftoj idem (68 \ — Et.: bulg. svirìa 
idem. 

Zghilire (mr.) «crier» < ngr. ay.uhnLcj «devenir enragé» (69). — Et.: bulg. 
vikam «crier», vikliv «criard, crieur». 

Ifesleaga (dr.) «le chef des bechlis» < beidia + -edga (81). — Et.: ture, besli 
agd (Saineanu, Influenza Orientala). 

Balacìu (dr.) nom de localité < bulg. beai «blanc» (84). — Et.: bulg. bealac 
«blanchisseur >. 

Corneala (dr.) nom de localité < corni «cornouillers» + -dta, c’est-à-dire 
«couvert de cornouillers» (88). — Et.: CORNETA, pi. de cornetum «lieu 
planté de cornouillers», cfr. Leamna < UGNA, pg. 118 n. 

Franséla, frangola, fransoalà (dr.) «pain blanc de première qualité» < 
ngr. <f ottvT&'Xa idem (99). — Et.: roum.franzela, ngr. (f oavT&Xa , ture (G. Meyer, 
Tiirkische Studien, I 56; Iusuf) frangela, firangela, bulg. frangéla < ital. 
*franz(e)scìla «pain fran^ais», cf. Ducange franciscus panis «placentae 


BIBLIOGRAFIA 


231 


genus*; roum. frangola, fr anso ala, ngr. (Thumb, Germanistische Abhand- 
lungen fur H. Paul, 247) <y.p«rr£>ól« < ital. *frans(e)suola. 

Liscuvrfi (megl.) «sorte de pierre« < srb. leskov «de coudrier», leskovat 
«baguette de coudrier» (131). — Et.: bulg. ledska «schiste, roche, rocher», 
ledskov «schisteux*. 

Direc (dr.) «pilier, colonne» < srb. dir eh idem (145). — Dr. mr. megl. direc, 
srb. bulg. alb. direk, ngr. viupy.i < ture direk. 

Hàìate (mr.) «corridor, vestibuie» < srb. haiat idem (151). — Mr. haìate, 
srb. bulg. alb. haìat < ture haìat. 

Toalà (dr.) «couverture ordinarne», pi. «vètements, tapis des paysans» < STOLA 
«robe de toilette des dames' romaines; vètement d’homme» (190). — Et.: dr. 
tot «sac», mr. ciol'u «haillon», ngr. tCovài «couverture de chevai», bulg. cut 
«carpette, couverture de che vai, etc.; tapis de poil de chèvre» < ture cui 
«couverture de che vai; haillon; houssq». 

Cloamba (dr.) «branche»—cf. éech. klamon, russe klumba idem (204).— 
Et.: cloamba, croambà < *cRumba = agr. xoovupr) [Pascu, Etimologii Romi- 
nesti, 47J. 

Mijoarcà (dr.) «jeu de cache-cache» < miji «se cacher» (206). — La finale 
-oarca s’explique sous Tinfluence de poarcà sorte de jeu à la balle. 

Pohoata (dr.) «femme de mauvaise vie», obscur (206). — Et.: *potoa/ià, 
*patacà, cf. palachina. 

Pulpanà (dr.) «basque, pan d’un habit» <pulpa «mollet» + -dn(a) (213). — 
Et.: fr. pourpoint modifié quant à la forme ' et au sens par étymologie 
populaire avec pulpa. 

Viroaga (dr.) «lit d’un ruisseau séché» < vbulg. vini «vortex, piscina» (218). 
— Et.: bulg. vir 1. «endroit profond dans l’eau», 2. «ruisseau», d’où (Tran- 
silvania, 1915, pg. 41) vir 1 + - odga sous l’influence de vuloagà (mr.) «pré, 
prairie». 

Vuloagà (mr.) «pré, prairie», obscur (218). — Et.: bulg. valog «endroit 
creux, vallèe; lit d’une rivière», d’où aussi dr. (Noua Revistà Romina 2 , 8 
(1910) 88) vàìugii, vaiala. 

Tiva—gódea (megl.) «quoi que ce soit, n’importe quoi» — mr. goadà «coup», 
agudire «frapper» (249). — Et.: bulg. gódea, cf. kdvko—gódea = megl. 
tiva—gódea . 

Dracilà (dr.) (bot.) «lampourde épineuse» < thrace drocila «ntvTiofwUov» 
(254). — Et.: asl. draci «épine, buisson épineux, buissons», bulg. draka 
«broussailles, buisson, ronce», drd ,r ka «broussailles» d’où aussi ngr. tigàronov 
«fruit d’aubépine», dnaranià «aubépine, épine - vinette» [G. Meyer, Neu- 
griechische Studien, II 26]. 

Toader (dr.) «Théodore» <C asrb. Todor (277). — Et.: lat.-pop. (Inscriptions) 
TODERUS. 

Cartoapi (megl.) s. f. pi. (bot.) «boule de neige» < cartoafà (dr.) «pomme 
de terre» (278). — Et.: ture kar-topu idem, d’où aussi bulg. kar-top. 

Andupirare (mr.) «étayer, étrésillonner, appuyer» < bulg. dopirarn 
«toucher, confiner à» (282). — Et.: bulg. podpiram idem [Pascu, Beitràge, 9]. 

Castron (dr.) *soupière» < fr. casserolle (285). — Et.: = bulg. kastrón idem, 
probablement d’origine romane (fr. casserolle > bulg. kastrùlia). 


232 


GIORGE PASCU 


24. B. A. Betzinger und Rich. Kurth. Rumcinische Spvcichbriìcke . 

Einfuhrungin die rumanischeSprachlehre und Herkunfts- 
worterbuch. Leipzig, Holtze. 1920. 12°. 49 pg. 

C’est un petit livre de vulgarisation qui n’offre rien aux spécialistes. 
Etymologies peu sérieuses comme cucitila «bonnet de fourrure» < *catteula< 
catta «chat», legana « bercer» < *LIGiNARE < ligare «lier», putiti «peu» < 
*putixcjs < putus «enfant», sparia «effrayer» < *expariare «dépareiller» 
montrent que les auteurs ne sont pas très au courant de la philologie 
roumaine. 

25. Giorge Pascu. Beitrdge zar Geschichtc der rumànischen 

Philologie . Leipzig, en commission chez Gustav Fock. 
8°. 80 pg., prix 20 lei pour la Roumanie, 15 marks 
pour PAllemagne, TAutriche, La Hongrie, la Cecho- 
slovaquie et la Pologne, 10 francs franqais pour les 
autres pays. > 

JusquVn 1916 le public Occidental était renseigné sur les progrès de la 
philologie roumaine surtout par Kritischer Jahresbericht tiber die Fort- 
schritte der romanischen Philologie, publié par Vollmoller. Malheureusement 
la partie roumaine de cet annuaire laissait beaucoup à désirer: le nombre 
des ouvrages cités était restreint et les renseignements insuffisants et souvent 
mème inexacts. 

Le but de cette brochure est de donner quelques exemples de la manière 
dont devrait etre renseigné le public Occidental sur le mouvement philologique 
en Roumanie. Les ouvrages analysés sont: 1. Meyer-Ltibke, Romanisches 
etymologisches Worterbuch-, 2. Candrea et Densusianu, Dictionarul etimo¬ 
logie al limbii romine; 3; Meyer-Ltibke, Rumànisch, Romanisch, Albanesisch; 
4. Wendkiewicz, Zur Charakteristik der rumànischen Lehnworter im West- 
slavischen; 5. Caracostea, Wortgeographisches und Wortgeschichtliches vom 
Standpunkte der Homonymitàt; 6. Ticàloiu, Zum rumànischen laiu; 7. Sainéan, 
La Création métaphorique en fran^ais et en roman, I et II; 8. Puscariu, 
Die rumànischen Diminutivsuffixe; 9. Capidan, Die nominalen Suffixe im 
Aromunischen ; 10. Jokl, Studien zur albanesischen Etymologie und Wort- 
bildung. 

Dans les six dernières pages je rends compte de mes principaux ouvrages. 

Giulio Bertoni, l’éminent directeur de l’Archivum Romanicum, ayant pris 
connaissance de cette brochure, a bien voulu me faire l’honneur de me 
charger de rédiger la Bibliographie Roumaine de l’Archivum. 



liinLJOGRAFIA 


233 


Index des mots 


(Les mots, dont l’étyniologie appartient à Fauteur, 

sont munis dun astérisque) 

Rou mai n 

fulcare* 21 

scripturà 10 

ginfa 12 

scrisoare 10 

acàchisire 23 

gìnfla 12 

sfiriri 23 

amirà 10 

GlidzaJes 15 . 

sfrindzel* 1 

amiràiasà* 10 

godea* 23 

spària 24 

andupirare* 23 

gruiu* 2 

stàpin* 13 

baciu* 13 

grunu* 2 

stràin* 12 

bade* 13 

haìlerui 22 

surda 12 

badiu* 13 

hàìate* 23 

schele 8 

Balaciu* 23 

iaca 10 

tare 10 

balaur* 13 

ìar(à) 10 

Toader* 23 

Bai sa 3 

ìaschie* 12 

Tricala* 15 

baragladinà 3 

itisela 10 

Turia 15 

barangà 3 

jidov* 22 

toalà* 23 

Bàiasa 15 

judav* 22 

tol* 23 

besleagà 23 

lar* 22 

udi 12 

boiindet* 22 

legàna 24 

umàriri* 23 

bulbui* 12 

leucà 10 

urdà 13 

bul'ar* 13 

liscuveti* 23 

vàìalà 23 

carte 10 

lumache* 13 

vàiugà 23 

cartoapà* 23 

màcinis 12 

verotic 12 

castron 23 

magar 13 

vir* 23 

càciulà 24 

màgurà 13 

viroagà* 23 

cìol'ii* 23 

màrat* 7 

virotic 12 

clrmoaja 7 

mijgui 12 

vuloagà* 23 

cloambà* 23 

mijgura 12 

zghilire* 23 

cobie 12 

mijoarcà 23 

Latin populaire 

codru* 10 

mire* 10 

fratre 3 

colindà 22 

mireasà* 10 

retorna 3 

Corneata* 23 

mizg 12 

Romania 1 

croambà* 23 
Cutuflean* 15 

patachinà 23 
picàsiri 23 

torna 3 

daca 10 

picere* 12 

Serbo-croate 

dar 10 

pirdalnic 10 

aràniia 1 

deal* 10 

pociumb 13 

bai àura 1 

direc 23 

pohoata* 23 

Bai sa 3 

dismàriri* 23 

popic 12 

Bàrbàtovti 1 

dracilà 23 

porumb 20 

Berbatovit 1 

dzeae 23 

pulpanà* 23 

Berbàtovo 1 

farà 21 

punga 21 

blàor 13 

findis 7 

putiti 24 

blàvor 13 

firetic 21 

reteza 21 

brundzela 1 

franzelà* 23 

sat 13 

brun^ela 1 

franzolà* 23 

sàrac 13 

Bun 1 

fsat 13 

scinci 10 

Bùnilo 1 


234 

Bunilovit 1 
Bunisa 1 
Bunoìevit 1 
Bunosevat 1 
Bunovi 1 
Bunovit 1 
Dimitor 1 
dìo 10 
do 10 

Durmitor 1 
fatur* 1 
Fecor 1 
Ficor 1 
frntela 1 
frzèlin* 1 
grmìela* 1 
grmìelita 1 
Hrman* Y 
Hrmaniìa* 1 
hrnkas 1 
Formata 1 
Formatura 1 
krnata 1 
krnatina 1 
kùrtast* 1 
kiirtav 1 
F} T turiti* 1 
Ligati^l 
Ligatit(i) 1 
Lìgatov 1 
L.upulovit 1 
macuga 1 
Magura 1 
matraga 1 
màtrak(a) 1 
mèrdzuo 1 
moruga 1 
motoroga 1 
motòruga* 1 
mrdzela* 1 
mrdzelita 1 
mrkatul'a 1 
mrkatuna 1 
omsita 1 


lilORCF. PASCU, r.IP.LlOliRAFIA 


pàto 10 
pùntiela 1 
rnkàs 1 
Romani 1 
Romaniìa 1 
Romanovti 1 
skela 8 
Smederevo 1 
stopan* 13 
sàso 10 
sasto 10 
sàto 10 
Serbolovat 1 
Serbula 1 
skutel'ka 1 
sopi 10 
sopte 10 
sópti 10 
soti 10 
sòvte 10 
tura 1 
verzolin* 1 
zèti 10 
*eti 10 

Bulgare 
fui* 23 

deal u 10 
dracì 23 
dracka 23 
draka 23 
haraniìa 1 
hurda 13 
kar-top* 23 
kastron 23 
kastrulìa 23 
magar 13 
Romana 1 
skelìa 8 
skurteìka* 1 
stopan(in)* 13 
stopanù* 13 
stupan(in)* 13 
urda 13 


R h u t è n e 
d'iu 10 

A1 b a n a i s 
apikas 23 
bari 13 
bat 13 
boia 13 
bular* 13 
fsat 13 
l'umake* 13 
magar 13 
magulà 13 
mìergulà 13 
mugu 13 
murgu 13 
psat 13 
skela 8 
stàpi* 13 
udos 13 


Grec 
yo/u ci()c 13 
()\>1(T01VOV 23 
Farpenision* 15 

loV/Ltaxia* 13 

Mosli* 15 
ovnòa 13 
* Pcouui ta 1 
oxùla. 8 
j£ovh* 23 
<f {inviala* 23 
q QCtVTbÒlu* 23 
(f>QiyyiXi<Qi 1 

Ture 
Giorgi n* 1 
Grangela* 23 
frantela* 23 
iskele 8 

A11 e m a n d -H o n g r o i s 
Scmendria 

Gior(;k Pascu 


ARCHIVUM ROMANICUM 

Voi. VI. — Xr. 2. Aprile—Giugno 1922. 


Mittellateinische Wortg’esehiehten. 

Proben eines Ducangius theodiscus. 

Schon lange beschàftigt mich ein Pian, die mlat. Latinitàt des 1. nach- 
christlichen Jahrtausends auf ihre germ. Bestandteile hin zu priifen und 
lexikalisch zu isolieren. Von diesem geplanten Ducangius theodiscus habe 
ich an zwei verschiedenen Stellen Proben im Druck vorgelegt, und hiermit 
folgt eine 3. Reihe. Die 1. Probe habe ich veroffentlicht im Jahre 1915 in 
den Sitzungsberichten der Heidelberger Akademie (I), die 2. bringt das 
neueste Heft der Zeitschrift ftir roman. Philologie (II), die vorliegende Probe 
ist die dritte ihrer Art (III). Der Gesamtinhalt dieser drei Proben sind 
Artikel tiber folgende mlat. Worte germ. Herkunft: alesila II, ballimi II, 
baita IL barca III, bargwn I, bastimi IL benda IL bicarus II, bigardiluii III, 
bisttna III, blaio III, blundus II, brùnus II, dirotta I, crusca II, chrustus IL 
danea I, dolcits IL d ròsea li, elcus II, e xd amar e II, faldistóla IL ga- 
fòr inni III, gilstrio IL hanappus III, ìtapia I, branca IL liultia III, bu- 
mitius I, hùiiiscus III. husabandilus IL isca IL liha I, lisca III, ma - 
bonus III, ryiariscus III, melscare I, nastulus I. nauchus III, peri- 
làsium III, ramusium II, rausuin II, reipus I, rupia I, sagiboro I, 
scancio I. scerpa II, soni uni I, spentimi III, sporònus III, staupus III, 
strèpa 1, suini is I, lattare IL tìdolòsa IL fila II, trabititi II, ix arac io II, 
wargus I, 'windica III. 

barca «Schiffsboot» (ftir Hafendienst). Fruhster Beleg nach 
Mommsen (Monatsber. d. preub. Akad. 1861, S. 752) Corp. Inscr. 
Lat. II 13 (siidlich Portugal um 200 n. Chr.) edito barcarum certa- 
mine et pugilum. — Paulinus Nolanus (geb. in Bordeaux nach 350, 
tatig in Barcelona nach 390) Carm. 24, 95 ut mox salubri barca per- 
fugio foret puppi superstes obrutae. — Anthol. 21, 108 nicht vor dem 
3. Jahrh. (Haupt, Opusc. 1218) ancora, lembus, barca, amus. — Theo- 
dosius (um 530, vielleicht aus Nordafrika nach Gildemeister) De situ 
terrae sanctae 12, 143 omnes in barcas ascendunt. — Lyd. de mag. 
(zwischen 550—560) 2, 14 fiàgy.ag aizàg avvi, toc dgó(.icovctg izaxguog 
sv.aleoav oi fvalaiózegoi. — Isidor (gest. 636) Orig. 19, 1, 19 barca 
est, quae cuncta navis commercia ad litus portat; eamque in pelago, 
propter nimias undas, in navi ipsa vehi. — Aldhelm (um 685) Car¬ 
mina eccles. Ili 23 (MG. auct. ant. XV) S. 15 Donec barca rudi 

Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 16 


232 


F. KLUGE 


pulsabat litora rostro — De virginitate cap. 59 (S. 320) Rimosa 
namque fragilis ingenii barca dirae tempestatis turbine quassata — 
De virginitatis V. 2809 (S. 467) Anchora fluctivagam nunc sistat 
metrica barcam. — Conversio et Passio Afrae (MG. Ss. rer. Merov. Ili) 
S. 63 Stabant autem iuxta ripam fluminis Digna et Eumenia et Eu- 
prepia, quae fuerunt ancillae eius et simul que fuerunt in peccato et 
tinnii a sancto Narcisso episcopo baptizatae, quae rogaverunt discen- 
dentes de barcha (Var. barca barga), ut se illue transferrent. — Notae 
Tir. 110 ; 13 barca barcula barcella. — Liber Monstrorum (ed. Haupt) 
9. Jahrh. (Ind. lect. Berol. 1863) S. 12 ferunt monstrum aliut in quodam 
loco iuxta Oceanum fuisse, quod ut barcam adlabi undis de litora 
cernebat. — Nach Goetz, Thes. Gloss. unter barca ein haufiges Glossen- 
wort z. B. Corp. Gloss. Lat. II 521 b barca scafos — III 205 a scafi 
barca — V 347 a, 401 a barca navis (auch V 216 a) — V 635 b 
lembus barca. Vgl. auch Aelfrics Glossar (um 1000) barca flotscip 
Wright, Voc. I 181, 287 b und Summarium Henrici (11. Jahrh.) barca 
flozscif Ahd. GL IH 216b (auch III 163 b). Mit Unrecht hat W. Wacker- 
nagel ZfdA. 9, 573 germ. Ursprung angenommen : im Deutschen zeigt 
sich Barke erst mit dem Rolandslied 1130, haufiger erst in der 2. Halfte 
des 12. Jahrhs. ; im Engl. tritt bark erst im 15. Jahrh. auf. Auch 
kelt. Ursprung ist nicht wahrscheinlich '(Thurneysen, Keltoroman. 
S. 43). Nach Diez I 42 Grundwort agypt.-griech. ftàgig; vgl. auch 
Bucheler, Rhein. Museum 42, 583 f. Aber nichts deutet in den alteren 
Belegen auf die ostliche Halfte des Mittellandischen Meeres; der 
Ursprung des Wortes mufi wohl auf der iberischen Halbinsel gesucht 
werden. 

bigardinm «Einhegung, Einfriedigung»! Endlichers Glossar De 
nominibus Gallicis 10 (MG. auct. ant. IX 1) S. 613 caio breialo sive 
bigardio (= Kuhns Zeitschr. 32, 238). Wortbildung des Typus lat. 
aequinoctium biennium proverbium = got. andanahti atafmi anda- 
waùrdi: zu got. gards M. «Haus, Hof» mit der Vorsilbe bi- «um, 
herum». Nach Form und Inhalt vgl. man hess. Bitze «Baumgarten» 
aus mhd. (hess.) biziune N. «eingezàuntes Grundstuck», avozu die 
Tradit. Fuld. ein Fem. bizuna (unam bizunam) haben; vgl. mhd. 
beziunen «umzaunen». S. auch das DWb. unter Bitze. 

bizuna s. unter bigardinm. 

blaio «grobes Leintuch;> (anord. blaeja «Bettdecke») in einer 
langob. Urkunde vom Jahre 861 bei Bruckner, Sprache d. Langob. 
S. 135 Similiter volo ut deveniat in ipsos rogàtores meos angos duos, 
balcio uno, farsele argenteo uno, sperones argenteos duos, beramo 
auro uno, curtina una, spata una, codare argentea una, busele argentea 



MITTELLA.TE1N1SCHE WORTGESCHICHTEN 


233 


una, facitergio uno, blaiones duos usw. — Eins mit friaul. bléon «Lein- 
tuch» nach Pellis ? Elementi germanici; vgl. Jud, A.S.N.S. Wohl ver- 
wandt mit friihnhd. Blege Bleige DWb., woflir Alemannia 9, 57 und 
14, 101, 102 Belege stehen. 

gaforium «Gelegenheit»: Reichen. Gl. 1846 (= Foerster, Afrz. 
Ubungsb. S. 15, 607) oportunitatem gaforium — 308 a (=._ Foerster 
S. 21, 875) conpendium gaforium. Entlehnt afrz. jafuer «bequemes 
Leben» (Romania 21, 293). Identisch mit asachs. gifòri N. — ahd. 
gifuori N. «passende Gelegenheit, Nutzen, Vorteil»; alteste ahd. Laut- 
form gafóri in der Glosse kafori conpendiun Ahd. Gl. I 77, 25 (Gl 
R. um 750), das Neutr. ein gifuori Akk. da^ gifuori Otfr. II 14, 44. 
V 23, 127. Vgl. Diez, Altroman. Glossare S. 32 «in einer Urkunde 
aus Aquileja vom Jahre 1027 sieht man gaforium in Gesellschaft von 
fodrum: per fodrum aut per ullum gaforium «Fourage oder irgend- 
eine Nutung (Lieferung)»'. 

hanap pus «Trinkgeschirr, Trinkgefafì» = asachs. hnap Nom 
Plur. hnappos M. «Napf»: Corp. Gloss. Lat. V 583, 8 (9. Jahrh.) 
anaphus vas vinarium quod rustici appellant hanappum per duo pp 
rectius autem scribitur per unum p et h anaphus sicut triumphus greci 
enim dicunt illud anaphos ed ymnoforos — V 564, 48 (10. Jahrh.) 
cratera vas vinaria quod et galleta anappum sclalam. — Literatur- 
belege: Gedicht an Hildebert in Corvey 9. Jahrh. (MG. Poetae lat. 
aevi Carol. Ili) S. 327 hanappum pariter impositumque super. — 
Angilbert gest. 814 De ecclesia Centulensi libellus cap. 3 (MG. Pertz SS. 
XV) S. 177 hanappi argentei superaurati XIII. — Gesta abbat. Fonta- 
nell. (= vita Ansegisi ASS. Juli V 94) a. 850 cap. 15 (MG. Pertz SS. 
II) S. 290 hanapas argenteos deauratos duos — S. 295 hanappum 
argenteum optimo opere factum habentem limaces aureos quatuor in 
fundo exterius sibi annexos (u. òft. in Kircheninventaren). — In den 
Kasseler Glossen des 8. Jahrhs. (Ahd. Gl. Ili 11, 22 = Foerster, 
Afrz. Ubungsb. S. 42, 130) wird lat. hanap durch ahd. hnapf glossiert 
(lat. hanap auch Ahd. Gl. IV 198, 24?). — Hierher die kornische GL 
hanapus hanaf Zeufì-Ebel, Gramm. Celt. 2 S. 1080. — Variante hinna- 
phus Ahd. Gl. Ili 642, 58 und ncippus nappa III 642, 20; die 
Variante napp^ auch Ahd. Gl. I 338, 40; II 595, 1; III 643, 9, 25. — 
Dazu Eckehart um 930 Waltharius V. 308 nappam arte peractam 
ordine sculpturae referentem gesta priorum = Chronic. Novaliciense 
zwischen 1014—1050? (MG. Pertz SS. VII) S. 89 Qui simul in verbo 
nappam dedit arte peractam, gestam referentem priorum ordinem 
sculture ipsius. — Regestum Volaterranum (Regesta Chartarum Italiae I) 
a. 1028 S. 42 Raineri et Fraolmi fecerunt Uuidi launehilde merito 

16* 


234 


F. KLUGE 


nappo uno de argiento prò investitura seo perdonatione. — Regestum 
Lucense (Regesta Chartarum Italiae VI) a. 1030 S. 46 nappo uno de 
argento prò ipsa sua investituram. — Die gelehrte Schreibung anaphus 
noch in der Glosse anaphus hnaep (angls.) Aelfrics Glossar ed. Zupitza 
S. 316, 1 (Wright-Wiilcker Voc. I 329, 20); vgl. noch Ex sermone 
de adventu SS. Wandregisili, Ansberti et Wolframni ll.Jahrh. (MG. 
Pertz SS. XV) S. 628 Haec vero sunt quae de sancti Ansberti habemus 
reliquiis : tunicam eius et partem ipsius casubulae, marsupium vero et 
anaphum seu pyxidem atque cultelios. — Dazu èine Variante hanniba: 
Wolfhard um 895 Miraculis S. Waldburgis Monheim III 5 (MG. 
Pertz SS. XV) S. 550 Ubi ventum est ad pauperum Christi elemosinam 
partiendam, datis cibi stipendiò congruenti, dum etiam pocula sedula 
ministraret, vas quod hanniba nominatur, quo mixtio agebatur, inter 
manus propinantium ita exinanitum est atque subductum, ut nullus 
assistentium ullo modo potuisset scire, qua liquida ratione esse per- 
ditum videretur. — 2. Die roman. Entsprechungen ital. anappo nappo, 
prov. enap, afrz. hanap henap stimmen nicht zu mlat. nappa, sondern 
zu vulgarlat. hanappus hanappum (fur die Bedeutungsentwicklung ist 
interessant afrz. hanepier «Hirnschale»). Aus dem German. vgl. ahd. 
napf (8. Jahrh. hnapf) Plur. napfa M. «Napf», asachs. hnap Plur. 
hnappos M. «Napf», angls. hnaep Plur. hnaeppas M. «Napf», anord. 
hnappr Plur. hnappar M. «Napf» : also alle als mannìicher o-Stamm 
flektierend. 

h-ultia (und hultium) «Satteldecke» = frz. housse «Satteldecke» 
(Diez Ile): Salomon et Marcolfus (ed. Benary in Hilkas Sammlung 
mlat. Texte) S. 13 Bene sedent ad scabiosum culum hulcia porcina. 
In verschiedenen Schreibungen (Graff IV 880) ein gelaufiges Glossen- 
wort des 11./12. Jahrhs. z. B. ulcia huluft Ahd. Gl. Ili 640, 7 — 
ulcia hulft III 162, 33 — hulcia hulft III 443, 51 — hultia hulft 
III 640, 21. — Nebenform hulcitum z. B. hulcitum huluft (9./10. Jahrh.) 
Ili 690, 2 — hulcitum "hulith III 682, 6 — hulcitum hulpht III 624, 
20; ini Summ. Henrici ulcia vel hulcitum hulft III 216, 22 — hulcitum 
i. hulft III 241, 47 — hulcitum hulst III 301. 53 — hulcitum hulft 
III 318, 46 — hulcitum satilhulft III 276, 55; in Trierer Gl. des 
11./12. Jahrhs. hucitra hulut (oder hulit?) IV 203, 24 — ulcitrum 
hulift IV 210, 40. Hierher gehòrt auch die allerdings unklare angls. 
Glosse des 11. Jahrhs. ulcea garan Wright Voc. I 332 (unter Aus- 
rustungen des Pferdes). — Verwandtschaft des mlat. Glossenwortes 
mit dem es glossierenden ahd. huluft hulft fuhrt auf mhd. (z. B. Nib.) 
hulft «Decke» =- mndd. hulfte «Tasche fur Bogen und Pfeile» und 
wohl auch frtihnndl. holster «Reisetasche». Unsicher ist. Beziehung 


MITTELLATEINISCHE WORTGE^CHICHTEN 


235 


auf got. hulistr «Decke» und anord. hulstr «Futteral». — Etymologie 
und Wortbildung kaum zu bestimmen : ahd. hulft macht den Eindruck 
eines weiblichen ti-Abstraktums (zu helfen asàchs. helpen? eigentlich 
«Hlilfe» ?) und wiirde auf ein mlat. *hulftis resp. jiingeres *hulftia 
(daraus mlt. hultia) hinweisen miissen. Ftir Zusammenhang mit helfen 
spricht eine Stelle wie Moscheroschs A la mode Kehraufi (ed. Bobertag) 
S. 118 «sie sassen nicht auff Satteln, sondern ritten auff den blossen 
Pferden oline einigen andern gehiilff». Anders uber frz. housse Meyer- 
Liibke, Rom. Et. Wb. Nr. 3753. 

huniscvs «hunnisch» in der Verbindung equus hùniscus « Wallach», 
Vegetius um 388 Mulomedicina III 6, 2 Ad bellum Huniscorum (Var. 
hunescorum, hunniscorum) longe prima docetur utilitas patientiae: 
laboris, frigoris, famis — III 6, 5 Huniscis (Var. hunnuscis, unicis, 
hunnicis) grande et aduncum caput, extantes oculi, angustae nares usw. 
(genaue Beschreibung) — III 7, 1 Aetas longaeva Persis, Huniscis 
(Var. hunnicis, unniscis), Epirotis ac Siculis, brevior Hispanis ac Nu- 
midis. — Auf ein hunnisches Schwert bezogen : Karl d. Gr. an Konig 
Offa v. Mercien a. 796 (xMG. Epist. IV) S. 146 Vestrae quoque dilec- 
tioni ad gaudium et gratiarum actiones Deo omnipotenti dirigere 
studuimus unum balteum et unum gladium Huniscum et duo pallia 
sirica. — Gegenuber diesen alten Zeugnissen filr ein Adj. hunisc zeigt 
sich eine deutsche Entsprechung erst im 12. Jahrh. im Summ. Henrici: 
balatinae (lies balanitae) hunisc drubo Ahd. Gl. Ili 91 b; vgl. ZfdA. 
23, 207. Uber das Suffix vgl. -iscus. Mit den hunnischen Pferden 
der Mulomedicina vgl. die eddischen marar hunlenzkir Hamdism. 11 
im Bereich der got. Sage. 

lisca «Riedgras» = ahd. Mesca Riedgras>; das in mlat.' Texten 
noch nicht nachgewiesene Wort ist in Glossen nicht selten: 8. Jahrh. 
Reichen. Gl. 450 (= Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 7, 233) carecto 
lisca. — 10. Jahrh. Ahd. Gl. IV 342, 19 carex quod communiter lisca 
dicitur (Leidener Prisciangl.); Corp. Gloss. Lat. V 564, 33 carectus 
quod vulgo dicitur lisac (lies lisca) unde bude fiunt (auch lisa fur 
lisca III 543 b?)*, Wright-Wulcker, Voc. I 135, 14 carex vel sabium 
vel lisca secg. — 11. Jahrh. Corp. Gloss. Lat. V 617, 25 carectum 
est locus quo lisca crescit; Wright-Wulcker, Voc. 438, 20 lisca secg. — 
Deutsche Belege wohl erst seit dem II. Jahrh.: ahd. (mfrank.) papirus 
lehscha Ahd. Gl. IV 330, 2; Summ. Heinr. filix lisca Ahd. Gl. III 
273, 50. — 13. Jahrh. scirpus lese Ahd. Gl. Ili 388, 9 und alga lius 
III 719, 51. Aus jungeren Perioden vgl. mndd. lèsch, mndl. lies(c), 
mhd. liesche. Im Deutschen scheint der Tonvokal zu schwanken 
' (Grdf. liska leska?); vgl. z. B. Schweiz. Idiot. Ili 1459. Fiir die 




I 

236 F. KLUOE 

roman. Entlehnungen (ital. lisca «Halm», frz. laiche «Riedgras») setzt 
Meyer-Liibke, Rom. Et. Wb. Nr. 5082 eine Grdf. liska an. Auf- 
fallig eine Variante mit r-Anlaut im Angls.: juncus rise Corp. Gloss. 
ed. Hessels S. 71, 530 mit den Zusammensetzungen riscthyfil Epin. 

Gl. 518 und eorisc Epin. Gl. 795. Noch auffalliger die Bedeutungs- 
variante'«Brotschnitte, Fleischschnitte» ; vgl. afrz. lesche nfrz. lèche 
mit der Glosse lisca sniede Ahd. Gl. Ili 372, 59 (13. Jahrh.). 

mahonus mit den Nebenformen mahunus manus <Mohn» in 
Pflanzenglossarien des 10./11. Jahrhs. : Corp. Gloss. Lat. Ili 589, 20, 

22; 610, 37; 616 a; 626, 26 (Goetz, Thes. Gloss. unter mahunus) = 
frz. (normann.) mahon; verhalt sich zu ahd. maho «Mohn» wie spo- 
ronus zu sporo, humolonus zu humolo, crissonus zu crisso. Eine 
Nebenform magones (Plur.) im Pian des St. Galler Klostergartens a. 

820 (abgebildet bei Heyne, Hausaltert. II 82). Zu der letzten Form 
stimmt ahd. . mago im Summ. Henrici papaver mago Ahd. Gl. Ili 
250, 23, aber zu mlat. mahonus (resp. maho) stimmt die ndd. Glosse 
papaver herba quam dicimus maho Ahd. Gl. II 726, 41. Eine in 
spaten Glossenhandschriften auftretende Lautform mic(h)onus resp. 
mic(h)o (Corp. Gloss. Lat. Ili 568, 37; 574, 36; 584, 35; 592, 68; 

614, 41 und Ahd. Gl. IV 78, 45; 227 Anm. 10) weist wohl auf eine 
Vorlage mit gr. Lirjxcjv «Mohn; hin und beansprucht keine sprachliche 
Bedeutung. 

maviscus «Sumpf» = mndd. mersch FN. «Marsch, fruchtbare 
Niederung an Ufern von Meeren und Fliissen» (angls. merisc merscM. 
«Sumpf»). Dazu marisca est coenum Corp. Gloss. Lat. V 621, 20.. 
Belege: Testament (d. h. Schenkungsurk. MG. SS. rer. Mejrov. VII 
91 Anm. 9) des hlg. Willibrord a. 726 (v. d. Bergh, Urkundenb. v. 

Holl. u. Seel. I 1 Nr. 3 S. 2) Heribaldus clericus mihi condonabat et 
tradidit ecclesiam aliam in pago Marsum, ubi Mosa intrat in mare, 
cum appendiciis suis et mariscum unde berbices nascuntur. — Polypt. 

Irm. S. 272 Aspicit ad ipsum mansum de terra arabili in valle bunu- 
aria XXX, de alia terra inculta in monte bunuaria VII, de prato 
aripennos Vili, de marisco XII, de sii va bunaria III. — Polypt. Rem. 

(9. Jahrh.) S. 96 a Gifardus vasallus habet mansum I in Lientia, cum 
vineola, ubi colligitur vini modius I; de terra arabili mappas XVII, 
ubi seminantur sigili modii XVII, de marisco mappam I — Unus ex 
illis habet de terra arabili mappas X; vinea mappa dimidia, ubi colli¬ 
gitur modius dimidius; prati mappa I, ubi colligitur foeni carrum I; 
de marisco mappa dimidia. — Urk. (bei DC.) bei Mabillon II 697 cum 
terra et sii va, marisco ad integrum meam partem . . . trado atque 
transfundo. — Entsprechend afrz. mareis marois «Sumpf', aber die 



MITTELLATE1NISCHE WORTGESCHICHTEN 


237 


zugehòrige roman. Sippe macht Schwierigkeit, insofern neben piemont.- 
lombard. maresk «sumpfiges Land» eine mundartliche Bedeutung 
«Binse» in lombard. brisk (Salvioni, Romania 31, 286) besteht. Hier- 
her stellt sich die Reichen. GL Rz (8. Jahrh.) in carecto in palustro 
vel in marisco, alii canalem Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 28 b = Ger¬ 
mania Vili 395 und dazu wieder die fruhangls. Glosse calmetum 
mersc Corp. Gloss. (ed. Hessels) S. 28a. Die Schwierigkeit des Wort- 
problems besteht in lat. mariscus juncus Plinius 21, 112. Ein west- 
germ. marisk «Sumpfland» wàre als Ableitung zu germ. mari «Meer» 
(= angls. mere M. «Sumpf») sehr wohl denkbar. Die Ableitung wie 
in got. atisk = ahd. e^isk «Saatfeld» und angls. edisc «Weideland»? 
Vgl. Meyer-Ltibke, Rom. Et. Wb. Nr. 5360. 

1. naaclius als nóchus in der dem 10. Jahrh. angehorigen Leidener 
Prisciangl. imbrex in tecto quod rustice nochs (verschrieben fiir *nochus) 
dicitur Ahd. Gl. IV 342, 21 : wohl identisch mit afrz. dial. (Marne) 
nok «Dachtraufe» und mhd. (Konrad Fleck) nòch Dat. nòche M. 
«Ròhre» = elsàss. nòch «Dachrinne, Abzugsgraben» Martin Lienhard, 
Elsass. Wb. I 754 (schon im 12. Jahrh. Gloss. Herrad. cuniculus 
foramen vel canalis nòch Ahd. Gl. Ili 417, 44). In der spàtahd. Glosse 
in canalibus in nohin vel drogin Ahd. Gl. I 251, 13; 318, 24 steckt 
ein germ. nauh-. Zu afrz. no «Sarg» (Meyer-Liibke, Rom. Et. Wb. 
Nr. 5859) stimmt mlat. nauchus «Sarg»: Lex Sai. XVII 1 Si quis 
mortuum hominem, aut in naufo (Var. noffo), aut in petra, quae vasa 
ex usu sarcophagi dicuntur, super alium miserit — 55, 4 Si quis 
hominem mortuum super alterum in nauco (Var. naufo) aut in poteo 
miserit et ei fuerit adprobatum . . . solidos XLV culp*. ind. (im An- 
schlufì an diese Stelle auch in den Gesetzen Heinrichs I. von Eng- 
land 1114—1118 bei Liebermann, Gesetze d. Angelsachs. I 600 Et si 
quis corpus in terra vel noffo vel petra sub pyramide vel structura 
qualibet positum sceleratis infamacionibus effodere vel expoliare pre¬ 
su mpserit, wargus habeatur). 

2. naticiiv8 «Leichendecke» nach v. Helten, Beitr. 25, 476 bei 
Gregor v. Tours, Liber in Gloria confess. 20 (MG. SS. rer. Merov. I) 
S. 759 Cumque sacrosancta pignora palleis ac nafis exornata in ex- 
celso defereremus, pervenimus ad ostium oratorii : im German. noch 
nicht nachgewiesen, aber vielleicht identisch mit finn, nauha «Band, 
Binde» ? 

periiàsium , per(o)1àsium «Theater» im langobard. Italien; 
vgl. die Vita S. Fridiani (Hs. des 11. Jahrhs.) juxta theatrum, quod 
Perlascium vocatur (aus Lucca) und als friihsten Beleg in einer Ur- 
kunde aus Reate a. 791 ad perelasium bei Davidsohn, Forschg. z. 


238 


F. KLUGE 


alteren Geschichte v. Florenz S. 15, wo weitere Literatur und Belege 
zu finden sind. Ein langob. Wort fiir «Bàrenkampfplatz» (zu got.- 
germ. laikan «spielen, kampfen») mufìte *berolasium lauten, wenn das 
2. Wortglied dem Kompositionstypus von ahd. eigi-leihhi N. «Phalanx> 
als ja-Stamm entspricht. Man vergleicht schon langst die ahd. Glosse 
tumulum perleih Ahd. Gl. II 336, 13 und erinnert an den Hiigel 
Perlach in Augsburg und «Auf den Berlich» in Kòln, fiir das Keussen, 
Topographie d. Stadt Kòln I 13, 275 Belege aus dem 12./13. Jahrh. 
als Berleich beibringt. Prof. Pio Rajna in Florenz erinnert brieflich 
an Lokalitàten mit dem Namen Parlasio auf Hugeln bei Pisa. In 
Augst - Vindonissa bei Basel ist Barlisgrueb eine Vertiefung des 
romischen Amphitheaters (Schweiz. Idiot. II 694). Vgl. auch Bac- 
meister, Alemann. Wanderungen S. 130 und Bonner Jahrb. 42, 64. 

spentimi «Jagdspieb» als speltum in den St. Galler Gl. (8./9. Jahrh.) 
speltum telum missele Corp. Gloss. Lat. IV 284 a, sowie in den Gloss. 
Vatican. (10. Jahrh.) speltum telum missile abeo quod expellitur Corp. 
Gloss. Lat. V 515, 28; aber Ahd. Gl. IV 192, 1 speudum venabulum 
spiezstange erst aus dem 14. Jahrh. Entsprechend afrz. espiet espieu(t), 
prov. espeut(z) < Jagdspiefì». Ahd. speo; spio; «venabulum» ist Mask. 
der a-Deklination (Plur. spiova Ahd. Gl. II 454, 56, 11. Jahrh.), aber 
Neutr. der a-Deklination sind anord. spiót N. «Jagdspiefi» und andd. 
evurspiot PI. cvenabula, lanceae» (Ahd. Gl. II 717, 19 aus dem 
10. Jahrh.). Weiteres bei DC. 

sporonus Sporn» zufriihst 8. Jahrh. in den Glossae Nominum : 
calcar sporonus spora Corp. Gl. Lat. II 572, 21 = Gloss. Monac. 
(Thomas, Miinchn. Sitzungsber. 1868 II 373) calcaria sporonos ideo 
sic dicti quia in calcanes ligantur. Die mlat. Form sporonus setzt 
ein unbezeugtes mlat. *sporo Gen. *sporonis = altspan. esporon vor- 
aus (vgl. humlonus unter humulus I und mahonus oben gegeniiber 
maho) in Ubereinstimmung mit ahd. asàchs. sporo, angls. spora, 
anord. spore schw. M. «Sporn>. Belege: Testament Graf Eberhards 
v. Friaul a. 863/64 (bei d’Achér) T 1675. Spicilegium XII 491) facilum 
unum de auro et gemmis, balteum unum de auro et gemmis, sporones 
duos de auro et gemmis — S. 492 balteos aureos cum gemmis duos, 
sporones aureos duos. — Sermo Synodalis a. 1009 Nullus cum cal- 
cariis quos sporones rustici vocant, et cultellis extrinsecus depen- 
dentibus missam cantet. — Auffallige Nebenform, deren Wurzelvokal 
durch germ. Zeugnisse nicht erhartet, aber durch ital. sperone, frz. 
éperon bestatigt wird, spero Gen. speronisi Leiden. Prudentiusgl. 
calcaribus speronibus (10. Jahrh.) Ahd. Gl. IV 344, 16; calcaria 
dicuntur i. sperones (11. Jahrh.) Ahd. Gl. II 365, 8; Cod. Bern. 357 



MITTELLATEINISCHE WORTGESCHICHTEN 


239 


sperones. Zufruhst in einer lat.-langob. Urkunde a. 861 sperones 
argenteos (die ganze Stelle oben unter blaio). — Eine weitere 
Nebenform Chronica S. Benedicti Casinens. 9. Jahrh. (MG. SS. rer. 
Langob.) S. 473 baziam argenteam I, vaucas par I, in gemmis et 
smaragdis spora par I saricamque sericam de silfori cum auro et 
gemmis. 

staupus «Becher« (= mndd. mndl. stop M. Becher») nicht selten 
in spaten Glossenhandschriften : Ahd. Gl. II 623 b (10. Jahrh.) stouppum 
copp ; II 727 , 3 (10. Jahrh.) sciphus parvi staupa; III 373, 55 (13. Jahrh.) 
staupus stouph* III 508, 48 (11. Jahrh.) staupus stouf; III 660, 11 
(13. Jahrh.) ciphus ciatus vel staupus stouf: III 718, 14 (13. Jahrh.) 
staupus stouf; IV 98, 35 (12. Jahrh.) staupes stoffe. Ferner Corp. 
Gloss. Lat. Ili 604 b (10. Jahrh.) quiatus tertia pars staupi. Die 
Glosse stoupus ciphus certae mensurae (Goldast, Alamannicarum rerum 
script. II 100) gehort noch dem 9. Jahrh. an; ihre Herkunft ist aber 
nach Singer ZfdA. 36, 89 unbekannt. Belege : 1. Basler Rezept (um 
800) II putdiglas, III, si plus necessarium est . . . II stauppo (lies 
staupos) in uno die (Steinmeyer, Kleinere ahd. Sprachdenkm. S. 39). — 
Polypt. Irm. S. 95 Pullos III, ova XV, scindolas C, de sinapi plenum 
staupum. — Formulae Imperiales zwischen 828—849 (MG. Formul.) 
S. 287 sinapis staupum I. — Wurttemberg. Urkundenb. I (a. 843) 
S. 125 unicuique piscatori stoupus vini . . . tribuatur. — Sedulius 
Scottus um 850 De graeca: stouppum kopp Ahd. Gl. II 623 b. — Giiter- 
verzeichnis d. Abtei Prum a. 893 (Beyer, Mittelrhein. Urkundenb. I) 
S. 155 Uxor illius soluit de vino modios X, Moras colligit quartalem I 
sinapum staupum I — S. 157 sinapum staupos LVII # — S. 171 
Haistolfus . . . accipit panem I et de vino staupos II mense novem¬ 
bri .. . accipit in prevenda panes II, carnem porrìonem I, cervisam 
staupos III. — Schenkungsurk. v. Erzbischof Poppo um 1050 (Beyer I) 
S. 381 Die qua deferent ’ vinum ad naves fratrum, debetur illis sua 
iusticia, unicuique staupus et duobus obolata panis. 

tvindica «Beinbinde» zufruhst in den Kassel. Glossen (8. Jahrh.) 
uuindicas uuintinga Ahd. Gl. Ili 11, 8 (= Foerster, Afrz. Ubungsb. 
S. 41, 116); dann auch Corp. Gloss. Lat. V 513, 21 (10. Jahrh.) 
sarabara tibiaria uuindices vel braca. — Mlat. Nebenform wintinga in 
einer lat.-langob. Urkunde v. Jahre 861 camiso uno cum wintingas 
(s. die Quelle oben unter blaio). — Eine mlat. Nebenform windingus 
in dem Werd. Urb. ed. Kòtzschke (Ende d. 9. Jahrhs.) S. 38 Albward 
unum kottum et duos windingos (= Philipp!, Osnabruck. Urkundenb. 

I 50) — II 8 a uno anno II pallia et in altero I pallium et uuindingi 
scoi (Gallee, Vorstudien S. 386). Als andd. winding in den Oxford^ 


240 


F. KLUGE 


Virgilgl. (10. Jahrh.) xxxnding (lies uuunding) vitta Ahd. Gl. II 718, 
34 und in der gleichen Hs. uinning fasciola Ahd. Gl. IV 245, 35. 
Im Hochdeutschen aufier dem uuintinga der Kassel. Gl. noch fasciola 
uuintinga (10. Jahrh.) Ahd. Gl. Ili 618, 8; auch fascia winding Ahd. 
Gl. Ili 722, 36. Aus Altengland vgl. die Glossen fascia wyningc 
Wright-Wiilcker, Voc. I 125, 14 und fascellas weoningas I 234, 22 
(10. Jahrh.). Aus dem Roman, vgl. afrz. guinche Diez, Altroman. 
Glossare S. 109. 


F. Kluge. 


Parole croate di origine italiana o dalmatica. 

A Hugo Schuchardt. 

1. àpa = «odore disaggradevole». 

Sta nel dizionario di Vuk con 1’ indicazione che si usa nel Monte- 
negro. Il Resetar (Der stokavische Dialekt p. 224) ha inteso apa 
non soltanto nel Montenegro, ma anche a Perzagno (accanto à gupa). 

Da questa parola sarà opportuno separare vapa = «vapore, esala¬ 
zione, alito» che è diffusa su un’ area differente (a quanto sembra, a 
Ragusa e sulle isole Curzolari: v. il dizionario dello Stulli e, per 
Blato — sull’ isola Curzola —, il Castrapelli nella rivista Slovinac 1880 
p. 86) e pare abbia una v- etimologica. Il Resetar 1. c. cita, bensì, 
da Teodo (Bocche di Cattaro) apa od sunca «ardore [afa] del sole»; 
ma, per la posizione geografica, per il significato e per la forma, si 
tratterà piuttosto di un incrocio tra apa «odore» e vapa «vapore», 
che non di una variante genuina di quest’ ultima parola. 

Vapa ha, nel rumeno, nell’ albanese e nei dialetti dell’ Italia meri¬ 
dionale, dei riscontri che furono già rilevati da altri cfr. p. e. Puscariu 
1855. Ma in tutte o in alcune di queste parole 1’ incontro può essere 
fortuito. 

Dove invece mi pare che si debba piuttosto ricorrere all’ ipotesi di 
un prestito, è per apa che riproduce, semanticamente e foneticamente, 
1’ abruzzese afe = «emanazione fetida» (Finamore). 

2. bereticast, agg., 

probabilmente nei dintorni di Spalato, col significato di «bianco misto 
con nero». (Kolombatovic: Programma della Scuola Reale di Spalato 
1888—86 p. 3.) È il ven. ber din «bigio» (REW 1117) con la sosti¬ 
tuzione di -icast (nella funzione di -ikast v. Leskien : Gramm. der 
serbqkroatischen Sprache p. 315) al suffisso venez. -in. 

3. bruito 9 gen. - (da * s. m., 

a Ragusa dice «il foro, nella soglia inferiore della finestra o della 
porta, per il quale esce fuori 1’ acqua ; a Stagno — bìirnó, ala — 


242 


GIOVANNI MAVER 


«un buco, nella barca, per il quale scorre l’acqua» (Zore: Dubrovaéke 
tudinke p. 5). Ritrovo la parola a Verbenico, sull’ isola Veglia, e di 
nuovo in una forma leggermente differente : brumai (Zbornik za na- 
rodni zivot i obicaje VII/338 1 ). Ma anche qui significa «un forellino 
fatto nella colomba delle navi». 

Si tratta di un termine marinaresco che può essere giunto al croato 
della Dalmazia tanto da Venezia, quanto dall’ Italia meridionale. A 
Venezia brunàli significa «quell’ incurvatura eh’ è fra i ginocchi e la 
colomba, e per cui l’acqua può scorrere agevolmente da prua a poppa, 
riunendesi nella sentina della tromba, donde si manda fuori» (Boerio). 
Per 1’ Italia meridionale si veda p. e. il dizionario di Manfredonia di 
L. Pascale, dove la «stella» (delle navi) è tradotta con burnalc (p. 128,. 
con la metatesi di rii in ur che ritorna a Stagno). A Napoli questi 
fori delle navi sono detti imbrunali e nell’ italiano «letterario» om¬ 
brinali 2 . 

Quale sia il rapporto tra queste parole e quale 1’ origine delle stesse,, 
non saprei dirlo; ma mi pare che nell’ indagine etimologica sarà 
bene non perdere di vista la parola bornèu che a Marsiglia (v. Mistral) 
vale «tuyau de conduite, goulot d’une fontaine» (cfr. REW. 1338). 

4. gxibe e goce s. f. pi., 

pezzi di rete (della sciabica = sabaka ) dalle maglie larghe e dal filo» 
alquanto grosso» (Dalmazia meridionale: Zore: O ribanju po dubro- 
vaekoj okolici, Archivio di Kukuljevic X p. 356). A Poljica — la 1’’ 
antica repubblica al sudest di Spalato — guài è una maglia di lana 
che portano gli uomini (Zbornik Vili p. 310). In questo significato, 
se ricordo bene, la parola deve essere conosciuta in una gran parte 
della Dalmazia. 

Proviene dal veneziano guchia che «dicesi comunemente per maglia. 
Lavoro fatto cogli aghi da agucchiare» (donde, naturalmente, guchia). 
Lo stesso significato ci dà il Pirona per il friulano. 

5. jàra s. f. = stalla. 

Dell’ etimologia di questa parola si sono occupati : Budmani 
(Dizionario dell’ Accademia), [Bartoli : Dalm. 11/252], Skok (ZrPh. 
XXXVIII/547) e Rohlfs (Ager, area, atrium p. 41). Il primo suggerì 
un avvicinamento al serbocroato àhar, hdr] dr, jar (nel Diz. Acc. 


1 Non può trattarsi di un errore di stampa, perchè la parola è ripetuta 
due volte. 

2 Si veda, a proposito, il «Vocabolario di marina in tre lingue « [di Straticò]. 



PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 


243 


•senza accento, perchè sene adduce un solo esempio, tratto da un 
canto popolare*, ma, per P identità con le varianti citate, deve essere 
jàr)\ gli altri tre vi videro invece una parola di origine dalmatica. 
Con questa differenza però, che il BartolL si limitò a citare la nostra 
voce, senza indicarne la precisa origine, mentre lo Skok andò più in 
là e scorgendovi il latino area = aia (REVV. 626) appoggiò questa 
derivazione sulP analoga evoluzione semantica che avrebbe compiuto 
V ital. aiuola. Ma «aiuola» ^(-o) non ha mai avuto il significato di 
«nido d’ uccelli», bensì quello di «luogo dove si tendono le reti per 
pigliare uccelli» (cioè < Vogelherd» come giustamente traduce il Meyer- 
Lùbke, REW. 632, e non «Vogelnest» come, erroneamente, cita lo 
Skok). Ora, da questa accezione a «stalla», la via è ancora più lunga 
che non lo sia dal significato primitivo di area . 

Di ciò evidentemente si accorse il Rohlfs il quale, come gentilmente 
mi fa sapere Y amico Spitzer, confronta il panormitano arjj «giaciglio 
del bove, ripieno di paglia [nella stalla]» e aggiunge: «Se si considera 

che oggi ancora in vaste regioni orientali la stalla-è sostituita 

da una specie di caniccio, senza tetto, allora V identificazione [di jhra] 
con area , non ci sembrerà difficile.» 

Scartata P ipotesi dello Skok, occorre esaminare più dappresso quelle 
avanzate dal Budmani e dal Rohlfs. La prima delle due mi pare 
insostenibile : per ragioni di indole geografica (jhra, come preciserò 
subito, è limitata alla costa adriatica e alle regione prossime alla costa; 
mentre àhar ecc., di origine turca, è in uso proprio nelle regioni che 
non conoscono jhra = stalla), semantica (aitar significa propriamente 
«la rimessa per i cavalli» e da qui «corte», mentre jhra non dice 
mai e in nessun luogo «stalla per i cavalli») e, forse, morfologica (il 
passaggio da jàr s. m. a jhra s. f.). 

Altrettanto improbabile ritengo P etimologia proposta dal Rohlfs, 
ma per dimostrarlo devo prima precisare il significato di jhra. Il 
Diz. Acc. si limita a citare il dizionario di Vuk, secondo il quale jhra 
è «quasi un corridoio coperto, dove d' inverno sta il bestiame» e il 
Nemanic (Cakavisch-kroatische Studien I. E'ortsetzung p. 19) che 
traduce «stabuli genus». 

Dove Vuk e Nemanic abbiano inteso la parola non è ben chiaro; 
Vuk aggiunge soltanto che si usa in Dalmazia, mentre la vasta 
raccolta del Nemanic attinge ai parlari del nord-est dell ? Istria, del 
litorale della Croazia e dell' isola Veglia (v. introd. al 1° fase, delle 
«Studien» p. 3). Che Nemanic abbia inteso jhra piuttosto sulla terra¬ 
ferma, anziché sull’ isola Veglia mi pare verosimile, poiché qui appunto 
(almeno a Verbenico) jhra ha preso un significato differente. Celo 


244 


GIOVANNI MAVER 


insegna Zie nel V voi. dello «Zbornik», dove, a pag. 227 (alla quale 
si riferisce il Bartoli 1. c.) jara è così definita: «Vi fu un tempo 
quando specialmente i poveri fabbricavano la casa di sola pietra. 
Questa casa non aveva pareti, ma soltanto quattro grossi mucchi di 
sassi. Internamente la intonacavano alla meno peggio e la copri¬ 
vano di paglia. Alle volte la casa di questa specie era chiamata jara .» 
E altrove: « jara serve per il fieno» (p. 250), 'jara è proprio come 

mosuna » (< man sio REW. 5311)-— alle volte si trova alla 

fine della « mosuna » (cioè, per arrivarvi, bisogna altraversare la 

■ mosuna ») e alle volte accanto-» (p. 251). Probabilmente nello 

stesso significato adoperava — nel sec. XVII. — la mostra parola il 
notaio Stasic da Verbenicco (v. «Glagolska notarska knjiga vrbntfkoga 
notara Ivana Stasica» ed. curata da R. Strohal, Zagabria 1911; sta 
in «Starohrvatska glagolska knjiznica I.» v. p. 203.) 

Nella Poljica invece jara dice «stalla per il bestiame minuto» 
(Zbornik Vili p. 217) «luogo dove stanno le capre» (ibid. p. 273). 
Più al sud ritrovo la parola in quella parte dell’ Erzegovina che 
è vicina alla Dalmazia. «Nei dintorni di Hum e specialmente nella 
regione narentana è noto un edificio per il bestiame — jara — che 
rassomiglia molto alla stalla per gli agnelli» («janjilo» v. Srpski 
etnografski zbornik V/750). Nessun indizio, dunque % negli esempi 
citati-, dal quale si possa dedurre che jara sia stato originariamente 
un semplice steccato circondante Y aia, o un giaciglio, entro la stalla, 
per il bestiame. Tutto invece fa supporre che jara sia stata, se non 
una vera e propria stalla, certo un recinto coperto per proteggere il 
bestiame minuto. 

Vi è un' altra ragione che contraddice alP ipotesi del Rohlfs: in 
Dalmazia è ben viva tuttóra la parola « aiuola » v. Bartoli 11/288 x , 
mentre di «aia>, almeno nel croato, non vi è traccia alcuna 1 2 . 

Bisognerebbe ora supporre che arca, di cui non è sicura V esistenza 
nemmeno nel Dalmatico, avesse modificato (dove? nel dalmatico? nel 


1 Nelle forme: ària, javida, jcrula (sconosciuta al Diz. Acc. e al Bartoli,. 
ma che vive tuttora a Gelsa, sull’ isola Lesina, come mi comunica il prof. 
Selem e a Cittavecchia, come assicura 1* Aranza AslPh XIV p. 78) e vària 
v. Nastavni Vjesnik XXIV" (1917) p. 660 ann. — Gli accenti in ària e jarnia 
non sono conciliabili nè con aréola , nè con areóla. Bisogna risalire a una 
forma col proparossitono e questa non può essere che * àrnia, con la sostitu¬ 
zione, certo antichissima, di -ula a - eola . 

2 Per il vegl. Bart. 11/368 cita come esempio di ri > r area > jara , 
ma nel lessico, a pag. 189, la parola jara è seguita da un punto inter¬ 
rogativo* 

65 i 



PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 


245 


croato ?) il proprio significato a tal punto che oggi riesce difficilessimo 
scoprire un tenuissimo filo che la riallacci, eventualmente, a jtira ; e 
che di tutta questa evoluzione semantica non ci dicessero proprio nulla 
i dialetti croati della Dalmazia, pur così conservativi nel custodire il 
significato delle parole latino-dalmatico-italiane. 

L’ etimo che ritengo giusto era, invece, a portata di mano. Il latino 
infatti conosce bara per il quale il Forcellini dà due significati. 1. por- 
corum stabulum, 2. de septo in quo includuntur anserum pulii. Da 
questi due significati, nonché da quello che hanno tuttora i succedanei 
italiani di banda e ^barella (REW. 4063), si può arguire che bara 
designasse, nel latino volgare, una casupola o un recinto coperto che 
serviva da ricovero al bestiame minuto: cioè quello che è stato, pro¬ 
babilmente, il significato primitivo di jara . 

Che bara stesso sia sopravvissuto nei dialetti neolatini, non mi par 
sicuro ad onta degli esempi che il Ducange cita per ara = «étable 
à cochons (v. anche bara ), nonché il milanese ara che Meyer-Liibke 
(REW. 4039) vi fa risalire. Quest’ ultimo, infatti, che ha per sinonimo 
aria (e soltanto così nel pavese e nel bormino v. il Diz. di G. Longa 
St. R. IX.) si scosta troppo, per il suo significato («travaglio, ordigno 
in cui mettonsi le bestie fastidiose e intrattabili per medicarle o ferrarle >) 
da bara perchè V etimologia, sino a nuove prove, possa esser con¬ 
siderata definitiva. 

Ma se anche bara non avesse alcun riflesso genuino nel territorio 
neolatino, jara può benissimo derivarne; e non sarebbe V unico esempio 
di una parola latina tramandataci soltanto .dallo slavo dell’ altra sponda. 
Altri esempi, e sicuri, di tal specie, sono p. e. * inter sellium > antrcselj 
(Bart. 11/287) 1 e rckcsa precessa (REW. 7113 a). 

Nessuna difficolta dunque per far risalire, jara a bara con la ben 
nota prostesi della E si noti che alla stessa famiglia semantica 
appartiene anche il già citato mosuna , trasmesso pure al croato dal 
dalmatico. \ 

. Non so invece come spiegare jara «piccolo buco che si fa per giuo- 
care alle noci> che Kolombatovic (o. c. p. 10) deve aver inteso nei 
dintorni di Spalato. 


1 La voce non è soltanto della Dalmazia del Sud, 1’ Erzegovina e il 
Montenegro; ma si estende anche più al nord: a Poljica — antrseljc — 
(Zbornik IX p. 104); a Bukovica, distretto di Sebenico — antresaij — (ibid. 
VII p. 2); alla Lika — anterselj (Lastavica: Korenicki govor, Nastavni 
vjesnik XIV p. 763). Si dice anche idre* (Ljubisa: Pripovijesti p. 29). 


246 


GIOVANNI MAYER 


6. kàruklja s. f. «un piccolo pane dalla forma del numero 8» (a 
Perzagno). 

Non sarebbe il caso di parlarne, se il Resetar (Der stok. Dial. p. 240) 
non avesse seguito una traccia falsa, avvicinando karuklja al ven. 
caroga «grande cesto dei pescatori» con cui, naturalmente, non ha 
nulla che fare. 

Karuklja è tutP uno con carrucola : un pane fatto a mo’ di un S 
poteva ben facilmente suggerire Pidea di due carrucole, una sotto 

V altra. 

7 . Ita rei ac, 

a Ragusa «pezzo, scampolo di qualche panno» (Zore: Tudinke p. 9) 
e a Giuppana, presso Ragusa, parte della rete» (Zore: Ribanje p. 354). 
«Deriva evidentemente da qualche parola italiana o neolatina, ma non 
so da quale.» Così il Budmani che nel Diz. Acc. cita soltanto il 
secondo esempio. Il primo invece gli avrebbe senza dubbio rivelato 

V etimo che è il venez. cavcsBO «scampolo» (REW. 1637). Da kaveca , 
gen. di un *kavec(o ), seguendo lo schema: gen. oca nom. otac ecc., 
fu fatto il nuovo nominativo kàvctac (= kavetac). 

8. Kònùvli gen. Kònavftlà- 

E il nome di una regione («zupa») al sud-est di Ragusa, tra Suto- 
rina e Ragusavecchia. In italiano si chiama Canali , e da un canale 
= acquedotto che, ai tempi romani, avrebbe fornito V acqua alla città 
Epidaurum (Ragusavecchia) deriverebbero, appunto, secondo V opinione 
universalmente accreditata (v. Jireeek : Die Bedeutung von Ragusa 
p. 4, e Budmani nel Diz. Acc.), così il nome croato, come il nome 
italiano della regione. Che ciò sia giusto per Canali nessuno lo 
dubiterà e vMvalrj è già documentato, nel sec. X, in Constantino 
Porfirogenito 1 . 

Ma canalis avrebbe dato kònao , gen. kondla e così infatti si chiama 
il «canale nei dialetti croati della Dalmazia. Il Bartoli afferma 
bensì che konal (= konaó) non ha «caratteri sicuri che ne distingua¬ 
no T origine illiro-romana dalP italiana» (Riflessi slavi ecc. p. 35) 

1 Secondo il quale xaraXr] avrebbe avuto, nello slavo, un significato speciale 
(= via del carro! — «v.araXr] iQjuevevtTca 777 tcjv Infittì v óiaXfxrqì àua^(a 1 ènéitìifo 
dice 7 Ò Circa tot tottov hTinetìov, 7ra<lct$ ccvtÓjv óovXefecg dia (tua'^wv txTtXovrnv. 
(Rarki: Documenta historiae croaticae periodum antiquam ili. p. 408; per 
r accento v. anche p. 416: xavàXij.) Di questo significato nulla sanno gli altri 
documenti e nulla i dialetti odierni; ma anche se Costantino Porf. avesse 
ragione (le sue informazioni di ordine linguistico sono tutt’ altro che attendi¬ 
bili), la derivazione della parola «slava» xardir] dal latino c. non creerebbe 
gravi imbarazzi. 



PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 


247 


e in ciò ha ragione. Ma la certezza è cosa ben rara in questioni di 
cronologia lessicale, e d’ altro lato la probabilità che konao sia giunto 
al croato attraverso il dalmatico è tanto grande che io non avrei 
esitato a inserire questa parola fra le tante altre che figurano nel 
secondo volume del «Dalmatico». E ciò per varie ragioni: a konao 
subentra in alcune parti della Dalmazia kanal che, per la sua a, 
si rivela senz’ altro per un prestito recente (nel Diz. Acc. mancano 
esempi di kanal per cui si rimanda a konao , dove invece tutti gli 
esempi citati hanno o nella prima sillaba ; ma io ricordo di aver inteso 
kanal a Spalato e a Curzola, e che sia passato al croato deir Istria 
celo insegna Nemanic I p. 46) ; konao è diffusa su una area abbastanza 
grande ed è noto a tutta la Dalmazia, salvo le regioni nelle quali 
è stato sostituito da kanal (cfr. oltre al Diz. Acc. anche Tentor: Der 
cakavische Dialekt der Stadt Cherso, Archiv. f. slav. Phil. XXX 
p. 153); konao , infine, è il nome di una parte di un sobborgo di 
Ragusa, attraversato da un acquedotto. 

D’ altro lato un esame, per quanto accurato, non riesce a scoprire 
la via che conduca da Canali a Konavli . 

Si potrebbe pensare, eventualmente, all’ influenza di Konavoka su 
*ìkonali. Vuk cita Konaoka per Konavoka (= la donna di Canali) 
e benché Budmani (Diz. Acc.) dubiti un po’ dell’ autenticità di questa 
forma, non credo che ci sia un vero motivo per rifiutarla. Ora, come 
da Konavoka si potè giungere a Konaoka , così, viceversa, la - v - 
potrebbe essere secondaria e Konaoka la forma primitiva x ). Da 
Konavoka (e a Konavoka potrei, naturalmente, aggiungere altre forme 
aggettivali, dove la stessa evoluzione fonetica non sarebbe impossibile) 
la -v- si sarebbe intrusa anche lì, dove sarebbe stata affatto irrazionale 
dal punto di vista fonetico. 

L’ influenza del nome degli abitanti di un luogo sul nome del luogo 
stesso non costituirebbe un fenomeno del tutto isolato e, pertanto, 
non sarà da questo punto che dovranno muovere le obbiezioni 
contro questa ipotesi che avanzo per puro debito di concienza. Ma 
fra le varie obbiezioni possibili scelgo due che la scartano irrimedia¬ 
bilmente. 

La prima si basa sul fatto che la v di Konavli è ben salda, sin da 
quando, nei documenti serbocroati, appare il nome di questa regione: 
cioè sin dal sec. XIV. Mentre, invece, a Ragusa e dintorni comin¬ 
ciano appena allora le prime prove del dileguo di l finale di sillaba. 

1 E Konaoka potrebbe essere senz’ altro un derivato di konao. 

Arehivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


17 


248 


GIOVANNI MAVER 


La via : *konal-ka > konaoka > konavoka > konavli è dunque crono¬ 
logicamente impossibile (v. per la cronologia del -/ > -u > [- o ] Leskien : 
Grammatik der serbokroat. Sprache p. 111). 

La seconda obbiezione riguarda Y esistenza di */tonavi- non già 
come nome di luogo, ma come nome comune, nella Rjecka Nahija del 
Montenegro. La parola mi è data, a due riprese, da un profondo 
conoscitore di quella ragipne, A. Jovicevic. Una volta nello Zbornik 
XXIII p. 152—3. «Ako je dolina lokvasta, te se preko zime na noj 
kupi voda, na noj ustaje i lezi, to se preko ne iskopa bota 1 2 (konavol), 
kako ce nom voda otjecati iz doline» (se una «dolina» è pantanosa e 
vi si raccoglie, durante V inverno, dell' acqua che vi si ferma e giace, 
allora si scava sopra la stessa una bota - konavol, attraverso la quale 
r acqua potrà scorrere dalla «dolina»). Un 7 altra volta nel Srpski 
etn. zbornik XV p. 434, ove dice che «innanzi al villagio è scavato 
un konavol ». 

Foneticamente e semanticamente questa parola concorda così bene 
col lat. canabala «canale per disseccare i campi» che non può non 
esserne la derivazione. E al serbocroato (con la sola modificazione 
del genere) sarà giunta per il tramite del dalmatico, poiché canna- 
buia non ha alcun riflesso nei dialetti italiani. Anzi mi pare che in 
generale le lingue neolatine non ne serbino alcuna traccia. I due 
esempi del REW. 1566 a) saranno da spiegarsi diversamente, e la 
difficoltà di ricondurli a canabula non era sfuggita al Meyer-Ltibke. 
Il frane, chanolc , come già ebbe a dire il Nigra (ZrPh. XXVII/129—30), 
sarà da mandarsi assieme al sinonimo venez. kanaula (< *cannabula -) 
e il prov. cartolo «acquedotto» dovrà pur risalire a canalis . 

Konavol aumenta dunque la serie degli esempi citati a proposito 
di jara . 

Con konaval andrà, naturalmente, Konavli 3 , ad onta del significato 
un po' differente (sempre ammettendo che i Konavli abbiano il loro nome 
da un acquedotto 4 * * ) e nonostante la presenza di Canale o Canali 

1 bota < volta . 

2 La derivazione da canabula è difficile anche dal lato fonetico; si aspette¬ 
rebbe piuttosto * chenole . 

3 Perchè il plur. konavli e non * konaval non è ben chiaro, ma il plur. 
sarà dovuto a motivi di ordine geografico. 

4 Sulla possibilità di una coesistenza sinonimica di canalis e canabula 

vedi Forcellini; ma ciò che ivi è detto, non fornisce alcuna prova decisiva. 

Però dal significato di canabula si poteva agevolmente giungere a quello 

di canale\ d’altro lato incroci semantici tra le due parole possono essere 
già avvenuti nel latino. 


PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 249 

accanto al nome croato. Teoricamente, il nome croato e il nome 
italiano possono essere dei tutto indipendenti P uno dall 7 altro : ma 
sarà meglio supporre che a canabula , per la somiglianza formale e 
semasiologica, si sia sostituito, nell 7 italiano, canale che, come celo 
dimostrano il latino medievale e le lingue neolatine, ha certamente 
avuto una vitalità ben più forte che non canabula presto dimenticato 
nella Romania occidentale e fossilizzato nel croato dalmato-montene- 
grino. 

8. L'otiljati = scuotere. 

È conosciuto, probabilmente, soltanto a Perzagno (Resetar: Stok. 
p. 243) e a Ragusa (Budmani : Diz. Acc.). Fra i dizionari si trova in 
quello dello Stulli che traduce: «dimenare, scuotere [quassare, con- 
cutere, agitare, commovere] e rifl. «scuotersi, agitarsi [sese agitare, 
multa agere, movere multa corpore et animo]. Budmani, 1. c., mette 
kotiljati in relazione con koturati , kotrljati. Ma lo vieta, soprattutto, 
il significato, perchè queste parole dicono «rotolare, ruzzolare.) e così, 
con leggere varianti, tutte le parole slave derivanti da kótjo , botiti 
(v. Berneker SEW. p. 591). 

Si tratta invece di *excutulare (REW. 3000) e più precisamente di 
un prestito recente dai dialetti subappenninici. Per i numerosissimi 
riflessi di *excutulare (e - eggiare ) vedi Bart. 1/305 e specialmente 
Merlo: Note di fonetica meridionale (Atti Acc. Torino XLIX p. 887 
e 898). Vi ritroviamo la nostra parola tanto nel senso transitivo 
quanto nel senso riflessivo. Si confrontino p. e. il cal. cuotuliare 
abr. cutela «scuotere» e l 7 abr. culijd «anfanare, muoversi andando 
qua e là senza costrutto». 

9. maras s. m. 

significa «grande coltello» a Poljica (Zbornik IX'80) e «uno stru¬ 
mento simile alla parte inferiore dello zappone» nei dintorni di Macarsca 
(Diz. Acc., vedi per la localizzazione della parola, fornita all 7 Acc 
dal Pavlinovic, il voi. VI p. 958 dello stesso Diz.). L 7 area di maras 
(tnàras) è, per consequenza, limitatissima : essa abbraccia soltanto la 
parte centrale della Dalmazia, al sud di Spalato, maras risale a 
marasso < * marraceum (REW. 5730) e sarà giunto al croato piuttosto 
dai dialetti dell 7 Italia centrale che non da Venezia, ove la parola 
è sconosciuta. 11 territorio di marasso sembra essere la Lombardia 
l 7 Emilia e la Toscana (e le Marche?): boi. marasàtt «coltello grosso, 
adoperato dai macellai»; parm. maràzz «mannaia»; piac. e parm. 
marasca «roncone, pennato, segolo» ; tose, marrancio » ecc. 


17 


250 


GIOVANNI MAYER 


10. maroka s. f. «un sasso grosso» (a Perzagno). 

Resetar (Stok. 250) confronta morake «rovine d 1 un edificio» in uso 
nel veneto di Veglia (Bart. 11/257), ma Y avvicinamento è senz’ altro 
da scartarsi, quando si pensi che mar oli significa appunto «grosso 
sasso, roccia,» nel trentino e nel veronese (qui marókolo e marugolo 
v. Prati Agllt. XVII/286). 

Come questa parola alpina (REW. 5369) sia giunta sino alle Bocche 
di Cattaro non è ben chiaro. Che marok sia stata usata anche nel 
veneziano? 

Per una possibile diffusione della base marra anche nelP Italia 
meridionale v. Merlo Mem. Ist. Lomb. XXIII 280. I dialetti subappenni¬ 
nici non serbano però alcuna traccia di marok = roccia. 

11. pandil s. m. = gonna. 

Melo segnala da Gelsa il prof. Selem e a Lombarda (isola Curzola) 

V ha inteso il Kusar («Lumbaradsko narjecje», Nastavni Vjesnik 
III/338) nella forma pendìi (ove V è risale a a v. ibid. p. 324). A 
Poljica accanto a pandil (Zbornik VIII/326) vi è anche pandel (ibid. 
p. 335). La struttura della nostre voce (un suffisso -il, -el non esiste 
nel serbocrato) e la sua estensione geografica ci consigliano di rivol¬ 
gere lo sguardo alP Italia. 

Scartiamo però i riflessi di pannellus che, pur dicendo «gonna» in 
alcuni dialetti dell’ Italia centrale (alP ovest), non sono conciliabili 
con pandil per ragioni geografiche e soprattutto fonetiche ( nn e ndl) 

Ritengo invece che convenga risalire alla base, fald- (falda REW. 
3162) e precisamente al tipo rappresentato dal sic. (soltanto siciliano?) 
fandedda «gonna, gonnella» 1 . Da faldella, con lo scambio del genere 
da femminile in maschile, non è difficile arrivare a pandil : /> p è 
«normale» nei prestiti antichi e n per l sarà dovuto ad una dissimi- t 
lazione tutP altro cha rara in simile posizione. 

Per -eliti > -il (pandel sopra citato mi sembra un po’ sospetto ; e 
non soltanto per il suo isolamento) sarà da tener presente che alP e 
neolatina (aperta e chiusa, a quanto pare) corrisponde, ben spesso, nei 
dialetti delP i («ikavski») un’ i\ non già per evoluzione fonetica, ma 
per sostituzione di vocali, dovuta al numero grandissimo di parole che 
alP ( i)je dei dialetti « jekavski » e alP e di quelli «ekavski» rispondono 
con /. 


1 Vi sono nel piem. e nei dialetti limitrofi francesi parecchie voci che 
risalgono a *fald-ale e dicono «grembiule’. Ma da questa parola, per molte¬ 
plici ragioni, non v’ è alcuna possibilità di giungere a pandil. 



PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 


251 


Non mi nascondo le difficoltà che offre questa spiegazione; ma si 
tratta di un fenomeno che è stato appena recentemente segnalato (dallo 
Skok: Nastavni Vjesnik XV, 381) e al quale converrà, d 7 ora in poi, 
rivolgere maggior attenzione. 

12. pinjac s. m. = «specie di fringuello» (Diz. croato-ital. del 
Parcic). 

Nelle mie scorrerie linguistiche attraverso i dialetti croati della 
Dalmazia ho incontrato questa parola soltanto sull 7 isola di Curzola : 
a Blato, ove dice ?fringuilla caelebs» (Slovinac 1880 p. 86) e a Lom¬ 
barda [pinéte] «passero» (Nastavni Vjesnik III p. 338). Impossibile 
separare la parola dai riflessi di *pincio(n) REW. 6509. Ma al « pin¬ 
cione » italiano i dialetti dalmati risponderebbero con un *pincan o 
*pincun , mentre pinjac risale a un *pincio. Questo *pincio vive 
nell 7 Italia meridionale, donde il Battisti gentilmente mi segnala: il 
cal. sbrinati e spinga (= spincione, Accattatis) il regg. cal. spinga 
(Malara); poi, accanto a pinzimi, il mess. e cat. spinga (N. d 7 Urso: 
Diz. Sicil.-ital. e Nicotra: Manualetto dialettale). La parola dalmata 
viene dunque ad ingrandire Y area di (s)pingu che può essere antico 
e può anche essere un 7 estrazione di pinci-one (-one inteso come suffisso 
aumentativo) 1 . 

13. prhdjes s. m. 

a Ragusa e dintorni: «la corda con la quale la nave si lega a terra». 
«Questa posizione della barca si dice sfa# [starei na prudjcsu» (Zore: 
Ribanje p. 325). ' 

La parola ricorre ancora (ma si riferisce evidentemente alla stessa 
regione) nei proverbi raccolti dal Danicic (Poslovice p. 137, v. anche 
il diz. di Broz-Ivekovic) ed è citata, una seconda volta, dallo Zore 
nelle «Tudinke» p. 18 col significato «/rgiavr/Jiay. 

Riproduce prodesc «ormeggio di cavo che lega la prua a terra o 
ad una boa» (Premoli: Vocab. nomenclatore 11/702) «Quando si riferisce 
ad una gomena diviene agg. per indicare quella di proda». (Tomm.- 
Bell., v. anche proesi). 

Da notare che in questo termine marinaresco, la parola croata di 
Ragusa riflette il «letterario» prodese e non il ven . prove se che trovo, 


1 Nel venez. il fringuello e il pincione sono detti pinco \ e da pinco, ove 
si trattasse di un prestito antico (f>p), potrebbe derivare pinjac, sia per 
sostituzione di ac a ak, sia partendo da pincic (che può essere un dim di 
pin(j)ac e di *pin(j)ak). Ma è ben difficile che si tratti di un prestito 
antico. 



252 


GIOVANNI MAVER 


oltrecchè nel Premoli, nel «Vocabolario di marina» (I p. 371): «amarre 
qui tient un vaisseau par le travers ou par son fianca. 

14. surhìjati se = «rinfrescarsi al vento» 

a Ragusa (Zore : Tudinke'p. b.); anche Stulli surinjati = sventolare. 
Corrisponde all’ ital. sciorinare , ma col significato del ven. sorar 
procurarsi refrigerio ecc.» (REW. 2941). Ad una derivazione dal 
dalmatico non è il caso di pensare e così resta ancora da trovarsi la 
base precisa cui possa risalire la nostra voce. Se il nap. sciaorejare 
è proprio un *exauricare come vorrebbe il Mussafia (Beitrag p. 208) \ 
allora il tipo cxanr- si estenderebbe anche all’ Italia meridionale e 
da qui, naturalmente non nella forma in cui si presenta nell’ esempio 
napoletano, potrebbe essere giunto a Ragusa. Ma nei dizionari a mia 
disposizione non sono riuscito a trovarne altri riflessi. 

15. turanj = «torchio» (Parcic) 

In quest’ accezione sembra limitato alla Dalmazia centrale, donde 
parecchie parole, specialmente per opera del Pavlinovic, sono entrate 
nel dizionario alquanto farraginoso del Parcic Da Poljica me lo 
segnala 1’ Ivanisevic (Zbornik Vili p. 274 e IX, 74 sgg., con una 
descrizione esatta di questo strettoio da vino e con una illustrazione). 

Il verbo corrispondente deve essere * tur nati (e tnrnjatì ?) che non 
sono riuscito a trovare, ma che certamente esiste, perché nella Poljica 
vi ha pritnrnati (> spremere una seconda volta», Zbornik IX p. 138) 
e a Lesina esiste il sostantivo, a sua volta deverbale, turnanje (Slo- 
vinac 1880, p. 389). 

Mettere questa parola in relazione col verbo slavo turati «spingere» 
sarebbe troppo azzardato. Il turanj sarà piuttosto tutt’ uno col nostro 
tornio (che, nella forma toranj è passato al croato di Ragusa anche 
nel significato di «tornio»; vedi Zore: Tudinke p. 22). 

Che da tòrnus o tornare (REW. 8794 e 8795) si sia arrivati a 
torri- «strettoio» non potrà certo maravigliare; e infatti il catalano 
tlirn ha preso questo significato. Strano è piuttosto che questo signi¬ 
ficato [manchi, o sembri mancare, ai dialetti italiani, essendo poco 
probabile che da una base torri - dal senso generico di «tornare» o 
«girare», il croato della Dalmazia abbia elaborato il significato di 
«strettoio, torchio». 

Purtroppo nelle mie fonti trovo torno «strettoio» soltanto una volta: 
nel «Volgarizzamento del trattato di agricoltura» del Palladio (v. il 


1 [Sarà da exaur-, ma per via di -idjare. G. B.] 



PAROLE CROATE DI ORIGINE ITALIANA O DALMATICA 253 

diz. della Crusca e quello di Tomm.-Bell.) «Facciansi torni o strettoi 
da spriemere secondo eh’ è usanza nel paese». 

16. vijunbin 

«lenza su cui è attaccato un pezzettino di ferro o di piombo» (Poljica, 
Zbornik IX, 81). v- vi sta per /-, e coll’ /- « fjunbin » ritrovo la 
parola a Verbenico, ma qui indica soltanto il piombo attaccato alla 
lenza (Zbornik VII, 306). Nello stesso significato si usa fjunbin sulla 
isola Cherso. Qui però accanto a fjnnbin vi ha anche piunbin 
(Zbornik XIX, 336 e 338, 339). Il quale, naturalmente corrisponde a 
«piombino». La /- (> v) sarà dovuta ad un incrocio con fionda , o 
con qualche altra parola italiana. Non ricordo di aver mai inteso 
«fiombin» nel veneto delle Dalmazia e per ciò è molto probabile che 
T incontro delle due parole italiane sia avvenuto sul territorio croato. 

P. S. Leggo ora la stessa spiegazione per Konavli in un articolo dello 
Skok (Nast. Vjesnik XXIX, 330). Basato su del materiale in parte scono¬ 
sciuto allo Skok, il mio saggio mantiene però anche adesso il pregio dell’ or - 
ginalità. 


Giovanni Maver. 


Lateinische Elemente im Rumànisehen 

I. Wòrter. 

ADÀURA (dr.). 

Vb. (Parafile, Vazduh, 67). Rafraichir. 

Et.: *adaurare < aura «vent léger, bise . — mr. avrare idem 

< *a u r a r e. 

ARIPA (aripa, aripa) (dr. mr.). 

S. f. PI. aripi , aripi , dial. (Hasdeu) (h)àripi. Aile. — Nebenformen: 
dr. drcpà PI. drcpl , arcdpà PI. cirépe, *arpà PI. (Densusianu, Hateg) 
àrpi. — mr. aripa PI. àriclii ; arpa. — megl. aripa PI. ieripi . 

Et.: Aripa und aripa sind unmittelbare Ableitungen von Vb. 
a (ìn)aripa , heute nur bei Part. (dr. tnaripat , megl. iripat) gebraucht, 
a se aripi 1. (Bibl. 1688 bei Tiktin Wb.) «battre des ailes», 2. (Sez. 
Ili 150) «prendre le voi». 

Aus aripa ist durch den Wandel des unbetonten i zu c drepà ent- 
standen, wovon dann aredpà analogisch nach aripa ; arpa < dripà 
durch Synkope; — megl. ieripi < / + aripi , cf. iaschie < i + aschie. 
Das Verbum aripa <*alipare<ala + ip (s. Suf. Rom. 178). 

Im Mr. begegnen wir auch den Nebenformen drpità , aredpità , 
ardpità PI. drpite, areapite, ardpite, die wir folgendermafien erklàren: 

Der mr. Dialekt hat aus dem Neugriechischen eine Anzahl Wòrter 
auf ia mit ihrer Pluralform -para entlehnt: 

arma pi. armate (Pap.B.), armati (Dal.) «arme» < agita pi . agfiara. 
liarismà pi. harismatc (Mih.) «gratification, présent» < yàgio^ia pi. 
yctgio^iara . 

lialcumà pi. halcómati (Dal.) «ustensile de cuivre, comme chaudron, 
etc.*, cuivre, airain» < ycchiM^ia pi. yaiyaó^iara. 

iSiumà pi. iòiómati (Dal.) «manière d’ètre, caractère» < lóiojjna pi. 
idi(óf-iara «propriété, attribut; qualité». 

nóimà pi. noimati (Dal.) «intelligence, conception-, sens* signe, geste» 

< vór^ia pi. voìjixara. 

pscvmà pi. psévmate (Pap.B.) «mensonge» < ipevfna pi. ìl^v/nara. 
sirma pi. sirmati (Dal.) «soie» < ovoli a pi. oig^iara. 


LATE1NTSCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


255 


sistimà pi. si stimati (Dal.) habitude» < avochila pi. otocrjucuza 
«ensemble, règie, gouvernement, système». 

strema pi. strémate (Pap.B.) «mesure agraire: 5,011 m. c.» < ozQéf.if.ta 
pi. oiQtft tiara -arpent de terre». 

#amo pi. damate (Pap.B.) «miracle, merveille» < Vau/ua pi. ttaéfnara. 

Analogisch nach -mate wurde ein Singular -mata gebildet in: 

clima und climatà (Dal.) «climat» < vJJf.ia pi. xUf.iaia. 

isósmà (Mih.) und isósmatà (Pap.S.) «fian^ailles» < lolaof.ia «accom- 
modement». 

scamata (Dal.) «mousse de l’eau de savon» < oydf.if.ia pi. oxdfiuara. 

Die Pluralform liegt offenbar in Bacati s. f. pi. «Sachen, die umher- 
liegen, auf dem Boden hingelegte Sachen» (Dal.) < zac. 

Sehr wahrscheinlich steckt dieselbe Pluralform, nur ein wenig modi- 
fiziert, auch in drpite (Obed. Pap.B.), àripite (Pap.B.), Plural von 
dripà (Pap.B.). Von dripà wurde der regelmafìige Plural dripe ge¬ 
bildet, cf. die synkopierte Form arpe (Mih.), und arichì (Pap.B.), dann 
*aripate. Im Unterscbiede aber von den anderen Pluralen in -ate 
verwandelte sich *aripate weiter in *anpàte und dann, durch den 
Wandel des à zwischen Palatalvokalen zu e, i, in *aripete, dripite, 
synkopiert drpite . Analogisch dem PI. ar(i)pite bildete man den 
Sg. *aripitày arpità (Mih. Dal.). Aus *aripità y durch den Wandel 
des unbetonten i zu ist *arepilà entstanden, wovon dann arèapità 
(Dal. Pap.B.). Fiir den Tonwechsel cf. dr. dripà und aripà . — Wir 
bemerken, dafi die Pluralform -aza sich auch in den griechischen 
Dialekt von Epirus fortgepflanzt hat, in Worter wie nqootÓTiaza 
= nQÓocojca , alóyaza — aloya (Aravantinos, Ipirotikon Glossarion, 13). 

ARUVINARE (mr.) 

Vb. Arroser. 

Et.: *arroinare<*arrorinare = arrorare. — Fiir r-r > r- cf. 
r o u a « rosée < r o s, r o r i s. 

ASTRET (megl.) 

Ad. Stèrile. 

Et.: (a)strlctus, -a, -um «serré, lié, pressé, étroit». — it. stretto, 
friaul. strety prov. cat. estret , fr. étroit. 

AU (mr.) 

Adv. lei. 

Et.: ad-huc. 

Aute (mr.). 

Adv. lei. 

Et.: ad-*hucce = huc, cf. h ucci ne* 


256 


GIORGE PASCU 


BÀT 

Dr. bàt , dial. (AnCar) bàt , (Densusianu, Hateg) bit ; ir. bàt . 

S. et. Bàton. 

Et.: *vìttum = vitta «branche». — Cf. auch alb. «branche», 
it. dial. vitskct «bàton». 

BÌNDURARE (mr.) 

Vb. Bavarder, jaser. 

Et.: pandura «pandore, luth à trois cordes». — poi. bandura 
«luth» (daraus russ. klr. wr. bandura) < it. p andar a (aus pandura), 
Berneker, I 42. 

BOT (dr.) 

S. et. Mufle, museau. 

Et.: *mùtum = (.ivng «naseau, trompe, museau». 

CAER 

Dr. caer , mr. megl. cair, ir. caler . 

S. et. Filasse de la quenouille. 

Et: *caìrum = v.aÌQog «fil de la trame, fil». 

CÀRINTE (mr.) 

S. m. Dent canine. 

Et.: canlnus + dinle. 

A b 1. : càruntane « bec ». 

CH1PIRARE (mr.) 

Vb. I. tr. Pincer. 2. intr. Gazouiller. 

Et.: plp ilare «gazouiller, caqueter», v. chipitare . 

ClilPITARE (mr.) 

Vb. 1. tr. Becqueter. 2. intr. Ètre marqué par la petite vérole. 

Et.: *plpitare, cf. pipilare «gazouiller, caqueter». — prov. 
pitar «becqueter, picorer», gen. pitd «becqueter», cors. pità «prendere 
un po' di cibo». 

Chipita (mr.) 

S. f. 1. Pointe. 2. Piume à écrire. 3. Lance. 4. Bec. 5. Pie, 
crete, sommet. 

Et.: *pfpTta, cf. nprov. pivo «dent de peigne ou de ràteau, four- 
chon, pointe» < *plpa• nprov. pivello «scion, rejeton, pousse d’un 
arbre», piveu «pivot, petite branche aigiie, brindille, argot, picot; voix 
pensante, vagissement» < *plpelja, *plpellus; friaul. pipai, ital. 
pippio < pTpulus, pTpulum belegt mit der Bedeutung «criadlerie, 
piaulement, vagissement» [Candrea-Densusianu, 931]. 

Abl.: chipitos 1. «aigu, pointu», 2. «marqué par la petite vérole». 


LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


257 


CHIUI (dr.) 

Vb. Crier. 

Et.: Chiù «cri» < *pipTum < plplre «piauler». 

CÌONÀ (mr.) 

S. f. (orn.). Pinson. — dorili. S. m. (orn.). Moineau. 

Et.: con- ? cun-, Schallwort, cf. bulg. ciukci , megl. cifincà, cìufingà, 
dr. cinterà «pinson». 

Ab!.: angicà (mr.) «pinson» < * cionca. 

CIRIPI (dr.) 

V. filtrare. 

CIUPÀ (dr.) 

S. f. 1. (Sez. VII 179 a; Viciu, 31). Auge à baigner les enfants. 
2. (Jarnik - Bìrseanu, Doine, Glos.). Eau chaude pour baigner les 
enfants. 

Et.: *ciupa = xtVr rj «creux, cavité». 

CIRCÌRARE (mr.) 

Vb. 1. Rire aux éclats. 2. Caqueter. 

Et.: carcar-. — sic. karkariari «caqueter, crételer»; dr. circii «ca¬ 
queter»; ngr. ymymqlÌIu) «gazouiller, chanter», ymyymqiLco «caqueter; 
bavarder» ; alb. kakaris «caqueter». 

COCA (mr.) 

S. f. Fruit. 

Et.: coccum, wovon *coc, dann coca. 

Abl. : cuculicìu (mr) 1. «strobile, fruit du pin et du sapin», 2. «épi 
de mais, panouille», 3. (fig.) «nu» (< coca + -alieni, Suf. Rom. 327). 

COITA (dr.) 

S. f. 1. (Bud, Tiplea). Femme coquette. 2. (Viciu, 34). Femme 
dépravée. 

Et.: coita. 

CRÀMURÀ (dr.) 

S. f. (Sez. V 175 sub zurbalìc). Tumulte, vacarme. 

Et.: Ducange carmula «seditio». — Fur amioàmu cf. laudani 

< laudamus. 

— càrmoala (mr.) «massacre, carnage» ckramola as). «seditio», bulg. 
«tumulte, vacarme» (< carmula); mold. harmalde «foule tapageuse» 

< kramola + -de. 

CROAMBÀ (dr.) 

S. f. (Popovici, Rum. Dial. I 164 b). Rameau, branche. — Neben- 
form : (Popovici, ib.) cloamba. 


258 


GIORGE PASCL 


Et.: *co rumba = zoqv^^i] «jeune branche». 

Abl.: clornburele pi. «jeunes branches». 

CUCUMEA 

Dr. (Vircol, Vilcéa; Sez. VI 30) cucumed, ($ez. VI 30) cucuved , 
(Damé T. 98) cubed; mr. ciicuveaàà. 

S. f. 1. (dr.: cucumect, cucuveci, ctibea; mr.). Chouette. 2. (dr.: 
cubed), Hotte de cheminée. 

Et.: *cucumella = cucuma. — Das Wort cucuma ist bei 
Ducange belegt, mit der angeblich emendierten Form c u c u b a : « Cucuba 
,noctua : apud Papiam. Ita emendat Meursius prò cucuma, unde 
cucubare in Carmine de Philomela, quod Ovidio adscribitur. Hesychius 
z.o'A'/jjfia ykavS 1 . Ita etiam emendat Meursius* hinc ■/.ovxovfialog 
,caesius, noctuinus* apud Scholiastem Oppiani.» Das rumanische Wort 
zeigt aber, datò die von Meursius vorgeschlagene und von Ducange 
angenommene Emendierung unrichtig ist. In der Tat, im Rumanischen 
schwindet intervokalisches b in den lateinischen Erbwòrtern, so dafi 
ein *cucuba nur *cucuà, *cucuvà hatte ergeben kònnen, cf. vàduvà 

< v adita, und das *cu cube Ila nur * cucuìa . Fiir rum. cucumea 
miissen wir also von cucuma, *cucumella ausgehen. — Durch 
den Wandel des m zu b: cucumea > (cu)cubea , und durch die weitere 
Entwicklung des b zu v: (cu)cubea> cucirne a. — Lat. cucubare 

< cucuma zeigt dense!ben Wandel des m zu b. 

Auf cucuma, *cucumella weisen auch it. coccoveggia, cucu- 
itieggia, calabr. kukkuvedda, sard. log. kukkumeu, kukkumiau, otrant. 
sic. kukkuvaìa zuriick. 

Es sind dann, durch Suffixvertauschung, die folgenden rum. Varianten 
entstanden: cucuvae , cucuvaìcà, cucubeìcà, cucuveìcà, cucumeagd . 

CELARE (dr.) 

S. f. (Viciu, 38). Nid, tanière, gite. 

Et.: *cub(i)lare, *cub(i)laria = cubile. 

CELUMB (mr.) 

S. m. Pigeon. 

Et.: columbus, wovon direkt *curumb, dann durch Dissimilation 
culumb . 

Curubit (mr.) 

S. m. (bot.). Églantier. 

Et.: *columb!cius, cf. columbinaceus «de pigeon». — Fiir 
die Bedeutungsentwicklung cf. coroabà (dr.) «prunelle» < *coroambà 
ccolumba [A. Philippide, ZRPh 31 (1907) 307]. 


LATKINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHKN 


259 


DEPÀRA (dr.) 

Vb. ($ez. II 225). Agiter fébrilement les mains et les pieds. 

Et.: *depalare = palari «aller qa et là, courir en désordre, 
ètre dispersés», cf. auch palans «qui s'égare, égaré, perdu, éperdu . 

DEZBÀRA (dr.) 

Vb. 1. Délivrer, rendre libre, débarrasser. 2. Déskabituer, dés- 
apprendre. 

Et.: de-ex-*barare «décharger, rendre plus léger» < ftagco 
«charger, gre ver, accabler». — fr. débarrasser . 

DIRMÀ (mr.) 

Diruta, dar ma } dràmà. 

S. f. 1. Branche, rameau. 2. Perche, gaule. 

Et.: thrak. *drlma<dri-, dru-, dru-, cf. ai. drumds «arbre», 
gr. ÓQVf.tct pi. «bois, bocage», alb. dru «bois, arbre, perche, pieu, bois 
à brùler», russ. dial. drom «taillis, forèt vierge; bois sec, ramilles», 
bui g.dràmka «arbuste, yrbrisseau, buisson», slov. drmasca «broussailles», 
bulg. danna, dràma «ràteau»; gr. òqio$ «petit bois, bosquet, taillis»; 
alb. drizà «arbre, broussailles, arbrisseau». 

DUNÀRE (dr.) 

S. f. Le Danube. 

Et.: thrak.-kelt. ^donare < *dona + kelt. -^are = ^ara, -'era, 
Jiarus, -ieris, das Flufìnamen auf dem franzòsischen (v. Meyer- 
Liibke, Die Betonung im Gallischen, Sitz. Wien Nr. 143, Wien 1901, 
pg. 49—50) und Stàdtenamen auf dem dalmatischen Gebiete (cf. Cat¬ 
tarci, Solitari) bildet [Pascu]. 

Thrak.-kelt. *Dona<idg. dan-, cf. avest. dami-, osset. -don 
«rivière». Von hier aus: got. Dunavis, ahd. Tuonouua, nhd. Donati, 
cf. Miillenhof, AslPh 1 (1876) 290—298; lat. Danuvius; — Don 
(skytisch Tava'ig) fleuve en Russie, Duniestr (rum. Nistru), Duniepr 
(skytisch JavaitQtg , rum. Nipru ) rivières en Russie, cf. SobolevskiI, 
AslPh 27 (1905) 242—248. 

— skr. Diinavo, Dunavo, Dimav, Dimai; bulg. Dùnav; klr. Dunai 
< got. Dunavis; magy. Duna < nhd. Donati; tiirk. Tutta < magy. 
Duna . 

FLOR (dr. mr.) 

a. Ad. (mr.). 1. Blond, en pari, des personnes. 2. Tout blanc, en 

pari, des chèvres. b. S. m. (dr.). Nom de famille. 

Et.: florus, -a, -um «blond; fleuri». 


260 


( HORGE PASCE 


Abl. : dr. (Vircol, Vìlcea) fioriu, Jluriù, (Damé T. 181) floreali pi. 
(Hasdeu, 3081) fioretti «(boeuf) qui a des taches blanches», (Boceanu) 
fiorati «(chien) tacheté de blanc et de noir», (Popovici, Rum. Dial. I 
55 b )floarea, (Popovici, ibid.) fiorita, fioretta «noms donnés aux vaches», 
Floares, Florescti noms de famille. 

FLUERA (dr.) 

Vb. Siffler. — (Rev. cr. lit. Ili 154) Fin-eri . Bavarder, jaser, dé- 
goiser. 

Et.: *flaulare < flare «souffler», wovon direkt *flàura, *fleura, 
Il euri, filiera . 

Abl.: (dr.) fleros «bavard» < *fleuros . 

Fluer 

Dr. flùer, (Rev. cr. lit. Ili 158) filerà; mr. filiera , fluìarà, fluér, 
Jìl'iodrà. 

S. et. Flùte. 

Et.: *f 1 au 1 um, wovon *flaur, *fleaur, fleaurà, fléurà (dr.) «trou -, 
bouche; bavard ; fléorà, *flioarà, fil'ioarà (mr.) « flùte », filiera, filler 
«flùte». — Filr flea <fla cf. fl'acà (mr.) «fiamme» < *flaca = fa- 
cu 1 a «petite torche», fleamà (mr.) «fiamme» < f 1 a m m a, pleagà (mr.) 
«plaie» < plaga, prag, preag (mr.) «seuil» < bulg. prag, pras, 
preas «poireau» < agr. ttqcioov . 

GÀUDIRE (mr.) 

Vb. refi. Se réjouir. 

Et: gaudere. 

Gudura 

Dr. gudura, mr. gudurire . 

Vb. 1. tr. (mr.). Flatter, caresser. 2. refi. (dr.). Se réjouir, en 
pari, d’un chien. 3. refi. (mr.). Se chauffer. 

Et.: *gaudulare. 

GREUMÌNT (dr.) 

(Densusianu, Hateg) grelimini, (Popovici, Rum. Dial. I 119 ) greomint. 

S. m. sg. Pois; peine; travail. 

Et.: *grevamentum = gravamen, mit Anlehnung an greu. 

GRIER (dr.) 

Grier , grecr(e), greore, griore , grel, mold. griir. 

S. m. Grillon. 

Et.: Aus gryllus, gesprochen grillus (cf. it. grillo ), ist durch 
Suffixvertauschung *g r e 11 u s entstanden, wovon rum. grel, pg. grelo, 


LA l'EINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


261 


pv. greti. Aus der Form grel pi. grel (dial.) + -tir ist dann greìur, 
greir, grier entstanden. 

LUTISOR (dr.) 

S. m. Ocre (Sert à teindre en jaune). 

Et.: lutum «gaude, piante qui sert à teindre en jaune; couleur 
jaune» + -isór. 

MÀRUNCÀ (dr.) 

S. f. (bot.). Tenacetum vulgare (Possède des propriétés amères). 

Et: *amàrancà < amar «amer» < amarus, -a 7 -um. 

MÌERIU 

Dr. mìeriu, mr. niilr . 

Ad. 1. (dr.). Bleu foncé, bleu noir; bleu. 2. (mr.). Bleu. 

Et: *nibulus = nubilus,,-a, -um «couvert de nuages, nuageux; 
noir, de couleur foncée», wovon *niur y niùr , *nier, niér, dann durch 
Anfiigung des Suffixes -ni, *nìeriu t mìeriu. — Fiir -lev < -mr cf. crier 
(dr.) < *criur; fur -in cf. cilbàstriìi (dr.) < albcistru. 

NEIOS (dr.) 

S. m. (Alecsandri, Poez. Pop. 2 34). Mois de Décembre. 

Et.: nivosus, -a, -um «abondant en neige, mèlé de neige,» wo¬ 
von *neos , bewahrt in a se neosa «se couvrir de neige », dann neìos 
unter dem Einflufi von ploìos «pluvieux». — Fiir die Bedeutungs- 
entwicklung cf. ningàu 1. ($ez. V 114) «grande abondance de neige 
qui tombe», 2. (Damé T. Glos.) mois de Décembre». 

NESTIMATÀ (dr.) 

Ad. Das Wort wird nur in den Marchen gebraucht: pìatvà nesti- 
matà «pierre précieuse». 

Et.: inaestimatus, -a, um «qui n’a pas été estimé ou évalué». 

NGORDU (mr.) 

Ad. Engourdi par le froid. 

Et.: gurdus, -a, -um «grossier, sot». — fr. gourd «raide», prov. 
calai, gort, sp. pg. gordo «gros, gras». 

ORCA (mr.) 

Adv. Isoliert in der Redensart orca du-te «va-t-en au diable». 

Et.: Orcus «dieu de Penfer». — it. orco «fantóme, épouvantail», 
sp. aereo enfer». 

PAPARUDÀ (dr.) 

S. f. Jeune fille que Pon masque en temps de sécheresse avec de 
feuilles d’arbres et d’autres herbes et qui court, tout en dansant et 


262 


GIORGE PASCU 


en chantant, de maison en maison, où les vieilles femmes versent de 
Teau sur elle, en pronongant une formule magique afin d'amener la 
pluie». — dr. paparudà, pàpàrudà (Sez. IX 29), papalugà (Cantemir, 
Descriptio Moldaviae), pàpàlugà (Sez. VI 127); megl. paparudà . 

Et.: papalugà, papalugà < *pàpàrugà, paparudà < pàpàrudà ; 
pàpàrudà, *pàpàrugà < peper-, papar-, wovon auch die folgenden 
balkanischen und romanischen Wòrter: 

bulg. peperuda 1. (bot.) «pavot», 2. (zool.) «papillon», 3. «jeune 
fille habillée de feuilles». 

bulg. peperuga, megl. pipirugà, piperugà, piperigà (zool.) «pa¬ 
pillon». 

ngr. jTEneQOvòa «jeune fille habillée de feuilles» (G. Meyer, Ngr. 
St. II 86). 

alb. peperonà, bulg. peperuna «jeune fille habillée de feuilles». 

bulg. perperuga (zool.) «papillon». 

ngr. TTEQnEQOvvct «jeune fille habillée de feuilles» (G. Meyer, Ngr. 
St. II 86 und Alb. Wb. 327 unter peperoni!). 

ngr. Thessalien nEQntQi (zool.) «papillon» (G. Meyer, Ngr. St. Ili 53), 
(Passow, Pop. Carm.) nEQTcEQid «jeune fille habillée de feuilles». 

mr. pirpirunà 1. (bot.) «pavot», 2. (zool.) «papillon», 3. «jeune fille 
habillée de feuilles», ngr. (Passow, Pop. Carm.) nEQKEQOvva «jeune 
fille habillée de feuilles». 

bulg. preapcruda, preaperuska, srb. prpor usa «jeune fille habillée 
de feuilles». 

bulg. paparuna 1. (bot.) «pavot», 2. (zool.) «papillon», 3. «jeune 
fille habillée de feuilles», paparonka (bot.) «pavot». 

ngr. nanaQOiva (bot.) «pavot». 

kalabr. pappar uhi «épouvantail», abruzz. papar otta «épouvantail, 
fantòme», prov. papalaudo, paparraugae «épouvantail, fantóme» 
(Meyer-Lubke, Roman. Et. Wb. 6214). 

Folglich wurden die paparude nach den Blumen, mit denen sie 
sich schmiicken, namèntlich nach den Mohnblumen, genannt. Papa- 
hagi, Din Literatura popularà a Arominilor, 725, sagt: «Bei den 
Mazedo-Rumanen bedecken sich die paparude tiber den ganzen Kòrper 
und besonders bis an den Gtirtel mit Sterndolde, Farnkraut, Zwerg- 
holunder, Mohnblumen, pirpirune genannt, und mit allerlei Krautern». 
In Hatzeg (Densusianu, Ha^eg) wird «papanida» boz (Zwergholunder) 
genannt. 


LATEIN1SCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


263 


Was die Beziehung zwischen den romanischen und balkanischen 
Wórtern anlangt (romanisch «épouvantail, fantòme» — balkanisch 
«jeune fille habilée de feuilles qui invoque la pluie»), cf. auch megl. 
diidulety bulg. srb. dodola «jeune fille habillée de feuilles» = alb. 
dordoVet 1. «jeune fille habillée de feuilles», 2. «épouvantail» (bulg. 
dudulét «panouille, épi de mais»). 

Da die paparude von Haus zu Haus gehen, bedeutet in Moldau 
pàpàlugà auch «eine Frau, die liberali umhergeht» (§ez. II 126). 

PAPULÙ (mr.) 

a. S. ni. Jeune fille habilée de feuilles qui invoque la pluie. — 
b. Ad. Ud pàpul’u . Tout mouillé. 

Et.: *pupuleus = pupulus «petit ganpon», cf. paparudà . 

PÀSCARE (dr.) 

S. f. (Mateescu, Balade, 47). Pacage, pàturage. 

Et.: pascalis «qu’on fait paitre». 

PÀSCURÀ (dr.) 

S. f. (Ciobanu-Plenita, Cintece, Glos.). Pacage, pàturage. 

Et.: ^pascura < pascuum, cf. pastura. 

PASTURA (dr.) 

S. f. Propolis (substance insalubre). 

Et.: *pestula<pestis, cf. auch pesti 1 ens «pestilentiel, em- 
pesté, insalubre», pestilenza «virulence, venin». 

Abl. : (Damé T. 120) pàstrar idem < pastura + - ar . 

PIDURITÀ 

Megl. piduriìà, mr. padurita . 

S. f. Marchepied d’un métier. 

Et.: p e d u 1 i s «qui est fait pour les pieds». 

PIRIDARE (mr.) 

Vb. Gazouiller. 

Et. *pipilidare = pipilare. 

PÌNZÀ 

Dr. pinza t mr. pìndzà, megl. pqndza. 

S. f. Toile. 

Et.: thrak. *penza<pen-, cf. gr. nrjvrj. 

P1RGHIE (dr.) 

S. f. 1. (Pascu, Cimilituri, I 189; Saghinescu, 99). Perche. 2. Armon 
d'une balance. 

Et.: perg(u)la 1. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


18 


264 


GIOROE PASCU 


PRIOR, PROUR (dr. mr.) 

S. m. sg. Le temps avant le midi depuis deux heures du matin : 
dr. (Viciu, 71) priór, (Hasdeu, 1107—1108) pror, nàpràor, ampróor, 
mr. Pindus (Hasdeu, 1108) pror, próur . — (Hasdeu, 1108; $ez. VI 53) 
próor, (Hasdeu, 1108) ìmprónr, próol, s. m. «la veille de la Saint 
Georges». — (Viciu, 52) ìmplóur, s. m. «action de verser de Peau 
sur qn le jour de la Saint-Georges, coutùme populaire». — (Hasdeu, 
1108) ìmpreorà, improord, (Densusianu, Hateg, 269, 275) ìmpràord, 
vb. tr. «verser de Peau sur qn le jour de la Saint-Georges», (Densu¬ 
sianu, Hateg, 269, 275) impràord, vb. tr. «verser de Peau sur qn». — 
(Densusianu, Hateg) impràurcit, s. m. «action de verser de Peau le 
jour de la Saint-Georges». — (Slavici, Scormon) priór, ad. «(agneau) 
premier né». 

Et.: *priulus = prior «qui précède, précedent, antérieur, passé, 
dernier», wovon *préur, préor und preór (cf. popór < *pópor ), be- 
wahrt in ìmpreorà, dann priór und pràór. — nàpràor < (i)mprour; 
— pronr, proor, pror < *pruor, *pruàr, * pruer < *preur durch 
Metathesis; — prool, proor durch Dissimilation. 

PUSPURARE (mr.) 

Auch pi spur are. 

Vb. Chuchoter. 

Et.: *puspulare zu psp, bsb Schallwort. — ital. pispigliare, 
bisbigliare «chuchoter» [Meyer-Liibke, Roman, et. Wb. 1350]. 

PUTÀ 

S. f. Largane génitale des petits enfants, des jeunes femmes, des 
vieillards, des petits animaux. 

Et: *pubucea < pubis. 

Abl.: putoìu augm. (Cimilituri, I 195). 

RÀCOARE 

S. f. Fraìcheur, air frais. — mr. ar(à)coare . 

Et: *recor, -oris< ree- zu recens. 

RÀURÀ 

S. f. (Sez. Ili 87). Sorte de broderie. 

Et.: rivulus «petit ruisseau». 

RONTÀI (dr.) 

Vb. tr. Grignoter. 

Et.: ront-. — sp. ronzar «grincer les dents», it. ronzare «bour- 
donner» (Meyer-Liibke, Roman. Et. Wb. 7372). 


LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMAN'ISCHEN 


265 


SCULA (dr. mr.) 

Vb. Lever. 

Et.: *excub(i)lare < cubile «nid, tanière, gite», wovon auch 
ciliare idem. 

SPÀRIA 

Dr. spària } speria , mr. (Papahagi, Not. Et. 10) aspàirare . 

Vb. Effrayer. 

Et.: *expavilare = expavere, wovon spàira und durch Meta- 
thesis spària . 

SPES (mr.) 

Ad. Set ré, resserré. 

Et.: spissus, -a, -um. — it. spesso, prov. cat. espes, fr. épais, 
sp. espeso, pg. espesso. 

stràghìatà 

Dr. stràghìatà, (Densusianu, Ha^eg) stragiata, st radiata, strediatà , 
(Noua Rev. Rom. Vili 88) stràghìatà, (Bocancea, 21) strighiatà; mr. 
strtgTaià; megl. strigi'atà . 

S. f. Lait caillé. 

Et.: *extraglata = *extracoagulata «coagulée», cf. chiag 
(dr.), cl'ag (mr.) < *clagum = coagulum. — -ea\à < -eatà ana- 
logisch nach den Wòrtern auf -eatà. 

Abl.: (Bocancea, 21) a se streghe{a, (Noua Rev. Rom Vili 88) 
a se stràgheti «se coaguler». 

STRIGA (dr. mr.) 

Vb. Crier, appeler qn en criant. 

Et.: *str!ggare<*strld(i)gare= *strldùlare<strldù- 
lus, -a, -um «qui crie». — ital .strillare «crier» < *str id (u) lare; 
ital. strigolare «crier» <*stridulare + *striggare. 

STRÌOCL U (mr.) 

Ad. Louche. 

Et.: strabus + oculus. — ital. dial. stralocchio [Wartburg, 
Revue Dial. Rom. Ili 485]. 

SUERI (dr.) 

V. ^uera. 

SIR 

Dr. sir, megl. sor. 

S. et. File, rangée. 

Et.: Unmittelbare Ableitung von Vb. *inser - ìnsird < ser ies. — 
ìnsir < *inscr durch Analogie der unbetonten Formen. 


18 


26 ò 


GIORGE PASCU 


SUERA 

Dr. siterà , mr. mirare, durare. 

Vb. Siffler. 

Et.: *slbulare = sibilare, wovon dura, dann durch Metathesib 
mira, mera. 

Sueri (dr.) 

Vb. (Pascu, Cimilituri, I 118). Siffler. 

Et.: *subil!re, cf. dalm. sublar, ven. subiar < *s ubila re. 

TICUT (megl.) 

S. et. Cri. 

Et.: cik-. — dalm. tig »cri»; ven. {ig w «siffler», it. cigolare 
«craquer, crier». 

TINZUR (mr.) 

Tingiti', {indzir. 

S. m. 1. Chardonneret. 2. Grillon, cigale. 

Et.: *zinzu 1 us, *zinzTlus zu zinziare, zinzitare «crier, en 
pari, de la grive», zinzilulare «chanter, jaser, en pari, de certains 
oiseaux», cf. auch ngr. xUvzìiiQag «cigale». 

TIPA 

Ind. pr. dr. tip , megl. top. 

Vb. Crier, pousser des cris. 

Et.: tinnipo, -are «rendre un son clair, tinter, retentir, crier». — 
Diese Etymologie zeigt uns, dafi die Moglichkeit des Lautwandels 
ti > ti, bis nach der Mouillierung und Verschwinden des n vor /, ge- 
dauert hat. — Cf. auch tjur, - ciré (mr.) «gazouiller» < *t!nniulo. 

TIURARE (mr.) 

Ind. pr. tiur. 

Vb. Gazouiller. 

Et.: *trnniulo, -are — tinnire. 

Abl.: ciripi, ($ez. II 87) cilipchi (dr.) «gazouiller » c *tìuripi 
< tiara + dp. 

Lehnw.: magy. csiripelni, csirib eliti, c sir ipoini, csirikolni «ga¬ 
zouiller », csiripelés «gazouillement», slov. in Ungarn (Strekelj, Lehnw. 
14) ciripetati, Hripécem «gazouiller». 

TUCUIRE 

Mr. {acuire, megl. tucniri. 

Vb. Sucer. 

Et.: cok-. — it. docciare, fr. sucer , pv. pg. chuchar. 

Abl.: ciucili «nourrisson, enfant à la mantelle» (mr.), tue (mr.) interj. 


LATEINISCHE ELEMENTE IM RUA1AN1SCHEN 


267 


URCA (dr.) 

Vb. Monter. 

Et.: *oricare<gr. opog «mont», cf. fr. monter < moni, bulg. 
vàrvìd na górea «monter», górniste «montée, pente» < gora «mont». 

VÀTÀROG (dr.) 

S. m. (Codin, 79). Levraut. 

Et.: vitulus «petit d’un animai qcq» + -óg, cf. va tuia «levraut» 
< *vituleus = vitulus. 

VESTU (mr.) 

S. et. Drap. 

Et.: vestis «étoffe». — Ftir sii < sti cf. anvestimint , anvesmint 
(megl.) «habit, vétement», vesmint (dr.) «vètement sacerdotal» < vesti- 
m entu m. 

VIRGHE (dr.) 

S. f. (Pascu, Cimilituri, I 219). Verge, baguette. 

Et.: vTrg(u)la. 

ZDRUMINARE (mr.) 

Vb. 1. Ecraser. 2. Presser (une éponge). 3. Emietter. 

Et.: *exderuminare, cf. aruminare (mr.) «ruminerà < ru¬ 
minare. 

ZDRUNCINA (dr. mr.) 

Vb. 1. (dr.). Cahoter, secouer. 2. (mr.). Écraser, réduire en poudre. 

Et.: ex-dèruncinare «raboter», cf. auch dTruncinare «sarcler», 
oder *extruncinare ctruncus «tronqué, mutile; retranché, coupé, 
privé de qc, écourté» cf. extruncis, -e «coupé». 

ZGII (dr.) 

Vb. Ecarquiller les yeux. 

Et.: *excavire = excavare «creuser, rendre creux», cf. ggàura 
idem <*excavulare. 

Die Nebenformen (Rev. cr. lit. Ili 168) zgìmboi und (Sez. VII 185) 
zglimboìa bedtirfen noch der Erklàrung. 

Abl.: (Rev. cr. lit. Ili 169) stàura «regarder avec convoitise» < sta 
«rester» + sgànra. 

ZGÌRIA 

Dr. 3giria, sgària, megl. 8gairari . 

Vb. Gratter. 

Et.: *scab!lare = scabere, wovon zgàira, dann durch Meta- 
thesis zgàira, zgìria, cf. spària < spàira. 


268 


GIORGE PASCU 


IL Eine Klasse von Wòrtern. 

Das Schicksal der durch den Schwund der inter- 
vokalischen b und v im Hiat zusammentrefferiden Yokale. 
Wir unterscheiden zwei Falle: 

I. Die Vokale sind verschieden: 
a . Die Vokale bilden zwei Silben. 

db e, abé\ abe > de, aé, ae 

Zgair (megl.) 7 b giriti (dr.) «je gratte» < *scabilo.* 

Aem (Pap.B.) < habemus. 

Aeti (Pap.B.) < h a betis. 

Aiare (Pap.B.) < h a bere. 

Zgàirari (rnegl.), Bgìriare (dr.) «gratter» <*scabilare. 
abó > aó ' 

Tàuri <*tabonus = tabanus. 

Striocl’u (mr.) douche» < *straboculus < strabus 
+ o cui us. 

abii > au 

Aviti < * aìmi, *aui < ha bui. 

Avut < *aùut, *aut <*habutus. — Der Laut v von den 
anderen Formen wurde durch die Analogie dieser zwei 
eingefiihrt: avem c aem, aveti < aeti, avere < aiare , 
avind < *aend. 

Salica (Mih.), smig (Nic.) < sabucus. — Mr. (Mih.) 
astica < *soucii < sàlica; dr. soc. < *sàuc — sane; mr. 
(Nic.) sag < suiig. 

ebd > ed 

Baili <*bebui = bibi. 

< *bebutus = bibitus. 

ibe, ibéibe > ie, ié, ie 

Serie < *scribet = scribit, serietà < *scribemus 
= scribimus^, scrieti < *scribetis = scribitis 7 
scriere < scribere. 

Sie < *sibe = sibi. 

Tie < *tibe = tibi. 

Scriind < scribendus. 

ibu, iba > hi, iu 

Siur (mr.), suir, suer (dr.) <*sibulo = sibilo. 

Siurare (mr.) 7 suer a (dr.) <*sibulare. 




LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


269 


óbe < 6e 

Noùà < *noe <*nobe = nobis. 

Vouà < *voe <*vobe = vobis. 

uba, uba > ila, ud 
Buàr (p> buor, bour) < bubalus. 

Soarà (megl. mr.) «aisselle» < *suarà < subala. 
Suptuarà «aisselle» < sub-subala. 

ube, ube > ile, ue 

Coi < *cuàt, *cuel < cubitum. Flir o < uà cf. nor 
< *rìiiàr, naàr. 

Desghìoc «écasser, écaler, égrener» < *desghìùàc, *des - 
ghinee < *d i s g 1 u b i c o. 

Ino (mr.) «où» < *uuà, *uà, *ue < *ube = ubi. 

Nuàr (> nuor , nour) < *nuer < *nubelum = nu- 
bilum, 

Sog «je pétris» < *suàg, *sueg < subigo. 

Sneri «siffler» <*subilire = sibilare. 

ubi, ubi, ubi < ili, ui, ui 

Suini <subimus, suiti < subitis, suire < subire. 
Suiiu ind. pr. ps. 1 sg. «tondre les brebis autour de la 
queue» (Dal.) < *s u b i 1 i o. 

Slittare inf. < *subiliare. 

dve, ave, ave > de, ac, ac 
Chee < *cJfiae < c 1 a v i s. 

Spair (> sparili) < *expavilo. 

Spala < expavere. 

Spair a <*expavilare. 

dvu, avil, avu > du, ati, au 
Gaurà < *g a v u 1 a. 

Zgàur < *e x g a v u 1 o. 

Unchlii < *aunchlii <avunculus. 

Zgàur a < *exgavulare. 

iva > ia 

Gingie < *gingià < g i n g i v a. 

Lede < *1 e x i v a = 1 i x i v a. 

imi > in 

Ràurà csorte de broderie» crivulus. 


270 


GIORGE PASCU 


ÓVCl > ÓCl 

Nona < *noà < n o v a. 

óve, ové, ove > óe, oé, oe 

June «jeune, jeune homme», mr. gioite «jeune; vaillant» 
< *gìoàn, *gìoen < *j o v e n i s = j u v e n i s. 

No uà < *noà, *noe < no vem. 

Oae < ovis. 

Plouà <il pleut> < *p 1 o v e t = plovit. 

Nula «verge, baguette, gaule» < novella. 

Nularcà (mr.) < noverca. 

Plointe temps pluvieux» < plovens, -entis. 

Noutate <*nouetate, *noetate < *novetate = novitate. 

ovi < ni 

Pluinà (mr.) «temps pluvieux» <*plovina, *pluvina. 
Uin (mr.) de brebis» < ovinus. 

uva > ua 

Alia (mr.) «raisin» <uva. 
u vé > né 

Junc < * juinc, *juenc < *j u v e n c u s. 


J. Die Yokale bilden einen Diphthong. 
1. Auslautende Vokale. 

cibi > di 

Al < *habis = habes. 
ébi > di 

Bel < *bebis = bibis. 

ébn > éu 

Bea <*bebu = bibo, bibunt. 

ibu > ih 

Scria <scribo, scribunt. 
ubi > ili 

Sulu < *subio — subeo. 

Sul < s ubis. 


LATEIN1SCHE ELEMENTE IM RUMANISCHEN 


271 


avi > ài 
Pf. -di < - a v i. 

Lai < *1 a vis = lavas. 

Spaia < *e x p a v i o = expaveo. 

Spai < e x p a v i s. 

àivu > dìi 

Am < *ait < a v u s + -iis. 
éva > ed 

Grea < *greva = gravis. 
évi > éi 

ici < *levis = levas. * 

évu > éu * 

leu > levo. 

Greti <*grevus = gravi s. — Greutate < *grevi- 
tate = gravitate, und greumint < *grevamen- 
tum = gravamen mit Anlehnung an greti . 

ivu > ih 
Ria < r i v u s. 

Betiv, betta «ivrogne» <*bebetivus, *bibitivus. 
Cimpiti «uni, pian ; de piaine» ccampivus. 

Via < vivus. 

évi > ói 

Boi <*bovi = boves. 

Joi < j o v i s. 

óvu > Oli 
Boa < *bo vus. 

Nou < n o v u s. 

Oii < o v u m. 

2. Anlautende Vokale. 
ibé, ibe > ié, ie 
iert < 1 iberto. 
iertare <libertare. 

éva > idi 

ia > *iea < 1 e vai 

iaìì < *ieaà < levant + -a. 


272 


GIORGE PASCU 


3. Inlautende Vokale. 

ovi > ol 

Buyìar (mr.) «bouvier» < boviarius. 

Ploìos <*ploviosus = pluviosus. 

avi> dì 

Spalma < * spaimo. < *expavimen. 

4. Die Formen des Imperfekts: -eba ->èd, -iba-> la. - 

II. Die Vokale sind gleich. Sie werden kontrahiert. 

% db a, ab a > a 

Impf. a < àba ? abà (làuda < laudabat, làudani < lauda- 
b amus). 

*Ba PI. baie «bave» <*baba. 

Cai < c a b a 11 u s. 

ébc, ebé, cbe > e 

Zte<*bebet = bibit. — Die gegenwartige Form bea 
ist analogisch nach taclevat entstanden. 

Beni < *bebemus = bibimus. 

Bet> <*bebetis = bibitis. 

Bere <*bebere = bibere. 

hubàt < *imbel <*imbebeto. ^imbibito. 

Biud < *bcnd <*bebendus — bibendus. 
fama <*heberna = hiberna. 

Detor (> datov) <*debetorius, *debitorius. 
ìmbàtare < *ìmbetare <*imbebetare, *i m b i b i t a r e. 

ibi > i 

Es fchlen Beispiele. 

Scrii < seri bis, analogisch den anderen Verben der IV. Kon- 
jugation, deren 2 p. s. Ind. Pr. auf -l lautet (ansie audis). Ebenso 

stil < *sti < s c i s. 

ubiì > u 

Pitta < *p u b u c e a, pubis. 

ava, ava, ava > a 
Za < 

La(re) < 1 a v a r e. 



LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


273 


Spàla(re) < *expellavare. 

Làturà < bavatura, cf. lotura. 

éve, evé, eve > e 

Nea <*neve = nix, nivis, wovon *ne, dann nea 
analogisch dea Wòrtern vom Typus stea . 

Greatà «nausée, dégout»; (arum.) «poids; difficulté» < *gre- 
vetia, *grevitia. 

Grecìoasà (arum.) «enceinte» <*grevetiosa, *gre¬ 
viti osa. 

Ingreca(re) «rendre enceinte», mr. angricari «charger, 
peser» <*ingrevecare, *ingrevicare. 

ivi > i 

Zinà < fée» < d i v i n a. 

Bei den oben behandelten Beispielen haben wir gesehen, dafi inter- 
vokale b und v spurlos verschwunden sind. Dennoch erscheint v in 
einigen Beispielen als u bewahrt: 

Ind. Pr. luàm < levamus, luafi < levatis, Impf. Inani etc. < le¬ 
va barn, Part. luat < le va tus, Inf. luare c levare; ferner in der 
Ableitung aluat «levain, ferment, pàté» < *allevatum, und in preut 
«prètre» <*previtus = prebiter. 

In einigen Wortern sind intervokale v und b durch g vertreten; 
es sind die folgenden: fagur (dr.) «rayon de miei» < *favu 1 us, 
favus, neg(el) (dr.) «verrue» < naevus, negurà (dr. mr.) «brouil- 
lard» < ne bui a, rug (dr. mr.) «ronce» < r u bus und uger (dr.), 
udzire (mr.) <pis»<uber. Wie erklàrt sich der Lautwandel b , 
v >g? 

Candrea - Densu^ianu, Dic^. sagen: « fagur < *favulus. Die 

normale Form solite *fa(ìi)iir sein, aber u zwischen Vokale im Hiat 
wurde zu//, das spàter zu g wurde, genau wie in negurà < nehura, 
ne(u)urà < n e b u 1 a, Banat màdugà < maciulla, màdu(u)à < m e d u 11 a » 
(541)*, — «^<naevus. Die normale Form solite *neti sein; das 
Vorhandensein eines g ist der verschwundenen Form * negur < nae- 
vulus (cf .fagur) zu verdanken, zu dessen Plural ^neguri ein Sin- 
gular neg neu gebildet wurde, der mit der Zeit *neu ersetzte» (1215); 
— «negurà < ne bu 1 a ; fiir die Lautform cf. fagur» (1222). Wahr- 
scheinlich ebenso werden sich die Verfasser auch rug und uger er- 
klàren. 


274 


GIORGE PASCU 


Wir bemerken zuerst, datò banat. màdugà, màdidià gar nicht aus 
màduuàj mit dem Wandel des u zu h und dann zu g, herriihrt, 
sondern dafi alle drei Formen sich parallel aus màduà < me dui la 
entwickelt haben. In derselben Weise erklart sich banat. nuhàr, 
rumar < nu(u)or, Dobrogea bohor < boor, bour. Das Nichtvorhanden- 
sein einer Form wie *nugàr, *bogor zeigt uns gerade, dafi die Neben- 
form màdugà sich aus màduhà, unter dem Einflufi der Wòrter auf 
-ugà, entwickeln konnte. Jedenfalls ist màdugà eine ganz junge Form, 
und auch wenn das g unmittelbar, ohne irgendeinen Einflufi, aus h 
entstanden ware, kann auch der Wandel g > li nur jung sein. 

Anderseits bemerken wir, dafi au, eu, uu > av, ev, uv. Beispiele : 
adavgu (mr.) < adaugeo, alavdu (mr.) < laudo, avrà (mr.) < aura, 
caftu, cavtu (mr.) < *cauto, dàneavra (mr.) = adineaurì (dr .),favur, 
favru (mr.) < *faàru < faber, gavrà (mr.) = gaurà (dr.), liiavrà 
(mr.) < * hlaàrà < *febra; preftu, prevtu (mr.) < *preàtu < *pre- 
vitus; màduvà (dr.), mìduvà (mr.) < màdiiuà < medulla, vàduvà 
(dr.), veduvà (mr.) < *veduàà < vidua. In diesem Falle hatten 
*favulus nur *faur, *fauur, * favru, naevulus > *neur, 

*neàur, *nevru; nebula > *7 leurà, ^ ne aura, *nevurà ergeben 
kónnen. 

Nach dem, was wir oben schon iestgestellt haben, hàtte u b e r 
u b e r i s * iter (e), *uàer, *uver ergeben; r u b u s ware zu *ru 
und dann, wahrscheinlich, *ruu, da die rumanische Sprache keine 
Deklination auf -ir hat, geworden. 

Sen. Arce via niego «verme», mr. negar à, alb. negai; mr. rag, it. 
rogo; mr. udsire zeigen uns, dafi der Wandel von v und b zu g in 
*favulus, naevus, nebula, rubusunduber schon dem Vulgar- 
latein angehòrt. Es ist vielleicht ein kombinatorischer Lautwandel. 
Sextil Puscariu, ZRPh 28 (1904) 617, sagt: «;^ < naevus. Ich 
habe Conv. Lit. 35 (1901) 825 das Wort als Ruckbildung aus negel 
gedeutet und dies entweder durch eine Kreuzung von *naevellus 
mit nigellus oder direkt von diesem abgeleitet. Dem niger ver- 
dankt auch negarà < nebula sein g. Auch ftir uger < uber konnte 
man an den Einflufi von suge ,sucer‘ denken»! Uber fagur und rag 
sagt Puscariu nichts. Unter den von ihm angefiihrten Einflussen 
scheint uns nur der Einflufi von nigellus, recte niger, uber nebula, 
wahrscheinlich. 

Das oben Festgestellte hilft uns einige Etymologien zu berichtigen : 

Ainte (arum.) < abante (Candrea-Densu§ianu, 882), a(d) + abante 
(S. Puscariu, ZRPh 28 (1904) 616). — Abante und ad + abante 


LATEINISCHE ELEMENTE 1M RUMANISCHEN 


275 


hatten *ante ergeben. Fiir ainle miissen wir also eine Urform *a b i n t e 
annehmen. 

Alunà «noisette» <*abellona = abellana, avellana (Can- 
drea-Densusianu, 51). — *Abellona wiirde *aelunà ergeben haben ; 
alunà fordert *a v a 11 o n a, *a b a 11 o n a = avellana. 

Beat «ivre» < b i b i t u s (Candrea-Densu§ianu, 153). — Aus b i b i t u s, 
*bebetus haben wir zuerst *bet, fem. beata bekommen; analogisch 
wurde dann zum Femininum das Maskulinum beat neugebildet. 

Bàuturà < bibitura (Meyer-Liibke, Roman. Et. Wb. 1079). — 
Et.: *bebutura, *bibutura = bibitura. 

Bàntor < bibitor (Meyer-Liibke, Roman. Et. Wb. 1077). — Et.: 
*bebutor, *bibutor = bibitor. 

*Cavitare solite càta ergeben (Candrea-Densusianu, 295). — Es 
hatte *càeta ergeben. 

Cheer «serrurier, celui qui fait de's clefs» < clavarius, zu *cl'aar, 
*cl'euar, *cheuar geworden, wovon chetar unter dem Einflufi von chee^ 
(Candrea-Densu^ianu, 325). — Clavarius hatte *cl'aar, *cl'ar, *chtar 
ergeben, cf. chetoare < *chiatoare < *c 1 avatoria. Et.: *clavia_ 
rius = clavarius. 

Incheìa «dorè, cloturer, fermer» < in eia vare, zu * ìncVeua ge- 
worden, das nach chee zu incheìa modifiziert wurde (Candrea-Densu- 
sianu, 327). — Et.: *inclaviare = inclavare. 

Crier, creer f dial. crel y crer «cervelle; cerveau». — Candrea-Densu- 
§ianu, 406 gehen von c(e)rebellum aus, woraus crei, dann, durch 
Assimilation, crer sich ergeben batte; in Etim. Rom. 22 war ich von 
*creberum = cerebrum ausgegangen, woraus 'crer, dann, durch 
Dissimilation, crei sich ergeben hatte. In beiden Fàllen wiirden die 
Formen creer, crier unerklart bleiben. Also miissen wir immer von 
c(e)rebrum> * crear, woraus, durch Assimilation, creer } ausgehen, 
cf. auch greer, greir < *greur; creer > crer durch Kontraktion und 
dann crei , durch Dissimilation; creer >creir, wovon crier, durch 
Metathesis, cf. grier < greir, greer. 

Desfàca «égrener le mais, le blé, etc.» < *disfabicare zu faba 
(Candrea-Densu:?ianu, 568). — *Disfabicare wiirde *desfàeca er¬ 
geben haben; desfàca = dàsvoca «écosser, écaler» (von Candrea- 
Densusianu unter 474 angefiihrt) + desfac «défaire». 

Fauà (mr.) «haricot» < faba, wovon *fa und dann fauà durch den 
Ubertritt zu den Sub^tantiva auf -(e)aàà. 

Ghìoagà «massue» < *clavica zu clava (Meyer-Liibke, Roman. 
Et. Wb. 1978). — *Clavica hatte *chiaecà, *cheecà ergeben sollen. 


276 


(ilORGE PASCU 


Ingreuna «charger, rendre pesant; rendre enceinte» < *ingrena 
<*ingrevinare + ingreuìa . 

Oae «brebis» < ovis, das *oaùà hatte ergeben sollen, aber zum PI. 
oì wurde der Sg. oae neugebildet (Candrea - Densusianu, 1265). — 
Der Lautwandel ist normal, cf. naia < nove 11 a, nuìarcà <noverca. 

Pat lit; crosse de fusil», mr. (Pap.B) «lit; batic; étage; grande 
salle à Pétage où Pon travaille ; pot à fleurs», alb. pat «étage», napoP 
patti «suolo, strato, solajo», ven. pato «soglia della porta; pianerottolo; 
predella ) <gr. nazog «pas; cheminbattu» (Candrea-Densu§ianu, 1356).— 
Et.: *pavatum = pavitum «plancher, carreau, dalles». 

Ptimìnt, arum. pement, mr. pimintu, megl. pimint «terre» < pavi¬ 
menta m (Candrea-Densu^ianu, 1313; Meyer-Ltibke, Roman. Et. Wb. 
6312). — Pavimentum hatte *ptiemìnt ergeben. Rum. ptimìnt, 
sard. log. pamentu «pavimento», it. palmento «Ort, wo gekeltert oder 
gemahlen wird» verlangen *pavamentum = pavimentum, cf. 
oben pat < *pavatum = pavitum. — «Die mit pem-, pini- an- 
lautenden rumanischen Formen sind unerklart» (Candrea-Densusianu, 
ibid.). Pimint(u) < pement durch den Ubergang des unbetonten e 
zu i; und pement < *ptiment durch Assimilation, cf. pcrete < ptirete 
(<paries, -etis), pcreche <.ptireche (<paricula). 

Ruginà «rouille) < aerugo, -inis. — (Rubigo, -inis hatte 
*ruigina ergeben). — ruginos «couvert de rouille» < aeruginosus, 
rugini «se rouiller» < aeruginare. 

Sa ti «ou» < *se < *seve = si ve + ati < a ut. 

III. Formen. 

Das Istrorumànische Imperfektum 

Hier sind die Paradigmata: 


I 

II 

III 

IV 

canta* Tarn 

sedé-iam 

vindé-iam 

durmì*Tam 

cantà-Tai 

sedé-iai 

vindé-iai 

durmi-Tai 

cantà-ia 

sedé-ia 

vindé-ia 

durmi-ia 

canta-ian 

sedé-ian 

vindé-Tan 

durrm-ian 

càntà-Tat 

sedé-ial 

vindé-iat 

durmi-iat 

canta-Ta 

$edé-ia 

vindé-ia 

durmi-ìa 


Aus dieser Tabelle ist zu ersehen, datò fur die I., II. und III. Kon- 
jugation die Formen des istrorumanischen Imperfektums sich von den 
entsprechenden dakorumanischen durch das Vorhandensein eines i 
zwischen dem Stamm und der Endung und durch den Akzent, der 
immer auf den Stamm fàllt, unterscheiden: ir. ctintà-iam — dr. ctintd-(a)m, 





LATEINISCHE ELEMENTE IM RUMÀNISCHEN 


277 


sedé-ìarn — §ede-àm, vinde-iam — vinde-dm. Die Form durmi-lam 
entspricht nicht mehr der dr. Form dormi-dm, adr. dormi-ìàm. Wahrend 
die dr. Form dormi-arn, dormi-iarn aus der gewohnlichen, lateinischen 
Form dormiebam stammt, entspringt die ir. der Nebenform dor¬ 
mi barn. In der Tat, Stolz und Schmalz, Lat. Gramm. in Iwan 
Mullers Handbuch 4 II 2 289, bemerken: «Bei den alteren Dichtern 
findet sich hàufig von den Verben auf -ire Nebenformen des Im- 
perfekts auf -ibam (z. B. bei Plautus aibam 24, aiebam 30), aber 
auch bei den Dichtern der klassischen und spateren Zeit finden sie 
sich nicht selten (vgl. das Verzeichnis bei Neue-Wagener III 3 317ff.).» 
Also : s 

dnrmiiarn < * durmiam < dormlba(m) + m 
durniiiai < *durmiai < dormiba(s) + i 
durmiia < *durmia < d o r m i b a (t) 
durmiian < *dnrrnidm < dormibàmu(s) 
durili fìat < *durmidt. < d o r m i b à t i (s) 
durmiia < durmia <dormìba(nt) 

Der Laut 1 (ila < ia) ist epenthetisch ; und bei der 1. und 2. Pers. PI. 
hat sich der Akzent auf den Stamm verschoben unter dem EinfluB 
der anderen Personen. 

In dieser Weise entstanden, wurden die Formen -ilam, -iial> -ila, 
-ilari, -Hat, -ila des Impf. als i-lam, i-iai, i-la, i-ian, i-lat, i-la gefuhlt, 
namlich als der Infinitivstamm des Verbums + -ìarn, -lai, -la, -lari, 
-lat, -la. In der Zeit lautete das Imperfektum der Verba der I., IL 
und III. Konjugation a-ani , c-aru, etc. < a-bam, e-barn, namlich der 
Infinitivstamm + -ani, -al, -a, -an, -at, -a. Unter dem EinfluB der 
Formen der IV. Konjugation, -lam, -lai, -la, -lan, -lai, da, wurden 
auch die Formen der I., II. und III. Konjugation zu -ìam, -lai, -ia, 
-lan, -lat, ia. 

Der EinfluB der IV. Konjugation iiber die andere ist auch bei den 
ladino-venetianischen Dialekten zu bemerken. Antonio Ive, I Dialetti 
ladino-veneti dell’ Istria, StraBburg, Trtibner, 1900, S. 53, Nr. 165, 
sagt: Imperfetto. Già al nm. 2 s’ è accennato all’ assimilazione 

fonetica di tutte e tre conjugazioni, per qui queste, in causa del pro¬ 
pagarsi dell’ -iva della IV ital., si riducono tutte alL unico tipo 
-,iva , ecc. 

Da der Laut i beim Imperfekt der L, II. und III. Konjugation 
fcàntà-i-am, sede-i-am, vinde-i-am) zwischen den Stamm und die 
Endung eingeschoben wurde, bevor daB -aa < a(b)a und -ea < e(b)a 
in a und ea kontrahiert wurden, so stellt er eine charakteristischc 
dialektische Erscheinung flir die urrumànische Sprache dar. 


278 


GIORGE PASCU 


Einige Numeralia 

Sese - seispresece - seiseci . — Patru — paispresece - patruseci . 

Das lat. Zahlwort sex solite im Rum. zwei Formen ergeben: 

1. sese <*sexe<sex + -e analogisch nach quinque, septe (m) 
und 2. sei c sex durch den Sehwund des Auslautskonsonants und 
Hinzufugung eines analogischen Plurals i, cf. it. sei, rum. doì < *dui 
< duo + 4, treì < tre(s) + -i. Die Form sese wurde als einfaches 
Zahlwort, die Form sei nur isoliert in den zusammengesetzten Zahl- 
wòrtern sei sprese ce und seiseci bewahrt. 

Andererseits mit patru wurden regelmàfiig patruseci, patruspresece 
(arum. und dial.) zusammengcsetzt, aber auch paispresece analogisch 
nach doispresece, treispresece. 

Der Grund, warum man sese, aber seispresece und seiseci, patru 
und patruseci, aber paispresece sagt, ist der Rhythmus. In der Tat 
sind die Zahlwòrter unspresece, doispresece, treispresece, cinspresece 
(etymologisch geschrieben : cinclspresece ), septlspresece (etymologisch 
geschrieben : septespresece ), optspresece, noùspresece (etymologisch 
geschrieben: noùàspresece) alle viersilbig. Indem die Zahlwòrter 
patruspresece (Densusianu, Ha^eg, 51 : patruspràsece; Bibl. 100 1/12: 
a pdtra sprà zeàcea sì; mr. Pap.B. patruspràdscite) und sesespre- 
sece (mr. Pap.S. §aspràdsate) fiinf Silben hatten, wurden sie durch 
den viersilbigen paìspresece und seìspresece ersetzt. 

Auch um des Rhythmus willen sagt man patruseci und nicht 
*palsecl, aber seìsecì und nicht * seseseci, aber in diesem Falle wegen 
einer anderen Symmetrie : von douusecì bis nouàsecl wird die Sym- 
metrie abwechselnd durch drei- und zweisilbige Worter gebildet, und 
zwar folgenderweise: doudsecl — drei Silben, treìsecì — zwei Silben, 
patruseci — drei Silben, cinsecì — zwei Silben, dann seiseci — zwei 
Silben, septeseci — drei Silben, obseci (geschrieben optseci) — zwei 
Silben, noiiàseci — drei Silben. Die Zahlwòrter patruseci und 
seiseci nehmen gerade den Platz ein, wo drei- bzw. zweisilbige Worter 
stehen muBten. 

Schliefilich bewahrt sich selbst sese im rumànischen Zahlen diese 
Form, auch nur des Rhythmus halber. In der Tat reihen sich auch 
die Zahlwòrter cinci-sece symmetrisch einander an, indem die Sym¬ 
metrie aus abwechselnden Gruppen zu je ein und zwei Silben besteht : 
ciuci — eine Silbe, sese — zwei Silben, septe — zwei Silben, dann 
wieder opt — eine Silbe, nona — zwei Silben, sece — zwei Silben. 

Auch wenn wir annehmen wurden, dafi seispresece < *§es(e)spresecc 
(cf. mr. saspràdsate ), wie paispresece < *patspresece (mr. paspradsa\é) 


LATEINISCHE ELE.MENTE LM RUUA.M.SCHEN 


279 


< putmspresece und Rìseci < *ses(ejsecì analogisch nach xelspresece 
(cf. saìsute Hasdeu Cuv. I 304 = sese suté) wtirde sie doch ihre 
Form dem Rhythmus verdanken. 

Die Zahlwòrter unspresece — nouàspresece lauten volkstumlich : 
unsprece, (Sevastos, Poez. Pop. 302) doìsprecc, treìsprece, paisprece 
(Bibicescu, Poez. Pop. 167) cinsprece, ; e'ts prece, xeptìsprece, optsprecc, 
nonsprece, alle dreisilbig. 

Giorge Pasco. 


Archivimi Romanicum. - Voi. VI. — 192-J. 


19 


VARIETÀ E ANEDDOTI, 


Di alcuni nomi dell’ Iris fiorentina e di altre 

specie affini. 

Un valente linguista mi domandava tempo fa ragguagli sul nome 
di pianta iride e sulla sua relazione con il nome giaggiolo. Egli 
aveva osservato un’ instabilità di forme nei vocabolari della lingua 
viva (di fatti essi rivelano una grande incertezza fra le forme iris, 
ireos y iride) e una non chiara distinzione tra i due nomi iride e 
giaggiolo. Qualche vocabolario attribuisce in realtà i due nomi a 
una stessa pianta. 

La mia risposta non poteva esser contenuta in limiti più ristretti 
che quelli di quest’ articolo. Presuppongo in chi legge tali cognizioni 
elementari di botanica da risparmiarmi la descrizione delle piante che 
scientificamente portano i nomi di Iris fiorentina, Iris germanica r 
Iris pseudo-acorus e Gladiolus commnnis e prendo per base delle 
mie ricerche la carta iris » (nr. 1599) dell’ «Atlas linguistique ». 
Essa appare nettamente divisa in due zone lessicali : 1’ una del nord 
con iris, V altra del sud, propria del Languedoc, con Untela f., ormai 
bucherellata qui e lì [ai punti 743, 757, 758, 779, 784, 787, 861, 873, 
878, 882, 883, 885, 897, 899] da rappresentanti del primo tipo. Am¬ 
bedue i tipi, tanto iris quanto Untela, varcano il confine della Francia 
e penetrano al di qua delle Alpi (oltre che nella Svizzera^, nel Pie¬ 
monte, nella Lombardia, nella Liguria, nel Trentino e fino nel Friuli; 
il primo appare evidentemente come un termine dotto, il secondo come 
un termine popolare. Quali sono le vicende di tempo che regolano 
i due tipi? In quale relazione stanno col nome usato'dai Romani per 
designare questa specie di piante? Secondo il Daremberg-Saglio 
(Dictionnaire des antiquités grecqnes-romaines , 1896, pag. 293) nel- 
P antichità classica V iris (come il giaggiolo, il narciso, 1’ anemone e il 
papavero) era molto in uso come pianta ornamentale nei giardini. 
I Greci facevano distinzione fra Yoig (Theophr. 4, 5, 2; Diosc. 
1, 1), che corrispondeva probabilmente all’ Iris germanica di Linneo, 
e £nfloi’ (Diosc. 4, 20), che era il Gladiolus commnnis di Linneo, e 
CvQig (Diosc. 4, 22) eh’ era una specie di iris non ancor identificata con 
certezza. Pare invece che i Romani comprendessero sotto lo stesso nome 



DI ALCUNI NOMI DELL* IRIS I LORENTINA E DI ALTRE SPECIE AFFINI 281 

• 

gladioliis varie specie affini che avevano, come nota comune, le foglie 
a forma di piccola spada ( gladiola! ). Sembra perciò che il nome 
iris già presso i Romani fosse di solo dominio letterario; i glossari 
latini lo traducono conseguentemente con gladiohis [CGL III, 546, 65 
hyrius . . . gladiolo ; 583, 32 hyrius . . i . . gladiohis ; 591, 25 
gladiohis irins ; 632, 23 ireus gladiolo ; 579, 44 xiris i . . gladiohis ; 
591, 36 irisilirica gladiohis hortensis\ 562, 29 iris africae . . gla- 
diohts]. Il Capitulare di Carlo Magno (70, 17) conosce pure un 
gladiolum per più specie di iris; Walafridus Strabus (f 849) e S. 
Ildegarda (f 1179) attribuiscono il nome di gladiola air Iris ger- 
manica ; Albertus Magnus (f 1280) confonde sotto lo stesso nome 
gladiohis due specie differenti di iris ( Iris germanica L. e Iris 
Pseudacorus L.) mentre col nome Yreos egli intende V Iris fioren¬ 
tina di Linneo. Il latino gladiohis sopravvisse quasi esclusivamente 
come nome di una sola pianta, del nostro giaggiolo; come nome del- 
T iris invece andò lentamente estinguendosi, lasciando su un vasto terri¬ 
torio degli eredi semantici ( spatha — ciiltellus — sabel — scliwert 
ecc.). Le ultime tracce di gladiohis fanno capolino ai capi estremi 
della Francia [ai punti: 876, Basses-Alpes; 989 Svizzera rom. Vailese ; 
531, nella Vendée] neir accezione iris, e a Bournois nel Doubs \yàyà, 
Roussey, 1894, che va con V antico frane, glais (cgladiu)] nel 
r accezione « iris > e «colchico». Ora i continuatori semantici di gladiohis 
devono colmare le lacune da esso lasciate scomparendo e sopperire ai 
bisogni onomastici di parecchie piante (di tutte le specie di iris, del 
Sparganhun ramosum di Hudson, del Butomus iimbellatus di Linneo). 
Per la denominazione dell’ iris si assunse una parte di questo com¬ 
pito spatha per quasi tutta P Italia [toscano spadacciòla , spaderella , 
venez. spad ambia (Boerio), veron. trevis. bellun. spade (Monti, Sac- 
cardo II) 1 trevis. spadon de S. Piero (Saccardo II), carn. spddes 
(Gortani), trent. spade, spadóni, spadóci, (r. p.) poles. bresc. spadine 
(Mazzucchi, Melchiori), locarn. spad (Franzoni), bergam. spadii (Tira- 
boschi), com. valtellin. spadée (Monti), piemont. erba spd (Colla), 
genov. erba spàa (Penzig), Sarzana nella Liguria spade (Mezzana), 
reggiano speda, spadòun (Casali), abruzz. spata (Finamore), pugliese 
spatola (Dom. Saccardo), 1 napolet. spatella (Dom. Saccardo), sicil. 

1 Con Saccardo II intendo la «Flora tarrisana renovata (in Atti del 
R. Istit. Veneto, LXXVI, Serie IX) che serve a completare la «Flora 
trevigiana» (in Atti del R. Istit. Veneto, 1864, Serie III e V) dello stesso 
autore (Saccardo I). Il figlio Domenico Saccardo pubblicò un elenco di nomi 
volgari di piante medicinali nell’ Archivio di farmacognosia e scienze 
affini (Anno VI, No. 8, Roma 1917). 


19* 


282 


VITTORIO BERTOLDI 


spatulidda (Albo) \ sardo spadóni (Vacca-Concas) 1 2 * ; un’ altra parte dei 
compito se Y assunse cui t eli u s, che occupò tutta la Provenza e 
parte dell’ alta Italia, formando così un’ area compatta di voci che 
va dai Pirenei fino alle Alpi [veron. cortelasso (Goiran), bresc. cortelàs 
(Melchiori), renden. kortéi m. pi. (r. p.), Carnia ctirtis (Gortani), 
Liguria a Mentone cotele ) a Sella erba ditela (Lagomaggiore e Mez¬ 
zana), crescent. diteli (Ferraris), piemont. erba cotcla (Zalli), coutel, 
colitele , cauteline (Colla)] ; ed infine in Francia vi portò il suo aiuto 
anche il medio alto tedesco sabel , che concorse a completare semantica- 
mente la zona di kutela [Puy-de-Dome, al p. 805: sabre; Cantal al 
p. 709: sabre; Haute - Garonne al p. 763: sàbrès / Basses-Alpes al 
p. 875 Vaino de sàbró). 

In Germania la sostituzione avvenne per mezzo di derivati del medio 
alto tedesco sivert «spada»*, Konrad von Megenberg (f 1374) nel 
suo <Buch der Natur» traduce il latino gladiolus per swertlinch o 
swertelkraut; il nome gladiola di S. Ildegarda nell 7 edizione di 
Strasburgo del 1533 è tradotto con swertala, in altri documenti 
di diversa età il latino gladiolus è riprodotto col ted. swerdilla f., 
swertala , sivertele, swertclla f. (cfr. Weigand, Deutsches Wòrter- 
buch). 

La coltivazione dell 7 iris come pianta ornamentale, che specialmente 
all’ epoca del rinascimento assunse proporzioni vastissime, favorì la 
diffusione del nome iris, il quale venne a trovarsi di fronte a que¬ 
st’ esercito di vocaboli armato di «spade», di «coltelli» e di «sciabole» e 
dalla lotta ne uscì qualche volta vincitore. Riportò vittoria completa 
in gran parte della Francia, meno che nel Languedoc dove riuscì 
però ad aprire larghe brecce. In ispecial modo lungo la costa, dove 
la coltivazione a scopo ornamentale e a scopo di commercio è più 
fervida, la denominazione kutela fu respinta verso 1’ interno (cfr. p. 899 
e p. 897 nelle Alpes maritimes, p. 883 e p. 872, p. 873 Bouche-du- 
Rhóne*, p. 861 nel Gard* p. 779 nell’ Hérault; p. 787 nell’ Aude). 
Anche nell’ alta Italia il nome iris contende il terreno ai derivati di 
«coltello» o di «spada» [nella Liguria, a Genova irios (Lagom. 
Mezzana), nel Piemonte iris, ireos (Colla), nel contado di Parma 
ireos (Passerini), a Verona trio, riòsse (Monti), a Venezia irios (Boerio), 
nella parte montana del Reggiano ariòss, nei dintorni di Reggio Em. 
ireos (Casali)]. 

1 Giacomo Albo, La vita delle piante vascolari nella Sicilia mer.-orient., 
Ragusa 1919. 

2 Salvatore Vacca-Concas, Manuale della fauna e della flora popolare 

sarda ecc. in dialetto del Campidano di Cagliari, Falconi 1916. 



DI ALCUNI NOMI DELL* IRIS FLORENTINA E DI ALTRE SPECIE AFFINI 283 

Nel dipartimento di Gard al punto 841 della carta «iris» (1599) in 
mezzo all 7 area kntelci si trova sperduto un lirgó , f., che certo è la 
stessa voce che a Bagnères de Luchon [Hautes-Pyrénées] "designa il 
colchico, cioè Ihérgo , f. (Rolland). Nel Mistral trovo: dirgo » «iris 
germanique, iris jaune, plantes, dans le Haut-Languedoc glaieul»; il 
«Dictionnaire languedocien» del 1759 porta pure un lirgo «glaieul». 
Che cos' è lirgó? Si potrebbe pensare ad un nesso con le forme 
molto diffuse del tipo tiri < liliit + gr. lirion (cfr. REW nr. 5040); 
ma se quest' ipotesi va per il concetto, incontra difficoltà morfologiche; 
perchè si dovrebbe ammettere come base una forma femminile mai 
documentata *lilica > liriga > lirga, che avrebbe molto dell' arti¬ 
ficioso? E non credo c' entri qui neppure quel bergam. antico lerega, 
terga, lirga «capogiro, vertigine» citato da Lorck, Altberg . Sprach- 
denìz. pag. 181, che risale a un lirga «zizzania, loglio che mangiato 
stordisce», perchè non vedrei il motivo ideologico che giustifichi un 
tal nome per V iris. 1 Teofrasto (IX, 7) afferma che 1' iris è 1' unico 
aroma che cresca in Europa e particolarmente nell' Illiria; Plinio (21, 
20, 83) parla di una specie esotica di iris, che i Romani importarono 
dall' Illiria per il profumo aromatico della sua radice, la quale aveva 
varie virtù medicinali; fra il resto si appendeva al collo dei bambini 
contro i dolori dei primi denti. Questa specie, che Plinio chiama iris 
illirica, sembra esser stata la più nota come specie coltivata; è ri¬ 
cordata daColumella: iris illirica, 12, 20, 5; i glossari la identificano 
per una specie di giglio o di giaggiolo: iris illirica idest liliam 
celinum CGL III, 539, 52 ; iris illirica idest lilium purpureum 539, 
66; iris ilirica gladioliis hortensis 591, 36; iris illirica idest solPa¬ 
gine 540, 5. 

Il provenzale lirgo f. al punto 841 dell' Atlas continuerà dunque 
una base il] Urie a e il colchico avrà avuto questo nome di seconda 
mano, come n' ebbe già altri dall' iris. 

Nell' Aveyron al punto 737 della stessa carta «iris» appare un 
tùlìmpó f. e nell’ Ardèche al punto 833 un tuVipó, f.; sono due nomi 
del tulipano e secondo il Glossane patois di Duboul, Las plantos 
as carnps, Toulouse 1890 nel Languedoc anche il colchico è detto 
tidipo de pratty f. Benché il tulipano fosse una pianta esotica, origi- 

1 [Si sa che a queste forme alto-ital. il Salvioni {Romania, XLIII, 390) 
dava per base un * li gola; ma non si può negare in via assoluta che l’etimo 
sia il medesimo che il Bertoldi ha trovato per il prov. lirgo , tanto più che 
nell’ alta Italia il senso primitivo è quello di «convolvolo, loglio» non di 
«capogiro». Lomb. liriga (Monti), lirga, berg. Icrgheta , loglio, ecc. Non 
è da escludersi, però, un incrocio con «legare». G. B.] 


234 


VITTORIO BERTOLDI 


naria delle steppe delP Asia occidentale, introdotta in Europa dai 
Turchi appena verso il XVI 0 secolo, pure il suo nome fu usato ben 
presto popolarmente in tutta la Provenza a designare parecchie piante 
selvatiche: oltre il colchico e 1' iris, anche il papavero e Panemone 
[la carta N° 321 «coquelicot» delP Atlas porta al punto 882 (Bouches- 
du-Rhone) tiilipà , Vayssier cita un toiilipo rongeo f. «papavero» per 
P Aveyron, Rolland un tulipan «papavero» per Forcalquier, Mistral 
porta un tulipo «anémone à fleur rouge» ecc. Per la diffusione in 
Francia della voce ttilipe f. cfr. la carta 1344 delP Atlas]. Que¬ 
st' insolita fortuna eh' ebbe il nome d' una pianta di recente importazione 
nella Francia meridionale, non à nulla di sorprendente. Nella Provenza, 
in quel magnifico regno dei fiori, ogni pianta esotica ben presto 
cresce spontana sulle colline e nelle vallate e si confonde nella vita, 
nell' aspetto, nel nome con le piante indigene. 

Il nome unico iris finisce con ottenere vieppiù una supremazia 
evidente sui succedanei lessicali di gladiolus. Ciò è possibile solo 
dopoché P iris non è più la pianta selvatica, umile ed oscura, dei 
campi, ma dopoché essa è divenuta la pianta ornamentale padrona di 
tutti i giardini di città, dopoché essa à invaso tutti i centri abitati, 
spingendosi fino nelle sale di danza, nei banchetti, nei «boudoirs». In 
questi casi ogni cittadina diventa un nuovo centro d' irradiazione e 
di attrazione lessicale e il timido campagnolo, che volesse esser fedele 
al suo vocabolo antico, si sente quasi scoraggiato e piega di fronte 
alle esigenze della terminologia urbana e mondana. 

Vittorio Bertoldi. 



Due rappresentazioni sacre di Lodovico Castel- 
vetro e Gio. Maria Barbieri. 

«Rappresentazioni sacre» chiamo due spettacoli religiosi, ai quali colla- 
borarono a Modena il Castelvetro nel 1556 e il Barbieri nel 1573. 
Li chiamo così, sapendo che la mia designazione non indurrà il lettore 
a sospettare che si celino due veri e propri drammi — due «Sacre 
Rappresentazioni» — in questi spettacoli imaginati e preparati, con 
grande sfarzo decorativo, per la processione del Corpo di Cristo. In 
feste di tale natura, V arte più che la letteratura era chiamata a fare 
le sue prove. Tuttavia, alcuni versi furono dettati dai due cinque¬ 
centisti modenesi, non estranei alla ideazione dei soggetti, come risulta 
da una cronaca manoscritta, che ci offre parecchi ragguagli curiosi 
su questi spettacoli edificanti x . Dei quali il primo, quello del 4 Giugno 
1556, «fu la inmitacione (lascio parlare uno dei cronisti, certo Gandolfo 
Si gonio) de Nabuccodonosor, con un caro belisimo adornato con li soi 
teloni depinto a figure grande de colori fini inmitando pur la istoria 
de detto Re depinto per mano de m ro Giovano Tarascho». Sul carro 
era stata posta una statua dorata, opera del celebre Begarelli. Anche 
v’ era dipinta una fornace, nella quale (come di leggeri si imagina) 
furon gettati «tre giovani, che il fuoco non toccò». E questi tre 
giovani cantarono versi composti da «messer Lodovico Castelvetro». 
Il cronista non ci dà questi versi. Ci riferisce invece quelli composti 
da Gio. M. Barbieri nel 1573, pochi mesi prima di morire, per un’ 
altra rappresentazione da lui «trovata». Il soggetto fu «il fondamento 
della Santa Chiesa». La quale fu ritratta per allegoria in una nave 
bianca, sopra un carro trionfale, guidata da un grifone d’ oro (Gesù). 
Entro la nave erano : i quattro Evangelisti, un vecchio appoggiato ad 
un libro (S. Giovanni, autore dell’ Apocalisse) e una donna, raffigurante 
la Teologia, con «sottana rossa, con manto verde, con velo in testa 

1 La cronaca, dovuta a più autori, abbraccia gli anni 1537— 1603. E con¬ 
servata nell’ Archivio della confraternita di S. Pietro Martire depositato nella 
Chiesa di S ta Eufemia in Modena. 


286 G. BERTONI. DEE RAPPRESENTAZIONI SACRE DI LODOVICO CASTELVETRO 


bianco e coronata cP oliva». Ai due lati del carro erano due grandi 
ruote (il Vecchio e il Nuovo Testamento). Alla ruota destra stavano 
tre donne vestite rispettivamente di bianco, di rosso e di verde 
(Fede Carità e Speranza); alla sinistra altre quattro donne vestite di 
porpora (Prudenza, Giustizia, Fortezza, Temperanza). U imitazione di 
Dante è evidente in questa allegoria. Il carro era tirato da quattro 
cavalli e preceduto da sette angeli, che portavano sette candelabri (i 
sette doni dello Spirito Santo). La Teologia cantava alcune strofe 
in dichiarazione di tutto V argomento» scritte dal magn. co messer 
Gio. Maria Barbieri canceliero della magn. ca Comunità». Le strofe 
erano in numero di dodici. La prima diceva: 

Gente divota, i’ son dal ciel venuta 
Per rivelarvi V argomento vero 
Che sotto alto mistero 
Di velata figura or vi si mostra. 

Le altre non erano migliori della prima, anzi peggiori. Epperò io 
non le riferisco, pago di aver presentati il Castelvetro e il Barbieri 
nella veste, che non conoscevamo, di ideatori di rappresentazioni religiose. 

G. Bertoni. 



BIBLIOGRAFIA. 


Leo Spitzer. Die Umschreibungen des Begriffes «Hunger» im 
Italienischen. Stilistisch - onomasiologische Studie auf 
Grund von unveroffentlichtem Zensurmaterial. Halle a. S- 
Verlag von Max Niemej'er 1921. (Heft 68 der Beihefte 
zur Zeitschrift fiir romanische Philologie.) Vili u. 345 S. 

Nachdem der Verf. in einer ausfiihrlichen Einleitung die Art der Ge- 
winnung des Belegmaterials dargelegt hat, wird dieses selbst in 21 Kapiteln 
kommentiert vorgefiihrt. Es ist erstaunlich, welchen Phantasiereichtum die 
Hungerklagen der Kriegsgefangenen aufweisen. 

Da es ihnen untersagt ist, sie offen auszusprechen, miissen sie zu Um¬ 
schreibungen greifen, von denen die meisten, sei es ein linguistisches, sei es 
ein volkskundliches, Interesse haben. 

Die einfachste Form der Verhiillung ist die anagrammatische Behandlung 
des Wortes «fame»: z. B. mefa (S 14). 

Mehr Phantasie verràt schon die Personifikation des Hungergefiihls, so 
wenn z B. Sarden in ihren Briefen von dem Kameraden Famine Meda 
(= molta fame) sprechen (S. 22), der ihnen nicht von der Seite weicht. Als 
Euphemismus ftir fame tritt auch appetito auf (hàufig personifiziert : signor 
Petito) (S. 37). 

Interessant ist die Feststellung, dafi appetito nicht mehr als gelehrtes 
Wort gelten kann, wie die verschiedenen dialektischen Varianten zeigen, 
weshalb Verf. einen Artikel appetitus im REW mit Recht vermifìt (S. 36, 
Anm. 2). 

Die besondere Aufmerksamkeit der Volkskundler und Mythologen ver- 
dient der Ersatz des Wortes «Hunger» durch Personifikationen wie: la 
Signora, la Vedova, la Striga, la Bruna, la Negra, la Leggera, la Granda 
dial. fiir Grande), la Morosa (== Amorosa), la Lorda (S. 40ff.). Schwieriger 
zu erklàren sind Ausdriicke wie (s)boia, faloppa, barloca, basina u. a. m. 
(S. 45 ff.). 

Wer wenig iBt, hat keine Verdauungsstorungen zu befiirchten, daher 
salute bzw. troppa salute hàufig in ironischem Sinne fiir «Fame» erscheint 
(S. 50 ff.). Irrig scheint mir die Erklàrung der Eidechsenkur (qua facciamo 
la cura delle lucertole, S. 53), womit nicht das Sichsonnen gemeint ist. Hier 
kommt wohl die volkstiimliche Anschauung zur Geltung, durch den GenuB 
eines Tieres bekomme man dessen Eigenschaften. Wer Eidechsen ifit, wird 
mager. Vgl. franz. von einem Magern ironisch gras comme un lézard; 


288 


R. RIEGLER 


maniria-lezerta (Basse-Auvergne) = personne maigre. Rollanti, Faune pop. 
XI, S. 10. 

Der bekannte Hungerkunstler Succi muB auch zur Verhiillung der 
Hungerklage herhalten: fare la cura del S. (S. 53 f.). Ebenso ist die Luft- 
kur (cura dell’ aria) eine ironische Umschreibung ftir die Nichterfiillung 
gastronomischer Wiinsche (S. 55 f). Hinter den verschiedensten Krank- 
heiten birgt sich gleichfalls die Hungerklage. So leiden die Kriegsgefangenen 
an der Kamelkrankheit (malattia del camelo, S. 59), an der patatitis und 
fagiolitis (vom vielen Erdapfel- und Bohnenessen a. a O.), oder es quàlt sie 
der vermo salutare, der eine interessante Volksetymologie von verme soli¬ 
tario «Bandwurm» darstellt (S. 60). In alien Tonarten erschallen die Klagen 
iiber Zahnweh, denn die Zàhne beginnen infolge von Beschàftigungslosigkeit 
zu schmerzen (S. 63 ff.). 

Eine merkwilrdige Verhiillung flir die Hungerklage ist die Redensart: 
il fianco batte (vgl. franz. battre du flanc), vom herzschlàchtigen Pferde her- 
genommen, das (infolge schlechter ’Ernahrung) mtihsam atmet (S. 67 f.). 11 
battente al fianco, il battifianco wird dann geradezu fiir «fame» gebraucht 
(S. 68). Haufig wird zu fianco destro «rechts» hinzugesetzt. Anstatt il fianco 
batte heiBt es auch personlich: batto il fianco. Daneben treten flir fianco 
verschiedene Hungersymbole auf, wie: segala, mula, freddo, camelo usw. 
(S. 72ff.). 

Da sich der Abgemàgerte den Giirtel enger stecken muB, wird cinghia 
(S. 79) geradezu zum Synonym von fame. Haufig sind auch Klagen iiber 
das Zuweitwerden und Herabfallen der Hosen (S. 80 f.). — Die durch das 
Abmagern hervorgerufenen physischen Verànderungen des Kòrpers geben 
zu verschiedenen Vergleichen AnlaB. So, wenn «la lunga» fiir fame ge¬ 
braucht wird (Magerkeit laBt lang erscheinen); ferner kommen vor baionetta, 
stanghetta, stecchetto, scopa (Besen), chiodo (Nagel), von Tieren Auster, 
Stieglitz und Sardine (S. 83). Der magere Korper scheut den Wind, er 
kònnte ja davongeblasen werden, hingegen fiihlt er sich zu gewissen Berufen 
besonders geeignet (Seiltànzer, Luftschiffer). Komische Personennamen 
tauchen auf, wie: Signor Magrini, Magredis, Piangipane (S. 85), Denti, Ossi 
(S. 86). Fasten verdammt den Mund zur unfreiwilligen Ruhe, daher ho 
sempre molto sonno sotto il naso = ho fame (S. 88). Im selben Sinne: F osso 
della barba lavora poco (a. a. O.). — EBlust treibt den Speichel in den Mund, 
deshalb vielfach bava fiir fame gesetzt wird (S. 90) Nicht selten ist Kontami- 
nation dieses Wortes mit anderen Ausdriicken (S. 91 f.). Ein hàufiges Hunger- 
symptom ist ferner das Gàhnen: lo sbadiglio, wofiir auch sbaviglio vorkommt, 
was entweder durch Einmischung von bava oder organiseli zu erklaren ist, 
wie padiglione = paviglione (S. 95). Auch Schwindelerscheinungen erzeugt 
der Hunger, daher veder lucciche, le sette lune (S- 96) Synonyme von 
«Hungerleiden» sind. Hierher gehort ferner das Zittern der Hand (mi trema 
la mano) und das Lateinreden (parlar latino), wobei Latein = Kauderwelsch 
ist (S. 97). Der Hungrige traumt von tippigen Mahlzeiten (S. 98 fA Das 
«Magenknurren» ist eine dringende Mahnung, die nicht iiberhort werden 
darf, wie auch Anspielungen auf die Leere, Unbeschaftigtheit, Lànge und 
Diinne der Gedàrme recht haufig sind (S. 99 f.). 

Der Magen wird mit einem leeren Sack, einem Blasebalg, einer Lade 
oder einem FaB verglichen (S. 102 f.). Unklar ist die Bezeichnung ghirba 



BIBLIOGRAFIA 


289 


(S. 104). Ironisch wird das gezwungene Fasten als freiwillige religiose 
tìbung gedeutet (S. 105). Ftir den Kriegsgefangenen ist es immer Kar- 
freitag (S. 106). Durch sein gottgefàlliges, alien materiellen Genùssen ab- 
gewandtes Leben verdient er sich das Paradies (S. 107), durch seine Virtuositàt 
im Fasten erwirbt er sich die Eignung zum Klosterbruder (S. 107 ff.). Eine 
gewisse Rolle spielt naturgemàfi die vierte Bitte des Vaterunsers, von deren 
Materialisierung ein Beispiel vorliegt in irg. paneme nostro (S. 110). 

Grofì ist die Anzahl der «Hungerheiligen» (S. Ili), deren Bezi.ehung zum 
Hungerleiden allerdings nicht immer klargelegt werden kann. Am hàufigsten 
genannt ist S. Lucia (S. 112), ferner kommen vor die hi. Anna, Agatha, 
Katharina, Klara usw., von mànnlichen Heiligen der hi. Rochus, Gabriel, 
Martin, Josef, Pantaleon usw. (S. 121 ff.). Mit dem sard. mastru Giuanne 
= mastro Giovanni diirfte jedoch kein Heiliger gemeint sein (S. 126;. 
Interessanter sind die vom Volkshumor konstruierten Hungerheiligen, wie 
S. Potito, S. Appetitus (S. 128), S. Misirina (von miseria), S. Pacchiano, 
zu dem man um «pacchi» betet, schliefìlich S. Cripofan (crepo di fame). Hier 
reiht sich an die Bezeichnung des Hungers als cattolica, entstanden aus accatto- 
lica (accattare «betteln» -f Suffix olica). Nach Analogie dieses Wortes wurde 
gebildet boccolica (bocca «Mund»), bocconica (boccone «Bissen») beccolica 
(becco «Schnabel»), magnifica (Dial. magnar «essen») usw. S. 180 ff.). — Das 
Rumoren des hungrigen Magens wird mit Musik verglichen. Bauch und 
Gedàrme beginnen zu singen, wenn sie leer sind (S. 134 f.). Das Singen 
wird manchmal in den Kopf verlegt; cicoria = (testa, capo) canta S. 137, 
oder es ruft die Vorstellung eines im Magen versteckten Vogels hervor 
(S. 37). Kuckuck, Nachtigall, Amsel erscheinen hierbei als Singvogel par 
excellence. 

An Stelle des Vogels treten auch Frosch und Zikade (S. 138 f.). An- 
spielungen an den Kirchengesang (S. 140) und an verschiedene Opernarien 
kommen haufig vor, wobei namentlich die Bohème (bekannte Oper) als 
Hungersymbol verwendet wird (vgl franz- une vie de bohème) Von Kriegs¬ 
gefangenen in Bòhmen (Boemia) wird das Wort zu Wortspielen beniitzt 
(S. 140). Auch einzelne volkstiimliche Lieder miissen zur Verhiillung der 
Hungerklage herhalten (S. 144). An Stelle des Gesanges tritt zuweilen 
Instrumentalmusik, und zwar tauchen neben der Orgel Gitarre und Mando- 
line als typische Instrumente des Siidens am hàufigsten auf (S. 145 ff.). Auch 
mit dem Pfeifen (S. 148 f.) wird ab und zu das Knurren des Magens ver¬ 
glichen. — Eine nicht ganz klare Verhiillung des Hungergefiihls ist das 
Springen = saltare, wobei es Verf. dahingestellt sein làfit, ob von der 
Redensart saltare il pasto «ein Mahl uberspringen» oder vom Schlottern 
(saltare) der Rippen auszugehen ist (S. 149). Mehr rhythmisch veranlagte 
Gemiiter sprechen von einem Tanze (tango, tarantella), der sich gelegentlich 
zu einem Balle erweitert (S. 151). Schwieriger zu erklàren sind die Hunger- 
metaphern, die sich hinter gewissen Kartenspielen verbergen. Oft wird in 
diesem Sinne das populàre trentuno-^Spiel genannt, wàhrend «quarantotto»' 
richtig als Anspielung auf die Revolution vom Jahre 48 gedeutet wird. 
(Aufruhr im Magen infolge des Hungergefiihls) (S. 153 f.) — Um den nagen- 
den Hunger zu vergessen, vertiefen sich viele Kriegsgefangene in Lektiire, 
daher leggere il foglio, il libriccino, soviel wie «hungern» bedeutet 

(S. 156 f A 


290 


R. RIEGLER 


Auch Sprachstudien werden betrieben, die offenbar in den Soldaten die 
Lust zu Wortspielen erwecken, mit denen man gelegentlich die Zensur- 
behòrde zu tàuschen versucht. So, wenn zum Beispiel in fingierter Un- 
kenntnis des Deutschen ftir «Kriegsgefangenenlager» geschrieben wird Krist- 
chefamenlader, was in gutem ltalienisch heifit: Cristo, che fame di ladro 
(S. 158). Literarische Reminiszenzen sind nicht allzu hàufig, nur der Conte 
Ugolino wird aus Dantes Commedia divina oft heraufbeschworen (S. 160 fi). 
Ja sogar ein ugolinare «Hungern» ist einmal belegt (S. 163). Als historische 
Erinnerung steht vereinzelt da der Vergleich mit dem als Martyrer des 
Freisinnes populàr gewordenen Papst Pius IX. (siamo ridotti come Pio nono 
S. 168). — 

Das Verhàltnis des Menschen zum gestirnten Himmel dient auch dazu, 
die Hungerklage zu verschleiern. Ein erzwungener Idealismus lafit den 
Hungernden in ironischem Sinne die Raabesche Mahnung «Blick 1 auf zu 
den Sternen» befolgen (S. 169). Mond und Sonne spenden ihr Licht, von 
dem der arme Gefangene aber nicht satt wird. «Mangiasole» unterzeichnet 
sich mit traurigem Sarkasmus einer der Hungerleider. Die Sonne làfit sich 
nicht dem Bauche einverleiben, wohl aber kann man im Gegenteil — metter 
la pancia al sole (S. 170), wie es der Lazzarone in Neapel tut. 

Besonders interessant sind die Hungertiere; eine ganze Menagerie zieht 
vor uns voruber. Da sind zunàchst die fleischfressenden Raubtiere, wie 
Hyàne, Tiger, Bar, Lowe, Wolf (S. 1-75). An letzteren schliefien sich seine 
harmloseren Vettern Hund und Fuchs an (S. ISO ff.). Wo Reineke erscheint, 
ist auch dessen Opfer, der Hase, nicht weit, der insofern ein Hungertier ist, 
als ihn das Nahrungsbediirfnis aus dem Walde treibt (S. 183 f.). In den 
Bereich uralter mythischer Vorstellungen ftìhrt uns die weifie Stute (S. 184 {.), 
wahrend Ziege und Kuh als schwache Tiere den Hunger versinnbilden 
(S. 187 f.). Das Kamel, ein Virtuos im Fasten, wird besonders oft beschworen 
(S. 193 ff.). Insekten, wie Fliege und Mticke, deuten auf Schwindel, ein be- 
kanntes Hungersymptom (S. 186 f.). Die durch das Fasten hervorgerufenen 
Magengeràusche erinnern bald an das Froschgequake (S. 192), bald an die 
Stimmen verschiedener Vògel, wie Adler, Kuckuck, Wiedehopf, Kràhe, 
Drossel (S. 188 ff.). Die Nachtigall (S. 191) geh'òrt jedoch nicht in diesen 
Zusammenhang, denn sie ist das Symbol des Todes. Zu der S. 137 zitierten 

Stelle: Vi prego di avere cura di me, se no vado.dove Filomena 

findet sich eine auffallende Parallele aus dem bayerischen Lechrain bei 
Bastian, Das Tier in seiner mythologischen Bedeutung (Ztschr. f. Ethnologie 
I S. 53): ~ / 

«Wenn nur die Nachtigall kàni und tat’ uns auflosen.» So klagt der auf 
dem Siechbett liegende Bauer., der sich den Tod wtinscht (nach Panzer). 
Schliefilich ist die Sardine als Sinnbild der Magerkeit ein beliebtes Deck- 
wort fiir «Hunger» (S. 192). 

Einen mehr niichternen, auf das Reale gerichteten Sinn verràt es, wenn 
der Kriegsgefangene sich mit einer Maschine vergleicht, die Kohle und Ol 
braucht, um zu funktionieren (S. 196 f.). Manchmal begegnet auch der Ver¬ 
gleich mit der verloschenden Kerze oder Lampe (S. 198). Ofen, Automobil, 
Fahrrad, Schifi Bahnzug, Aeroplan, Mtifile, Hanfbreche miissen der Reihe 
nach zur Umschreibung des Hungerbegriffes herhalten (S. 198 ff.). Das 
Bild wechselt — offenbar mit dem Beruf des Schreibers. Sehr haufig ist 




BIBLIOGRAFIA 


291 


ganz allgemein die Bezeichnung des Magens als fabbrica dell appetito — 
im Magen wird Appetit erzeugt (S. 199 f.\ — Von den verschiedenen ln- 
strumenten, die das Hungergefuhl symbolisieren (S. 201 ff.), ist das Sieb 
besonders hervorzuheben (S. 203). Die Verwendung von «Sieb» als Vogel- 
name in nordital. und prov. Mundarten geht aber nicht auf den Raubtier- 
charakter dieser Vogel zurtick, wie Verf. meint, sondern beruht auf Schall- 
nachahmung (vgl. Schuchardt in Ztschr. f. rom. Phil XXXV S. 739). 
Hàufiger noch als das Sieb erscheint die Biirste, wofiir die Zahl der Belege 
nach dem Verf. Legion ist. Er lafit es ubrigens dahingestellt, ob dieses 
Symbol durch Ankniipfung an die franz. Redensart se brosser le ventre 
(faute de pouvoir le remplir) zu erklàren ist, oder ob es auf die zur Magen- 
reinigung verwendete spazzola del ventricolo (deren Beschreibung auf S. 206 f. 
zuriickgeht. 

Auch Làndernamen dienen als Deckworter fiir «Hunger». Dafi Frank- 
reich, das Land des Wohllebens und des Uberflusses (vgl. die deutsche 
Redensart: leben wie Gott in Frankreich), als Hungersymbol verwendet 
wird (S. 209 f.), ist verwunderlich. Finen Fingerzeig gibt hochstens die 
sizilianische Herkunft dieser Hungermetapher, die dahinter politische Ge- 
hàssigkeit vermuten lafit (Bourbonenherrschaft S. 210). Mit mehr Recht 
erscheint das ehemals so arme Spanien als Hungersymbol. — Bei dieser 
Gelegenheit mochte ich darauf hinweisen, dafi auch heute noch der Fremde 
gut tut, die echt spanischen Verpflegsstàtten (posadas und fondas) zu meiden. 
Die geringe Begabung der Spanier fiir das Wirtsgewerbe ist bekannt, alle 
guten Hotels in Spanien befinden sich in den Handen von Auslàndern, 
namentlich Italienern. Wenn schliefilich die Schweiz als Hungerland er¬ 
scheint (S- 211 f.), so tut man diesem Land nicht minder Unrecht als Frank¬ 
reich. Man konnte hochstens an die argotfrz. Redensart «faire suisse» allein, 
knickerig leben, ankniipfen 1 . 

Wehren mochte ich mich gegen die Festlegung des Nationalcharakters 
durch ein stehendes Epitheton. Den «heiteren» Italiener und «sparsamene 
Schweizer mag man noch hingehen lassen, der «finstere» Spanier aber gehort 
zum Urvàterhausrat in die Rumpelkammer. Diese falsche Auffassung vom 
spanischen Wesen verdanken wir den Habsburgern, vor allem Philipp IL 
und seinem allerdings wenig heiteren Hof. 

In etwas loserem Zusammenhange zum eigentlichen Thema stehen die 
Falle, in denen die Kriegsgefangenen ihren Tod prophezeien im Falle des 
Ausbleibens von Paketen (S. 212 ff.). Diese Voraussagungen geben Anlafi 
zu mehr oder minder poetischen Bildern (z. B- far la fine della cicala, esser 
buoni per ingrassare i campi, lasciare le ossa usw.). Sehr gelàufig sind die 
Vorstellungen vom Balancieren auf einem Messerrucken und dem An-einem- 
Faden-Hàngen (S. 214). Mit iippiger Phantasie malt sich der Hungernde 
die herrlichen Mahlzeiten aus, die er nach seiner Heimkehr in seinem Vater- 
land halten wird; nicht selten bereut er seine friihere Unzufriedenheit mit 
dem heimatlichen Essen und verspricht Besserung (S. 215f.). Hàufig kehrt 


1 Dafi die Schweizer nichts weniger als Knicker sind, zumai, wenn es sich 
um den Mitmenschen handelt, haben sie zur Geniige durch ihre grofiherzigen 
Hilfsaktionen in Ósterreich und anderen notleidenden Làndern bewiesen. 



292 


R. RIEGLER 


die Versicherung wieder, jetzt wiirde er geme verzehren, was die Schweine 
librig lassen (S. 217). Manchmal wlinscht der Gefangene ein Vòglein zìi 
sein, um die Brosamen unter dem Tisch in seines Vaters Hause aufpicken 
zu kònnen, wie iiberhaupt auch sonst Vergleiche mit Vogeln, namentlich 
als Sinnbild des Wenigessens oft vorkommen (S. 218). Nahe liegt besonders 
der Hinweis auf den Kàfigvogel (uccello in gabbia, S. 219). Im folgen- 
den Kapitel (Lebensmittelbeschreibung — Wirkung der Pakete, S. 220 f.) 
spielt wieder die Personifikation eine grofie Rolle. Es ist da die Rede von 
amico Polenta, amico Fava Cavallo (Pferdebohnen), amico Pane, amico Semola* 
ordinanza Brodo usw. (S. 2221.). Griifie an Bàcker, Backofen und Backtrog 
kehren als Winke mit dem Zaunpfahl immer wieder (S. 224 f.) — Die zur 
Verhiillung fiir «Brot» gebrauchten Argotwòrter wie marocco, strisio, coccone, 
artibi(a) geben dem Veri. Anlafi zu lehrreichen etymologischen Exkursen 
(S. 227 ff.). — Parallel mit der Hungerklage geht die Klage iiber die Wasser- 
kur, die dem an die heimatliche bevanda gewòhnten Italiener nicht zusagt. 
Personifikationen wie St. Bibbiena (vom lat. bibere), Mrs. Beveridge, Bevi- 
acqua verhullen die Beschwerden der Wassergegner (S. 225f.). Hingegen 
ist das S. 229 Anm. 1 angefuhrte suf nicht das deutsche YVort «Suff», sondern 
das friaul. iibrigens auch in Istrien gebrauchte Zuf, eine Art Maisbrei, zu 
langob. supfa REW 8464). — Riihrend sind die Aufierungen der Freude 
iiber den Empfang heimatlicher Pakete, die als manna del cielo oder grazia 
del cielo bezeichnet werden (S. 230 f.). Den lokalen Anspielungen ist ein 
besonderes Kapitel gewidmet (S. 231—234). Es liegt in der Natur der Sache, 
datò sich der Verf. darauf beschrànken muB, die betreffenden Stellen anzu- 
fiihren. Eine Deutung ist in den wenigsten Fallen mòglich. Immerhin 
lassen sich einige Anspielungen auf Strafhauser unschwer verstehen (S. 232 
gegen SchluB, S. 233 f.). Manchmal bedient sich der Gefangene einer nega- 
tiven Ausdrucksweise, indem er mitteilt, im Kriegsgefangenenlager sei die 
Behandlung durchaus nicht so wie in diesem oder jenem Hotel (S. 234). 

Die Anwendung lokaler Dialektausdriicke (S. 234 ff.), die in dem schrift- 
sprachlichen Text eingestreut sind, beruht auf der im allgemeinen richtigen 
Voraussetzung, der Zensor sei nur der Schriftsprache machtig. Denselben 
Zweck der Verhiillung verfolgen Ausdriicke aus der Gaunersprache (il 
furbesco), wie sghissa, sgagnosa «Hunger», smorfia «Mund \ sgnocola «Speise»* 
lanza «Messer» usw. (S. 237). Andere Verbergungsmittel sind Ellipsen, die 
durch Punkte oder Gedankenstriche angedeutet werden (S. 238). Ein etwas 
plumpes Mittel ist das Abbrechen oder die Abkiirzung des Wortes. Syn- 
taktische Kompression — eine Art Telegrammstil — soli auch zur Ver¬ 
hiillung dienen. So werden Zeitwòrter entweder weggelassen oder in den 
Infinitiv gesetzt, z. B. salute ottima vita infelice mangiare dentro il fiasco 
e bere nel paniere, was an die Fabel vom Fuchs und Stordì ermnert (S. 238). 
Ebenso sind Einklammerungen und Durchstreichungen verpònter Wòrter 
nicht selten. Verf. erwahnt auch einige Beispiele von Zeichensprache (Mund 
mit gefletschten Zahnen, bittend ausgestreckte Hand), obwohl dies eigentlich 
aus dem Rahmen seiner Arbeit herausfallt. S. 241—251 werden vereinzelte 
Typen angefiihrt, deren Etymologie nicht immer klar ist; so sghissa, sguiscia, 
sgescia, sgagnosa u. dgl., ferner musoco, fogna, luscia, cobina, vivatella* 
smoffa, fringalla, battere la diana, berloca, polenta* filippina, simona,- 
carolina. 




BIBLIOGRAFIA 


293 


Im SchluBkapitel S. 252—303) fafit Verf. die Ergebnisse seiner Unter- 
suchungen zusammen. Als solche hebt er hervor die Erkenntnis von dem 
geringen Unterschied in der Ausdrucksweise der Gebildeten und Minder- 
gebildéten, ferner das Mifilingen der beabsichtigten Verhiillungen, haupt- 
sachlich infolge eines gewissen Spieltriebes, der der urspriinglichen Absicht 
der Verheimlichung entgegenwirkt. Wertvolle Aufschlusse gibt uns das 
Studium der Hungerumschreibungen iiber die Entstehung der Geheim- 
sprachen, deren Schopferkraft Verf. gegeniiber den Ansichten von Schwob, 
Guieysse und Sainéan ins rechte Licht setzt. Mit Recht weist er auf die 
Verwandtschaft der Hungerklagen mit volkstumlichen Ràtseln hin. — Un- 
verkennbar ist ein Uberwiegen der Phantasie iiber die Logik, wobei die 
Unfàhigkeit, ein Bild festzuhalten, zu interessanten Kontaminationen fiihrt. 
Wird einerseits ein soldatensprachlich unifizierender Zug in den Hunger¬ 
umschreibungen festgestellt, so wird andererseits der Soldatenargot als eine 
ephemere Erscheinung bezeichnet, die weder auf Sprachbau noch auf Syntax 
EinfluB hat. 

Interessant ist ein Vergleich der soldatischen Geheimsprache mit den 
Zauber- und Geistersprachen der Wilden. Desgleichen wird auf die Identitat 
der Hungerumschreibungen mit den mythologischen Krankheitsnamen alterer 
Kulturperioden hingewiesen. — Glùcklich war der Gedanke des Verf., drei 
literarische Darstellungen des Hungers (Roman de la Rose, Rabelais: Messer 
Gaster und die Novelle «Saar» von Barbusse) vorzufiihren und so den Ver¬ 
gleich mit den Hungerumschreibungen der Kriegsgefangenen zu ermòglichen, 
wobei Verf. zu dem iiberraschenden Ergebnis kommt, daB die modernen 
Hungerperiphrasen der Kriegsgefangenen der synthetischen mittelalterlich- 
naiven Darstellungsweise jener àlteren Dichtungen viel naher stehen als 
der wissenschaftlich-analytischen Leistung des zeitgenòssischen Autors. 

Nach dem Vorgebrachten wird ein Gesamturteil iiber das Buch, dessen 
Beniitzung durch ein Wortregister erleichtert wird, nicht schwer fallen. Der 
Autor selbst spricht die Hoffnung aus, seine Arbeit werde dazu beitragen, 
*der literarischen Unterschatzung des volkstumlichen Schrifttums zu steuern*. 
Liegt darin die ethische Bedeutung des Werkes, so ist sein wissenschaft- 
licher Wert offenkundig. Nicht nur die Sprachwissenschaft (Semasiologie), 
auch andere Disziplinen, wie Volkskunde, Psychologie, Anthropologie usw. 
werden aus ihm reiche Belehrung schopfen. 

R. Riegler. 


Giacomo De Gregorio, Contributi al lessico etimologico romanzo 
con particolare considerazione al dialetto e ai subdialetti 
siciliani. Torino, Loescher. 1920. 462 p. L. 50.—. 

(= Studi glottologici italiani VII.) 

Die vorliegenden Contributi» bilden eine interessante Studie zu den 
wichtigsten Problemen der sizilianischen Wortgeschichte, die um so 
freudiger zu begriifien ist, als gerade auf dem steinigen Gebiet der sud- 
ìtalienischen Mundarten der Linguistik noch mannigfache Ratsel gestellt 
sfnd. DaB die einzelnen Artikel nicht immer auf der Hohe der heutigen 


294 


GERHARD ROHLFS 


Forschung stehen 1 , ist zu bedauern, erklàrt sich aber durch De Gregorios 
Abgeschlossenheit von den grofien Bibliotheken und anderen modernen 
Hilfsmitteln, dann aber auch durch den Krieg, der nun einmal in dem inter- 
nationalen Austausch wissenschaftlicher Ergebnisse eine empfindliche Kluft 
gerissen hat. Bei alledem ist es zu bewundern, mit welcher Zàhigkeit 
De Gregorio trotz Mifigriffe und wissenschaftlicher Entbehrungen die Er- 
forschung der sizilianischen Mundarten weiter verfolgt. Freilich hat De 
Gregorio auch manchen Vorteil: Er ist selbst Sizilianer und sitzt unmittel- . 
bar an der Fundgrube. Doch mochte es scheinen, als ob Verf. diese Vor- 
teile nicht immer ausgentitzt hat. Selten werden mundartliche Spielarten 
angeftihrt, und doch hatten gerade die Formen der «subdialetti», die hier 
wie auch sonst in De Gregorios Arbeiten nicht den gebiihrenden Platz ein- 
nehmen, vieles aufklàren und Verf. vor manchem Mifiverstàndnis be- 
wahren konnen. Bedauerlicher aber ist es, dafì Verf. sich, anstatt rundweg 
ein «ignoramus» auszusprechen, zu oft zu Deutungsversuchen hinreifien lafit, 
denen jedwede lautliche und bedeutungsgeschichtliche Grundjage fehlt, und 
die man nicht anders als phantastische Kombinationen beze^ichnen kann 2 . 
Wenn aber Verf. so weit geht, die wunderlichen Einfàlle eines palermitanischen 
Orientalisten, der die Windnamen aus lateinischem Material ( sub-dius '> sud, 
novus arctns > nord, angustimi > est, ob-augustum > ovest) zu erklàren 
versucht hat, zu verteidigen (S. 370), so làuft er damit doch Gefahr, nun 
auch in anderen Dingen nicht immer recht ernst genommen zu werden. 

S. 27: Fiir siz. arvanu «Silberpappel» arbor anzusetzen, ist aus lautlichen 
und begrifflichen Griinden undenkbar. Das Typische ist doch nun einmal 
die weifie Farbe des Baumes: also dibarus , was tibrigens auch durch neugr. 
iH'xn (zu Xeixóg «weifi») * Silberpappel» bestàtigt wird. 3 — S. 12: Siz. abbraccili 
«grober Wollstoff», zu dem noch kalabr. arbasu und sard. arbaéi zu stellen 
wàre, wird ansprechend als arabischer Import {al baz) erklàrt. — S. 82: gat- 
tugghiare (mundartl. Varianten: grattugghiaru cutugghiari , atillicà usw.) 
«kitzeln» ist auch kalabresisch. Was auch immer dessen Etymon ist, mit 
cattus «Katze» hat es gewifi nichts zu tun. — S. 92: end dura «rundes 
Brot» kann nicht auf collimi zuriickgehen, so wenig wie auf corolla , zu 
dem es Meyer-Liibke (Nr. 2243) unter Berufung auf kalabr. kurudda stellt. 
Die gelàufige Form in Kalabrien ist nàmlich kuddura\ kurudda tritt nur 
ganz sporadisch auf und ist Umstellung aus kuddura , bei der corona aller- 
dings seine Hànde im Spiel haben kann. Das Wort geht, wie schon 
G. Meyer (Arch. glott. XII. 139) festgestellt hat, auf gr. xoUov^a zuriick. — 
S. 81 : catascia «Kleister» mit taxus zusammenzubringen, geht doch wohl 
nicht an; vgl. jetzt M. L. Wagner, Worter und Sachen, Beiheft 4, S. 134. — 
S. 184: Siidital. gregna ist nicht crernia , welches nur «Reisig» bedeutet, 

1 Vgl. S. 374 sulla «Art Rotklee», das schon ZRPh. 39. 729 von 
M. L.* Wagner als lat. sylla (bei Plinius) erkannt ist, S. 163 granfa «cru¬ 
schello», das Jud (Rom. 43. 454) mit dem in Glossen belegten grandia (se. 
farra) identifiziert hat, usw. 

2 Vgl. sceccu zu equus (S. 117), nca «also» zu dum quid (S. 112), gira 
«Riibe’ zu beta > abjeta > aggita > gira (!) (S. 53), sparapaulu zu pauper 
+ 7iccv{)os (S. 271), zitti «Verlobter» zu situs (S. 352) usw. 

3 Vgl. jetzt auch W. v. Wartburg, Franz. Etym. Wòrterb. s. v. dlbaruS. 


BIBLIOGRAFIA 


295 


sondern gehort zu dem bei Plinius belegten gremitali «Garbe» (M. L. Wagner, 
a. a. 0. S. 29). — S. 117: altsiz. hacca kann doch unmoglich ein equa wider- 
spiegeln; es ist naturlich identisch mit span. baca. — S. 140 : filinia «Spinn- 
gewebe» hat nichts mit filimi zu tun, sondern gehort zu fuligo «Rufi»; das 
«tertium comparationis» ist «ekelhafter Uberzug». Kalabr. (Cotrone, Nicotera, 
Sersale, Giffone) fulijina hat tatsàchlich beide Bedeutungen. — S. 141: 
Siz. ciaccari «spalten», mit dem noch kalabr. jaccare, laccare und ital. 
fiaccare zusammengehoren, zu fiaccare «schlaff machen» (so auch Et. Wb. 
Nr. 3343) zu stellen, ist begrifflich bedenklich. Ich mochte *facni are > fiaccare 
vorschlagen, das Ableitung von lat .facula «kleiner Holzsplitter zum Leuchten» 
wàre. Die Erklàrung hàngt mit den alten Beleuchtungsmitteln zusammen. 
Der Kienspan ersetzte einst die moderne Lampe 1 . Wer einmal die Gebirgs- 
dòrfer Unteritaliens bereist hat, weifi, welch grofie Rolle der harzhaltige 
Holzsplitter noch heute in den primitiven Hiitten der Hirten und Bauern 
als Beleuchtungsmittel spielt. So darf es nicht uberraschen, dafì die Sprache 
hier ein eigenes Wort fiir die Herstellung dieses so notwendigen Lebens- 
bedarfes auspràgte. — S. 166: jina «Riile in der Fafidaube» kann nicht 
gr. yvrr] sein 2 . Es gehort vielmehr mit Castrovillari jena «ciglione che segna 
il limite di un campo» zu lat. gena «Augenwimper», das also dieselbe Be- 
deutungsentwicklunggenommén hàtte wie cilium «Augenbraue» zu «Furchen- 
kamm» (kalabr. ciglili , sard. cillu \ Es handelt sich beide Male um einen 
furchenartigen Streifen, dort (jina) um die Rinne, hier (jena) um den Rucken 
der Furche. — S. 174: Siz. zoccu ist doch wohl einfach ciò che in siid- 
italienischer Lautform. — S. 182: nni (kalabr. ndi, uni) «uns» ist nicht von 
inde zu trennen (wie soli nni, ndi aus nobis entstanden sein !) so wenig wie 
ci «uns» von ci «dort». — S. 205: Schwierigkeit macht siz. zimma «Schweine- 
stall». Es kann wohl schwerlich griech. xv/jpq sein, das cimba oder cumba 
hàtte ergeben mtissen. Das Wort findet sich auch in Kalabrien (zimba, 
zimma), bezeichnet hier aber nicht den gedeckten Schweinestall, der catuoju , 
paraciddu oder grulla genannt wird, sondern einen kleinen hurdenartigen 
unbedeckten Verschlag, in den zwei oder drei Schweine zusammengesperrt 
werden. Dieses ist wohl die urspriingliche Bedeutung. Daneben findet sich 
das Wort hier noch in einem ganz anderen Sinne: Simbario zimma, Mon- 
giana zimbu «die Menge Getreide, die von einem Paar zusammengekoppelter 
Ochsen auf einmal gedroschen wird». Das fiihrt uns auf griech. My^ia «Zu- 
sammenjochung», «Koppelung» 3 (vgl. Bova zimma «Joch», Pellegrini, Dial. 
grec.-cal. S. 248). Dann wàre kal.-siz. zimma urspriinglich eine «Koppel 
Schweine», die zunàchst auf ganz primitive Weise in einer Art Gehege fest- 
gehalten wurden. Zum Bedeutungsubergang vergleiche norddeutsch Koppel 
(= Zusammenpaarung) > Koppel (Gehege, eingehegte Weide). — S. 235: 
Das Etymon von siz. vignami «Terrasse» ist nicht moenianum , sondern 
maenianum (zu Maenius). — S. 249: Ein nasche existiert in Lecce nicht. 

1 Vgl. kalabr. jaie ber a (Casole-Bruzio) «Kienholzsplitter, der als Wind- 
fackel dient». 

2 Ebensowenig befriedigen die bei Meyer-Liibke (Et. Wb. Nr. 281) an- 
gegebenen Deutungsversuche (*agina, zinne). 

3 Zur lautlichen Entwicklung vgl. griech. «Einschnitt» > kalabr. 

Qavamba «Spalt», grieeh. oqàyfxa > bov. spamma etc. 

Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 20 


296 


GERHARD ROHLFS 


P. WAGNER 


Die Form lautet nasca. — S. 254: In mici di hi coddu «Nacken» (eigentl. 
«Halswirbel»), das auch kalabresisch und apulisch (Manfredonia noce de 
cueddu) ist, kann man mit De Gregorio wohl zweifellos nux sehen; ob damit 
aber auch ital. mica und franz. nnque ohne weiteres zu verbinden ist, bedarf 
doch noch genauerer Untersuchung. — S. 269: papiciddu «fratello maggiore» 
auf pater + picei ddu «klein» (das iibrigens in Sizilien gar nicht existiert) 
zuriickzufuhren, ist wohl ganz unmóglich. Es ist vielmehr Schallwort, vgl. 
Zeitschr. f. rom. Phil. 37. 105. — S. 272: W ie.pitarru «ungehobelter Mensch» 
mit griech. netOo) "tiberreden» zusammenhangen soli, sieht man schwer ein. 
Es gehòrt nattirlich mit kalabr. pitarra «grobes, roh bearbeitetes Olgefàb» 
zu griech. mfrnQiov «Fab», «Topf». — S. 273: piddata «Getreidemenge, die 
auf einmal gedroschen wird» hat nichts mit pellis zu tun, sondern ist Ab- 
leitung von pillare impilare) «zerstampfen», vgl. in derselben Bedeutung 
kalabr. pisera zu pinsare «zerstampfen». — S. 355: Der Form soira «Nord- 
wind» entspricht auch im Kalabresischen ein suójira, das ich in Cerisano 
notiert habe. Solite volkstumliche Umgestaltung aus einem scherzhaften 
oder euphemistischen (Furcht vor dem dàmonischen Wind?) za vuojira 
«Tante Boreas» 1 vorliegen? — S. 387 : Siz. tannii ist nicht tamde (!), sondern 
Korrelativbildung zu quannii . — S. 413: verrina «Bohrer» kann nicht von 
veru «Spiefi» kommen, sondern gehort, wie ich Arch. Rom. IV, 382ff. ge- 
zeigt habe, mit franz. verrou «Riegei» zu verrcs «mànnliches Schwein» 
(phallischer Vergleich). — S. 416: Zu vi ir ricari «begraben» ist wohl 
auch siz. drivocari zu stellen, das bei Pitré (Fiabe III. 118) belegt ist, 
ferner Foggia trobokà, Martano prucare, kalabresisch dirvucare, dur - 
vicare (Terranova di Sibari, Luzzi), korvicare (Casino, Cotrone usw.), por- 
vicare (Cacuri), orvicarc (Prov. Cosenza), r ubicar e (Corigliano), cruvicà 
(Morano, Cassano, Scalea). Gegeniiber volvicare «walzen», das begrifflich 
Schwierigkeiten macht, und dem unwahrscheinlichen obruicarc (Etym. Wb. 
Nr. 6018) verdient das von Ri bezzo (Il dialetto di Francavilla Fontana, 
S. 73) vorgeschlagene coopericare , zumai wenn apulisch pricare, prucare 
und kalabr. korvicare, kruvikà die Urformen darstellen, wohl am meisten 
Anspruch auf Anerkennung. Alle anderen Formen waren dann sekundare 
Umgestaltungen, die wohl euphemistischen Verhullungsabsichten ihr Leben 
verdanken. 

Gerhard Rohlfs. 


Gérold, Théodore. Le Manuscrit de Bciyeux, Texte et musique 
cTim récueil de chansons du XV e siècle. Strasbourg 
1921. p. LIV dTntroduction, deux pages phototypiées. 

128.p. 

Dafi bei Dichtungen, die zum Gesange bestimmt waren, eine restiose Er- 
fassung und Erkenntnis sogar des poetischen Baues und der Struktur nur 
unter steter Rticksichtnahme auf die Singweise erreichbar sind, diese tJber- 
zeugung greift neuerdings um sich und hat auch ftir die romanische Philo- 


1 Vgl. kalabr. sa Làura «Wolf», sa Rosa «Fuchs». 



BIBLIOGRAFIA 


297 


logie zu dankenswerten Ergebnissen gefiihrt. Unter diesem Gesichtspunkte 
mutò die vorliegende Veròffentlichung begriifit werden, da sie eine unmittel- 
bare und ausgiebige Wiirdigung der Hs. Bayeux nach Text und Melodie 
ermóglicht. Die 103 Chansons sind in ihren Melodien zum ersten Male vor^ 
gelegt in einer den heutigen Anschauungen angepafiten Kiirzung der rhyth- 
mischen Werte des Originals. Eine ausfiihrliche Introduction verbreitet 
sich zumai iiber die Stellung der Chansons in der musikgeschichtlichen Ent- 
wicklung. Merkwurdigerweise bietet die Hs. nicht immer die Original- 
fassung cfer Chansons, sondern ihre Bearbeitung fiir den mehrstimmigen 
Satz, fiir den bekanntlich die Komponisten sich allerlei Verànderungen ge- 
statteten. Aber auch so enthalten sie des Interessanten vieles, und Gérold 
hat in dieser Beziehung manche gute Beobachtung gemacht. Besonders 
dankenswert sind die beiden Tafeln, welche einen direkten Einblick in die 
Originalnotierung gestatten. 

Einige Kleinigkpiten seien hier noch vermerkt: S. 29 Notenlinie 4 ist der 
Taktstrich nicht richtig gesetzt. 

S. 35 Notenlinie 3 fehlt im vorletzten Takte eine Viertelnote e. 

S 12 ist dieselbe melismatische Figur einmal, in Notenlinie 2, instrumentai 
gedeutet, das andere Mal, am Ende, vokal. 

Nicht gleichmafiig ist die graphische Behandlung der Anfànge der Chansons. 
Bald sind bei unvollstàndigem Takte Pausezeichen gesetzt, so S. 24, 58, 59, 
67, 72, 108, 114, 117 usw., bald nicht, so S. 10, 12, 32, 33, 37, 50, 55, 66, 
90, 93 usw. 


P. Wagner. 







ARCHIVUM ROMANICUM 


Voi. VI. — Nr. 3-4. 


Luglio—Dicembre 1922. 


Zum Corpus Glossariorum Latinorum. 

Weitere Proben eines Ducangius theodiscus . 

Eben erscheint der erste und damit zugleich der letzte Band des Corpus 
Glossariorum Latinorum. Das Werk hat fiir das Lateinstudium eine imraer 
steigende Bedeutung erlangt, seit im Jahre 1888 sein zweiter Band das 
Licht der Welt erblickte. Prof. G. Goetz in Jena hat mit Hingebung und 
Tatkraft unermudlich gearbeitet, und wir freuen uns, datò er den Abschlutò 
seines Werkes nun erlebt. Wir begluckwiinschen ihn und haben zu be^ 
kennen, datò das groftartige Unternehmen weit iiber den Bereich der klassi- 
schen Philologie hinaus Bedeutung besitzt und schon durch Jahrzehnte er- 
wiesen hat. Schon im Jahre 1901 habe ich in der zweiten Auflage von 
Pauls Grundrifì der germ. Philologie I 832 auf die Bedeutung von Goetzens 
Glossenwerk fiir die germ-rom. Wortforschung unter Beziehung auf Glossen- 
worte wie garba boltio sporonus blavus britischa usw. hingewiesen. Ich habe 
schon damals betont, dafì das Problem eine gesonderte Behandlung in 
grófierem Stil verlangt; aber Mit- und Nachstrebende haben die Winke un- 
beachtet gelassen. Ich selber habe durch die Jahrzehnte von 1888 bis jetzt 
das germ. Wortgut aus dem Corp. Gloss. Lat. weiter gesammelt, und dabei 
reifte in mir schon lange der Pian eines Ducangius theodiscus, von dem ich 
in den letzten Jahren drei Proben im Druck vorlegte. 

Soeben habe ich in Bertonis Archivum Romanicum VI 1 eine Liste von 
60 Worten aufstellen kònnen, die meinen Pian eines Ducangius theodiscus 
alien Interessenten veranschaulichen soli. Und mit der vierten Probe, die 
ich hiermit der Fachwelt vorlege, habe ich das erste Hundert von selb- 
stàndigen mlat. Artikeln im Sinne meines zukunftigen Ducangius theodiscus 
nahezu voli gemacht. In den zwei Jahrzehnten der Ausarbeitung hat mir 
die stete Hilfsbereitschaft meiner Freunde G. Goetz und G. Gundermann,. 
F. Burg und F. Mentz vielfache Hilfe geleistet bei der Feststellung und 
Einschàtzung der Belege. Wird das ganze Werk einmal vollendet vorliegen, 
so werde ich meinen Dank an diese Mitarbeiter mit Freuden vor der breiten 
Óffentlichkeit wiederholen. 

atjgripare ‘betasten 5 : in langobard. Glossenlatinitat zum Edict. 
Rothari 214 Vatican. Glosse des 10. Jahrhs. (Corp. Gloss. Lat. V 
491 a) anagrip agrippare cameni feminae cum manu = Madrider 
Gl. (MG. Pertz Leg. IV 652) anagrip id est marni aggripare cameni . 
Wohl eigentlich *adgripare = germ. atgripan ‘handgreiflich werden 5 , 
worauf angels. cetgr&pe ‘handgreiflich’ (Beowulf V. 1269) hinweist. 

Archivum Romanicum. — Voi. VT. — 1922. 21 



300 


F. KLUGE 


ala ‘Alant* = span. port. ala ‘Alant 3 : Isidor Etym. XVII 11, 9 
inula quam alam rustici vocant. Vgl. auch die Glosse (10. Jahrh.) 
elenium i. enula sive ala Corp. Gloss. Lat. Ili 560, 71. Germ. Ur- 
sprung wird nahegelegt durch das gleichbedeutende ahd. alani . Vgl. 
Diez I unter enola. 

alabardati ‘Klette 5 ein Glossenwort des 10./11. Jahrhs.: gigaronc 
alabardan Corp. Gloss. Lat. Ili 587a, 591 a, 612 b, 6t6b, 624b 
(adabardane III 543 a). Verwandt mit mlat. bardana ‘lappa 5 Mat- 
thaeus Silvaticus c. 387, wozu vielleicht die Glosse dardana i. per - 
sonatia Corp. Gloss. Lat. Ili 559 b und dardana huslethte Ahd. 
Gl. Ili 528 b. 

alce c Elch’ in der Glosse cervus alce weist Goetz Corp. Gloss. 
Lat. I 86 aus Cod. Harlei. 5792 (7. Jahrh.) nach. — Dazu elcus (fiir 
*elchus) Corp. Gloss. Lat. II p. XII tragelaphus bestia quam elcum 
vocamus. — Hierher auch alcus verschrieben fur elcus: Arbeo, Vita 
et Passio Haimhrammi (MG. SS. rer. Merov. IV) S. 478 Regionis 
montana fruttifera, pascuis dedita , herbis habundantia, feris saltus 
et fructeta cervis , aids, bubulis, capraeis, ibicum et omnium bestia- 
rum atque ferarum genenbus ornata . Das mlat. Wortmaterial bei 
Holder, Altcelt. Sprachschatz I 87, III 558, wo auch ein abgeleitetes 
Adj. alcìnus (ex cornibus alcinis) inschriftlich (Corp. Inscr. XIII 5708) 
aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert bezeugt ist. 

aloxinum, ‘Wermut 5 = frz. aluine ‘Wermut 5 : zuerst bei dem 
meroving. Leibarzt Anthimus (6. Jahrh.), De obs. cib. cap. 15 cervisa 
bibendo et medus vel aloxinum quam maxime omnibus congruum 
est. Hierzu stimmt die Reichen. Gl. 116 a (= Foerster, Afrz. Ubungsb. 
S. 20, 850) absintio aloxino . Vgl. auch noch die Glossen (10. Jahrh.) 
absinthius i. aloxinus Corp. Gloss. Lat. Ili 587 a — absencius idest 
alosanus III 608 a — absentius idest aloxanus III 616 b. Im Alt- 
germ. entspricht nur die dem 10. Jahrh. angehòrige Gl. absinthium 
alahsan (aber iiber dem 5 steht noch ein n) Ahd. Gl. II 623 a; dazu 
mndd. mndl. alsen(e ) F. ‘Wermut 5 (im 16. Jahrh. wird Alsen als mosel- 
frankisch fur Trier bezeugt ; vgl. mein Et. Wb. unter Alsem). Aus 
dem Roman. (Diez, Altroman. Glossare S. 40) vgl. afrz. aprov. aluisne 
M. ‘Wermut 5 . Die Germanitàt des sicher mlat. Wortes und der ganzen 
Wortsippe ist nicht zu erweisen. Innerhalb der Wortgruppe bleiben 
manche Schwierigkeiten ilbrig, zumai ein hàufiges Glossenwort mlat. 
alosantus ‘Wermut" (Bjòrkman, ZfdW. 2, 231) anklingt und vielleicht 
auch fiir Corp. Gloss. Lat. Ili 608 a, 616 b anzunehmen ist. Und ist 
fiir das ahd. Wort ein Fem. *alahsna mit Rucksicht auf mndl. alsene 
F. anzunehmen? Ist auch das i in mlat. aloxinum echt oder sekundàr? 


ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM 


301 


— Uber ein Wermutgetrànk vgl. Gregor v. Tours, Hist. Frane. 8, 31 
(MG. SS. rer. Merov. I) S. 347 bibit absentium cum vino et melle 
mixtum, ut mos barbarorum habet. 

amistrum, (amostrum) mit der Nebenform anstrum "Mistel 5 bis- 
her nur als Glossenwort bekannt : Corp. Gloss. Lat. Ili 596, 22 ; 630, 
29 viscus et anstrus in arbore — III 552, 47 amostro pomula de 
visco . — Als Ubersetzung von ahd. mistil steht in den Ahd. Gl. 
anstrum (anstra) III 292, 10; 294, 33; 353, 20 — amstrum III 493, 
28 — amistrum III 485, 24; 514, 27; 570, 12: alle 11./12. Jahrh. 
Nach J. Jud lebt das Wort noch in ostfrz. wallon. Maa. Im German. 
noch nicht nachgewiesen, erscheint aber auf Grund des lit. àmalas 
‘MisteP mbglich, da auch die Wortbildung amistrum nicht als un- 
germanisch bezeichnet werden kann. 

ango ‘Wurfspeer mit Widerhaken’ als griech. bei Agathias (6. Jahrh.) 
Hist. II 5 ayycoveg. — Dazu die Glosse anconos uncenos Corp. Gloss. 
Lat. V 340a, sowie die spatahd. Gl. ancones uncinos hdkin Ahd. 
Gl. IV 167 b (Gl. Saloni.). 

becavius ‘orceoli genus’ Corp. Gloss. Lat. IV 591 a. Vgl. Ahd. 
Gl. Ili 642 b becharii pechara — III 644 a pecharius bechari — III 
666 b peccarius — III 659 a pecarium — III 401 a beccharium . Das 
Verhaltnis zu dem fruher bezeugten mlat. bacarium bacario ( bacrio ) 
Loewe Prodromus S. 55, 292 und Goetz Thes. Gloss. I 124 ist unklar. 

bitus l Pfahl, SchandpfahP (?) in der Erfurt. Gl. (8. Jahrh.) bitus 
lignum quo vincti flagellantur Corp. Gloss. Lat. II 570, 3. Die ver- 
wandten mhd. bine (schweiz. bissen Idiot. IV 1698) c HolzkeiP und 
anord. bite N. ‘Querbalken 5 deuten auf ein *bito Akk. *bitonem mit 
einfachem /. Uber weiteren Zusammenhang von anord. bite c Quer~ 
balken 5 mit anord. beit , angls. bdt ‘BooP (eigentlich c Einbaum 5 ?) 
vgl. Lidén Uppsalastudier S. 34. — Frz. bitte ‘Ankerbeting 3 sowie 
engl. bitt(s) und mndl. betinghout , ndd. beting sind altgerm. Ursprungs 
(Grundbedeutung ‘Querbalken’). 

blàvus Adj. c blau’ in alten Glossen des 8./9. Jahrhs. : Corp. Gloss. 
Lat. II 570a blatapigrnentum haviblavum\ Ahd. Gl. I 364a (Reichen. 
Gl. Rz = Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 30, 75) jacinctina plawas\ 
Wright, Voc. I 196 a blavum color est vestis bleo. Zufrtihst Isidor, 
Etymol. XIX 28, 8 masticinum, quod colorem masticis habeat, blaU 
teum, blavum, mesticium. Entsprechend afrz. blou Fem. bleve und 
aprov. blau Fem. biava l blau\ Quelle westgerm. bldwo-, in ahd. 
asachs. bldo Adj. c blau\ — Dazu eine nach DC. seit dem 13. Jahrh. 
bezeugte Nebenform blaveus als Vermutung M. Haupts eingesetzt im 

Gedicht Àdilwalds vor 706 (MG. Epist. Ili 244 = MG. Auct. ant. XV 

21 * 



302 


F. KLUGK 


532) Syricorum insignia, pulchre pietà perniveo colore atque croceo ; 
viridi, fulvo, fioreo fucata atque blaveo (Hdsch. laneo). 

borda clavia (Streifen, Besatz) Corp. Gloss. Lat. V 596, 9; 627, 4 
= Ahd. GL IV 113 Anni. 28 (Gloss. Salom.). Entsprechend ahd. 
torto l Borde 5 ; vgl. prov. bordar ‘einfassen, sticken\ 

bordimi "Brett 5 in der Glosse (10. Jahrh.) scolembos vel pinax 
bordus Corp. Gloss. Lat. Ili 586, 10. Aus dem Altgerm. entsprechen 
die Neutra got. baùrd , .asachs. angls. bord l Brett\ Der zum Singular 
gewordene Plural mlat. *borda steckt im altital. borda c Hiitte\ 
britischa in der 876 verfafiten Glosse setae hiemales sunt domus 
hiemales quae calidae effìciuntur subductis flammis quod vero est 
melius set a e hiemales sunt britischae austro apposita e setae aesti _ 
vales sunt britischae aquiloni appositae dictae a similitudine sete 
litterae* Corp. Gloss. Lat. V 586 b. — Uberwiegend in der jungeren 
Lautform bertiscci l eine Vorrichtung bei Befestigungswerken 5 ; vgl. 
Urkunde Berengars I. von Italien a. 906 bei Schiaparelli 1903 Diplomi 
di Berengario I (Fonti 35) S. 177 in prenominato loco et fundo eum- 
dem Audebertum diaconum castrum aedificare permisimus eumque 
ciim bertiscis, merulorum propugnaculis atque argmnento affìrmare 
ime inscriptione decrevimus, qualenus ipsum castrum nostra regali 
fìsus auctoritate bertiscis circumdet — a. 911 S. 209 Quorum peti - 
cionibus prò Dei amore nostreque anime mercede assensum pre- 
bentes, ut castrum, propiignacida , bertiscas ad expugnandum, 
prout volimi, hedificent concessimns — a. 912 S. 225 edifìcandi 
castella in oportunis locis licentiam attribuimus una cum bertiscis, 
merulorum, propugnaculis , aggeribus atque fossatis — zwischen 
912—913 S. 249 mertdos, fossata y bertiscas (Var. britiscas ) atque 
spisatas (auch um 915 S. 266, 267; a. 916 S. 282; a. 922 S. 353). 
Jiìngere Belege bei DC. un ter bretachiae, berthesca und balitrisca. 
Quellwort zu afrz. bretesche, aprov. bertresca . Nach Foerster Zfrom- 
Phil. 6, 113 eigentlich wohl l die Brittische oder Bretonische 5 unter 
Hinweis auf ital. saracinesca ‘Fallgitter 5 von Saracene (vgl. angls. 
brittisc C brittisch 5 ). 

bultlo (Akk. -onera ) "PfeiP =- afrz. bousson , aprov. boson, ital. 
bolsone ‘PfeiL (auch c Mauerbrecher 5 ). Vgl. die Gloss. Nominum 
iactus boliio scigitta sciutil Corp. Gloss. Lat. II 582, 8, die Gloss. 
Salom. bulcio pois Ahd. Gl. IV 41, 27 und das Summ. Heinr. pideio 
{Var. bulcio) bols Ahd. Gl. Ili 161, 42; 215, 67; 267, 26; 295, 36. 
Dazu die spaten Nebenformen bultius pulcium : Ahd. Gl. Ili 718, 51 
(13. Jahrh.) bulteus vel pidtio bolso und III 635 a (11./12. Jahrh.) 
pulcium pois . Innerhalb des Altgerm. fehlt eine formell genaue Ent- 


ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM 


303 


sprechung zu mlat. bultionem = afrz. bousson , die aber sicher fur 
das Altfrànk. vorausgesetzt werden mu6. Die altgerm. Entsprechung 
zeigt ein auf mlat. *bultus deutenden ohne j gebildeten reinen a-Stamm 
ahd. bols , angls. bolt M. "Bolzen, Pfeil 5 mit einer seltenen schwach- 
flektierenden Nebenform ahd. bolso M. Ahd. Gl. Ili 683 a, 718b. An 
der Germanitàt der ganzen YVortfamilie ist nicht zu zweifeln. — Nicht 
hierher gehòrt eine Bezeichnung des "Ranzens 5 als bulsia mit dem 
Diminutivum bulsiola Reichen. Gl. 1013, 1487 a (=Foerster, Afrz. 
Ubungsb. S. 11, 20; 26, 1098), worin Diez, Altrom. Glossare S. 50 
Verwandtschaft mit bulga "Tasche" vermutet (vgl. DC. unter bulcia ). 

cofia "Haube 5 : Ven. Fort, (bald nach 587) Vita Radegundis (MG. 
SS. rer. Merov. II 369) Radegundis accedens ad cellani Sancti Iu- 
meris die uno , quo se ornabat jelix regina , composito , sermone ut 
loquar barbaro, sta pione, camisas, manicas, coflas, fibulas, cuncta 
auro, quaedam gemmis exornata sancto tradit altario. — Alcuin, 
Offic. divin. (bei DC.) pileos, id est , cuphias gestare in capite, dum 
assistunt altaribus . — Glossenbelege : Reichen. (il. 321 (= Foerster, 
Afrz. Ubungsb. S. 5, 169) teristrum genus ornamentum mulieris 
quidam dicunt quod sii enfia vel vitta . — Corp. Gloss. Lat. V 584, 8 
(9. Jahrh.) cedaris et tiara et mitra unum sunt scilicet pilleus cala- 
maucus capeleus enfia sive galerum. — Pariser Danielgl. (9. Jahrh.) 
tyaris vesti sacerdotali ad similitudinem cufie habens vittam 
(Holtzmann, Germania Vili 393). — Ahd. Gl. IV 342 Anm. 8 (Leidener 
Prisciangl. des 10. Jahrhs.) tiaras, tiara in capite sacerdoti quam 
coffiam dicimus vel mitrimi . — Ahd. Gl. II 347 Anm. 14 quod vulgo 
dicitur cuphia. — Vgl. frz. coijfe , aprov. cofa und ital. cuffia . Die 
Germanitàt von mlat. cofia ist nicht zu erweisen, jedenfalls Zusammen- 
hang mit ahd. li liba unmòglich. 

crisso ( criso ) M. "Kresse 5 mit der Nebenform cris(s)onns ein 
Glossenwort des 10./11. Jahrhs. fiir lat. nasturcium : crisson Corp. 
Gloss. Lat. Ili 593a — crison III 614b — crissonus III 581 b — 
crisonus III 570b; 626 b — erisinus (lies crisinus) III 582 b (Goetz, 
Thes. Gloss. Lat. I 726). Vgl. Vita S. Amalbergae (gest. 772) 27 
(ASS. Juli III) S. 97 iussit , ut herbam quam vulgo crisonium (lies 
crisonum?) vocant, circa irrigua Sennae decerperet — Die mlat. 
Form cris(s)onus weist auf eine altere Latinisierung cris(s)o cris(s)onem 
(vgl. mahonus neben maho und sporonus neben sporo ). Entsprechend 
afrz. cresson "Eresse 5 (eine spàtmlat. Nebenform cresso bei Lieber- 
mann, Gesetze d. Angls. I 417 ieiunium in pane videlicet azymo puri 
ordei et aqua et sale et cressone aquatico). Aus dem Westgerm. ist 
fruhangls. cressa M. "Eresse 5 schon im 8. Jahrh. bezeugt in den 


304 


F. KLUGE 


Erfurt. GL (Corp. Gloss. Lat. V 3l2b) und den Epinal. Gl. 676 
nasturcium tauncressa . Hierher auch die kornische Gl. carista l. 
kerso, beler Zeufi-Ebel, Gramm. Celt. 2 S. 1076? Man beachte den 
/-Vokal von ahd. (mittelfrank.) crisso in den Trierer Gl. nasturcium 
crisso Ahd. Gl. Ili 571 a, IV 206a und in einer Hs. des Summ. Heinr. 
Ahd. Gl. Ili 109 b (auch III 505a). Gegenuber diesen alteren Wort- 
zeugnissen fallt die spatmlat. Form cresco in iElfrics Glossar (Zupitza 
S. 311 = Wright, Voc. I 135, auch I 323) als Anlehnung an lat. 
crescere ‘wachsen 5 nicht schwer (vgl. die Glosse sinapiones cressa 
saxonice qui in aqua crescil Corp. Gloss. Lat. V 333 a). Durch die 
Gleichung friihangls. cressa M. = ahd. (Gl. Ili 490a; 512b) cresso 
M. wird die Existenz des germ. Wortes fur das 4./5. nachchristl. Jahrh. 
gesichert, und mlat. crisso M. ‘Kresse 5 ist die Bestatigung dafiir (d. h. 
55 kann nicht auf germ. sj zuriickweisen). 

dravoca L Unkraut 5 als Glosse zu lat. lappa und personacia Corp. 
Gl. Lat. Ili 585b; 592a; 594a; 613a* 615b; 626a; 627b (10. Jahrh.); 
dazu die spate Glosse (13. Jahrh.) dravoca vel lappa clivestruc cletc 
Ahd. Gl. Ili 719 b. Schon bei Papias a. 1053 gisania quam poetae 
infelix lolium diclini , drauca — gyson sernper via drauca ides 
certa et vera. Nach Thomas, Romania (1912) S. 70 (vgl. auch 
Schuchardt, ZfromPhil. 1908 S. 477) ideatiseli mit mittelengl. drauk, 
mndl. dravic t Trespe > sowie mit afrz. droe l Lolch\ 
falvus ‘falb 5 im Abavus-Glossar (9. Jahrh.) falbus (Var. falvus) 
fulbus helbus Corp. Gloss. Lat. IV 341 a — Julbus falbus (Var. 
falvus) hellus IV 345a; danach Papias a. 1053 falvus fulvus elvus 
color. Unsicher falvus (Var. flavus) Ahd. Gl. ITI 274 Anm. 9. Vgl. 
auch die Glosse (10. Jahrh.) alopicia nuda cutis per partem capitis 
in se habens albos pilos et falvos Corp. Gl. Lat. Ili 596b. Erst 
spiite Literaturbelege bei DC. — Entsprechend einerseits ahd. falò 
Plur. falawe und angls. fealo Plur. fealwe (germ. Stamm fahva -) 
und anderseits ital. falbo , frz. fauve. Zu den germ. Farbenbezeich 
nungen vgl. blancus bldvus br.unus gravus grisus. 

flado c Kuchen 5 in der von G. Goetz mitgeteilten, dem 10. Jahrh. 
angehòrenden Glossarhandschrift Cod. Bern. 243 placenta genus eduln 
vel panis qui vulgo dicitur fiat (lies flado?). Belege: Ven. Fort, 
(bald nach 587) Vita S. Radegundis (MG. SS. rer. Merov. II) S. 369 
Quod in mensa sub fladone sigilatium panem absconsum vel or - 
deatium manducabat occulte , sic ut nemo pcrciperet — S. 371 Panis 
vero deliciarum sigilatium fuit aut or deatium y quem absconsum sub 
fladone sumebat , ne quis perciperet . — Anscher um 1100 Mira- 
cula S. Angilberti (ASS. Febr. Ili) S. 105 b Suni ibi clibana tredecim y 


ZUM CORPUS GLOSSARIORUxM LATINORUM 


305 


qime reddunt unumquodque per annum decem solidos, et panes 
trecentos, flatones in litaniis unumquodque triginta. — Entsprechend 
ahd.j ?ado (aus *filathó) — afrz. flaon c Fladen\ 

garba ( Garbe 5 (prov. span. garba ‘Garbe 5 = afrz. garbe jarbe = 
ahd. garba c Garbe 5 ). Belege: Aldheltn um 685 De virginitate V. 124 
(MG. SS. auct. ant. XV) S. 358 Sed demum decies metens ex aequore 
garbas ternas accipiet , qui vincla jugalia nectit. — Adalhard a. 822 
Statuita Corb. II 9 (Le Moyen-Age 13) S. 371 omnis illa quantitas 
vel qualitas laborationis , qiiac in longioribus locis adcreverit et ab 
hoc, quamvis in spelta fieri possit , in garbas tamen et fieno im¬ 
possibile fillerit. — Formulae Imperiales um 830 (MG. Formul.) S. 287 
annona ad caballos modios L, garbas D , de Ugni mensuras L . — 
Werdener Urbar (ed. Kòtzschke) Ende des 9. Jahrhs. S. 18 Unam 
garbam lini debet in agro colligere , quam debet ad plenum procu¬ 
rare et semen bene paratum presentare . — Giiterverzeichnis d. Abtei 
Priirn a. 893 (Beyer, Mittelrhein. Urkundenb. I) S. 160 ex his pre- 
dictis mansis tenet Tietfridus fi soluit de vino modios XIII et di - 
midiurn , garbas Ifi faculas X, pullos III, ova XV. — Rectitudines 
singularum personarum (1. Hàlfte des 11. Jahrhs.) bei Liebermann, 
Gesetze d Angls. I 445 habeat garbam suam , quam prepositus vel 
minister domini dabit ei. — Urkunde von 1063 (Merseburg. Ur¬ 
kundenb. I) S. 66 similas XII... et C ova . . . fotri cum palea 
garbas sexies LX } sine palea modios VI. — Herzebrocker Hebe- 
rolle (hrsg. von Eickhoff, Progr. Wandsbeck 1882) aufgezeichnet 
zwischen 1082—1096, aber ni eh alterer Vorlage S. 18 li scoc gar- 
barum. — Trier. Zinsvergleich a. 1083 (Beyer I) S. 436 Everberonis 
et Adelmanni qui deputati cultoribus reddunt ad messuram tertiam 
garbam. — Haufiger in alteren lat.-lat. Glossen: Reichen. Gl. 379 
(= Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 6, 203) in manipulos redacte in 
garbas collecte — 3103 (= Foerster S. 20, 816) manipulos segetes 
garbas. — Epinal. Gl. 468 (= Corp. Gloss. Lat. V 363 a) garbas 
sceabas. — Leidener Prisciangl. d. 10. Jahrhs. (Ahd. Gl. IV 342 a) 
merges quod rustice garba. — Berner Hs. 243 aus d. 10. Jahrh. 
(Mitteilung von G. Goetz) merges collecti in unum manipuli, quod 
garbam dicimus. — Ahd. Gl. IV 336b (11. Jahrh.) maniplos id est 
garbas (zu Juvenal). — Wright Voc. I 517 (11. Jahrh.) garbas 
manipulas sceafias. — Aus dem Westgerm. vgl. ahd garba , asàchs. 
*garba im Gen. Plur. garvano (tein scok garvano Freck. Heber. 15), 
anfrank. garva (garavon manipulos Gl. Lips. 285). Im Angls. fehlt 
unser Wort, das bei Aldhelm daheraus festlàndischem Mlat. stammen mufì. 
hairo c Reiher 5 : Miracula S. Helenae 11. Jahrh. (ASS. Aug. Ili) 


306 


F. KLUGE 


S. 619 b Nec dissimile illud extitit, quod advenientes ad loca sane- 
torum quidam peregriniin prato , quod eidem monasterio subjacet , 
considentes , volucres sunt contemplati, quas hairones nuncupat lo- 
cutio vulgaris. — Nach Schlutter auch in den Gloss. Aynardi (11. Jahrh.) 
ardea est avis idest karon (Corp. Gloss. Lat. V 615 b). Entsprechend 
afrz. hairon nfrz. héron (daher mittelengl. heiroun engl. heron) bei 
Diez I 8 und Meyer-Lubke Rom. Et. Wb. Nr. 3991. Dem voraus- 
zusetzenden vulgarlat. *hai(g)iro entspricht mit Abweichung im Mittel- 
vokal ahd. lia'garo, das durch die finn. Entlehnung haikara ‘Reiher* 
bestàtigt wird. Uber Ursprung und Wortformen von ahd. haigaro 
vgl. Suolatiti, Die deutschen Vogelnamen S. 377. 

latta ‘Latte 5 im Liber Glossarum c. 750 assares lattas (Corp. 
Gloss. Lat. V 169, 7); dann wohl auch im 10. Jahrh. in den I .eidener 
Prisciangl. lat.-lat. (Ahd. Gl. IV 342, 17) asser latta in tecto (auch 
lat.-lat. Ahd. Gl. II 726, 44?). Dazu einerseits die roman. Sippe von 
ital. latta (Diez I), anderseits angls. Icet Plur. Icetta F. ‘Latte 5 , andd. 
latta Plur. lattan Ahd. Gl. II 351, 8; III 722, 4 und mit richtiger 
hd. Lautverschiebung ahd. (mfrank.) lat sa tigna Ahd. Gl. Ili 683, 27 
(= ZfdW. 10, 96) — latsa tigillum Ahd. Gl. IV 179, 19 und in der 
Neuzeit lats bezeugt z. B. fiir Aachen und in Siebenburgen filr Mediaseli. 
Unklar bleibt die Abweichung von ahd. latta (mit der Nebenform 
mhd. lade c Brett 5 ?) = spatmengl. (15. Jahrh.) laththe engl. lath. 

laubia ‘Laubhtitte 1 in Glossen sehr selten: obumbraculum laubia 
Corp. Gloss. Lat. II 558 Anm. 2. — (schemis) quod nos dicimus 
laubias. laop dicitur germanice folium. inde laubia facta tecia ex 
foliis Ahd. Gl. IV 340, 1 (9. Jahrh.). In einem alphabet. Glossar 
zuerst bei Papias 1143 lempes laubia vulgo dicitur (er gebraueht 
unter scaena auch die Lautform lobia). — lobias als Glosse zu scaenas 
auch bei Abbo a. 896 De bell. Paris. 366 (MG. Pertz SS. II 785 = 
MG. Poetae lat. aevi Karol. IV 90). Vgl. Goetz, Bayr. Sitzungsber. 
1903 S. 278. Unsicher ist die Hergehorigkeit der Form louba (statt 
laubia) Ahd. Gl. IV 342, 5. Belege: Gefalschte Urkunde des 
frankischen Kònigs Gunthram I. von 584 (MG. Diplom. I 129} 
censemus ergo regalique authoritate roboramus, ut ibi manentes 
servi hospitale construant: solarium vero cum cantinata, illi de 
Gergiaco et de Alciaco faciant: illi autem de Mercureis ed de 
Canobis lobiam aedificent . — Polypt. S. Remigii Remensis S. 7 a 
habet mansmn dominicatum, casam cum laubia et cellario et carni- 
nata et quoquinam — S. 13 a In Trielongum habet mansum do¬ 
minicatum, casam cum solario et cellario et caminata, laubia , hor~ 
rea IL — Urk. Berengars I. von Italien zwischen 906—910 bei 


ZUM CORPUS GL0SSAR10RUM LATINORUM 


307 


Schiaparelli 1903 Diplomi di Berengario I. (Fonti 35) S. 189 civitate 
Papia in sacro palacio hubi domnus Berengarius rex preerat , in 
laubia magiore ubi sub Teuderico dicitnr — S. 191 villa Bellano 
in laubia soiarii Sancii Ambrosii curtis (auch a. 913 S. 235, a. 915> 
S. 256). — Regesto Mantovano I (Regesta Chartarum Italiae XII) 
a. 962 S. 19 Regio , in domo Regensis eccl., in sala propria ipsius 
domili in laubia maiore . . . [resejdisset Vuarmundus index et 
missus imp . — Urk. Otto I. a. 972 (MG. Dipi. reg. et imp. I) S. 568 
laubia. — Belege aus langob. Latinitat (a. 892, 896, 901, 918) bei 
Bruckner, Sprache d. Langob. S. 22, 208. — Zur Sache und zur 
Etymologie vergleicht das DWb. untcr Laube Gregor von Tours 5, 19 
stabat rex juxta tabernaculum ramis factum — 8, 33 oratorium 
. . . intextis virgultis in sublime construxerat. — Dem mlat. laubia 
entspricht einerseits die roman. Sippe von loggia (Diez I) sowie finn. 
laupio c inneres Dach 5 als altgerm. Entlehnung (vgl. Toivonen 1920 
Neuphil. Mitteil. 123), anderseits mit pp vor j spatahd. louppa (Ahd. 
Gl. IV 120, 39 Gloss. Salom.). Die Umlautslosigkeit in mhd. loube 
ist gesetzlich wie in gelouben = got. galaubjan. Md. ndd. Maa. 
zeigen hinwieder richtigen Umlaut, z. B. hess. laube c oberes Stock- 
werk 3 und brem. love. 

liciscus c eine Hundeart 3 mit dem hàufigeren Fem. licisca (vgl. 
afrz. leisse , prov. leisa c Hundin 3 Diez Ile S. 626): ein haufiges 
Glossenwort ; vgl. Isidor, Etym. XII 2, 28 lycisci canes nati ex lupis 
et canibus. Danach in den Erfurt. Gl. 8. Jahrh. lycisca canis ex 
lupo et cane natus Corp. Gl. Lat. V 370, 2 ; in Miinchen. Gl. d, 
9. Jahrhs. braccus vel liciscus braccho — licisca rudisoha Ahd. 
Gl. Ili 449, 33. 34; licisca pracho Ahd. Gl. Ili 451, 37 (11. Jahrh.); 
Gloss. Salom. (10. Jahrh.) licisca, bracche Ahd. Gl. IV 116b; Trier. 
Gl. licissa et sparta brekkin Ahd. Gl. IV 211, 19 (11. Jahrh.); Summ. 
Heinr. (c. 1100) liciscus wolfbiso ex lupe et cane maire — licisci 
wolfbiszen — licisca rnistpella vel bracken Ahd. Gl. Ili 79, 55 ; 80, 
46f. Belege: Acta Ezonis (ed. Mai V) S. 57. — Erzbischof Eugenius 
von Toledo gest. 657 Carmina 42 (MG. auct. ant. XIV) S. 258 ad 
lupus et cattila formant coeundo lyciscam. — Ursprunglich vielleicht 
c Hund aus dem Lechgebiet 3 (lat. Licus c LeclT und vgl. -iscus unter 
brilischa francisca hùniscus). Die mittelalterliche Orthographie 
lycisca beruht auf gelehrter Ankntipfung an gr. hr/.óg c Wolf 5 , aber 
die Identitat mit Lycisce als Hundename bei Hygin Fab. 181 ist rein 
zufallig. Erinnert sei noch an den deutschen Namen des Pinschers , 
falls dieser vom Pinzgau im Salzachgebiet den Namen hat. 

masca 1. c Maske 5 in friihangls. Glossen: musca (lies masca) eges- 


308 


F. KLUGE 


grinta Corp. Gloss. ed. Hessels S. 80, 358; mascus grinta Epinal. 
Gl. 646; marcus (lies mascus) grima (Erf.) Corp. Gloss. Lat. V 
372, 8 ; dazu muscus grimo Ahd. Gl. IV 245, 12. Vgl. Aldhelm 
(um 685) De Virginitate V* 2858/9 (MG. SS. auct. ant. XV) S. 469 
Sic quoque mascarum facies crisiata facessit, cum larbam*et mas- 
cani miles non horreat andax, qui proprio fretus praesumit fidere 
cestii (danach die Glosse masca faciem habet crisiatam 10. Jahrh. 
Corp. Gloss. Lat. V 652, 50; auch Ahd. Gl. II 23, 61 masca cristata 
moke und Napier, Old Engl. Glosses S. 190 mascarum egesgrimana). 

— Karpf, Wòrter und Sachen V 120 verknupft das friihmlat. masca 
c Maske’ durch eine Zwischenbedeutung c Netz’ mit ahd. asachs. màsca 
‘Masche 1 . — 2. masca c Hexe 5 : Edict. Rothari 197 (MG. Pertz Leg. IV) 
S. 48 Si quis mundium de puella libera aut midiere habens eam- 
que strigam, quod est mascam, clamaverit — 376 (S. 87) Nullus 
presumat aldiam (Hs. haldiam) alienam aut ancillam quasi strigam, 
quem dicunt mascam, occidere. — Aus dem Rom. vgl. piemont. 
maska, nprov. masko *Hexe\ Nach Kògel, Literaturgesch. I 2, 249 
Anm. stammt die Bedeutung 4 Hexe 5 vielleicht aus der alten Zusammen- 
setzung ihalamasca dalamasca c Hexe\ 

scarpa ‘Eierschale 5 im Corp. Gloss. Lat. Ili 553, 15 (10. Jahrh.) 
aceptabulum scarfia de ovo — III 586, 22 acceptabulum scarpa ovi 

— Ili 607, 15 (11. Jahrh.) acetabulum id est scrafia de ovo — III 
616, 22 (10./11. Jahrh.) acceptabulum id est scarpa de ovo . Hierher 
auch Ahd. Gl. IV 96 a (10. Jahrh. Gloss. Salom.) scrafìa skelva. — 
Vgl. mndd. scherve ‘Schale 5 = nhd. Scherben c Topf 5 ; bei Schiller* 
Liibben IV 81 ist mndd. scirbe auch fur ‘Apfelschale 5 bezeugt. Die 
mlat. Form hat f in grammatischem Wechsel mit b\ ein vorgerm. p 
wird durch das urverwandte aslav. èrepìi c Scherbe 5 bestatigt. 

spitas (sekundar spidus) 'BratspieB 5 in lat.-lat. Glossaren: Reichen. 
Gl. ( 8 . Jahrh.) 1357 (=Foerster, Afrz. Ubungsb. S. 12, 475) veru 
spidus ferreus\ Gloss. Vatic. (10. Jahrh.) im Corp. Gloss. Lat. V 
518, 32 veru spilli ; Gloss. Cambron. (DC.) assium, veru, id est spi¬ 
llimi aber die Glosse sudes spites Ahd. Gl. I 375 Anm. 6 aus dem 
Reichen. Gl. Rz (= Foerster S, 31, 96) beruht nach Mafigabe von 
Isidor auf sudes stipites. Beleg: Herbertus, Lib. de mirac. cap. 5 
Is vero qui praecedebat , gallinam assatam in spico (lies spito) por- 
tabat . — Die g^rm. Bedeutung l BratspieB 5 haftet im Roman, an den 
entlehnten neap. spito, span. portug. espeto, bergam. spit f neuvenez. 
spi(d)o . Das entsprechende ahd. mhd.- sptB' Gen. spiszes M. *Brat- 
spieB 5 hat 55 nach Mafigabe des Reimes spille M. Helmbrecht 

V. 874, und dazu stimmt angls. spitu c Bratspiefi\ Das ahd. spiz, 


ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM 


309 


zeigt Ahd. Gl. II 656, 68 den Plur. spizza capita montis nach der 
^-Deklination, aber ging ursprunglich wohl nach der w-Deklination, 
und gleiches ware flir angls. spitli ‘Bratspiefi 5 anzunehmen. Das west- 
germ. Subst. beruht auf Substantivierung des Adj. ahd. spitzi c spitz\ 
das aus der w-Deklination in die y#-Deklination ubergegangen ist und 
westgerm. Konsonantendehnung angenommen hat : germ. spitu-z Adj. 
‘spitz 5 — Subst. ‘spitzer Gegenstand 5 (wegen der Bedeutung vgl. ahd. 
spizza 'capita montis 5 ). 

strava 'Grabhiigel 5 in lat. Glossen des 10. Jahrhs. stravam (stra¬ 
bavi) tumulum sepulchrum Corp. Gloss. Lat. V 516, 9; 578, 43. 
Mit abweichender Bedeutung Jordanes 551 De origine actibusque Ge- 
tarum (MG. auct. ant. V 1) S. 124 stravam super tumulum eius quam 
appellant ipsi [Hunni] ingenti comessatione concelebranti also 
‘Leichenschmaus, Totenmahl 5 ? Wieder abweichend 'ein aus feindlichen 
Waffen und Rustungen errichteter Siegeshugel 5 bei dem sogenannten 
Lactantius Placidus (6. Jahrh.?) in Scholien zu des Statius Thebais 12, 
64 strava: acervos: exuviarum hostilium moles; exuviis enim 
hostium exstruebatur regibus mortuis pyra, quem ritum sepulturae 
hodieque barbari servare dicuntur, quae strabas dicunt lingua sua . 
Vgl. Kempf, Jahrb. f. klass. Philol. Suppl. Bd. 26, 350. 373, wo die Ab- 
hangigkeit des Lactantius von Jordanes und Zusammenhang mit slav. 
Strava 'Speise 5 gegen Miklosich, Et. W. S. 325 geleugnet wird. 

stranitts c Kot 5 in der dem 9. Jahrh. angehòrigen Gl. strundius 
sive strunms O7celettoq Corp. Gloss. Lat. II l#9b: in Ubereinstimmung 
mit afrz. estront (nfrz. étron) = aprov. estron 'Kot 5 zu mndl. stront 
= mndd.~s trunt M. c Kot 5 . Das in derselben lat. griech. Glosse er- 
scheinende Synonymum strundius erklàrt Meyer-Liibke, Et. Wb. 
Nr. 8 22 auf Grund von ital stronzo c Kot 5 ftir ein langob.-lat. 
*strunzus. — Fur struntus findet sich spat (12. Jahrh ) eine fran- 
zOsisierte Schreibung strontus in Salomon et Marcolfus (ed. Benary 
in Hilkas Sammlg. mlat. Texte) S. 8 duodecim bombi faciunt unum 
strontum — duodecim stronfi faciunt unam paladam — S. 20 bene 
decet strontus iuxta sepem me am. 

svpa F. 'eingetunkte Brotschnitte 5 (= portug. sopa 'Brotschnitte 
in Fleischbruhe und V ein eingetaucht 5 ) erst spat bezeugt : Glossae 
Aynardi (il. Jahrh.) fol. 16b (mitgeteilt von G. Goetz) bibiles sunt 
suppae\ Summ. Beinr. (c. 1100) suppa merata Ahd. Gl. Ili 154, 67 
— suppa merda 111 259, 36 (zu mlat. merda merata merenda, vgl. 
im DWb. Mdhrte, das auch 'eingetunkte Brotschnitte 5 bedeutet). Dazu 
Papias (a. 1053) sopa supa (vgl. Goetz, Papias und seine Quellen, 
Bayr. Akad. 1903 S. 285); auch suppa suppe im Vocab. Optimus 


310 


F. KLUGE 


10 141 des 1.4. Jahrhs. (hrsg. v. Wackernagel, Basel 1847). Vereinzelter 
friiher Literaturbeleg (nach A. Thomas in den Mélanges Louis Havet 
S. 525) in einer dem 5. 6 Jahrh. angehòrigen lat. Oribasius Bearbeitung 
(CEuvres d'Oribase ed. Bussemaker et Daremberg VI 304) Postquam 
biberit, panem calidum in bullentem [aquam] mittis et mox dabis 
manducare calidas suppas (Originai V 493 # egiuovg %ocg cpwjnovg). 
— Spater Beleg auch (12. Jahrh.) Salomon et Marcolfus (ed. Benary' 
in Hilkas Sammlg. mlat. Texte) S. 15 bonum convivium malumque 
convivium suppis decoraiuni ; suppe faciunt teneras buccas et culum 
viscosum. — Innerhalb des Altgerm. zeigt sich eine Entspreehung 
einer Grdf. * stipa (mit einfachem p) zufriihst in der dem 9. Jahrh. 
angehòrigen Bibelglosse sorbitiuncula sofmuas Ahd. Gl. I 292, 75 
mit den jiingeren Nebenformen safmitosi sufmuosili I 419, 14 
(11. Jahrh.)* dazu ferner die Diminutiva suffilì N. und suffìla F. 
Ahd. Gl. I 419. 14; vgl. auch Summ. Heinr. (11. Jahrh.) sorbiciun - 
cala sufin III 155, 34. In diesen ahd. Wortzeugnissen ist f = jf 
Vertreter von einfachem p 1 so daB die Existenz einer Grdf. * stipa vor 
der 2. Lautverschiebung, also etwa 5. Jahrh., sicher ist. Im Andd. 
fehlt eine Entspreehung; ebenso im Angls., wo eine Glosse offiila sopp 
(Napier, Old Engl. Gloss. S. 222, 10) erst c. 1100, also vielleicht unter 
franzòsischem EinfluB, erscheint. Aus dem Altgerm. stellt sich zu 
unserer Wortgruppe wohl noch got. supòn gasupòn ‘wiirzen’ = ahd. 
suffòn gisuffòn c wurzen\ 

tubroca Art Hose: Beda (um 700?)~Vita Cuthberti n. 31 in tan¬ 
tum a cultu sui corporis animimi substulerat, ut semel calceatus 
tibracis, quas pelliceas habere solebat , sic menses perduraret iute- 
gros. — Paul. Diac. (um 790) Hist. Langob. (MG. SS. rer. Langob.) 
S. 124 calcei vero eis erant usque ad summum pollicem pene aperti 
et alternatini laqueis corrigiarum retenti . postea vero coeperunt 
osis uti , super quas equitantes tubrugos (Var. tubrucos trubugos 
trubucos tribugos) birreos mittebant. — Zufriihst bei Isidor 19, 22, 30 
tubruci dicti quod tibias braccasque tegant\ danach mit gleicher 
Glossierung tnibuci (10: Jahrh.) Corp. Gloss. Lat. V 517 b; 582 a. 
Das Wort steht in den Schreibungen tribuenas trubuena trabuena 
Ahd. Gloss. Ili 618a (10./11. Jahrh.) — tribrugne IV 246b als Glosse 
zu ahd. diohbruoh (thiebruoch) eigentlich ‘Schenkelhose", das im Summ. 
Heinr. Ahd. Gl. Ili 278 b als Ubersetzung von lat. lumbare dient. 
In Altengland zeigt iElfrics Glossar (um 1000) die Glosse tubroces 
vel brace strapulas Wright-Wulcker, Voc. I 125 b; vgl. auch tu¬ 
broces st(r)apulas Anglia Vili 450. Falsche Buchung bei Osbern 
(12. Jahrh.) Panormia S. 594 b tubinces quae tibias tegunt sicut ca- 


ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM 


311 


ilgae . Nach Jac. Grimm GDS. S. 482 und Diez, Altroman. Glossare 

5. 108 stellt sich das mlat. Wort zu ahd. diohbruoh eigentlich c Schenkel- 
hose\ Vgl. auch brdx und deiirus. Uber das romanische Fortleben 
xies mlat. Wortes siehe die eingehende Eròrterung von Bertoni, Kluba, 
tubrucus in den Atti e Memorie della R. Deputazione di Storia Patria 
per le Provincie Modenesi X (1916). 

waisdus AVaidkrauP mit der Nebenform waisdo Gen. waisdonis: 
Capit. de villis (c. 800) § 43 Ad genicia nostra, sicut institutum est, 
opera ad tempas dare faciant , id est Unum , lanam , waisdo vermi¬ 
caio, warentia . — Macer Floridus (10. Jahrh.), De viribus herbarum 
(ed. Choulant, Leipzig 1832) S. 101 Isatis a Grecis est vulgo gaisdo 
vocata. — Ein griech.-lat. Glossar des 10. Jahrhs. verzeichnet isatis 
id est ivasdus unde tingunt persnm Corp. Gloss. Lat. Ili 583, 48 ; 
das aus dem 12. Jahrh. stammende Glossar Sub silentio legende ent- 
halt die Glosse Isatis waisdus : diese Belege nach A. Thomas, Ro¬ 
mania 36, 436 in einer Besprechung von afrz. guesde nfrz. guede 
mit der dialektischen Nebenform (Anjou 17. Jahrh.) guesdon . Eine 
Nebenform mlat. waido Gen. waidonis in der Schlettstadter Gl. 
J12. Jahrh.) sandix est herba unde tinguitur vestis que vulgo waido 
dicitur Ahd. Gl. IV 194 a. — 1. Der lautliche Zusammenhang mit ital. 
guado guadone AVaidkraut 5 einerseits, und ahd. weit M., angls. wàd 
N. c Waidkraut 5 anderseits lafìt sich nicht genau bestimmen: zwar kann 
angls. wàd einen s-Laut eingebiifit haben wie angls. rnéd ‘Lohn 5 neben 
meord L Lohn 5 (got. misdò)\ aber eine solche Entwicklung ist fiir ahd. 
mhd. weit nicht wahrscheinlich, weil vor einem aus s (s) entstandenen 
r è fiir germ. ai hatte eintreten miissen. — 2. Die Echtheit des 
inneren -sd- von mlat. waisdus wird erwiesen durch ein bei Ulfilas 
fehlendes got. wisdil wisdila in einer lat. Oribasiusbearbeitung des 

6. Jahrhs. (Gundermann, ZfdW. 8, 114); ist dies ein /-Diminitivum 
mit Ablaut zu germ. waisdo -? — 3. Eine mlat. Nebenform guattum 
‘Waid 5 belegt Diels (Die Entdeckung des Alkohols S. 8) in der Karo- 
linger Zeit aus dem Malerbiichlein Mappae clavicuia; aber das ti dieser 
Form ist noch unerklart (fruhndl. weete neben weede bei Kilian 1599). 

warantia (jiingere Schreibung warentia) c FàrbkrauP = frz. ga 
rance (afrz. guarance Ahd. Gl. IV 228, 2): im Corp. Gloss. Lat. 
(Thesaurus unter rubia sandyx varantia) oft aus frlihmlat. Pflanzen- 
glossaren des 10. Jahrhs. in den Schreibungen uuarantia uuarentia 
barentia uarancia uuarancia\ im Capit. de villis 43, 70 warentia\ 
garantia in einer Urkunde von Kònig Dagobert a. 629 (MG. 
Diplom. I 141) wohl Fàlschung? — Nach meiner Vermutung (ZfdW. 
14, 160) eins mit ahd. ressa (fiir germ. wratja ) c FarbkrauB 



312 


F. KLUGE, ZUM CORPUS GLOSSARIORUM LATINORUM 


Grafi II 559; vgl. die Glosse warentia ressa Ahd. Gl. Ili 511, 7; 
517, 35 (lO.'ll. Jahrh.); daraus entstellt varesa in den Not. Tiron, 
77, 56? Dazu nach Schlutter, Anglia N. F. 18, 248 angls. wrcet- 
baso und wrcetteréad ‘waidbraun, waidrot 5 neben sehr seltenem Sing. 
wrcette (Pflanzenname). Aus germ. wratja stammt auch durch EnG 
lehnung aslav. brosti l Purpur\ — Ein zugehòriges mlat> Diminutivum 
warentilla mit der iibertragenen Bedeutung c rote Pustei 5 vermutet 
Steinmeyer Ahd. Gl. Ili 429 Anm. 7. 


F. Kluge. 


Zur Geschichte und Herkunft von frz. dru 1 . 

I. 

Es ist immer fesselnd, die wechselnden Anschauungen iiber die Her- 
kunft eines gallischen Wortes nachzupriifen : sie spiegeln den Werde- 
gang unserer etymologischen Forschung getreu und eindringlich wider 
und geben einen Gradmesser fur den Fortschritt unserer Methoden. 

I. In der 4. Auflage seines etymol. Wòrterbuches der rom. 
Sprachen finden wir p. 123 folgenden Gedankengang von Diez: 

lìal. drudo, altptg. prov. drut, fem. druda, afrz. dru(t), drue «Freund, 
-in, Geliebter, -te», altfrz. druiun «Vertrauter» stehen an der Grenze 
zwischen germ. u. keltisch: gael. drùth «Dirne» steht gegeniiber ahd. 
trùt , drùt , auch drùd «Liebling, Freund, Gefàhrte» (Otfried). Da 
das roman. Wort in seiner Bedeutung dem vornehmen Sinn des 
ahd. Wortes (trùt) nàhersteht als dem pejorativen des gael. drùth 
«Dirne», so schliefit Diez das rom. Wort an das deutsche an: das bei 
Otfried auftretende gotes drut «Gott lieb» liefie sich, meint Diez r 
wohl durch dru(t) dieu wiedergeben. Neben dru «traut, lieb»,. 
existiert ital. drudo «verliebt, artig, wacker», frz. dru «munter, iippig» r 
genues. druo «dicht, dick», piem. neuprov. dru «uppig, fruchtbar», 
(v. Boden). Wenn, so meint Diez, die Ideenfolge «vertraut, verliebt, 
lippig» an sich nichts Auffallendes hatte (wonach also g e r ma n isch e 
Herkunft der dru- Familie semantisch mòglich ware), so werde man 
doch auf kelt. Adjektive (wie gael. drùth mutwillig, cymr. drud 
«kràftig, kiihn») oder auf altnord. driugr , schwed. dryg «derb, voli» 
hingefiihrt. 

Gegen die Diezsche Argumentation, die uns heute noch klar und 
sauber anmutet, kònnen jetzt folgende Einwande erhoben werden: 

a) altfrz. dru(e) «Geliebter, -e» weisen nach der Durchsicht aller 
mir zur Verfiigung stehenden Stellen in mindestens drei Viertel der 
Belege einen mehr oder weniger ausgepràgten pejorativen Sinn auf: 
nie und nimmer habe ich etwa in der r e 1 i g i ò s e n Sprache des alten 


1 Damit lose ich das Versprechen ein, das ich im Archivum VI 197 
gegeben habe. 




314 


J. JUD 


Frankreich (wie Diez anzunehmen geneigt ist) eia dru de (à) Dieu 
entdecken kònnen, wahrend amour, cher durchaus auch der religiosen 
Sprache gelaufig sind. Die Bedeutungsweite des frz. dru ist also 
wesentlich enger als die des deutschen tnìt y das — man braucht nur 
€twa den Wortgebrauch bei Otfried zu studierei! — in der altdeutschen 
Kirchensprache stark verwurzelt ist. 

b) Ein ahd. dvut mit d- existiert nicht, aufier bei Otfried, bei dem, 
wie die Germanisten langst erkannt haben, das anlaut. d- sekundar aus 
altererà t- entstanden sein kann und demnach aus trut gedeutet wird 1 ). 
Ein germanisches druto 2 ) (mit dr-) beruht also nur auf der Annahme, 
dafi frz. dru «Geliebter» german. Herkunft sei; umgekehrt leitet die 
roman. Etymologie von einem nicht belegten germ. druto «treu, lieb» 
das frz. dru «Geliebterab: offenbar ein unhaltbarer circulus vitiosus. 

c) Nordische Herkunft (altnord. driugr) diirfen wir wohl angesichts 
der Verbreitung von frz. dru «fruchtbar^, das typisch das alt¬ 
gai lische Sprachgebiet deckt, fiir ausgeschlossen betrachten. 

II. Littrés Auffassung, wie sie im Anhang des Artikels dru 
formuliert wird, deckt sich im ganzen mit der Diezschen; nur findet 
sich bei ihm die ftir die weitere Forschung fatale Angabe, dafi «le 
scns primitif en fran^ais, d’après les textes, est celui d’herbe drue, 
•c’est par extension que dru s’est applique aux personnes». 

Wie wir unten sehen werden, ist das Zentrum der Bedeutung von 
dru nicht «dicht», sondern «kraftig, stark, uppig» 3 ). 

1 Cf. Franck, Altfrankische Grammatik, S. 124, cf. Otfried drost < 
trost (got. trausteis genet.). Und ebensowenig, um hier gleich hinzuzufiigen, 
ist auf ags- drut Verlafi, das mit einem einzigen Beleg in Be Domas 
Daege (Anfang des 11. Jahrh.) auftritt: es ist derselbe Text, der, weil er 
das nicht angels. Wort jrovo a «Frau» (neben drut «traut») aufweist, als 
mòglicherweise auf einem kontinental deutschen Originai fufiend betrachtet 
wird; cf. Kluge, Paul und Braunes Beitrage IX 446. 

2 Bei den germ. Eigennamen, die auf ahd. drud «stark», germ. prup-s 
stark» und ahd. trùt , germ. dhruto beruhen, sind die beiden Elemente in 

der Gruppe der Personennamen bei den Goten, Franken, Langobarden sehr 
schwer ?u scheiden: 1. weil die Wiedergabe des germ. p in der mlat. Form 
meistens ungenau ist; 2. weil germ. dr- (z. B. in Namen wie langob. Age- 
druda) in roman. Munde als dr auftreten kann (latrone > ladrone): ich mochte 
es daher den Germanisten iiberlassen, den Nachweis anzutreten, ob ein 
dritto «lieb» aus Eigennamen zu gewinnenist; meine diesbeziigliche Unter- 
suchung hat mit einem non liquet geendigt. 

3 Scheler, Dict. d’Etymol. frc. s. dru ist nun oline weitere Begriindung 
geneigt, die Bedeutungen des afrz. dru auf drei Quellen zuruckzufuhren: 
1. dru «Geliebter» sei germanisch; 2. dru «dicht, wohlgenahrt» sei altnord. 
driugr ; 3. dru «gai Hard» sei cymr. drud «vigoureux». Scheler hat auf 
das griech. caloóg «robuste, fort, gras, serre, dense, abondant, luxuriant» hin- 



ZUR GESCH1CHTE UNI) HERKUNFT VON FRZ. DRU 


315 


III. In seinem Buche: Keltoromanisches p. 16 berichtigt 
R. Thurneysen die Bedeutung und Form folgender bei Diez erwahnter 
keltischer VVorter: 

1. es gibt kein neuirisch druth «mutwillig*, sondern nur ein altir. 
driith ctoll, verruckt». Die Bedeutung «Hure» ist zweifelhaft. 

2. Dem altir. driith steht gegenuber cymr. drud «audax, fortis, 
strenuus», ursprunglich «tollkiihn» : mit diesem kelt. Wort kònne drudo 
«Freund, Geiiebter» nichts zu tun haben. Corn. druth «Hure» sei 
wohl aus frz. dm(th)e entlehnt; ebenso sei cymr. drud «carusi das 
romanische Wort. Somit sei die german. Herkunft von frz. dru 
«Geiiebter» gesichert. 

3. Lautlich solite einem altir. druth ein cymr. i (nicht drud ) ent- 
sprechen : es habe also eine Entlehnung des Wortes in der einen oder 
anderen Richtung stattgefunden. Begrifflich decke sich die Bedeutung 
des frz. Wortes dru «dicht, dick, iippig» nicht mit den keltischen 
Wortern: das liege zu weit ab vom kelt. «toll, verwegen » 1 . 

4. Altnord. driugr sei als Etymon auszuschliefien wegen bret. drus, 
dru «fett (von der Suppe, Fleisch, Boden)», welches das auf druth 
zurtickweise, das wohl dem afrz. dru(th)e entlehnt sei. 

5. Als Grundbedeutung setzt Th. (wie oben Littré) ein rom. druto 
«dicht» an; diesem wiirde ein gallisches dlùio «dicht» (nur im irischen 
Zweig erhalten, altir. dlinth «dicht») entsprechen: di sei als ein den 
Galloròmern unbekannter Konsonantennexus durch dr- ersetzt worden. 
Die Auffassung Th. ist beherrscht von der Annahme, dem gallorom. 
druto sei als Grundbedeutung diejenige von herbe drue eigen: daft 
aber im Gegenteil die Grundbedeutung von rom. drudo dem cymr. 
drud «stark» sich sehr nahert, wird die Ubersicht der rom. Formen 
unten zeigen. Damit failen nattirlich die semantischen Bedenken 
Thurn. dahin. 

Die Ansetzung dliito «dicht» wird so semantisch nur dem frz. herbe 
drue gerecht, nicht aber den anderen Bedeutungen von galloromanisch 
druto : da aber keine Notwendigkeit vorliegt, herbe drue von den 
anderen Bedeutungen von galloromanisch druto zu trennen, so fallt 
dialo ebenfalls weg, das schon lautlich (di > dr) Bedenken erregen mufi. 

gewiesen, aber nicht gewagt, daraus fiir das frz. dru die etymologische Ein- 
heit zu postulieren. Was er tiber druge «pousse surabondante» vortragt, 
ist semantisch durchaus annehmbar, lautlich aber nicht haltbar (< drugo ?). 

1 Uber die Bedeutung des alten druth Tool, buffon, juggler» in altirischer 
Zeit Joyce, A social history of Ancient Ireland li 482 ff. — Dafi die Be¬ 
deutung «toll, verriickt» mit «verwegen, stark, tippig, dicht (gewachsen)» sich 
sehr gut vertragt, zeigen die p. 836 angegebenen Parallelen. 

Archivum Romanicum. — Voi. VT. — 1922. 


22 



316 


J. JUD 


IV. Die Darlegungen von Thurn. wurden nun in den folgenden 
25 Jahren 1 unbestritten ubernommen: noch im Jahre 19(<9 fafit Meyer- 
Liibke, Einfiihrung, §36 die Anschauung Thurn. zusammen in; 
dluto «iippig wachsend», air. dluitìi «dicht» : frz. dm , altgen. druo . 

V. In der Besprechung der Einfiihrung Meyer-Liibkes (Arch. flir das- 
Stud. CXXIV, 391/92 [1910]) machte ich auf das im Arch. flir lat. 
Lex. XIII, 288 belegte spatlat. indruticàre «iippig sein» aufmerksam 
und verwies in diesem Zusammenhang auf die siidostfrz. drnge-ziuvcner»- 
Formen: ich meinte, dafi dieser Hinweis die Ansetzung der Grundform 
dluto erschiittern miifite, wie dafi auch die Verkntipfung.von ( in)druticare 
mit druge (cf. sed icu > siège) genugend angedeutet sei. Im Bulletin 
de dialect. romane III, 68 ss (1911) stellte ich dann noch einmai 
die Vertreter von dru(d) druge in den Westalpen zusammen. 

VI. In dem Rom. Etymol. Wtbuch. Nr. 2780 (1912) reiht Meyer- 
Liibke das ital. druto , altfrz. prov. drut «Geliebter» unter got. drups 
«traut, lieb», das, weil nicht mit Sternchen versehen, den Leser in der 
Illusion làfit, es sei belegt: ein got. drups , das weder in got* Eigen- 
namen 2 noch im got. Wortschatz eine Sttìtze hat, ist offenbar nur 
angesetzt, weil die Verbreitung des Wortes (ital.*frz.) eine frankische 
Herkunft auszuschliefien scheint. Merkwtirdig ist, dafi zur Stiitze 
der got. Herkunft REW das schon bei Diez angefiihrte altportg. 
drudo nicht erwahnt wird. 

Unter Nr. 2700 fiihrt REW die Nachkommenschaft 3 von dlutos an, 

1 Allerdings nicht von J. Loth, der sehr frlih die Auffassung, die cymr.- 
corn. Formen seien dem Altfrz. entlehnt, abgelehnt hat. vgl. nun zuletzt 
Revue celtique XXXVII! 174. In Bezug auf die Verknupfung der Be- 
deutungen innerhalb des Keltischen werden gerade auch die roman. Formen 
ein Wort mitzusprechen haben. 

2 cf. Meyer-Liibke, Roman. Namenstudien I 80 (Sitzungsber. der Wien, 
Akademie, Bd. 149). 

3 Auf die roman. Formen, die Meyer-Liibke anfiihrt, gehe ich hier 
nicht weiter ein : seine ins Deutsche iibersetzten Bedeutungen mussen stets mit 
grofier Vorsicht akzeptiert werden: ftìr lyonnes. adriizi «iippig sein, hiipfen r 
sich unterhalten, betrugen *, fiihrt Huitspelu an: drugi, adrugi «bondir, sauter, 
s’amuser par des sauts précipités, tromper» : wenn man diese Bedeutungen 
deutsch wiedergeben wollte, so wàre doch am ehesten die von «umhertollen, 
mutwillig umherspringen, betrugen» denen von Puitspelu am nàchsten. Com. 
driid soli heifien «iippig (von Bàumen)», aber Monti fiihrt den Artikel an: 
drudd «vegeto, vigoroso, si dice di persona giovane e ben vegnente,di alberie 
di piante vegete » (bedeutet vegeto "iippig» und nicht «gut gedeihend» ?)*, im 
Anhang fiihrt Monti drudo «vegeto, vigoroso, vivace» an. Vallanzasca soli 
die Form drùw «wohlgenàhrt, kràftig» haben; nach Monti heifit diese Form 
aber drov .und bedeutet «fanciullo vegeto e ben in carne»; existiert ein 
altprov. dru (nicht drilli) = dick? (Levy gibt an drut = dru.) 



ZUR GESCHICHTE UNI) HERKUNFT VON FRZ. DRU 317 

bemerkt aber, dafi das Etymon sehr zweifelhaft sei, namentlich auch 
wegen der Ableitungen, die eher auf einen german. dj- Stamm wiesen. 
Vielleicht bestehe doch Zusammenhang dru «dicht» mit got. drups: 
frz. dru «lieb». 

Wie Gamillscheg (s. unten) vermag ich das Epitheton «sehr zweifel¬ 
haft» nicht zu verstehen: kann ein germ. drudjan also drudjare 
(oder > drudjire?) lauti ich zu drugier werden? Denn nimmt man 
ein dluto einmal fiir dru mit Thurneysen als gegeben an, dann sieht 
man nicht ein, warum eine Form dluticare eìner drugier- Form nicht 
geniigen solite. 

VII. In der Z. f. rom. Phil. XL, S. 535 hat neuerdings Gamill¬ 
scheg in beachtenswerter Weise das dru-druge- Problem angepackt. 
Er unterscheidet drei drugier : 

a) druger x «iippig sprieiBen» ist ^dluticare in der Bildung einem 
alticare , nigricare, crispicare gleichzustellen. 

b) drugier «hiipfen, springen», dann «sich freuen» : die Form des 
Forez drigd, drigauda «sauter, gambader en Forez» (Mistral), von 
denen nach G. die drtiger «hiipfen, springen» nicht getrennt werden 
kònnten, verlangten ein *driucare, * drivicare, das auf einem schon 
im Galloromanischen umgestellten * druicare beruhe, das zu gali. 
*driuo «springen» gehòre und durch bret. dreò «heiter», ir. dredn 
«Zaunkomg» fiirs Gallische gesichert sei: Das è der druger- Formen 
fiihre wenigstens zum Teil auf alteres i zuruck, wobei auf Val d’Yères 
dragie, poitev. drogée < dragata (Z. f. rom. Phil. XL, S. 530—31), 
poitev. beuge «Krug* (s. altfrz. buie), chambige<cambica 1 2 hingewiesen 
wird: dieses druicare sei friihzeitig mit druticare «spriefien» ver- 
schmolzen. — Zu druicare sei ein druiculare gebildet worden, das 
gesichert sei durch Morvan dreuiller «ums Nest herumhiipfen», dann 
aber auch durch das ostfrz. driller «schnell laufen, Durchfall haben», 
zentralfrz. drouiller «Durchfall haben». 

c) Endlich gingen altfrz. drugier «betriigen» (belegt im Leben von 
Gregor von Tours) wie lyonn. drugi «tromper» auf ahd. driugan 
oder auf eine burgundisch entsprechende Form zuruck. 


1 Gamillscheg vindiziert dluticare fiir ganz Frankreich: das Verb fehlt 
aber, soviel ich sehe, der Wallonie, der Picardie wie der Gascogne. 

2 Dieses ganze Raisonnement scheint mir allerdings nicht haltbar: im 
Poitev -z- sehe ich Relikt eines àlteren «provenzalischen» Sprachzustandes 
wie in anderen Fàllen: cf. poitev. cube , prov. cuba , poitev. ayii «eu» und 
noch vieles andere. Und beim Problem von dragée versteht man nicht 
recht, warum Gamillscheg sich mit Ant. Thomas, Rom. XLI p. 62, dessen 
Gedankengang mir sehr beachtenswert erscheint, nicht auseinandersetzt. 

22 * 



318 


J. JUD 


Mit der Zuriickfuhrung von dmger iippig spriefien <dluticare 
vermag ich um so inehr einig zu gehen, als ich tereits‘vor zehn Jahren, 
wie oben skizziert, nicht auf (liuticare, sondern auf das im 6. Jahrh. 
belegte indriiticare 1 hingewiesen hatte. 

Dagegen scheint mir die Konstruktion eines hypothetischen driucare, 
druicare fur dmger «hupfen, springen so lange nicht nótig, als der 
Nachweis unterlassen wird, dafi semantisch dmger «up h 'ig sein» und 
dntgcr «herumspringenF auf ein und dieselbe Grundbedeutung zurlick- 
gehen kònnen. Was nun Forez driga, -alida «sauter, gambader» an- 
betrifft, so stammt diese bei Mistral gebuchte Form aus dem Worterbuch 
von Gras, also aus-einer francoprov. Mundart (Forez): Gamillscheg wird 
mit mir einig gehen, wenn ich sage, &<\Q4gd im Frankoprovenzalischen als 
Wiedergabe einer Infinitivendung -icore etwas ganz Aufiergewohnliches. 
ware (>ayi< secare «faucher>). Damit falli aUo wohl driga 1 2 als 
Naehkomme vo.n einem druicare , driucare weg. Aber auch das 
dreuiller des IVI or va n ist wohl lautlich nicht scharf genug erfafit; 
dreuiller heifit bei Chambure: «jouer, folatrer avec entrain, avec vi- 
vacité, se dit principalement des petits oiseaux qui sautillent autour 
de leur nid avant de s'envoler et aussi des enfants» : die Bedeutung 
von dreuiller beruhrt sich mit der von Doubs dmger cbondir sauter, 
cabrioler» (Beauquier), Blonay drudzéyi (sé) s’ébattre en parlant du 
bitaib, tyonn. drugi, adrugi «bondir, s’amuser par des sauts précipités» 
usw., so dafi ein druiculare zu rekonstruieren nur dann gestattet ware, 
wenn sich die Fui m des Morvan dreni.ter nicht mit drugier oder 
moiv. dreu vtrbinden liefie: dritto lautet nun im Morvan dreu : im 
Vokal von dreuiller ist also nichts Auffalliges: was nun dreuiller (wohl 
zu lesen : dròyé) anbetrifft, so diirfen wir nicht vergessen, dafi ein Teil 


1 Schlutter, Arch. f. lat. Lex. XIII 288 fiihrt eine Stelle. des ags. 
Schriftstellers Al dhelm von Malmesbury (f 706) an, die seinem Werke: 
de laude virginitatis, c. 17, entstammt: Aid. fiihrt an dieser Stelle das 
Thema aus, die geweihte Jungfrau wolle in Kleidung und Gebaren Gott ge- 
fallen, die Weltdame aber suche oem Manne zu gefallen: ista solidis orna¬ 
mentar um pompis injruticans . . . pulchrum pariter et perniciosum cer- 
nentibus spectaculum praestat. An dieser oft kommentierten Stelle wird 
aber in den Glossen stets indruticans (statt infruticans) geschrieben und ags. 
oder lat. glossiert «geckig sein, luxuriari, scurriliter agere». 

2 Was nun hinter diejem driga, drigauda steckt, bleibt noch zu unter- 
suchen: sicher scheint mir, dafi drigaudcr gehort zu Lallé rigououdar 
«danser le rigodou», rprov. rigandomi «air et danse de Rigaud» (Mistral): 
das d von danse 'd e Rigaud kònnte falschlich als zum Eigernamen gehòrig 
empfunden sein, vgl. aber auch triquer , sauter, danser lourdement» 
Ghambure). 


ZUR GESCH1CHTE UND HERKUNFT VON FkZ. DRU 


319 


des Morvan (im Umkreis der Punkte 106, 105, 108 ALF) besondere 
Verhaltnisse aufweist. 

Inlautendes -5- (frz. -z'-) ergibt hier: ceri se: certe Morvan (Cham- 
bure), sriy (P. 6), srij (106), ALF , cerège Saint * Germani - des- 
Champs, Dép. Yonne (Jossien. — cenise «cendre• : cenie Morvan 
(Chambure). — chaise = caie, chée «chaise» (Chambure). - che- 
mise: cemie , eh e mie, chemillole «veste ronde en boge», -Mot «brassière 
d’enfant» (Chamb.). P. 105 smi yèt , P. 8, semi im ALF\ Yonne 
(ohne genauere Ortsangabe) chemiotte «sorte de veste etc.» (Jossier). 
— ci se ait x: Morvan: ciais, chtsas «ciseaux» (Chambure), P. 105 
siyó (ALF, c. ciseau ), Yonne: cihiaux , cijas, cijais, cirias, cisias 
(Jossier).— comparaisem : comparatori (Chambure). complaisance : 

compì tliance (Chambure). — elio is ir: ;oaéhi (Chambure). — coi- 
sier: «se taire»: Morvan: cóyer, couyer (Chambure), P. 106 kvje 
P. 8 kuye (ALF 7 c. se taire). — cren se «écale de noix, coquille 
d’oeuf» : Morvan: creuge, crettille (Chambure), Yonne: eretiche , 
creuge, crettille , crettse «coquille» (Jossier). — ereuser: Morvan: 
erettiler (Chambure). — croiser, croisette , Morvan: crotthcr, crottllhi 
vb., croujotte «petite croix bénite le jour de Plnvention de la sainte- 
Croix», Yonne: crouée «croix» (Jossier). — désastre: ciéaste (Cham¬ 
bure). — écraser: éeràger (Chambure)L — /user: Morvan: éfuger 
. «infuser» (Chambure). — église: Morvan: e glie (Chambure), P. 8 égyi 
«église» ALF c. église .— e m poi so n ri e r : Morvan: empouillener, cf. 
pottillon poison» (Chambure), P.8. 12, 7, der Typus « poyon », P. 16 pojon, 
ALF, c. poison. — puiser: Morvan: pottier, pottjer, époiiìer (Cham¬ 
bure), Poyaudin «habitant de la Puisaye» (Jossier), pouéer , poiger , 
poiser «s’enfoncer dans la boue, prendre l’eau dans les chaussures» (Jos¬ 
sier), cf. derselbe Typus P. 7, 8, 11, 12 16, 106 ALF, c. puiser . — 
«r e priser» : erpriger , erprige «reprise» (Chambure). — atti se r: 
éteujotte «tige de fer ou de bois avec laquelle on acommode la mèche 
des lampes rustiques», aiteujer «tisonner», teujon, tuion «tison» (Cham¬ 
bure), Yonne aitiger (neben aitiver < ad ver) «attiser» (Jossier). — 
fu se ait: Morvan: feniliau, feujali, fttjà .— foison: Morvan: fòion, 
fottion. — fraise: Morva n: freilotte, frile, frijotte\ P. 106, 105, fri fot, 
P. 104 Jriybt ALF; Yonne : friotte, fréjott e (p Athie) i Jossier).— frison: 
«copeaux»: Morvan: frillon, Yonne: frion «copeaux» 1 2 . —fusili 
Morvan : filiti, Yonne : filiti (Jossier), P. 105 f&ì, P. 104 fui ALF, c.fusil. 

1 Ich lasse die Falle mit -r- (> -z- > 0) beiseite, wie écuhier écurer», 
écuhie «écurie», éhiter «hériter», équiller «écurer», ertiher «retirer» usw. 

2 Vgl. inJessen ALF, K. copeaux, wo volksetymol. Umdeutung nach 
vrillon mògi ich ist. 




320 


J. JUD 


— Ich verzichte hier auf alle Beispiele vom Fall des -5- {noisette > 
nouotte > nouillotte ) oder Ubergang von s > j im Morvan (Nord) 
noujotte anzufuhren; dagegen ist es interessante dafi altfrz. -y- (notiert 
durch -ili-) auch in j iibergeht: 

conreilli (— altfrz. conre(i)er) «disposer en ordre, avec som». — 
enroyer «ouvrir un sillon» : Morvan: enrier , enréger (cf. aber enroi 
subst.). — essayer : Morvan: essàier , essaiger (Chambure).— es- 
suyer: Morvan :essuger (Chambure). — foyer : Morvan: fongé (Cham¬ 
bure). — frayer : Morvan: freiller «effleurer», Yonne: fréger «frayer» 
(Jossier). — moyeu «jaune d’oeaf»: Morvan: moujotte (Chambure), 
Yonne: moijette, moiette y moijotte , mdiotte, moujotte (Jossier). — net- 
toyer: Morvan: nétéger y noteìer, néteyer y Yonne: nétéger (à Jussy). 
— noyer: Morvan : noujé «noyer» (arbre), Yonne nomeraiouhier y nonhier 
(à Malay-le-Vicomte, Villiers-Bonneux), cf. ALF c. noyer : Typus noujé\ 

Auch hier durfte der Beweis ohne weitcre Beispiele erbracht sein, 
dafi in derselben Gegend, wo chemie y chemije auch urspriinglich franz. 
-y- (geschrieben i oder -ili-) zu z werden kann. 

Mit anderen Worten : dreuiller kann auf einem alteren dreuser druser 
oder auf dreuyer druyer beruhen. Ob nun druser als eine Ableitung 
von einst im Zentrum 1 existierendem dru , fem. - se (cf. pie. dru-sé) 
oder auf eine Ableitung druyer zuriickgeht, das kann ich hier nicht 
entscheiden : es liefie sich auch denken, dafi ein druger zu druser m 
geworden ist (cf. charger\ parser, manger : méger y miger y niser ), 
und dieses druser dasselbe Schicksal gehabt hat wi z puiser >pouìer. 
Was nun die driller-, drouiller-, drailler-Formen anbetrifft, die mit 
der Bedeutung alaufen, Durchfall haben» auf druiculare zuruckgehen 
sollen, so gestehe ich, dafi ich bei einem Worte, das nach Godefroy erst 
Ende des 15. Jahrh. auftaucht, etwas skeptisch hinsichtlich dessen 
gallischem Ursprung bleibe. solange die Wortsippen von trouiller 
«péter», von drille , drouille «chiffon, lambeau» nicht untersucht worden 
sind, mòchte ich solch fernliegender Ankniipfung von driller «Durchfall 
haben» an ein sonst schon wenig wahrscheinliches druiculare wenig 
Vertrauen entgegenbringen. Und dies um so mehr, als auch die Ver- 
knupfung von bret. dreò «à moitié ivre», die Gamillscheg nach Henry 
s. dreo ansetzt, mit einem kelt. dritto nach L o t h, Revue celtique XX 
342 sehr unsicher ist. 

Was nun endlich das altfrz. drugier «betrugen» betrifft, so ist 
die Ubersetzung «betrugen» durchaus nicht sicher: la vie de Saint- 

1 Heute lautet das Feminin drusse nach gras gros: grasse, grosse, cf. 
aber unmittelbar siidlich bourb. drusine, das doch auf altes druse hin- 
weist. 



ZUR GESCHICHTE UND RERKUNFT VON FRZ. DRU 321 

<jrégoire-le-Grand, welche Montaiglon, Romania Vili 5l9ss. publiziert 
hat, bietet das Wort druge, drugier an zwei Stellen. Der Dichter 
erzàhlt die Episode von der unbeugsamen Gerechtigkeit Trajans, der 
filler armen Frau gegen einen mdchtigen Grofien volle Gerechtigkeit 
widerfahren Jiefì : nun ermahnt er, mit dem Hinweis auf das letzte 
Gericht, die zeitgenòssischen Richter: 

v. 1477 ceulx qui encor(e) jugiez seront 
des jugemens que ci feront 
devent bien et a bien jugier 
sans felonie et sans drugier 
aussi comme Trajan juga ; 

Die Stelle diirfte am ehesten den Sinn von deutschem «ohne (mit 
der Gerechtigkeit) zu scherzen» 1 haben, und es scheint mir unmoglich, 
druger von druge zu trennen, das im selben Text v. 2062 belegt ist: 
2047 Quer j’ai esté, c’est chose ferme, 
accusé tout en I. soul terme, 
devant le pere esperitale, 

2050 de vous, sachiez, et du deable, 

qui du tout me vouloit confondre. 

Si ne Savoie auquel respondre, 
et, se jamès peut avenir* 
que vous voiez aucun fenir, 

2055 qui qu’il soit ne de quelz merites, 
gardez bien que de li ne dites 
paroles de detraction, 
mès de vraie compassion, 
ne de celi meesmement 
2060 qui va pour oyr jugement 
et sentence devant tei juge 
qui ne veut ne bourde ne druge, 
et qui va o son adversaire 
2064 pour oir son jugement faire; 

Hier hat wohl druge im Zusammenhang mit bourde denselben Sinn 
vron «Scherz, Spafì» wie oben, und damit reiht sich dieses druge durchaus 
richtig in die Familie des nordwestfrz. druger. Dlirfen wir nun das 
ganz vereinzelte, geschichtslose lyonn. drugi «tromper» auf eine alt- 
frankische oder bu rg und isc h e Form mit dr-{driugan) zurtick- 
fuhren, ohne vorher alle Mòglichkeiten zu erwagen, wie etwa 
druger «betriigen an druger «courir, sautera angeknupft werden kònnte? 


1 Cf. unten westfrz. druger «s’amuser, badiner». 



322 


J. JUD 


IL 

Ich gebe nun zunachst mein Material geographisch geordnet, und 
zwar 1. dru, und seine substantivischen wie verbalen Ableitungen,. 
2. drugier (< drnticare). 

1. dru . 

No r d f ra n kreicb. 

Picardie. dru «fort, bien portant, vigoureux» (Jou. et Devauch); 
èdrué «se dit d'un enfant devenu assez grand pour pouvoir se passer de 
soins de toute nature» ; gadru «on dit d'un tout jeune enfant qui est 
vif, éveillé, gaillard, bh n portant, qu’il est bien gcidru\ dédrnir, dé- 
drussir «éclaircir, rendre moins dru» (ibid.); Saint-Pol dru, -t f. «serré, 
en grande quantité», esme dru «semer dru», sa clytv dru «ga se lève 
dru», ed l'avàn byc dr'ut «Pavoine est bien drue» (Edmont); boulon- 
nais dru «serré» (blé), semer dru (Haigneré); rouchi drudé subsE 
«qualité de ce qui est dru», drnesse «druité, druté, qualité de ce qui 
est dru t état de ce qui est serré en toile, en touffes de végétaux» ; 
druté d'une toile, d'une étoffe «est. lorsque le fil est serré»; la druté 
«du blé est, lorsque les plantes sont semées trop dru* (Hécart); Lille 
dru ce mot qui autrefois signifiait «épais, serré, pressé, gras, bien 
portant», ne s’emploie plus à Lille que dans le sens de ,beaucoup { et 
encore bien rarement» (Vermesse), Demuin drusse fém. de dru , dédruir 
«éclaircir des légumes ou autres plantes qui sont trop drus» (Ltdieu). 

Wallonie. Couvinois dru «emplumé, capable de prendre son voi» 
(Marchot). 

Ncrmandie: Havre: dru 1. en bonne santé, vigoureux; 2. emplumé 
(Je sais un nid de mèle, les petits sont drus) (Mazé), Guernesey dru 
«fort, épais» (d’où: i plleut dru, fouitte-le dru «il pleut fort, fouette- 
le fort») (Métivier); Bonneval dru «serré, nombreux, opposé à ,clair‘« \ 
semer dru f semer clair (Desgranges), Eure dru 1. vigoureux, dispos 
«dans le sens des mots latins ,acer, strenuus, et non ,gaillard, vif, 
gai‘» (comme le voudrait PAcadémie), mal dru «mal portant» ; 2. = lat. 
«densus», s'applique aux objets serrés, rapprochés (Robin, ebenso bei 
Du Méril); Louviers: drti «vigoureux, bien venant, grands, en parlant 
des enfants et des poulets», semer dru «serré» (Barbe). Villette 
(Calvados) dru «bien portant» (Rev. des parlers pop. 1, 48) b 

Maine, Anjou, Bre'agne frangaise: mane, dru(e) «en santé, solide r 
jeu de bouebon, gaillard (Dagnet); Bas-Maine dru «robuste, en bonne 
santé», ét dru «ètre dru» (Dottin); Perche: jeu de drue (Vallefranche), 

1 Dazu wohl auch: Bra> r druire «des oiseaux commengant à avoir des 
plumes» (Decorde). 



ZUR GESCH1CHTE UND HEKKUNFT VON FRZ. DRU 


323 


jouer à la tinte, drussir «atteindre son développement» (oiseaux) (Pe- 
schot); 11-le et-Vilaine: drue «jeu de bouchon ; la drue, c’est le bouchon 
ou mieux le morceau de bois taillé surlequel on place la monnaie» (Orain); 
Rennes drue «jeu du bouchon» (Beschreibung) (Coulabin); angev. dru 
«fort, vigoureux, bien portant, gaillard; fort, croisé, adulte» (canetons, 
oisillons), dru com. «pere et mère» (à Briollay) (Verrier et Onillon). 

Poitou, Saintonge: Le Dru , nom de famille (Eveillé). 

Centre : Gatinais: drussir «despetits oiseaux qui prennant des plumes r 
qui d viennent drus»; d’un terrain ensemencé qui pousse dru, d’un- 
gars qui devient fort et vaillant. N’a pas un mot qui le remplace 
exactement ni aussi brièvement dans la langue off delle» (Roux); Yonne: 
drusse, fém. de dru. (Eh ben! Coument que va vout’ femme? — 
A n’est toujou gué drusse); drue «sorte de jeu, consistant en une 
petite pièce de bois à trois pieds qui porte les enjeux et qu’on abat 
avec un palet» ; drumelle , terme de mépris, syn. de fumelle, drussir 
«prendre de la force, devenir dru» (se dit partic. des petits oiseaux), 
drussiti, -ssol «poussière qui reste dans un nid, quand les petits ont 
pris leur volée» (Jossier); Centre dru, -te c’ie fille a ben grandi, la 
vlà tonte dritte (à Amognes) (Jaubert); bourb. (Varennes) dru Bine f- 
«vigueur alerte, état d’une persoi.ne, d’une piante ou d’un animai qui 
est dru, engrais qui donne de la vigueur aux plantes» (Duchon), bourb. 
dru Bine adv. «en parlant des récoltes, ce qui pousse vite: £a pousse 
de dr usine \ dru Bine «gaieté, enjouement» (Choussy). 

Bourgogne, Franche-Comté, Morvan: bourg. dru : hommes drus 
«fermes, rebondis» (Durandeau); Doubs: druesse «fumier, gadoue 
qu’on met au pied des plantes pour les faire pousser drw> ; 2. «fécon- 
dité du sol»: on dira d’une terre affaiblie, usée, «quelle a perdu sa 
druesse » (Beauquier), montbél. dru «dru» (des petits oiseaux, quand ìls 
ont assez de force pour quitter le nid), drua'e «poussières et ordures 
qui restent dans un nid récemment abandonné», Saóne-et-Loire : dreù 
«dru, fort, touffu», Montret: adrusené «gami de plumes», vaudru 
«poussant trop dru» (Gaspard), Damprichard : drui fém. «putain»- 
(Grammont), Bournois dru , -u fem. «dru, des petits oiseaux dont les* 
ailes sont assez développées pour leur permettre de voler; état pros¬ 
père des végétaux» : le bya so dru «les blés sont drus, ils sont à’uw 
beau vert et en train de pousser très vite», druyòs «qualité de ce qui 
est dru; sortes de pellicules blanchàtres qui restent au tond du nid 
d’où les oiseaux sont nouvellement'envolés» (Roussey); Grand’Combe 
dru «gaillard, vif, allégre» (Boillot); Petit Noir: dru, -3 fém. «bien> 
portant (terre, personne)», vadru «très fertile» (Richenet); Bioye-les- 
Pesmes: dru «bien venant», oiseaux drus comme pére et mère, quand ils 


324 


j. JUD 


ont leurs plumes (Perron); Saóne-et-Loire : vaudru «qui pousse vigou- 
rèusement, presque avec excès» (se dit des plantes), vaudruger «pousser 
dru»; màchedru «màche-ferme», qui mange avec avidité, gourmand» 
(Fertiault); Beaune: dm «solide, vigoureux , taper dru «se battre vail- 
lamment» ; vigoureux (surtout des oiseaux nouvellement éclos) (Bi¬ 
game); Bresse louhannaise: dru «gaillard, vif, alerte, bien venant, 
ayant toute sa force; serré, épais»: fa pousse dru » (des oiseaux) quand 
ils ont leurs plumes et assez de forces pour quitter le nid : dru comme 
pére et mère« (Guillemaut), Saint-Germain du Bois: moineau dru «lors- 
qu’on peut l'enlever et qu’il est assez fort pour étre élevé», vaudru «se 
dit d’une piante qui pousse avec trop de vigueur» ; Beaune : druesse «vie, 
sève abondante dans les plantes; épais, serré: Pou ce temps qui tot 
à pliain de druesse , to pousse ai piatili; les denrées que jaunissaint ces 
jors derrés, les voiqui qu’al airant beintot trop de druesse* (Denizot); 
Morvan: dreu, drti, - e «gaillard, robuste, ayant toute sa force (des per- 
sonnes, mais surtout des oiseaux près de quitter le nid)», dreudler 
«jouer, falàtrer avec entrain, avec vivacité (se dit principalement des 
petits oiseaux qui sautillent autour de leur nid avant de s'envoler et 
aussi des enfants)», enjaudreuiller «mettre en train, amuser, dissiper 
(des enfants)», maiidru «le plus petit oiseau de la couvée», dreuler 
«prendre des forces, de la vigueur, de l’énergie», rendreuiller «ranimer, 
rendre vif, dispos, dru», se rendr - «se ranimer, redevenir alerte, se 
remettre en train» (Chambure). 

Alsace-Lorraine : Chàtenois: dru «bien emplumé», druanche «crasses 
^t pellicules laissées dans le nid que les oiseaux ont délaissé» (Vautherin); 
Vosges mérid.: drnòs, -às «engrais» (Bloch», Cleurie (Vosges): druasse 
f. «amendements végétaux, tels que récoltes enfouies», enne bouonne 
druasse «une bonne terre, une bonne fertilité» (Thiriat); Vosges: 
dru(e). Ventron: drux «qui commence à engraisser», Savigny dru -sse 
«gras, épais» : nof soppe de pois ast drusse «notre soupe de pois 
est drue, épaisse», Yald'Ajol: in temps dru «temps fertile» ; Vosges 
druosse «ce qui est dru; sue de Tengrais» (Haillant); lorr. drouance 
«matière fertilisante dans les engrais» àLeTholy; druasse «amende- 
ments végétaux tels que récoltes enfouies» à Saint-Amé; dru «tendre», 
Landremont druyàt «un peu mou, tendre, gras» (Adam); mess. dru 
drowe «tendre, mou, molle» (Jaclot), mess. driiya, «weich» (Zéliqzon), 
druyat «un peu mou, tendre, gras», drouance «état de ce qui est dru» 
(Lorrain); Bresse (Vosges) dru, -e «dru», druya de «gras, dodu», 
-y asse f. «qualité d’étre gras; embonpoint; fertilité» (Hingre). 

Champagne: Esternay: drussir «devenir dru, enforcir, grandiren par- 
lant des jeunes oiseaux» (Pietrement); Reims: avale-dru (un) «glouton» 


ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU 


325 


{Saubinet), Courtisols didruti', Vertus dédrussir «arracher un certain 
nombre de sujets, de tiges dans un semis trop gami, trop touffu»(Guénard). 

FrancoprovenQal : Suisse rom. dru adv. «fort, raide» : Leiva 
dru «il y va tout de bon», dru -(v)a adj. «vif, gai, bien portant; gras, 
fertile» (Bridel), vaud. dru «fréquemment, souvent, gaillardement, 
rudement» (JSiv. di filol. rom . I, 107), Leysin: drii, drwà «fett, gut 
gediingt (z. B. von einer Wiese), bien portante (Jaberg, Die assoz. 
Ersch . 90).; Blonay: drii, -uva «dru», tsavó dril «chevai vigoureux», 
piate driivè «plantes drues, serrées» ; grasse (de la terre), éipioti drii 
«il pleut dru» (Odin), Vionnaz drii-Uva «vif, gai» (Gilliéron), Gruyère 
drii - a «en santé» (Rom. IV, 242), Vaudioux: dru, -ya «dru(e)», tèrra 
druya, tsamp dru «fertile par Pengrais»; dru «rieur, joyeux * (The- 
venin), Fourgs: dru, druio[t) f. «gaillard, vif, allégre» (Tissot), sav. 
dru -rwà «gai, éveillé; dru» ntrà cavala é drwà «notre jument est en 
chaleur», l'èrba ere dru «l’herbe pousse dru» ; dru «bien fumé, nourri 
d'engrais» (Const. et Dés.), Albertville: dru (adj.) «chevai, boeuf, ne 
travaillant pas depuis quelques jours, qui sautille, gambade; terrain 
gras bien fumé» ; tapd dru «frapper fort» (Brachet); sav. dru, -a , droa 
«gai, bien formé» (Fenouillet); Val d'Aosta: dru, -ya «gras», tsan 
dru «champ bien engraissé» (Cerlogne); lyonnes. vadru -uà «se dit d'un 
enfant, d’un végétal qui grandit ou pousse rapidement» (Puitspelu); Saint- 
Etienne : drut *dru» (que nere pas si drut qu'un poulin que reguince «qui 
n'était pas si dru qu'un poulain qui rue» (Vey, texte du 17 e s. v.); Gre¬ 
noble: drieu «drues, vigoureuses», drio, drua «drue, vigoureuse, fertile», 
driaille «amas d'épluchures» (Ravanat), dauph. drio, drieu, drua «drue» 
(Devaux). 

Slid fran kre ich. 

Provenga!: prov. mod. drud, dru (dauph.), drude (lang.), druge 
(lang. lim.) «dru, luxuriant; fertile, plantureux; riche, opulent; bien 
nourri, vigoureux, gaillard, robuste; adulte, nubile; rude (en limous.), 
délicat (dans les Alpes)», blad drud «blé dru, touffu et vigoureux»^ 
terrò drudo «fertile», aigo drudo «grasse», ome drud «riche», aucèu 
drud «prét à s'envoler», pied dmge «frapper dru», drudarié «gaillar- 
dise, galanterie, cajolerie, caresses d’amour», drtideja «devenir dru, 
fort, adulte (oiseaux)», -damen «vigoureusement», -deso, -die (mars.) etc. 
«fertilité, graisse de la terre, engrais, dépót de la bourbe, limon; luxuriance, 
vigueur, pléthore; opulence», vigno an drudiero en pieine force», -det 
«aisé, assez riche, enfant bien portant, gaillard et sain», -dige gi- (lang.) 
«abondance de sève, vigueur, bonne santé, richesse» (Mistral), Alpes: 
Lallé: dru, -a «terrain fécond», druiara, -eira «animai gras à Pen- 
grais, état prospère d'une personne», endruar «engraisser les trou- 


326 


j. JUD 


peaux, la terre», druanda , -enda «animaux ou personnes bien soignées r 
endrueira «troupeaux gras», deidruar «appauvrir une terre» (Martin); 
Champsaur dru «(homme) bien portant, gras (terrain)»; Barcelon- 
nette dniisa «engrais» (Arnaud et Morin), endruisar> endruar «en- 
graisser les terre avec du fumier» (ibid.) ; Vinzeìles: dru, -dà «fort, 
robuste» (Dauzat); Ambert dru, -udo «bien portant, de croissance 
vig.oureuse», ìimous. drut,-da «dru, bien portant, bien nourri» (Laborde); 
périg. dru , - ucho f -uco «dru , drucà , drujà «étre, devenir dru» (Daniel); 
Castrais dru «dru, fort, en grande quantité» (Couzinè). 

Italien: piem. driì «grasso, fertile, rigoglioso (terreno), schifo, incon¬ 
tentabile nel mangiare, talvolta leccardo», Viverone: druwi f. pi. 
«grasce» {Ardi, glott. 14. 114), Viverone: druwi «fertili» [Mise. -ìscoli 
250), valses. driì «si applica all’ erba del prato che cresce rigogliosa», 
druvci «sostanziosa, si applica alla minestra quando è fatta con broda 
concentrato», Castellinaldo : driivni «buon tempo, uzzo, vivacità deri¬ 
vante da benessere, schifiltà di persona ben pasciuta» (Toppino), i on- 
ferr. dri «uomo, animale ben pasciuto, arzillo, superbo di sua forza»,. 
driueira «baldanza che nasce dal troppo bene stare», Carpineta d’Acqui : 
driv «forte, temerario, ardito» (Ferrari): altgenues. druo «ricco, fornita 
(di beni), prosperoso, benestante», drueza «rigoglio, prosperità, benes¬ 
sere» {Ardi, glott . Vili, 349), gen druo «grosso (di panno, muro),, 
rozzo, grossolano (di persona)», drua «moietta: intestino o budello 
polputo delle vitelle da latte che assieme allo strigolo si cuoce in vi¬ 
vanda» (Casaccia); altmail. drudo «vegeto, prosperoso, florido, ricco»,. 
drneza «rigoglio, benessere, floridezza» (auch von Bàumen : floriscen 
con drueza , cf. Seifert und Riadene, Il libro delle tre scritt., glossi) ; 
com. drudd «vegeto, vigoroso» (di persona giovane e ben vegnente, 
di alberi e piante vegete); ValF Anzasca drov «fanciullo vegeto e 
ben in carne» «Monti); Arbedo: driid «verde, semicrudo». 

Atlas ling.: Karte 472: il a les sourcils épais : P. 121 (Haute-Marne): 
dru neben d’epe. 

Karte 1391: vif, vive: P. 107 (Yonne) : dru, drut, 104 (Nièvre) : 
dru, f. dru. 

Altfranzòsisch: dru: orgière (Caritè et Miserere), erbe (Ch. de Ro¬ 
land, Cristal et Claride etc.). — Li Vers le Mort, 13. Jhd. : Péciés 
les eles ta tondues: Savoir veus noveles et drues, quier consei de 
te maladie! Il fait boin croire entroes qu’on prie. CXL11I, v. 4—7* 
dru: (li Regrès nostre Dame) estre dru d’avoir = «plein»; pais dru 
«pays fertile» (God.); sain et dru (God.); bien estes d’eur comble et 
drue quant de vous veut faire sa drue (Adenet, Cleomades). — Messire 
Carles et ses gens se saisirent de la ville et trouverent les maisons 


ZUR G ESC HI CH TE UNI) HERKUNFT VON FRZ. DRV 


327 


iirues et remplies (Froiss.), Adont estoit li rc^aulmes de France gras, 
plains et drus\ ville piaine, lime et bien gamie (Froiss.). 

dru(e)ment «dicht, reichlich, sehr» : traire, lancer des flèches, dards 
dru(e)ment; semer le chenevis druement ou rarement; et molt le lui- 
denge drument. la bele a de l’avoir asses qui les fait vivre druement ; 
si estoit drument belle; druerie cadeau galant, bijoux et ornements 
de toilette» (Laborde). 

Altprov. drud «dru» (Levy) (dessen Belege mir nicht zuganglich sind). 
2. tlrugier , dì iHjir . 

Normandie: druger «agiter, remuer, troubler, bouleverser» : il ne 
faut pas faire vie qui druge, mais vie qui dure. Dicton norm. (Moisy); 
drugeon «drageon, rejeton, pousse surabondante sur la tige d’un 
arbre» (ibid.) ; norm. druger «s’amuser, se réjouir», avo ir les druges 
«ne pas tenir en place», drugir ' courir de coté et d’autre» (Duméril), 
Vire: avo ir les druges «remuer constamment» [Rev. des p. pop. I, 
102). Bessin drujié «s’amuser, mener une vie de dissipation» (i fo fere 
vie qui dure é non vie qui druje>> (Joret); Villette (Calvados) drugi 
«remuer» ( Rev . des pari. pop. 1, 48); La Hague: drugiei «sauter, 
courir, cornine les jeunes veaux, folatrer, badiner, s’amuser bruyamment» 
(Fleury), Dole: drujctte amie, compagne, maitresse» (Lecompte). 

Maine, Anjou, Bretagne franqaise. Haut-Maine drugir «devenir dru, 
grand, fort, bien portant» (Montesson) ; Jublains: drugir «se dit en 
parlant des oiseaux. li s’applique aussi aux personnes, revenir en 
sante», redrugir «se dit des hommes et des animaux qui reviennent 
en sante> (Verger); mane, drugi «prendre de la force» (Dagnet), 
Bas-Maine: drujé «druger, s’amuser», druji(r) «devenir dru, bien 
portant, robuste», druj f. pi. «démangeaison», drusi(r) «devenir dru» 
(Dottin): vendòmois drugir «grandir, pousser dru» (Martellière) ; blat- 
sois druge «drageon, nouvelle pousse qui naìt à la racine d un 
végétal; brin de jonc qui se place entre les douelles d’une futaille pour 
la rendre étanche, quand elle a du ,trop fond 4 » (Thibault); Coglais 
druj è «jouer, s’amuser bruyamment» (Dagnet) ; Ille-et-Vilaine : druger 
«jouer, s’amuser, lutter surtout». -— (Veux-tu druger o ma? — Vére. — 
ils vont se faire du ma. — Nenni, j’ drugeons.) drugette « lit de jeunes 
mariés (à Fougeray) (Orain); Rennes; druger «jouer, s’amuser.», assez 
drugé (je suis) lassé» ; quand le chat n’est pas là, la souris druge 
(Coulabin); Mée druger «jouer, folatrer» (Leroux), Pléchàtel druj'e 
s’amuser*, drujèt «jeune fille un peu légère», drujó, fém. -wèr «qui aime 
il druger; qui est en train de druger», drujriy «action de druger», 
xmgev. drucher «sauter: (Ex.: vous venez trop tard à la chasse, il faut 


328 


J. JUD 


arriver à la piqué du jour, les lièvres druchant avec les chevai), 
drugir «devenir fort, se développer, se dit des canetons, des oisillons», 
drusir «devenir dru» (Verrier et Onillon), tourang. drurgir (se) «se 
sortir d’embarras, payer ses dettes, devenir plus fort» (Rongé). 

Poitou, Saintonge: poitev. druge adj. «vif, actif, ombrageux, se dit 
des animaux et des hommes lestes et Iqgers de corps», drugeai «se 
distraire, s'amuser», drugesse «vivacité, activité» (Beauchet-Filleau, 
Lalanne); poitev. drugesse «activité d’esprit, rapidité de conception, 
vivacité dans les mouvements de F esprit et du corps», druge «leste 
de corps, actif d’esprit», druger «ètre ardent au plaisir» (Favre). 

Centre: Yonne: drugée «matière bianche, écailleuse qui reste dans 
le nid abandonné des petits oiseaux, et qui consiste sans doute en des 
particules de peau, d'épiderme provenant de la mue» (Jossier); mau- 
druger «mal venir, mal pousser» (animaux, semences) (Jaubert). — 
Bourgogne, Franche-Comté, Morvan, Doubs: Jura: druger «sauter, 
bondir, cabrioler» (Beauquier), druger «cabrioler, sauter avec gaité» 
(les élèves drugent au sortir de la classe, les animaux drugent dans 
la neige), adrugeons «pellicules qui enveloppent les plumes naissantes 
des oiseaux, au fig. quitter ses adrugeons «prendre un essor, devenir 
assez raisonnable pour se conduire soi-mème» (Monnier), Saint-Germain- 
des-Bois drugeóle = adrugeons (Guillemin). 

Àlsace-Lorraine: La Baroche: drcègi, futur: sa drcègr# «von Getreide, 
Hafer, Kartoffeln, die gedeihen, dicht stehen», inbesondere «lorsque 
deux tiges sortent de la mème graine», Belmont truci «von der Feld- 
frucht, die gedeiht, dicht steht», tritò «pied de salade, de seigle, sur 
lequel plusieurs tiges sont réunies» (Horning), zur Form mit tr- 
Horning, p. 172. 

Francoproven^al: Suisse rom. : drudje, drudse fém. «fumier, engrais; 
abondance, bien-ètre», La drudje tor lo cou «Tabondance est fatale» 
(proverbe de la Gruyère); drudjon y drudson «fille forte et robuste 
pour le travail» (Genève) (Bridel), Noiraigue (Neuchàtel) eytr y 
édroiidji «ètre enrhumé» (Urtel, Bull, du gloss. 12, 15,'«cornine si 
la matière qui encombrait le nez pesait du fumier»), Val dllliez: 
driids d «pré gras dans les montagnes» {Rev. diai . rom. Ili, 45), 
Vionnaz driidsó «herbe qui croìt sur la ,drudze‘», driidsè «pré bien 
fumé dans le voisinage d’un chalet», édriidyé «fumer un terrain» 
(Gilliéron), Chàble endriidjyé «engraisser du terrain, y mettre du 
fumier» {Rom. VI, 371), Hérémence druse «fumier» (Lavallaz 148); 
Blonay: driidsè «tout engrais qui sert à augmenter la lécondité de 
la terre; aisance, bien-ètre», driìdséyi (sé) «s'ébattre» (en parlant du 
bétail); Idriidsi «engraisser les terres; prendre de Tembonpoint» (Odin); 


ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU 


329 


Fourgs: endredsi «fumer, amender» (Tissot); Vaudioux: drudse «en- 
grais de toutes sortes», drudsi «gambader, folàtrer», endrudsi «mettre 
de l'engrais» ; sav. drujhè f. «engrais (fumier, purin), la première herbe 
qui pousse apiès la fumure d'un champ», druge «pré en montagne, 
situé en contrebas d'un chalet». Ce pré donne de bon foin ; il est 
ainsi appelé prob*, parce qu’il regoit la drage de l'étable» (Const. et 
Dés.); Albertville: druse «engrais, fumure», édruger , édrusier «met¬ 
tre de Tengrais, fumer un terrain» (Brachet), sav. drujhe ’gaìté,. 
abondance, engrais, fumier», endrujhi «rendre gai, dru (des pers.), en- 
graisser (de la terre)», endrujhia «bien fumé» (Fenouillet), genev. 
(frg. pop.) druge «engrais, fumier», drugeon «femme, fille forte, la- 
borieuse» (Humbert); Val d'Aosta dreudse «engrais, fumier» (Ceri.); 
lyonn. se plaindre de druge «se plaindre de trop de bien-ètre» (iro- 
nique), le miron est in druge «se dit de chats lorsqu'ils sont dans ces 
états nerveux où ìls ne font que bondir», drugeon «rejeton au pied d'um 
arbre», drugeou -sa «trompeur, -euse», drugi «pousse excessive, sur- 
abondante» (der Sinn von «provision» sei trotz Godefroy unbekannt),, 
«fumier, engrais», drugi, adr- «bondir, sauter, s’amuser par des sauts 
précipités» : la mira druge «se dit des chats quand ils soufflent, quand 
ils font des bonds désordonnés; tromper» ; Forez drugi «ètre joyeux, sauter, 
jouer, en parlant des entants, des chats, des chevaux», drugi s. fém. 
«surabondance, profusion de bien; fumier, engrais», endruged «fumer, 
rendre, ,druge l », (Gras); Saint-Btienne: drugie «faire bonne chère» 
(Veyi, (cf. aussi Onofrio: «faire bombance»), Grenoble endrugié «fumer 
la terre», drugeié «se réjouir, sauter de joie», drugeyé «faire bom¬ 
bance, faire bonne chère, mener joyeuse vie», drugi f. «abondance, bien- 
ètre», se grusié de drugi «se plaindre de trop d'abondance, sans 
aucun motif» (Ravanat); Voironnais: druge, avoir de la druge «ètre 
dru», se pla ndre de druge «se plaindre que la fille est trop belle», 
endrugier la terre «lui donner plus de vigueur par l engrais» (Blanchet) ; 
drugeié «se réjouir, danser, ètre de belle humeur, sauter» (Charbot); 
Usseglio: drugi «sterco» (Terracini, Arch. gioii . XVII, 324). 

Provenga!: lang. lim. druge = drud (v. oben); dauph. drugeia y 
drujà (périg.) = drudejà, drujo (aveyr.) = drudeso (Mistral) ; péri- 
gourd. druge , -jo «dru, -e», drujà «devenir, ètre dru» (Daniel), lim. 
druge, drujà «dru, bien portant, bien nourri» (Laborde), Ambert 
(Puy-de-Dòme) : drudjà «croìtre vigoureusement; montrer une exubé- 
rance de vie excessive», drujo, avi la drujo «montrer la joie de 
vivre», périg. drujà «devenir dur (?) (sic! Colas), Briangonn. drujo 
«vase, bourbe deposée dans un réservoir», endrugiar «engraisser la 
terre» (Chabrand et Rochas). 


330 


J. JUD 


Italien: piem. andriigia «letame, concime», driigia «letame, concime», 
valses. druggia «concime» (Tonetti), monferr. druggia «letame» (Ferraro). 

Alias ling. : Typus: drudzd «fumier», K. 618: P. 988 (Valais), 975, 
966 (Val d'Aosta), 964, 965 (Savoie), 982 (Piemont); K. 1285: tas de 
fumier: 986 (Val d'Aosta). — K. 1447: averse: P. 191 (Wallonie) 
druslè (vieilli) «averse» zu dru? 

Material ien des Atlante linguistico svizzero-italiano, 
aufgenommen von P. Scheuermeier : driigia in folgenden im Piemont 
gelegenen Punkten : Asti, Pancalieri, Torino, Pramollo, Ostana, Villa- 
falletto, Cuneo, drii in den Alpen von Giaveno, das Verb: Typus 
andriigé , -gì, -gd i kamp : Pettinengo, Pancalieri, Villafalletto, Corte- 
milia, Corneliano, Bruzolo, Torino, Pramollo, Giaveno, Ostana. 

Altfranzosiscii : Godefroy : drugier (Vie Saint-Grég., sens incertain), 
driiger «pousser abondamment» (16 c s ). druge «piagenterie, jeu, risée, 
moquerie». druge de veel ne d.ure pas tuz jourz (proverbe de France). 

druge as truffe a dainty, round, and russet root. thats all inclosed 
within, but not on any part fastened unto thè ground; by thè bulking 
oat whereof tis found (Cotgrave). 

IH. 

Zunachst bespreche ich die formai e n Probleme, die sich an die 
frz. Formen kniipfen : 

Femininbildung: Die Wòrterbucher geben se 1 ten das Femini- 
num. — pie. dru -se, cf. in demselben pican. Sprachgebiet bleu, - se , 
na } -se. — Saint-Poi dru, 4 findet seine Entsprechung in erti, 4 
{cf. ALF. c. crii), — Demuin, Yonne, Savigny — dru , drusse nach 
.gro(s), gra(s), roit(x): grosse , grasse, rolisse. — lothr. dru : drowe 
geht mit vendii: vendowe Lothringens J . — Blonay, Vionnaz: dru, -uva 
^ntspricht cru ì cruwa «cru -e», cf. J ab erg, Uber die assoziativen 
Erscheinungen in der Verbalflexion einer siidostfrz. Dialektgruppe, S. 90. 
Und ebenso entspricht dem piem. driiva die criiva «crue» Form. Wohl 
unter dem EinfluB einer Adjektivbildung wie etwa pauru(c) -co «peu- 
reux» ist ein dru druco gebildet worden, wie umgekehrt nach Mistral 
zu patirne auch ein Fém. pannalo existieren soli, oder wie zu cru(t) 
(nach sa sano) ein erutto auf der Karte des ALF., c. cru figuriert 1 2 . 

Verba 1 ableitung: - er und -ir Ableitungen von dru stehen 
nebeneinander, wobei nicht zu entscheiden ist, ob bei den -er Ab¬ 
leitungen die druticare: drugier Bildungen mitgewirkt haben. Inter- 

1 Dazu z. B. Bruneau, Etude phonétique des patois d’Ardenne, p. 203, 

2 Die Adverbialwendung von dru in pleuvoir dru findet ihre reich- 
lichen Parallelen in voir clair, porter haut usw. 


ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU 


331 


essant sind die Ableitungen, die nicht dru -e (Typus druir ), sondern 
einen Stamm druss-, drus- (vom Fém. : dru -ss£) voraussetzen : solche 
Bildungen sind besonders im Zentrum Frankreichs gut belegt, drusir- 
Formen im Westen, wobei lautlich allerdings dragar (<dru) und 
drugir und drugier sich beeinfluBt zu haben scheinen, so dafl ich sie 
nicht zu trennen wagte 1 . 

Substantjvbildung: Es konkurrieren -itici (-esse , haupt- 
sachlich ostfrz. -osse, -asse , stidfrz. -eso, -isó, altoberital. -esa), -té 
(drueté =eher imNorden), -ance (lothr. drouance)\ -iero- Ableitungen 
scheinen im prov. mod. drudiero endrueira, monferr. driueira vorzu- 
liegen. tìber draanda «animaux ou personnes bien soignés» ist die 
Entscheidung erst mòglich, nachdem einmal die -anda-Bì\d\ingen im 
Suden Frankreichs (victnda) und (die eher kelt. Bildungen v. Typus 
truan, -dar) «betteln» zusammengestellt sind. — Ein vereinzeltes Yonne 
drumelle «terme de mépris» ist natiirlich nach femette (wie Jossier 
richtig gesehen hat) gebildet. — In der Endung von Yonne : drussin 
kann -interi, aber auch ein anderes Suffix stecken. 

Zusammensetzungen: Eure: maldnt ist klar; mdchedru «qui 
mange avec avidi té, gourmand» ist eine Zusammensetzung von mdchedru, 
die reiche Parallelen in den frz. Mundarten hat*, uber vaudru vgl. unten. 

druger- Ableitungen: Zu dem Verbum druger ist im poitev. 
ein Verbaladjektiv druge «vif, actif, ombrageux«, das seine Ent- 
sprechung im limous. lang. drage hat, gebildet worden: zu solchen 
Bildungen vgl. die Liste bei Speich, Z. f. rom. Phil. XXXIII, 277, 
wo druge allerdings fehlt. Auf weitem Gebiet, d. h. auf dem franko- 
prov.-piemontes. Gebiet ist wohl von dem schon im Galloròmischen 
existierenden druticare «misten» ein ^drittica «Dunger, Mista gebildet 
worden. 

IV. 

Semantische Probleme: Es gibt wohl keinen besseren Weg, 
die Einheit der ganzen <frW“Familie wahrscheinlich zu machen, als 
wenn wir zunachst von der uns im Cymrischen tiberlieferten Bedeutung 
«stark, kriiftiga (mit der Nuance ins Tollktihne) ausgehen und neben 
die Bedeutungsverzweigung von dru die von deutsch geil und engl. 
wanton, lust, lat. luxuriari, laetus 2 , petutans, gurdus wie auch 
anderer bedeutungsverwandter WÒrter setzen. Im Anschlufi daran 
werden wir einzelne isolierte, regional eng begrenzte semantische 
Auslaufer besprechen. 

1 tourang.: drurgir (p. 328) ist dies Druckfehler in dem Wòrterbuch? 

2 Auf die Parallele von laetus batte mich seinerzeit im Gespràch K. J a - 
berg hingewiesen. 

Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 28 


332 


J. JUD 


Doch mòge gleich im Anfang die Beobachtung nicht unterdriickt 
werden, da!3 die reichste Bedeutungsweite der dru- Sippe in Sud- 
und Sudostfrankreich und im westlichen Oberitalien vorliegt, 
wàhrend geographisch das dru Nordfrankreichs eher als semantisch 


frohlich, lustig 


Deutsch: 

mhd. vró und geil , mhd. 
• geile subst. « Frohlich- 
keit», got. gailjan «froh 
machen» 


Englisch: 

wanton engl. «lu¬ 
stig, frohlich», 
engl. lusty «mun- 
ter,keck,gesund» 


naturfrisch, von fri- 
schem Lebens- 
mute, der aus 
strotzender Kraft- 
ftìlle fliefìt 


mhd. geil , fruhnhd. geil 
werden «vom erwachen- 
den Selbstgefuhl derKraft 
(bei der jugend)» 


ags. lusty «kraftig» 


iiberfroh,tiberlustig, 
toll (bei Liebe, 
Fest, Gelage) 
werden 


froh, bereit zu etwas 
sein, kampfesfreu- 
dig, tollkuhn 


mhd. sich geilen, geil wer¬ 
den, Schwab, geil «uber- 
froh », fruhnhd.g^/7 c Uber- 
mut», mhd. geilen «sich 
lustig machen» 

ahd. geila muot «feroces 
animos», mhd. se strìte 
gail «todfreudig» ; geil - 
heit des 1 alken «froher 
Ubermut» 


ags. ealo-gal , win- 
gal «bier-, wein- 
fròhlich,bier-,wein- 
trunken». ags. ge¬ 
lati «insuperbire» 


ausgelassen, iiber- 
mlitig (von Tanz, 
von Ziegen und 
Fullen beim 
Springen), lustig 
t&ndeln,scherzen 1 


mhd. geile Sprunge; nhd. 
geiles Fullen i Luther), 
schles. geil lustig, ausge¬ 
lassen (vom Vieti und von 
Pferden), nhd. geilen (von 
Katzen,Fùchsen, Màusen, 
Fischen, Vògeln), «Pos- 
sen treiben» (von Men- 
schen), hess. geilen «Mut- 
willen treiben, sich im 
Scherze balgen» 


engl. to wanton 
«umhertàndeln, 
scherzen, liebeln, 
buhlen» 


1 Cf. iiber das Spielen in der Liebe einige psychologisch feine Bemerkungen 
bei Leo Spitzer, Uber einige Wòrter der Liebessprache, p. 47. 



ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU 


333 


verarmtes Relikt des Gallischen zu betrachten ist. Wollen wir 
die Zentralbedeutung von gali, druto kennenlernen, so werden wir 
uns nicht an das schr iftfranzòs. dru, sondern besser an die siidfrz. 
westfrz. Mundarten wenden 1 . , 


Lateinisch-Romanisch: 

lat. petulari «mutwillig sein», lat. 
laetus «fròhlich, heiter» 


lat. luxuriari «strotzen, schwellen» 
(membra), sp. gordo «grofi, 
stark», ital. rigoglioso (bambino 
rigoglioso) 


at . petulari,petulans «ausgelassen 
sein» (feminae), lat. laetitia 
«Liebe, Freude, Liebesgluck» 


lat. luxuriari «in Ausgelassenheit 
verfallen, hiipfen, springen» (ser- 
pens, pecus, leo), lat. petulari 
(ammalia), sudfrz. gourdejd 
«folàtrer», s’ébattre, bondir (en 
parlant des bètes à laine ou à 
cornes)», lat. lascivus «schakernd, 
lose», lascivire «uppig sein, 
schàkern, hin und her springen, 
sich gehen lassen» 

1 Und man bemerke besonders die 
unzerstorbare Einheit der Bedeu- 
tungen von druto - und der Ableitung 
druticare (drugiev, druge). 


Grand'Combe dru «gaillard, vif, 
allégre», Vionnaz dru «vif, gai»; 
norm. druger «s’amuser, se ré- 
jouir», sav. drujhè «gaité, abon- 
dance» 

Bresse louhannaise dru «gaillard, 
alerte, ayant toute sa force», 
Beaune druesse «séve abondante 
dans les plantes», prov. mod. 
drud «plantureux, luxuriant», 
monferr. drt «arzillo, superbo di 
sua forza», poi te v. druge «vif, 
actif, ombrageux» * 

(ir. druth toll), monferr. drio «te¬ 
merario, ardito, forte» 


cymr. drut «fortis, strenuus, au- 
dax», pie. dru «fort, bien por-* 
tant», mane, dru «solide gail- 
lard», Blonay drii «vigoureux», 
neuprov. dru «vigoureux»,Suisse 
rom. drudjon «fille forte et ro¬ 
buste pouf le travail» 

spatlat. indruticare «herausfor- 
dernd iippig sein», sav. dru 
«chevai qui sautille, qui gam- 
bade», monferr. dri «arzillo»,. 
Morvan dreuiller «jouer, folàtrer 
avec entrain» (des petits oiseaux,. 
des enfants), norm. drugie(r) 
«s’amuser, mener une vie de 
dissipation, folàtrer, courir comme 
les jeunes veaux», Doubs driiger 
«sauter, bondir, cabrioler», Blo¬ 
nay sé driidséyi «s'ébattre (du 
bétail)», Saint - Etienne drugie 
«faire bonne chère» 


. 23* 



334 


J. JUD 


zu iibermiitig, un- 
keusch, lascivus, 
briinstig 


fròhlicher Mensch, 
lustiger Schelm, 
verliebter Narr, 
ausgelassenes 
Madchen, Buhle- 
rin ; Kosewort: 
Liebling, Lieb- 
chen 


frech, unverschamt 
gierig 


fruchtbar von Pflan- 
zen, uppig wach- 
send 


Deutsch: 

ahd. keili «petulanza car- 
nis», nhd. geil (geiles 
Huhn, Hahn), nhd .geilen 
«unkeusch, briinstig sein», 
bayr. gailern «verliebt 
tun, schakern» (zwischen 
Personen verschiedenen 
Geschlechtes) 


meine lust auf die Geliebte 
bezogen 


nhd. frech und geil , ahd. 
geili «arroganza, jactan- 
tia», nhd geiles Feuer 
«gefrafiiges Feuer», geile 
Neider «gierige Neider», 
friihnhd. geilen «frech 
sein» 

niedd. neuhd. (15. Jahrh.) 

geiler Acker (— ager opi- 
• mus), geiler Boden «der 
sehr stark treibt», geiles 
Gras «Iippig, fast zu stark 
wachsend», d ie Saat wàchst 
* zu geil «zu schnell, zu 
dick», geiler Weizen «der 
zu sehr indieFIalme treibt», 
elsass. geilen «iippig auf- 
schieBent 


Engiisòh : 

ags. gal «luxuria, 
^ libido ,engl .wan- 
ton adj., ags. lust 
«Wollust» (dtsch. 
liistern) 


engl. wanton subst. 


engl. wanton adj. 


engl. dial. goal 
«rank as grass» 
(Wright s. gole) y 
angl. wanton , 

adj.; to wanton 
«iippig wuchern» 


ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT- VON FRZ. DRU 


335 


Lateinisch-Romanisch: 

lat. luxuriari «in Ausgelassenheit 
verfallen», lat. peiulantia (ocu- 
lorum), Ambert (neuprov.)^owr- 
dio «ardeur amoureuse», Centre 
gourdir «faire l’amour». it.: 
questo fremito universale di ri¬ 
goglio d’amore; marchig. ri- 
gugghiari «far gallorie, ralle¬ 
grarsi soverchiamente» 

mon galani «Liebhaber» (zu 
afrz. se galer «s’amuser, se ré- 
jouir»), galer esse «femme ga¬ 
lante», faire la gale «se livrer 
à une joie débordante»; cf. 
ferneraltprov./oALiebesfreude», 
personifiziert (auf Mann und 
Frau ubertragen): mon joi-\ neu- 
prov. lesto «maitresse, amante» 
(< «dispos, en bonne santé, jolie») 

lat. lascivus «frech, iibermlitig, 
geil», ital. rigoglioso 


lat. luxuriari «iippig wachsen», 
petulari (von Zweigen), laetus 
(ager, pascua, gramen), laetitia 
«iippige Fruchtbarkeit ♦, lat. la- 
xivus «iippig wachsend» 
frumenta luxuriosa «zu iippig», 
(armenta) laeta «feist, wohlge- 
nahrt t.gurdus «dick, fett»; auch 
etwa Aunis folle «cépage très 
productif et qui donne les meil- 
leures eaux-de-vie» 


sav. dru «en chaleur» (jument), 
prov. mod. drudarié «gaillar- 
dise. caresses d’amour», poitev. 
druger «ètre ardent au plaisir» 


afrz. dru(e) «amant(e)», altprov. 

drut -da «amant(e)» 1 
Dole drujette «amie, compagne, 
maitresse», Fougeray drugette 
«lit des jeunes mariés», Pléchàtel 
drujèt «fille un peu légère» 


limous. dru «rude», genues. druo 
«rozzo, grossolano» 


piem. dru «fertile», prov. drud 
«fertile, plantureux», afrz. pie. 
dru «serré, en grande quanVité», 
Val d’Illiez driidsd «pré gras 
de la montagne», norm. drugeon 
«pousse surabondante sur la tige» 


^Meringer, Wòrter und Sachen V, 148 denkt anlàfìlich der Besprechung 
der Herkunft von pulcher an ein andersgerichtetes Schónheitsideal (fett =* 
schòn = lieb), und man kònnte dafUr auf metz. gaye «grosse femme, joyeuse, 
gagui, galoise» (Lorrain) hinweisen und so auch dru «lieb» mit dru «gras», 
«en bonne santé» semantisch verkniipfen. 




336 


J. JUD 


Deutsch: Englisch : 

das, womit man òsterreich. gali «Diinger*, 
den Acker geil gailen «diingen» 

« fruchtbamnacht 


«zuiippig, unfrucht- 
bar» 


nhd. geiles Fleisch «wildes 
Fleisch» 


engl. wanton adj. 
«zu uppig» 


vom Geruch, Ge- 
schmack: widrig, 
fade, doch auch 
lobend «fett, gut, 
weich, zart» 


nhd. geile> «silfio , geil 
schmecken», aber niederl. 
geil «fett» (von Butter, 
Austern, Fischen), bair. 
gali 1 «weich, zart» 


V. 

Wer die erste Tabelle mit den rom. Formen von dru und drugier 
und die zweite mit der semantischen Parallelisierung durchmustert, 
wird kaum mehr geneigt sein, ohne zwingende Notwendigkeit, die 
weder lautlich noch begrifflich vorliegt, die dru Familie in zwei oder 
drei Teile zerfallen zu lassen. Genetisch dargestellt, scheint mir die 
Bedeutungsgeschichte von drut folgendermafien zusammengefafit werden 
zu kònnen: 


kelt. druto «stark, tollkiihn, iippig» (cymr. drut) 1 


stìdfrz. dru(t ), piem. dru, westfrz. 
dru «vigoureux, gaillard, solide», 
monferr. driv «temerario» 
voli Lebenslust, schakernd, ver- 
liebt, iibermiitig, ausgelassen, 
frech, briinstig, dru: druger 


landwirtschaft. Terminus: 
« star ker, gesunder, f ruchtbarer 
Boden, fruchtbare, iippige 
Pflanze» (dru) 

iippig, fruchtbar machen (dlingen) 
(druger) 

iippig, dicht, dick, weich, zart 
(lothr. dru , prov. mod. drud) 


Die wenigen Bedeutungen, die in der Tabelle fur dru , drugier nicht 
figurieren, lassen sich fast alle ohne grofie Schwierigkeit mit der Grund- 
bedeutung der drut- Sippe vereinigen: 


1 Cf. auch die Bedeutungsfiille von griech. «voli, ausgewachsen, reif, 

stark dicht, schwulstig»; span. locano «iippig, dicht belaubt; lustig, fròhlich, 
munter; frisch, lebhaft, rtistig», portg. lou^ao «kostlich, pràchtig, zierlich, 
elegant; belaubt, griin; heiter, fròhlich, niedlich, artig, hiibsch, fein, angenehm ; 
fig. frisch, munter, gesund, kràftig, stark ; span. guapo «mutig, kiihn, tapfer, 
brav; schòn, wohl aussehend, schòn gekleidet; galant, verliebt; Mann von 
Mut; Raufbold, Liebhaber, Geliebter*. 



ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRU 


337 


Lateinisch-Romanisch: 

laetare «diingen» (obwalcfc ladar\ 
laetamen «Diinger» (it. letame), 
laetifitare «diingen» (agrum) ; 
sp. engordar «màsten» 

laetus «fett» (pabula, tellus), ital. 
rigoglioso «zu tippig, zu starkes 
Treiben der Pflanzen» ; imol. 
argòi «soverchio vigore delle 
piante» 


Doubs druesse «fumier, gadoue 
qu’on met au pied des plantes 
pour les faire passer dru* *, prov. 
mod. endruar «engraisser», 
francoprov. drudad «fumier» 

Savigny dru «gras, épais» *, Lan- 
dremont druyàt «un peu mou, 
tendre, gras», Metz dru «tendre, 
mou», prov. mod. (Alpes) drud 
«délicat», prov. mod. drudeso 
«luxuriance, pjéthore» 


1. dru «emplumé» : Havre dru , cf. aber montbél. dru «des petits 
oiseaux quand ils ont asses de force pour quitter le nid». 

2. dru «heikel» : piem. dru «schifo, incontentabile nel mangiare, 
talvolta leccardo», Castellinaldo dfuveri «buon tempo, uzzo, vivacità 
derivante da benessere, schifiltà di persona ben pasciuta» knupft wohl 
an die Bedeutung von «weich, zart» an: cf. prov. (Alpes) drud «délicat» 
(vgl. etwa frz. une viande délicate , un enfant délicat , un estomac 
délicat ): wer zu gut genàhrt ist, verliert leicht den Appetit und wird 
im Essen heikel. 

3. Arbedo drud «semicrudo, verde», an der àufìersten Grenze des 
Wortgebietes von drud zeigt, wie dies oft in Grenzgebieten von 
Wortzonen zu beobachten ist, Bedeutungsverengerung, die iibrigens 
unschwer zu verstehen ist: drud heifit lomb. «vegeto, prosperoso», 
im Val Anzasca drov vom Kind «vegeto e ben in carne» : man spricht 
nun ja auch von einer persona verde «frisch, lebhaft, riistig», aber 
anderseits von frutta verde «unreife Fruchte» : ein àhnlicher Be- 
deutungsiibergang wird wohl auch in der Form von Arbedo vorliegen. 


1 Das Wort dru «amant» und besonders drue «amante», einmal dem 
Kodex der hofischen Literatursprache einverleibt, ist mit anderen AusdrUcken 
aus derselben Gesellschaftssphàre gewandert nach Italien (cf. it. gioja < joie, 
drudo < prov. drudo ì cf. auch altpaves. drua , altvenez. drudo, -da, istr. 
druga ), nach Spanien (akat. joy, drut, drudo , aptg. drudo) und bei der 
raschen affektischen Entwertung all dieser Ausdrtìcke (cf. Spitzer, op. cit. 
p. 7 ss.) ist es nicht weiter auffàllig, dafi drue in den frz. Mundarten unter- 
gegangen ist: ich kenne nur Damprichard dru\ «putaine», Broye-les-Pesmes 
druerie "galanterie obscène», und bezeichnenderweise hat sich das Wort drudo 

*Hure» nur an der Peripherie des frz. Einflufìgebietes halten kònnen: 
kat. drilt-da «Ehebrecher-in», unterengad. druda «Hure» « aven. druda). 
Tosk. drusiana , pis. trusiana kònnen mancherlei Quellen haben. 



338 


J. JUD 


4. genues. drua «molletta, intestina o budello polputo delle vitelle 
da latte che assieme allo strigolo si cuoce in vivanda» kntipft wohl, 
wie ital. molletta (molle «weich, schiaffa), an die Bedeutung von drud 

weich, zart» an (cf. oben unter 2). 

5. In Westfrankreich (Perche : jeu de drue\ Vilaine: drue , Rennes: 
drue, Yonne: drue ) ist die Bezeichnung des «jeu du bouchon», cf. dazu 
I. mire «morceau de bois placé debout ou bouchon sur lequel ou au pied 
duquel on place la monnaie formant Penjeu. La mere abattue, Penjeu 
se partage entre les joueurs dont les palets sont le plus près des 
pièces de monnaie» (Verrier et Onillon, Anjou p. 464). — II. Thaon 
yMormandie) : godiche «jeu de bouchon» (Guerhn de Guer, p. 301) ge- 
hòrt offenbar zu frz. godiche «nigaud -de». III. In einer grofien Anzahl 
von ostfrz. Mundarten(Aube, Lothringen, Belfort, Saóne et-Loire, Pierre- 
court, Doubs, Petit-Noir, Franche-Comté, Savoie, Dauphiné) heiBt dasSpiel 
gaiine , cf. z. B. Belfort gaiine «bouchon, ou petite quille servant desupport 
aux enjeux et de but, dans le jeu dit du bouchon». Das Etymon gallina 
wird in vielen Patois-Wtb. wiederholt: allein erstens stimmt die Form 
gaiine mit ihrem g - nirgends mit den Patois-Formen von gallina 
«Huhn» tiberein, zweitens kennt weder Siidfrankreich, noch, soweit 
meine Quellen reichen, Oberitalien das bouchon-Spiel als gaiina, so dafi 
eine Entlehnung des ostfrz. Wortes aus dem Siiden ausgeschlossen 
scheint. Dagegen legen die semantische Parallele angev. mere «femelle : 
quille du jeu du bouchon», Thaon. godiche «femme nigaude» : godiche 
«bouchon», drue «femme légère, putain» : jeu dela^r^esnahe, dasSubst. 
gaiine an galer «faire la noce», galie , galeresse «femme de plaisir» : 
f'aire le galin gallant «mener joyeuse vie» (God.) anzuknupfen x . 

6. Yonne drussin, - ssot , Bournois druyòs «poussière qui reste dans 
un nid, quand les petits ont pris leur volée», drugé «matière bianche, 
écailleuse, qui reste dans le nid abandonné des petits oiseaux et qui con¬ 
siste sans doute en des particules de peau d'épiderme provenant de la 
mue», Jura adrudson , Saint-Germain des Bois drugeòle «pellicules qui en- 
veloppent les plumes naissantes des oiseaux», oiseau «emplqmé, prèt à 
^envoler» ist das, was im Nest von den oiseaux drus zurtickgeblieben ist 1 2 . 

7. Bas-Maine druge «démangeai'son» schliefit sich semantisch an avoir 
les druges «remuer constamment» an und findet etwa seine Parallele im 
mess .frec’hin «s. m. farcin, gale, démangeaison, fig. femme brouillonne 
et remuante». 

1 Mit gaiine konkurriert auch ga^oche (jeu de galoche ). von dessen Ein- 
fuhrungin Paris durchdie Bretonen Daudetin seinem EnfantEspion berichtet, 

2 Das bei Cotgrave belegte druge «truffe» vermag ich nicht welter nach- 
zuweisen. 



ZUR GESCHICHTE UND HERKUNFT VON FRZ. DRV 339 

8. Lyonn. drugi , adrugi «tromper» kann leicht verkniipft werden 
mit druger «sauter, bondir, s’amuser» : amuser qn. heifìt im afrz. 
«tromper quelqu’un», oder man kònnte erinnern an «ètre fou (d’amour)», 
aber altfrz. cifoler «tromper» (cf. Grenoble drugier «faire bonne chère», 
Forez. drugi «jouer» [en parlant des’enfants] ) : also foli (vor Freude) 
sein. Sagt man nicht auch jouer qn. «jem betriigen» ? Und gewift 
sind noch andere Ankniipfungspunkte vorhanden, die alle zu erwagen 
waren, bevor man an die Aufstellung eines burgundischen Etymons 
denken darf. 

VI. 

Einen letzten Beweis fur die gallische Herkunft von dritto habe 
ich zum Schlufi aufgespart: namlich die Erklàrung der Formen vaudru. 
Ich stelle sie hier noch einmal zusammen: 

Petit-Noir vadru «très fertile», Saòne et Loire vaudrn «qui pousse 
vigoureusement, presque avec éxcès. se dit des plantes», vaudrager 
«pousser dru»; Bresse Chalonnaise (Saint-Germain des Bois) vaudru 
«se dit d’une piante qui pousse avec trop de vigueur»; Montret (Còte 
d J Or) vaudru «poussant trop dru», sav. vadru «fertile» (Const. et Dés.); 
lyonnes. vadru «se dit d’un enfant, d’un végétal qui grandit ou pousse 
rapidement» (Puitspelu), dazu gehòrt fast sicher auch pik. gadru 1 «on 
dit d’un jeune enfant qui est vif, eveillé, gaillard, bien portant, qu’il est 
bien gadru : die Bedeutung «très fertile» schimmert deutlich durch. 
vadru oder vaudru kònnen einem gali, ver-druto entsprechen mit jener 
Vorsilbe ver-, die wir in ver-nemetis «fanum ingens», cymr. gor frwd 
«sehr heifi», bret . gour-gamm «très boiteux» usw. (cf. Pedersen, Gramm . 
II, 10) : durch Dissimilation, worauf mich mein Freund J. U. Hubschmied 
aufmerksam macht, konnte ver-druto im Romanischen zu vel-druto 
werden, wie vertragus > veliragu (ital. veltro) : welches Resultat ein 
vel-druto in den ostfrz. und frankoprov. Mundarten hat ergeben mussen, 
durfte kaum zu bestimmen sein, da el + cons . sehr selten in vor- 
toniger Silbe bei lat. Wòrtern (die im Roman, iiberliefert sind) auf- 
tritt. Auf jeden Fall haben wir eine gallische Zusammensetzung 
vor uns, die sich ins Romanische hiniibergerettet hat. 

Unsere Studie hat so, wenn ich mich nicht irre, dem gali, druto 7 
das uns zwar aus dem Altertum nicht Iiberliefert ist, wohl aber in 
den inselkeltischen Dialekten fortlebt, seine Familie und seine Be- 
deutungen wieder geschenkt; ein totgeglaubter Zeuge des Gallischen 
ist zu neuem Leben erwacht. Die Galloromanen allerdings haben 
diesem gallischen Wort seit 2000 Jahren niemals die Treue gebrochen. 

1 Das pik. ga - statt va- wirft die^Frage auf, ob nicht gali, v- strichweise 
zu g- (in gali. Dialekten oder im Romanischen) geworden ist. 


J. JUD. 




Les verbes forts en wallon prélittéraire. 

La guerre a interrompu la publication d’une étude du wallon pré¬ 
littéraire que j’avais entreprise dans une revue d'Allemagne, la Zeit- 
schrift fiir franzosische Sprache und Literatur . Deux articles 
avaient été imprimés, le premier, Les principaux traits phonétiques 
du wallon prélittéraire ou préhistorique , dans le tome XXXIX 2 
(pp. 145—153 % comprenant les numéros 1—10 de l’ensemble, le deu- 
xieme, Les principaux traits morphologiques du wallon prélittéraire 
ou préhistorique , qui comportait la première partie de la flexion 
(jusqu'aux veibes forts) et comprenait les numéros 11—34 de l’en- 
semble, dans le tome XLI (pp. 233 — 256). 

De commuti accord avec le directeur de la revue, M. le professeur 
Behrens, je suis rentré en possession de la partie non imprimée du 
manuscrit avec la faculté d’en disposer à ma guise, si je désirais la 
publier. 

C’est cette partie qu’on trouvera ci-après sous un titre à part J’ai 
préféré commencer une nouvelle numérotation des faits examinés à Laide 
des chiffres romains. 

I. Les verbes dits forts, c’est-à-dire présentant des irrégularités ou 
des anomalies, les présentent, pour la très grande majorité d’entre 
eux tout au moins, au parfait et au participe passé, ainsi qu’aux temps 
qui sont avec le parfait dans une étroite relation de dépendance, le 
plus-que-parfait et l’imparfait du subjonctif 

Dans cette étude, j’envisagerai pour commencer le parfait et les 
deux temps qui en dépendent étroitement; le participe passé fera 
l’objet d'un examen à part, qui viendra après. 

II. Je considérerai, en premier lieu, trois parfaits forts, qui sont 
seuls de leur espèce: vidi , veni , feci. 

Le premier, vidi , pour l’époque prélittéraire, ne donne lieu à au- 
cune remarque particulìère: son tr^gement, en wallon, est le mème 
qu’en francien. Mais, comme en wallon son infinitif était vedir (no 25), 


LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


341 


il a regu, à l’époque historique, un parfait faible: chez J. de Hemri- 
court on trouve veys , veyt , veyrentK 

Veni ne présente de différence avec le traitement du francien qu’à 
3 pi. parf. qui est vinrent et à toutes les personnes du plus-que- 
parfait, qui est vinre , vinres , etc., cela en vertu de la règie phoné- 
tique énoncée au no 3. On rencontre vinrent à 3 pi. parf. dans les 
Sermons de carème et dans les Moralités sur Job 1 2 . 

Feci est beaucoup plus compliqué. Dès avant Pépoque du Jonas , 
en vertu des règles énoncées aux nos 6 et 34, il devait se conjuguer, 
au parfait, au plus-que-parfait, et au subj. imparfait, de la facon 
suivante, où j’ai noté par Pitalique les formes propres au wallon: 

Parfait: fis*, fesds, fist, fesHmes, fesdstes, firent. 

Plus-que-parfait: fire, etc. 

Subj. imparfait: Jesdsse, etc. 

Les textes d’òil du.X e siede connaissent le plus-que-parfait, qui a 
disparii par la suite: ce temps n’est donc pas une particularité du 
wallon. Au subj. imparfait, Jonas fournit une 3 s g.fesist, qui, comme 
on Pa déjà vu (nos 6 et 34), doit ètre lu Jesdst. On sait qu’au par¬ 
fait Jonas présente, au lieu de la forme phonétique Jirent à 3 pi., 
une forme assez singulière Jisient , répétée 4 fois. Si Pon jette un 
simple coup d’oeil sur les autres personnes du parfait, il n’est pas 
difficile de voir que ce Jisient n’est autre chose que le phonétique 
firent qui a été influencé par 1 et 2 sg. et 1 et 2 pi. et a troqué 
son r contre le son si que ces quatre formes renferment. Ce qui a 
été dit de Jisient au no 4 doit donc ètre considéré comme erroné. 

III. L’examen des verbes forts dont le parfait est en -si me donnera 
Poccasion de rectifier une grosse erreur que j’ai commise au no 4 (et 
répétée au no 34), à propos du traitement du groupe (S)s-r en wallon: 
je n’y ai pas admis Pépenthèse d e t, d euphonique. • Je reconnais 
maintenant que c’est un paradoxe de vouloir faire des formes astreiet , 
astreient ì distrent , fréquentes dans le Jonas , des formes dues 
Panalogie et non primitives. C’est ce que montrent d’abord les an- 
ciens textes wallons postérieurs les plus autorisés: par exemple, les 
Vers del jtìise ont creistront (v. 144); les Sermons de carème ont pai- 
steroit 3 ; les Moralités sur Job ont conistrai , conisiront ) creistre 4 . 
Certains mots de l’onomastique sont une preuve certaine que Pépen¬ 
thèse de /, d a eu lieu en wallon dans le groupe (s)s-r : par exemple, 

1 G. Doutrepont, Et ... sur J. de Hemricourt, p. 79. 

2 Wiese, Sprache der Dialoge Gregor, pp. 112 et 183. 

8 id., ib., p. 114. 

4 id., ib„ p. 187. 




342 


P. MARCHOT 


à Goé (prov. de Liège\ . on a une dépendance Le Vesdray , qui est 
un diminutif de v?s la Vesdre < Ve sera] l’endroit est situé au 
bord d’un minuscule affluent de la Vesdre, qui a dù s’appeler le 
Vesdrei. 

IV. Les verbes à parfait en -si soni fort nombreux, plus d’une 
cinquantaine ; une moitié environ est en -xi. Il n’y a que ceux en 
-xi qui, en vertu de la règie énoncée ci-dessus, au no III, offrent des 
différences de traitement avec le francien au parfait et à l’imparfait 
du fcubjonctif, le plus-que-parfait étant le mème dans les-deux dialectes. 
On trouvera un modèle de verbe en -xi ( duxi ) conjugué au no 34: 
la 3 pi. parfait doit y ètre corrigée en duistrent , et le plus-que-par- 
fait en daistre , en vertu de la règie du n° III 1 . 

Tous les principaux parfaits en -xi sont: disi, benedi'si, dusi, lus ' 
-strusi, trasi , tesi, despesi (despexi), lesi (*lexi), estesi, delesi (di- 
lexi), così, ados* ( ad-anxi), censi , estrensiestensi (ex stiri xi), 
fensi , tensi (tinxi), pensi, piansi, fransi, atansi (ad- Hanxi ), 
jonsi y onsi , pons* (punxi). 

Une anomalie aussi singulière, dans le Jonas , que celle du pf. 
fìsient est celle du pf. permessient au lieu d z permesdrent. Je pense 
qu’il faut ramener permessient à permesient (avec 5 sonore) et y 
voir une action de fìsient sur permesdrent . on a, en effet, une prò- 
portion mesient: mest : : fìsient : fist . L’auteur du Jonas confond 
souvent les sourdes et les sonores: preliet pour prediet (predica ^ 
tu ni), jholt (2 fois), acheder , achederent. 

V. Le traitement en wallon prélittéraire des verbes à parfait en 
■ui donne lieu à des divergences très caractéristiques avec le francien, 
plus importantes et plus nombreuses que celles qui ont été relevées 
dans Texamen du traitement des verbes à parfait en -xi. J’étudierai 
d’abord ces divergences au parfait et à Timparfait du subjonctif, temps 
où elles sont analogues; celles qui se produisent au plus-que-parfait 
ne seront examinées qu’ensuite dans un no à part. 

VI. Parmi les parfaits en -ui, volili constitue un type particulier 
et doit ètre étudié isolément. Il ne donne lieu en wallon qu’ à une 
légère différence de traitement par rapport au francien, analogue à 
celle qu’on trouve dans le traitement de veni (v. plus haut, no II). 
A la 3 e p. pi. du parfait et à toutes les personnes du plus que-par- 
fait, il n’y a pas en wallon épenthèse de d en vertu de la règie 
énoncée au no 3: on a volrent et volre. La mème différence existait 


1 On corrigera de mème à ce n° la conjugaison de croitre ainsi: fut. et 
condii, creistrai -eie, infin. creistre. 



LES VERTÌES FORTS EN WALLON FRÉLITTÉRAIRE 


343 


dans un parfait nolui , car l’ancien frangais a possédé un continuateur 
d’un verbe *nolere (v. n° 26). Peut-ètre en wallon avec volili et 
n olili allàit solili , qui offrait en ce cas la mcme particularité : en 
effet, il y a dans Jonas un soli qui peut ètre regardé comme une 
3 e sg. parf. et qui montrerait un parfait conjugué comme volili 
(habuit misericordiam si curn il semper solt haveir de peccatore). 

VII. Les parfaits forts en -ili, en frangais, se classent d’après trois 
types habui, debili, *connovui; le wallon en distingue un quatrième, 
très particulier, pour lequel tenui peut servir d’exemple. Pour ces 
quatre types, voici la conjugaison en wallon du parfait et de l’impar- 
fait du subjonctif, les formes qui sont propres au wallon étant notées 
en italique: 



Parfait : 

OH 

*diu 

*COHll 

tinve 



awis 

deivis 

conowis 

tenvis 



out 

diut 

con ut 

tinvet 



awirnes 

dewimes 

conowimes * 

tenvimes 



awistes 

dewistes 

conowistes 

tenvistes 



ourent 

diiirent 

conurent 

tinrent 

Impf. 

du subj. : 

awisse 

dewisse 

conowisse 

tenvisse 

On 

sait qu’en 

franQais, 

k coté de 

ces trois types, il y en 


quatrième qui est faible et qu’on s’accorde à considérer comme de¬ 
terminò par fui et calqué sur lui; pour ces parfaits faibles valili 
se rt ordinairement d’exemple. Le wallon les connaìt également et 
voici, notées par l’italique, les divergences qu’il y offre avec le fran- 
-cien au parfait et h l’imparfait du subjonctif: 

Parfait: valui valuis valut valuimes valuistes valurent 

Impf. du subj. : valuisse. 

Voici la liste de tous les principaux parfaits. qui se conjuguent 
d’après les modèles donnés ci-dessus: 

D’après li ab ni (type I): sapui f *pavui (* pascer e), placiti, 
t a cu i. 

D’après debui (type II): *bibui, *credili, *cr eviti, * recepiti, 
*decepui, ^concepiti , *aper cepui. * jecui , *secui, licuit f 
Hegui (legete), *elegui, * stetui . 

D’après *connovui (type III): * moviti, *plyvuit 7 *esto- 
puit, no cui, 

D’après tenui (type IV): probablement (les textes ne fournissent 
pas d’exemples) *(r e)ponui, submonui , *manui. 

D’après valui (type V): caluit, molili . dolili, parili, 
* morui, * curvili . 


344 


P. MARCHOT 


VITI. Dans les verbes du type I, le wallon n' a pas traité F i final 
de 1 sg. comme le francien, où cet i joue le róle d’un yod (oi ) ; le 
wallon Fa considéré comme un i final et Fa amui; les Vers del juise 
ont ou (v. 390), ainsi que les Sermons de caréme 1 et le Pohne 
Moral 2 ; les Moralités sur Job ont tou 3 . Hemricourt a awymes 4 . 
Au subjonctif, on trouve auuisset dans Eulalie, awist awissent dans 
le Boème Moral 5 , auist auissent dans les chartes namuroises 6 , avisse 
awiest awist sawissent chez Hemricourt 7 . 

On trouve dans les chartes liégeoises et namuroises 8 9 des formes 
irrégulières owins, owist , owissent , ouist dans Job*\ elles doivent 
leur o à 1 et 3 sg. et 3 pi. du parfait: ou, out et ourent \ 

Il se rencontre également des formes ewissent dans les chartes 
liégeoises 10 , ewist sewist dans des chartes de Dinant en 1340 et de 
Namur en 1377 11 ; ces anomalies ont sans doute leur explication dans 
Fanalogie: des verbes du type I auront parfois modelé certaines de 
leurs formes sur celles des verbes du type II, qui sont beaucoup plus 
nombreux. 

IX. Dans les verbes du type II, à 1 sg. parf., la forme n’est attestée 
par aucun texte, mais, à en juger par le traitement des verbes du 
type I {ou), on peut conjecturer quelle devait ètre *diu avec amuis- 
sement de Y i final, et en plus une inflexion qui avait élevé F e à i 
cette inflexion étant attestée à 3 sg. et 3 pi. (diut, diurent). A 2 sg. r 
1 pi. et 2 pi., dewis, dewimes, deimstes sont connus comme une 
particularité du dialecte wallon et mentionnés comme tels dans les 
grammaires historiques du francate 12 ; il serait donc superflu d’en 
relever des exemples; Fon peut en dire autant du subj. dewisse , qui 
se trouve dans des conditions phonétiques identiques et se rencontre 
fréquemment. Pour 3 sg. et 3 pi., le Poème Moral fournit les 
exemples siut, diut, biut, criut 13 , et le Job les exemples giut, reciut, 

1 Wiese, op. cit., p. 114. % 

2 éd. Cloetta, p. 114. 

8 Wiese, op cit., p. 186. 

4 G. Doutrepont, op. cit, p. 80. 

5 p. 114. 

6 Wilmotte, Romania, XIX, p. §4. 

7 G. Doutrepont, op. cit., p. 30. 

8 Wilmott e, Romania, XVII, p. 568, et XIX, p. 84. 

9 Wiese, op. cit., p. 186 

10 Wilmotte, Romania, XVII, p. 568. 

11 Niederlànder, Zeitschr. flir rom. Phil., XXIV, p. 283. 

12 Schwan-Behrens, Altfranz. Gramm., 6 e éd., § 342 fin; Bourciez, 
Elém. de linguist. rom., p. 359. 

13 p. 115-116. 



LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


345 


estiut , ainsi que des variantes très voisines recieut , ellieut, estieut, 
estieurent l 1 dans lesquelles la graphie ieu représente sans doute une 
prononciation très ouverte de V u. Dès Tépoque des chartes, cet iu, 
dans toute la région liégeoise, commengait à passer à ai par méta- 
thèse: les chartes liégeoises fournissent déjà deux exemples duit, 
suirent 2 ; Hemricourt n' a plus que rechayt, prochuyt 3 . Cette méta- 
thèse devait amener à Tétape moderne, qui est a dans les variétés 
du liégeois: rii ruisseau, siti (partic.) = a. w. stiut. 

Une petite anomalie se rencontre parfois dans des formes qui pré- 
sentent à 3 sg. et 3 pi. eu au lieu de iu , ainsi jeut dans le Poème 
Moral: il faut vraisemblablement y voir un remaniement de 3 sg. et 
3 pi. d'après 2 sg., 1 pi. et 2 pi. ( jeut d'après jewis , jewimes r 
jewistes); 

Une autre anomalie, qui paraìt déroutante à première vue, se pré¬ 
sente à 2 sg., I pi., 2 pi. et au subjonctif, où Ton est parfois surpris 
de trouver -ewi - remplacé par -ui-: ainsi suimes ì duiens et au subj. 
recuist dans les chartes liégeoises 4 5 6 , duins et au subj. elluist, buissent 
dans Job*. A y regarder d'un peu près, on s'apenpoit que cette 
bizarrerie, en vertu de laquelle -ewi- est parfois contracté en -ui- , a 
dù prendre naissance dans certains verbes où les formes étaient 
trisyllabiques, comme eslewis -imes -istes -isse, et où Y e , placé au 
milieu du mot et ne recevant aucune espèce d’accent, offrait un mini¬ 
mum de résistance à la contraction. Le cas de formes trisyllabiques 
se présente dans les parfaits esliu , reciu, deciu , concia ; on a mème 
des formes de quatre syllabes dans aperciu. 

Dès le XIIl e siècle, dans le wallon autre que les variétés liégeoises 8 , 
on avait, à 3 sg. et 3 pi. parf., déjà atteint une étape ie provenant 
de iu : les Sermons de carème 7 ont diet t giet, rechiet.\ cet ie a abouti 

de nos jours a i\ sauf les variétés du liégeois et Textrème sud-est, 

le wallon de nos jours dit ri ruisseau, sti (partic.) = a. w. stiut. 

X. Dans les verbes du type III, la 1 sg. parf. n’est attestée nulle 
part, mais je crois qu'en se basant sur Tanalogie de ou habui et 

1 Wiese, op. cit., p. 187—188. 

2 Romania, XVII, p. 568. 

3 G. Doutrepont, op. cit.. p. 79. 

4 Romania, XVII, p. 568. 

5 Wiese, op. cit., p. 187. 

6 On trouve cependant aussi le traitement ie, voisinant avec iu, dans les 
chartes liégeoises (ainsi diet)\ c’est sans doute le fait de scribes non liégeois. 
Le traitement moderne ii ( stii\ rii) se retrouve aussi dans Textréme coin 
sud-est du wallon. 

7 Wiese, op. cit., p. 115. 




346 


P. MARCHOT 


de *diu debui , on peut rétablir un *conu , dans lequel Vi final a 
été amui et où par inflexion Po est devenu u: on a eu ainsi * conuu , 
qui s'est réduit à *conu\ c'est Pévolution qui est postulée par 3 sg. 
et 3 pi., qui sont conut, conurent: les Sermons de carème 1 ont conut, 
reconnut, et le Job 2 3 a conut, conurent, nmt. A 2 sg., 1 pi., 2 pi. 
parf., et au subjonctif, les formes conowis , etc. me paraissent appuyées 
d'abord par les analogies de awis , etc., dewis , etc., (types I et II), 
et en outre par un subj. prornovist , qu'on trouve dans /oò 8 et qu’il 
faut lire promouist . Il y a aussi un movist chez Hemricourt 4 * * , mais 
il est sans portée, puisqu'il figure à coté d’un parf. faible emmovyt , 
refait sur la conjugaison en -ir. Les formes conowis , etc., que je 
restitue, sont encore postulées par des formes contractes conuis, etc., 
qui sont à conowis ce que duis est à dewis (no IX): on relève un 
conuimes dans Job b . 

XI. Le modèle de parfait des verbes du type IV,* tenui , à Pé- 
poque du wallon prélittéraire, n’était peut-ètre qu'un simple parfait 
isolé, qui n'était pas unite ou chef de file dans une classe de parfaits : 
en effet, si Pon trouve tinvet dans le Job *, retinue dans une charte 
namuroise 7 (qu'il faut lire retinve), retinve ztdetinve chez Hemricourt 8 , 
il est impossible de rencontrer jamais dans les textes wallons des 
Xll c —XIII e siècles des (re)ponve, somonve , manve pour les parfaits 
*(re)poniti, submonui, manui. Ce traitement tinve en wallon 
est le méme pour la phonétique que*celui de tenve, anvel, janvier . 
A 3 pi. parf. on a tinrent sans épenthèse de d (n° 3). 

C J est au XV e siècle que paraìt commencer en wallon le succès du 
parf. tinve . Il détermine d'abord un vinve , qui est dans J. d'Outre- 
meuse et dans J. de Stavelot, et un pove, qui est dans J. d’Outre- 
meuse et a survécu 9 ; ce pove produit un vove, relevé par Wilmotte 
sous la graphie vóf dans un texte de 1634 10 ; un JdJ est constaté 
en 1700 11 ; et, à Pépoque moderne, c'est un dvof (debere) qui ap- 


1 Wiese, op. cit., p. 114. 

2 id., ib., pp. 186—187. 

3 id., ib, p. 187. 

4 G Doutrepont, op. cit, p. 79. 

* Wiese, op. cit., p 186 

* Wiese, op. cit., p. 183. 

7 Romania, XIX, p. 84. 

* G. Doutrepont, p. 79. 

9 G. Doutrepont, La conjug. dans le wallon liégeois, p. 72. 

19 Wilmotte, Zeitschr. f. franz. Sprache u. Literatur, XX, p. 78. 

J1 id , ib., 1. cit. 


LES VERBES FORTS EX WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


347 


parait en verviétois 1 , un vaf et un dcémaf (de-nianere) en mal- 
médien 2 3 . 

XII. Les verbes du type V (type faible) le maintiennent jusque 
dans le cours du XIV e siècle. Les textes ne fournissent comme 
exemples que corut dans les Sermons de carème 8 , recorut , corurent 
morurent dans Job 4 * . Hemricourt a encore un morut à còté de 
morti, morirent, corit , corirent, vaiti, doliti. 

XIII. Au plus-que-parfait, seuls les verbes en -ni fournissent quel- 
ques différences avec le dialecte francien; c'est dans les verbes des 
types II et IV. Voici les plus-que-parfaits des cinq types, Pitalique 
servant à noter les différences: 

oure diure conure tinre valure. 

Ces plus-que-parfaits présentent le méme traitement que 3 pi. parf. à 
tous les types. 

Dans le type I, la forme auret d’Eulalie (vv. 2 et 20) parait 
contradictoire à oure , mais elle s’expliquera aisément, si Fon veut 
se rappeler que au pour gii est une graphie familière à la fois au 
wallon Occidental et au picard orientai: c’est ainsi que Bouffioulx 
(Hainaut) = bell uni fagii m est écrit en 1244 B i a u f a u 6 , que 
pou paucum est écrit pau un grand riombre de fois dans Job, 
une fois dans le Fragment d’homélie 7 . Au n° 31, YEulalie a été 
localisée au point de contact des trois dialectes picard, wallon et 
champenois. 

Au type IV {tinre), on remarque l’absence d’épenthèse. 

Le type V {valure) peut se déduire pour tout le domaine d'oi’i 
/de ftir et qui est dans Eulalie (v. 19). 

XIV. A propos du plus que-parfait, je dirai ici que mon opinion 
présente est qu’il n’a pas survécu en wallon, pas plus que dans n'im- 
porte quel dialecte d'oil (v. n° 23 fin). Je pense que les parfaits 
défectifs actuels qui pourraient ètre rattachés à Pancien plus-que parfait, 
tirent leur origine de troisièmes personnes pi. parf. telles que ourent, 
tur ent , vo(l)rent , vinrent , etc. : car il est remarquable que dans le 
wallon malmédien ce genre de parfait moderne de quelques verbes 


1 G. Doutrepont, La conj. dans le w. liégeois, 1. cit. 

2 Bastin, Morphol. du parler de Faymonville, § 76. Dìemàf pourrait à la 
rigueur ètre regardé comme une forme primitive, ayant survécu en malmédien. 

3 Wiese, op. cit., p. 115. 

4 id., ib., p. 188. 

7t G. Doutrepont, Et ... sur J. de Hemricourt, p. 80. 

6 Grignard, Phon. et morph. des dialectes de l’Ouest-wallon, p. 19, 

7 Wiese, op. cit., pp. 159 et 194. 

.Archivum Romanicum, — Voi. VI. — 1922. 


24 




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P. MARCHOT 


n’existe précisément qu’aux trois personnes du pluriel avec les flexions 
ri à 1 et 2 et -rò à 3, par exemple d^ri d$rò> fin fìrb 1 ; il semble 
qu’on a affaire à une extension de la flexion -rent de 3 à 1 et 2, 
avec modification appropriée de la voyelle finale selon les règles de 
conjugaison locale, comme croyait déjà Stiirzinger (v. Zeitschr. f. roms 
Phil., XX, 510). 

XV. La question des participes passés des verbes à parfait ètP'-Sfi 
est difficile. 

A Tépoque de Jonas y il y avait déjà des parfaits en -si altérés f 
puisqu’on y rencontre pennessient, qui a été expliqué comme un 
permesient déterminé par fisient (n° IV). Il se pourrait donc que la 
langue de Jonas eùt déjà un certain nombre parfaits. en -si refaits 
analogiquement comme permesient, par ex pus*, sis *, misK Comme les 
parfaits forts ont souvent influencé les participes passés, il se pourrait aussi* 
que jusqu’à cette époque lointaine remontassent des participes passés 
comme pri f. pris , f. sis ou sis (employé seulement substantivement au 
sens de «veillée»), mi f. mis (sporadique), qui sont des participes usitéS : 
dans le wallon fréquemment. Mais il se pourrait également qu’ils’ 
fussent plus récents et déterminés _par certaines personnes des parfaits 
en -xi: dis\ desHs , des i imes ì etc. Ils sont encore inexpliqués 2 . 

A propos des participes des verbes à parfait en -xi, je n’ai qu'une 
remarque à faire à propos d’un. liégeois deis deit «dit> d J une cbarte 
de 1279, qui aurait déjà existé à Tépoque prélittéraire d’après G. Doutre-^ 
pont 3 , puisqu’il continuerai le lat. dictus. Mais qui ne voit qu’à 
la fin du XIII e siècle un dictus aurait atteint depuis longtemps 
Tétape dotti Ce deit liégeois n’est pas autre chose qu’une analogie 
au liég. leit <lectus, régulier dans ce dialecte: dire, lire, comme 
aussi écrire y réactionnent facilement Tun sur l’autre. 

XVI. Au participe des verbes à parfait en -ui, il n'y avait pas de 
différence entre le wallon et le francien dans les types II, III, IV et 
V (detti, conoiit, tenui, valut). 

Dans le type II, à Tépoque des textes littéraires, comme on Ta déjà 
fait remarquer 4 , le participe est très fréquemment refait en -hit d’après 
le parfait (en -iet dans les textes qui ont -iet): ainsi concine dans le 
Poeme Moral, reciut recieus ellieut dans Job 5 , enliut rechiute rechies 


1 Bastin, Morph. du parler de Faymonville, § 76. 

2 Voir Grignard, op. cit., § 69, qui mentionne un skris (écrite) analo- 
gique ($ 129). 

3 Conjug. dans le w. liégeois, p. 71. 

4 Cloetta, Poème Moral, p. 112. 

6 Wiese, op. cit., p. 187. 



LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


349 


porsiet lietes dans les chartes liégeoises et dans une charte de Huy 
li crìuB «le surcroìt» 1 . Les chartes liégeoises fournissent déjà des 
exemples de la métathèse dont il a été parlé à propos du parfait au 
n° IX: buis, esluis , enluit (liég. mod. stii, bii à coté d’une reconstruc- 
tion moderne bqvu\ à Weismes (Malmédy) sili bii sii 2 3 , qui refont en 
-il tous les participes en -utum et éliminent le phonétique -u a . 

Dans le type III aussi, naturellement, le participe est fréquemment 
refait sur le parfait: reconnut dans les Sermons de carème 4 * , connz 
conute, commuz comutes dans Job*. 

Mais au participe des verbes du type 1, il y avait une différence 
sensible entre le traitement wallon et le traitement francien à Tépoque 
prélittéraire : le wallon a aiit et non eiit (sauf tout Textrème Ouest, 
qui se comporte comme le fran^ais: on peut ici délimiter les aires à 
l’aide des représentants de sabucus, qui est dans des conditions 
phonétiques absolument semblables à celles à’*habutum, lequel 
sabucus se dit sau sawu en liégeois, salii en namurois (Nieder- 
lSnder) et s§iii à TOuest (Grignard), ce qui représente un primitif saie 
d’un cóté, seii de Tautre 6 7 ). Les*traitements modernes sont: à Fay- 
monville (Malmédy) awu 1 ; à Liège au awu , à cóté de avu (refait 
sur T inf. aveer) et de avii (refait sur stii «été») 8 ; dans Textrème 
Ouest tee IJx (et sai sii «su») 9 . 

Il àrrive, ce qui n’a rien de surprenant, que les participes du type I 
se refont parfois d'après ceux du type II (-eiit) ou ceux du type III 
(-oiit): dans Job 10 out oue poute et moderne passim qììì sgiii , à Namur 
ice sce (Niederlander) ll . 

XVII. Il reste encore, parmi les verbes forts, à en examiner une 
demi-douzaine, dont les irregularités ou anomalies existent tantót au 
parfait (et temps dépendants), tantót à des temps autres que ceux-là 

1 Romania, XVIII, p. 192. 

2 Sur stij stii , v. Atlas Linguist., 521—522. Il y a une petite zone 
analogique stu (analogie à au awu < h ab ut uni) embrassant l’est et le 
sud de la province de Liége et le Nord du Luxembourg (d’après G. Do ut re 
pont, Conj. dans le w. liég., p. 116). 

3 Marichal, Mundart von Geuzaine-Weismes, trouve bizarrement que 
c’est un «Einflufi des Franzósischen» (p. 43). 

4 Wiese, op. cit., p. 114. 

* id., ib., p 186-187. 

6 Voir du reste Atl. Linguist., 1270. 

7 Bastin, op. cit., § 39. 

8 G. Doutrepont, Conj. dans le w. liég., pp. 112, 106 et 69. 

9 Grignard, op. cit., § 51. 

10 Wiese, op cit., p. 186. 

11 Voir aussi Atlas, 102—103, 1203. 

24 * 



350 


P. MARCHOT 


seulement. Les plus importauts de ces verbes à étudier sont les re- 
présentants de * potere , facete, debere , * sapere, * èssere , 

* all are. Les deuxième, troisième, et quatrième ont déjà été exa- 
minés partiellement. 

X Vili. Dans * poter e, le wallon primitif offrait un traitement différent 
à 1 sg. ind. pr. et au subj. presenti pos* <*possio et poss*e <*pos- 
siam, Vi restant en place d’après la règie du n° 6; la chose est mise 
hors de conteste par posciomes de Jonas , où sci a la valeur ssi 
comme dans pescion. 

Au parfait, plus-que-parfait et subj. imparf., on a les divergences 
suivantes notées par Pitalique: 

Parfait: pou powis pout powìmes powistes pourent 

P.-que-p. : poure 

Subj. impf. : powisse 

A 1 sg. parf. un poti résulte de la non-action de Vi comme dans 
ou, din, comi. Le plus-que-parf. est prouvé par pouret d’ Eulalie. 
Un powist est dans les chartes liégeoises 1 . 

Les verbes ponvoir et vottloir réagissent facilément et souvent l’un 
sur Pautre. C’est par une analogie à volisse qu’il faut expliquer un 
subj. impf. podisse qui est dans Jonas (podist)\ podisse est à podeir 
comme volisse à voleir. C’est Paction inverse de ponvoir sur vottloir 
qu’on trouve dans un vowist de Hemricourt 2 3 refait sur powist. Le subj. 
analogique podisse est abondamment attestò dans les textes littéraires du 
XIII C siede: poisse poist dans le Poeme Moral 8 , po'isse poist pois - 
scnt dans les Sermons de carème 4 , poist poissent dans Job . 5 * . 

XIX. Pour facete , il a déjà été fait mention au no 8 d’une 
singulière forme feent < * faant à 3 pi. ind. pr., laquelle est dans 
Jonas: faunt n’a pas été traité comme possédant une diphtongue 
au, mais comme composé d'un radicai verbal fa et d’une flexion -unt, 
qui dans la règie devient - ent . J’ai jadis requis Pattention sur les 
continuateurs en wallon de feent G ; ils existent dans toute la moitié 
occidentale du domaine wallon; toutefois feent y voisine, selon les ré- 
gions, avec font; Grignard 7 met les deux formes sur le mème pied et 

1 Romania, XVII, 568. 

2 G. Doutrepont, Et. . . . sur J. de Hemricourt, p. 79. 

3 p. 117. 

4 Wiese, op. cit., p. 113. 

5 id., ib., p. 183. 

Zeitschr. f. rom. Phil., XXII, p. 401. 

1 op. cit., § 116. 


LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 351 

leur attribue la mème importance pour l’Ouest sans ajouter de détails ; 
VAtlas (c. 282) peut donner une idée de l’aire actuelle de feent . 

Au futur et au conditionnel, il n’y avait pas de différence entre le 
wallon et le francien: le Jonas a fereiet . 

XX. Sur la foi de Jonas , on serait tenté de croi re que debere a, 
en wallon prélittéraire, une 3 pi. ind. pr. deent: «chi sii feent curri 
faire lo deent». On ferait erreur. Il n’y a pas trace de deent en 
wallon pàr la suite et on ne retrouve pas non plus deent dans les 
patois. Les textes attestent toujours doient: le Poème Moral\ les 
Sermons de carème, Job 1 2 3 , J. de Hemricourt 8 . Ce deent ne doit étre 
en réalité qu’une mauvaise graphie, une faute pour deient, amenée 
par le feent qui précède. On peut relever dans Jonas les fautes sui- 
vantes: jholt (2 fois), cheve pour chieve (un abl. capite?) ou chief y 
verme pour verni (verme serait en w. viqm, qui n’existe nulle part 4 ), 
eedre pour edre ailleurs, achederent, peer pour per, acheder , 

XXI. En vertu de la règie énoncée au no 9, * sapere présente, 
au subjonctif présent et au participe présent, une différence notable 
avec les formes du francien: subj. sapie en face du francien sache r 
partic. sapiant en face du francien sachant. Le phénomène, qu’on 
ne saurait d’ailleurs contester, est attesté par un exemple des gloses 
de Darmstadt: seps — sapias 40 vo 10. Les exemples de ce traite- 
ment de pi que j’ai cités au no 9 et pour lesquels j’ai fait les renvois 
appropriés à VAtlas, montrent qu’il est absolument général en wallon 
et dépasse mème les frontières de ce dialecte à la fois du còté sud 
(lorrain) et du coté ouest (picard); Grignard 5 * * confirme absolument 
les faits pour la zone ouest du wallon. Beaucoup de chartes wallonnes 
présentent à leur début la formule sachent tnit, mais ce n’est qu’une 
formule consacrée de chancellerie, qui n’est pas wallonne. Tous les 
textes littéraires nont que la forme proprement* frangaise, le Poème 
Moral 6 2 fois, les Sermons de carème 2 fois, le Job 7 6 fois. Cela 
ne fait que confirmer, ce que l’on savait déjà, que les textes littéraires 
sont fortement influencés par le frangais centrai. 

Pour le verbe savoir, comme pour avoir et ètre, le subjonctif a, 
depuis l’époque prélittéraire, assumé les fonctions d’impératif : le wallon 


1 p. 116. 

2 Wiese, op. cit., pp 115 et 187. 

3 G. Doutrepont, Et. .. . sur J. de Hemricourt, p. 80. 

4 Voir Atlas, 1371. 

6 op. cit., § 90. 

p. 117. 

1 Wiese, op. cit., pp. 114 et 186. 



352 


P. MARCHOT 


malmédien a conservé Pimpératif complet: 2 sg. sap , 1 pi. 5 a/>a, 
2 pi. J . 

Certains wallons ont créé par ci par là une forme analogique en 
scip- * à Namur, saputi à 3 pi. ind. pr. 1 2 . 

XXII. Dans * essere, à 1 sg. ind. pr., le wallon prélittéraire ne 
présentait pas de différence avec le francien; il disait, comme lui, soit 
sor (avec un i emprunté à ai), soit sui refait sur fui. Le premier 
est continué par le so actuel, qui existe dans tout le domaine wallon, 
sauf TOuest ; le second survit dans l’Ouest, où il est devenu régulière- 
ment sii, et aussi scb, ce qui dénote alors une légère déviation de 
traitement en proelise. Le so du wallon commun s'explique aussi 
par le traitement de proelise, qui a ramené la diphtongue oi (à Pétape 
qì) à un simple q: wallon vosi vola (voici, voilà ou ici, là), drgsi 
drqla (droit-ici, droit-là), vgrmQ = a. fr. voirement 3 4 . 

Au futur et .au conditionnel, le wallon offrait parfois .une différence 
avec le francien en disant astrai , asireie: on a de cette fapon asireiet 
astreient dans Jonas ; le francien n’a jamais comme deuxième forme 
de. futur et conditionnel que estrai, estreie. En wallon, les formes de 
ètte qui, présentent est- et ast- sont assez fortement emmèlées, sauf 
dans les variétés, des parlers liégeois (prov. de Liège, pa} r s de Mal- 
médy, nord de;.la prov. de Luxembourg), qui ne connaissent que est-; 
on . peut voir à ce propos ce que pour .l'Quest dit Grignard (§ 118 
fin); le Sud a. ast- (dans les Versions de la Parabole : Walcourt, 
Dinant, Beauraing, Neufchàteau, Bastogne). Pour la localisation des 
anciens textes wallons,. il sera prudent de n^attribuer au critère ast- 
qu’une valeur negative, à sa voir qu’il est exclusif des variétés liége- 
oises. . : 

Au parfait, certaines personnes. en wallon différaient de celles du 
francien, comme ori l'a déjà constaté dans Tétude des verbes du 
type V (no XII). Ce parfait était, les différences étant notées en 
italique : 

fui fuis fut fuimes fuistes furent. 

L'impf. du subj. était fuisse . On trouye au subj. fui si dans le Poeme 
MoraP , fuist fuissent dans. les Sermons de carème 5 , fuise juist 
fuistes chez Hemricourt 6 . 


1 Bastin, op. cit., § 80. 

2 Niederlànder, Zeitschr. f rom. Phil., XXIV, p, 292. 

3 Sur les représentants de suis, v. Atlas, 803. 

4 p. 114. 

5 Wiese, op. cit., p 110. 

6 G. Doutrepont, Et. . .. sur J. de Hemricourt, p. 80. 



LES VERBES FORTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


353 


XXIII. On peut dire que, vers 800, le verbe aler était constitué 
tei. ou à peu près, qu’il a existé en ancien fran$ais. Les gloses de 
Reichenau le donnent dans quatre de ses temps (infinitif, parfait, plus- 
.que-parfait, partecipe passé), dont deux temps du composé tresaler : 

transgredere : ultra alare 1124, 
transilivit: transalavit 1133, 
transfretavit : transalaret 1032, 
profectus: alatus, factus 1030. 

Dans la dernière glose, factus est seulement un synonyme d ; alatus, 
le participe d'un frangais prélittéraire faire , non attesté ailleurs, qui 
correspond à l’ancien italien (classique) farsi «aller, faire route». 
■Les deux mots, dont l’un mis à la voix réfléchie, ne doivent ètre autre 
chose qu’un intransitif facere , simple ellipse de facere iter , comp. Pin- 
transitif pondre tiré de pondrc ues. Quant à factus , il est à 
facere ce que venutus est à venire. Dante dit: «dinanzi mi 
si fece un pien di fango», Inf. L’allemand dit aussi sich macheti 
pour «se rendre, aller». 

XXIV. A 1 sg. ind. pr. de aler, le fran^ais, dès Pépoque prélit¬ 
téraire, a vois, qui a déterminé estois , et en plus *dois, lequel, infecté 
de Y n de doner, produisit Pa. fr. doins. Il y a déjà longtemps 1 , 
fai tenté d’expliquer vois par Taction sur *vao de *trasio, peutétre 
^vec l’aide d’ exio; depuis on n’a pas trouvé de meilleure explication : 
la Hist. Gramm. der fransos. Sprache de Meyer-Liibke se bérne 
à la mentionner avec la réserve «Marchot hat aber die Schwierig- 
keit, daÓ das haufigere Verbum durch das seltene umgestaltet worden 
ware» (I, § 324). Pour la lettre, Pexplication est satisfaisante : le 
monosyllabe *vao, trop court et manquant de corps, devait mani- 
lester de la tendance à un allongement, à un étoffement. Pour le sens‘ 
•je dirai que le verbe trasire devait ètre fort proche de ire, la valeur 
de tras en composition s’étant fortement affaiblie: en ancien frangàis, 
tres - Se limite à indiquer Paction accomplie jusqu’au bout (trespchser, 
irèspercier) 2 et tresaler n'est pas sensiblement différent de «ter. 
‘Enfin, il y avait une grande symétrie en frangais prélittéraire éritrè 
les conjugaisóns d’ir et de tresir: 

Infin. Participe Imparf. Pl.-que-p. Futur Conditionnel Impf. du subj. 

ir is ive ire irai ir eie issjC 

tresir tresis tresive tresir e tresir ai tresir eie tresisse 

1 Studj di filologia romanza, Vili, p. 514. 

2 Bourciez, El. de linguist. romane, § 282, ; . 


354 


P. MARCHOT 


Je m’en tiens donc toujours à mon ancienne opinion, et, s’il est vrat? 
que vois remonte à un *vao-sio, il y avait alors une différence 
entre le wallon et le fran$ais prélittéraires à 1 sg. ind. pr. et au subj.. 
présent des verbes aler, ester et doner. Conformément à la règie 
du no 6 ? le wallon disait : 

Indie, prés. : vos*, stos^, dos>'. 

Subj. prés.: vos<e, stos^e, dos*'e. 

Phénomène remarquable, les formes du dernier verbe ont parfois 
subsisté en wallon sans s’infecter de Yn de doner: les Sermons de carème,, 
par exemple, ont à 3 subj. un doist, à propos duquel Wiese 1 se de- 
mande s’il est dù à une omission du trait paléographique, sans savoir 
que Wilmotte avait déjà auparavant donné du phénomène un exemple,, 
un doisent d’une charte des Dominicains de Liège (1283) 2 , en ea 
rapprochant le verbe actuel liégeois dose «donner, livrer malgré soi* 
(Grandgagnage). On s’attendrait certes à d oyn, puisque s* est devenu 
X en liégeois; toutefois il ne serait pas impossible de le rattacher à. 
3 sg. subj. doistj qui, en ancien liégeois, a été dces 3 4 5 et a pu se croiser 
avec do% < dos<e, de manière à donner un dose (il faut qu’il d($s, 
il faut que je do%, d^où: il faut qu’il dos, puis un infin. dose). 

Au cours du moyen age, quand s final s’amuit, il en fut de mème 
de 5* final: c’est ainsi que stesi six, diesi dix sont devenus si (ou si) t 
di dans le corps de la phrase devant consonne. De mème vosi, stos f ' r 
dosi devinrent vo, sto, do. C'est par un vo qu’il faut expliquer un. 
subj. prés. en namurois vyi A . 

XXV. Quelle qu’en soit l’origine, il y a eu, en wallon prélittéraire,. 
un verbe (défectif) jir «aller», qui est le mème que l’italien gire. Il 
était usité à 1 et 2 pi. ind. pr. et impér. pr. 

- Au X e siècle, la 1 pi. était jomes jons , comme montre posciornes 
du Jonas. Elle existe toujours dans les variétés du liégeois, mais 
comme la finale -ons est devenue -a dans à peu près tout le territoire 
wallon (liégeois compris), dès avant le XVII e siècle, on dit dzà de 
nos jours comme dans tous les autres verbes: ainsi en wallon mal- 
médien ri$ dzà «nous partons» 6 , dans un texte cilé par Grandgagnage 6 
ni dzà’ti n$ kg? «ne partons-nous pas encore?»; à l'impér., on trouve 

1 op. cit., p. 111. 

2 Romania, XVIII, p. 192. 

8 Comme aus < * agustum , etc. 

4 Niederl Ander, Zeitschr. f. rom. Phil., XXIV, p. 285. — Voir aussi 
Atlas, 30. 

5 Bastin, op. cit., § 79. 

6 Dictionn. de la langue wallonne, I, p. 251. 



LES VERIJES FORJS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


355 


dzà et dzà3-Q (en malmédien, en liégeois, à Marche, prov. de Luxem- 
bourg ) l . — Dès le haut moyen àge, jons a dù s’employer à Pimpéra- 
tif comme exclamation ou exhortation au sens de «allons! voyons!» 
Dans cet emploi, il n’a plus été senti comme verbe lors de la per- 
turbation qui a éliminé -ons au profit d’une création nouvelle -ans 2 y 
et, en tant qu’exclamation, il survit sous la forme de dzò dans les varie- 
tés du liégeois, banal et très fréquent; beaucoup de personnes Pintro- 
duisent mème dans leur francate. 

La 2 pi. ind. pr. de jir était en wallon prélittéraire jeis, puisque, dans 
le domaine francate, dès Pépoque prélittéraire, -ìtis avait été éliminé par 
Jtis\ et, au commencement du XII e siècle, jeiz passa à joig. En liégeois 
proprement dit, antérieurement à la date de tout document linguistique (en 
Pespèce les chartes), la terminaison -ois disparut devant -e3 de la 1 © conjug.;, 
il n’y a pas trace de -OÌ3 dans les chartes. Il est probable que, lors 
de cette extension de -es, le monosyllabe jois, qui n’était sans doute 
déjà plus usité que comme impératif et comme interjection (comme 
c'est le cas de nos jours), ne fut pas senti comme une forme verbale 
en -OÌ8 et échappa à Paction de la force nivelante qui supprimait les 
-oig. Car il survit en liégeois sous la forme dzQ au sens de «allez», 
p. ex.: dz<}\ rpte «allez! marehez». Cest, en effet, sous la forme -p* 
que survit Pancien -ois, là où il vit encore aux alentours de Lièger. 
ainsi dans les environs de Verviers, dans POuest 3 et le Sud de la pro¬ 
vince 4 , en wallon malmédien 5 . 

En liégeois moderne, il y a en outre une 3 pi. ind. pr. dzò, qui a 
été découverte à Moirtrou, au N.-E. de Liège 6 . Mais son caractère 
isolé doit plutòt la faire considérer comme une création récente, tirée 
de (no) dzà «nous allonsj> d'après vò «vont». 

Paul Marchot. 


1 Bastin, Grandgagnage, et fpour Marche) Marchot, Zeitschr. f. 
rom. Phil., XVI, p. 381. — Wilmotte a relevé un impér. dzà sous la forme 
j07is dans un texte de 1634 (qui a jombes à la rime, et est de POuest lié¬ 
geois, où an > o), Zeitschr. f. franz. Spr. u Lit, XX, p. 77. 

2 On ignore l’origine de cet -ans, qui s’est implanté tant au futur qu’au 
présent et a évincé -ons qu’on trouve uniformément dans les textes et les 
documents du XIII e siècle; peut-ètre stas , stat ont-ils déterminé les premiers 
un stans (au lieu de stons, ; ou bien - as, -a des futurs ont-ils déclenché 
un -aws? 

3 Niederlander, Zeitschr. f. rom. Phil., XXIV, p. 280. 

4 Doutrepont, Conj. dans le w. liég., p. 46. 

6 Bastin, op. cit., § 44. lei -$> est en train de disparaltre devant ~C et ne- 
persiste que dans pouvoir, vouloir et atre. 

0 De lai te, Essai de grammaire wallonne, II, p. 49. 




La formation des mots en wallon prélittéraire* 

Dans la présente étude, c’est d'un point de vue «différenciatib que 
j’envisagerai les faits et je ne citerai que des exemples de dérivation 
et de composition qui manquent au francien ou fran^ais proprement 
dit ou bien qui accusent en wallon un traitement phonétique par- 
ticulier. 

I. Dérivation. 

t. Lés suffixes se répartissent en suffixes nominaux et en suffixes 
verbaux; j’examinerai successivement les plus importants des deux 
catégories; pour cet examen j’ai adopté simplement Tordre alphabétique, 
qui offre l’avantage de rendre faciles les recherches sur tei ou tei point 
spécial. 

2. Comme types particuliers formés à Taide du suff. -alis on peut 
mentionner *axalis et *nidale [ovum\. Le premier est dans 
le glossarne de Reichenau (axis : ascialis, 824); il se rencòhtre, en 
wallon, dans une aire constituée par la région namuroise et le Sud 
(asì) ainsi que par la région de Vielsalm (c%ì) l \ le wallon primitif a dit 
asdel (s sourde). Quant à * nid ale, il est général au sens de «nichet» 
€t il offre cette particularité, comme certains noms en - alis> d’avoir 
gardé son a intact: w. niia, niw. 

Un autre nom en - alis qui a conserve Va est * ti n alis «barre 
de bois pour porter des seilles ou des tines», qui survit sous la forme 
tina (dictionn. de Grandgagnage), différente de linei fran^ais; le 
mot se rencontre dans le glossaire de Reichenau (yectnm : tinalum 
1157). . 

Jusqu’au wallon prélittéraire doit remonter un nivalhe «neige*, qui 
survit dans l’aire liégeoise et qui est déjà attesté par Jean d’Qutre- 
meuse (dictionn. de Godefroy); c'est un adjectif nivalià, au'plur. 
neutre, devenu substantif avec un sens collectif; mod. nivai 2 . ;j 
» 3. Un suff. - aricilis se rencontre en latin à la basse époque (p. ex. 
.annulus sigili aricius) et plus tard en bas latin (p. ex. canis 

1 Alias linguist, 484. L’Atlas donne à tort ici certaines formes en -ì. 

3 Atlas, 903. 


LA FORMATION DES MOTS EN WAI.LON PRÉLITTÉRAIRE 357 

porcaricius dans les Leges Alamannorum). On peut signaler 
l’emploi, en wallon primitif, de ce suffixe avec des noms de plantes 
pòur former des adjectifs marquant une particularité, une propriété: 
ainsi jonkeres «qui se distingue par des ajoncs», lescheres «qui pré¬ 
sente des laiches». Cette formation est conservée dans les noms de 
lieux: Joncret (Hainaut), qui est Joinkerech en 1352 1 , Lescheret 
(c^e de Juseret, prov. de Luxembourg), qui est Lesserei en 1469 2 3 . 

Dans les Notes de philologie wallonne de J. Feller, on trouve 
? une étude sur le suff. -aricius en wallon et un essai d’inventaire 
de tous les mots wallons paraissant présenter ce suffixe. Comme 
il y a, en ancien franpais, un suffixe composite - eret (p. ex. sen - 
teret ), il est probable que le relevé de Feller contient plus d’une 
erreur. Par exemple, le mot liégeois norp «mouchoir», que j’ai essayé 
d’expliquer par un anc. wallon *oreres (orariani)' 0 , peut aussi bien 
remonter à *oreret ; seuls, des exemples anciens du mot peuvent, dans 
lès cas difficiles, fournir la bonne explication. 

4. Le suff. -arius peut, en wallon primitif comme en francate, 
s’adapter à des noms de plantes pour former des adjectifs; bon nombre 
de ceux-ci ;sont conservés dans la toponymie; on trouve toute une 
Sèrie de ces dénominations dans les Noms de lieti de la France de 
Longnon (n os 587 et ss.). Au wallon primitif on peut restituer, entpe 
autres adjectifs de cette espèce, colrier «qui se rapporte au coudrier*, 
soler «qui .se rapporte au sureau» < *sa bucar ius, devenu *san- 
carius en latin vulgaire, tasder (s sourd) «qui se rapporte à Fif 2 >_. 
Ces adjectifs ont été conservés dans les noms de lieux Courrièrp 
(prov. de Namur), Sohier (prov. de Luxembourg) 4 , Tahier (c»p 
de Goesnes, prov. de Namur) 5 . 

En latin déjà, la forme fémmine - aria pouvait s’adapter à des noms 
de choses signifiant un produit fabriqué quelconque et former des ad¬ 
jectifs qui, le mot officina étant sous-entendu, désignaient le genre 
d’atelier, de fabriqué ou d’établissement d’où sortait le produit fabriqué; 
e’est ainsi qu’en latin on a un calcarla qui veut dire «chaufour» 
et qui se trouve deux fois comme nom de lieu dans l’Itinéraire d’ 
Antonin. Comme mots de cette catégorie, le wallon prélittéraire.pos- 
sédait cholkiere «chaufour», tiuliere «tuilerie», claviere «clouterie», qui 


1 Borgnet et Bormans, C.artul. de Namur, II, p. 21. 

2 Wiirth-Paquet et van Werveke, Publications de l’Institut de- 
Luxembourg, XXXVI, p. 270. 

3 Romania, XLVII. p. 116. 

4 Voir Marchot, Le Musée Belge, XXVI, p. 123. 

3 Roland, Toponymie Namuroise, I, p. 576. 



358 


P. MARCHOT 


survivent dans les noms de lieux C h o k i e r 1 2 (prov. de Liège), T i 11 i e r e 
(prov. de Namur), Clavier 3 (prov. de Liège). 

Les noms de cette espèce font découvrir la véritable étymologie du 
mot hastière , nom d’une localité de la province de Namur. Le 
nom n’a rien à voir avec hasta «lance», contrairement à ce qu’a 
supposé le chanoine Roland 4 ; c’est un ancien wallon hastiere qui veut 
simplement dire «atelier qui produit les hastes ou broches de cuisine». 

5. Le suff. composite -atictus a été tire, à l’époque de la deca- 
dence, d’adjectifs dérivés de participes passés de la première conjugaison, 
ainsi veti aticius. Il eut par la suite la portée et les fonctions d’un 
vrai suffixe et servit à former des appellatifs en s’ajoutant à des thèmes 
verbaux. Il faut sans doute faire remonter à un prélittéraire stediz 
un anc. wallon steis , qui a le sens de «obstacle, retard» dans une 
expression «sans avoir steis ou difficulté», relevée par J. Feller dans 
ses Notes de philologie wallonne (p. 265). Feller a bien vu le sens 
de ce mot et sa parente avec la famille du verbe ester , mais il n’a 
pas expliqué son mode de dérivation. 

6. A lorigine, le suff. - attas n’était que diminutif, mais il acquit en- 
suite une portée péjorative. Il faut lui attribuer cette signification dans l’a* 
wall. corbat «corbeau» et dans l’a. wall. berrat «bélier», qui remontent 
selon toute apparence jusqu’à l’époque prélittéraire. Le premier se 
rencontre dans Gautier de Coinci h la rime (dictionn. de Godefroy)». 
Le second est dérivé d’un lat. vulg. *berres, dont l’origine n’est pas 
encore élucidée 5 . Les appellations du corbeau et du bélier furent sans 
doute munies en wallon du suffixe dépréciatif -at, la première comme 
dénommant un oiseau de mauvais augure, la seconde comme dénom- 
mant un animai réputé lascif. Sur les aires respectives en wallon de 
corbat et de berrat. v. YAtl. linguist., 324 et 124. 

7. En ce qui concerne le suff. - ellns , il y a lieu de faire remarquer 
que le wallon possedè les types *lacticellns, *ossicellus et *solellus, w 
Atl . linguist 746, 953 et 1241. Le premier existe du reste dans la 
partie orientale du domaine fran^ais. Le deuxième est seul connu en 
wallon pour dire «os». Le troisième se partage l’aire wallonne avec 
un curieux *soluculus , qui sera étudié plus loin au no 13. 


1 En pat. tfykìr. En 1330, Chokiers (Bormans et Scholmeesters^ 
Cart. de l’église Saint Lambert, III, p. 340). 

2 Roland, op. cit., I, p. 577. 

8 Clavieres en 1067 (Halkin et Roland, Chartes de l’abbaye de 
Stavelot, I, p. 237). 

4 Op. cit., I, p. 572—573: Hasteria vers 910. 

6 Meyer-Liibke, REW, 1049. 



LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


359 


Les gloses de Reichenau, poyr dire «punaise», ont un diminutif fé- 
minin en - ella , cimcellci ( cimex : cimcella , 870), qui jusqu’ici n’a été 
retrouvé qu’en champenois moderne au sens de «ciron » l . Comme 
équivalents de «punaise» , le wallon offre des mots qui paraissent de 
création relativement récente 2 * ; les variétés liégeoises disent ucidil 5, mot 
d’origine germanique, tire de uà «paroi» ou «pignon»; le namurois 
dit Icévrc, diminutif d’un ancien *leuvre , déverbal sorti de lucubrare 
«travailler de nuit». Par conséquent, il ne serait nullement surprenant 
que le wallon prélittéraire eùt connu le mot citicele. 

8. Les suff. -eoius et -iolus s’étaient confondus en latin vulgaire 
en - iolus . 

Un thème particulier qui présente ce suffixe en wallon prélittéraire 
est un vilernol «très petite exploitation rurale», qui remonte à un 
*villar e olii s de l’époque latine. Il survit dans un grand nombre 
de noms de localités (généralement hameaux ou dépendances), dans 
quelques-unes desquelles on a retrouvé des antiquités romaines: A 
Villeroux (Sibret, prov. de Luxembourg), on a mis au jour une petite 
villa romaine, des substructions, des fragments de tuiles, des débris 
de poteries, etc. 8 . A Vireux-Molhain, des trouvailles d’antiquités ro¬ 
maines ont été faites en 1827, en 1861, en 1862, en 1865; à Vireux- 
Wallerand, des sépultures romaines ont éte mises au jour en 19IO 4 . 
Or, les formes anciennes du nom de Vireux sont Vileruel de 1171 à 
1178 et Viruel en 1292 5 , qui s’explique bien par une dissimilation 
de Vil(e)ruel. C’est à tort que dans sa Limite des dialectes (p. 52) 
Bruneau a voulu faire de Vireux un nom gaulois ou indoeuropéen 
dérivé du radicai vir-. 

Un type étrange en -eottis propre au wallon primitif (sauf le Sud) 
est un spiruol «écureuil», mod. spini 6 , dont le nom de famille Spirlet 
(— Spirolet) n’est qu’un diminutif; le p y semble inexplicable. ’Gauchat 
a voulu autrefois y voir une influence de piti «drehen», mais Meyer- 
Ltibke a fait observer que pirl n’existe pas dans la France du Nord 7 . 
L’aire de spini , qui ne'comporte mème pas tout un dialecte, est l’ex- 
tréme angle nord-est du domaine frangais; par deux còtés elle touche 

1 Hetzer, Die Reichenauer Glossen, p. 31. 

2 Voir Atlas, 1105. 

8 Schuermans, Annales de Plnstitut archéol. du Luxembourg, XXXIV, 
3). 111. 

4 Bruneau, Limite des dialectes . . ., p. 58. 

5 i d., Et. phonét. des pat. d’Ardenne, p. 47. 

Voir Atlas, 450. 

7 REW, 8003. 


360 


P. MARCHOT 


au monde germanique. Je verrais dans spiru une action soit du frane 
*springan «sauter», qui aurait d'abord déterminé un *spriruol dissi- 
milé presque aussitòt en spiruol , soit du latin spira «hélice, spirale», 
qui a peut-ètre été le nom de la roue à palettes qu'òn fixait aux deuX 
parois longitudinales de la cage de Técureuil en captivité, ròué sur 
laquelle Laminai tournait à une grande vitesse 1 . 

Pour lusciniùlus, le représentant en wallon primitif est roski- 
gnuol (ou raskignuol\ qui se continue dans les variétés modernes du 
liégeois ( raskinii ) 2 . Le fait que le c latin ne s'est pas. assibilé dans 
ce mot parait à première vue surprenant, mais si Pon réfléchit que 
le c était suivi d'un i (dans la syllabe tonique), le phénomène n'est 
pas incompréhensible, en tant que dissimilation. 

9. Comme thème spécial dérivé à Faide du suff. -etum, on peut 
citer vignit «vignoble», qui s'oppose au frangais vineit (vinetum) 
et provient d'un vulgaire vinietum , procédant de vinia\ vignit 
se retrouve dans le nom de lieu Vivegnis (prov. de Liège), qui veut 
dire «vieux vignoble» et se trouve sous la forme Vinetum dans les 
chartes latines les plus anciennes. 

Un plan^oneit , qui a le sens de «jeune plantation, pépinière», n'existe 
pas non plus en frangais ; il est attesté par le nom de lieu Plancenoit 
(prov. de Brabant). 

Enfin, on ne saurait se dispenser de citer un bizarre asteneit , dont 
la signification exacte reste encore à trouver. Les noms de lieux qui 
continuent en wallon cet asteneit sont nombreux et désignent soit uri 
bois ou une forèt, soit une locali té, hameau ou commune. Je pense 
qu'il y a eu, au Nord de la Gaule, dans la langue technique forestière; 
un terme (peut-ètre peu répandu) * hastanus [arbor] au sens de 
«jeune arbre qui commence à avoir une tige», «jeune plant», «baliveaml 
Des bois entiers pouvaient présenter cet aspect uniforme de très jeune 
futaie à la suite d'une coupé et d'une exploitation systématique en vue 
dobtenir de la haute futaie. Le sens primordial de basta en latin est 
«tige, fùt». Le mot *hastanus n'a pas, en tout cas, survécu enroman, 
peut-ètre à cause de son sens général et un peu flottant. L’explicatiori 
de asteneit qu'a tentée récemment J. Feller par «forèt de bois de lance», 
d où «jeune futaie» 3 , arrive bien au mème résultat que la mienne, mais 
par une voie qui ne me parait pas la bonne. Un mot signifiant «bois 
de lance» devait ètre un mot usuel et très répandu; or, il ne reste 
pas trace dun *hastanus ou *hasiana «bois de lance». 

1 Des cages ainsi ageneées se rencontrent encore parfois en pays wallon, 

2 Voir Atlas, 1168. 

3 Revue belge de philol. et d’histoire, I, p. 44. 



LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


36 t 


Le type Vtastaneturn du latin vulgaire ne dépassait pas les; 
limites de Textrème Nord delaGaule: les Asnois (Nièvre, Vienne),- 
l’Assenay (Aube), qu'invoque Feller *, ont une autre origine: une 
loi phonétique bien connue veut que, dans les dialectes frangais autres* 
que le wallon, s dans le corps du mot devant t s’amuisse dès le haut 
moyen àge. 

Quant à Stenay (Meuse), que J. Feller discute longuement 1 2 , dont 
la plus ancienne mention est Satanacum villani en 876, il n’a rien 
non plus, cela va de soi, à voir avec *hastanetum. 

Dans les noms en - etuni, il me reste à mentionner un *albuletum 
«endroit où croissent des peupliers blancs», qui a un tout autre traite- 
ment qu'en francien, où il est cóntinué par un anbroi ou aubroie 
(dictionn. de Godefroy), qu’on retrouve dans le nom de lieu Les- 
Aubrais (dép. du Loiret). Cet *albuletum provenait d'un 
vulgaire *albula «peuplier bianca, ayant supplanté le classique ; 
[populus] alba, d'après le modèle \populus\ tremula . En 
wallo np*alb(u)letum devint *abletum par suppression, en vertu' 
d^une dissimilation, de 17 de Pfnitiale, et il donna un avleit , qu'ori 
retrouve dans le nom de lieu Auvelais (prov. de Namur). A coté 
d’avleity il* a dù exister aussi une forme secondaire aveleit , qui re- 
présentait un a(l)belletum (cp. a.fr. aubel «peuplier bianca). Les 
plus anciens exemples du nom d ? Auvelais sont hésitants: on a Navloys 
en 1113, Avoloit en 1113, Aveloiz en 1182 3 4 . Le chanoine Roland ar 
voulu tirer ce nom de lieu d’un gallo-romain, hybride, *aballetum 
«pommeraie». Mais on peut lui objecter qu'en ce cas on aurait cer- 
tainement Avaloit dans les anciens textes, comp. chevalier, Avalleur 
(Aube) < Aballoduros*. 

10. Le suff. - icius en latin, s'ajoutant à des thèmes nominaux, 
marquait la relation, le rapport. Comme formations jde ce genre, on 
peut citer en wallon prélittéraire chastres «qui se rattache à un camp 
ou, par extension, à un castellami, boves «qui a rapport aux boeufsn. 
C’est la toponymie qui permet de restituer ces mots : on a un Chastrès- 
lez-Walcourt et un Dovesse (prov. de Namur), dont les plus anciens 
exemples sont Castritium (868—869), Castrece (XII e siècle) 5 , Boveck 
(1352) 6 . On voit que le genre est, dans le principe, hésitant dans 


1 ibid., p. 45. 

2 ibid., pp. 47 ss. 

3 Roland, op cit., I, p. 302—303. 

4 Longnon, Les noms de lieu de la France, p. 36. 

6 Roland, op. cit., I, p. 546. 

6 Borgnet et Bormans, op. cit., II, p. 19. 



362 


f\ MARCHOI 


ces noms qui sont des adjectifs à Torigine: on sous-entendait indiffé- 
remment sans doute tantòt fundus, tantòt villa . * 

Sous l'influence d'un autre suff. -ìctus qui formait des adjectifs en 
s'adaptant à des participes passés, comme dans le fr. pdtis ì le suff. 
-icins a fréquemment donné -iz, fém. -ice. Un cheniz «propre au 
chien, canin», formé de cette fa^on, doit sans doute remonter jusqu'au 
wallon prélittéraire, car il est connu par presque toutes les variétés 
de wallon: mod. tsinis (pi.), «ordures, saletés» (Grandgagnage). 

11. Comme exemple du suff. - oneni , on peut, je pense, retenir un 
grongnon , correspondant à Fa. fran^ais groing «groin», qui est uni- 
versellement répandu en wallon : mod. grgnd. 

Comme exemple du suff. -io ne ni , il faut citer mossion «moineau» 
ou «petit oiseau quelconqueprovenant d'un lat. vulg. muscio \ 
Ce thème appartient aussi au picard, au normand et au fran$ais 
Occidental 1 2 . Il est mentionné dans le glossaire de Reichenau (passer : 
musco vel omnes minate aves, 1057), où il a le sens restreint 
de «moineau», ce qui ne se retrouve en wallon que dans les diverses 
variétés du liégeois. Le glossaire ?crit à tort musco , comme il 
écrit toxa pour tossia dans la glose lena : toxci (986), car dans .^ce 
toxa on a un mot, d'origine gauloise, tossia «manteau», qui nous a 
été attesté par les anciens au moins pour le celtique de Grande- 
Bretagne 3 . Il ne faut donc pas rattacher toxa à un tnsca «manteau 
étrusque» avec Hetzer 4 . Sur l'aire de muscio , Atlas 866, 938, 939. 

12. Pour le suff. - torius , il y a lieu de mentionner un curieux artoir, 
artoire, qui a dù signifier de bonne heure «terre de laboura. Il con¬ 
tinue un latin de la basse époque aratorias «relatif au labourage», 
qui ne se retrouve • qu'en roumain, en ancien véronais et en ancien 
portugais 5 6 . En wallon, le mot remonte à un vulg. * aretorius , 
sans doute dissimilé; il survit dans le liégeois Qrtu (Grandgagnage) 
et dans le wallon du pays de Malmédy ariti ou artur c . 

13. Pour le suff. ncalus , il faut mentionner un type assez étrange 
-soloily seloil tiré de *soluculus , qui, avec *solellus , se partage 
le domaine wallon; mais *soluculus n'existe que dans des variétés 
liégeoises (so/p) et dans le sud-est (s/o) 7 . Les Sermons de carème 

1 Meyer-Lubke, REW, 5769. 

2 Hetzer, Die Reichenauer Glossen, p. 56. 

3 Dottin, La langue gauloise, p. 81. 

4 op. cit., p. 118. 

5 Meyer*Lubke, REW, 601. 

6 Bastin, Vocab. de Favmonville; le sens est «guéret». 

7 Atlas, 1241. 


LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


363 


ont solos (nom.; 1 exemple), sololh (1 exemple) 1 ; Job a un exemple 
de soleilh et deux exemples de soloilh 2 3 . Le mot a évolué comme 
genoil et fenoil (dzin% fn$). 

C'est par A. Horning que fut, il y a déjà longtemps, établie la 
base *soluculus pour Pexplication du w. sqIq, et Pexplication fut 
Poccasion d'une polémique entre Pauteur et Wilmotte, voy. Rev. des 
pat.- gallo-romans, I, 226, Zeitschr. f rotti. Philol., XII, 258, Ro 
mania , XVIII, 192, Zeitschr . /. frans. Sprachè u. Literatur, 
XXII 2 , 191. 

On trouvera étrange que Feller, dans ses Notes de philologie 
wallonne* , en soit encore à croire à une base *soliculus, sous 
le prétexte que - eclu-, -eliti- donneraient -eil ou -oil «suivant les régions». 
L'affirmation n'est vraie que si Pon envisage toute Pétendue du 
domaine francate et non la seule aire wallonne. Aucun texte wallon 
ancien ne donne des formes telles que somoil, paroil, consoil, et 
il n'existe aucun patois wallon qui dise spnipi, parQÌ y kòSQt ou sqiho, 
parg 7 kósg. 

Il y a bien une exception, mais plus apparente que réelle: c’est 
celle du représentant de vigilare , qui, dans le domaine wallon 
(sauf POuest, qui a régulièrement ven), est un ancien voilier ou 
voilhier, continué par le verviétois vedi , le liégeois vceil, le malmédien 
VcBiPj le namurois iiqtì (où la combinaison voi- s'est simplifiée en w£-), etc. 4 5 
Les textes anciens attestent cette exception: les Sermons de carème 
ont voilent; le Job a voilet (3 fois), esvoilhes, voilhier, voilans, 
vo(i)lanment , a còté de esveilhiet (1 fois) 6 . Je pense qu’il faut voir 
dans ce mot singulier un mot savant, d'origine cléricale, remontant 
très haut, au moins au VII e siècle. Le latin mérovingien (avant la 
réforme du latin.par Charlemagne) pronongait veyilare. Vers 500, 
dans la langue vulgaire, on était à l'étape y pour le son qui est 
devenu plus tard dz, dans des mots comme yelare, yente f puisque le j 
germanique initial s'est rencontré avec ce son y initial et a évolué 
avec lui. La chronique de Frédégaire présente des exemples comme 
Pompegi y Tragani, Troga* 7 qui attestent cette prononciation par 
y de g latin (devant e, i). Ce mot savant veyilare serait un mot 
des milieux monastiques, au sens de «veiller en priant», «passer la 


1 Wiese, op. cit., p. 102. 

Id., ibid., p. 166. 

3 p. 358. 

4 Atlas, 1355. 

5 Wiese, op. cit., pp. 102, 166, 168. 

0 Haag, Roman. Forschungen, X, p. 867. 

Archivum Romanìcum. — Voi. VT. — 1922. 2i> 



364 


P. MARCHOT 


nuit en prières», qui aurait réussi à supplanter le mot héréditaire 
veilare, au moins à Lextrémité nord-est du domaine francate, et aurait 
produit dans la suite tantót voil-ier sans mouillure (comme en ver- 
viétoisj, tantót voilh-ier . 

14. Le suffixe verbal - are formait des verbes en s'adaptant soit à 
un thème nominai (plantare), soit à des supins \cantar e). 

Comme verbe de la première catégorie, on peut mentionner un très 
intéressant bolkier «bourrer, tasser» et par extension «gaver, gorger», 
qui est attesté par le glossarne de Reichenau ( ebitatnm : bilicatimi 894). 
Hetzer, dans son étude du glossaire, n'a pas connu Texistence en 
wallon de ce mot, qui a la forme baki ou btiki aux sens de «pousser 
sur un objet pour le rendre dense» (dict. de Grandgagnage), «entasser, 
presser, pousser» (dict. manuscrit de Zoude), «surcharger» (dict. 
manuscrit de De Jaer), «remplir jusqu'à la limite, beaucoup» (dict. 
de Pirsoul). Le sens dérivé, attesté dans le glossaire et omis 
par les dictionnaires, existe encore à peu près partout. Hetzer 1 a 
expliqué Lorigine de bilicatimi , qui est apparenté à Langlais bulk 
«masse, volume, bloc» et au moyen néerl. bulck , m. signific. Je' 
pense que ces deux derniers mots autorisent à rétablir un frane *bulk 
«masse». 

Un autre exemple de dérivation en -are est un saimier «aiguiser», 
mod. semi , qui remonte à un samiare, qu’on trouve dans une'lettre 
d’Aurélien à Vopiscus et qui dérive de Tadjectif samitis [lapis] 
«pierre de Samos»*, cf. le dictionn. de Grandgagnage. Voir aussi 
Atìas, 16. 

A titre d'exemple de verbes dérivés de supins, je citerai un curieux 
stadrer «épandre, étendre, étaler», qui est général en wallon: mod. 
stare, stare\ il est tiré de stratum et a subi une métathèse: *sta- 
trare 2 3 . 

15. Un suffixe verbal -iare s’est formé par Tadjonction de -are 
à des adjectifs en -is, ainsi alleviare (\ r ulgate); par la suite, il 
s’adapta à toute espèce d'adjectif et aux participes passés. 

Comme dérivation de la première manière, signalons un relignicr y 
verbe impersonnel, qui a la signification de «dégeler» et qui représente 
un lat. vulg. V eleniare (lenis)\ il est attesté en anc. wall. 8 et 
en anc. frane, dialectal (dictionn. de Godefroy)*, w. mod. rilqni . 

Dans les formations avec participe passé, je relèverai un masstier 


1 p. 29. 

2 Marchot, Revista lusitana, XVIII, p. 174. 

3 Dans J. de Stavelot. 



LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


365 


«mèler, mélanger*, qui continue un lat. vulg. *mixtiare , dans 
lequel ì'x a été traité comme dans juxta, exteras, etc.; mod. masi , 
mayi (Atlas, 172). 

16. Le suffixe verbal - icare , à Porigine, s’ajoute à des verbes, 
ainsi fodicare de fodere ; puis il passa à des noms (adjectifs ou 
appellatifs). 

Voici des formations avec un appellatif: fongnier «fouger, fouir», 
tiré d’un vulg. *fundic ar e (fundus), mod ,funl\ nasHer (s sourd) 
«fureter, fouiner», tiré de *nasicare (nasus), mod. nHi, nayt 7 
qui se dit à Mons ernancher (dict. de Sigart) et en picard ancien et 
moderne naquer «flairer»; peut*ètre pediier «marcher sur, fouler», 
tiré de *pedicar e , mod. piie en «ardennais» (cité par Feller, Notes 
de phil . watt., p. 262). 


II. Composition. 

17. Comme type de composition par coordination, on peut citer, 
formé à Paide d’un participe passé, un curieux pals fi 2 «pieux, pi- 
quets» survivant dans un pafìs (masc.) «palissade» du wallon de 
Pextrème nord est *. 

Comme exemple formé à Paide d’un adjectif et d’un pronom, il y a 
à mentionner un singulier mei tant ou mi tant «demi, moitié», qui a 
pris naissance de la fagon suivante: En anc. wallon, les adjectifs 
numéraux qui expriment la multiplication se sont formés d’après un 
mode particulier, à Paide du nombre Cardinal suivi du pronom indéfini 
tant ; au IX e siècle déjà on trouve une glose decuplum : decem 
tantum 1 2 , et chez Hemricourt G. Doutrepont a relevé un dois tans 
— deux fois autant, le doublé 3 . On disait donc, d’après ce procédé: 
fo ai dous tant, treis tant com tu «j’ai le doublé, le triple 
de toi». Et par conséquent aussi, très naturellement, jo ai tant 
com tu «j’ai autant que toi», et, pour exprimer «j'ai une demi 
fois ce que tu as», jo ai mei tant com tu, autrement dit: j’ai «la 
moitié» de ce que tu as. En moderne, ce mità «moitié» est fort 
courant; il est souvent au genre -féminin, sans doute à cause de 
Péquivalent muftì «moitié». On trouve aussi mitant dans le picard 
septentrional, ancien et moderne, et Godefroy en fournit un exemple, 
de genre féminin. 


1 Bastin, Vocab. de Faymonville, s. v. 

2 Hetzer, Die Reichenauer Glossen, § 102. 

3 Et. sur J. de Hemricourt, p. 81. 

25* 



366 


P. MARCHOT 


Il ne faut pas confondre mitant «moitié» avec mitant «milieu», 
qui a une aire beaucoup plus vaste et est resté du fran^ais usuel 
jusqu’au XVII e siècle, survivant en fran^ais canadien (cf. Godefroy, 
qui mèle du reste les deux vocables dans son article, et pour Taire 
de mitant «milieu», YAtlas, 856 B). Ce mitant «milieu» est général 
en wall. moderne. Je crois qiTil a bien .pu prendre naissance dans 
une locution adverbiale emmi tant «dans Tentrefaite, dans Tinter- 
valle», équivalent de Tadverbe entretant (cp. Tit. frattanto). 
Meyer-Liibke a certainement tort de tirer ce mitant «milieu» de 
mediani t empii s x . Il est arrivé qu’il a été influencé dans sa finale 
par le représentant de temps , comme en lorrain, mais c’est là un 
phénomène très naturel: il y a un rapport d’id.ées entre entretant et 
temps, et c’est bien ce que prouve Torthographe actuelle entretemps; 
en wallon aussi Tadverbe bien connu dismità «dans Tentrefaite» est 
devenu irrégulièrement diismiU à Limbourg età Aubel (Parabole, 
verset 25). 

18. Dans les compositions par subordination un très intéressant mot 
fodide (*fodita) «monticule de taupe, taupinière», qui survit sous la 
forme diminutive myfird (-e ola) — * mg forni dans la région de Spa 1 2 3 , 
mentre qu’un mol «taupe», de provenance franque, a existé en wallon 
et que la glose de Reichenau talpas: muli qui terroni fodunt (1121) 
plaide pour une origine wallonne du glossairc. Le moyen bas alle- 
mand a mol , nini (masc.), le moyen néerl. mol, moli et molle (masc.) s ^ 
.je pense donc qiTil faut restituer un frane *molle ou *mollo. (A Tépo- 
que du glossaire, les voi'elles finales étaient tombées, on était donc 
à Tétape mol.) 

Je mentionnerai en outre: araigne crins «fils d’araignée», qui a 
un équivalent arnitoile dans le dialecte montois (dict. de Sigart), mod. 
ar?krt\ piet pas «sentier», mod. pipasti sous forme diminutive en 
liégeois 4 . 

19. Les compositions par croisement donnent quelques produits curieux, 
notamment un thème vulgaire *collyramen «marmelade destinée 
à la garniture des tartes, gàteaux, etc.», hybride tire de collyris 
(Vulgate) «gaiette», et de liqu amen «confiture»: en wall. primitif 
*colraim, mod. Pare. 

Comme exemple de croisement de verbes, on peut, je crois, en- 


1 REW, 5462. 

J Le mot est enregistré au Vocabulaire de Body. 

3 Voir le dictionn. moyen-néerl. de Verwijs et Verdam. 

4 Sur toile d'araignée, sentier , v. Atlas, 1722, 1218. 





LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 367 

registrer un chaboter «bouter, pousser de manière à obtenir une petite 
cavité», résultant du croisement de chaver et de boter, mod. tsabqte 
«creuser légèrement, faire un petit trou* (Grandgagnage). 

20. J’étudierai le mode de composition à Paide des préfixes, en pas-* 
sant en revue les principaux de ceux-ci selon Pordre alphabétique. 
Ainsi seront rendues plus aisées les recherches sur tei ou tei point 
particulier. 

21. A propos du préf. con- en wallon, G. Doutrepont 1 dit: 
«Outre sa valeur étymologique ( kidure , conduire . . .), le préfixe ki 
sert aussi pour marquer fortement la réciprocité: skibalte (se battre) ..., 
et pour exprimer Pintensité d’une action: kihagni (mordre). Ainsi a 
souvent lieu la création individuelle de mots nouveaux.» De mème 
Feller 2 dit à ce sujet: «Co- n’est pas chez nous un préfixe mort comme 
en frangais, il est très vivant, il peut s’adjoindre à tout verbe en qui 
il est possible de marquer Pintensité de Paction par répétition de 
Pacte initial.» 

Phénomène digne de remarque, les deux emplois de con- (réciprocité, 
intensité) se rencontrent dans le glossarne de Reichenau; le premier 
dans congratulanles : congaudentes 417, congratnlabant : congau- 
debant 668, in commutalione : in concambiis 772; le second dans 
convertantur : conturnent 883, quatiuntnr : conquassantur 1058, 
sculpare : contcìliare 1106. En mod. on a encore ko- ou kilurnc 
«tourner en différents sens», ko- ou kitaii «tailler de ci de là, de divers 
cótés» (dict. de Pirsoul). 

En wallon, le préf. con- reste intact, semble-t-il, jusqu’au XII e ou 
XIII e siècle. Sans faire état de concreidre à’Eulalie> qui n’est 
pas à proprement parler un texte wallon, on peut citer comburir de 
Jonas, qu’il ne faut pas considérer comme un mot savant et qui se 
retrouve dans les Vers del juise 3 . Mais, au XIII e siècle, on trouve 
cobatte dans les gloses de Darmstadt, qui sont un texte de la région 
• namuroise, et au XIV e siècle Hemricourt présente ke- pour la région 
liégeoise 4 . Tout POuest et le Centre wallons sont restés à Pétape 
co- y les variétés du liégeois ont développé ke- jusqu’à ki- ou kii *. 

22. Une bizarrerie est la transformation du préf. co- en ca- dans 
une douzaine de verbes, dont beaucuup répandus dans tout le domaine, 
notamment dans kabirlàsc «balancer», kabqsi «cabosser^, kabur «faire 


1 Conjug. dans le w. liégeois, p. 84 note. 

2 Notes de philol. wall., p. 233. 

3 Ed. v. Feilitzen, v. 267. 

4 Wilmotte, Et romanes dédiées à G. Paris, p, 243. 




368 


P. MARCHOT 


bouillir» (avec dérivé kabglei «soupe pour bestiaux»), kafufii et kafuii 
«chiffonner» ( *fundicare et f odicare), kahgse «hocher, secouer», 
kabuie «faire des bosselures» (bui < bulla). C’est J. Feller qui a ras- 
semblé une liste de ces verbes dans un article de Notes de philol. 
Wall., mais Fauteur semble ne pas avoir aper^u la raison de cette 
anomalie. Il va sans dire qu’elle est postérieure à la réduction de 
con- à co-. Si Fon met à part kabirlàsi , qui est un plus ancien 
cabalancier } où Va initial peut étre le résultat d’une assimilation, on 
remarque que tous les autres verbes possèdent la voyelle o dans le 
radicai et Pon est porté à croire que la transformation de co—6 en 
ca—ó est vraisemblablement un phénomène de dissimilation, qui a d& 
se produire dans les formes accentuées sur le radicai, comme dans 
coboce devenant caboce, cobolt devenant cabolt, cofongne devenant 
cafongne , etc. Une dissimilation de cette nature n’est peut-ètre pas 
très commune; toutefois elle se rencontre, p. ex. dans Fa. fr. la- 
oste <locusta (je ne crois pas ici à une action de lacus, la lan- 
gouste étant un crustacé marin), dans le w. monoie devenant mangi 
dans Pa. ix. anot. 

Feller a cru qu’il était le premier à dire que le préf. ca - provenait 
de con- (sauf une brève indication de Grandgagnage, qui avait ex- 
pliqué cafougni par cofougni): en finale de son article, il déclare 
avec satisfaction : «nous ne voulions que dégager ca - de son mystère». 
Vingt ans auparavant (en 1892), dans ma Phonol. détaillée d!un 
pat. Wall. (§ 138), amplifiant Pindication relative à cafougni, j’avais 
déjà expliqué par con-: kabQlci, kalbòs cbalan^oire», kapis «fourmu 
(insecte qui se «compisse» par la sécrétion d’un liquide acide) 2 ; je 
tirais seulement, à tort, ca- de Pétape k$-: 

Il y a, à peu près général en wallon, un verbe tsamgsi ou tsamgse 
«moisir», qui donne Pillusion d’ètre un compose de «moisir» avec 
con-; il a un correspondant camousser en montois (dict. de Sigart). 
Feller a été dupe de la ressemblance existant entre tsamgsi et «moisir»^ 
11 apparait immédiatement polirti!nt que si «moisir» avait un équi- 
valent en wallon, il serait m gyi en liégeois et mgzi en namurois. On 
ne peut pas non plus invoquer, comme je Pai fait dans ma Phono- 
logie (§ 90), un lat. vulg. *muccire, réclamé par le verbe catalan 
(d'après la Granimaire des langues romanes de Meyer-Liibke), car 
alors le montois dirait camouchi ou camoucher. Dans t.amgsi, tèa- 
est-il le préf. con- qui aurait subi la palatalisation du c? beller 


1 Sur monnaie, v. Atlas, 873. 
3 Sur fourmi, v. Atlas. 605. 



LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 369 

Pa cru et il a été ainsi amené à admettre une transformation en ca- 
plus ancienne dans ce verbe que dans les autres étudiés plus haut. 
Mais les faits sont tout différents. 

. TsamQsi, en montois camonsser , est en réalité le résultat d’une 
contamination, et j’aurais pu piacer ce verbe au no 19, à còté de 
chaboter . Cest le verbe chancir, remanié, refondu sous Paction de 
mosse f mousse . Le peuple croit que les végétations cryptogamiques 
ne sont qu’une espèce de mousse. Et cela est si vrai que Pirsoul, 
Pauteur du dictionnaire namurois, un lexicographe autodidacte, par- 
tage cette erreur et définit ainsi le verbe chamosser : «moisir, se 
couvrir d’une mousse (sic) blanchàtre ou verdàtre, qui marque un 
commencement de corruption». En fait, du reste, il y a certaines 
sortes de mousses qui donnent véritablement Pillusion de la moisis- 
sure: c’est ainsi que dans Pextrème nord-est «sphaigne» se dit tsamQSé, 
tsamusir ! . 

23. Les préf. dis - et ex-, qui seront ici traités ensemble, soulèvent 
un problème des plus ardus (non pas relativement à la composition, 
mais pour ce qui regarde Pévolution phonétique) dans les composés 
radicaux commengant par c-, Le traitement dans cette catégorie de 
composés est tout à fait particulier et vraiment déroutant. 

En wallon, tous les mots du lat. vulg. commen^ant par ( e)sc - ou 
par desc- sont traités absolument de la méme facon, indépendamment 
de la voyelle qui vient après (e)sc- ou desc- t que ce soit e , i, ou que 
ce soit a , ou que ce soit o, u. Et ce traitement est identique à celui 
des mots en sk- empruntés du germanique, traitement qui est aussi 
uniforme et ne dépend nullement de la voyelle qui suit. 

J'examinerai successivement les trois cas, selon que la voyelle est 
e , /, ou bien a , ou bien o, li. Dans tous les cas uniformément, pour 
les mots francs comme pour les mots latins, le traitement est in- 
variablement sk dans POuest wallon, % dans les variétés liégeoises, 
è dans les autres wallons. 

Voici un premier tableau, comprenant deux subdivisions, une pour 
les mots francs, une pour les mots latins, qui montre les destinées de 
(e) se- et de desc- devant les voyelles e ou /: 


Mots francs 

Ouest 

Variétés liégeoises 

Autres wallons 

*skeran 

d^skire 

lire 

èire , siire 

*skit , morceau de bois 

sfyt 

X(-t 

Sft 

menu 

skitan 

skite 

yìte 

lite 


1 Bastin, Vocab. de Faymonville. Sur moisir, v. Atlas, 869, 




370 


P. MARCHOT 


Mots latins 

Ouest 

Variétés liégeoises 

Autres wallons^ 

*sciscire (cl. sci - 

manque 

X$U\ s'enquérir 

manque 

scere ) 1 

*scissiare (sciti - 

manque 

yiil 2 , lacérer 

manque 

dere) 

descender e 

dgskgt 

diyjt 

distf 

Le tableau ci-après montrera les 

destinées des deux groupes devant 

la voyelle a . 

Mots francs 

Ouest 

Variétés liégeoises 

Autres wallons 

*skard , entaille 

skardc 

yarde 

sorde 

*skaban 7 rader 

manque 

yav , cosse 

spfj m. sign. 

skar a 

manque 

Xir^i, file 

stlei , m. sign. 

Mots latins 

scala 

skpLgskil.etc. ycd 

spi 

scaninuni 

skatma 

yam 

sarti 

* scolpire , démanger 

skppi 

y\ i pi 

sopì 

*excappare 

skape 

yùpe 

sape 

*excandir e 

rgskàdi 

rgyadi 

risàdi 

discalceare 

manque 

diy a sì 

manque 

[pedes] *discalceos 

dgsko 

òiya 

dgso 

*discar ricare 

dgskgrdzi 

diyigrdzi 

manque 

^discantare 

manque 

diyarne 

manque 

*discandir c 

manque 

manque 

disàdi 

*discavare 

manque 

manque [(Fléron) 8 

disave 

*discalcar c 

manque 

diyQtsi, désagréger 

manque 

Le troisième et dernier tableau 
desc - devant les voyelles o, u. 

montrera les destinées de (e)sc- T 

Mots francs 

Ouest 

Variétés liégeoises 

Autres wallons- 

*skòt , giron 

gsku 

W 

èu 

skutn + a 

eskimi 

yutti 

siim, Urti 

Mots latins 

scopa 

skuvlgt 

XQVlft 

SQVlgt 

excutere 

skeer 

X cer 

Icer 

*e s cultar e 

askute 

yute 

ènte 

*discombor ar e 

manque 

si diyObre 

si dilobre 

disi ooperire 

dgskuvri 

diygvri 

manque 


1 Sci se ere, encore dans Plaute, a été éliminé par sciscitari. yjii 
est, selon moi, une dissimilation d’un régulier yi < *scescire, qui pré¬ 
sente le mème phénomène que *devinus, *devisat, etc. 

2 Dissimilé, selon moi, d’un régulier < *xhexhier. L7 initial peut 

venir de /ir?, déchirer. 

3 Communio, de Marguerite Capiez. couturière, de Fléron (rue Saint- 
Lazare, 9, à Bruxelles, en 1915). 



LA FORMA TION DES MOTS EN WALLON PRÉL1TTÉRAIRE SI l 

Un mot de commentarne à propos de ces trois tableaux ne sera pas 
superfìu. 

Les exemples pour l'Ouest sont empruntés à Grignard ( Phon . et 
morph . des dial. de l’Oaest Wall.), pour les variétés liégeoises à 
Grandgagnage, pour les autres wallons à Pirsoul (beaucoup d'exemples 
sont aussi dans Pétude de Niederlander) et au patois de Saint-Hubert, 
que je connais. Les mQts remontant au frane *skaban «rader» sont 
pris à la Parabole (verset 16). 

Les verbes en desc- des trois tableaux sont sensiblement moins 
bien représentés par des continuateurs phonétiques que les verbes en 
(e)sc-\ ce sont les débris fossiles d'une loi qui a du ètre générale, 
Les formes insérées dans la colonne «autres wallons» (diset, disàdi, 
dièave, si dilóbre) sont de Namur et dues à une communication orale 1 . 
Pour ces verbes, Pirsoul ne donne que des variantes en disch - (donc 
phonét. disè-): dischiude y dischandi, dischaver, si dischombrer , qui 
ne sont simplement que des reformations récentes analogiques aux 
nombreux autres verbes en dis- : disumisi, disfe, displér , etc.). Chez 
Niederlander, je pouvais déjà trouver le phonét. diset , et chez Grand- 
gagnage le phonét disòbre , gour Namur. Si les formes phonétiques 
sont devenues rares, cela tient uniquement à Paction des nombreux 
autres verbes en dis- et ainsi ont été éliminés les types * disosi, 
*dil$rdzi, * dis aruc, *dis$vri (découvrir). 

11 y a lieu de faire remarquer que les variétés liégeoises vont plus 
loin que les autres variétés de wallon dans le traitement du groupe 
initial (e)sc-\ elles altèrent de la fa£Oti connue non seulement le groupe 
initial ( e)sc - suivi de voyelle, mais en plus les groupes initiaux (e)scl- 
et (é)scr-\ ainsi on a, en vertu de ce traitement, ylor , éclore, %rulc } 
faire sortir en tamisant (*excribrare), etc. 2 . 

Quelle peut bien ètre la raison de ce traitement fort originai des 
groupes ( e)sc - et desc - en wallon? Le problème n’a pas encore, ce 
semble, suffisamment attiré Pattention. L’on n'a mème pas fait re¬ 
marquer jusqu'ici que, dans la règie, les groupes initiaux ( e)sc - et 
desc- du wallon ne font pas Passibilation de c devant e et i (voir le 
tableau I). Et dans la direction Ouest, l'aire du traitement particulier 
de (e)se- et desc- dépasse certainement les limites de la zone wallonne 
proprement dite, car on a une forme dckqd, que Meyer-Lubke déclare 
inexpliquée 3 , qui va jusqu'aux rives de PEscaut. 

1 M mtì Bonnarens, serveuse de brasserie, Namuroise (rue du Progrès* 
53, à Bruxelles, en 1914). 

2 Feller, Notes de philol. wall., p. 330. 

3 Gram. des langues romanes, I, § 473. Voir Atlas, 393. 



372 


P. MARCHOT 


Il me parait que, dans une vaste aire du Nord de la Gaule, dès 
avant la fin du lVe siècle, de nombreux Francs ont du vivre, s’assi- 
miler aux populations belgo - romaines et se romaniser. Leur nombre 
a dù ètre assez considérable pour leur permettre, dans certain cas, 
d’exercer une action sur le gallo-romain. On a des traces historiques 
d’un royaume frane à Tournai, par exemple, tout au moins pour le 
commencement du V e siècle, la défaite de Clodion par Aétiufe (Gré- 
goire de Tours) étant des environs de 431. Et plus à l’Est, au cours 
du IV e siècle, à une date impossible à préciser, les Romains s’étaient 
repliés sur une ligne Signy-le-Petit-Florenville, à Fabri d’une large 
bande de forèt, et y avaient établi la frontière effective de FEmpire 
par la construction d’innombrables postes fortifiés, dont on retrouve 
aujourd’hui les traces l . 

Je pense que le groupe initial gallo romain (e)sc- a été influencé, 
au IV e siècle, par le sk - initial frane 2 , qui se pronongait 5%, pronon- 
ciation qu’il a gardée chez les Hollandais et les Flamands; le groupe 
(e)sc- a dù entraìner à sa suite les verbes commencant par desc -, parce 
qu’il y a souvent une grande similitude de sens entre Còmposés en 
esc - et composés en desc-: ainsi descavare est très proche pour le 
sens de escavare, descarnare de escamare, etc. 

Aux alentours de 400, lorsque s'opéra en gallo-romain Passibilation 
du c devant e et /, les groupes (e)sc - et desc - ne pouvaient plus Feffec- 
tuer, puisqu’ils étaient à Fétape (e)s%- et des%-. 

Et aux alentours de 700, lorsque s’opéra (dans une partie du do¬ 
maine frangais) la palatalisation de c devant a, e et i, les deux groupes 
ne purent pas non plus y prendre part, puisqu’ils possédaient non un 
C , mais un /. 

Dans les variétés du liégeois, les groupes (e)s%- et des%- sont restés 
tels quels, en amuissant seulement Vs. Dans le namurois et espèces 
similaires, l’évolution en s a dù se faire par les étapes 5/, si: sxnme y 
spinte , siume , sìim Enfin, à FOuest, les groupes (e)s%- et desy- 
auront rétrogradé à leur point de départ (e)sk- et desk -, parce que le 
son k était dans la langue un son beaucoup plus commun que le 
son y. 

Le liégeois, dans le principe, représente toujours le son composite 

1 Bruneau, Limite des dialectes . . . en Ardenne, p. 70. La ligne de 
repli est restée de nos jours la limite du watlon et du lorrain d’un còté, du 
wallon et du champenois de lautre. La bande de forèt est Fobstacle qui a 
déterminé la frontière dialectale. 

2 Les Gallo-Romains, de mème, ont gardé seulement Vh germanique 
initial, non h intérieur. 



LA FORMATION DES MOTS EN WALLON PRÉLITTÉRAIRE 


373 


Sx par la graphie se ou sk , qui se trouve dans les mots latins et 
francs et était donc étymologique (exemples dans des noms de lieu des 
chartes); au XlII e siècle commence à apparaitre une graphie xh 
(généralisée au XIVe siècle), dont là valeur est sans doute /, Pélément 
initial étant amui. L’étape moderne § du namurois et similaires était 
atteinte dès le XIII e siècle: Niederlànder remarque (§ 71 b) que les 
chartes «haben hàufig Formen wie . . . deseliendoiU ). 

Je n’ai pas parlé à suffisance jusqu’ici des prétendues exceptions à la 
loi qui règie le sort de (e)sc-, dese- en wallon. Elles sont apparentes. 
Ce sont pour la plupart des compositions postérieures à l’époque où la 
loi a agi. Les suffixes (e)s- et des- étaient restés vivants et productifs, 
puisqu’ils existaient dans nombre d’autres verbes comme (e)siordre, 

(iejstendre , (e)straire, (e)slever, (e)sforcier, (e)smovoir y destorner. 
desclore f destenir , desjoindre, etc., où le mode de composition était 
facilement per^u. J’ai déjà parlé plus haut des exceptions en dis- 
telles que dischaver , dischandi, etc. du namurois; il y en a d’autres 
comme distserdzi , distsosi , diskovrii. En voici pour le groupe (e)se- , 
prises dans le dictionnaire de Pirsoul: skeue sans queue, skuarne privé 
d’une come, skiir cuire à l’excès. D’autres exceptions sont*dues au 
fait qu’un yod existait dans la suite du mot, comme sk^uar mèche 
du fouet 1 , skaio échelon, sk$rii = (*exeorrigiata) fouet; d’autres 
sont des mots savants comme skql école 2 . 

24. Le numéro ci-dessus m’oblige à rectifier ce que j’ai dit, en traitant 
la phonétique du wallon prélittéraire, « dans la Zeitschr. fiir frans. 
Sprache und Literatur XXXIX 2 , p. 148: au n<> 6 de l’exposé des 
transformations phonétiques , j’avais, en effet, admis, pour des mots 
tels que (e)scotere, une évolution (e)esotere, (e)siodre , sqer ou 

et pour des mots tels que *scuma y seamnum, une évolution 
(e)esuma, (e)siama, siim ou yiim. Au n° 6 de la partie phonétique, 
le cas 8 doit donc étre entièrement retranché, et le cas 7 partiellement. 

25. Comme composition particulière avec le préf. dis- y je segnalerai 
discriminar e «séparer, départir», continué par un verbe diskratm 
♦séparer, démèler, débrouiller». Ce verbe a mème donne lieu à un 
contraire akrarni «emméler, enchevètrer, embrouiller, entortiller? d’après 
des couples tels que disrèdzì — arèdzì, disàmine ~ abituo, disiasi — 
alala, dislQil — al$il. C’est donc inexactement que, dans ma Pho- 
nologie § 109, j’ai rattaché les deux verbes au néerl . kram «crochet?. 

1 C’est à tort que Haust fait d’un sk'Snòr (Ciney) un «picardisme» (La 
Vie Wallonne, li, p. 483): Ciney est à quelque 70 kil. de la frontière ea, ga. 

2 Pour tout ce numéro, voir Atlas, 319, 588, 393, 436, 479 3 674, 1274, 
448, 444, 599, 441. 



374 


P. MAKCHOf 


C’est plutòt dans le wallon Occidental et méridional qu’ils sont ré- 
pandus. Leur finale répond à un frangais -iller ( entortiller ): on a 
aussi les formes diskramii , akrcernii. Un distir ami pour *diskr$mi 
n’est pas particulièrement surprenant, cf. Fancien samaine, stirarne 
«écrèmer ». Un emploi de discriminar e (crine ni) = déméler, 
commun en wallon, est déjà dans la Vulgate 1 . 

26. Voici, formés avec le préf. ex-, des types intéressants qui 
n’existent pas dans le frangais proprement dit ; ce sont des composés 
de verbes simples commengant par s-, composés dans lesquels ex - ne 
s’est pas réduit en lat. vulg. à es-, mais s’est maintenu. 

Variétés 

Wallon commun liégeoises 

*exsorbire birbi , birba , nettoyer XQ r bi, m. sign. 

*exsifilare Uf e , èiifle yitfk 

*exsibilare silc, siffler, bruire (se dit du vent) /zVà, m. sign. 2 
*exsaccare manque xtfb, tirer, ex- 

traire 

Le dé ve loppe ment phonétique a été Adsorbir, (e)siorbir, dans lequel 
le groupe si s’est résolu en $ ou en % selon régions. Les Morale 
sur Job offrent trois exemples eschielement . schielement , schieule- 
ment correspondant au lat. sibilas 3 , qui militent contre une attri- 
bution du texte à la région liégeoise 4 . 

27. Un préfixe a été emprujité par le wallon prélittéraire à la langue 
franque: c’est for-, qui est péjoratif et marque l’excès, la surabondance, 
et qui répond à ver- néerlandais et flamand. La forme de ce préfixe 
est toujours ver- en moyen néerlandais, mais toujours vor - en moyen 
bas allemand et for- en anglo-saxon; da chose s’explique sans doute 
par le fait que le bas allemand primitif a dù posséder une doublé 
forme comme le saxon primitif, qui avait à la fois far- et for-. Les 
Francs étaient des bas Allemands; en néerlandais V une forme aurait 
prévalu; en wallon prélittéraire, Tautre forme, favorisée par sa par- 
onymie avec foris , de provenance sans doute ripuaire. 

L’origine du préfixe date de Tépoque primitive: les Francs, en ap~ 
prenant le gallo-romain, traduisirent tout à fait littéralement certains 
de leurs verbes composés avec for- (en gardant le préfixe), composés 
pour lesquels un correspondant exact manquait en gallo-romain. Voici 
des exemples: 

1 Thes. linguae latinae. 

2 Bastin, Voc. de Faymonville; Haust, Voc. de Stavelot, au SuppK 

3 Wiese, op. cit., p. 190. 

4 Sur nettoyer, siffler, v. Atlas 905, 1231. 



LA FORM ATI ON DES MOTS EN T WALLON PRÉLITTÉRAIRE 375 

frane *st'c forsldpan (m. bas all. sich vorslapen , w. si fordu^rmi 

trop dormir), 

« *forwakson (m. bas all. vorwassen, trop w. fyrkrqS 

grandir), 

« *forduon (m. bas all. vordón, dissiper, w. forfè 

dépenser), 

Le préfixe fut dans la suite parfaitement vivace dans la langue et 
devint productif en s'adaptant à des mots romans: ainsi w. moderne 
formivi «pétulant*, forsule «trop enivréx», F^rl^tè^ nom du renard dans 
des contes d'animaux ( *forlechiere = ultra-gourmand) \ 

Le fran^ais prélittéraire (comme le provenni) connait bien un préf. 
/or-, mais le sens en est différent, ainsi que Porigine, qui est forisi 
ir. forfaire ì forclore , fourvoyer , a. fr. forborc. 

1 Ma mère, née à Hannut (prov. de Liége) v connaissait des contes de 
l’espèce. 


Paul Marchot. 



Notes on Dante’s Inferno. 

I. 

The Suicides. • 

(Inf. XIII.) 

Attention has repeatedly been called to thè similarity of Inf. XIII, 
31—39 with Virgili Aeneid, III, 22 ff.where thè dolorous meeting 
of Aeneas with Polydore assassinated and metamorphosed into a tree 
is deseribed. Also it has been pointed out by studénts of popular 
superstitionsthat thè episode of thè Aeneid as well as certain passages 
of Ovid's Metamorphoses is based upon an ancient and wide-spread 
belief which assumes trees animated by a spirit, either its naturai 
dryad or thè soul of a dead hero 1 2 . But it has never been shown, 
heretofore, from where Dante took thè idea of enclosing thè souls of 
suicides in trees. Can thè poet have invented thè motif? This is 
doubtful, and I hope to show that he owes it to classical antiquity, 
as he does so many others which make up thè immense amount of 
material embodied in thè Divine Comedy. 

Pausanias narrates that near Thebes there was thè tomb of Menoe- 
ceus, thè son of Creon, who slew himself in obedience to thè Delphic 

1 Cf. Stanislao Prato, La pena dei suicidi nella Divina Commedia e 
la tradizione popolare, Giornale Dantesco, XV, 1907, pp 24 and 162; XVI, 
1908, p. 27; De Chiara, La pena dei suicidi, Giornale Dantesco, III, 1895, 
p. 143; Edward Moore, Studies in Dante, First Series: Scripture and 
Classical Authors in Dante, Oxford, 1896. The work of Vincenzo Messeri, 
I suicidi nel canto XIII dell’Inferno, in Luce e Amore, III, 838; 892 etc. 
has unfortunately been inaccessible to me. 

2 Cf. Rohde, Der griechische Roman und seine Vorlaufer, Leipzig, 1900 T 
p. 169; Grimm, Deutsche Mythologie, ed. by E. H. Meyer, Berlin, 
1875—1878, II, 689; W. Henderson, Notes on thè Folklore of thè 
Northern Counties of England and thè Border, London, 1879, p. 50; 
R Kòhler, K1 Sdir., ed. by J. Boi te, Berlin, 1900, III, 274; W. Mann- 
hardt, Wald- und Feldkulte, Berlin, 1904-1905, I, 3; 39; II, 20; 
O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, Mtìnchen, 
1905, pp. 85; 210; 790. 



NOTES ON DANTE S INFERNO 


377 


Oracle. On that tomb grew a pomegranate tree; whenever thè outer 
husk of thè ripe fruit was broken, thè inside was found like blood x . 

Of stili closer resemblance with thè famous passage of thè Inferno 
is a story told by Servius in his Virgil commentary 1 2 . It reads as 
follows : 

Phyllis, Sithonis filia, regina Thracum fuit. haec Demophoontem, 
Thesii filium, regem Atheniensium, redeuntem de Troiano proelio, 
dilexit et in coniugium suum rogavit. ille ait, ante se ordinaturum 
rem suam et sic ad eius nuptias reversurum, profectus itaque cum 
tardaret, Phyllis et amoris impatientia et doloris impulsu, quod 
se spretam esse credebat, laqueo vitam finivit et conversa est in 
arborem amygdalum sine foliis .... 

In his work on thè classical sources of Dante 3 , Edward Moore 
pointed out that thè poet was acquainted with Virgili Eclogues 4 and 
that in all probability he also drew on Servius' famous commentary 5 . 
The passage quoted above will strengthen thè evidence adduced by 
thè English scholar in support of thè latter theory, for it is certain 
that Dante could not know Pausanias, while on thè other hand thè 
§tory of Phyllis' suicide and transformation into an almond tree is 
found only in Servius 6 . 

II. 

The Names of thè Demons. 

(inf. XXI—XXII.) 

Arturo Graf 7 noted that thè strange names given by thè poet to 
thè demons in charge of thè fifth bolgia show great similarity with 
names given to devils in thè mystery and more lity plays. He con- 


1 Descr. Gr., IX, 25, 1; Frazer’s Commentary, III, 360. 

2 Servius, Comm. in Verg. Bue. ree. G. Thilo, Lipsiae, 1887, III, l y 
p. 55. 

8 Op. cit. 

4 Ibid., p, 9. 

6 Ibid., pp ,174 and 189. 

6 It is narrated in Ovid’s Heroides, but without thè incident of thè sui¬ 
cide, as here thè heroine is stili alive and writing to her lover. In Hygi- 
nus’ Fabulae thè story is told in charter 59, where thè suicide is not men- 
tioned, and is alluded to in chapter 2-13, where thè suicide is told but without 
thè metamorphosis. It is not likely that Dante should bave drawn on two 
different passages of Hyginus, combining their readings. On thè other hand. 
it is certain that he knew some version of thè tale, as he alludes to it in 
Paradiso IX, 100: Quella Rodopeia, che delusa Fu da Demofoonte; cf, 
Moore, p. 207. 

7 Miti, leggende e superstizioni del medio evo, Toriho, 1892—1893, II, 141. 



378 


A. H. KRAPPE 


jectured tbat thè poet may have seen such plays acted, either in 
France or in Italy. Edward Moore 1 sees in those names hidden 
allusions to contemporary personages whom Dante desired to satirize. 
Both observations may be correct. The resemblance of thè names of 
Dante’s demons with thè names occurring in thè dramatis per¬ 
so nae of mediaeval plays is incontestable. The device of hitting an 
enemy in thè way suggested by thè English scholar is by no means 
modern. We have a parallel in thè Chanson de Roland, where 
thè name of thè Saracen Turgis de Tortelose very probably serves 
to cast odium on a certain bishop of Bayeux 2 3 * . But thè admission 
of those two suggestions does not solve thè problem in its entirety. 
As regards Dante's stay in France, it is wholly hypothetical, while 
thè Italian sacra rappresentazione is posterior to thè poet’s 
time. Furthermore granting Dante’s intention to attack some personal 
enemies in this manner, thè question remains to be answered, Why 
did he choose such strange-sounding names for this purpose? I think 
that Graf was right in assuming imitation from a foreign literature; 
thè improbability of his theory lies in thè genre which Dante is 
supposed to have imitated. 

Old names of thè kind used by thè poet occur in Old French 
literature, not'only in thè mystery play but in a literary form far 
earlier than dramatic literature, thè chanson de geste, where they 
are borne by Saracens. A large number of Dante’s demon names 
have their paraliels in Langlois’ index 8 , and thè similarity in sound 
and meaning is striking. I shall give a list of them. 

Alichino (Inf. XXI, 118): Aligant, Alipantin. The first 
syllable is decisively Arabie in character. 

Barbariccia (Inf. XXI, 120): Barbarans, Barbamusche 
(borse of Climorin, Rol. 1491). 

Draghinazzo (Inf. XXI, 121): Dragolant. The word may 
be a derivative of dragon, thè coat of arms of thè Saracens in 
thè Roland. 

Farfarello (Inf. XXI, 123): Faramont, Faussabré, Fal- 
sarun (Rol. 1213), Fauseron. 

Rubicante (Inf. XXI, 123): Rubieant,.Rubica i re, Rubion. 

1 Studies in Dante, Second Series; Miscellaneous Essays, Oxford, 1899, 

p. 116. 

% 3 W. Tavernier, Zeitschr. f. franz. Spr. u. Lit., XXXVII*, 1911, p. 123. 

3 E. Langlois, Tableau des noms propres de toute nature compris dans 

les chansons de geste imprimées, Paris, 1904. 


NOTES ON DANTE’s INFERNO 


379 


Malebranche (Inf. XXI, 37): Malabrun, Malachar, Mala- 
gus, Malapris, Malachin. 

Malacoda (Inf. XXI, 76): Malcuidant etc. The list of this 
series might be extended almost indefinitely. 

It should be noted that thè name Malebranche is a French, not 
an Italian form; thè latter would be Ma labranca. It is true, 
Dante did not take over any name literally; but it must be borne 
in mind that thè majority of thè names of epic heroes, Christian as 
well as Saraceri, undergo thè strangest distortions and transformations 
in thè Italian versions, for which numerous examples could be adduced 
from thè Storie Nerbonesi and thè Spagna. Often it is even 
difficult to recognize thè originai French form in its Italian garb. 
Furthermore, large allowences must certainly be made for Dante’s 
own creative imagination and aesthetic feeling, which undoubtedly 
caused him to italianize most of thè French forms. 

The Saracen names of thè chansons de geste were imitated in 
other forms of Old French literature, during thè later middle ages. 
Thus we have quite a list of them conferred upon thè dogs of thè 
farmer Constant de Noes in Branche V of thè Roman de 
Renard h, a fact which has been recognized by Lucien Foulet 1 2 , 
when he writes: 

Ce ne sont pas des chiens qui donnent la chasse à un goupil. 
Mais lisez cette énumération de noms retentissants, Espinars et 
Hurtevilein, Passe-avant et Outrelevrjers, arrètez-vous à ces épi- 
thètes bizarres, Escorchelande li barbez et Violez li malflorez, 
représentez-vous ces trois félons, Trenchant, Bruamont et Faiz 
qui débouchent soudainement à Torée d’un bois, peignez-vous à 
la tète de ces hordes Roonel, le chien dant Frobert qui chevauche 
furieusement, lance levée sor le fautre, et vous croirez voir toute 
un armée de traìtres Sarrasins, acharnés à barrer la route à 
Guillaume qui fuit vers Orange. 

The author of that part of thè Roman de Renard was cer¬ 
tainly not thè only one to use this device. The miracle plays in their 
turn borrowed such names from thè chansons de geste, and so 
did thè great Fiorentine poet whose knowledge of French literature 
in generai and of thè popular epic in particular enabled him to see 
thè possibilities of such a borrowing and its adaptation to thè new 
milieu in thè fifth bolgia. 

1 Ed. Martin, vv. 1185—1272, t. I, pp. 193—196. 

2 L. Foulet, Le Roman de Renard, Paris, 1914, p. 215. 

Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 192?. 


26 



380 


A. H. KRAPPE 


III. 

Guido da Montefeltro. 

(Inf. XXVII.) 

The touching story of Guido da Montèfeltro, thè warrior and states- 
man who withdrew from thè worid, donning thè humble cowl of 
Saint Francis of Assisi and who would have saved his soul but for 
his fatai relapse into his former ways, at thè instigation of Pope 
Boniface Vili, is too well known to need recounting. • What has not 
been pointed out by modern commentators (thè mediaeval ones took 
it for granted) is, I think, thè fact that in this episode of thè Divine 
Poem Dante is dealing with a problem which appeared extremely 
vital to thè middle ages, that is, thè necessity imposed upon a man 
who withdrew into a monastery of guarding against relapses which 
might undo his whole effort and snatch from him thè fruit of years 
of repentance. This will be made clear by two stories which occur 
in most, if not all, of thè mediaeval collections of ex empi a and 
which thè preachers never seem to have tired of repeating to their 
audiences. I quote both of them from thè work of Jacques de Vitry x . 
They read as follows: 

Audivi etiam de quodam nobili milite quod relictis magnis 
possessionibus quas habebat, factus est monachus, ut in pace et 
humilitate Deo serviret. Attendens autem abbas quod fuisset 
industrius in secolo, misit eum ad forum ut asinos et asinas 
monasterii, que jam senes erant, venderet et emeret juniores. 
Licet autem viro nobili displiceret voluit obedire. Illis vero qui 
emere volebant interrogantibus si bone essent asine et juvenes, 
noluit abscondere veritatem sed respondebat: «Creditis quod 
monasterium nostrum ad tantam inopiam devenerit quod asinos 
juvenes et domui utiles vendere voluerit?» Cum autem quere- 
retur ab eo quare asini ita caudas haberent depilatas respondit : 
«Quia frequenter sub onere decidunt et ideo, dum per caudas eos 
sublevamos, depilantur caude eorum.» Cum autem nichil vendi- 
disset et ad claustram fuisset reversus conversus quidam, qui cum 
eo abierat, accusavit eum in capitula. Abbas autem et monachi 
incandescentes in eum, quasi prò gravi culpa, ipsum disciplinare 
ceperunt. Quibus ille ait: «Ego multos asinos et magnas pos- 
sessiones in seculo reliqui, nolui prò asinabus vestris mentiri et 


1 Th. F. Grane, The Exempla or Illustrative Stories from thè Sermones 
Vulgares of Jacques de Vitry, London, Folk-Lore Society, 1890. 



NOTES ON DANTE S INFERN.0 


381 


ledere animam meam circumveniendo proximos.> Et ita post- 
modum ad exteriora et secularia negocia non miserunt eum. 
Miles iste nobilis genere sed mori bus nobilior noluit lapides pre- 
ciosos prò Ugno putrido relinquere, id est claustri quietem prò 
tumultu seculari, ne assimilaretur asino qui rosis et violis spretis 
ad carduum cucurrit, et rana si ponatur super culcitram pictam 
prosilit et quam citius potest luto se immergit 1 . 

Audivi de quodam magno clerico qui fuerat advocatus in seculo 
et fere in omnibus causis obtinebat, cum suscepisset habitum 
monachorum frequenter mittebatur ad causas procurandas, et in 
omni causa succumbebat. Verum abbas et monachi indignati 
dixerunt ei : Quomodo in causis nostris semper succumbis qui 
cum esses in seculo semper obtinebas in causis alienis.» At ille 
respondit: «Cum essem secularis mentiri non timebam sed per 
mendatia et fraudes adversarios superabam; nunc autem, quia 
non audeo dicere nisi verum, semper accidit mihi contrarìum.» Et 
ita permissus est in claustri pace quiescere nec amplius missus est 
ad litigandum 2 . 

The resemblance of thè first of these two exempla with thè 
episode of Guido da Montefeltro is quite striking and not perhaps 
entirely fortuitous. In both cases thè hero is a knight who had left 
large earthly possessions for thè sake of his salvation. In both his 
spiritual superior is precisely thè one who endangers thè knight’s 
work of repentance. In both, finally, thè hero is reluctant to obey 
thè orders of thè disloyal shepherd. However, Guido succumbs, while 
thè unnamed hero of thè exemplum remains firm. It is by no 
means impossible that this wide-spread story became attached to 
Guido da Montefeltro by thè Colonna party and that Dante merely 
took it over, making use of it to propound thè lesson it contains. 
Be that as it may, it is certain that in devoting a whole canto to 
this episode, Dante was conscious of thè fact that he was dealing 
with a grave problem, and an attentive reading of thè canto conveys 
thè impression that it is Dante’s marvelous power as a moralist which 
more than any other factor sheds over this episode this sombre grandor 
that makes it one of thè most impressive of thè whole work. 


1 Op. cit., cap. LIII, p. 21. For an enumeration of thè other versions cf. 
Pauli, Schimpf und Ernst, ed- by H. Oesterley, Bibl. d. Lit. Vereinsi 
Bd. LXXXV, Stuttgart, 1866, cap. Ili, p. 485. 

2 Cap. LII, p. 20. Cf. Pauli, op. cit., cap. 127, p. 488. 


26 * 



382 


A. H. KRAPPE 


IV. 

Gianni Schicchi. 

(Inf. XXX, 32-33.) 

In thè tenth bolgia Dante finds, among different types of forgerers, 
one Gianni Schicchi. Of this personage thè commentator Francesco 
da Buti narrates thè following anecdote 1 . 

. . . questo Gianni Schicchi fu de’ Cavalcanti da Fiorenza, et 
era gran compagno di Simone parente di messer Buoso Donati 
ancora fiorentino* lo qual messer Buoso era molto ricco, e venendo 
a caso di morte per infermità, non fece testamento, o che questo 
Simone non gliel lasciasse fare, o eh’ elli si morisse in tal modo 
che noi facesse, come per negligenzia spesse volte addiviene. 
Onde questo Simone, inanzi che niuno sapesse che messer Buoso 
fosse morto, ordinò che questo suo compagno Gianni Schicchi 
stesse nel letto in persona di messer Buoso, e.contrafacesse messer 
Buoso con la voce tremante e debile come di malato, e facesse 
testamento e lasciasse lui suo erede; elli li promise di darli per 
questo una cavalla eh’ avea messer Buoso in una sua torma, 
eh’ era bellissima e d’ un grande pregio, la quale si chiamava 
la donna della torma. Et ordinato questo si mandò per lo Notaio, 
e questo Gianni si acconciò nel letto col capo fasciato, nella camera, 
e con le finestre socchiuse e feciono stare il notaio un poco di 
lungi; e questi fece il testamento in persona di messer Buoso e 
lasciò a cui questo Simone volle*; e lui, cioè Simone erede, nel 
testamento. E rogato il testamento, indi a poco stante, sparsono 
la voce come messer Buoso era morto e attesuono alla sepultura, 
e così si rimase erede il detto Simone. 

The same story is recorded by most Dante commentators with a 
number of variants. Thus, according to one group of versions, Simone 
does not make any promise to Gianni, but thè latter takes care to 
provide for himself in thè will 2 . According to another, Simone and 
Gianni Schicchi kill Old Buoso 3 . All commentators seem to agree, 
however, in assuming thè story to be based on an actual occurrence. 
While this may have been thè case, it is certain that thè tale bears 
novelistic features which make it probable that in this form at least 


1 Commento di Francesco da Buti sopra la Divina Commedia di Dante 
Allighieri, p. p. Crescentino Giannini, t. I, Pisa, 1858, p. 766. 

2 Cf. G. A. Scartazzini’s sixth edition of thè Commedia, p. 294—295. 

3 Ibid., p. 295. 



NOTES ON DANTE’S INFERNO 


383 


it was a current story which in some manner had become attached 
to thè two Florentines Simone Donati and Gianni Schicchi. What 
would confirm this hypothesis is thè fact that thè narrative is found 
in two ancient writers, where it is told of Queen Laodice, first wife 
of thè Seleucid King Antiochus IL The first author who records it 
is Valerius Maximus L His version reads as follows: 

Regi Antiocho unus ex aequalibus et ipse regiae stirpis nomine 
Artemo perquam similis fuisse traditur. quem Laodice, uxor 
Antiochi, interfecto uiro dissimulandi sceleris gratia in lectulo 
perinde quasi ipsum regem aegrum conlocauit admissumque uni- 
uefsum populum et sermone eius et uultu consimili fefellit, credi- 
deruntque homines ab Antiocho moriente Laodicen et natos eius 
sibi conmendari. 

The same story is told by Pliny Secundus 1 2 . There it presents this 
reading : 

Antiocho regi Syriae e plebe nomine Artemo in tantum similis 
fuit, ut Laodice coniunx regia necato ìam Antiocho mimum per 
eum commendationis regnique successionis peregerit. 

It is of course very doubtful whether this narrative has any more 
historical foundation than so many other stories mentioned by either 
Valerius Maximus or Pliny. It is most probable that we have to 
deal with one of those floating tales which are found everywhere and 
nowhere, which can be attached to any historical personage that 
enjoys an unenviable reputation of trickiness, such as fell to thè lot 
of Queen Laodice and to thè two Fiorentine citizens Simone Donati 
and Gianni Schicchi 3 . 

V. 

Frate Alberigo. 

(Inf. XXXIII, 109 — 135.) 

Passing from Antenora to Tolomea in thè lowest abyss of Hell, 
thè two poets find, deep in thè ice, Alberigo de’ Manfredi, frate 
gaudente, who implores Dante to open his eyes, which are closed 
with frozen tears, and thè poet says: 

1 De dictis factisque memorabilibus, IX, 14, ext. 1. 

2 Nat. Hist. VII, 53. 

3 The story soon found favor with thè Italian novelists. It is contained 
in thè collection of Marco Cademosto da Lodi and in thè Piacevoli Notte of 
Granucci; cf. Dunlop, History of Prose Fiction, ed. Wilson, London, 1896, 
II, 192. 


384 


A. H. KRAPPE 


149 ed io non gliele apersi, 

E cortesia fu lui esser villano. 

Concerning this Alberigo Francesco da Buti makes thè following 
comment 1 : 

. . . questo frate Alberigo fu de' Manfredi da Faenza di Romagna, 
et in sua vecchiezza si fece cavaliere gaudente, e però fu chiamato 
frate, et avea guerra con certi suoi consorti, e non potendo avere 
copia di loro, pensò uno grandissimo tradimento; cioè di paci¬ 
ficarsi con loro e poi nella pace ucciderli, e così fece; e mise 
mezzani a far la pace e, fatta la pace, disse che si volea ritro¬ 
vare con loro, et ordinò uno bèllo convito et invitò tutti questi 
suoi consorti co’ quali avea fatta la pace; e quando essi ebbono 
desinato tutte le vivande, elli comandò che venessero le frutta; et 
allora venne la sua famiglia armata, com' elli avea ordinato, et 
uccisono tutti costoro alle mense coni’ erano a sedere; e però s’ 
usa di dire: Elli ebbe delle frutta di frate Alberigo. 

This story, with a few minor variants, is also reported by Giovanni 
Villani 2 . The event is said to have taken place toward thè end of 
thè thirteenth century. What has never been pointed out before is 
that a similar episode is told by Paulus Diaconus 3 . The text reads 
as follows : 

Germanus Rodulfi regis ad Tatonem serendae pacis gratia 
venerat. Qui cum expleta legatione patriam repeteret, contigit, 
ut ante regis filiae domum, quae Rumetruda dicebatur, transitum 
haberet. Illa multitudinem virorum nobilemquè comitatum aspi- 
ciens, interrogat, quis iste esse possit, qui tam sublime obsequium 
haberet. Dictumque illi est, Rodulfi regis germanum legatione 
perfuncta patriam regredì. Mittit puella, qui eum invitaret, ut 
vini poculum dignaretur accipere. Ille corde simplici, ut invitatus 
fuerat, venit; et quia erat statura pusillus, eum factu superbiae 
puella despexit, verbaque adversus eum invisoria protulit. At 
ille verecundia pariter et indignatione perfusus talia rursus verba 
respondit, quae ampliorem puellae confusionem adferrent. Tunc 
illa furore femineo succensa, dolorem cordis cohibere non valens 
scelus quod mente conciperat explere contendit. Simulat patientiam, 
vultum exhilarat, eumque verbis iocundioribus demulcens, ad 
sedendum invitat, talique eum in loco sedere constituit, quo 

1 Op. cit., I, 839. 

2 Hist, X, 27. 

3 Hist. Lang., I, 20. 



NOTES ON DANTE’S INFERNO 


385 


parietis fenestram ad scapulas haberet. Quam fenestram quasi 
ob hospitis honorem, re autem vera ne eum aliqua pulsaret 
suscipio, velamine texerat pretioso, praecipiens atrocissima belna 
propriis pueris, ut, cum ipsa quasi ad pincernam loquens «Misce» 
dixisset, illi eum a tergo lanceis perforarent. Factumque est; et, 
mox crudelis femina signum dedit, iniqua mandata, perficiuntur, 
ipseque vulneribus transfixus in terram corruens expiravit. 

The similarity of this episode with thè tale Qf Frate Alberigo as 
it is reported by Villani and most of thè Dante còmmentators is 
striking. Not only thè fatai banquet and thè ambiguous words which 
give thè signal for thè unholy deed are found in both; there is also 
a tradition according to which Alberigo was provoked by a box' on 
thè ear, inflicted upon him by his relative, and that he could never 
forget this insult and therefore revenged himself in such a treach- 
erous manner. This trait finds its parallel in thè story of thè Lango- 
bard historian, where thè princess is similarly provoked by thè insults 
she has to suffer from her guest and enemy. 

Again we must question thè historicity of thè account as told by 
Villani and as it was doubtless current in Dante’s time 1 2 3 . A treach- 
erous murder perpetrated by an Italian nobleman lent itself easily 
for a convenient point d* attaché of a floating tale which would 
make thè event stili more gruesome in thè eyes of thè contemporaries, 
and Dante, whether or not he believed it, certainly made use of it 
to heighten thè gloom which hangs over thè thirty-third canto of his 
immortaf work. 

1 Mon. Germ. Hist. Scriptores rerum Langobar. et Italie, saec. VI—IX, 
Hannover, 1878, pp. 57—58. 

2 Div. Com. ed. cit., p. 333. 

3 The story was a favorite theme of thè Italian novelists of thè fourteenth 
century. It is found in thè Pecorone, VII, 1, and in thè Libro di Novelle. 
Cf. Kohler, Kl. Schr., ed. by J. Bolte, Berlin, 1900, II, 566. 

Alexander Haggerty Krappe. 



Le fonti- del canzoniere del Boiardo, 


Fra i poeti imitati dal Boiardo il primo posto spetta a Francesco 
Petrarca. Ma se il Boiardo s* ispira al cantore di Laura, come sole - 
vano fare tutti i poeti del suo tempo, la sua imitazione ha qualche 
cosa di profondamente diverso da quella dei suoi contemporanei. Alla 
fine del quattrocento P imitazione petrarchesca presenta un aspetto 
nuovo; la lirica rifugiandosi nelle Corti, perde ogni ombra di senti¬ 
mento, diviene un vuoto giuoco di parole ; i pensieri del Petrarca sono 
trasformati in concetti falsi e artificiosi. Solo pochi si mantengono 
fedeli al petrarchismo puro dei lirici del trecento, le cui poesie (benché 
fredde e vuote) ci sembrano talvolta gioielli di grazia e di semplicità 
in confronto ai brutti versi del Serafino, del Tebaldeo e dei loro se¬ 
guaci. Era impossibile che il Boiardo non sentisse Y influsso del suo 
grande predecessore, al quale i migliori poeti non riuscirono a sottrarsi. 
Egli ebbe infatti un’ ammirazione infinita per il poeta di Vaichiusa e 

10 studiò profondamente. Esiste un codice del Canzoniere del Petrarca 
tutto postillato dal Boiardo 1 . Ma se il Boiardo é petrarchista, se 
petrarchista vuol dire ammiratore ed imitatore del Petrarca, non é 
tale certamente, se petrarchista vuol dire poeta senza originalità. Se noi 
togliamo quelle poche liriche scritte quando Y animo suo é stanco, quando 
imita freddamente, e quelle pochissime nelle quali deturpa i pensieri 
petrarcheschi con concetti falsi e artificiosi, si può dire che il Boiardo 
dà una vita nuova, un sentimento nuovo anche ai motivi più vecchi. 

Il Conte di Scandiano apre e chiude il suo Canzoniere sempre imitando 

11 cantore di Laura. Nel primo Sonetto vi sono molti ricordi del primo 
Sonetto del Canzoniere del Petrarca. Ambedue sono stati composti come 
prefazione alla raccolta di rime. L* uno e Y altro parlano di un tempo 
lontano nel quale, la sorte dei poeti era diversa dalla presente e altri 
gioie, e altre speranze fiorivano nel cuore. Il Petrarca chiama jl suo 
amore «giovanile errore» : il Boiardo «puerile errore ». In ambedue 


1 Paolo Giorgi, Sonetti e Canzoni di Matteo Maria Boiardo in: 
Studi su* M. M. Boiardo, Bologna, 1894, p. 179. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


387 


vi é rimpianto per il bel tempo lontano. Ma mentre il Petrarca vecchio e 
dedicato ormai alla religione, si vergogna di questo amore e ne parla 
come di una cosa passata, ecco che il Boiardo non rinnega la sua 
passione perché é viva ancora nel cuo cuore, e. dice che V uomo che 
non ama non é vivo, e «se in vista é vivo, vivo é senza core ». 
Nell’ ultimo sonetto il Boiardo cerca di far risorgere nella sua anima 
il sentimento del Maestro. Certamente petrarchesca é l’idea di finire 
le proprie rime con una poesia religiosa. 

In alcune liriche il Boiardo trasforma completamente il pensiero del 
Maestro. Così nel quinto sonetto riprende 1’ immagine petrarchesca 
di amore con Y arco sempre teso verso il cuore degli uomini per col¬ 
pirli colla sua freccia • ma la rappresenta sotto un aspetto del tutto 
nuovo. Per il Petrarca amore é un’ insidia, per il Boiardo é una delle 
più belle creazioni dell’ universo. Dice il Petrarca 1 : 

Celatamente amor 1’ arco riprese, 

Com’ uom eh’ a nuocer lungo tempo aspetta. 

Era la mia virtute al cor ristretta 
Per far ivi e negli occhi sue difese: 

Ed il Boiardo 2 : 

Amor, che le dorate sue quadrelle 
Più tien forbite e il suo potere in cima 
Questa beltà, non mai veduta in prima 
Vuol dimostrar con 1’ altre cose belle. 

Al primo impeto di dolore dice il poeta (Poesie, p. 180): 

Chi crederebbe ascosa 

Mai crudeltade in forme sì divine. 

Pensiero che troviamo in questi versi del Petrarca (Le Rime , cit., 
p. 238): 

Questa umil fera, un cor di tigre o d’ orsa, 

Che ’n vista umana e ’n forma d’ angel vane. 

In un’ altra lirica il Boiardo paragona la sua vita ad una nave 


1 Francesco Petrarca, Le Rime di sugli originali commentate da 
Giosuè Carducci e Severino Ferrari, Firenze, 1899, p. 4. 

2 Matteo Maria Boiardo, Le Poesie volgari e Latine riscontrate 
sui Codici e sulle prime Stampe da Angelo Solerti, Bologna, 1894, p. 7. 


388 


E. FERNANDES 


d’ oro, che naviga nel mare tranquillo guidata da amore, cullata da 
un vento soave ( Poesie , p. 25) : 

De avorio e d’ oro e de corali é ordita 
La navicella che mia vita porta; 

Vento soave e fresco me conforta, 

E il mar tranquillo a navigar m’invita. 

Vago desir co’ i remi a gir me aita; 

Governa il temo amor, che é la mia scorta ; 

Speranza tiene in man la fune intorta 
Per porre il ferro adunco a la ferrita. 

11 paragone é petrarchesco. Il poeta aretino in un sonetto im¬ 
magina che la nave, simbolo della sua vita, passi attraverso la tem¬ 
pesta e la lotta con le onde sia tanto forte da disperare di giungere 
al porto {Rime, cit., p. 273) : 

Passa la nave mia colma d* oblio 
Per aspro mare a mezzanotte il verno 
Infra Scilla e Cariddi; ed al Governo 
Siede ’l Signor, anzi ’l nemico mio. 

A ciascun remo un pensier pronto e rio, 

Che la tempesta e ’l fin par eh’ abbia a scherno : 

La vela rompe un vento umido eterno 
Di sospir, di speranze e di desio. 

Solo l’idea é ispirata dal Petrarca. La concezione della vita appare 
nel sonetto del Boiardo profondamente diversa da quella del Petrarca. 
Una nota del tutto nuova vibra nei versi del nostro poeta e ravviva 
l’immagine e il pensiero: la nota della gioia serena. 

Nell’epoca felice il Boiardo canta, in una stanza di canzone, come 
dalla sua donna si irraggi una grande beatitudine su tutte le cose che 
la circondano 1 {Poesie, p. 61): 

Beato il cielo, e felice quel clima 
Sotto al qual nacque, e [beata] regione. 

Beata la stagione 

A cui tanto di ben pervenne in sorte! 

Beato te, che a la reai pregione 

1 Per T origine di questo pensiero tanto comune ai Poeti di Amore, cfr. 
Vitaletti, Benedizione d’ Amore in questo Archivimi, voi. Ili, 206. 




LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


389 


Per te stesso sei chiuso entro alle porte 
Che non pregion ma corte, 

Questa se de 7 nomar, se ben se stima. 

Beati gli ochii toi, che veder prima 
Quel nero aguto e quel bianco soave 
Che all' amorosa zoglia apre la via. 

Beato’il cor che ogni altra cosa oblia 
Né altro diletto né pensier non ave. 

La benedizione a tutte le cose che circondano la donna amata, la 
troviamo nel Petrarca (Le Rime , cit., p. 15): 

Benedetto sia 7 1 giorno e 7 1 mese e l 7 anno 
E la stagione e 7 1 tempo e l 7 ora e 7 1 punto 
E ’1 bel paese e '1 loco ov 7 io fui giunto 
Da duo begli occhi che legato m 7 hanno, 

E benedetto il primo dolce affanno 
Ch 7 io. ebbi ad esser con amor congiunto, 

E P arco e le saette ond 7 io fui punto 
E le piaghe eh’ infin al cor mi vanno. 

Benedette le voci tante eh 7 io, 

Chiamando il nome di mia donna, ho sparte 
E i sospiri e le lacrime e 7 1 desio; 

E benedette sien tutte le carte 

Ov 7 io fama ne acquisto e 7 1 pensier mio, 

Ch 7 é sol di lei, si eh 7 altra non v 7 ha parte l . 

I versi del Boiardo hanno qualche cosa di solenne e di grandioso, 
sembrano un inno di beatitudine. L 7 imitazione petrarchesca é una 
reminiscenza lontana che si perde fra la nuova messe di affetti e di 
pensieri originali, che sorge dal cuore del poeta ebbro di amore e 
di gioia. 

Noi vediamo così come il Boiardo non solo trasformi pensieri pe¬ 
trarcheschi, ma riesca talvolta a superare il maestro. Questa specie 
di imitazione prevale nel primo libro, ma si nota anche in alcune liriche 
del secondo e del terzo. Il poeta di Antonia nella disperazione del- 
l 7 abbandono chiede insistentemente pietà alla sua donna (Poesie, 

p. 10): 

1 II Petrarca in un altro Sonetto dice {Le Rime , cit., p. 90): 

Io benedico il loco 1 tempo e Y ora 
Che sì alto miraron gli occhi miei. 


390 


E. FERNANDES 


Se mai pietade per servir se acquista 
Per ben servir con amore e con fede 
Acquistata 1’ ha ben quest’ alma trista 
E se ne Y ha acquistata sua mercede 
Gli é retenuta e domanda ragione 
A chi la tene ed aver se la crede. 

Lo stesso pensiero troviamo in un sonetto del Petrarca, ove prega 
Laura morta di apparirgli in visione (Le Rime , cit., p. 466): 

S’ onesto amor può meritar mercede 
E se pietà ancor può quant’ ella suole, 

Mercede avrò, che più chiara che ’l sole 
A Madonna ed al mondo é la mia fede. 

Il Boiardo trasforma, con arte veramente personale, il pensiero 
petrarchesco uniformandolo alla nuova situazione anche nelle piccole 
sfumature e ravvivandolo col suo dolore. Il Petrarca ricorda alla pura 
Laura, che vive fra i beati, il suo onesto amore per avere la grazia. 
Il Boiardo sapientemente tralascia quest’ aggettivo ed insiste sul suo 
grande e fedele amore. 

Il Conte Matteo Maria quando deve partire per Roma, lascia 1’ amata 
piangendo, e domanda a se stesso ( Poesie , p. 228): 

Come viver potrò da te lontano, 

Gentil mio viso umano, 

Che solo eri cagione di mia vita 
Che sbigotita a te se aresta in mano. 

Lo stesso pensiero troviamo nel Petrarca in un sonetto ove si la¬ 
menta di doversi allontanare da Laura (Le Rime , cit., p. 17): 

Talor m’ assale in mezzo a’ tristi pianti, 

Un dubbio, come posson queste membra 
Dallo spirito lor viver lontane. 

I versi imitati sono molto sentiti come fossero originali.. Il presen¬ 
timento del poeta di non poter vivere lontano dall’ amata perchè ella 
è la fiaccola che illumina la sua vita nel Petrarca é un pensiero arti¬ 
ficioso, nfel Boiardo un grido disperato 1 . 


1 Qualche cosa di nuovo aggiunge il Boiardo anche in questi versi, sebbene 
il pensiero sia preso completamente dal Petrarca. Amore apparso in visione 
al Poeta gli dice (Poesie , cit., p. 124) : 

Tu sei tradita ed io dal più bel volto 
Che al mondo dimostrasse mai natura 
Questa a te il core a me lo strale ha tolto. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


391 


Il poeta pensando alla brevità della vita scrive ( Poesie, p. 250): 

Il ciel veloce ne raggira intorno 
E menacia volando a morte oscura. 

Il Petrarca dice in un sonetto {Le Rime, cit., p. 385) 

La vita fugge e non s'arresta un’ora-, 

E la morte vien dietro a gran giornate ; 

Il Boiardo ha imitato il lirico trecentista, ma nei suoi versi é 
qualche cosa che non troviamo nell’ altro poeta. Non é il solo terrore 
della morte che turba 1' autore dell'Orlando Innamorato, ma della 
morte senza gloria, il timore di non potere compiere niente di grande 
prima della fine della vita * 1 11 . 

In alcuni versi il Boiardo non soltanto accoglie il pensiero pe¬ 
trarchesco ma v’ infonde un’ intonazione di vero dolore. Il poeta di 
Scandiano dice in un momento di dolore ( Poesie, p. 106) : 

10 ho sì colma Y alma de lamenti 
Formati da lo estremo mio dolore 
Che .se io potessi ben monstrarli fore 

Gli occhi piagner faria che morte ha spenti. 

Anche il Petrarca pensa che tutti sentirebbero pietà delle sue pene, 
se egli potesse mostrare ciò che é nel suo cuore {Le Rime , cit., p. 138): 

Cosi potess' io ben chiuder in versi 
I miei pensier come nel cor li chiudo 
Ch’ animo al mondo non fu mai si crudo, 

Ch' i’ non facessi per pietà dolersi. 

Lo stesso elegio di Laura immagina il Petrarca che gli faccia amore {Le 
Rime, cit., p. 490): 

Forma par non fu mai dal dì eh’ Adamo 
Aperse gli occhi in prima e basti or questo. 

I Anche nelle immagini meno belle, il Boiardo riesce talvolta ad aggiun¬ 
gere una nota sentita ( Poesie, p. 78): 

11 volger dolce e tardo 

Del suave splendor fra il nero e il bianco. 

II Petrarca dice che origine della sua vita dolorosa furono il giorno e l’ora 
che apri gli occhi {Le Rime , p. 45): 

Nel bel nero e nel bianco 
ed in una canzone dice {Le Rime , p. Ili): 

Quando voi alcuna volta 

Soavemente tra’ 1 bel nero e’ 1 bianco 

Volgete il lume in cui amor si trastulla. 



392 


E. FERNANDES 


Talvolta il Boiardo prende dal Petrarca Y idea di una lirica e la 
rielabora in modo completamente diverso. Ad esempio, una volta si 
paragona ad alcuni animali che muoiono volontariamente ( Poesie , cit., 
p. 186), imitando la Canzone del Petrarca (Rime, cit., p. 213) : - 

Qual più diversa e nova 

Cosa fu mai in qualche stranio clima. 

Ambedue le liriche hanno inoltre il paragone con la fenice. Il 
Giorgi 1 crede che il Boiardo abbia imitato solo questa idea, ma invece 
é evidente eh’ egli ha preso dal cantore di Laura il pensiero generale 
della Canzone. 

Alcuni pensieri che predominano nel Canzoniere del Petrarca pre¬ 
dominano anche nei Libri degli Amori. L’ espressione del Boiardo é 
però così nuova che questa strana relazione fra i due Canzonieri 
potrebbe sembrare una mèra combinazione, se la somiglianza di alcuni 
versi non attestasse V ispirazione petrarchesca. L’ idea di chiamare 
la propria donna « fenice » la troviamo frequentemente nel Petrarca e 
nel Boiardo ma con una forma completamente diversa (Poesie, cit., 

p. 26): 

Che augello è quello amor che batte Y ale 

Tieco nel cielo ed ha la piuma d’oro? 

(Le Rime, cit., p. 270) : # 

Questa fenice dall’ alata piuma 

Al suo bel collo candido e gentile 2 . 

Un altro motivo che predomina nei due Canzonieri, è il desiderio 
che la morte ponga fine alle pene di amore. Quando il dolore co¬ 
mincia a penetrare nel cuore del Boiardo, il desiderio della morte si 
affaccia alla sua mente (Poesie, cit., p. 92) : 

Tempo é ben da morire, anci è passato: 

Morir dovea in quel ponto 

Che da me se divise 1’ alma mia. 

Il Petrarca, morta Laura, chiede (Le Rime, cit., p. 371): 


1 Paolo Giorgi, Sonetti e Canzoni, cit., p. 180. 

2 Forse ricorda anche questi versi del Petrarca {Rime, cit., p. 442): 

Una strania fenicie ambedue 1’ ale 
Di porpora vestita e 1 capo d’oro. 




LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


393 


Che debb’io far che mi consigli, amore? 

Tempo é ben di morire; 

Ed ho tardato più eh’ i’ non vorrei. 

Ed in un’ altra lirica dice il Boiardo ( Poesie, p. 105) : 

Ben felice e fortunato é quello 

Che po’ fuggir per morte tanti affanni. 

Il Petrarca così chiude una sua Canzone {Rime, cit., p. 4ó0) : 

Canzon s’ uom trovi in suo amor viver queto 
Di: muor mentre se' lieto: 

Che morte a tempo é non duol ma refugio. 

E chi ben può morir non cerchi indugio. 

Ambedue i poeti in più liriche si lamentano perché le pene di amore, 
non cessano mai, nemmeno quando tutto riposa. Ma 1’ imitazione 
è veramente palese soltanto in queste terzine del Boiardo ( Poesie , 
p. 127): 

Quiete universal degli animali 
Che domi e tigry e rigidi leoni 
Non poi domar un amoroso core: 

Come la notte sempre me abbandoni 
Com’ ei dal petto mio bandito fore 
Per eh’ io non abbia sosta ne mie’ mali. 

che ricordano i versi del Petrarca {Le Rime, cit., p. 309): 

Tutto '1 di piango; e poi la notte, quando 
Prendon riposo i miseri mortali 
Trovom’ in pianto e raddopiansi i mali, 

Così spendo il mio tempo lagrimando. 

Qualche volta l’ispirazione petrarchesca si rivela quasi improvvisa¬ 
mente. In alcune liriche, un motivo petrarchesco appare una volta 
sola e con una forma così nuova che l’imitazione non si avvertirebbe 
neppure se la somiglianza dell’ espressione di un verso non ne facesse 
scorgere 1’ origine. 

In un sonetto il poeta prega il sogno di mostrargli il volto dell’ a- 
mata. Questo motivo lo troviamo più volte nel Petrarca, ma il Boiardo 
1’ esprime con un forma così nuova che non potremmo considerarlo 
un’imitazione petrarchesca, se non ci fosse questo verso {Poesie, 
p. 235): 

Deh! qual tanta pietade a me t’.invia 


394 


E. FERNANDES 


imitato dal Petrarca (Le Rime , cit., p. 474) : 

Deh ! qual pietà, qual angel fu si presto l . 

Talvolta siamo colpiti da una lieve somiglianza di espressione, e 
analizzando le liriche troviamo una corrispondenza di pensiero che 
conferma Y origine petrarchesca del frammento. Un sonetto del Boiardo 
comincia ( Poesie , p. 197) : 

Nel mar tyreno en contro a la Gorgona. 

Quasi come questo del Petrarca {Le Rime, cit., p. 97) : 

Del mar tirreno a la sinistra riva. 

La sola somiglianza delle due parole sarebbe ben poco per affer¬ 
mare che il Boiardo avesse in mente i versi del Petrarca quando seri 
veva la sua lirica. Ma se osserviamo attentamente i due sonetti, ve¬ 
diamo che essi hanno fra di loro un più profondo legame. Il sonetto 
del Boiardo é un’ allegoria : il poeta parla della sua donna cantando 
il bello e crudo scoglio di Caprara. Il Petrarca nel sonetto citato 
canta allegoricamente di Laura parlando di un alloro. Questa analogia 
fa credere che il Boiardo iniziando il suo sonetto pensasse a quello 
del Petrarca. 

In alcune liriche scritte quando il suo amore era ormai tramontato 
e non suggeriva più nulla alla sua fantasia, il Boiardo imita fredda¬ 
mente e servilmente il Petrarca. Qualche volta, considerando attenta¬ 
mente il pensiero del nostro poeta, sentiamo che egli lo ha preso 
dal cantore di Laura, senza aggiungervi niente di personale. Questa 
quartina non é che una vuota espressione di un pensiero petrarchesco 
{Poesie, p. 176): 

Dal lato orientale or sorge il sole 

Che ai miseri mortali il giorno mena; 

Et io ritorno a raccontar mia pena 

E dare al ciel V usate mie parole. 


1 Lo stesso possiamo dire per questi versi. Il Boiardo canta dopo il di¬ 
singanno ( Poesie, cit., p. 242): 

Come poss’ io sperar giammai sicura 
La mia promessa? Che io non credo appena 
Che un giorno intero amore in donna dura. 

L’ ultimo verso ricorda nell’ espressione e nel pensiero questi versi pe¬ 
trarcheschi (Le Rime, cit., p. 268): 

Femmina é cosa mobil per natura 
Ond 1 io so ben che un amoroso stato 
In cor di donna piccol tempo dura. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


395 


Il Petrarca esprimendo questo pensiero descrive più minutamente i 
sorgere deir aurora ( Rime, p. 334) : 

La ver V aurora, che si dolce V aura 
Al tempo novo suol muover i fiori 
E gli augelletti incominciar lor versi; 

Si dolcemente i pensier dentro all' alma 
Mover mi sento a chi gli ha tutti in forza 
Che ritornar convienmi alle mie note. 

Anche questi versi lasciano trasparire chiaramente T origine pura¬ 
mente petrarchesca (Poesie, p. 223): 

Chi segue e dura un tempo, vince al fine, 

Non é cor si feroce, 

Che amando e lamentando non se piegi. 

Il Petrarca dice che spera ancora perché (Le Rime, cit., p. 365) : 
Non é si duro cor, che lagrimando, 

Pregando amando, talor non si smova, 

Ne si freddo voler che non si scalde. 

Talvolta, sebbene il Boiardo trasformi lievemente Y espressione 
verbale, lò spirito petrarchesco predomina nei suoi versi, poiché la 
sua anima stanca sembra non aver la forza di infondere una nota 
personale nella lirica. Ecco come il Boiardo descrive V addio dal- 
T amata (. Poesie , p. 235) : 

Io vidi quel bel viso impalidire 
Per la crudiel partita come sòie 
Da sera on da matina avanti al sole 
La luce un nuvoletto ricopriee. 

Il pensiero e V immagine ricordano la quartina del Petrarca (Le 
Rime, cit., p. 177) : 

Quel vago impallidir che '1 dolce riso • 

D' un’ amorosa nebbia ricoperse, 

Con tanta maestade al cor s' offerse, 

Che li si fece incontro a mezzo '1 viso 1 II . 

I Possiamo menzionare fra i versi di fredda imitazione petrarchesca anche 
questi ove il Boiardo si duole di essere lontano dalla sua donna e dal suo 
Signore {Poesie, p. 247): 

Doe cose for mia speme, e sono ancora: 

Ercule, 1’ una il mio signor zentile, 

L’altra il bel volto ove anco il cor se posa. 

E questa e quella a un tempo m’ é nascosa 

II Petrarca tornato e Vaichiusa dice che due sono le cose che egli desi- 

Archivum Rpmanicum. — Voi. VI. — 1922. 27 



396 


E. FERNANDES 


Talvolta l’imitazione petrarchesca più che nel pensiero é nell’ es¬ 
pressione. In questi versi il Boiardo descrive V amata lontana, ripe¬ 
tendo le stesse parole del Petrarca (Poesie, p. 231) : 

Da 7 più begli occhij e dal più dolce riso 
Dalla più dolcie vista e meno oscura, 

Che in terra dimostrasse mai natura 
Né immaginasse altrui nel paradiso; 

cfr. Petrarca (Le Rime, p. 482): 

Da’ più begli occhi e dal più chiaro viso 
Che mai splendesse, e da 7 più bei capelli 
Che facean l 7 oro e 7 1 sol parer men belli 
Dal più dolce parlar e dolce riso. 

Il Boiardo canta nel dolore (Poesie, p. 134): 

Fu forsi in altro tempo in donna amore, 
ed il Petrarca (Le Rime cit., p. 477) : 

Fu forse un tempo dolce cosa amore. 

Il poeta in un’ ora triste pensa che sarebbe stato meglio morire 
(Poesie, p. 105): 

.quando fiorire 

Vidi mia spene e lo amor mio novello. 

Sono parole petrarchesche (Le Rime, cit., p. 447): 

Amor, quando fioria 

Mia speme e ’1 guiderdon di tanta fede. 

dera ardentemente, Laura mito con lui e la stima del Cardinale Colonna 
(Le Rime , p. 165): 

Sol due persone chieggio, e vorrei 1’ una 
Col cor ver me pacificato e umile 
L’ altro col pié, si come mai fu saldo. 

In un’ altro sonetto là situazione é più simile a quella del Boiardo. Il 
poeta lontano dalla sua donna e dal suo signore si lamenta delle pene amo¬ 
rese e finisce dicendo [Le Rime , p. 365): 

Carità di Signore, amor di donna 
Son le catene, ove con molti affanni 
Legato son perdi’ io stesso mi strinsi. 

Un lauro verde, una gentil colonna 
Quindici 1’ una e l’altro diciott’ anni 
Portato ho in seno, e giammai non mi scinsi. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


397 


Volendo esaltare V amata, il Boiardo dice che ella ha il potere di: 
Scoprire in terra a mezzanotte un giorno. 

Dice il Petrarca che la bellezza di Laura {Rime, p. 309): 

Può far chiara la notte e oscuro il giorno. 

Cosi il Boiardo descrive la luce che irraggia dallo sguardo della 
sua donna ( Poesie, p. 58): 

. . . quel guardo 

Che, come strai .di foco, il lato manco 
Sovente incende e mette fiame al core. 

Cfr. Petrarca {Le Rime, p. 322): 

Amor con la man destra il lato manco 
IVP aperse e pianto vv* entro in mezzo ? 1 core 
Un lauro verde. 

Il Panizzi crede che il Boiardo abbia imitato i seguenti versi de 
Petrarca {Le Rime , p. 322) : 

Lagrime adunque che dagli occhi versi 
Per quelle che nel manco 
Lato mi bagna, chi primier s’ accorse 
Quadrella del voler mio non mi svoglia. 

Può essere benissimo che il Boiardo scrivendo pensasse anche a.quella 
canzone ma a me pare che i versi del sonetto ricordino molto più da 
vicino quelli del Boiardo. In ambedue i sonetti un verso finisce con 
T espressione dato manco » e quello seguente con la parola «core 
mentre dei versi della canzone solo l’espressione «lato manco » trova 
analogia nel passo boiardesco. 

Il Boiardo nelP ora del dolore rimpiange di non aver lasciato questa 
terra quando lieta sorrideva la vita {Poesie, p. 166): 

Quando lo amor mio stava in summa forza: 

ed a noi viene subito alla memoria questo verso del Petrarca {Le 
Rime, p. 391): 

Quando aver suol amor in noi più forza 1 . 

1 Talvolta l’espressione del Boiardo, benché non sia simile a quella del 
Petrarca (come nei versi citati) si sente che é suggerita dal Cantore di Laura. 
Nel tempo felice esclama il Boiardo ( Poesie , cit. p. 14): 

Non fia mai sciolto dalle treze bionde 
Crespe, lunghe legiadre e peregrine. 


27 * 


398 


E. FERNANDES 


Ma non solo qui giunge V imitazione del Boiardo. Il Conte di 
Scandiano sebbene emerga sopra tutti i contemporanei per la sua 
originalità e per la verità del sentimento, non rimane immune da 
quella specie di sècentismo che irrompeva alla fine del quattrocento. 

Il Boiardo imita dal Petrarca anche i motivi più lambiccati. Egli 
dice ( Poesie , p. 185): 

Come puote esser che da quella giazza 
Venga la fiamma che m’incende il core. 

Cfr. Petrarca. {Le Rime , cit., p. 287) : • 

D’ un bel, chiaro, polito e vivo ghiaccio 
Move la fiamma che m’incende e strugge, 

E si le vene e '1 cor m' asciuga e sugge 
Che ’nvisibilmente P mi disfaccio. 

In una ballata parlando della sua donna dice [Poesie, p. 126): 

Fu creato in eterno da natura 

Mai voler tanto immane 

Fra T onde caspe on ne le selve ircane? 

Qual tygre è in terra, on quaP orca in mare, 

Che tanto crudel sia, 

Che a costei ben si possa assomigliare? 

Pensiero che troviamo nel Petrarca in questo sonetto {Le Rime, 
cit., p. 302) : 


Dice il Petrarca ( Le Rime , cit., p. 381): 

Dal laccio d’or non sia mai chi me scioglia 
Negletto ad arte inanellato et irto. 

Talvolta la somiglianza di espressione si riduce alla somiglianza di due 
parole. In una Canzone dice il Boiardo che la sua donna {Poesie, cit., p. 17): 
Sopra 1’ altre cose belle è bella . 

Cfr. Petrarca {Le Rime, cit., p. 401): 

L’ alma mia fiamma oltre le belle bella . 

Dice il Boiardo in un sonetto ( Poesie , cit., p. 211): 

Solea cantar nei mei versi di prima 
Quel crespo lacio d’ or che il cor mi prese. 

Cfr. Petrarca {Le Rime , cit., p. 283): 

Dico le chiome bionde e il crespo laccio 
Che si suavemente lega e stringe. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


399 


Non dall' ispano ibero all* indo idaspe 
Ricercando del mar ogni pendice, 

Né dal lito vermiglio all 7 onde caspe, 

Ne 7 n ciel ne ’n terra é più d 7 una fenice, 

Qual destro corvo o qual manca cornice 
Canti '1 mio fato? o qual parca Pinnaspe? 

Che sol trova pietà sorda com 7 aspe. 

Il Boiardo in alcuni suoi versi trasforma in vuote espressioni, in im¬ 
magini scialbe, alcune magnifiche immagini del Petrarca. Nei primi 
versi dell’ ultima Canzone del terzo libro il Boiardo deturpa una bella 
immagine petrarchesca, la rende fredda e artificiosa. Il Poeta canta 
la primavera, il fiorire dei prati; ma le sue rime sono fredde, le sue 
immagini senza colore ( Poesie , p. 252) : 

Zefiro torna che de amore aspira 
Naturalmente desioso instinto, 

E la sua moglie co 7 1 viso dipinto 
Piglia qualunque e soi bei fiori amira. 

Pare quasi impossibile che questi versi siano ispirati dalla bella 
quartina petrarchesca (Le Rime , p. 424): 

Zefiro torna, e 7 1 bel tempo rimena, 

E i fiori e P erbe, sua dolce famiglia, 

E garrir Progne e pianger Filomena 
E primavera candida e vermiglia. ' 

Dopo questi esempi noi non possiamo negare che il Boiardo sia 
petrarchista ma nemmeno affermare che egli imitò servilmente il Pe¬ 
trarca. La vera imitazione petrarchesca si ha soltanto nelle liriche 
scritte negli ultimi anni, quando il suo amore non era ormai che un 
sogno svanito, quando il suo cuore stanco non suggeriva più nulla. 
Allora sotto P influenza del Cantore di Laura pensò di riordinare il 
Canzoniere e compose il primo e P ultimo sonetto. Egli cercò di 
trasformare il suo amore secondo la concezione petrarchesca e di cantare 
la docezza delle pene di amore, ma non vi riuscì: la sua indole era 
troppo differente da quella del Petrarca. 

Ma tolti questi pochi versi scritti in un triste periodo per la sua 
vita e per la sua arte, il Boiardo imitò il Petrarca da grande poeta. 
Egli non imitò coscientemente, ma avendo una ammirazione profonda 
per le rime del Petrarca, ripetè spontaneamente le parole, le espressioni, 
le idee del Maestro perchè erano divenute una parte dell’ anima sua 
e formavano un armonia sola con i pensieri originali. 


400 


E. FERNANDES 


IL 

Se nelle ultime liriche del Canzoniere boiardesco vi sono molte 
imitazioni del Petrarca, nelle prime predomina V imitazione del 
« dolce stil nuovo ». Nel trecento e nel quattrocento la lirica del 
«Dolce stil nuovo» e la Divina Commedia hanno ammiratori appas¬ 
sionati , seguaci pieni di entusiamo e di ardore 1 . Ma fra i poeti 
dell Italia settentrionale del sec. XV P unico imitatore di Dante e 
dei poeti della sua scuola, veramente degno di nota, é Matteo Maria 
Boiardo. Il Boiardo nei suoi anni giovanili sognò un amore puro e 
celeste come quello di Dante per Beatrice e questo sogno ideale fu 
la méta delle sue prime liriche. Infatti nei primi componimenti del 
Canzoniere, la concezione della donna amata, le varie impressioni che 
la sua apparizione suscita nel poeta innamorato, il modo stesso di can¬ 
tare P amore, ricordano le rime del « Dolce stil nuovo». 

In un sonetto il Boiardo descrive V apparazione di uno spirito al 
primo sorgere del sole (Poesie, p. 57) : 

Questa mattina nel scoprir del giorno 
Il ciel s ? aperse e giù dal terzo coro 
Discese un spiritei con V ale d’ oro 
Di fiame vive e di splendore adorno. 

L’ apparizione di uno spirito al primo sorgere del sole é uno dei 
motivi più comuni della scuola fiorentina. In una Canzone il Boiardo 
descrive V amata come, una « Imiterà » che illumina colla sua virtù 
il mondo (Poesie, p. 18) : 

Come la luna illumina tutta la terra 
Cosi splende quagiù questa lumera 
E lei sola contiene 
Valor beltade e gentileza intera. 

Non diversamente Dante concepiva la celeste creatura, che fu la 
sua guida attraverso i cieli. 

Per Beatrice o per un’ altra delle angeliche donne cantate dai poeti 
del dolce stil nuovo» sembrano scritti questi versi (Poesie, p. 50): 

A voi una umiltà neli occhij appare 
Che di pietade ogn ? alma rassicura. 

1 Per l’imitazione dantesca nel trecento v. Elisabetta Cavallari, 
La fortuna di Dante nel trecento , Firenze 1921, p. 370. E per la diffu¬ 
sione della Divina Commedia del quattrocento v. Barbi, Della fortuna 
di Dante nel secolo XVI \ Firenze 1890. p. 42. 


LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


401 


Cercare, la fonte di questi componimenti é difficile, sia perché molte 
idee dei poeti del « dolce stil nuovo » sono rielaborate e umanizzate 
dal nostro poeta, sia perchè egli cercò più di imitare la loro con¬ 
cezione dell 7 amore e della donna che le singole liriche. 

Il Boiardo non imitò soltanto le rime di amore, ma in special modo 
la divina opera di Dante. Troviamo nelle sue liriche alcuni pensieri 
che sono senza dubbio inspirati dalla Commedia. Ecco ad esempio 
questi versi di una Canzone allegorica ( Poesie , p. 255) : 

Lassati adunque al basso ogni vii cura, 

Dricciati ad erto la animosa fronte. 

Avanti aveti il monte 

Che nella cima tien vita secura. 

Ma non sempre Y imitazione é cosi vaga e generale, che svanisce 
quando cerchiamo di determinarla. 

Alcune delle più note espressioni dantesche rivivono nelle liriche del 
Boiardo. In una Canzone descrivendo il sorgere del giorno dice che 
il sole ( Poesie, p. 21) : 

Va tremolando sopra il suol marino; 

L'espressione ricorda il verso di Dante ( Purg . II v. 15): 

Giù nel ponente sopra il suol marino. 

In un’ altro sonetto dice ( Poesie , p. 28): 

Nè il vago tremolar della marina. 

Imitando la magnifica espressione (Purg. I v. 117): 

Conobbi il tremolar della marina 1 . 

In una canzone Febo apparso in sogno al Boiardo gli predice un 
grande dolore (Poesie, cit., p. 63): 

Che te farà tremar Y osse e la polpa. 

1 Sebbene il pensiero sia differente é certamente suggerito da Dante 
questo verso ( Poesie , p. 5): 

No più non se rallegra el summo Giove. 

La nota espressione dantesca si trova in questi versi {Purg. VI v. 118): 

E se licito m’ é o sommo Giove 

Che fosti in terra per noi crucifisso. 


402 


E. FERNANDES 


L'espressione ricorda questo verso di Dante {Inf. XXVII v. 73):. 

Mentre eh' io forma fui d' ossa e di polpe. 

Parlando del volto di Antonia dice il Boiardo ( Poesie, p. 249) : 

Questi non sarà mai da me diviso. 

Il verso ricorda le parole di Francesca ( Inf\ V v. 135): 

Questi, che mai da me non fia diviso. 

L'espressione del Boiardo {Poesie, p. 118): 

Che nul zafiro a quel termine ariva. 

Sembra ricalcata sopra questa dantesca {Paracl. XXXI v. 15): 

Che nulla neve a quel termine arriva. 

Ancor più palese é l'imitazione dantesca in questi versi {Poesie, 
p. 115): 

Di bianche rose e zigli 

E d' altri fior vermigli. 

Cfr. Purgatorio (XXIX v. 148): 

Anzi di rose e d' altri fior vermigli. 

Non solo nell' espressione, ma anche nel pensiero il verso del Boiardo 
( Poesie , p. 37): 

Per te sum, rosa mia dal vulgo uscito 
è ispirato da questo di Dante {Inf. II v. 10) : 

Che uscio per te dalla volgare schiera? 

Con quell' intuito che é un dono speciale dei grandi poeti, il Boiardo 
seppe trovare fra la gran messe di rime del «dolce stil nuovo » i versi 
della Vita Nova e seppe apprezzarli nel loro immenso valore. Quando 
volle cantare la sua donna come una creatura ideale il primo modello 
che certamente si presentò alla sua fantasia fu Beatrice, la donna 
ideale per eccellenza. Infatti tutte le più belle virtù che il poeta vide 
in Antonia nel primo periodo del loro amore, Dante le vide in Beatrice 
quando scriveva la Vita Nova. Il Boiardo dice che la cortesia é dis¬ 
cesa dal cielo con la sua donna {Poesie, p. 6): 

Sieco dal ciel discese cortesia 

Che de le umane genti era fugita. 

Lo stesso pensiero troviamo in questi versi ove Dante canta 1' ascen¬ 
sione al cielo di una gentile donna morta, amica di Beatrice: 


LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


403 


Dal secolo hai partita cortesia 

E ciò eh’ è in donna da pregiar vertute 

In gaia gioventute 

Distrutta hai Y amorosa leggiadria l . 

Dice il Boiardo che la sua donna ( Poesie, p. 6) : 

Al senso mio non par cosa mortale. 

Nella Canzone « Donne che avete intelletto di amore» : 

Dice di lei amor: Cosa mortale 
Come esser po’ si adorna e si pura 2 ? 

In un altro sonetto il Boiardo immagina di aver avuto la visione di 
uno spirito, che cosi gli abbia parlato della sua donna (Poesie, p. 57): 

Quando abblandisse il cielo a voi mortali 
Che v’ ha donato questa cosa bella. 

Cfr. ( Vita Nova, s. XV): 

E par 'che sia una cosa venuta 
* Da cielo in terra a miraeoi mostrare. 

Il Boiardo in un sonetto descrive P apparizione di amore in com¬ 
pagnia della sua donna (Poesie, p. 41) : 

E de P altre doe belle onde tenea 
La cima di sua forza e il summo impero. 

Quando Dante rivede Beatrice per la seconda volta, ella é «In mezzo 
di due gentilidonne le quali erano di più lunga etade». 

Il Boiardo descrive P impressione che suscita in lui la visione 
delP amata, come un tremito che invade tutto P essere suo (Poesie, 
p. 30): 

Io non ho sangue in core o indosso pelo 
Che non mi tremi de amorosa zoglia. 

Cfr. (Vita Nova, s. IX) 

1 Dante Alighieri, Vita Nova col commento di G. L. Passerini . 
Firenze 1919, p. 38. 

2 E in un’altro paragrafo Dante dice ch’ella gli apparvé «Di si nobili e 
laudabili portamenti che certo di lei si poteva dire quella parola del poeta 
Omero: Ella non parea figliuola d’uomo, ma di Deo». 


404 


E. FERNANDES 


se io levo li occhi per guardare 
Nel cor mi si comincia uno tremoto 
Che fa de '1 polsi V anima partire 1 m 

Ma non sempre il Conte di Scandiano riesce a riprodurre lo spirito 
ideale della lirica dantesca. 

In alcuni versi del Boiardo il pensiero dantesco perde completamente 
il suo intimo profumo ideale per assumere una concezione più umana. 
Il Boiardo vede nel volto deir amata un potere meraviglioso ( Poesie, 
P- 79): 

Fiammelle d’ oro fuor quel viso piove 
Di gentilezza e di beltà si vive 
Che puòn svegliare ogni sopito core. 

Miracolo che ricorda V effetto degli occhi di Beatrice sui cuori 
umani (Vita Nova , Canz. I): 

Da li occhi suoi come eh' ella li mova 
Escono spirti di amore infiammati 
Che feron gli occhi a qual che allor la guati 
E passon si che '1 cor ciascun re trova: 

Qualche volta il Boiardo ripete un’ espressione verbale della Vita 
Nova, ma trasforma il pensiero secondo il suo modo di sentire e di 
concepire Y amore (Poesie, p. 8) : 

Devunque e passi move, on gira il viso 
Fiamegia un spirto si vivo et amore 
Che avanti a la stagione el caldo mena 

Cfr. ( Vita Nova , s. XV): 

E par che da la sua labbia si mova 
Un spirito soave pien d amore 
Che va dicendo a Y anima: Sospira. 

Il Boiardo in questi versi ne ricorda alcuni dei più belli della Vita 
Nova (. Poesie , p. 182): 

La fiamma che me intrò per gli occhi al core 
Consuma Y alma mia sì dolcemente. 

Dante dice che tanto piacente é la sua donna (Vita Nova ì s. XV): 

1 In un’ altro paragrafo della Vita Nova Dante dice: «mi parve di sentire 
uno mirabile tremore incominciare nel mio petto dalla sinistra parte e disten¬ 
dersi di subito per tutte le parti del mio core.» 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


405 


Che da per li occhi una dolcezza al core, 

Che ’ntender non la può chi non la prova : 

Qualche volta la somiglianza è soltantò nel suono delle parole. Il 
Conte di Scandiano in un momento di dolore esclama (Poesie, p. 203): 
Ahai lasso che non sciò quel che io me dica. 

Dante dice che tale é la battaglia dei diversi pensieri d' amore, che 
egli non sa come esprimerli ( Vita Nova, s. XVI): 

E vorrei dire e non so ch ? io mi dica : 

L ’imitazione boiardesca della Vita Nova appare anche sotto un 
altro aspetto. Il Boiardo in alcuni versi imita da Dante non il pen¬ 
siero, non T espressione, ma V immagine ( Poesie, p. 124) : 

Qual possanza inaudita on qual destino 
Fa signor mio che te rivegia tale, 

Che hai li occhij al petto e al tergo'messo Tale, 

E fuor d’ usanza porti il viso chino? 

Dante cosi descrive V apparizione di amore ( Vita Nova , s. V): 

Ne .la sembianza mi parea meschino 
Come avesse perduta segnoria : 

E sospirando pensoso venia 

Per non veder la gente a capo chino. 

Del Canzoniere dantesco troviamo nei Libri degli amori soltanto poche 
reminiscenze. Il Boiardo dice che nel giorno più bello del suo amore 
(Poesie, p. 207): 

Piovea da tutti e cieli amore in terra. 

Dante dice che in primavera: 

. . . piove 

Amore in terra da tutti li cieli 1 . 

Torturato da amore il poeta paragona la sua triste vita ad una rosa 
troncata sul suo stelo (. Poesie , p. 21): 

Come è succisa rosa e colto fiore 
E ? languida toa vita. 

Nella canzone « Tre donne intorno al cor mi son venute% Dante 
paragona la giustizia dolente alla rosa succisa : 

Dolesi V una con parole molte 
E in sulla man si posa 
Come succisa rosa. 

1 Dante Alighieri, Tutte le opere rivedute nel testo da E . Moore. 
Oxford 1894, p. 148. 


406 


E. FERNANDES 


Le Rime di Guido Cavalcanti cosi piene di grazia e di musicalità 
ci ricordano I Libri degli amori. — La freschezza e la semplicità id 
dilica nelle descrizioni della natura, che ammiriamo nel Canzoniere 
del Cavalcanti, sono pregi che adornano anche le liriche del Boiardo. 
Ma se noi confrontiamo minutamente i due Canzonieri, ci accorgiamo 
che nel Boiardo non esistono vere reminiscenze del Cavacalcanti. 

Nell' intonazione più che nel pensiero i versi del Conte di Scan¬ 
diano (Poesie y p. 106): 

Io ho si colma V alma de lamenti 
Formati da lo extremo mio dolore. 

Ricordano i seguenti del Cavalcanti. 

Tu m’ ha’ si piena di dolor la mente 
Che T anima si briga di partire 1 . 

Dopo Dante, il poeta del «dolce stil novo » maggiormente imitato 
nel Canzoniere del Boiardo, è Cino da Pistoia. Alcuni pensieri 
comuni a Cino e al nostro poeta gli abbiamo già veduti nel Petrarca 
e sono arrivati nelle rime del Boiardo indirettamente invece. Altre 
Rime di Cino da Pistoia sono state imitate direttamente dal Boiardo. 
Dice il poeta pistoiese: 

O giorno di tristizia e pien di danno 
E ora e punto reo eh* io nato fui 
E venni al mondo per dare ad altrui 
Di pene esempio d’ amore e d' affanno 2 . 

Anche il Boiardo nel dolore delP abbandono maledice il giorno della 
sua nascita ( Poesie, p. 110): 

O cielo! o stelle! o mio destin fatale 
O sole ai due germani insieme giunto, 

Che in ora infausta et infelice punto 
Me solvisti dalP alvo maternale! 

In un sonetto il Boiardo dice (Poesie, p. 11): 

. . . m' hai Signor già tanto inceso 
Per un suave e mansueto guardo 
Che in altra sorte vita non mi piace. 

1 Guido Cavacalcanti. Le Rime a cura di Ercole Rivolta. Bologna 
1902, p. 71. 

2 Cino da Pistoia,- Le Rime con una prefazione di Giosuè Carducci, 

p. 100. 


LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


407 


Il pensiero Boiardesco é ispirato da questi versi di Cino {Le Rime, 
cit. p. 65): 

Poscia eh' io vidi gli occhi di costei 
Non ebbi altro intelletto che di amore. 

Dice il Boiardo {Poesie, p. 79): 

Sazio non sono ancora e già son lasso 
De riguardar il bel viso lucente. 

Un pensiero simile espresso con parole simili troviamo in Cino da 
Pistoia {Le Rime, p. 86): 

Perché saziar non posso gli occhi miei 
Di guardare a Madonna il suo bel viso. 

Un fenomeno strano si avverte nell’ imitazione boiardesca. In alcuni 
versi il Boiardo imita due liriche differenti di Cino. Nella terzina 
(Poesie , p. 28): 

.la dolce vista e graziosa 

Di quei begli occhi che amor volve e gira 
E chi no '1 crede de mirar non li osa. 

Il pensiero é ispirato da questa terzina di Cino {Le Rime, p. 75) : 
Quando amor gli occhi rilucenti e belli 
Che han d' alto fuoco la sembianza vera 
Volge ne' miei si arder mi fanno. 

Mentre Y espressione ricorda i versi {Le Rime , p. 107) : 

La dolce vista e '1 bel guardo soave 
De' più begli occhi che si vider mai L 

Degli altri poeti del « dolce stil nuovo* non vi sono reminiscenze 
notevoli nel Canzoniere del Boiardo. 

Possiamo citare questo verso {Poesie , p. 126): 

Tanto più P amo, quanto più m’ é dura, 
imitato da un sonetto di Gianni Alfani: 

Quanto più mi disdegni più mi piaci 1 2 . 

1 Troviamo nel Boiardo oltre a queste imitazioni altre espressioni, che 
ricordano Cino da Pistoia. In un sonetto il Boiardo chiama la sua donna 
(Poesie, p. 200): 

Questa legiadra e fugitiva fera. 

Le prime due parole ricordano questi versi di Cino {Le Rime, cit., p. 93): 
Questa leggiadra donna che d’.io sento * 

Per lo suo bel piacer nell’ alma entrata. 

2 Ercole Rivalta, Liriche del * Dolce stil nuovo» ., Venezia 1906, p. 57. 




408 


E. FERNANDES 


E chiudiamo il nostro studio mostrando V imitazione del primo verso 
della nota Canzone di Guido Guinicelli : 

Al cor gentil ripara sempre amore \ 

Dice il Boiardo in un sonetto: come non possiamo togliere il canto 
agli uccelli, il colore ai fiori, non si ( Poesie , p. 39): 

Puote a un cor gentil togliere amore. 

Noi vediamo come V imitazione di Dante e dei poeti del dolce stil 
nuovo nel Canzoniere del Boiardo sia assai importante. 

Il nostro poeta prese versi, parole, pensieri. Ma più ancora di 
questa imitazione di parole, di espressioni e di pensieri, é interessante 
e notevole per lo studio del Canzoniere boiardesco, V ispirazione gio¬ 
vanile del poeta di innalzare il suo amore e la sua donna alle con¬ 
cezioni ideali dei poeti del «dolce stil nuovo». In un gruppo di liriche 
scritte nella sua giovinezza, egli vuol cantare un’ amore puro e ideale 
che ricordi la lirica delP Alighieri, del Cavalcanti e di Cino, e ripete 
i motivi più caratteristici delle loro rime. 

Da questa duplice imitazione deriva che alcune liriche del Boiardo 
hanno una dolcezza iddiliaca, un profumo ideale che ricordano le rime 
del « dolce stil nuovo » ma non presentano una vera imitazione. Altre in¬ 
vece ricordando particolarmente pensieri e espressioni dei poeti del « dolce 
stil nuovo» hanno qualche cosa di più umano che proviene dalla natura 
del poeta non troppo proclive ad un amore ideale, per una donna ignota. 

Fra tante le gemme che la mente assimilatrice del Boiardo raccolse 
per adornare le sue liriche, ve ne è una parte non indifferente che 
proviene dalla lirica classica. Il Boiardo visse quando V umanesimo 
era nel suo più rigoglioso fiorire, e a Ferrara si studiavano appassionata¬ 
mente le lingue classiche; vi accorrevano i dotti ad insegnare Greco 
e Latino chiamati dai principi, e alla Corte Estense numerosi poeti 
cantavano in latino imitando Orazio, Catullo e specialmente Virgilio. 

Ed il Boiardo stesso fu un umanista insigne ; fanciullo segui a Ferrara 
le lezioni di Soccino Bensì e quelle del Guarino 1 2 . Sembra però che 
non arrivasse mai a conoscere bene il greco, perché in tutte le sue 
traduzioni dalla lingua ellenica non segui V originale, ma una tradu¬ 
zione latina. Conosceva invece perfettamente la lingua latina nella 
quale ha composto notevoli opere poetiche. 

1 Tommaso Casini, Le Rime dei poeti Bolognesi nel secolo XIII. 
Bologna 1884, p. 15. 

2 Giammaria Barotti, Memorie storiche di Letterati ferraresi . 
Ferrara 1777, p. 68. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


409 


Delle opere latine del Boiardo a noi interessano soltanto le egioche, 
e particolarmente quelle dedicate ad amore, perché hanno molti punti 
di contatto col Canzoniere . Citiamo ad esempio i seguenti versi delle 
Egloghe che ricordano il madrigale del secondo libro del Canzoniere . 
(Egl II, v. 14): 

Vos eritis, silvae, testes, vos flumina, vosque 
Numina silvarum, tuque o clarissime Titan 
Vos eritis testes, mortem quod demores ultra 
Invitus, pigeat quod tristem ducere vitam. 

{Egl II, v. 34): » 

At me durus Amor, rubru seu littore Phoebus 
Tollitur hesperiis idem seu conditur oris, 

Urget, et in nostro fixi stant pectore vultus 
Et flavi crines, et candida colla puellae. 

Illam ego per silvas, illam per saxa nivesque 
Aspicio: ah puris quotiens offertur in undis 
Montibus ah quotiens viridique sub arboris umbra. 

{Egl II, v. 27) : 

Scitis enim, querquus celsoque cacumine fagi, 

Fraxinemeque nemus viridantisque illicis arbor, 

Scitis, enim quales gemitus quae carmina fundam, 

Quam repetam vestro signatum in cortice nomen; 

Dunque vagor solus, quae condita pectoris edam 
Vulnera: ceu quondam fallaci perfida vultu 
Peosisit misero, starent quod sidera, quod sol 
Ureret obliquis immotam cursibus aecton, 

Cum possem immoto tandem de pectore labi. 

Il Boiardo dotato di una potenza assimilatrice meravigliosa conoscendo 
cosi bene i poeti latini, inconcientemente ripete nel Canzoniere versi 
e pensieri. Egli aveva letto i Classici, non colla freddezza delP eru¬ 
dito, ma col calore del poeta, e ne aveva provata una profonda im¬ 
pressione, che dovrà certamente influire sulla composizione delle sue 
rime. Un' immagine del Boiardo, che troviamo nei poeti classici é 
quella della rosa unita al giglio. «On trouve la rose et le lis cons- 
tentement reunis dans les champs des poétes grecs et latins. Comme 
dans les jardins dont ces fleurs étaient l'un et Pautre Pornement. Le 
constrast si doux offert par les couleurs differents des fleurs frappa 
les anciennes, il virent dans la blancheure du lis Pimmage de la 
teinte immaculé de la vierge, dans la rose celle de Pincarnat de ses 


410 


E. FERNANDES 


joues ou de la rouger provoqué sur son front par la puder nive ou 
offensée 1 . ^ 

Virgilio é il poeta latino più noto al Boiardo e al quale si é 
maggiormente inspirato. Deir Eneide però noi troviamo pochissime 
ed incerte reminiscenze nei Libri degli amori . Il verso (Poesie. 
p. 146): 

La fiamma che m' ha roso i nervi e Y ossa, 
ricorda la descrizione virgiliana dell' amore di Didone ( Aeneidos IV ? 10) : 
Ardet amans Dido, traxitque per ossa furorem. 

In una canzone allegorica il poeta cantando 4e bellezze della sua 
donna dice: Poesie, p. 117): 

Che mai più bella cosa vide il sole, 

Benché ogni giorno intorno al mondo vole. 

Didone avanti di morire si rivolge al sole (Aeneidos f IV, 475) : 

Sol qui terrarum flammis opera omnia lustras. 

L' imitazione delle georgiche é più importante, ma sempre assai 
vaga e indeterminata. Quest' opera virgiliana ha ispirato al Boiardo 
soltanto qualche immagine e qualche espressione. Da due descrizioni 
delle georgiche é probabilmente stata suggerita la descrizione di 
Venere che -al mattino appare (Poesie, p. 19): 

.Rorando splendido liquore 

Da T umida sua chioma onde se bagna 
La verde erbetta e il colorito fiore 
Fa rogiadosa tutta la campagna. 

La parola rorando ci fa pensare a questo verso (Georgiche, I. 288) : 
Aut cum sole novo terras inrorat Eous 
ma T immagine ricorda invece questi altri (Libro, III, 324): 

Luciferi primo cum sidere frigida rura 
Carpamus, dum mane novum, dum gramina canent 
Et ros in tenera pecori graditissimus erba. 

Da due espressioni virgiliane deve essere stata imitata questa boiardesca 
(Poesie, cit. p. 116) : 

Un destrier fremente e arguto. 

Dice Virgilio ( Georgiche, I, 12 e III, 79) un simile pensiero con 
parole quasi simili. 

1 Charles Joret, La Rose dans Vantiquitè et au moyen àge. Paris 
1892, p. 55. 




LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


411 


Ma P opera virgiliana che ha avuto veramente un’ influenza note¬ 
vole sulle rime boiardesche é la Bucolica. Dall’ egloghe il Boiardo 
prende pensieri e versi quasi senza accorgersene, perché gli erano già 
servite di modello quando componeva le egloghe latine. Un verso di 
queste che il Boiardo ha preso come suo motto « Omnia vincit amor 
et nos cedamus amori », lo troviamo tante volte tradotto nel Can¬ 
zoniere. Ad esempio citiamo il seguente ( Poesie , p. 169) : 

Dica chi vuole, il tutto vince amore. 

Nel Boiardo e in Virgilio Lucifero appare come apportatore del 
giorno ( Poesie , p. 56): 

Rendece il giorno, e 1’ alba rinovella 
Ch’ io possa riveder la luce mia, 

Stella d’ amor che sei benigna e pia; 

Rendece il giorno che la notte cella. 

Il poeta latino dice a Lucifero (. Egl. Vili, 17): 

Nascere, proque diem veniensage, Lucifer, almum, 

Coniugis indigno Nysae deceptus amore 
Dun queror. 

Ma in alcune rime del Boiardo 1’ imitazione virgiliana non é solo 
nel pensiero, ma anche nell’ espressione. Nell’ ultima canzone alle¬ 
gorica il Boiardo dice di non avvicinarsi ai fiori, perché ( Poesie , 
p. 254): 

Un’ angue ascoso sta tra 1’ erbe e’ fiori. 

Il verso ricorda questi, virgiliani (Egl. Ili, 92): 

Qui legitis flores et huminascentia fraga 
Frigidus, o pueri, fugite bine latet anguis in herba 

ed in un altro sonetto quasi traducendo il verso virgiliano (Egl. 
VII, 69): 

Carmina vel cielo possunt deducere Lunam. 

Dice (Poesie, p. 95) : 

Dal ciel la luna pon detrare e versi, 

Suggeriti da Virgilio sono molto probabilmente anche gli ultimi 
versi di questa quartina (Poesie, p. 220):. 

Àrchivum Romamcum. — Voi. VI. — 1922. 


28 



412 


E. FERNANDES 


Ecco la pastorella mena al piano 
La bianca torma che é sotto sua guarda 
Vegendo il sol calare e P ora tarda 
E fumar V alte ville di luntano 

il poeta latino in un egloga dice (I, 82) : 

Et iam summa procul Villarum culmina fumant 
Marioresque cadunt altis de montibus umbrae 1 . 

Da Orazio il nostro poeta imita soltanto qualche pensiero generale, 
qualche descrizione della natura. Dice P Albini 2 che oraziano é questo 
verso ( Poesie, p. 137): 

E stiasi in signoria 

Di, te, poiché de onor nulla ti cale. 

Anche il pensiero espressoin questo sonetto e Oraziano ( Poesie, 
p. 65): 

Chi cosi visse al mondo, visse assai 
Se ben nel fior de gli anni il suo fin colse; 

Che più assai quel campa che ben vive 
Passata zoglia non se lassa mai; 

Ma chi potè ben vivere e non volse 
Par che anzi tempo la sua vita arive. 

Molto probabilmente il paragone boiardesco dell' amata colla luna, 
che signoreggia nel cielo «Intra le stelle rade » é suggerito da questi 
versi di Orazio {Libro 1, Ode XII) 

.micat inter omnes 

Julium sidus velut inter ignes 
Luna minores. 

Fra le imitazioni latine del Canzoniere del„Boiardo hanno una note¬ 
vole importanza le imitazioni delle elegie ovidiane {Poesie , p. 59) : 


1 Ma l’intera quartina del Boiardo ricorda questa di Giusto dei Conti 
(La Bella mano in: Lirici Antichi, serii e giocosi fino al secolo XVI. 
Venezia 1784, p. 143): 

Rimena il villanel fiaccato e stanco 
Le schiere sue donde il mattin partille 
Vedendo di lontan fumar le ville 
E il giorno a poco a poco venir manco. 

Siccome la quartina di Giusto dei Conti é cosi simile a quella del Boiardo 
probabilmente P imitazione virgiliana é questa volta indiretta. 

2 Giuseppe Albini, M. M. Boiardo , Nuova Antologia, Voi. LXIX, p. 45. 




LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


413 


Quando Y aurora il suo vecchio abandona 
E dele stelle a se richiama il coro 
Poi che la porta vuole aprire al giorno 
Ovidio {Libro I, elegia XIII): 

Jam super ocenaum venit a seniore marito 
Flave proinoso quae vehit axe diem. 

L’ intonazione bacchica di questi versi del Boiardo, che alla prima 
lettura sembra originale, é invece inspirata da Ovidio ( Poesie, p. 77) : 
Cingete il capo a me di verde foglia 
Che grande é il mio trionfo, e viè maggiore 
Che quel de Augusto on d' altro imperatore 
Ch ? ornar^di verde lauro il crin si soglia. 

Ottenuta Corinna, Ovidio chiede il lauro (Libro II, elegia XII): 

Ite triumphales circum mea tempora lauri, 

Vicimus; in nostro est ecce Corinna sinu 

Quam vir, quam custos, quam Janua firma tot hostes. 

Servabant: ne qua posset ab arte capi: 

Haec est praecipuo victoria digna triumho. 

Troviamo nel Boiardo anche qualche reminiscenza di Properzio, 
un grande poeta di amore, sia per il calore del sentimento, sia per 
lo splendore della forma. Dice il Boiardo parlando dell’ amata : {Poesie, 

p. 12): 

Natura tal beltà non può creare ; 

Ma quel tuo gentil lustro vien da amore 
Che sol, che tanto puote te 4 po dare. 

Questo pensiero lo troviamo in un ? elegia di Properzio {Libro II, 
Elegia XXIV): 

Mixtam te varia laudavi saepe figura 
Ut, quod non esses, esse putaret amor 1 . 

Talvolta nei versi del Boiardo un pensiero di Properzio rivive con 
una forma completamente nuova. 11 Boiardo esclama nella disperazione, 
che ogni sforzo é vano per liberarsi da amore {Poesie, p. 138): } 


1 Lo stesso pensiero esprime Properzio anche in questi versi {Libro IL 
El. XXIX): 

Quae cum Sidoniae nocturna ligamina mitrae 
Solverit, atque oculos moverit illa graves 
Adflabunt tibi non Arabum de gramine odores 
Sed quod ipse suis fecit Amor manibus. 

28 * 



414 


E. FERNANDES 


Misero quivi e sconsolato e solo 
Mi son radutto per fugire amore, 

Se fuggir posse quel che si ha nel core. 

Dice Properzio in una simile condizione di spirito (Libro II, elegia XXX) : 

Quo fugis, a demens! nulla est fuga: Tu licet usque 
Ad Tanain fugias, usque sequetur amor. 

In alcuni versi 1* imitazione non solo é nel pensiero ma anche nel-' 
T espressione. Il Boiardo dice alla sua donna che il suo cuore 
{Poesie, p. 49): 

Vostro fu vivo, e vostro sarà morto. 

Il verso può ricordare questo di Properzio {Libro II, elegia XV): 

* 

Huius ero vivus, mortus huius ero. 

Dice il Boiardo {Poesie, p. Ili) 

Tanto crudel la fece e tanto bella? 
e Properzio {Libro I, elegia XVII) 

Quamvis dura tamen rara puella fuit. 

Anche Tibullo suggerì al Boiardo pensieri di amore e di dolore. 
I versi {Poesie, p. 154) : 

Ma il canto mio fu sempre doloroso 
A noglia, a pianti, a lamentare inteso; 

E se lieto il mostrai quando io fui preso 
Fumé al principio il mio dolor nascoso. 

sono ispirati da Tibullo {Libro I, elegia VI): 

Semper, ut inducar, blandos offers mihi voltus, 

Post tamen es misero tristis et asper, Amor. 

E' una reminiscenza del poeta latino anche questa terzina {Poesie, 
p. 130): 

Hai donato ad altrui quel guardo fiso 
Che era sì mio ed io tanto di lui 
Che, per star sieco son da me diviso. 

Canta Tibullo {Libro I, elegia IX): 

Blanditiasne meas aliis tu vendere es ausus? 

La realtà del sentimento, il dolore del disinganno infondono nei 
versi del Boiardo qualche cosa di originale. 


LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


415 


Una reminiscenza tibuliana, dice il Panizzi, é probabilmente questa 
allusione a Circe e a Medea che troviamo in alcuni versi boiardeschi 
{Poesie, p. 69): 

QuaP erbe mai da Pindo ebbe Medea? 

Qual di Gargano la figlia del sole? 

Infatti vi é la stessa immagine nel poeta latino {Libro II, elegia IV) : 

Quidquid habet Circe, quidquid Medea veneni 
Quidquid et herbarum Thessala terra gerit. 

Fra tutte le riminiscenze classiche che abbiamo visto rivivere nel 
Canzoniere del Boiardo, la più importante e la più interessante é 
V imitazione di una elegia del terzo libro delle elegie tibulliane, 
(attribuite a Ligdamo). Il Boiardo in una canzone ci descrive un 
sogno deir alba: Febo suonando una lira canta le meravigliose virtù 
di Antonia ed il gaudio di tutta la natura quando ella discese dal 
cielo. E finisce il suo canto predicendo al poeta una triste epoca di 
dolore e di affanni. L’ amore, che forma ora la gioia della sua vita, 
sarà un giorno la sua corona di spine. 

La canzone, una delle più belle dei libri degli amori, sembra 
originale ma invece, eccettuato pochi versi, é tutta imitata dall’ elegia 
latina. Di una simile imitazione non abbiamo altri esempi nel Can¬ 
zoniere. 

Cosi descrive il Boiardo Febo ( Poesie, p. 59): 

Veder me parve un giovenetto adorno 
Che avea facia di rose e capei d’ oro, 

D’ oro e di rose avea la veste intorno. 

La stessa immagine vediamo apparire da questi versi di Ligdamo 
{Libro III, elegia IV): 

Candor erat qualem praefert Latonia Luna, 

Et color in niveo corpore purpureus 
Ut iuveni primun virgo deducta marito 
Inficitur teneras ore rubente genas, 

Ed aggiunge il Boiardo: 

Cinta la chioma ave a di verde aloro 
verso quasi uguale a questo latino: 

Hic iuvenis casta redimitus tempora lauro. 

Il nostro poeta dice: 


416 


E. FERNANDES 


Indi movendo il plectro su le corde 

Si come far si sole 

La voce sciolse poi con tal parole 

Dice il poeta latino: 

Hanc primum veniens plectro modulatus eburno 
Felices cantus ore sonante dedit. 

Seguono quindi nella lirica del Boiardo alcuno magnifiche stanze 
originali. Il poeta canta la beatitudine che emana da tutte le cose che 
vedono e circondano la sua donna. Dopo quest' esaltazione dell' amata 
Febo dice: 

Mal fo per te creata, il ver ragiono; 

Sciai chio so Febo e non soglio mentire 

Per farti al fin languire 

Venuta è in terra questa cosa bella. 

Qui 1’ imitazione classica ritorna 1 . Dice Ligdamo: 

Quare ego quae dico non fallax accipe vates 
Quodque deus vero Cynthius ore feram. 

Anche il pensiero espresso negli ultimi due versi é ispirato dal 
poeta latino : 

Carminibus celebrata tuis formosa Neaera 
Alterius mavolt esse puella viri, 

Diversasque suas agitat mens inpia curas, 

Nec gaudet casta nupta Neaera domo. 

Ed il Boiardo finisce la sua lirica dicendo: 

Ma ben che io sia sciolto da paura 

Il mio cor già non crede 

Aver del suo servir cotal merzede. 

Anche la spontanea ribellione al funesto presagio, è ispirata dal 
poeta latino: 

Nec tibi crediderim votis contraria vota 
Nec tantum crimen pector inesse tuo. 

Fra le imitazioni latine del Canzoniere del Boiardo troviamo remini¬ 
scenze di alcune liriche di autori incerti. Dinnanzi ad un fiore ap¬ 
passito scrive il Boiardo ( Poesie, p. 67): 


1 Giuseppe Albini, M. M. Boiardo, cit., p. 44. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


417 


Ben se assumi glia a un fior la nostra etade, 

Che stato cangia da matina a sera, 

E sempre va scemando sua beltade. 

A questa guarda disdegnosa e altera: 

Abbi, se non di me di te pietade, 

A ciò che indarno tua beltà non pera. 

Questi versi ricordano (Dice giustamente il Panizzi) 1 il bellissimo 
Iddilium de rosa attribuito a Virgilio, ad Ovidio, ad Ausonio. 

Vedendo la sera appassita una rosa che era sbocciata all’ alba il 
poeta latino dice : 

Sed bene, quod, paucis licet interitura diebus 
Succedens aevum prorogat ipsa suum. 

Collige virgo, rosas dum flos novus et nova pubes, 

Et memor esto, aevum sic properare tuum. 

Nel Canzoniere del Boiardo abbiamo trovato imitazioni classiche 
anche nelle liriche più belle, e più vivaci, ma siamo ben lontani dalle 
pedisseque imitazioni delle egloghe latine. Il poeta ripete pensieri e 
immagini classiche perché ormai sono divenute una parte dell’ anima 
sua. trasformandole col suo sentimento, plasmandole secondo la sua 
indole moderna. L’ influenza della lirica classica non si limita però 
a questa imitazione di singoli versi. Lo spirito classico aleggia nel 
Cannoniere del Boiardo dalla prima all’ ultima pagina. La perfezione 
della lirica latina non fu la mèta del Cannoniere ne quella di un gruppo 
di liriche. L’ imitazione classica non é mai cosciente come lo sono 
talvolta quella del «dolce siti nuovo » e quella petrarchesca, ma non 
per questo é meno importante. Lo studio lungo e appassionato della 
poesia latina influì sulla forma e sul pensiero del Cannoniere , portò 
una nota vivace ed umana nei libri degli amori , insegnò al Boiardo 
a conoscere la bellezza della natura, gli mostrò una concezione terrena 
de la vita che forse meglio di ogni altra corrispondeva alla sua 
indole. 

Dopo avere accennato alle fonti principali del Canzoniere Bojardesco, 
possiamo ancora .mostrarne alcune, che se sono meno importanti di 
quelle già citate, perché hanno ispirato poche liriche e qualche volta 
pochi versi, sono .però notevoli, perché mostrano come il Boiardo abbia 
preso da poeti quasi contemporanei il germe di pensieri e di immagini 
creduti finora originali. Fra queste imitazioni, la più importante e 


1 Note al Sonetto in: M. M. Boiardo, Sonetto e Cannoni a cura di An¬ 
tonio Paninni. Londra 183.5. 



418 


E. FERNANDES 


singolare é quella delle rime boccacesche. Le liriche dei due poeti 
hanno alcuni punti di contatto, forse perché tanto il Boiardo che il 
Boccaccio hanno imitato Dante e il Petrarca, e forse anche perché 
più di Laura e di Beatrice, Fiammetta ricorda Antonia. Ma vi sono 
alcuni versi ove é evidente che il Boiardo si é direttamente ispirato 
al poeta certaldese. 

Per mostrare la suprema bellezza deir amata dice il Boiardo {Poesie, 
p. 29): 

Ciò che odo e vedo suave et ornato 
A lo amoroso viso rasumiglio 
E convenirse al tutto V ho trovato 
Più volte già nel rogiadoso prato 
Ora a la rosa P hagio, ed ora al ziglio, 

Ora ad entrambi, insieme acomperato. 

I versi sono di una dolcezza straordinaria, sembrano ispirati dai 
poeti del «dolce stil nuovo » l . Ma P immagine che si delinea ai nostri 
occhi così squisitamente graziosa é boccaccesca. 

Io vo per verdi prati riguardando 
I bianchi, i gialli ed i vermigli 
. Le rose in su li spini e i bianchi gigli 

E tutti quanti li vo somigliando 
Al viso di colui che me amando 2 . 

Nella dolcezza delP amore il Boiardo chiama le trecce d' oro della 
sua donna (Poesie, p. 177): 

.Il bel lacio d* or che il cor me anoda. 

Lo stesso pensiero troviamo nel Boccaccio: 

La treccia d ; or che il cor m’ ha legato 3 . 


1 La prima impressione é che questi versi siano una reminiscenza de’ i se¬ 
guenti del Guinizelli: 

Voglio del ver la mia donna laudare 
Et a sembrargli la rosa e lo ziglio. 

Ma la grande somiglianza con le rime boccaccesche ci afferma che Y es¬ 
pressione Guinicelliana é giunta al Boiardo attraverso il Boccaccio. 

2 Giosuè G ardue ci, Cantilene e Ballate, Strambotti e Madrigali 
nei secoli XIII e XIV. Sesto S. Giovanni 1912, p. 74. 

3 Giovanni Boccaccio, La caccia di Diana e le Rime con avver¬ 
tenze e note di Aldo Francesco Massera. Città di Castello 1914, p. 177. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL EOIARDO 


419 


Qualche volta nei versi del Boiardo il pensiero e Y espressione sono 
imitati dal poeta certaldese. In un momento di felicità il Boiardo 
chiede ( Poesie, p. 52): 

Datime e fiori e candidi e vermigli: 

In una ballata del Decamerone dice il Boccaccio: 

Io voglio 

Di bianchi fiori ornarmi e di vermigli 1 . 

Il Boiardo in un sonetto paragona V amata (Poesie, p. 7): 

Con bianchi zigli e con vermiglie rose. 

Gli stessi fiori, gli stessi colori troviamo in questo verso (Le Rime, 
cit. p. 58): 

E con vermiglie rose i bianchi gigli. 

Gli aggettivi del seguente verso del Boiardo (Poesie, p. 66): 

Che nulla teme il fredo aspro e noglioso. 

Ricordano questo del Boccaccio (Le Rime , cit. p. 170): 

Chi crederia che ’1 freddo aspro e noioso. 

E chiudiamo il nostro paragone con un verso del nostro poeta 
perfettamente uguale ad uno del Boccaccio: Dice il Boiardo (Poesie, 
P. 77): 

Non potendo capervi, esce di ffor 
ed il poeta di Fiammetta in una ballata del Decamerone: 

Non potendo capervi esce di fuori 2 . 

Nessuno aveva forse mai pensato che esistesse nel Canzoniere del 
Boiardo Y imitazione delle liriche boccaccesche, ma questi esempi ce 
la mostrano nella sua grande importanza. 

Noi vediamo cosi fin dal 300 quelle immagini vivaci di fiori e 
di colori, che raggiungeranno un secolo dopo la loro perfezione e 
la lora massima diffusione nel Canzoniere di Matteo Maria Boiardo. 

Qualche bagliore di questa luce d’ oro che scintilla vivacemente 
dando alle liriche un sapore orientale, il Boiardo Y ha forse presa 
da Leonardo Giustinian, il grande poeta veneziano, le cui leggiadre 

1 Giosuè Carducci, Cantilene e Ballate, cit., p. 171. 

- Giosuè Carducci, Cantilene e Ballate, cit., p. 173. 


420 


E. FERNANDES 


rime scritte per il popolo sembrano riflettere tutti i colori della 
laguna. 

Quella profusione di fiori e di colori, che é una delle bellezze del 
Canzoniere boiardesco, la troviamo in forma rudimentale nelle poesie 
del poeta veneziano. Le liriche di Leonardo Giustinian non ispirarono 
al Boiardo soltanto immagini floreali, visioni dai vivaci colori, ma 
gli suggerirono alcune delle più belle liriche del Canzoniere . 

In un momento di fecilità esclama il Boiardo ( Poesie, p. 31): 

Qual felice destin, qual dextro fato 
Tanto ablandisse alla fortuna mia? 

Con un impeto simile inneggia alla gioia Leonardo Giustian. 

Or non so qual mia stella e mio destino, 

Qual sorte e mia fortuna, 

Me conducer e innanzi al tuo cospetto 
Quando mirai el to dolze aspeto 
Da capo a piedi tutto m ? infiammai 1 . 

Partita la Caprara, il Boiardo così si rivolge al terrazzo della sua 
donna (Poesie, p. 197): 

Ligiadro veroncello, ov’ é colei 
Che de sua luce aluminar te sole? 

Ben vedo che il tuo danno a te non dole; 

Ma quanto meco lamentar te dei. 

Che senza sua vaghezza nulla sei 
Deserti e fiori e seche le viole; 

Al veder nostro il giorno non ha sole, 

La notte non ha stelle senza lei. 

L’ idea é stata molte probabilmente, suggerita al nostro poeta da 
questi versi di Leonardo Giustinian. 

O fenestrela dolze, oh zelosia 
Che seggir me solevi in tanta festa 
Dov* é quel volto pien de lezadria 
Dove i bei ochi e quella bionda testa 
Dov J é la donna e la speranza mia 2 . 


1 Guido Mazzoni, Le Rime profane di un manoscritto del secolo 
XV : Padova 1891, p. 16. 

2 Guido Mazzoni, Le Rime profane, cit.. p. 29. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


421 


Il Boiardo non portò vere innovazioni nella lirica d J amore, ma col 
suo intuito geniale, seppe scoprire fra la gran messe di rime degli 
imitatori di Dante e del Petrarca quelle poche scintille di vera poesia, 
che brillavano debolmente nelle tenebre e seppe ravvivarle e creare 
liriche originali. 

Il Boiardo imitò anche i poeti petrarchisti che prima di lui avevano 
saputo ravvivare i pensieri del maestro con una luce nuova. 

Nel dolore canta il Boiardo che la notte non reca alcuna tregua ai 
suoi mali ( Poesie , p. 151): 

Tu notte le fatiche a zascun cali; 

Et io nell’ umbra tua disteso in terra; 

Non prendo posa dai miei eterni mali. 

Ma allor più si rinfresca a la mia guerra, 

Quando per te si copre il nostro polo 
Che sotto il suo emispero il giorno serra 
Allor mi vedo sconsolato e solo. 

Il concetto é petrarchesco, ma il Boiardo deve averlo imitato in- 
direttamentte da Giusto dei Conti, perché P espressione é molto simile 
a questi versi: 

Quando mi vedo sconsolato e solo 
Più volte mi vedeste per gran voglia 
Di lacrimar giacer tra i fiori e P erba 1 . 

In un momento di dolore dice il Boiardo {Poesie y p. 83): 

Ribella di pietade or che più chiedi? 

E Giusto dei Conti: 

Ben sei crudel contenta che più chiedi 2 ? 

Queste imitazioni hanno importanza, perché fanno vedere come 
alcune delle più belle immagini del Boiardo, non siano una creazione 
originale, ma siano state vagamente ispirate da altri poeti. Ci mo¬ 
strano come il Boiardo non sia il primo che tentò di ravvivare le 
vecchie e scialbe immagini, ma P ultimo, il più fortunato e il più geniale 
di una serie di poeti che cercavano di staccarsi dai vecchi concetti e 
creare una lirica più vivace e sentita. Certamente ciò che in questi 
poeti é un germe é nel Boiardo un rigoglioso fiorire, ciò che in essi 


1 Giusto dei Conti, La Bella Mano , cit., p. 171. 

2 Giusto dei Conti, La Bella Mano, cit., p. 28. 


422 


E. FERNANDES 


é un tentativo incerto diviene in lui una creazione piena di arte e di 
originalità. 

Nei Libri degli amori come abbiamo veduto, molteplici e varie sono 
P imitazioni. Sono rare le liriche che non ricordino in un pensiero, 
ili un verso in un’ espressione, un* altro poeta. Il Boiardo imitò le 
Rime del « Dolce Stil nuovo » il Petrarca e i poeti classici, non rimase 
immune a qùella specie di secentismo che trionfara alla fine del quattro- 
cento, ma il suo Canzoniere é originale perché la più potente di tutte 
le ispirazioni sorge dal sub cuore. 

Il sentimento del poeta porta una luce nuova, che trasforma le vecchie 
immagini e i vecchi pensieri, in versi appassionati di amore, di dolore 
e fonde le molteplici voci, che sorgono dai poeti di epoche diverse, di 
idealità diverse, in una creazione originale. 

Appendice. 

Quando il Solerti compilò la sua edizione del Canzoniere del Boiardo 
conosceva un solo manoscritto, L’ Edgerton 1999 del Museo Bri¬ 
tannico (gli altri due non hanno nessun valore perché non sono che 
una copia delle edizioni). Ed egli su questo manoscritto, quasi es¬ 
clusivamente , si basò per la sua edizione. Ma noi sappiamo che 
esiste ad Oxford un’ altro Codice del Canzoniere del Boiardo. Il 
Can: It: 47 1 un manoscritto membranaceo del secolo XV Ex. 
mm. 230 X 148, cc. 11—42 scritto da due mani con poche correzioni 
della prima della seconda e di una terza mano più tarda. La prima 
mano scrisse cc. 1—36; la seconda cc. 37—42. Le rime scritte dalla 
prima mano hanno il titolo in capitali rosse, V indicazione del primo 
verso in bianco (ma parrebbe che il colore turchino già dipintovi sia 
scomparso) e un’ intreccio di buon disegno, ma frettolosa esecuzione, 
in punta di penna. Le altre iniziali delle liriche sono alternatamente 
rosse e turchine. Quà e là vi sono titoli in capitali rosse nel principio, 
poi semplicemente distinte nel colore. Air inizio del secondo Libro 
c. 29 il titolo è in capitale turchine e V iniziale è turchina, colore 
molto sfaldato e fregio a C. I. Non c’ é numerazione antica, se non 
le cc. 37—42 numerate E, 4, 5, 6, 8, 2. La numerazione moderna 
é a matita di cinque in cinque coste. Le membrane sono : quaderno, 


1 Ne accennano il Rossi in: Recenzione dei due Libri M. M. Boiardo, 
Poesie, cit., e Studi , cit., in: Giornale Storico della Letteratura Italiana, 
Voi. XXV, p. 40, e Bertoni, Nuovi Studii su AL AL. Boiardo . Bologna 
1894, p. 95. Ma io ho potuto avere notizie più precise per la cortesia del 
Prof. Cesare Foligno. 



LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 


423 


quinterno, quinterno, quaderno (nuovamente quinterno che ha perduto 
il foglio centrale cc. 32 e 33). L 7 ultimo doveva essere quinterno; 
sono ritagliate le carte mancanti. I due fogli di guardia sono cartacei, 
dal secondo fu ritagliato un quadratalo, che certo conteneva il nome del 
proprietario del codice e ne rimane un lungo svolazzo a spirale che 
finisce a pié di pagina. 

La legatura é in pergamena antica su cartoncino pieghevole. La 
carta 32 finisce col quattordicesimo verso della terza stanza della 
canzone LXXI *, la c. 33 comincia col secondo verso del sonetto 
LXXII, la c. 36 finisce cil verso terz’ ultimo della terza stanza del 
componimento LXXXII. La c. 37 (scritta dalla seconda mano) 
comincia colla settima lirica del terzo Libro (Componimento CXXVII) 
poi segue conforme all’ edizione Solerti fino alla c. 40. Questa finisce 
col tredicesimo verso del sonetto CXXXV, la c. 41 comincia col 
componimento CXXXIX e segue come V edizione Solerti fino alla 
c. 41, la quale finisce con questi versi del Componimento CXLII: 

Fior scoloriti e pallide viole 

Che si suavemente il vento move. 

Questa é realmente la carta ultima del Codice, essendo il verso di 
c. 8 aggiunto dalla seconda mano. Segue la c. 42 scritta dalla terza 
mano che contiene i componimenti CXXIV, CXXV, CXXVI e il 
CXXVII troncato al quarto verso. Ogni facciata del Codice scritta 
dalla prima mano contiene 23 righe scritte o saltate e quelle scritte 
dalla seconda mano, ventiquattro righe scritte o saltate. 

L’ ortografia del Codice é press’ a poco identica a quella dell’ edi¬ 
zione del 1499, ma non é da supporsi affatto che questo derivi da 
questa. Infatti a c. 35 all’ inizio del Sonetto: « Statevi altrove poiché 
’l mio gran dolo » il copista avevà omesso V iniziale e incominciato 
la lirica con «levi», ma più tarda mano supplì la sillaba omessa «sta 
T errore di lettura non si comprenderebbe se il copista avesse avuto 
sott’ occhio il Codice. Le iniziale a c. 39 della seconda stampa ( Dove 
la forcia più del sol si aduna) e della terza stanza {Sotto la tra¬ 
montana al breve giorno ) della Canzone « Novo diletto a ragionar 
m invita» , accuratamente raschiate e riscritte da una tarda mano in 
semplice inchiostro dovevano essere errate. Anche tale errore sembra 
improbabile da parte di copista accurato come quello del Codice 
Can: 47 se avesse avuto fra mano la stampa. Il Codice Can: 47 deve 
essere antecedente a quello Edgerton 1999, sia perché la grafia é in 


1 Citiamo i numeri corrispondenti ai componimenti dell 1 edizione Solerti. 



424 E. FERNANDES, LE FONTI DEL CANZONIERE DEL BOIARDO 

questo prevalentemente emiliana*, sia perché alcune lezioni del Codice 
Can: 47 diverse da quello Edgerton 1999 sono state posteriormente 
scancellate. Ciò é interessante perchè quésto codice ci fa ci conoscere 
il Canzoniere del Boiardo quando il lavore di lima non era ancora 
compiuto interamente. Inoltre la conoscenza di questo Codice ci per¬ 
mette di modificare alcune lezioni assai oscure delP Edizione Solerti, 
che falsano il pensiero del poeta e talvolta turbano Y armonia del 
verso. Noi ci auguriamo che collazionando i due Codici si possa avere 
in un tempo non lontano una nuova edizione più chiara ed esatta del 
Canzoniere del Boiardo, che prenda il posto di quella del Solerti 
divenuta ormai rara, e permetta a tutti di leggere i Libri degli Amori , 
che ben meritano di essere conosciuti. 


Elsa Fernandes. 


Die Sprache des Folengo. 

Beitràge zu einer Stilphysiognomie des Grotesk-Komischen. 

* Einleitung’. 

Kurz nach 1310, als ein Funfzigjàhriger, ist Cecco Angiolieri, jener 
grofie komische Dichter, gestorben. Unversòhnt in seiner anarchischen 
Sturmergoliardie ? aber mlid und verfallen, in stòhnender, weltleerer 
Verzweiflung, noch immer im Kampf mit seiner ganzen ihm nichtig 
diinkenden Umwelt, ist er an den Rand des Lebens gedruckt und er- 
schauert vor der Ode des Abgrunds, der ihn schwindeln macht. Kurz 
vor seinem Ende mag er jenes Sonett geschrieben haben, das, der ein- 
samen Lebensmtidigkeit Ausdruck verleihend, den ganzen Zusammen- 
bruch dieses tyrannischen Menschen ergreifend und erschiitternd vor 
sich hin klagt: 

A cosa fatta non vale ; 1 pentere 
nè dicier può’ : — così vorre* aver fatto — 
chè ’l senn' di dietro poco può valere; 
però s ? aveggia V uomo ’nnanzi tratto. 

Chè, quando Y uomo comincia a cadere, 
e’ non ritorna in istato di ratto: 
io che non seppi chella via tenere, 
là dove non mi prude sì mi gratto. 

Ch ? i’ so' caduto e non posso levarmi, 
e non ho al mondo parente sì stretto 
che pur la man mi des^e per atarmi. 

Or non abbiate a beffa chesto detto 
chè così piacci , alla mie' donna amarmi, 
come non fu giammai me’ ver sonetto k 


1 «Le rime di Cecco Angiolieri» a cura di Domenico Giuliotti, ed. com¬ 
pleta, Siena 1914 (S. 296). 



426 


CURT SIGMAR GUTKIND 


Die Welt, die er angerufen, blieb stumm. Zumai in Italien, so scheint 
es, hat Cecco Angiolieri keinen Nachhall hinterlassen, ist sei ne 
komische Welt mit ihm dahingesunken. Wohl hat uns Burckhardt 
in seinem Kanon «Kultur der Renaissance in Italien» intellektuale 
Àufierungen der Komik vorgefuhrt: seine individualisierte 
Bildungsgesellschaft gab Raum ftir Witz, Calembour, Satire und 
Parodie. Einzig diese inhaltlich bisweilen wohl sehr scharfe, aber an 
wahrem komischem Gehalt doch sehr diinne, hòf isch kul t ivierte 
Komik ist von Burckhardt erschlossen worden: er hat mehr die 
Genese des modernen Witzes im Auge gehabt als eine auch rtick- 
schauende Traditionierung des Komischen. 

Aber auch in Italien ist eine ungebrochene Ùberlieferung volk- 
hafter Komik — wie sie Cecco grofiartig darstellt — aufweisbar. 
Weniger deutlich als in Frankreich, zumeist iiberdeckt von dem 
Bildungsflitter des kurz nach Ceccos Tod einsetzenden Humanismus, 
wird sie in allerdings bescheidenem Ausmafi fortgeleitet von der 
fròhlich-derben Komik der Florentiner Btirgersleute, wie z. B. des 
Antonio Pucci, des Franco Sacchetti mit seiner burlesken »la battaglia 
delle belle donne di Firenze colle vecchie«, aber ohne die Kraft eines 
anarchischen Willens, und ohne je die Grenzen von Kreuz und Themis 
zu iiberspringen. 

Inmitten des Quattrocento aber taucht auf die Gestalt des seltsamen 
Burchiello, jenes Florentiner Bartschabers; in seiner tiefsinnigen 
Zeichensprachdichtung 1 , deren phantastische Komik und 
satirische Tagesverbundenheit, aus welchen Elementen sie sich haupt- 
sachlich zusammensetzen dlirfte, noch nie gebiihrend gewlirdigt und 
deren wahres Wesen noch unerklàrt geblieben ist, ersteht ein wildes, 
weitverzweigtes, wirres, grotesk-komisches Produkt, das — wie eine 
weitere Arbeit darzutun versuchen wird — innige Gemeinsamkeiten 
mit der Konzeption des Cecco Angiolieri hat. Aber gerade die mon- 
struòse Dunkelheit des Burchiello muBte seine Zukunftswirkung 


1 «Sonetti del Burchiello, del Bellincioni e d’altri poeti fiorentini alla 
burchiellesca», Londra 1757. 

Fiir die Berechtigung des Ausdrucks «Zeichensprachdichtung» moge 
hier vorlaufig folgende Stelle zeugen: 

«Virtù raffrena in sè 1* ultimo effetto 
Per la virtù, che mai non si trasforma; 

Onde per Dio, Lettor, fa che non dorma 
Trasfigurando in te questo Sonetto; 

E pensa ben, V uccel, quel che figura . . . 

1. c. S. 52 (Vers 5—9). 



DIE SPKACME DES FOLENGO 


427 


schwàchen: es ist dagegen bekannt, wie gut ihn seine Umwelt ver- 
standen und gewiirdigt hat, und wie viele Nachahmer er gezeitigt hat : 
sie alle spielen mit den Motiven, die er so scheinbar kunstlos hin- 
improvisiert. Eines hingegen ist gewifi : dem Burchiello fehlt wohl der 
Zug personlicher Urkraft und dàrponisch umspannenden Willens. 
Die Zeichensprache als Medium seineV bedeutsamen Verlautbarungen 
bleibt dem Spielerischen, Exklusiv-Kuriosen, nur Grotesken zu nah 
verhaftet. Seine Seele hatte keine Membran, um die Tòne des Cecco 
aufzufangeu und widerklingen zu lassen. Auf die Blasphemien und’ 
heroischen Verhòre des Senesen gab er die Antwort und das Echo 
nicht. 

Erst — wenig spàter — in den Anfàngen des sechszehnten Jahr- 
hunderts hòrt man aus Italien rufen: 


Non aliud nos, aliud non numen habemus, 

quam cor magnanimum, spadam, mazzamque ferratam. 

XXI, ‘223—224 

Ducitur in nihilum, meritoque chimera vocatur, 
quae parit oh magnos montes nascitque fasolus! 


und am Ende 


XXV, 554—555 


Tange peroptatum, navis stracchissima, portum, 
tange, quod amisi longinqua per aequora remos: 
he heu, quid volui, misero mihi, perditus Austrum 
floribus et liquidis immisi fontibus apros. 

XXV, 655 bis SchluB. 

Diese Stimine, die jene wilden, diese mtiden Verse, von welchen 
die letzten zwei wie im Gefiihl des Zusammenbruchs und der Selbst- 
aufgabe fast wortlich aus Vergils 2. Ekloge 58—59 iibernommen sind, 
dem Cecco gleichsam zuzurufen scheint, gehòrt dem Maccheroneedichter 
Teofilo Folengo, und sie tont aus seinem grofien komischen Epos 
Baldus, in dieser Form um 1530. 

Und gerade Teofilo Folengo oder Merlino Cocai, wie er sich als 
Dichter seiner Maccheronee zu nennen beliebt, ist wie keiner neben 
Cecco in Italien jener urtumliche Volksriese, jener faunisch-orgiastische 
Dàmon volkhafter Komik. Denn : nicht intellektuale Komik — Satire 
und Parodie, nicht der anekdotische Witz und das blendende Wort- 
spiel, nicht die launenhafte Indiskretion oder die gelehrte Zote (eines 
Poggio z. B.) sind einseitig bestimmende Faktoren seiner Komik 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 29 


428 


CURI* SIGMAR GUTK1ND 


— wiewohl sie da und dort vereinzelt aufblitzen mògen in seinem 
Werk — sondern seines Teils ist die Urweiten und Urtiefen um- 
greifende grofie Komik: die auffahrt aus einer auf brechenden, zer- 
fallenden Welt: die Nietzsche im 8. Kapitel seiner »Geburt der 
Tragòdie« fiir ewig eingetauft hat als «die kunstlerische Ent- 
ladung vom Ekel des Absurden». 

1. Ausblicke. 

Der literarhistorische Rahmen, in dem Folengo steht, ist weit- 
schichtig und tiefgreifender, als die Literaturgeschichte, die ihn an 
und fiir sich schon ungebiihrlich vernachlàssigt hat \ bisher ausgeforscht 
hatte. Ihre Angaben stellen fest, dafi Folengo das Gerippe der àufieren 
Form, jenes studentenfrohe Sprachgemisch von Latein und Italienisch, 
eben das Maccheronische, von Leuten wie Tifi Odasi und anderen 
Lombarden ubernommen habe in einer ausgesprochenen Gegnerschaft 
gegen das herrschende Ciceronianische Latein und das Toskanische 
Hochitalienisch. Damit ist tiber das Sprachphanomen an sich gar 
nichts ausgesagt. Und inhaltlich? Vor ihm hat kein Italiener die 
Welt des niederen, ja untersten Volkes, der Bauernschaft z. B., fiir 
eine Dichtung auszuniitzen versucht. Darauf schweigt die Literatur¬ 
geschichte vòllig. Ein seltsamer Hinweis aber findet sich in dem 
«Sonetto de l’autore», das den 1526 veròffentlichten «Orlandino» ein- 
leitet 1 2 : 


1 An Monographien existieren nur die reichlich feuilletonistisch gehaltenen 
Arbeiten von: 

F. Biondolillo: «La Macaronea» saggio critico, Palermo 1911. 

Tommaso Parodi: «Poesia e letteratura», Bari 1916. 

Wesentliches in Teilarbeiten haben beigesteuert : 

Alessandro Luzio: «studi folenghiani», Firenze 1899. 

Benvenuto Zumbini: «il Folengo precursore del Cervantes» in «studi 
di letteratura italiana», Firenze 1894. 

id. : Recensione della edizione Laterza in «Giorn. stor. d. lett. ital.» LV, 
p. 225 ss. 

id. : «Vita paesana e cittadina nel poema del Folengo» Mise. d’Ancona 1901. 

id.: L’astrologia e la mitologia nel Pontano e nel Folengo» in Rass. 
crit. d. lett. ital. II, 1—14. 

B. Cestaro;.«Vita Mantovana nel Baldus», Mantova 1919. 

L. Messedaglia: «L’Italia e gli stranieri nel pensiero di Teofilo Fo¬ 
lengo» estr. d. Atti d. R. Ist. Veneto di S. S. LL ed AA. Tomo XXVIII, 
Parte II, pp. 27 ss. 

A. Momigliano: «La critica e la fama del Folengo sino al De Sanctis» 
Giorn. stor. d. lett ital., Fase. 230/31, Voi. LXXVII, 2/3. 

E. G. Parodi: «Marzocco» 21. V. 1911. 

Con ti nel li: Il «Baldus» di M. Cocai, Città di Castello, 1904. 

2 Folengo: «Opere italiane», 3 voi. a cura di U. Renda, Bari 1914. 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


429 


Volsi por man in trasmutar metallo, 
senz’ arte, onci' è chi mi disnervi e spolpe. 

Cotesta mercanzia mi vien di Fiandra, 
ove lo seme nacque de’ pedocchi, 
che musico gentil m’ han fatto d’ arpa. 

Der Sinn dieser eigenartig dunklen Stelle dlirfte folgender sein: 
Folengo hat die Drahte seiner Leier anders als sonst iiblich ein- 
gestimmt, und zwar scheinbar ohne Kunst, weshalb man ihn tadelt und 
herunterreifit ; die Ware fiir diese neuen Melodien kann ihm aus 
Flandern, wo die niedere Welt des schmutzigen Volkes zum ersten 
Male gezeigt wurdè, die ihm eine seltsam lieblich anregende Musik 
vorgespielt hat. Was kann nun mit dieser Ware* aus Flandern ge- 
meint sein? Flàmische Landsknechte haben sich nicht oder doch nur 
ganz vereinzelt in den Heeren Franz’ I. oder Karls V. befunden. 
Flàmische Kaufleute mògen Folengo aufgefallen sein- Aber — flàmische 
Kunst? Hugo van der Goes mit seinen veitstanzenden Hirten, viel- 
leicht schon Kunde vom Hieronymus Bosch, mag ihm in Rom oder 
Venedig begegnet sein. Sie haben jene Unlerwelt des niederen Volkes 
und die damonische Phantastik, die ihnen Folengo wesensverwandt 
macht. Weit liefien sich die Gesichtskreise ausziehen ftir einen An- 
regungseinflufi fr uher niederlandischer Kunst auf die Dichtung Italiens, 
wo der Boden des Verstandnisses ja bereitet war. Indes, ehe nicht 
die Kunsthistorik ihre Datenbestatigung gegeben hat, sei es nicht ge- 
wagt, mehr als nur den interessanten Fund zu registrieren l . 

So wenig die Literaturgeschichtschreibung iiber das Wachstums- 
phanomen Folengoscher Kunst auszusagen weifi, um so mehr kònnte sie 
bei aufmerksamer Beobachtung Daten fiir dieReichweite seines Einflusses 
liefern : In Italien, den heroisch-komischenEpiker Tassoni in seiner «Secchia 
rapita» Vili, 24 und 25, den giftigen Murtola in den «Risate» 13 
und 27 seiner «Marinéide», in Frankreich den grofien Rabelais, der 
dem Folengo im IL Buch, Kap. VII seines Pantagruel in der » Librairie 


1 In dem Buche «Le genre satirique dans la peinture flamande» von Louis 
Maeterlinck, Bruxelles 1903 (Mémoires couronnés , . . publiés par L’Aca* 
démie Royalé ... de Belgique, Tome LXII, IV e fase., Beaux-Arts) finde ich 
auf Seite 235: «L’anonyme da Morelli, dès 1521. mentionne trois tableaux 
de Bosch (Van Aken) appartenant au Cardinal Grimani, à Venise, et re- 
présentant des sujets fantastiques. Ce sont un «Enfer», les Songes» et un 
«Jonas englouti par la baieine». Da Folengo sich um diese Zeit mehrfach 
in Venedig aufgehalten haben dlirfte. so liegt die Vermutung nahe, datò er 
die Bilder kennen gelernt hat. 

29 * 



430 


CURI' SIGMAR GUTK1ND 


de Saint Victor* am SchluB seines Bucherkatalogs ein ruhmvolles 
Denkmal gesetzt hat, um anderer Stellen ganz zu geschweigen. Wie 
sehr jene Zeit selbst den starken Einflufi des Folengo auf Rabelais 
verspiirt hat, tut unwiderleglich der Titel einer im Jahre 1606 er- 
schienenen anonymen franzòsischen Prosaiibersetzung der «Maccheronee» 
kund; «Histoire Maccaronique de Merlin Coccaie, Prototype de Rabe¬ 
lais» *. In Deutschland, wo die Ketzereien und der Widermut Folengos 
mit Freuden angenommen wurden, hat insbesondere Fischart an Cocais 
Geist sich belebt (er mag ihn in Italien schatzen gelernt haben). In 
seiner «Geschichtsklitterung(Gargantua)» Kap. I erwahnter 1 2 : «Schreibt 
doch Merlin Coccai inn seinen Nuttelversen (!) . . .» um nur ein Bei- 
spiel hier anzufiihren. Fiir Spanien hat Benvenuto Zumbini bei Cervantes 
deutliche motivisch-inhaltliche Beeinflussungen aufgespiirt. Und 
fiir die auBerordentliche Wertschatzung, die man gerade in diesem 
Lande dem Folengo entgegenbrachte, daruber hinaus aber noch fiir 
die zu tiefst erfuhlte Wesensverwandschaft des Italieners mit dem 
Hieronymus Bosclr, dafur gibt ein geradezu unschatzbarer Beleg 
Zeugnis: in der «Historia de la Orden de San Jerónimo» por Fr. 
José de Sigtienza, 2<* ed. pubi, por D. Juan Catalina Garcia, 
Madrid 1909 in der «Nueva biblioteca de Autores Espanoles» Tomo II, 
Libro IV, disc. XVII pp. 635 ss. findet sich foìgende Stelle, die der 
Wichtigkeit wegen nahezu ganz wiedergegeben sei: 

«Entre las pinturas destos Alemanes y Flamencos, que corno digo 
son muchas, estan repartidas por toda la casa muchas de un Geró- 
nimo Bosco , de que quiero hablar un poco mas largo por algunas 
razones: porque lo merece su grande ingenio, porque comunmente 
las llaman los disparates de Geronimo Bosque gente que repara poco 
en lo que mira, y porque pienso que sin razon le tienen infamado de 
herege * . . y los pintó en muchas veras y con gran consideracion, que 
si fuera herege no lo hiziera, y de los misterios de nuestra redencion 
hizo lo mismo. Quiero mostrar agora que sus pinturas no son dis- 
paratos, sino unos libros de gran prudencia y artificio, y si disparates 
son, son los nuestros, no los suyos, y por decirlo de una vez, es una 
satyra pintada de los pecados y desuarios de los hombres ... la dife- 
rencia que a mi parecer ay de las pinturas deste hombre a las de los 
otros es que los demas procuraron pintar al hombre . qual parece 
por de fuera; este solo se atrevio a piutarie citai es dentro; pro- 


1 Paris, Garnier, 1876, éd. P. L. Jacob. 

2 Johann Fischarts «Geschichtsklitterung (Gargantua)», herausgegeben von 
A. Alsleben, Ncudrucke deutscher Literaturwerke, Halle 1891 (S. 31). 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


43 i 


cedio para esto con un singular motivo, que declarè con este exemplo : 
los poetas y los pintores son muy vezinos a juyzio de todos; las facul- 
tades tan hermanas, que no distan mas que el pinzel y la piuma,-que 
casi son una cosa; los sugetos, los fines, los colores, los licencias y 
otras partes son tan unas, que apenas se distinguan sino con las for- 
malidades de nuestros metafisicos. Entre los poetas Latinos, se halla 
de uno (y no de otro que merezca nombre) que pareciendole no podia 
ygualar en lo heroyco con Virgilio, ni en lo comico ó tragico llegar 
a Terencio ó Seneca, ni en lo lyrico a Orazio, y aunque mas exce- 
lente fuesse, y su espiritu le prometiesse mucho, auian de ser estos 
los primeros, cicordó hazer camino nueuo / inuentó lina poesia ridi¬ 
cala que llamó Macarromca ; junto con ser assi, que tuuiesse tanto 
primor, tanta inuencion e ingenio, que fuesse siempre principe y cabega 
deste estilo, y assi le leyessen todos los buenos ingenios, y no le 
desechasen los no tales, y corno el dixo: ,Me legat quisquis legit 
omnia/ Y porque su estado y profession no parece admitia bien està 
ocupacion (era religioso, no dire su nombre pues el le cattò) fingio 
un vocablo ridiculo y llamose Merlin Cocayo, que quadra bien con 
la superficie de la obra, corno el otro que se llamó Ysopo; en sus 
poemas descubre con singular artificio quanto bueno se puede dessear 
y coger en los mas preciados poetas, assi en cosas morales corno en 
las de la naturaleza, y si huuiera de hazer aqui oficio de Crytico 
mostrara la verdad desto, con el cotejo y contraposicion des muches 
lugares. A este poeta tengo por cierto quiso parecerse el pini or 
Geronimo Bosco , no porque le vio, porque creo pintó primero estotro 
cocase, sino que el tocó el mismo pensamiento y motivo; conocio tener 
gran naturai para la pintura, y que por mucho que hiziesse le auuian 
de yr delante Alberto Durerò, Micael Angel, Urbino y otros; hizo un 
camino nueuo, con que los demas fuessen tras el y el no tras ninguno, 
y boluies.se los ojos de todos assi; una pintura corno de burla y 
maccaronica , poniendo en medio de aquellas burlas muchos primores 
y estranezas, assi en la inuencion corno en la execucion y pintura, 
descubriendo algunas vezes quanto valia en aquel arte, corno tambien 
lo hazia Cocayo hablando de veras ...» 

Und doch hat fast dritthalb Jahrhunderte lang kaum jemand sich 
bemttfiigt gefuhlt, eine Lebensbeschreibung 1 dieses einflufireichen grofien 


1 Fischart z. B. sagt (1. c. S. 38): «Unsers Pantagruels Noachischer Stamm 
aber, der auss dem Seethurn Saturni herkommet, ist eben so wunderlich 
als des Henrich von Soliaco Kónig Ar'turs Grab gefunden, oder die 
Koccayschen . . 



432 


CURT SIGMAR GUTK1ND 


Dichters zu verfassen. Vielleicht schreckte die Pseudonymitat seiner 
Dichtungen ab. Erst aus einer Sphare wissenschaftlicher Biirgerlich- 
keit, die in spielerischem Trotz gegen die verflachende Rationalistik 
einer akademischen Bildungsschicht mit einer seltenen Parasitenfreude 
an alien Eigenstandigkeiten des 16. Jahrhunderts herumgeschmeckt 
hat 7 aus diesen Kreisen entstanden die ersten Lebensbeschreibungen. 
Sie konnten nicht mehr bieten als Legende. Die wahre Geschichte 
seines Lebens ist im wesentlichen auszuklauben aus gelegentlìchen 
Selbstzeugnissen in seinen Dichtungen und ganz vereinzelten Àufie- 
rungen von Zeitgenossen. So bleibt die Lebensgestalt Folengos in 
einem fahlen Halbdunkel vernebelt: Im Schofi einer burgerlichen 
Familie der Vorstadt Mantuas, Cipada, ist er an einem Novembertag 
des Jahres 1491 geboren worden. Den neunzehnjahrigen Jungling 
trifft wieder der suchende Blick als philosophiebeflissenen Schiiler des 
Pomponazzi inmitten der bacchisch-schwarmenden, toll ausgelassenen 
Studentenschaft der Universitat Bologna. Innere Unruhe, Skepsis, 
seelischer Niederbruch treiben ihn als Benediktinerfrater in ein Kloster. 
Ekel vor dem verrotteten Mònchstum, Mifihandlungen des Abtes, 
Abenteuerlust zuvòrderst jagt ihn hinaus, er kommt nach Venedig; 
ein losgebundenes Freudenleben lòst ab die Kummerlichkeiten der 
Klosterzelle. Neue Gewissensqualen fuhren den mehr als Dreifiig- 
jahrigen ins Kloster zuruck, wo er reuig seine «Maccheronee» abschwòrt 
und hilflose geistliche Dichtungen zur Pònitenz zusammenreimt. Aber 
wieder bricht der Damon aus. In langer Streife begegnen wir dem 
Ruhelosen als Kardinalssòldling zu Rom, als Pflegebefohlenen am Hofe 
des aus Mantua stammenden Vizekònigs von Neapel, Ferrante Gonzaga. 
Es ist die Zeit seiner tiefsten religiòsen Ketzereien, da er Luther 
lobpreist und den Papst verspottet 1 . Die Gewissensskrupel stellen 
sich von neuem ein; angewidert von der Leere der Welt, von der 
absurden Sinnlosigkeit alles Seins kehrt er als verfallener, spater, 
friedsuchender Mann in die bergenae Ruhe klòsterlicher Mauern zuruck. 
Noch einmal schwort er dem Teufel ab: so finden wir ihn zum letzten 
Male, als er kurz vor seinem Tode, wahrscheinlich zur Pònitenz, ge- 
zwungen wurde, den ruhsam schònen Klostersitz S. Maria delle Ciambre 
bei Palermo zu verlassen, um das Kloster S. Martino delle Scale als 
Pilger aufzusuchen. Damals schrieb er jene innig melodische, sterbens- 
mtide, lebenszerfallene, feierlich lateinische Elegie, mit der er vom 
Leben Abschied nimmt, an die Wand seiner Zelle: 


1 «Opere italiane» 1. c. (siehe «Caos del Triperuno» Sonett «Papa, Luna, 
Appicato . . . .»). 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


433 


Dulce solum, patriaeque instar, mea cura Ciambrae, 

Accipe supremum, cogor abire, vale. 

Vos rupes atque antra, cari gratique recessus, 

Quodque horrore nemus, sylva virore places; 

Vos vitrei fontes et amoris conscia nostri 
Murmura perpetuo vere cadentis aquae : 

Tuque mei testata gravem vix longa laborem, 

Tuque olim sancto, Cellula, culta seni; 

Si vestri curam gessi, quidquamve peregi 
Quo facti auctorem fas sit amare boni, 

Mantoum aeternis memorate Theofilon annis, 

Sitque meae vobis causa sepulta fugae. 

Auf dieser Fahrt ist er irgendwo am Fieber zugrunde gegangen, am 
9. Dezember des Jahres 1544. 

Deutlicher aber, gewaltvoll plastisch ersteht die Gestalt des Dichters 
Folengo aus seinem Werk : zerspalten durch Zweifel am Sinn der Welt, 
erweist diese Seele Dogmenunterwlirfigkeit neben anarchisch-blas- 
phemischem Protest, neben faunisch entfesseltem Sinnentaumel bis zur 
grotesken Phantastik. Und tief hinein in den Grund der Eigenpersòn- 
lichkeit reifit sich diese Spaltung. In mystagogischer Verràtseluug liebt 
es dieser Mensch, sein Ich auszumerzen durch Selbstteilung: in der 
Leere der Welt, im ungeheuren Chaos, wo er im furchtbaren Gefuhl 
einer verfallenden Zeit Anfang und Ende sich wieder vereinigen und 
zusammenrinnen sieht, da schreibt er um 1525 ein seltsam-dunkles 
Allegorem, die Geschichte seiner geistigen Erschaffung : das «Caos 
del Triperuno». Hier tritt er auf in Dreigestalt und in Dreisprachen- 
gewand : 

1. als der maccheronisch redende Dichter Merlino Cocai — unter 
diesem Namen verfafite er seine «Maccheronee» ; 

2. als der italienisch vortragende Dichter Limerno Pitocco — dieses 
Pseudonym deckte seine italienisch geschriebenen Werke; 

3. als der lateinisch sprechende Fulica — dies war der Name vor 
seinen lateinischen Dichtungen. 

Der chiliastisch-evangelistischen Grundstimmung dieses «Caos del 
Triperuno» entspricht eine Persònlichkeitsspaltung in die Trinitat — 
•wer hatte im Mittelalter Àhnliches gewagt, ja nur ersonnen? Es sind 
dies dunkelste Schliifte menschlicher Verfallsgefuhle, die im Boden 
dieser Zeit plòtzlich aufklaffen. Schwankend fuhlt der Mensch sich 
gleichsam an den Rand eines Abgrunds hingedrangt: der Dichter 
schutzt sich vor dem vòlligen Nieder- und Auseinanderbruch durch 


434 


CURT SIGMAR GUTKIND 


systematische Selbstzerteilung und durch Selbstverratselung : damit 
stehen wir unmittelbar in dem psychologischen Problem der lch- 
verdoppelung, das sich hier in ganz erstaunlicher Wildheit und Be- 
tontheit darbietet. (Nicht minder auch in dem auf Seite 436 zitierten 
Passus der «Laudes Merlini» «. . . et insuper eludentem secum . . .»). 
Aber damit nicht genug: jeder einzelne dieser pseudonymischen Namen 
ist selbst zwei-gesichtig und doppeldeutig : 

Limerno Pitocco. 

Limerno ist kunstliches Anagramm aus Merlino. Pitocco bedeutet 
Bettelsmann» und aufierdem figurativ »diinner, tiber der eigentlichen 
Rustung getragener Rock«. Es ist unmòglich, sich der Symbolik 
dieser Selbstbenamsung zu entziehen. Folengos dichterisches Fun- 
dament ist die maccheronische Sprache, Legierung aus Latein und 
Italienisch. Schreibt er nun reines Italienisch, so verzerrt er das Mac- 
cheronipseudonym Merlino noch einmal ins Anagramm; er ftìhlt sich als 
Fremdling im Bereich dieser »toskanischen« Sprache, gleichsam als 
Bettler, sie ist ihm wie ein diinner, fadenscheiniger Rock iiber seiner 
eigentlichen Sprachrtistung. 


Fulica. 

Fulica ist lateinisch und heifit »schwarzes Wasserhuhn.« Folengo 
hat uns im »Caos del Triperuno« selbst bezeugt, dafi er damit eine 
Ubersetzung seines Namens Folengo (fulica = ital. folaga) zu geben 
beabsichtigte. Diese ihm gewisse Grundetymologie seines Namens 
lieferte ihm einen neuen Namen, unter dem er als Herausgeber 
seiner «Maccheronee» in den fruhen Redaktionen von 1520 und 1521 
zeichnet : 


Magister Acquarius Lodola. 

Acquarius Lodola zu deutsch etwa Meister Wasserlerche. 

Was mag aber hinter dem seltsamen Hauptpseudonym 

Merlino Cocai 

stecken? In der Ausgabe von 1520 (verkurzt auch in der von 1521) 
findet sich eine komische Vorrede des Herausgebers Magister Acquarius 
Lodola zum Lob des Merlino Cocai (Laudes Merlini). Dort gibt 
Lodola = Folengo = Merlino Cocai folgende burleske Namens- 
ausdeutung : 


DIE SFRACHE DES FOLENGO 


435 


Si (scil. queris) nomen: Cocaius ego Merlinus apellor. 

Cocaius nomen, titulus Merlinus, in agro 
Dum mater pregnans cocaium forte botazzi 
Quaereret amissum, peperit me, nomen et istud 
Sortior: utque scias Merlini significatum 
Quotidie ad cunas tulerat mihi merla beccatam, 

Nam mea se in vino genitrix me infante negavit. 

Cocaius vocor hinc, Merlinus nominor illinc. 

Die manifeste Sexualsymbolik dieser Worte soli hier aus nahe- 
liegenden GrUnden nur angezeigt, nicht aber vollig gedeutet werden. 
In Wirklichkeit durfte folgendes hinterlistig in die Namen hinein- 
geheimnist sein: 

«Cocai» ist ein heute noch im mantuanischen Dialekt gebrauchlicher 
Ausdruck und bedeutet Spund, Stòpsel am Fatò. Ingleichen besagt 
im selben Patois: «far di cocai» Narreteien treiben *. In drastisch 
lebensvoller Verbindung deute ich Cocai = besoffener Possenreifóer. 
[Damit ist gleichzeitig ein ebenbiirtiges Pendant geschaffen zu der 
Bezeichnung «maccheronee» fur die Dichtung: Maccheroni sind eine 
besondere Sorte Nudeln, bekannt als italienische Nationalspeise, also 
ein Wirtshaus- und Kuchenausdruck. Andrerseits bedeutet auch heute 
noch «macaron(e)» im Venezianischen eine Art ungeschiachter, un- 
gebildeter Kerl, Grobian, Tòlpel 1 2 3 * * . Folengo selbst gebraucht das 
Wort in diesem Sinn òfters 8 . Beide Bedeutungen verschmelzen zu 
einer neuen, die unter deutlichem Vorwiegen der ersten zur Bezeich¬ 
nung der ganzen Dichtung, des ganzen Stils dient]. 

«Merlino» ist ein Verkleinerungswort des ital. merlo (Schwarzamsel). 
In dieser Bedeutung verwendet es Folengo oben. Aufierdem aber 
heifit es familiar so etwas wie Schlaumeier. Mehr noch : Merlin ist 
jener Held und Zauberer der Artussage, eine unzahlige Male in den 
Epen des Mittelalters bis ins 17. Jahrhundert wiederkehrende Haupt- 
gestalt, die Folengo ohne jeden Zweifel vertraut war. Dafiir blirgt 
seine Kenntnis der grofien Epenliteratur. Merlino ist also der schlaue, 
pfiffige Sanger, der sich seine Sprache zurechtgezaubert hat. 

Diesen Merlino Cocai, den Sprachzauberer und schwàrmenden Narren, 
ftihrt Folengo am Schlufi seines »Baldus« zuerst mit vollem Namen, 

1 Nach der Angabe Luzios in den «studi folenghiani» S. 5 Anm. 1. 

2 Boerio: «Dizionario del Dialetto Veneziano», Venezia 1856. 

3 «Baldus» XI 130. 

. . Tognazzus tunc furiosus, 

sic, sic, o macaroriy docui facere ante? gridabat. 



436 


CURT SIGMAR GUTKIND 


danti als tanzenden, hupfenden »buffonus« mitten in die Handlung des 
Epos hinein, d. h. der Dichter sich selbst. Uber diesen buffonus 
kiindet Folengo in der Gestalt des Magister Acquarius Lodola in den 
bereits erwahnten «Laudes Merlini» von 1520 und 1521 erschutternd 
deutlich sich aus: • 

Magister Lodola geht auf die Suche nach den wahren Werken des 
Merlino Cocai, die ein anderer verstummelt unter Plagiat heraus- 
gebracht hat, und trifft auf einer einsamen Insel das Grab des Merlin 
Cocai (also sein eigenes!). «Obstupefacti prò hujusmodi Epitaphio de- 
liberamus evolvere petram instar Cocai stopantem os Urnae, quo 
facto, cernimus en hominem magrefactum barbatumque usque ad 
umbilicum, et insuper ludentem secum more bagatellantis cum gallis, 
bechiris, nonnullisque frasckulis. Quid me, inquit, molestatis des- 
viatisque? ad quem nos, qualis et cuias es tu? et illé, sum qui fui, 
sed ero qui non eremi, si dederetis quod non dedistis. Nos verbum 
aenigmatizatum et dignum oedipodensi splanatione admirati retulimus, 
die clarius. Tum ille suspirans: Nulla gratia datur in coelo buffonibus, 
buffonus extiti, quo nec coelum, nec infernus possunt me suscipere, in 
vobis tamen humanis hoc pendet arbitrium, si boni aliquid prò me 
feceritis ad caelum pergam, si malum imprecabimini prestiter in in- 
ferum strassinabor, videte vos. At nos, quid vis? bonum aut malum : 
et ille quod naturaliter homo desiderat, quo dicto sic mutus conticuit, 
ut ab eius unquam bucca potuimus nientum ulterius accipere . . . Nec 
pockinum imparavimus , homines bufones partem nec in coelo , nec 
in inferno tenere, sed nostrum est orare prò illis, qui nostras buffo- 
nizando melenconias eripiunt . 

Das sind wahrhaft abgrundig - diistere Weltschmerz- und Welt- 
leerheitsgedanken, deren Doppelgangertiefsinn in die Seele dringt. 
Ganz konform und nicht minder groBartig wirft der grofie Komiker 
dieses Jenseits von Gut und Bòse auf in dem «Caos del Triperuno», 
wo er von sich sagt: 

«... e giunto nel paradiso terrestre, gli vien ivi comandato che 
non mangi de l'arbore de la scienza del bene e male, ma solamente 
si pasca e nudrisca di legno vitale, per darci sopra ciò un bell’ avviso» 
(p. 178, Ausgabe Renda, «Opere italiane di T. F.», 1. c.) 

Wahrlich! Eine im Anarchischen freischwebende 
Zwischenschicht der Seele! 

Dieser buffonus, dieser gottahnliche Zauberer, dieser verwunsehene 
Narr, dieser Mimus Merlino Cocai fiihrt den Reigen der 25 Biicher 
seiner Epopòe »Baldus«, des einzigen, groBen, wirklich volkhaften, 
grotesk-komischen Epos, dessen sich die gewiB epenreiche italienische 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


437 


Literatur riihmen darf. Der von seinen Maccheronimusen gefutterte 
Dichter erzahlt die Geschichte seines Helden Baldus und seiner 
Schar. Hier sei versucht, in gedràngter Skizze den Gang der Fabel 
nachzuzeichnen : 

Ritter Guido, Nachkomme jenes in fast alien Rittererzahlungen so 
hochgeriihmten Rinald von Montalban, verliebt sich in Baldovina, die 
Tochter des Kònigs von Frankreich, entfuhrt sie, flieht mit ihr vor 
dem Zorn des Vaters und gelangt selbzweit arm und zerschroben nach 
Cipada, dem Vordorf von Mantua, wo sein Weib in der Hlitte eines 
(prachtig verlebendigten ) Bauern Bertus ihm einen Knaben gebiert 
und stirbt, wahrend er als echter fahrender Ritter von dannen zieht. 
Jenes Kind, dem der Name Baldus (der Hochgemute) gegeben ward, 
lebt bei dem Bauer und wird von ihm in aller Freiheit aufgezogen, 
wachst heran zu einem unbandig-wilden, kraftgemuten Jiingling, der 
allerlei tolle Streiche in der Stadt Mantua veriibt. Von seiner hohen 
Abkunft weiB er nichts. Um sich versammelt er einige ehrenwerte 
Kumpane : den Giganten Fracasso von der Rasse des Pulcischen 
Morgante (wie Folengo sagt), den listenreichen Cingar, den Nach- 
fahren des Pulcischen Margutte (gleichfalls Worte Folengos), den 
Schlofiknacker, den Kirchenrauber, den unheilig-unkeuschen, den 
anarchischen Atheisten und Biasphemiker, das Urbild und Vorbild des 
Rabelaisischen Panurg, — und andere mehr, deren fast jeder eine eigene 
phantastisch - groteske Individualitat ist. Durch ihre Gaunereien und 
wilden Streiche geht im Mantuanischen alles drunter und drtiber: in 
urkomischen Episoden hagelt es hin und her Betrugereien und 
Schlage: Bauern, Wirte, Monche, Juden, Handler, Richter, Àrzte, 
Stadtrate und Weibergelichter, kurz das ganze niedere Volk aus Stadt 
und Land tritt plastisch in Szene. Schliefilich landet Baldus im Man- 
tuaner Gefangnis. Cingar besucht ihn im Gewand eines Bettelmonchs, 
um dem Todeskandidaten die Beichte abzunehmen, und befreit ihn. 
Schlagende Rache lohnt den Mantuaern ihre Frechheit, den Helden 
einzusperren. Durch Berge von Toten, mit tausend Listen bahnen 
sich Baldus und seine Schar den Weg aus der Stadt. Das Bild 
wechselt ins Abenteuerliche. Baldus sticht mit den Genossen in See, 
durchfahrt ferne Lande und Meere, besteht riesenhafte Heldentaten, 
wlirdig eines Hrrenden Ritters«, zerstòrt Korsare, beseitigt Hexen und 
Zauberer und besteht einen grandiosen Teufelskampf : nie ward Ahn- 
liches in grotesk-komischerer Form erzahlt. Er findet seinen Vater 
auf einsamer Insel als Eremiten wieder und erfahrt von ihm die Ge¬ 
schichte seiner Geburt. Der Greis stirbt mit der Prophezeiung von 
den hohen Geschicken des Baldus auf den Lippen. Er kommt nach 


438 


CURT SlGMAR GUTKIND 


Afrika und zu den Quellen des Nils, dringt schliefilich bis in die Hòlle 
selbst hinein. Das Bild wechselt ins Phantastische. Er und seine 
Schar diinken den Hòllengeistern andere Teufel. Was ihnen dort zu- 
stòfit, ist von ungeheuerlich-grofiartiger Phantastik. Und der Ab- 
schlufi so unerhòrter Abenteuer ist der Eintritt der Helden in einen 
riesigen Kiirbis; der Dichter in der Maske des buffonus (Merlino Cocai) 
fuhrt sie in hòchsteigener Person dort ein und an : der Kiirbis ist der 
Aufenthaltsort der Dichter und Astrologen, der Hauptliigner und 
-charlatane unter jden Menschen; die bekommen hier von hóllischen 
Barbieren fiir jede Ltige einen Zahn herausgerissen, der sofort wieder 
schmerzhaft nachwachst. Merlino Cocai gesteht nun, dafi er. nicht 
mehr weiter kann; da er als Dichter selbst in dem Kiirbis zuriick- 
bleiben mufi, verabschiedet er sich von Baldus in wirklich schmerz- 
voll elegischen Worten 1 von der Sinnlosigkeit alles Trachtens, durch- 
schiittert vom Horror vacui, in der Hoffnung, dafi ein anderer Dichter 
den Baldus einmal wieder emporfuhre «a riveder le stelle.» 

Die Wesensspaltungeii, die wir im Persònlichkeitsbewufitsein Folengos 
feststellten, kehren nicht minder deutlich abgespiegelt auch im Werke 
wieder. Der aufmerkliche Beobachter wird selbst aus diesem nur 
fliichtig skizzierten Inhalt ersehen. wie Ritterromane, realistische Niede- 
rungsschilderung, Abenteuergeschichte und schliefilich als Einigungs- 
gipfel phantastisch-groteske Damonomanie neben-, ja durcheinander- 
geschichtet im Werke daliegen. Und nicht nur inhaltlich : die Sprache 
selbst ist Ergebnis jener inneren Verfallsspaltung, deren seltsam natur- 
notweudige Zwangslosigkeit und tiefere Wirklichkeit nur dem hin- 
gegebenen Blicke sich entschleiert. 

Die maccheronische Dichtsprache, als Ausdrucksform der Phantasie- 
vorgange, als in sich im ganzen einheitliche Vermòglichkeit dichteri- 
scher Formung, bedarf darum einer griindlichen Untersuchung. Es 
gilt der Physiognomie des maccheronischen Stils selbst habhaft zu 
werden, um dadurch das wahre Wesen der ^grofien Komik Folengos 
zu erkennen. Dazu kann uns nur die Sprache selbst verhelfen. Viel- 
leicht, dafi mit diesem Nachspuren auf beobachtbaren und kontrollier- 
baren Stegen: lateinisch und italienisch: neue Angriffsmòglichkeiten 
fiir die sprachlich fast unbeaufsichtbaren Dunkelheiten des Burchiello 
und des Rabelais, ja fiir viele der sogenannten »kiinstlichen Sprachenc 
sich ergeben. Wir steigen nunmehr prtifend hinunter in die Schachte 
des «gergo maccheronico», und versuchen einzudringen bis in den 
Kern jeder Wortzelle. 


1 Baldus XXV, 651 bis Schlufi. 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


439 


2. Oberflàche. 

Also hebt das Archipoema Macaronicorum des Merlino Cocai, das 
Epos «Baldus», an 1 : 

Phantasia mihi plus quam phantastica venit, 

Historiam Baldi grassis cantare Camoenis. 


1 Unserer Untersuchung liegt als Standardtext zugrunde: Merlin Cocai: 
‘Le Maccheronee» a cura di A. Luzio, 2 voi. Bari 1911. 

1. Ausgabe: «Baldus» (Venetiis in aedibus Alexandri Paganini, Kal. 

ian. 1517.) P. 

2. « «Bafdus*, Venedig 1520 bei Cesare Arrivabene. (Enthalt 

die vollstandigen «Laudes Merlini»). A. 

3. « «Opus Merlini Cocaii, poetae mantuani, macaronicorum» 

(Tusculani apud locum benacensem, Alexander Paganinus 
1521 die V. ian.) T. 

Fiir diese Arbeit wurde der Neudruck der T von 1692 
Amstelodami apud Abraham à Someren verwendet. 

4 « «Macaronicorum poema ... — Cipadae, apud magistrum 

Acquarium Lodolam) C. 

Nach der Angabe Luzios in der «Nota» seiner Ausgabe 
der « Maccheronee», Bd. II, S. 364, sei diese Ausgabe bei 
Alessandro Paganini gedruckt, und zwar, wie aus ver- 
schiedenen in dieser Ausgabe erwàhnten Zeitereignissen 
hervorgehe, zwischen 1539 und 1540. Ich glaube jedoch, 
friiher ansetzen zu diirfen wegen der lutherischen Ketze- 
reien in Buch IX. Die Ausgabe selbst mag aus ver- 
schiedenen Grunden erst 5—6 Jahre spater gedruckt worden 
sein, wobei die Huldigungen fiir die Gonzaga noch inter- 
kaliert worden sind. Der Gesamttenor der Redaktion C 
entspricht der geistigen Verfassung Folengos zur Zeit der 
Verfertigung des «Caos del Triperuno», also von 1526, 
nicht aber der Haltung eines sterbensnahen Greisen, der 
1544 verschied. 

Von der Redaktion C existieren nur noch wenige 
Exemplare. Ihre Ketzereien werden nicht zum wenigsten 
zu ihrer Vernichtung be ; getragen haben. Luzio in seiner 
Nota S. 365 spricht von vier Exemplaren: zwei im British 
Museum, eins in der Vittorio Emanuele zu Rom, eins in 
der Comunale zu Mantua. Es ist mir gelungen, in 
der Landesbibliothek zuKarlsruhe ein weiteres 
Exemplar aufzufinden. 

5 « Merlini Cocalii poetae mantuani Macaronicorum poemata. 

' Venetiis 1552, Herausgeber Giovanni Varisco. Sogenannte 

Ausgabe Vigaso Cocaio. VC. 

Diese Redaktion liegt der Ausgabe Luzios zugrunde. 



440 


CURT SIGMAR GU1K1ND 


In prunkvollem Pathos rauschen zwei lateinische Verse dahin; ihr 
stolzer Wohllaut nimmt den Leser in Bann. Noch unbefangen, horcht 
èr auf den durchaus klassisch-erhabenen Ton dieses «phantasia», das er 
mit geneigter Reminiscenz an die Vergil, Lucan und Statius sofort als 
invocatio, als Anrufung der Musen zu deuten sich beeilt. Das folgende 
«mihi» gibt dieser Auffassung wohl recht: Stolz ftìgt der Dichter sein 
Persònliches neben das Gottliche, als wolle er damit gultig seinen 
Wert und seine Berufung andeuten. Es reiht sich an ein «plus quam», 
das sich noch ganz leidlich an das «mihi» sinngemaB anhaften làfit. 

Phantasia mihi plus quam. 

Eine gewisse- Spannung ist erreicht, der Leser- erwartet eine Aus- 
einandersetzung mit der Muse, die Erwahnung anderer Dichter oder 
dergleichen mehr: wie er dies von den antiken Schulvorbildern her 
gewòhnt ist. Er denkt an: 

Musa mihi causas memora .... Aeneis I, 8 

wo ersichtlich der phraseologische Aufbau àhnlich ist. Aber heran- 
poltert ein 

.... phantastica venit. 

Der Vers ist zum Beschlufi gelangt. Alles stiirzt um und verwirrt 
sich, Vergil verfliichtigt, der Leser wendet sich besturzt zum Anfang 
zuriick, um sich Klarheit zu holen, was eigentlich geschehen ist. 
Das Wort 

phantastica 

ist seinem Ohre verhaftet geblieben; beim rucklaufigen Lesen des 

phantasia 

stellt sich sofort assoziativ jetzt das «phantastica» zuneben. Dieses 
Wortes ist aber die ganze goldene und silberne Latinitat bar; erst 
die spàt mittelalterliche weist es auf. Nun kommen die Zweifel auch 
an das «phantasia» selbst heran. Es ist ein ursprunglich griechisches 
Wort. Bei Seneca wird es einmal (in den Suasorien II, § 14) er- 
kennbar fremdwortlich in der Bedeutung «Einfall» — genau ent- 
sprechend dem eigentlichen Sinn des griechischen cpavzaoia — ver- 
wendet. Der Leser wird genótigt, abzuheben von der Wesensfulle 
des modernen Fremdwortes. Langsam lòst sich das Prunkhafte ab. 
«Phantasia phantastica» ist wahrlich keine Invokation. Aber der Leser 
denkt an das italienische 


racconto fantastico 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


441 


und stutzt, greift nach «plus quam» und beginnt zu verstehen. Der 
Rhythmus der Phrase làuft anders. «Mihi» ordnet sich «venit» bei 
und verliert all die Hoheit, die es in der ersten Uberschlagsauffassung 
einmal gewonnen batte. «Mihi venit» ist simple Erzahiung. Der 
Satz, der mit «phantasia» rauschend begonnen hat, versandet gurgelnd 
im flachen «venite.- Das «plus quam», das starken Akzent und 
Hòhepunkt in der Versmitte zu bilden schien, verstàrkt jetzt nur das 
Rumpeln und Rumoren des «phantastica» — und statt des Erhabenen 
afft das Groteske. Die Worte entkleiden sich ihres Stolzes, der Rhythmus 
verdampft, und iibrig bleibt ein ganz bescheidener Satz : 

Es kam mir der mehr als erfindungsreiche (oder abenteuer- 
liche) Einfall. 

Aber das grofiartige Gehabe der aufóeren Form, das unbeirrbar 
heroische Rollen der klar gebauten Hexameter lassen erneut auf- 
merken. Das «plus quam phantastica» kònnte eine ganz neue Be- 
deutung gewinnen : vielleicht versucht Folengo flir seine Dichtart 
eine gewisse Charakterisierung programmatischer Natur, vielleicht 
foppt er den Leser, den er zuerst mit klassischer Reminiscenz und 
pompòsem Schwung gefangengenommen, um ihm all das sofort wieder 
umzufegen. Das «plus quam phantastica» lafit nicht locker. Eine 
neue Spannung, gemiscbt aus peinlicher Verwunderung und leichter 
Heiterkeit, stellt sich ein. Noch ist alles ungeklart: 

Phantasia mihi plus quam phantastica venit, 
historiam Baldi. 

Ist dies ein properzisches oder ein suetonisches oder ein mittelalterliches 
Chronisten-historiam? Seltsam genug ist dieser wichtigtuerische Aus- 
druck. Doch es knistert etwas zwischen dem «plus quam phantastica» 
und dem «historiam». Ein klassisch lateinisches Wort «historiam» ist 
durch ein ebenso klassisches «venit» verbunden mit einem neuartigen 
Wort latinisierender Italianitat. 

.... grassis cantare Camoenis. 

Und «grassis» ist iiberhaupt nicht mehr lateinisch: «cantare Camoenis» 
aber doch stolzester Stil der klassischen Epopòe. Syntaktisch gehòrt 
«grassis» zu «Camoenis». «Phantastica» gibt den Fingerzeig: es ist 
das italienische 

grasso 

mit lateinischer Endung: also ein Ktichenausdruck, ein animalisches 
Wort, das zu gebrauchen sich ein Ariosto an einer solchen Stelle wohl 
sehr tiberlegt haben wtirde! 


442 


CURT SIGMAR GUTKIND 


Phantasia mihi plus quam phantastica venit. 

Historiam Baldi grassis cantare Camoenis. 

Nun wird es klar: in dem Spiel liegt unverkennbare Methode. Der 
Leser spiirt, dafi ihn eine Hand leitet, die Worte vereinigen, Rhythmen 
meistern, Wirkungen aufblitzen, dàmpfen und yerblasen kann, die 
ganz klarsichtig - zielbewufót vorgeht und arbeitet. Das «grassis? 
schafft Durchsicht. Von ihm aus riickwtirts bekommen sowohl «hi¬ 
storiam» wie «phantastica» wie schliefilich auch «phantasia» neue Be- 
lichtung, von ihm aus vorwarts rangieren sich die «Camoenen» neu 
ein : Der ganze zweiversig einleitende Satz erhUlt eine charakteristisch 
unvergefiliche, ja programmatisch deutliche Einstimmung. Es klingt 
unerhòrt: der hohe Kothurn, die stolze klassische Mythologie vereint 
mit dem Hausmannston des italienischen Volkslebens. Und seltsam: 
dieser Bastard aus Kothurn und Barflifiigkeit ist erquicklich, diese 
Amalgamierung zweier Sprachen ist zwanglos und ohne Liicke: sie 
ist grotesk. 

Wie beim grofien Heldenepos mufi eine «phantasia» dabei sein; 
aber sie ist «plus quam phantastica». Wo Vergil «arma virumque» 
sagt, stellt der Zauberer Cocai ein chronikenhaft verwinkeltes und 
grofispurig hohles «historiam» hin. Wo Dante Apoll anruft (Parad. I, 
13) wendet sich Folengo an die fetten Musen. 

Der Satz verkiindet. des Dichters Programmi 

Zuerst tauscht er den Leser und gaukelt ihm trugerisch listenreich 
klassische Weisen vor ? um ihn dann ruckweise aus dem klassischen 
Himmel in die Wolken der Verwunderung und Unglaubigkeit herunter- 
fallen zu lassen. Dann ruft er eine frische Neugierdespannung durch 
das fahle und undeutliche «historiam» hervor und setzt schliefìlich mit 
dem derben Vulgarismus «grassis» grinsend und lachend mit beiden 
Fufien auf atmend lebendige Erde. Und rlickwarts drehend lafit 
ihn dieser erstaunliche Dichter mit den «Camoenis» noch einmal 
den ganzen Raum zwischen klàssisch - erhabenem, lateinischem Stil 
und fetter, italienisch - neuzeitiger Erdensprache durchmessen: bis 
■endlich — wie ein Fahnenwimpel — im Zusammenspiel und Wider- 
spiel des Adligen und Vulgaren eine dichte irdische Kdmik iiber 
das Ganze als Einheitsstimmung sich ausbreitet. Und diesen neuen 
unerhòrten sprachlichen Zusammenklang nennt Folengo sein «Mac- 
cheronilatein». 

Bringen wir gemafi den bisher gewonnenen Erkenntnissen das 
sprachliche Phanomen auf eine vorlaufige Formel, so mag sie lauten: 


DIE SPRACHE DES FOLENGO 


443 


Der «gergo maccheronico» ist eine Mischung von lateinischen und 
italienischen Worten, bei lateinischer Flexion und Rhythmik 1 * * . 

Hier gilt es eine Weile innezuhalten : ein methodisch prinzipieller 
Einwand muB vòllig aus dem Feld geschlagen werden: und dies von 
der gleichen Denkebene ber, von der aus er den Angriff unter- 
nommen. (Die weitere Untersuchung wird aufzeigen, datò auf einem 
spater zu gewinnenden Feld der Betrachtung dieses Stilphanomens 
der ganze Einwand gegenstandslos wird.) 

Der unbefangene sowohl wie der textkritisch geschulte Leser wird sich 
des Eindrucks nicht haben erwehren konnen, als sei mit dieser mikro- 
skopierenden Betrachtungsweise so gar manches in die Verse, ja in 
die Ausdriicke hineininterpretiert oder aus ihnen herausgedeutet, was 
ihres Wesens nicht sei. Zum Beweis und zur Bekraftigung der hier 
dargebotenen Anschauungsart und Ausdeutung, nicht zuletzt aber ftir 


1 Leonardo Olschki in seinem sehr gelehrten weitschichtigen Buch 

«Bildung und Wissenschaft im Zeitalter der Renaissance in Italien» 
Leipzig 1922, sagt S. 150: «Bei den makaronischen Poeten ist die groteske 
Lateinverhunzung Zweck. Man erkennt dies nicht nur in ihren Gedichten, 
sondern vor allem in Folengos Bestreben, eine Grammatik und Metrik seiner 
Sprache aufzustellen, die urspriinglichen iibermutigen Launen in feste 
Regeln zu schliefien.» Und fiigt in einer Anmerkung bei: «Vgl. Folengos 
,Normula macaronica de sillabis . . .‘ Mit dieser grammatisch metrischen 
Fixierung war die makaronische Poesie naturlich zu Ende.» Ich mochte 
dartun, dafi diese i\nsicht bei genauer Priifung der in Frage kommenden 
Stelle nicht mehr aufrechterhalten werden kann. 

Die «Normula» gehort zu den «prefazioni« der T. Von einer gramma- 
tischen Fixierung ist hier (wie auch anderswo) nicht die Rede. Was die 
Metrik anbelangt, so bekennt sich Folengo nur, soweit er rein lateinischc 
Worte verwendet, als an die lateinischen Regeln gebunden «latina vero 
vocabula suam observant quantitatem». Aber auch dies mit alien moglichen 
weitlaufigen Einschrankungen («quaelibet adverbia terminantia in ,a‘, aut in 
,e\ aut in ,o 4 latine sunt longa, quamvis multa in ,e‘ excipiuntur; sed maca- 
ronice sunt ad placitum, ut ,valde‘, ,longe\ ,retro 4 , ,ultra 4 , ,erga 4 et cetera. 
Sind das nicht aber lauter rein lateinische Worte? Wo kann da von einer 
ernstgemejnten Regulierung die Rede sein, wenri alles «macaronice ad pla- 
citum»? Und nach weiteren Einschrankungen sagt F. zumSchlufì: «Tamen 
de principio ad finem libri repperies me latinae poesiae et regulae summa 
cum diligentia adhaerere. Reliqua vero non bene tibi quadrantia aequo 
animo feras et haec bastabilia sunt quantum ad sillabarum macaronearum 
regulam.» Es diirfte doch kaum zweifelhaft sein, datò die ganze «Normula», 
deren «Regeln» Folengo selbst ja nicht im entferntesten respektiert, ein 
spottischer Scherz und eine nicht ubel gelungene Selbstsatire ist. Um aber 
ganz sicher zu gehen, geniigt es, den Tenor der tibrigen Teile der «prae- 
fatio» sich zu vergegenwàrtigen, um der «Normula» jegliche Ernsthaftigkeit 
abzusprechen. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922 . 30 



444 


CURT SIGMAR GUTKINL) 


ein intimeres Verstàndnis des Folengischen Arbeitsprozesses, ist es 
notwendig, einmal die verschiedenen in der Zeitsphare des Dichters 
erschienenen Ausgaben auf ihre gegenseitige Ubereinstimmung hin 
anzuschauen \ 

Wir sehen ab von der P-Ausgabe von 1517 ? die nur 17 Bùcher mit 
5000 Versen umfaBt, der ersten Jugendniederschrift des Bologneser 
Studenten Folengo; sie ist nur in ganz wenigen Exemplaren erhalten 
und dem Verfasser augenblicklich nicht zugànglich gewesen. Nach 
Luzios Urteil, des vorzuglichsten archivarischen Kenners Folengischer 
Dichtung, in einer Nota seiner Ausgabe Bd. II, S. 363 ist sie «poco 
più di un abbozzo di adolescente precoce. Ci dà i canti goliardici 
sbocciati a Bologna, tra la gaja baraonda universitaria; ritoccati dal 
Folengo, con segreto rimpianto delle sue scapestrerie studentesche, 
negli inizi della clausura monastica (? d. V.). Benché il volumetto 
contenga embrionalmente tutti i germi fecondi dell’ arte folenghiana. 
può nondimeno esser lasciato affatto in disparte. 

Zur Verfùgung stehen : 

T von 1521, 

C von 1533 (?) oder 39, 

VC von 1552 (Posthum). 

Alle drei enthalten Redaktionen von der Hand Folengos. Sie liefern 
gerade in den zwei Anfangsversen des ganzen Epos iiberaus deutliche 
Nichtiibereinstimmungen. Ihre zeitliche Distanz, je etwa zehn Jahre. 
gibt Spielraum genug, an Hand der Ànderungen, die Folengo selbst 
getroffen hat, die Richtigkeit unserer Erkundung und Einstellung zu 
bestàtigen. 

Schauen wir Vers 1 in T und C an. Beide besagen : 

Phantasia mihi quaedem phantastica venit 

Dieses quaedam ist flach und dùrftig, es gibt dem Vers keine 
Ausdrucksmòglichkeit der inneren Steigerung. Phantasia .... quaedam 
zerreifit gleich zu Anfang schon den heroischen Schwung des ein- 
leitenden Verses, beziehungsweise es hemmt ihn zu friih. Der Vers 
bleibt saftlos: wir haben dagegen gesehen, welche Wirkung die von 
Folengo in VC vorgenommene Korrektur «plus quam» erzielt. 

Vers 2 heifit in T : 

historiam Baldi grossi cantare Camoenis. 

Die Fruhredaktion T (in 25 Buchera) ist auch weitaus die schwàchste: 
«Baldi grossi» ist derb, aber kraftlos, weil der wirkliche szenische 


1 Siehe Anmerkung auf S. 439. 





DIE SPRACHE DES FOLENGO 


445 


Hintergrund noch fehlt. Das Bedurfnis, hier ein Vulgarwort pro- 
grammatisch auszuspielen, war bei dem Dichter schon damals vor- 
handen, aber der Wurf ging fehl und traf nicht ins Komische. Warum, 
so mufì man fragen, ist dieser Baldus, den noch niemand kennt, denn 
grossus? Als Held ist dieser Kerl damit in jeder Hinsicht von An- 
fang an verunmoglicht, und das Camoenis hangt bedeutungslos und 
beziehungslos in der Luft, einzig gehalten durch die klassische Re- 
miniszenz. Beide Anfangsverse sind nicht komisch und wurzig, weil 
das durch ein fahles quaedam geschwachte Phantasia — phantastica — 
historiam keinen Eckpfeiler und keine Krònung in einer besonders 
ausgestatteten Bedeutsamkeit der Camoenen findet. 

In C hat Cocai schon retuschiert: 

historiam Baldi grossis cantare Camoenis. 

Sein labor limae spiirte den Leerlauf des T-Verses und hat mit 
feinstem Vermogen durch die Anfiigung des dativischen s das grossi 
als grossis auf Camoenis bezogen. Damit bekam der Vers komische 
Bedeutung und sinnlich ausstrahlende Kraft. Aber «grossis» wurde 
wegen des Nebensinnes, den femina grossa eben hat, unpassend. Es 
kam ein Sinn in den Vers, der weit iiber das Ziel hinausschofi und 
Vorstellungen erwecken muBte, die keinerlei Beziehung hatten. Aufier- 
dem mufite die Schroffheit des Ausdrucks den wirklich komischen 
Eindruck zerreifien und als geschmacklos, liberstark-hybrid bedenklich 
abschwachen (wenn wir in Betracht ziehen, dafi es sich doch immer 
um die erhabenen Camoenen der Lateiner handelte). Darum anderte 
Folengo in V C mit selten gliicklichem Verbesserergriff das o in a 
um und erreichte so mit grassis ein Attribut, das von unmittelbar 
einleuchtender Komik und lebendigster Pragnanz ist. 

Wir haben Folengo mit diesen beiden Versen ein wenig ins Hand- 
werk gesehen. Seine Gliederung und Staffelung ist durchsichtig 
und klar. Die einzelnen Teile haben Beziehung, Vor- und Rtick- 
wirkung, Ausdehnung und Bestimmtheit : unerlafiliche Elemente eines 
wahrhaft komischen Stils. Die architektonische Disziplin in diesem 
ftir den Dichter doch zweifellos bedeutsamen Anfang ist streng. Das 
schlechthin HandwerksmaBige beim antiken Eposbau ist in ahnlicher 
Stetigkeit auch hier zu finden. Der komische Unterton oder Gesamt- 
ton des Ganzen darf uns nicht abhalten, die einzelnen Teile scharf 
zur Analyse zu sondern, im Gegenteil: die Ergrundung der Wesenheit 
des Stiles macht die Mikroskopie zur Pflicht, zur Notwendigkeit. 


30 * 


446 


CURI SIGMAR GUTKIND 


3. Zellenbau. 

Damit hat sich das Programm unserer ganzen Untersuchung auf- 
gedeckt: Der Versuch soli gemacht werden, tief hineinzudringen in 
die Zentrale der dichterischen Sprache des Folengo bis gar in den 
Kern jeder Wortzelle. Sie wird auf ihren Gehalt gepruft. Die Ver- 
bindung und Relation mit den vor- oder riickliegenden Worten wird 
hergestellt. Von dieser Zentralstellung aus das ganze Gebàu der 
ckiinstlichen Sprache» durchmustert. Das Ergebnis ausgewertet fur 
das Phànomen des Stiles iiberhaupt und gleichzeitig damit fiir das 
Wesen der Komik bei 'Folengo. Solite dieser Versuch gelingen, so 
muBten wir am Ende der ganzen Untersuchung in der Lage sein, 
eine grofiztigige Zeichnung der ganzen Stilphysiognomie zu ent- 
werfen. 

Von Voreinstellungen irgendwelcher Art frei, nur an Hand sachlich- 
methodischen Apparats, mag die Arbeit nun ihren Weg gehen. Wir 
wàhlen als ebenso charakteristisches wie kunstlerisch glanzvolles Stuck 
zur Untersuchung einen Teil der SchluBepisode des ganzen Epos im 
25. Buch, Vers 600 ff. Die Wahl gerade dieser Stelle ist rein will- 
kurlich und fakultativ, jede andere, gleichgultig welche Partie des 
ganzen Epos, gabe die gleichen Moglichkeiten der Ausdeutung an die 
Hand. Sie hat den rein technischen Vorteil fiir sich, dafi sie uns in 
ihrer gipfelnden Einmaligkeit und Besonderheit ohne Weiterung jeg- 
liche ausschweifende Einfiihrung erspart. Es ist die Episode, in der 
Merlino Cocai als buffonus seine Helden in den Kiirbis fiihrt und 
dort sitzen làfit: 

600 Post aliquod spatium, comparet machina grandis, 
grandilitas cuius montem superabat Olympi. 

Et quid erat moles tanta haec? erat una cococchia, 
sive vocas zuccam, seccam, busamque dedentrum, 
quae, quando tenerina fuit, mangiabili atque, 

605 certe omni mundo portuisset fare menestram. 

Ad latus ipsius, prò porta grande foramen 
panditur, hincve intrat buffonus, Baldus et altri. 

Stanza poetarum est, cantorum, astrologorum, 
qui fingunt, cantant, dovinant somnia genti, 

610 complevere libros follis vanisque novelli. 

Sed quales habeant poenas, audite, poetae; 




DIE SPRACHE DES FOLENGO 


447 


621 Zucca le vis, sbusata ,intus, similisque sonaio, 
in qua sicca sonant huc illue semina dentrum, 
astrologis merito, cantoribus atque poetis, 
est domus; ut, veluti petra iacta retornat abassum, 
ò25 utque focus per se supremum tendit, ad ignem, 
sic leve cum levibus meschientur, vanaque vanis. 

Stant ibi barberi, numero tres mille, periti, 
est quibus officium non dico radere barbas, 
sed de massellis dentes stirpare tenais, 

630 hisque per ognannum sua dat sallaria Pluto. 

Quisque poeta, uhi, seu cantor, sive strolecchus, 
barbero subiectus, ibi saepe oyme frequentai 
Barberus, dum complet opus, stat supra cadregam, 
atque rei testam tenet inter crura ficatam. 

635 Hic nunquam cessat nunc descalzare tremendis 
cum ferris dentes, nuuc extirpare tenais, 
unde infinitos audis simul ire cridores 
ad coelum, nunquamve opera cessatur ab ista. 

Quottidie quantas illi fecere bosias, 

640 quottidie tantos bisognat perdere dentes, 

qui quo plus streppantur ibi, plus denno nascunt. 

In unserer Untersuchung werden wir die ersten zehn Verse durch- 
sprechen. 

600 Post aliquod spatium comparet machina grandis 
grandilitas cuius montem superabat Olympi. 

Vers 600 ist an sich kaum auffallend : nur das vòllige Fehlen 
italienischer Worte und Wendungen kónnte in Erstaunen setzen. 
Zwar sind die letzten drei, sogar vier Worte auch im Italienischen 
mòglich: «compare una macchina grande», aber der Leser durfte 
nach den verseinleitenden lateinischen Worten kaum direkt auf eine 
vulgarsprachliche Lesung der drei (vier) letzten Worte verfallen. 
Schauen wir auf die vokalische Struktur: so uberrascht sicherlich, 
den Akzent jedes Wortes auf einenì a ruhen zu sehen, bei deutlicher 
Haufung desselben Vokals gegen Schluss des Verses. (Wir miissen 
uns dabei stets das prosodierende Hexameterlesen des Italieners vor 
Augen halten!) Lautphysiologisch ist der Vokal a Ausdruck des 
Staunens, Uberraschtseins. Wichtiger noch erscheint der innere 
Rhythmus des Verses : zwei Dakt}den durchschreiten in raschem 
Lauf das «aliquod spatium», zwei pregnante Spondeen «comparet» 
brechen den schnellen FluB mit heftiger Dàmmung : Zeit des Er- 


448 


CURT SIGMAR GUTKIND 


starrens und Aufsehens, Schauens und Bewufitwerdens ; ein neuer 
schallender Dactylus zeigt die Erregung iiber die «machina», und mit 
der breiten Sohle des «gran(dis)» betritt ein letzter Versfufi regel- 
mafiiger Bauart den Gipfel des ganzen Hexameterverses : Rhythmus, 
Vokalismus, Wortinhalt sind aufs einheitlichste verschmolzen : das 
grandis» thront in pràchtiger Betontheit. 

«Grandilitas» (mit dem prosodisch zu betonenden ersten i) nimmt 
gleich einem Echo die Lautwucht des grandis in der ersten, diesmal 
nur nebenbetonten Silbe auf. Aber das Wort selbst: es ist weder 
lateinisch noch italienisch. Es ist eine hybride Neuform — bei ent- 
fernter Analogie an mittelalterliche Neubildungen wie «praestabilitas, 
volubilitas» aus den Adjektiven praestabilis, volubilis» —, aber ohne 
innere Sprachgesetzmafiigkeit : im Bediirfnis, der Aufierordentlichkeit 
und Einzigartigkeit dieser Anschauungsgròfie sprachbegrifflich ent- 
gegenzukommen, erwàcbst dem Dichter aus dem vorliegenden «gran¬ 
dis» ein einmalig-neuartiges «grandilitas», das mit seltsam lateinischen 
Alluren auftritt und dadurch den Satzlaut im urspriinglichen, ge- 
hobenen Sinne aufs prachtigste weiterfiihrt. Dafi Folengo wirklich 
das Bediirfnis hatte, den Hall und Widerhall des «grandis» und «gran¬ 
dilitas» zu nutzen, dafi er gerade deshalb zu einem klangvoll hybriden 
Wort greift, erhellt ohne weiteres aus folgender Erwàgung: Vers- 
techniscb ebenso richtig, syntaktisch sogar einwandfreier, sprachlich 
(normativ) selbstverstandlicher ware folgende Diktion gewesen : «cuius 
grandilitas montem . . .»; also miissen es tiefere Griinde gewesen sein, 
die den Sprachkiinstler Cocai das «grandilitas» an den Versanfang 
und damit in unmittelbare Verbindung mit dem Schlufi des vergangenen 
Verses setzen liefien. Der Abgesang des Verses 601 ist klar und 
sauberlich lateinisch. 

Wir haben also das eigenartige Phànomen, dafi bei diesen zwei die 
wichtige Schlufiepisode des ganzen Epos anschaulich einleitenden Versen 
mit einer merkwiirdigen Ausnahme alle Worte dem Bereich derklassisch 
lateinischen Sprache angehoren. Horen wir, was der Dichter dazu 
sagt, und erinnern wir uns dabei der in § 2 gewonnenen Erkenntnisse 
seines maccheronischen Sprachstils! In der T von 1521 findet sich 
eine in Maccheronilatein geschriebene Prosaeinleitung «Merlini Cocaii 
Apologetica in sui excusationem» : «Hoc parlandi genus rusticanum 
rusticis* convenit. Parlatio vero minus grossa Tempestatibus maritimis, 
bellorum descriptionibus, et quibusvis rebus non rusticanis applicanda 
est. Si tamen in aliquibus locis succurrit loqui aut de Sanctis, in- 
dignum et vituperabile esset non uti latinitate aliqua, non tamen tam 
alta, quod videatur lapis preciosus limo sepultus, et gemma porcis 


DIE SPRACHE DES FOLENGO 


449 


anteposta. Ideo post Musarum macaronicarum suffragia quandoque 
Thaliam invocare libi condecet voluimus . . . Sed quoniam aliud ser¬ 
vandomi est in Eglogis, aliud in Elegiis, aliud in heroum gestis di- 
versimode necessarium est canere.» 

Es gilt dem nichts mehr hinzuzuftigen. 

602 Et quid erat moles tanta haec? erat una cococchia. 

Dem ersten, hupfend fragenden Daktylus folgen drei lastende, vokalisch 

schwer fundierte, trachtige Spondeen : breit das «moles», staunend das 
tant(a)^, aufgeregt das «haec». Der Gang der Phrase ist in hdchstem 
Mafie lebendig. Es ist gleichsam ein erstauntes langsames Naher- und 
Nahertreten : et quid erat . . . moles . . . tanta . . . haec»: Die 
Helden sind angelangt : polternd lòst sich die Erkenntnis daktylisch 
los: «erat una cococchia». Als letztes Wort des sonst rein klassisch 
lateinisch gestuften Verses erscheint ein Wort aus der niedersten 
mantuanisch-provinziellen Umgangssprache, mit dem neckischen «co- 
coc ...» dem lateinischen Geròll lustig sich entschwingend. Und was 
kann psychologisch einleuchtender sein, als dafi der Dichter an diesem 
Punkte dem Staunen im Mutterlaut der saftigsten Vulgàrsprache sich 
Luft machen lafit? Unverkennbar ist nunmehr die virtuose Absicht- 
lichkeit ? die sinnliche Methode dieses Sprachspiels, deutlich die prach- 
tige Abwagung des jeweils notwendigen Sprachbezirks. Es ist die 
lebendigste Mit tei punktst ellung , die zentralste Ver* 
mòglichkeit sinnlicher Gestal tungskraft, diedemDich-. 
ter die Sprachmittel, die Verlautbarungen seiner sinn- 
lich geschauten und erlebten Bi 1 dwirklichkeit an die 
Hand geben. 

603 sive vocas zuccam, seccam busamque dedentrum, 
quae, quando tenerina fuit, mangiabilis atque, 
certe omni mundo potuisset fare menestram. 

Vom «Olympus» herabgestiirzt, sind wir in den Niederungen der 
mantuanischen Bauerngarten angelangt. Schon aber scheint Folengo 
wieder aufwiirts zu stilisieren: «sive vocas zuccam». Zucca ist ge- 
mein-italienisch = Kiirbis: aber ein Wort ? geladen mit alien mòglichen 
Nebenbedeutungen aus der menschlichen Leibessphare bis zur zotischen 
Eindeutigkeit. (Es hat eine starke Symbolahnlichkeit mit dem im 
frànkischen Sprachbezirk heute noch lebendigen deutschen Dialektwort 
Schwelles».) Die ganze italienische komische Literatur vom Cecco 
Angiolieri iiber die blirgerlichen Florentiner des ausgehenden Tre¬ 
cento, iiber Burchiello, Iiber die Bernesken bis zu Marini 1 verwendet 

1 «Murtoleide» Fischiata 9 u. 13. 


450 


CURI SIGMAR GUTKIND 


«zucca» in unmitòverstandlicher Bedeutung. Lassen wir vorlaufig die 
sexuell verankerte Zwischenschicht aufier Betracht, so bleibt die eine 
oft wiederholte Bedeutung = Kopf mit herabwurdigendem Sinn. 
Wir ziehen auch jetzt noch nicht die Weiterungen aus dieser Er- 
kenntnis, begniigen uns hingegen, die Tatsache selbst festgelegt zu 
haben. 

Schuchtern heben zwei lateinische Worte den Vers 603 an ; sie sind 
sehr unbedeutsam, lassen gleichsam noch den Schwung der voran- 
gegangenen lateinischen Diktion, der an die Scholle des «cococchia; 
gebrandet war, verebben. Und nun ubersturzen sich Vulgarismen: 
«zucca, secca, busa (mant. = buca), tenerina, mangiabile.» Die paar 
beilàufigen lateinischen Worte «quae, quando, fuit, atque» dienen nur 
noch als syntaktische, lockere Gelenke. Die bauerliche Kleinwelt er- 
scheint. Busa , ein vieldeutiges und bis ins Obszòne belastetes Wort, 
tenerina, ein bei Kindern gebrauchter Ausdruck, mangiabile, ein reines 
Wort der italienischen koivìu 

Folgt Vers 605 mit seinem stolzen klassischen Latein und den ge- 
wichtig tuenden Spondeen. Wieder scheint alles in eine andere Sphare 
geriickt, die derjenigen von Vers 600 ff. mehr entspricht. Aber so 
recht will das alles sich nicht mehr fiigen. Das Berg und Tal 
der Diktion hat ruhige Betrachtung verunmoglicht. Und nun schlagt 
der vulgare Abschlufi des Verses alle Erhabenheitsstilisierung end- 
gliltig in die Winde. «Fare menestram» mit dem Dialekt-e statt 
des xoivij -i placiert das ganze Bild an den Horizont der maccheroni- 
schen Musen, die ihren Liebling durch ihre Maccaroni zum Leib- und 
Magendichter gemacht haben. («hic [im lacus maccaronicus] nracaro- 
nescam pescavi primior artem, hic me pancificum fecit Mafelina [eine 
seiner Musen] poetam [Baldus liber I, Vers 64—65]). «fare le mi¬ 
nestre heifit «Suppe austeilen», aber in ubertragener Bedeutung auch 
seine Hand im Spiele haben», «den Herrn spielen», «nach Belieben 
schalten und walten». Die symbolische Bedeutsamkeit wird binnen 
kurzem erhellen. 

Wir sind auf den Àckern der Komik, und zwar der grotesken Komik. 
Der gespreizte Kothurn der Sprache in den Versen 600—602 wird 
peinlich verlàcherlicht durch das Bild vom Kiirbis*, das Bild des Kiirbis 
erniedrigt durch die barfufiige Sprache der Verse 603—605 mit den 
abseitigen Attributen. Vers 605 erhebt jedoch das Ganze wieder in 
das Gefilde einer deutlich fiihlbaren, komischen Erhabenheit, die in 
polarem Gegensatz steht zu der heroischen Erhabenheit der Anfangs- 
verse 600 ff. Die Sichtkluft zwischen diesen beiden Polen ist eben 
das Groteske. Die Briicke der Verstandigung und Einfiigung bildet 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


451 


die maccheronische Sprache selbst. Sie enthàlt in sichdurch 
die fakultative Verwendung lateinischer, mundartlich- 
provinzieller und gemeinitalienischer Worte bei flexi- 
vischem und syntaktischem Ùb erwiegen des Lateins 
die Amalgamationsfermente zu dem Bild. Anschauung 
und Sprache stehen in unmittelbarer Wechselwirkung. 
(Als Bestatigung dafur gentigt es an und ftir sich schon, die fran- 
zòsische Prosaiibersetzung von 1606 oder die italienische des Landoni 
1819 [Milano] irgendwo auf ihre Wirkung nachzulesen.) 

Durch diese neuerliche Erkenntnis sind wir in der Betrachtung dieser 
kiinstlichen» Sprache ein gut Stiick vorangekommen. 

606 ad latus ipsius, prò porta grande foramen 

panditur, hincve intrat buffonus, Baldus et altri. 

Auch hier vollzieht sich der wichtige Akt des Eintritts im Parade- 
schritt lateinischer Phraseologie. Aber der Bildner Folengo ist listig 
und jeglichen Mifitrauens wiirdig : das scheinbar so glattlaufende Wort 
Toramen» gibt zu denken: «foramen» heifit fast stets im klassischen 
Latein «jede kleine Offnung, z. B. bei Livius operculi foramina: 
oder bei Horaz «tibia foramine pauco»; wie reimt sich also das <grande 
foramen»? Solite hier nur ein burleskes Wortspiel vorliegen? Auch 
das Italienische ist dieses Wortes nicht bar: bei Dante steht forame 
ebenso noch in der Bedeutung = kleines Loch , findet sich anderswo 
noch = kleine Mauerspalte ; heute ist es im lebendigen Sprachgebrauch 
ausgestorben : im wesentlichen ist hier der Wortsinn identisch mit dem 
lateinischen. Schauen wir weiter: das eng mit «foramen» verbundene 
«panditur» von 607 hat ebenso einen eigenen Sinn. Aus dem italie- 
nischen Sprachbereich stammt das Wort hier sicher nicht-, heute aus¬ 
gestorben, existierte es zur Zeit Folengos wenn iiberhaupt noch, dann 
nur in der abgezogenen Bedeutung «erklaren, darlegen». Die latei- 
nische Bedeutungssphàre : «agros pandere» (Verg.), rupem ferro 
pandere» (Liv.), dann wieder bei Vergil, dem klassischen Vorbild 
Folengos «portae panduntur« = Tore klaffen auf: weist also auf ein 
Klaffen, Rifi u. a. Da zunachst, bei der sonst ruhigen Diktion, kein 
Anlafi vorliegt in Vers 606/607 ftir ein so briiskes Offnen einer Tur, 
so muB ein anderes dahinterstecken. Nehmen wir nun unsere oben 
gewonnene Erkenntnis von der Wesenskongruénz von Anschauung 
und Sprache bei Cocai zu Hilfe, so ergibt sich eine iiberraschende 
Lòsung, die von einer anderen Seite her noch gestiitzt werden kann : 
wir miissen «grande» adverbial auffassen und zu «panditur» beziehen, 
eine Prozedur, die ja s)mtaktisch vòllig einwandfrei ist. Die Uber- 


452 


CURT SIGMAR GUTK1ND 


setzung hat also zu lauten: «Anstatt einer Tur klafft gewichtig auf, 
spreizt sich gewichtig ein Lòchelchen» mit einem (wie auch bei Vergilj 
medialen Bewegungsrhythmus. Dann steht auch foramen als Haupt- 
sache (wie 601 Olympi, 602 cococchia, 605 menestram) isoliert am 
VersschluB, entsprechend Folengischem Sprachgebrauch. Nun wird 
es auch wirklich, der zucca konform, ein erklecklicher Eingang. Denn 
mehr noch: 

Boerio gibt in seinem «Dizionario del dialetto veneziano» fur forame 
die Bedeutung = buso del c . . . . Damit ist gleichzeitig das «busa» 
von Vers 603 lokalisiert. Die «zucca», das Lieblingsemblem der gro- 
tesken Barockornamentisten, erhalt seine Tiefenbedeutung. Und mi 
nestra? Aus «Baldus» Buch VI, der ergòtzlichen Episode vom Kampf 
der zwei Bauernweiber miteinander, sei folgende aquivalente Stelle 
zitiert, die jede weitere Deutung erspart: 

320 Tandem perveniens ad quandam Berta masonem, 
altorium vocitat, vultque altram scandere sepem 
contextam stroppis salicum, plenamque rovidis. 

Utque salita fuit, propter saltare delaium, 
se se cum socca spinis gathiavit in illis • 

325 stantibus in susum pedibus vilupata remansit. 
fecit scoperto solem tenebrare quaderno, 
contraque naturam superavit luna maritum. 

Non stetit indarnum, sed caldani Laena conocchiam 
mersit in ecclypsim, qui iam scuraverat orbem. 

330 Quando focum sensit coxas bona donna brovantem, 
vieta dolore simul, fumantem supra menestram 
sopiat, atque altro mollat simul ore corezam, 
quae potuit vento roccam smorzare gaiardo. 

Deutlich wird nun der latente obszone Nebensinn und Untersinn der 
Verse 602 ff. Wir kònnten weitergehen: aber es wiirde den Rahmen 
dieser Arbeit sprengen, solite hier das Problem der Sexualsymbolik, 
auf das wir schon in § 1 einmal gestofien sind, in seiner ganzen folgen- 
schweren Bedeutsamkeit behandelt werden. Es soli hier nur fest- 
gestellt werden und zur Bereicherung des physiognomischen Bildes 
dienen. Wir sehen jetzt, wie die in Frege stehenden Worte einen 
richtigen Gesamtsitz. bekommen: Die groteske Anschauungs- 
kraft Folengos hat zur gleichen Zeit den passenden 
Ausdrucksbegriff gefafit. So nur wird in gegenseitiger Er- 
ganzung Anschauung und Sprache der wirklich maccheronischen Form 
— Einheit von Schau und Ausdruck im Doppeldeutigen bei schein- 


DIE SPRACHE DES FOLENGO 


453 


barer Diskrepanz im eindeutig Unmittelbaren — gewifi. Als schltis- 
siger philologischer Beweis sei dieselbe Stelle in der Fruhredaktion T 
dargeboten : 

Post curtum spatium retrovarunt denique zuccam, 
Grandilitate parem Montagnae Valcamoneghae 
Quae toti mundo potuisset fare manestram, 

Ad latus ipsius zuccae stat grande foramen, 

Per quod cum stulto Baldus comitesque subintrant. 

Unnòtig, tiber die geringere Wertigkeit dieser Verse gegenuber der 
spateren Redaktion ein Wort zu verlieren: weder ist das Anschau- 
liche klar geschichtet noch der sprachliche Bau adaquat: eins mufite 
eben das andere bedingen. Keine innere Bewegung ist vorhanden. 
Die «zucca» durch kein cococchia eingeleitet, ohne weitere Attribute und 
Beziehungen, kann zunachst nur in ihrem eigentlichen Sinne als 
Kiirbis : verstanden werden. Wir finden hier : «stat grande foramen» ; 
ein Widersinn, lòsbar nur wieder durch die Nebenbedeutung des 
«foramen» als obzòne Groteske. Der mangelnde Bewegungsrhythmus 
im Anschaulichen in all diesen fiinf Versen der T macht offenbar, dafi 
die bildliche Schau- und Vorstellungskraft ihrer selbst noch nicht ge- 
recht geworden ist und noch keine Anschauungseinheit gefunden hat. 
Daher naturgemafi auch die Flachheit der Diktion. Nun gilt es nur 
noch einmal zu vergleichen, wie ftinfzehn Jahre spàter der reife Folengo 
aufgeformt hat. Und mit erneuter Evidenz wird klar, wie 
innig Anschauung und Sprache einander verhaftetsind, 
wie ihr Quell aus gleichem, gemeinsamem Grund ent- 
springt: es ist ih re «mythische» Wurzeleinheit, die an 
der Oberflache als gleiche Unitat'sich darbietet in der 
Selbstverfctandlichjceit und Unabanderlichkeitdes 
maccheronischen Stils. 

Noch eines aus Vers 607 : der lat. «stultus» der T, ist dem «buf- 
fonus» gewichen. Die Welt der italienischen Komòdie tut sich auf. 
Und mehr noch: wir wissen, dafi Folengo in seiner Grammatik 
unter buffonus den komischen Dichter iiberhaupt versteht, d. h. dafi 
er selber der «buffonus» ist: groteske Eigenheroisierung, deren Wesens- 
merkmale wir bereits kennen. Dieser buffonus Folengo fiihrt seine 
Helden selbst in die «zucca» hinein. 

608 stanza poetarum est, cantorum, astrologorum, 
qui fingunt, cantant, dovinant somnia genti, 
complevere libros follis vanisqué novellis. 


454 


CURT SIGMAR GUTK1ND 


Breit thront an dieser grofiartigen Stelle das italienische Wort 
stanza» = Logis, Zimmer. Und doch heifit «stanza» auch Stanze = 
Strophe in acht wechselweis gereimten Versen, weiter gefafit = Dich- 
tung iiberhaupt. Alles beginnt sich durcheinanderzuschieben : rein 
anschaulich = Zimmer, zur gleichen Zeit wird aber die ganze Sicht 
als Ausgeburt der innewohnenden Dichter und Deuter stilisiert ; ein 
wahrer Gallimatthias von Anschaulichkeit : und doch nur scheinbar: 
denn diese Durcheinanderschiebung und Uberschneidung von Vor- 
stellungskomplexen, dieser groteske Wirbel von Bildern und Spharen 
ist erlebt; denn Folengo identifiziert sich ja, gehòrt als der buffonus 
Merlino Cocai zu den Dichtern, ist ja selbst der Dichter des Ganzen, 
der das Gebilde schafft, zunachst aus der Sichtdistanz heraus spricht 
und dann plòtzlich mit phantastischer Volte hineintritt in sein eigenes 
Bild die Sichtdistanz iiberspringend, und von dort aus antwortet : beide 
Stimmen treffen sich und hohnen einander, ein Bildschnittpunkt 
ist geschaffen, der ein groteskes X ist. Die Wahlverwandt- 
schaft mit dem Hieronymus Bosch wird manifest. 

Und was sagt Cocai von den drei Vertretern? 

609 qui fingunt, cantant, dovinant somnia genti. 

fingo bedeutet lateinisch «gestalten, erschaffen», 

italienisch nur «austiifteln, heucheln, sich verstellen». 

Canto bedeutet lateinisch «singen», 

italienisch auch schreien, làrmen, krahen, dudeln. 

Do vino : latein. divino = ahnen, prophezeihen, deuten ; 
ital. indovino = erraten. 

Jedes dieser drei Worte hat also im Lateinischen eine triftige und 
erhabene Bedeutung, im Italienischen daneben noch eine herab- 
gewurdigte und erniedrigte. Besonders deutlich und ^eweisschlussig 
wird dieses Uberkreuzspiel der Bedeutungen in den zwei Sprachen 
bei dem «dovinare». In dieser Form existiert das Wort nur hier. 
Es ist also eine eigenartige Kontamination aus indovinare und divinare : 
im Sprachbewufitsein des Dichters aber ein neues Wort, ein selb- 
standiges Wort mit selbstàndiger Bedeutung, die dem Sinne gema® 
eben die schillernde Mitte zwischen der erhabenen, pompòsen iateini- 
nischen und der undeutlich fahlen italienischen Bedeutung halt. Ein 
Sprachschnittpunkt also. 

Halten wir nun das Element, das wir oben als Bildschnittpunkt be- 
zeichneten, neben das hier als Sprachschnittpunkt bezeichnete, so 
kommen wir zu einem neuen SchluBresultat : 



DIE SPRACHE DES FOLENGO 


455 


Das formende Bewufitsein des Dichters steht zwischen heroisch- 
klassischer Anschauung und burlesk-vulgarer Anschauung in der Mitte. 

Das formende BewuStsein des Dichters steht zwischen klassisch- 
lateinischer Sprachgestaltung und vulgar-italienischer Sprachgestaltung 
in der Mitte. 

Fassen wir zum Schlusse nochmals alle gewonnenen Erkenntnisse 
zusammen, und vergegenwartigen wir uns dabei gleichzeitig die Biologie 
des ganzen Stils: 

I. Ein Darstellungsanreiz aus der Beobachtungssphare dringt in die 
Anschauung des Dichters. Er stofit zunachst auf die konventionelle 
Bildungsschicht im BewuBtseinskomplex. Alle Vorstellungen klassisch- 
konventioneller Art werden aufgefangen und von dem dort lagernden 
Sprachschatz absorbiert. Also Ivonventionalvorstellung = Konven- 
tionalausdruck im Sprachlichen. 

IL Darstellungsanreize von so elementarer Art dringen ein, dafi sie 
durch das Bildungsbewufitsein Folengos durchstofiend einmtinden in 
animalische Natur (die vollsaftìge Sinnlichkeit, die ungeschlachte 
bauerliche Brutalitat, die faunische Urlust, die dàmonisch aufgewuhlte 
Orgiastik). 

III. Darstellungsanreize — Formverwirklichungen : Dort, wo diese 
Darstellungsanreize die konventionelle Bildungsschicht des Latein zer- 
schlugen, an diesen Durchbruchsstellen treten die Depravationsphanomene 
des Lateinischen ein. Der Blitz der uberstarken Anregung zerschmilzt 
die Metallschicht des Latein, die niederrinnend auftrifft auf die von 
unten emporsteigenden sprachlichen Vulgàrsubstanzen : das Amal- 
gamationsprodukt dieser beiden Elemente lagert sich in einer Zwischen- 
schicht des Folengischen Bewufitseinkomplexes und wird verlautbart 
als der wahre stile maccheronico. 


CuRT SlGMAR GuTKIND. 



L’ accentazione 

degli allotropi italiani di base greca. 

Per quanto concerne Y accentazione dei nomi greci passati nella 
lingua latina, i grammatici antichi, tra i quali eccelle Quintiliano, for¬ 
mulavano con precisione la regola che essi nomi dovevano conservare 
V accentazione originaria qualora non fossero alterati per nulla nella 
loro composizione fono-morfologica, soggiacendo per contro alt im¬ 
pero delle leggi toniche latine quando risultassero comunque deformati 
in modo da perdere il loro aspetto esotico. Si pronunciava adunque 
Acarnàn, Mantùs, Or pili, Pallds , Al ledo, aéra, Titanós, Heléne, 
ma Lydia, Hélena f litànis e via dicendo. A questo proposito, fra 
le numerose testimonianze delle quali ho discusso particolarmente in 
altra occasione, mi basti citare come in sommo grado significativa 
quella di Servio 1 : «Sane Epiros graece profertur, unde etiam E 
habet accentum; nam si latinum esset Epirus , pi haberet [accentum], 
quia longa est.» 

Più aggrovigliata è la questione sull' accento delle parole di origine 
greca nelle lingue romanze in genere e nella nostra in ispecie. Senza, 
per il momento, propormi la soluzione deli" interessantissimo problema 
nella complessità delle sue manifestazioni, mi voglio ridurre a studiare 
la varietà tonica in un gruppo di allotropi 2 italiani derivati dal greco, 
di quelle coppie di vocaboli, cioè, i quali, comechè risalenti ad una base 
comune, si sono venuti sviluppando in più modi riuscendo ad esiti vari 
caratterizzati in generale dalP accento differente, non solo in contrade 
diverse, ma nella cerchia delle stesse mura, e distinti altresì nella co¬ 
scienza dei parlanti per il valore semantico divergente. Osserva il 
Canello relativamente appunto agli allotropi che la naturale tendenza 
di chi parla a schivare gli equivoci, deve aver spinto ad assegnare, per 
inconscio accordo, di due sensi che avesse la parola originale, Puno ad 


1 Ad Georg . I, 59. 

2 Così il Canello «Arch. glott.» Ili, p. 285, ha chiamato i doppioni © dit¬ 
tologie note solitamente in tedesco col nome di Doppelf ormen o Scheide¬ 
forme n e in francese con quello di doublets, doubles formes. Anche 
la denominazione polimorfie, prescelta da Adolfo Tobler, non dispiace. 




l’ accentazione degli allotropi italiani di base greca 


457 


una e P altro alP altra delle sue trasformazioni volgari’ x . Ma ciò 
forse non è completamente esatto; è risaputo infatti che i vocaboli 
nella loro vita restringono o allargano il loro significato perchè non 
riescono mai ad adeguare una determinata rappresentazione. Il che 
meno si scorge in chi parla, quando ogni parola prende un valore 
speciale nelP insieme delle altre parole e in relazione alP intenzione 
percepibile del discorso, ma invece è evidente ove si accostino per 
confronto i significati assunti da un medesimo vocabolo a distanza di 
secoli. Ciò non sfugge, chi, per esempio, traduca dal latino in italiano. 
In genere per ogni vocabolo latino si affaccia subito alla mente 
quello di suono corrispondente nella lingua nostra, ma il significato 
d’ ognuno è mutato sicché nasce una particolare difficoltà a trovare la 
voce che non tradisca il pensiero. Si vede adunque come il tempo lasci 
una traccia inalterabile anche nelle parole che, .sebbene costituite dalla 
stessa sostanza, si consumano nel quotidiano attrito dell uso. E co- 
testa constatazione è tanto più vera per gli allotropi. Infatti mentre 
Palterazione fonetica che hanno subito nasconde i reciproci loro rap¬ 
porti, favorisce altresì il singolarizzarsi di ciascun vocabolo e attenua la 
coscienza delP etimologia primitiva, sicché essi divergono dal significato 
o dai significati della base da cui furono attinti senza che avvenga 
ciò che suppone il Canello e cioè che uno assuma un senso e P altro 
P altro della base stessa. Qualche esempio sarà più opportuno di 
un lungo discorso. Da chartularius archivista si ha cartolaio , -ro 
chi vende carta o libri da scrivere; cartolavo -re libro di memorie e 
il riprovato cartolario , archivio 1 2 . Vediamo quindi che le due elabora¬ 
zioni diverse di una medesima base hanno sortito significati tra loro 
diversi: cartolavo e cartolaio ed entrambi con significato diverso dalla 
base chartularius . In quanto al riprovato cartolario archivio è parola 
dotta la quale, come ben vide il Canello, postulerebbe piuttosto un 
chartularium . Da cibaria commestibili si ha civaja legumi «con 
evoluzione ideologica caratteristica in rapporto alla dieta toscana», e 
civéra, civéa portantina, in origine portantina da cibi. Ed anche qui 
gli allotropi presentano significati diversi e divergenti entrambi dal 
vocabolo da cui derivano. 

Se non che il processo che ha generato i doppioni non è sempre 
spontaneo e sulla formazione loro non è da escludere P influenza delle 
persone colte. Riducendoci alla categoria di allotropi di fonte greca, 
certo è che il precetto oraziano: 

1 Op cit., p. 287. 

2 Tolgo questo esempio e il seguente dal Canello op. cit., p. 306, traendoli 
tuttavia *ad altra sentenza eh’ ei non tenne. 



458 


MASSIMO LENCHANTIN DE GUBERNATIS 


Et nova fictaque nuper habebunt verba fidem, si 
Graeco fonte cadent parce detorta, 

non rimase senza efficacia specialmente quando, in relazione alla 
cresciuta coltura, le nuove idee e le nuove invenzioni richiesero Y uso 
di parole nuove; sicché non ci dobbiamo meravigliare se nel linguag¬ 
gio tecnico si siano prima introdotti, venendo gradatamente assimilati 
dall' universalità dei parlanti, vocaboli che costituiscono quasi come un 
duplicato di altri che evolvendosi spontaneamente avevano subito tras¬ 
formazioni che ne mascheravano Y aspetto esteriore. 

Nelle coppie di allotropi che seguono, noi osserviamo che 1 uno as¬ 
sume T accento che gli spetta secondo la prosodia latina, quello cioè 
fissato in rapporto alla quantità della penultima, e Y altro Y accento deir 
originale greco. In generale si può affermare che Y accentazione 
greca è indizio di introduzione più recente del vocabolo relativo anche 
se non abbia impresso il carattere di parola dotta, ma di voce volgare l . 

àxaxia: acdcia la mimosa nilotica di Linneo, lat. acacia (Cels. VI, 
6; Plin/XX, 109), volg. cascia per *cacia , come cascio per cacio; 
gaggia P acacia farnesiana indigena nell’ ìsola di S. Domingo donde 
fu portata Y anno 1611 a Roma nel giardino del cardinale Farnese. 
In gaggia, oltre all’ aferesi che ricorre pure in cascia, troviamo, come 
al solito, il x greco protonico = lat. c reso con g 2 * '. Acdcia e gag¬ 
gia restarono per i parlanti come due nomi fra di loro distinti e si¬ 
gnificanti specie diverse. Il primo, ereditato dalla tradizione latina, si 
mantenne inalterato nella compagine fonetica nonché nell 'accentazione 
che è quella di parola acclimatatasi completamente nella lingua di 
Roma; il secondo costituì in origine un neologismo tratto dal greco 
per designare, in base ai caratteri esteriori, la nuova pianta, e nella 
propagazione orale, pur andando soggetta alle normali trasformazioni 
fonetiche, mantenne Y accento della base greca. 

aTtóu/^a: apóssima, apostema decotto di materie vegetali aroma¬ 
tiche, addolcito con miele o zucchero, lat. aposema (Theod. Prisc. Ili, 
8; Plin. Val. I, 6; II, 30): bozzima intriso di cruschello, d’untume 
e d’ acqua che i tessitori adoperano per ammorbidire i fili della tela 
perchè passino più facilmente per i licci e il pettine del telaio ; bósmina, 
bozzima nel Pataffio per "cottura 5 . Apostema, parola dotta, passò 

1 Gli allotropi qui studiati trovansi già raccolti nel Canello op. cit., 
p. 388 sgg. Naturalmente alle indicazioni date da lui, aggiungo quelle che 
assumono speciale importanza in rapporto al fine che mi sono proposto con 
lo studio presente. 

2 Meyer-Lubke, Italienische Grammatik, p. 103, della traduzione 

italiana. 



L' ACCENTAZIONE DEGLI ALLOTROPI ITALIANI DI BASE GRECA 459 

nel linguaggio tecnico dei tessitori e andò soggetta alla aferesi, poten¬ 
dosi la iniziale facilmente confondere con la vocale deir articolo. Il pas¬ 
saggio da apOBBima decotto a boBrinci cottura, cioè il cambiamento 
di significato da passivo in attivo non è insolito. In latino, per esem¬ 
pio, decoctio significa Y atto di cuocere e la stessa cosa cotta. Il paros- 
sitono boBBima è forse dovuto all 7 analogia con le nostre voci in -ina. 

yu&aQa : citerà, cétera , cetra, lat. cithàra (Lucr. II, 28) e chitarra. 
Cétera e, con la sincope della vocale mediana inaccentata, cetra con¬ 
tinuano la forma classica di cui mantengono V accento; chitarra ripro¬ 
duce invece, anche nell' accentazione, il greco Kittaga che entrò nell 7 uso 
con l 7 omonimo strumento apparso in Italia verso la fine del secolo XII 
e il principio del XIII. Chitarra talvolta si disse anche per cetra: cfr. 
Voc. Crusca s. v. Ma la confusione non deve far specie: anche in 
scrittori vicini a noi e in qualche dialetto si usa, per esempio, *clavi- 
cembalo c o ^cembalo* per 5 pianoforte c che sono due strumenti diversi. 

YMfrédQa : cattedra, cdtedra luogo elevato donde parlano i profes¬ 
sori, gli oratori e simili (lat. cathedra, Hor. sat . I, 10, 91) ; cadréga, 
sedia reale (usato dal Cecchi) con la metatesi di r e il mutamento 
del nesso -ir- in -dr-. Cadréga, caréga seggiolone, poltrona è d 7 ori¬ 
gine settentrionale. In Toscana non è spiegabile come succedaneo 
diretto di cathedra per ragione essenzialmente di -g-. Il suo centro 
di irradiazione è in special modo il Veneto h 

crcufavua 1 2 : epifania, pifania, befania la festa dell’ apparizione, 
lat. epiplianla: (Amm. XXI, 2, 4; cod. Inst. Ili, 12, 2); befana fantoccio 
di cenci che si portava attorno la vigilia della epifania, ed essere 
fantastico in forma di vecchia. In befdna si ha il mutamento di p in 
b normale dopo aferesi e invece di -ia finale si ha -a. Epifania o 
con aferesi pifania o con il mutamento regolare della consonante e 
della vocale iniziale befania è accentato alla latina; in befdna invece 
ricorre l 7 accento greco. 

jActvla: smania brama ardente, eccessiva agitazione prodotta da 
causa fisica o morale (lat. manìa Cael. Ili, 12, 107) : mania esalta¬ 
zione morbosa della mente. In smania da notare la prostesi di s. 
Mania è di origine dotta e evidentemente fu introdotto nel linguaggio 
tecnico della medicina. 

deanóz^g: dèspota, principe che governa come padrone assoluto e 

1 Cfr. Bertoni, Italia dialettale, p. 25. [Non si dimentichi 1' influsso 
di quadriga. G. B.J 

2 Cotesta e non, come voleva il Canello op. cit., p. 889, hnyaviu è la base 
greca di epifania e befana. Partendo da Inufavta non si potrebbe spiegare 
r accento di befdna. 

Archivum Romanicum. —- Voi. VI. — 1922. 


31 



460 


MASSIMO LENCHANT1N DE GUBERNATIS 


chi si diporta con prepotenza nell' esercitare la propria‘autorità* de- 
spóto titolo dei governanti vassalli dell’ impero bizantino e poi del 
turco. Che despóto fosse accentato sulla penultima 1 è, se non pro¬ 
prio sicuro, assai verosimile, trattandosi di titolo che prese ad essere 
noto con Y istituzione del funzionario greco omonimo. 

avfÀCftùvia : sampogna, zampogna, lat. symphonia (Cic. Verr. II, 3, 
44*, 105); sinfonia concerto di più voci o strumenti, pezzo stru¬ 
mentale che fa da preludio all’ opere musicali. Sinfonia sembra, non 
occorre dire perchè, d’introduzione recente. 

XoleQct: còllera ira improvvisa, lat. cholera (Cels. II, 13; IV, 11; 
Plin. XXIV, 73) ; colèra male epidemico. ’Nell’ uso ordinario', os¬ 
serva il Tommaseo Diz . il. s. v. c gP Italiani dicono collera non cholera 
anco il morbo violento così chiamato .... e la distinzione tra esso e 
la collera è fatta dal genere diverso’. Dai medici dei tempi andati 
picevasi colera, voce riproducete il lat. cholera , una specie di colica 
biliosa accompagnata da vomito, contrazioni e altri gravi sconcerti. 
È evidente che, data la somiglianza degli effetti, colera e colèra 
erano mali che potevano andar confusi ; V omofonia colera e collera 
è poi tanto grande che non è singolare non venissero distinti volgar¬ 
mente. Ai tempi nostri, anche a causa della cresciuta cultura gene¬ 
rale, la differenza tra còllera e colèra è osservata. Il termine scien¬ 
tifico recente colèra, come si vede, mantiene V accento originale 2 . 

Quindi riguardo alla accentazione nelle coppie di allotropi di base 
greca, ci è lecito pervenire alle seguenti conclusioni: 

1. Sono accentati alla latina i vocaboli che avevano già la citta¬ 
dinanza romana e che Y italiano ereditò dal latino. Tali acacia (lat. 
acacia ), apòzzema (lat. apozlma ), cétera, cetra (lat. cithàra), cat¬ 
tedra (lat. cathedra), epifania , befania (lat. epiphama ), smània (lat. 
manìa), despota (lat. med. despota?), sampogna, zampogna (lat. 
symphonia), còllera (lat. cholera). 

2. Sono accentati secondo Y accento originale : a) i vocaboli entrati 
in uso nell’ età medievale o moderna, cioè quelli non passati nella 
lingua nostra per il tramite del latino ancor vivo, ma direttamente 
desunti dal greco medio o moderno; b) i termini introdotti dagli eru¬ 
diti che li toglievano quasi sempre dal greco antico. Alla prima di 


1 Tale accentazione è postulata dal Canello op. cit., p, 389, mentre i di¬ 
zionari più autorevoli danno déspoto. 

2 Epitema e epittima, pittima non sono allotropi come crede il Canello 
op. cit., p. 392, ma omofonie: epitèma infatti risale a tm'Orjua, ciò che è 
sovrapposto, coperchio; epittima e con l’aferesi pittima deriva per contro 

compressa. • 




l’ accentazione degli allotropi italiani di base greca 461 

coteste classi, caratterizzata dall’ evoluzione fonetica spontanea, appar¬ 
tengono gaggia (à'/MvJa) nome della pianta importata nel 1600; bòz¬ 
zima (anóief-ia) voce in uso tra i tessitori, chitdrra (vtidccQcc) stru¬ 
mento ’ introdotto forse dall’ Oriente verso la fine del secolo XII, de 
spóto ( Ó£07tózrjg ), cadvéga, caréga (xafo'dga), befdna (èmcpàveta) in 
opposizione a befania accentato alla latina (epiphama). Nella se¬ 
conda categoria che ha per carattere distintivo la conservazione dei 
tratti fonetici originali rientrano: mania (fiavia), sinfonia (aijucfcovla), 
colèra (yyoléQa). 

Tali risultati discordano in parte dalle regole che il Meyer-Liibke 
ha determinato per le voci greche dell’italiano 1 . Egli, fatta distin¬ 
zione tra le parole penetrate nel latino dal greco antico e quelle che 
1 ; italiano tolse immediatamente dal greco medio e moderno, stabilisce 
per regola generale che le voci del greco antico non ossitone 
passate nel latino «vi conservano il loro accento anche quando le 
regole dell’ accentazione latina non lo permetterebbero in voci indigene 
di condizioni analoghe» 2 : il che per altro non si avvera nelle poli- 
morfìe sopra esaminate. Abbiamo infatti constatato che nelle voci 
entrate nel latino dal greco antico V accento è regolato 
dalle leggi della accentazione latina, nè ciò riesce singolare, chi 
pensi che, come osserva giudiziosamente L. Valmaggi, «non è la par¬ 
lata del volgo ma si bene quella dei dotti la più proclive ad adottare 
forme forestiere; il volgo quando accoglie vocaboli stranieri li rifoggia 
e specialmente li accentua secondo Y indole della sua propria lingua» 3 . 
Tuttavia il Meyer-Liibke intravvedeva la verità osservando che gli 
imprestiti più antichi sono accentati alla latina ( talentimi da zaXavvov), 
non meno dei vocaboli dotti ( abyssus afivooog) 4 . Per contro esatto 
risulta quanto il Meyer-Liibke stesso dice relativamente alle voci en¬ 
trate per via diretta in italiano dal greco medio e dal moderno le 
quali conservano tutte il loro accento originale 5 . 

Massimo Lenchantin de Gubernatis. 


1 Grammatica italiana , p. 84, Grammatik der romanischen Sprachen 
1 p. 85 della traduzione francese. 

2 Grammatica italiana , p. 84. 

3 «Riv. di fil.. XXXVIII T1910), p. 63. 

4 Per altro è anche attestata l 1 accentazione abyssus : cfr. eod. Beni . 83 
An. Helv.% p. 176, 35sgg.; similiter (cioè come Sàffirus, Epìrus si accen¬ 
tano) abyssus, bdptisma , quorum paenultima positione cognoscitur esse 
longa: sed acuitur antepaenultima . . 

5 Nei doppioni, di cui sopra, disgraziatamente mancano quelli risalenti a 
base ossitona che sarebbero stati utilissimi per saggiare su di essi le regole 
che il Meyer-Liibke ha esposto riguardo agli ossitoni entrati in italiano 
per via mediata et! immediata. 


31 * 




VARIETÀ E ANEDDOTI. 


Il «Polemii Silvii Laterculus». 

Nei ' Monumenta Germaniae historica; Auctores antiquissimi IX, 
Chron. minores /.» 1892, trovasi pubblicato un interessantissimo 
documento dal titolo « Polemii Silvii Laterculus » in cui fra i vari 
argomenti trattati, figura (art. Ili, pp. 543—544) un elenco di 487 
nomi di animali. 

Il Mommsen, al quale si deve la pubblicazione (in un primo tempo 
in: Abhandlungen der Philologisch-historischen Klasse der K. Sachs. 
Gesellschaft der Wissenschaften, Leipzig, T. II 1857, p. 233—278, 
di poi in: Monum. Germaniae, sopra citat.) del prezioso documento 
(manoscritto del XII secolo, attualmente conservato nella Biblioteca 
di Bruxelles) à potuto dimostrare ' che il Laterculus deve essere stato 
redatto nel 449, giacché Y autore : Silvius Polemius, di cui solo si sa 
che visse in Gallia, lo aveva dedicato ad Eucherio, vescovo di Lione 
morto il 10 novembre 450. La stampa, curata con ogni più meticolosa 
attenzione, dell’ elenco degli animali incluso nel Laterculus è ac¬ 
compagnata dalle seguenti parole del Mommsen: «Questi elenchi sono 
così al di fuori della cerchia dei miei studi che mi sono semplicemente 
limitato a riprodurre il testo con tutte le sue inesattezze, giacché è 
possibile che qualche lessicografo o qualche illustratore di Plinio ne 
possa trarre vantaggio (Abhand. 1857, p. 238)». 

L’ipotesi del Mommsen si è, almeno in parte, già avverata, chè in¬ 
fatti assai di recente alcuni filologi 1 si sono occupati degli elenchi di 
animali contenuti nel Laterculus di Silvius Polemius, ma, conT era 
naturale, dal punto di vista prevalentemente linguistico; pressoché, 
nulla invece è stato compiuto nel campo prettamente zoologico, in 

1 Thomas, A., Le laterculus de Polemius Silvius et le vocabulaire 
zoologique roman. Romania. T. XXXV, 1906, p. 161—197. 

Schuchardt, H., Zu den Fischnamen des Polemius Silvius. Zeitschr. 
f. rom. Philologie. Bd. XXX, 1906, p. 712-732. 

Jud, J., Les noms des Poissos du Lac Léman. Bulletin du Glossaire 
des Patois de la Suisse Romande. XI Ann. 1912. p. 2—38. 



IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


463 - 


quanto che 1' unico autore che li ricordi è, per quanto ò potuto vedere, 
il Keller \ soltanto però incidentalmente sparsamente e parzialmente 
a proposito di alcune specie animali da lui illustrate, senza darne uno 
studio completo, ma semplicemente, come appare manifesto, sulla sola 
base dei lavori del Schuchardt. 

La mancanza quindi di uno studio esauriente dal punto di vista 
zoologico del Laterculus e la quasi completa dimenticanza da parte 
degli storici della zoologia di un documento pur così interessante, 
dimenticanza del resto facilmente spiegabile qualora si pensi che il 
Laterculus è pubblicato in una collezione, che pur essendo d' impor¬ 
tanza capitale è per il suo contenuto strettamente storico del tutto 
al di fuori delle opere abitualmente consultate dagli studiosi della 
storia della zoologia, mi anno invogliato a tentare un' analisi completa 
degli elenchi degli animali di Polemius Silvius, parendomi che essi 
presentino dal punto di vista della storia della zoologia un interesse 
grandissimo, giacché per essere stato sicuramente redatto nel quinto 
secolo il Laterculus costituisce uno dei documenti zoologici più antichi 
noti di tutto il medio evo e quindi serve sia ad illuminarci sulle cono¬ 
scenze zoologiche che sia avevano in quei tempi, sia a fornirci alcuni 
preziosi elementi e per la storia dei molti bestiari apparsi in gran 
numero e sparsamente durante tutto il medio evo, e principalmente 
per la ricerca delle fonti del Physiologus sopra tutto nelle sue re¬ 
dazioni nordiche. 

Il compito era, ne convengo subito, molto arduo, perchè presup¬ 
poneva oltre ad un’ estesa conoscenza della nomenclatura zoologica 
antica e moderna, un corredo di conoscenze linguistiche e delle leggi 
che governano la filologia eh' io non potevo possedere 1 2 , consequente- 
mente le interpretazioni di certe voci eh' io propongo dovranno essere 
vagliate e rivedute in base a questi ultimi criteri ed eventualmente 
potranno anche non essere del tutto accolte; ciò nulla di meno io 
spero che questo mio tentativo non sia del tutto inutile e che possa 
sopra tutto servire a richiamare Y attenzione degli studiosi su di 
un testo veramente prezioso e rimasto invece pressoché totalmente 
ignorato. 

* * 

* 

1 Keller, O., Die antikejTierwelt. Leipzig 1909—1913. 

2 A questo proposito mi è gradito dovere ringraziare i Proff. Giulio 
Bertoni e Benvenuto Terracini della R. Università di Torino, i quali mi 
anno cortesemente fornite alcune indicazioni bibliografiche ed alcuni chiari¬ 
menti a me utilissimi. 


464 


EDOARDO ZAVATTARI 


L’ elenco degli animali contenuto nel Laterculus è partito, come 
risulta dalla edizione del Mommsen, in sei sezioni e cioè: Nomina 
cnnctarum (sic) spirancinm atque quadrupedum in numero di 108, 
et volucrum in numero di 131, Item eorum que se non movencium 
in numero di 12 Item colubrarum in numero di 26, Nomina in - 
sectornm sive reptancium in numero di 62, Item natancium in numero 
di 148, in tutto quindi 487 voci; va tuttavia subito rilevato che non 
si tratta effettivamente di 487 animali differenti, poiché .alcune voci 
sono ripetute due volte sia nella stessa forma come: elefans, strixf 
pietea, scarus , sia con due o più dizioni diverse come : biber (per beber 
forma germanica) e feber (per fiber forma latina) per il castoro ecc., 
mentre d’ altra parte sono anche intercalati fra i nomi di animali 
reali, nomi di animali immaginari e favolosi e vocaboli che non ànno 
alcun vero significato zoologico. 

Rimettendo a più innanzi qualche osservazione generale sui rag¬ 
gruppamenti delle voci elencate, sull’ uso di nomi differenti per indi¬ 
care uno stesso animale o voci uguali per indicarne due diversi, sulle 
interposizioni di alcuni animali in certi raggruppamenti mentre logi¬ 
camente avrebbero dovuto essere collocati in altri, dirò per ora soltanto 
del criterio usato nel redigere 1’ elenco che segue, e nel tentare Y espli¬ 
cazione delle voci citate da Polemius Silvius . 

Scientificamente sarebbe stato più corretto elencare gli animali citati 
secondo V ordine sistematico, ma ciò avrebbe creata in ultima analisi 
un’ inutile confusione ed una notevole difficoltà nel litrovare le voci 
negli elenchi dell’ antico autore, perciò ò conservato Y ordinamento 
primitivo numerando le voci progressivamente; un indice alfabetico 
posto in fine permetterà facilmente di ritrovare la voce che si desi¬ 
dera raffrontare. Accolto questo principio, ò adottato il sistema 
seguente : 

Nella prima colonna stanno i nomi di Polemius Silvius, nella se¬ 
conda le voci che costituiscono la fonte presumibile di detti nomi 
o quelle altre voci che possono servire ad illustrare Y origine della 
terminologia usata dall’ autore, nella terza la corrispondente termino¬ 
logia moderna ; per Y uso di quest’ ultima ò creduto conveniente se¬ 
guire due criteri differenti: nei casi in cui la primitiva nomenclatura 
ilnneana corrisponde anche graficamente a quella antica ò conservata 
la dizione di Linneo anche se attualmente non è più in vigore, perchè 
con questo metodo appare subito evidente la consonanza fra i due 
autori, nei casi invece in cui non era possibile una tale corrispondenza 
ò adottata la nomenclatura zoologica moderna senza però ingombrarla 
di un’ inutile sinonimia, aggiungendo per quei nomi antichi che se 



IL « PO LEM II SILV1I LATERCULUS > 


4Ó5 


non trovano corrispondenza di grafia con la terminologia scientifica 
moderna la presentano invece con qualche lingua o dialetto moderno, 
anche la nomenclatura volgare. 


* 


* 


Nomina cunctarum (sic) spirancium atque quadrupedum. 


, 5 

Elefans 

elephas PI. 1 

Elephas L . 1 

2 

tauro 

taurus PI. 

Bos taurus L. 

3 

cameloparda 

camelopardalis PI. 

Camelopardalis L. 

4 

orix 

oryx PI. 

Antilope oryx L. 

6 

camelus 

camelus PI. 

Camelus L . 

7 

asinus 

asinus PI. 

Equus asinus L. 

8 

lupus cervarius 

lupus cervarius PI. 

Felis lynx L. 

9 

theus 

thos PI. 

Canis aureus L. 

10 

igneumon 

ichneumon PI. 

Viverra ichneu¬ 




mon L. 

11 

aris 

aries PI. 

Ovis aries L. 

12 

canis 

canis PI. 

Canis L . 

13 

lus 

luhs, vecchio te¬ 

Felis lynx L. 



desco 


14 

capra 

capra PI. 

Capra L . 

15 

oves 

ovis PI. 

Ovis L . 

16 

pardus 

pardus PI. 

Felis pardus L. 

17 

lupus 

lupus PI. 

Canis lupus L. 

18 

ursus 

ursus PI. 

Ursus L. 

19 

lacerta 

lacerta PI. 

Lacerta L. 

20 

lacrimusa 

lagramuso, proven- 

La certa muralis L . 


zale 


1 L’ edizione di Plinio (indicato sempre con PI.) usata è la seguente: 
Historia mundi naturalis C. Plinii secundi ecc. in libros XXXVII distribuita 
ecc. Sigismundi Feyerabenii. Francoforti ad Moenum MDLXXXII. 

L’ edizione di Linneo (indicato sempre con L.) è la seguente: Caroli 
A. Linné Systema Naturae ecc. Editio decimatertia aucta, reformata a 
cura Jo. Frid. Gmelin. Lugduni 1789. E’ stata usata questa edizione benché 
non sia quella accolta secondo le ultime regole internazionali di nomenclatura 
zoologica, perchè è accompagnata da un utilissimo indice delle voci volgari 
degli animali e da altre indicazioni preziose per uno studio come il presente. 
Delle altre opere antiche non ò creduto necessario riportare indicazioni biblio¬ 
grafiche, esse sono note a tutti gli studiosi di storia della zoologia e quindi 
il loro elenco sarebbe stato inutile c solamente ingombrante. 


466 EDOARDO ZAVATTARI 

Comunemente in tutta la Provenza si chiama con lagra- 
muso la Lacerta muralis, tuttavia in qualche regione 
pure della Provenza con lagramuso si indica anche la 
raganella (Hyla arborea L.) 1 . 


21 

adis 

corruzione di ach- 
lis PI. 

Cervus alces L. 

22 

bannachus 

bonasus PI. 

Bos bonasus L. 

23 

leontofanio 

leontophonos PI. 

Animale favoloso. 

24 

scincus 

scincus PI. 

Lacerta scincus L. 

25 

parander 

tarandus PI. 

Cervus tarandus L. 

26 

vultur 

vultur PI. 

Vultur L. 

27 

moneocron 

monoceros PI. 

Animale favoloso. 


con monoceros 

gli antichi indicavano anche il rinoceronte 


(Rhinoceros 

milazione. 

unicornis L.) quindi 

incerta resta Y assi- 

28 

oxurincus 

trascrizione evi¬ 

dente di òSvqqvv- 
Xog 

Oxyrhynchus Gesn. 

29 

rinoceron 

rhinoceros PI. 

Rhinoceros L . 

30 

corocatta 

corocotta PI. 

Animale favoloso. 

31 

leucocruta 

leucrocuta PI. 

Animale favoloso. 
(Hyaena crocu- 
ta L.\ 

32 

manti cora 

manthicora PI. 

Animale favoloso. 

33 

ticris 

tigris PI. 

Felis tigris L. 

34 

leo 

leo PI. 

Felis leo L. 

35 

leopardus 

leopardus PI. 

Felis pardus L. 

36 

biber 

beber, forma ger¬ 
manica di fiber 

Castor fiber L. 

37 

visons 

vison, vecchio te¬ 
desco 

Bison bonasus L. 

38 

urus 

urus PI. 

Bos urus L . 

39 

bos 

bos PI. 

Bos L. 

40 

bubalus 

bubalus PI. 

Bubalis boselaphus 
Pali . 

41 

eocle 

eale PI. 

- Animale favoloso. 

42 

uena 

hyaena PI. 

Canis hyaena L. 


1 Réguis, J. M. F. Essai sur THistoire naturelle des Vertébrés de la 
Provence. Marseille 1882, p. 379. 




IL «POLEMII SILVII LATERCULUS 


467 


43 

eleia 

trascrizione di eidos 

Eliomys Wag . 

44 

licaon 

lycaon PI. 

Canis lycaon L. 

45 

buteo 

buteo PI. 

Falco buteo L . 

46 

epileus 

trascrizione di em- 
laig 

Uccelli passeracei. 

47 

onacer 

onager PI. 

Equus onager L. 

48 

platacervus 

platiceros cervus PI. 

Cervus dama L. 

49 

cervus 

cervus PI. 

£ervus L. 

50 

tragelafus 

tragelaphus PI. 

Cervus elaphus L. 

51 

damma 

dama PI. 

Antilope dama L. 

52 

addax 

addax PI. 

Addax nasomacu¬ 
lata Blain . 

53 

dorcas 

dorcas PI. 

Antilope dorcas L. 

54 

tabla 

corruzione di 
talpa (?) 

? 

55 

feber 

fiber PI. 

Castor fiber L . 

56 

ludra 

lutra PI. 

Mustela lutra L . 

57 

linx 

lynx PI. 

Felis lynx L. 

58 

caus 

chaus PI. 

Felis chaus L . (?) 

59 

muscus 

trascrizione di 
fAÓO%OS 

Castor fiber A. 

60 

ceppus 

cephus PI. 

Animale favoloso. 


qualche autore 

à creduto ravvisare 

in cephus il gorilla, 


è assimilazione però estremamente dubbiosa. 

61 

ipotamus 

hippopotamus PI. 

Hippopotamus L. 

62 

mirmicoleo 

trascrizione di f.ioq~ 

Myrmecoleon 

• 


jHì]%oleojv 

Burnì. 


voce antichissima e che risponde 

piuttosto ad un ani- 


male immaginario che non all* insetto: Myrmecoleon, 
formicaleone. 

63 

sus 

sus PI. 

Sus L. 

64 

mula 

mula-mulus PI. 

Equus mulus L. 

65 

sfinx 

sphinx PI. 

Cercopithecus 

Erxl. 


sphinx indicava pure animali favolosi, quindi è difficile 
una sicura assimilazione. 

66 

simius 

simia PI. 

Macacus inuus L . 

67 

cercopiticus 

cercopithecus PI. 

Cercopithecus 


Erxl. 


s 

68 

69 

70 

71 

72 

73 

74 

75 

76 

77 

78 

79 

80 

81 

82 

83 

84 

85 


EDOARDO ZAVATTARI 


callitrix 

callithrix PI. 

Colobus guereza 
Rupp. 

satiriscus 

satyrus PI. 

Anthropopithecus 
troglod\^tes L .’ 

mustelopardus 

mustela pardus PI. 

Genetta genetta L . 

arpe 

harpa PI. 

Gypaétus barba- 
tus L . 

gali us é 

gallus PI. 

Gallus L . 

pantagatus 

trascrizione di nar- 
rayad'og 

Uccello favoloso. 

ibix 

ibex PI. 

Capra ibex L. 

'camox 

camoz ; camous, 

Rupicapra tragus 


provenzale 

Gray , camoscio. 

mussimus 

musmon PI. 

Ovis musimon 
Sdirei). 

sindrix, sincirix 

— 

— 

mufron 

muifleron, vecchio 

Ovis musimon 


francese; mufflo- 
ne, italiano mod. 

Sdirei). 

histrix 

histrix PI. 

Histrix L . 

taxo 

thahs, antico te¬ 
desco 

Meles taxus Bodd. 

irioius 

hirriosus canis, 

Canis L. 


basso latino (?) 


cattus 

cattus, basso latino 

Felis catus L . 

arcomus 

trascrizione di ag- 
ytófivg 

Meles taxus Bodd . 

arcoleon 


v> 


trascrizione di aQxog + lécov arcoleontes. (Confr. Thes, 
ling. lat. II, p. 47). 

furmellaris fur + mellaris Ursus arctos L. 

è possibile spiegare la voce furmellaris nel modo sopra¬ 
citato, sopra tutto quando si ricordi che gli antichi 
autori non dimenticavano mai quando parlavano del- 
T orso di accennare al fatto che esso è un vorace ri¬ 
cercatore di favi (mellarium), tantoché molte delle 
figurazioni antiche dell’ orso lo rappresentano appunto 
intento alla distruzione dei favi. 


mus mustela 


mustela PI. 


Mustela L. 



IL 4P0LEMU SILVI! LATERCULUS 


469 


87 mus montanis mus alpinus PI. Arctomys marmo- 

ta L. 


assimilazione molto incerta. (Confr. Thomas, op. git. 
p. 184.) 


88 

mus eraneus 

mus araneus £1. 

Sorex araneus Z. 

89 

talpa 

talpa PI. 

Talpa Z. 

90 

darpus 

darbo, celtico 

Talpa Z. 

91 

scirus 

sciurus PI. 

Sciurus Z. 

92 

glir 

glis PI. 

Myoxus glis Z. 

93 

vulpis 

vulpes PI. 

Canis vulpes Z. 

94 

cuniculus 

cuniculus PI. 

Lepus cuniculus Z. 

95 

lepus 

lepus PI. 

Lepus Z. 

96 

furo 

furo, provenzale 

Mustela furo Z. 

97 

fungalis 

— 

— 

98 

noctua 

noctule, antico fran¬ 
cese (?) 

Vesperugo noc- 
tula Z. (?). 


gli antichi, 

compreso Plinio, con 

noctua indicavano la 


civetta ; 

data la collocazione della voce noctua fra i 


quadrupedi si può pensare che 

qui si alluda ai pipi- 


strelli e 
francese. 

che essa corrisponda a 

i noctule dell’ antico 

99 

nerdis 

trascrizione di 

VÉQTOQ (?) 

Uccello. 

100 

cacobleta 

catoblepas PI. 

Connochaetes gnu 
Zinn . 

101 

rana 

rana PI. 

Rana Z. 

102 

rupicaper 

rupicapra PI. 

Rupicapra tragus 
Gray. 

103 

terspicerus 

strepsiceros PI. 

Addax nasoma¬ 
culata Blam . 

104 

nitela 

nitela PI. 

Myoxus nitela Z. 

105 

pilargis 

pygargus PI. 

Antilope pygargaZ 

106 

dasipes 

dasypus PI. 

Lepus Z. 

107 

furmica 

formica PI. 

Formica Z. 

108 

engistrus 

et volucrum 


109 

finix 

phoenix PI. 

uccello favoloso. 

110 

struchio 

struthio-camelus PI. 

Struthio camelus L. 


470 

EDOARDO ZAVATTARI 


111 

aquila 

aquila PI. 

Aquila Briss. 

112 

trogopan 

tragopan PI. 

Uccello favoloso. 

113 

fenicopter 

phoeriicopterus PI. 

Phoenicopterus ro- 
seus Pali. 

114 

cinamullis 

cinnamolgus PI. 

Uccello favoloso. 

115 

siptachus 

psittacus PI. 

Psittacus L . 

116 

melancorifus 

melancoriphus PI. 

Parus palustris L. 

117 

orsifragis 

ossifraga PI. 

Gypaetus bàrba- 
tus L . 

118 

nession 

trascrizione di vrjv- 
za , vfjooa 

Anas boscas L. 

119 

eumorfus 

trascrizione di év- 
poQcpog 

? 

120 

alietus 

haliaètus PI. 

Falco haliaètus L. 

121 

accipiter 

accipiter PI. 

Accipiter Briss. 

122 

hercinia 


? 


trasposizione 

per indicare un uccello innominato che 


Plinio dice vivente «in Hercynio Germaniae sai tu- 


(L. X. Cap. XLVII, p. 152, 1*. 57). 

123 

galgulis 

galgulus PI. 

Oriolus galbula L .? 

124 

luscinia 

luscinia PI. 

Luscinia L. 

125 

cibinnus 

cybindis PI. 

Accipitres. 

126 

alceus 

alcedo Ovid. 

Alcedo hispida L. 

127 

iacolus — 

(confr. Thomas op. cit. p. 179). 


128 

falco 

falco Festo 

Falco L . 

129 

ciris 

ciris Ovidio 

Alauda L. _ 

130 

senator 

? 

9 


Linneo à chiamata Y averla capirossa: Lanius senator, 
forse può questa indicazione servire per rintracciare 
T origine e Y assimilazione del vocabolo di Silvio Polemio. 


131 

fringuellus 

fringuillla Varrone; 

Fringilla L. 

132 

rex 

fringuello, vol¬ 
gare 

Regulus cristatus 


Koch ; re degli 
uccelli, dialett. 

voce tratta dalla frase di Plinio : aquilae et trochilus quoniam 
rex appellaturavium(L.X.Cap.LXXIIII,p. 115,1.15—16). 



IL «P0LEM1I SILVI! LATERCULUS* 


471 


133 

barbio 

barbu ? francese; 

Gypaetus barba- 



barbadu , dial. 
sardo 

tus L. 

134 

picus 

picus PI. 

Picus L . 

135 

passer 

passer PI. 

Passer L. 

136 

gaius 

gai, provenzale ; 

Garrulus Briss. 


geai , francese 
antico 



137 

turdus 

turdus PI. 

Turdus L . 

138 

strurnus 

sturnus PI. 

Sturnus L. 

139 ' 

merulus 

menila PI. 

Turdus merula L . 

140 

ficetula 

ficedula PI. 

Sylvia simplex Lat. 

141 

buscas 

boscis Columella 

Anas boscas L. 

142 

taurus 

taurus avis PI. 

Uccello favoloso. 

143 

penelopele 

penelops PI. 

Anas penelope L . 

144 

graculis 

graculus PI. 

Corvus graculus L. 

145 

apellion 

trascrizione di àu- 

Ampelis L. ? 


Ttslicov 


146 

milvus 

milvus PI. 

Falco milvus L. 

147, 152 
148 

strix 

strix PI. 

Strix flammea L. 

siren 

siren PI. 

Uccello favoloso, 




corrispondente 
tuttavia alla ci¬ 




vetta. 

149 

honocrotalis 

onocrotalus PI. 

Pelecanus onocrota¬ 



. 

lus L . 

150 

porfirion 

porphyrio PI. 

Fulica porphyrio L . 

151 

ibis 

ibis PI. 

Ibis L. 

153 

linusta 

linosa, basso la¬ 

Hypolais Brehniy 



tino (?) 

canapino. 

154 


corru-1 circus PI. (?) 

Circus Lacep . 

cirus 

Z1 ° ne ) ciris Ovidio (?) 

U1 ( 

Alauda L . 

155 

acalantis 

akalanthis Paolino 

Fringilla cardue- 



da Nola 

lis L. 

156 

grux # 

grus PI. 

Grus L, 

157 

anser 

anser PI. 

Anser L. 

158 

ganta 

ganta PI. 

Anser L . 

159 

avis tarda 

avis tarda PI. 

Otis tarda A. 

160 

olor 

olor PI. 

Cygnus olor L . 

161 

cignus 

cygnus PI. 

Cygnus L. 


472 


EDOARDO ZAVATTARI 


162 

fasiana 


phasianus PI. 

Phasianus L. 

163 

gallerita 


galerita PI. 

Galerida cristata L. 

164 

suessalus 


— 

— 


probabile 

uso 

del vocabolo geografico per indicare un 


qualche 

uccello vivente nella 

regione abitata dai 

165 

«Suessiones» 

gabia 

gavia PI. 

Larus L ., o, Gavia 

166 

nisus 


nisus PI. 

Forst . 

Accipiter nisus L. 

167 

oenanante 


oenanthe PI. 

Motacilla oenan¬ 

168 

trocibus 


trochilus PI. 

the L. 

Motacilla trochi¬ 

169 

lagopus 


lagopus PI. 

lus L. 

Lagopus lagopus L. 

170 

egittus Parus L. (?) 

probabile trascrizione di aìyi&cdog, oppure potrebbe anche 


essere semplicemente uso del vocabolo geografico per 


indicare 

un 

uccello innominato 

vivente in Egitto e 


citato da Plinio (L. X. Cap. XLVII e Cap. LXXIIII). 

171 

caprimulgo 


caprimulgus PI. 

Caprimulgus L. 

172 

attagen 


attagen PI. 

Francolinus # franco- 

173 

perdex 


perdix PI. 

linus L. 

Tetrao perdix L. 

174 

rustecula 


rusticula PI. 

Scolopax rustico- 

175 

coturnix 


coturnix PI. 

la L. 

Tetrao coturnix L . 

176 

pullus 


pullus PI. 

Pullus, pulcino. 

177 

pavus 


pavo PI. 

Pavo L. 

178 

alauda 


alauda PI. 

Alauda L. 

179 

aceva 


aceia, basso la¬ 

Scolopax rustico- 

180 

cicisa 


tino (?) 

corruzione di cichla : 

la L. 

Cinclus cinclus />.(?) 

181 

carnotina 


z/y*Aog(?) (confr. 
Thesaur. ling. lat. 
III ? p. 1050) 

% 


probabile uso del vocabolo geografico per indicare un 
uccello vivente nella regione abitata dai Carnotini (confr. # 
Holder, Alt-celt. Sprachschatz I, col. 801) 



IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 473 


182 

ardea 

ardea PI. 

Ardea L. 

183 

agatullis 

trascrizione di «zar- 

Fringilla cardue- 



Svolle; 

lis L. 

184 

mergis 

mergus PI. 

Mergus L . 

185 

hirundo 

hirundo PI. 

Hirundo L . 

186 

anas 

anas PI. 

Anas L . 

187 

querquidula 

querquedula Colu- 

Anas querquedu¬ 



mella 

la L. 

188 

plumbio 

palumbius PI. (?) 

Columba palum- 




bus L . 


Thomas (op. cit. p.. 188) pone in 

correlazione plumbio 


con plongeon francese, arguendo che a quest 7 ultimo 


uccello si 

debba assimilare la voce di Polemio Silvio -, 


accettando 

questa interpretazione occorre allora sosti- 


tuire a Columba palumbus, Gavia 

immer Briinn e Gavia 


septentrionalis L . 


189 

falacrocorax 

phalacrocorax PI. 

Phalacrocorax 




Briss, 

190 

corvus 

corvus PI. 

Corvus L . 

191 

pica 

pica PI. 

Corvus pica L . 

192 

cornix 

cornix PI. 

Corvus cornix L . 

193 

bubo 

bubo PI. 

Bubo bubo A. 

194 

spinternix 

spinturnix PI. 

Bubo bubo L . 

195 

pirrocorax 

phyrrhocorax PI. 

Corvus phyrrhoco¬ 




rax L . 

196 

cebeva 

corruzione di ca- 

Strix aluco L. (?) 


• 

vanna, antico celtico (?) (confr. Thesaur. 



ling. lat. Ili, p. 

624). 

197 

seleucis 

seleucides PI. 

Pastor roseus L . 

198 

mennonis 

memnonida avis PI. 

Machetes pugnax L. 

199 

meleagris 

meleagris PI. 

Meleagris L. 

200 

diomedia 

diomedea PI. 

Tadorna tadorna L. 

201 

ulula 

ulula PI. 

Strix ulula L. 

202 

perseus 

— 

Merops persicus 


Pali. (?) 


uso del vocabolo geografico per indicare un uccello vivente 
o proveniente dalla Persia 



474 


EDOARDO ZAVATTARI 


203 

incendearia 

incendiaria PI. 

Bubo bubo L. 

204 

tremulus 

cauda tremula delle 

Motacilla L. 



glosse; trema-coa 

dialett. ital. (confr. 



Thomas op. cit. p. 

197.) 

205 

alcion 

halcyon PI. 

Alcedo hispida L. 

206 

tetroa 

tetrao PI. 

Tetrao L . 

207 

glottis 

glottis PI. 

Scolopax glottis L. 

208 

otis 

otis PI. 

Otis L . 

209 

ciclammus 

cychramus PI. 

Uccello favoloso. 

210 

falaris 

phalaris PI. 

Fulica atra L . 

211 

numidica 

numidica PI. 

Numida L. 

212 

subter 

corruzione di subis 

Uccello favoloso. 


PI. (?) 


Thomas (op. cit. p. 192) propone una differente spiega¬ 
zione della voce subter, non suffragata in vero da molto 
valide ragioni; mi parrebbe più semplice supporre che 
subter. fosse una corruzione di subis di Plinio, tanto 
più che subter è subito seguito da cluua, analoga- 



mente 
p. 145, 

a quanto si trova in Plinio (L. X. Cap. XIIII. 
1. 32). 

213 

cluua 

divina PI. (?) 

Uccello favoloso. 

214, 219 

pietea 

platea PI. 

Platalea L. 

215 

opips 

trascrizione e cor¬ 
ruzione di moip 

Upupa epops L. 

216 

vibio 

vipio PI. 

? 

217 

trigron 

trascrizione di tqv- 
ycòv 

Turtur Selby. 

218 

appodis 

apodes PI. 

Cypselus apus L. 

220 

cenelapix 

chenalopex PI. 

Chenalopex aegyp- 
tiaca Grm. 

221 

commagina 

comagena anser PI. — 

denominazione puramente geografica. 

222 

cordolus 

corydalus Virgilio 

Alauda L. 

223 

antus 

anthus PI. 

Uccello favoloso. 

224 

glandaria 

picae glandares PI. 

Garrolus glanda- 
rius A. 

225 

ciconia 

ciconia PI. 
trascrizione di óqyi- 
lo$ 

Ciconia L. 

226 

orcilus 

Regulus VielL 




IL 

CPOLEMII SILVI! LATERCULUS» 

475 

227 

titus 

titus Varrò ne 

Columba palum- 
busZ,.; tidu, tido- 
ri, dialett. sardo 

228 

titiunglus 

tinnunculus PI. 

Falco tinnuncu¬ 
lus L. 

229 

riparia 

hirundo riparia PI. 

Cotyle riparia L . 

230 

parra 

parra PI. 

Vannellus crista- 
tus L. 

231 

eritace 

erythacus PI. 

Motacilla erytha¬ 
cus L. 

232 

feniculus 

phoenicurus PI. 

Motacilla phoeni¬ 
curus L. 

233 

cord us 

corruzione di cor- 
vus PI. (?) 

Corvus L. 

234 

pumplio 

pumilio PI. 

— 


razza nana di galli. 

gli antichi, Plinio compreso, con pumiliones chiamavano 
le forme nane di qualsiasi animale. «Pumilionum 
genus in omnibus animalibus est atque etiam inter 
volucres (L. XI. Cap. XLIX, p. 177, 1. 52.). 

235 scopis scopes PI. Strix scops L . 

236 asteria asterias PI. Ardea stellaris L. 

237 carifera — — 

probabile uso del vocabolo geografico per indicare un uccello 

abitante presso Carifes, citta della Gallia. 


238 

columba 

columba PI. 

Columba L. 

239 

cardelus 

carduelis PI. 

Carduelis cardue¬ 




lis L. 


Item eorum 

que se non movencium . 

240 

Pecun 

pecten PI. 

Pecten L. 

241 

veneriosa 

veneriae PI. 

. Veneridae. 

242 

auris 

auris PI. 

Haliotis lamellosa 




Lk. ? orecchia di 




mare. 

243 

ostrium 

ostrum PI. 

Murex L. 

244 

spondilium 

spond} T lus PI. 

Spondylus L . 

245 

purpura 

purpura PI. 

Murex brandaris L . 

246 

conchilium 

conchylium PI. 

Purpura L . 

247 

morix 

murex PI. 

Murex trunculus L. 

Archivum Romanicum. — Voi. VI. — 

1922. 

32 


251 

252 

253 

254 

255 

256 

257 

258 

259 

260 

261 

262 

263 

264 

265 

266 

267 

268 

269 

.270 

271 

272 

273 

274 

275 

276 

277 


EDOARDO ZAVATTARI 


perna 

perna PI. 

Ostrea perna L. ? 

musculus 

- musculus Celso 

MytilusZ,., muscoli. 

bucina 

buccinum PI. 

Purpura haemato- 
ma Lk. 

ecinus 

echinus PI. 

Echinus Lk . 


Item colobrarum 


basiliscus 

basiliscus PI. 

Serpente favoloso. 

draco 

draco PI. 

Serpente favoloso. 

camedra 

trascrizione di xa- 
Htdga — xaf,iSQTrjg 

Serpente. 

vipera 

vipera PI. 

Vipera L . 

iaculus 

jaculus PI. 

Erix jaculus L . 

natrix 

natrix PI. 

Tropidonotus' na¬ 
trix L . 

anguis 

anguis PI. 

Serpe. 

cerasta 

cerasta PI. 

Cerastes cornutus 
Fork . 

ipnalis 

hypnale Solino 

Viperide. 

dipsas 

dipsas PI. 

Viperide. 

aspis 

aspis PI. 

Vipera aspis L . 

ofis 

trascrizione di oyig 

Ofide. 

boa 

boa PI. 

Python sebae L. 

seps 

seps PI. 

Serpe. 

et morrois 

haemorrhois PI. 

? 

prester 

prester PI. 

Viperide. 

cenoris 

cenchris PI. 

Viperide. 

ansisbena 

amphisbaena PI. 

Amphisbaena L. 

echidra 

chelydra Lucano 

Viperide. 

schitale 

scytale PI. 

Tortrix scytale A.(?) 

pagurus 

pagurus PI. (?) 

Pagurus L. (?) 

salpugna 

salpugna Lucano 

Ofidio. 

hamodita 

ammodytes PI. 

Vipera ammody¬ 
tes L. 

elefanstias 

— 

— 

voce tratta probabilmente dalla frase di Plinio «Ele- 

phantorum anima serpentes extrahit» (L. XI. Cap. LUI, 

P- 179, 

1. 14) 


celidrus 

chersydrus Lucano 

Viperide. 

anabulio 

— 

— 



278 

279 

280 

281 

282 

283 

284 

285 

286 

287 

288 

289 

290 

291 

292 

293 

294 

295 

296 

297 

298 

299 

300 

301 

302 


IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


477 


Nomina insectorum si ve reptancium 


solifuga 

solifuga PI. 

Lathorodectes tre- 
decim-guttatus A. 

blata 

blatta PI. 

Blatta A. 

bubo 

bufo Virgilio» 

Bufo A. 

tetigonia 

tettigonia PI. 

Cicada A. 

salamandra 

salamandra PI. 

Salamandra macu- 
losa Laur . 

cabro 

crabro PI. 

Vespa crabro A. 

scolopendra 

scolopendra PI. 

Scolopendra A. 

apis 

apis PI. 

Apis mellifica A. 

bumbix 

bombyx PI. 

Lasiocampa Schr. 

formica 

formica PI. 

Formica A. 

vespa 

vespa PI. 

Vespa A. 

oester 

oestrus PI. 

(?) 

teredo 

teredo PI. 

Larva di insetto xi¬ 
lofago. 

scinfis 

— 

— 

musca 

musca PI. 

Muscae. 

lueusta 

locusta PI. 

Locustae. 

fucus 

fucus PI. 

Fuco. 

iulus 

trascrizione di ì'ov- 
log. 

Miriapodo. 

gristus 

christus (?). 

Ateuchus Web.(?) 

Qualche scrittore : Ausonio, Lucilio, 

aveva seguendo il 

simbolismo 

egiziano paragonato Cristo ad uno scarabeo 

sacro, che 

era simbolo deir eternità; forse è possibile 

spiegare la 

voce gristus di Polemio Silvio come impiego 

del vocabolo christus per nominare 

T insetto nel quale 

la divinità 

era stata simboleggiata. 


culix 

culex PI. 

Culices. 

cimix 

cimex PI. 

Cimexlectularius A. 

pulix 

pulex PI. 

Pulex A. 

pedusculus 

pedusculus PI. 

Pediculus A. 

sexpedo 

sexpes Apuleio 

Formica, o semplice 
animale esapodo. 

sunhos 

Sonnenhuhn tedes- Coccinella A. 
co (?) (confr. Schuchardt op. cit. p. 715) 

32* 


478 


EDOARDO ZAVATTARI 


303 musomnium unissimo, musino PI. Moscerino. 

con mussimo e musmo gli antichi indicavono non solo il 
mammifero (capra), ma anche gli insetti che vedevano 
svilupparsi dalla carogna dello stesso animale. 


304 

tinea 


tinea PI. 

Tinae. 

305 

delpa 


— 

— 

306 

uruca 


eruca PI. 

Larve d’ insetti. 

307 

inuolus 


involvolus Plauto 

Bruco. 

308 

ablinda 


blando, blendo, pro¬ 

Salamandra macu- 




venzale (?) 

losa Laur. (?) 


Thomas 

(op. cit. p. 168) congettura che possa forse 


accostarsi la 

voce ablinda a blando 

e blendo provenzale 


e che 

indica 

la salamandra giallo 

» - nera, aggi ungo a 


complemento, 

forse non inutile, che la salamandra in 


Provenza è pure chiamata: Alabreno, arabreno. 

309 

liscasda 


— 

— 

310 

papilio 


papilio PI. 

Farfalle. 

311 

emirobius 


hemerobius PI. 

Hemerobius L. 

312 

cancer 


cancer pi. 

Cancri. 

313 

scorpius 


scorpius PI. 

Scorpiones. 

314 

stillo 


stellio PI. 

Platydactylus Cuv. } 





Tarentola L. 

315 

centipeda 


centipeda PI. 

Centopiedi. 

316 

cabarus 


carabus PI. 

Cancer carabus L. 

317 

popia 


poche, savoiardo 

Girino di anfibio. 




(confr. Jud, op. 





cit. p. 41, nota) 


318 

lucalus 


lucanus PI. 

Lucanus cervus L, 

319 

petalis 


trascrizione di ne- 

Crisalide. 




zàhov , greco mo¬ 





derno: petaluda 


320 

ruscus 


rusken, celtico; 

alveare (?) 




rusca, basso latino; 

ruche, frane. mod.(?) 

321 

laparis 


corruzione di lipa- 

? 




ris PI. (?) che però è un pesce. 

322 

piralbus 


trascrizione e cor¬ 

Lampyris noctilu- 




ruzione di 7tV- 

ca L. (?) 


QO?M/imig (?) 


323 

324 

325 

326 

327 

328 

329 

330 

331 

332 

333 

334 

335 

336 

337 

338 

339 

340 

341 

342 

343 

344 


IL siPOLEMll SILVI1 LATERCULUS» 


479 


corgus corgoron, Curculio L. 

vecchio provenzale (confr. Thomas op. cit. p. 171) 


lumbricus 

lumbricus PI. 

Lumbrici. 

tennis 

termis PI. 

Larve xilofaghe. 

li max 

limax PI. 

Limacidi. 

cefenis 

cephenes PI. 

Pecchioni. 

grillus 

gryllus PI. 

Grillidae. 

acina 

— 

— 

voce tratta dalla frase di Plinio «Hypanis fluvius in Ponto 

circa 

solstitium defert a c i n o r u m effigie tenues 

membranas (L. XI. Cap. XXXVI, 

p. 168, 1. 21) 

asio 

asilus PI. 

Tabanidi. 

ficarius 

ficariae culices PI. 

Blastophaga Grav. 

minerva 

— 

— 

lanarius 

— ‘ 

— 

voce tratta dalla frase di Plinio: Idem pulvis in lanis 

et veste tineas creat. (L. XI. Cap. XXXV, p. 168, 1. 9) 

mulo 

mulio PI. 

Mulio L. ? 

tubanus 

tabanus PI. 

Tabanidi. 

cervus 

cervo volante, ital. 

Lucanus cervus L. 

aranea 

araneus PI. 

Araneae. 

cicada 

cicada. PI. 

Cicada plebeja L . 

sfalagia 

^phalangium PI. 

Phalangii. 


Item natancium 


Balena 

Balaena PI. 

Balaena L. 

gradius 

gladius PI. 

Xiphias gladius L. 

musculus 

musculus PI. 

•? 

indicavano gli antichi, compreso Plinio, con musculus un 

pesce 

che credevano facesse da guida alla balena. 

serra 

serra PI. 

Pristis antiquorum 



Lath. \ serro de 



mar, provenzale 

marisopa 

mori - sukku, anti¬ 

Phocaena commu- 


co celtico (confr. 

nis Cuv. 


Schuchardt op. cit. 

. p. 723) 


480 


EDOARDO ZA VATI* A RI 


345 

rota 

rota PI. 

Orthagoriscus ’ mo¬ 
la A.; pesce roda, 
dialett. 

346 

orca 

orca PI. 

Delphinus orca A. 

347 

fisiter 

physeter PI. 

Physeter macro- 
cephalus A. 

348 

cucumis 

cucumis PI. 

Holothuria A. ; 
cocomero di mare 

349 

pistris 

pristis PI. 

Pristis antiquorum 
Lath. 

350 

equis 

equus bipes PI. 

Hippocampus A. 

351 

asinis 

asinusPl.(?) ; asellus 
PI. 

Merlucius A. (?) 
nasello 

352 

aries 

aries marinus PI. 

— 

353 

triton 

triton PI. 

Animale favoloso. 

354 

elefans 

elephanthi locusta- 
rum genus PI. 

Homarus vulgaris 
A. Elefante. 

355 

coclea 

cochlea PI. 

Cochleae. 

356 

testudo 

testudo PI. 

Testudines. 

357 

serpido serpetò, serpentin, 

dial. (?) 

(confr. Schuchardt op. cit. p. 731) 

Ophicthys serpens 
L. (?) 

358 

ambicus 

ambiguus Auso¬ 
nio (?) 

— 

359 

ceruleus ? Coregonus wart- 

manni coeruleus 
Fatto (?) 

Gessner chiama Albula coerulea il Coregonus Wartmanni 
coeruleus Fatio , potrebbe essere che si indicasse già 
anticamente con la stessa parola la medesima forma; a 
meno che non si tratti della semplice traduzione di 
yXatyog usato da molti antichi e riferentesi ad un certo 
numero di specie. 

360 

auricularius 

auriculamaris Pl.(?) 

Haliotis lamellosa 
Lk . (?), Orecchia 
di mare. 

361 

caraulis 

corruzione e tra¬ 
scrizione di ey- 
yqavXig (?) 

Engraulis enchrasi- 
colus A. (?) 

362 

carahuo 

carabus PI. 

Cancer carabus A. 





IL «POLEMII SILVI! LATERCULUS 


481 


363 

terpedo 

364 

nautulis 

365 

pisces piscatur 

366 

acopienser 

367 

encataria 

368 

scarus 


369 

scarda 

370 

mullus 

371 

acerna 

372 

scorpena 

373 

lupus 

374 

aurata 

375 

dentix 

376 

corvus 

377 

pardus 

378 

delfin 

379 

euga 

380 

con gres 

381 

tirsio 

382 

canicola 

383 

pastinaca 

384 

rombus 

385 

ciprinus 

386 

horfus 

387 

exormisda 

388 

mugilis 

389 

lueusta 

390 

astachus 


torpedo PI. 
nautilus PI. 
rana pescatrice, 
dial. ital. 
acipenser PI. 


scarus PI. 

’ scarda, volgare an¬ 
tico (?) 

scarda, scardome 
dial. (?) 
mullus PI. 
acerina PI. 
scorpaena PI. 
lupus PI. 
aurata PI. 

dentex PI. 
corvus PI. 
gattopardo, dialet¬ 
tale 

delphin PI. 
trascrizione di tvya 
gonger PI. 
tursio PI. 
canicula PI. 

pastinaca PI. 

rhombus PI. 
cyprinus PI. 
orphus PI. 
exormistos Cassio- 
doro 

mugilis PI. 
locusta PI. 
astachus PI. 


Torpedo L. 
Argonauta argo L. 
Lophius piscato¬ 
ria L. 

Acipenser L. 

Scarus cretensis 
Cuv. 

Labrax lupus L. 

Leuciscus erythro- 
phtalmus Bonp. 
Mullus L. 

(?) 

Scorpaena L. 
Labrax lupus L . 
Chrysophrys aura¬ 
ta L. 

Dentex L . 

Corvina nigra Cuv . 
Scyllium stellare L. 

Delphinus delphis L. 
Petromizon L. 
Conger conger L. 
Tursiops tursio^#. 
Scylliorhinus cani¬ 
cula L. (?) 
Dasyatis pastina¬ 
ca L . 

Rhombus Klein . 
Cyprinus L . 

? 

Muraena helena L. 

Mugil L. 

Cancer locusta L. 
Homarus vulgaris 
L. 



482 


EDOARDO ZAVATTARI 


391 

lucurparta 

trascrizione di Ar/o- Scjdlium Cnv, 

Tzàv&YjQ , l) r CO- 

pardus; gattupardo dial. 

392 

hirundo 

hirundo PI. 

Trigla hirundo L. ? 

393 

lutarius 

mullus lutarius PI. 

Mullus barbatusL. ? 

394 

placensis 

platensis, platessa 
Ausonio 

Pleuronectes pla¬ 
tessa L, 

395 

solea 

solea PI. 

Pleuronectes L. 

396 

naupreda 

lampreta PI. 

Petromizon L, 

397 

asellus 

asellus PI. 

Merlucius Ros. 
nasello L . 

398 

salpa 

salpa PI. 

? 

399 

mus marinius 

mures marini PI. 

? 

400 

corocacinus 

coracinus PI. 

Corvina nigra Cuv. 

401 

iulis 

julis PI. 

Coris julis L . 

402 

anguilla 

anguilla PI. 

Anguilla L . 

403 

mirrus 

myrus PI. 

Myrus vulgaris K, 

404 

squilla 

squilla PI. 

Decapodi macruri. 

405 

pinotera 

pinnotheres PI. 

Pinnotheres vete- 
rum Bosc . 

406 

turdus 

turdus PI. 

Labrus turdus L. 

407 

pavus 

pavo, usato 

Labrus pavo L . 


più tardi da 

Vincenzo di Beauvais e 

da Alberto Magno. 

408 

menila 

menila PI. 

Labrus merula L. 

409 

mustela 

mustela PI. 

Muraena L. 

410 

loligo 

loligo PI. 

Loligo vulgaris L . 

411 

polipus 

polypus PI. 

Octopus Cuv 
polpo, ecc. 

412 

sepia 

sepia PI. 

Sepia officinali 
Au et. 

413 

murena 

muraena PI. 

Muraena helena L, 
Scorpaena porcus 

414 

porcus 

porcus PI. < 

L. (?) 

Thynnus thynnus 
L - (?) 


Con porcus 
tonno. 

Plinio indica tanto la 

scorpena quanto il 

415 

tinnus 

thynnus PI. 

Thynnus thjmnusA. 

416 

adonis 

adonis PI. 

Blennius L. ? 




IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


483 


417 exocitus exocoetus PI. ? 

418 eufratis — — 

probabile uso del vocabolo geografico per indicare un 
pesce innominato vivente nell’ Eufrate. 


419 

scorber 

scomber PI. 

Scomber L. 

420 

ecinais 

echeneis PI. 

Echeneis remora L. 

421 

cetera 

cetus, cetariae PI. 

Cetae. 


Ateneo con cetus indica però il tonno. 

422 

lucerna 

lucerna PI. 

Trigla L . 

423 

draco 

draco PI. 

Trachinus Z. 

424 

milvus 

milvus PI. 

Trigla Z. 

425 

picis 

phycis PI. 

? 

426 

pectunctus 

pectunculus PI. 

Pectunculus Lk. 

427 

tecco 

tecones Anthimus; 

Esox L. 


tacon. francese dialett. (confr. Thomas op. cit. p. 194) 

428 

coluda 

colubra, 

? 


probabile 

corruzione e trascrizione della voce coluber 


inclusa nella frase di Plinio «Coluber in aqua vivens» 


(L. XXXII. Cap. V. p. 451 1. 36) 

429 

lacerta 

lacertus PI. 

Scomber scomber 




L. ; lacerto, dia¬ 




lettale 

430 

eena 

sciaena PI. (?) 

Sciaena L. 

431 

conce 

concha PI. 

Conchae, conchiglie 

432 

heracliotacus 

heracleotici cancro- 

? 



rum genus PI. 


433 

cleomena 

(hera)cleo-moena(?) 

Cuplea Cuv. (?) 


• è possibile 

interpretare cleomena nel modo su esposto, 


cioè come risultante dall’ unione 

di moena (= cuplea, 


sardella) 

con Y ultima sillaba di 

heraclio, che sarebbe 


una ripetizione della prima parte della voce precedente. 

434 

gerris 

gerres PI. 

9 

435 

mitulis 

mytilus PI. 

Mytilus edulis L. 

436 

ortica 

urtica PI. 

Actiniae, ortiche di 




mare. 

437 

vaguris 

pagurus PI. 

Pagurus Z. 

438 

pulmo . 

pulmo PI. 

Meduse. 


484 


EDOARDO ZAVATTARI 


439 

lepus 

lepus marina PI. 

Aplysia Gmel 
lepre di mare. 

440 

stella 

stella PI. 

Asterias L.j 
stella di mare. 

441 

araneus 

araneus PI. 

Trachinus L. 

442 

gromis 

chromis PI. 

Sciaena chromis L. 

443 

elops 

elops PI. 

Acipenser A. 

444 

daltilus 

attilus PI. 

Acipenser sturio L. 

445 

cersina 

chersinae testudi- 
nes PI. 

? 

446 

esox 

esox PI. 

Salmo lacustris L. 

447 

salmo 

salmo Ausonio 

Salmo lacustri L . 

448 

apolester 

apolectus PI. 

Thynnus pelamis L. 

449 

cannis 

channa PI. 

Serranus cabrii la 
Risso. 

450 

sargus 

sargus PI. 

Sargus vulgaris 
Geoff. 

452 

cornutus 

cornuta PI. 

? 

453 

eppoe 

epodes PI. (?) 

? . 

454 

rubellio 

rouget, roujetj fran¬ 
co-provenzale 

Mullus barbatus L. 

455 

silurus 

silurus PI. 

Silurus L . 

456 

culix 

— 

— 


voce tratta dalla frase di Plinio «et mytuli et pectines 

sponte.proveniunt.ut murices ? purpurae 

salivano lentore. Sicut acescente humore culi ce s 
(L. IX. Cap. LI. p. 140, 1. 8). 

457 

acus 

acus PI. 

Belone acus Risso; 
aguglia, ital. e 
dial. (?) 

458 

trocus 

throcos PI. 

? 

459 

antia 

anthias PI. 

? 

460 

ancoravus 

ancoragOj Cassio- Salmo L. 
doro; ancroeul, antico francese 

461 

larbus 

barbus Ausonio 

Cyprinus barbus L . 

462 

barba 

barbus Ausonio 

Cyprinus barbus L. 

463 

tructa 

trascrizione di TQtó%- 

Salmo fario L. 


T7]S 

Si trova successivamente come trutta e truthe in Vincenzo 
di Beauvais ed in Alberto Magno. 





IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» ' 485 


464 

gubio 

gobio Ausonio 

Cottus gobio L. 

"465 

umbra 

umbra Ausonio 

Thymallus vexilli- 




fer Ag. Ombre, 
francese. 

466 

squatus 

squalus PI. 

? 

467 

capito 

capito Ausonio 

Mugil capito Cuv . 

468 

lucius 

lucius Ausonio 

Esox lucius L. 

469 

levaricinus 

lavaret, frane. 

Coregonus wart- 




mani Fatio. 

470 

pelaica 

palaja, dialet. frane. 

Solea Klein. 



(confr. Thomas op 

. cit. p. 725) 

471 

amulus 

hamulus (?) 

■ ? 

472 

redo 

redo Ausonio 

? 

473 

salar 

salar Ausonio 

Salmo salar L . 

474 

abelendeas 

blendius PI. (?) 

? 



(confr. Schuchardt 

op. cit. p. 716) 

475 

porca 

porcus PI. 

Scorpaena porcus L> 

476 

tinca 

tinca Ausonio 

Tinca vulgaris Cuv. 

477 

sofia 

sofio, dialet. frane. 

Chondrostoma soel- 



(confr. Thomas, 

ta Bonp. 



op. cit. p. 191 — 
p. 731) 

Schuchardt op. cit. 

478 

alburnus 

alburnus Ausonio 

Alburnus alborella 




D.F. 

479 

alausa 

alausa Ausonio 

Cuplea aiosa L : 

480 

rottas 

rotte, rotten, fran¬ 

Leuciscus rutilus 



co-tedesco 

Bonp . 

481 

' plotta 

piota, medioev.; 

Scardinus erythro- 



plotra, engad. 

phthalmus L. 



(confr. Thomas op. 

cit. p. 187 — Schu- 



chardt op. cit. p. 726) 

482 

ricinus 

rhacinus PI. (?) 

? 

483 

lactrinus 

lactrinus volg. me- 

Atherina lacustris 



dioev. lattarino 
dialet. mod. 

Bonp. 

484 

samosa 

estremamente incer- 

? 


ta la spiegazione 

Schuchardt (op. cit. p. 728) propende ad assimilarla a 
saumaca, si può tuttavia ricordare che Alberto Magno 
usa samus per indicare Silurus glanis. 



486 


EDOARDO ZAVATTARI 


485 


486 

487 


tirus — 

(confr. Schuchardt op. cit. p. 732) 




corruzione di 

Cuplea aiosa L. 



alausa (?) 


ausaca 


derivazione di 

Thymallus vulgaris 



arch (?), tedesco 

Nilss. 

saumaca 


samàkà, celtico 

Cuplea aiosa L. 


* 

* 

* 



L J illustrazione testé compiuta degli elenchi di Polendo Silvio mi 
permette ora di esporre sia alcune osservazioni su particolari questioni, 
quali : T impiego di uno stesso vocabolo per indicare animali differenti 
o T uso di vocaboli molteplici per indicare lo stesso animale, le fonti 
dalle quali presumibilmente Y autore à derivate le sue voci, V ordina¬ 
mento sistematico e la ripartizione degli animali nelle varie sezioni; 
sia alcune considerazioni sul valore e suir importanza che complessiva¬ 
mente lo scritto di Silvio Polendo presenta e per la diffusione delle 
conoscenze zoologiche nel medio evo e per la storia della zoologia 
in genere. 

L’ uso di uno stesso vocabolo per nominare due animali diversi si 
riscontra tredici volte e, come si può anche facilmente rilevare dal- 
T indice posto in fine, le voci a duplice significato sono le seguenti : 
bubo (N. 193, 280), cervus (49, 336), corvus (190, 376), elefans (1, 
354), iaculus (127, 256), lacerta (19, 429), lepus (95, 439), locusta 
(293, 389), lupus (17, 373), milvus (146, 422), musculus (249, 342), 
pardus (16, 377), turdus (137, 406). 

L J uso di vocaboli diversi per indicare lo stesso animale è pure 
frequente, ma mentre per alcuni casi è assai difficile stabilire se le 
varie voci corrispondano effettivamente ad una sola specie piuttostochè 
a due specie vicine come appunto avviene per le tre voci : acopienser 
(329), elops (443), daltilus (444) che possono indicare oltre che lo 
storione in genere anche le due specie: Acipenser sturio L. e Aci- 
penser huso L., o per le due voci: cignus (161) e olor (160) che 
possono del pari indicare tanto il cigno in genere quanto le due specie 
Cygnus cygnus L. e Cygnus olor L . Gm., negli altri casi è evidente 
che si tratta di vocaboli tratti da lingue diverse in guisa che si ricava 
una sinonimia oltremodo interessante tanto dal punto di vista filologico 
quanto da quello zoologico. Così infatti la lince è chiamata: lupus 
cervarius (9), linx (57) (latino) e lus (13) (antico tedesco); la lucer * 
tola: lacerta (19) (lat.) e lacrimusa (20) (provenzale); il castoro: bibei 




IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


487 


(36 per beber) (germanico), feber (55 per fiber) (latino) e muscus (59) 
(f.ióoyos greco); il mufflone: mussimus (76) (latino) e mufron (78) 
(romanzo); il tasso: taxo (80) (thahs antico tedesco) e arcomus (83) 
(àQKÓpvg greco); la talpa: talpa (89) (lat.) e darpus (90) (*darbo celtico); 
T avvoltoio degli agnelli: orsifragis (117) (lat.) e barbio (133) (ro¬ 
manzo) ; il pesce sega : pistris (349) (lat.) e serra (343) (provenzale) ; 
T orso : ursus (38) (lat.) e fumellaris (85) (fur + mellaris) alludendo 
ai suoi costumi, 'e parecchi altri ancora. 

Rispetto alle fonti è evidentissimo che la grande maggioranza dei 
nomi è tratta dalla storia naturale di Plinio, ed infatti su 487 voci 
almeno 342 trovano i loro sicuri corrispondenti nell 1 opera di Plinio ; 
se non che alcune delle voci usate da Polemio Silvio non corrispon¬ 
dono ad animali citati da Plinio, ma talune sono semplicemente parole 
tratte da frasi dello scrittore latino e che così isolate non ànno signi¬ 
ficato alcuno, come ad esempio : acina (329), lanarius (333), hercinia 
(122), ecc. ; fatto quest 7 ultimo che dimostra la fretta e la poca critica 
usate dell 1 autore nella redazione del suo catalogo. 

Un secondo gruppo di nomi, in tutto 33, è tratto da autori latini 
sia del periodo classico sia del periodo della decadenza (Ovidio, 
Virgilio, Varrone, Columella, Lucano, Plauto, Festo, Solino, Apuleio, 
Antimo, Ausonio [dal poemetto in lode della Mosella del quale sono 
in prevalenza derivati i nomi dei pesci d’ aqua dolce]), mentre altri 
pochi nomi, 8 in tutto, sono sia del basso latino, sia composti con 
vocaboli prettamente latini. 

Un terzo gruppo di nomi, in tutto 25, risulta da semplici trascri¬ 
zioni di parole greche, nel più dei casi di uso molto corrente, in 
qualche àltro non molto comuni, e delle quali risulta difficile il poter 
stabilire la fonte, come accade ad esempio per il vocabolo mirmi- 
coleo (62), che se si ritrova già nella bibbia (Giobbe 4—11) non 
appare in alcun testo latino, mentre è poi costante in tutti i Physio- 
logus, per indicare però piuttostochè Y insetto : formicoleone, un animale 
fantastico. 

Un quarto gruppo di nomi è derivato da radici o voci di origine 
germanica o romanza, in tutto 28, quali fra gli altri : lus (13), lacri- 
musa (19), vison (37), camox (75), darpus (90), barbio (133), popia 
(317), rubellio (454), ecc., nomi che ànno oltre ad un importanza 
grandissima dal punto di vista linguistico un vero interesse zoologico, 
perchè servono a confermare Y esistenza e la probabile abbondanza di 
certe specie animali nelle regioni meridionali-orientali della Gallia 
nella prima metà del mille. 

Da ultimo persiste un piccolo nucleo di voci, 10 in tutto, per le 


488 


EDOARDO ZAVATTARI 


quali anch’ io non sono riuscito a trovare una qualsivoglia possibile 
interpretazione, mentre per 41 nomi permane alquanto dubbiosa o la 
fonte o sopra tutto Y assimilazione con i sicuri corrispondenti animali, 
ricerca quest’ ultima estremariiente irtà di difficoltà in alcuni casi 
addirittura insuperabili. 

La classificazione, se così vogliamo chiamarla, usata da Polemio 
Silvio nell’ ordinare il suo elenco corrisponde in fondo nelle sue linee 
generali abbastanza bene, salvo più o meno estese interpolazioni, alle 
principali grandi divisioni a tutt’ oggi in uso nel ripartire gli animali ; 
la prima sezione degli animali spirancium atque quadrupedum equivale 
ai nostri mammiferi, la seconda dei volucrum agli uccelli, la terza dei 
se non movencium ai molluschi, la quarta dei colobrarum agli ofidi, 
la quinta degli insectorum sive reptancium agli artropodi, la sesta dei 
natancium, con numerose eccezioni, ai pesci. 

Però se, a priscindere naturalmente dagli animali favolosi, in linea 
di massima si può ammettere questo parallelo, si rilevano tuttavia, 
come dicevo, in ciascun gruppo interpolazioni, che mentre in qualche 
caso sono spiegabilissime in altri riescono invece molto oscure. 

’ Così fra i mammiferi sono incluse la lucertola (19—20), lo scinco 
(24), la rana (101), il che si giustifica col fatto che questi animali 
sono quadrupedi e terrestri, non si giustificano invece affatto: vultur 
(26), buteo (45), epileus (46), arpe (71) che sono uccelli; ed anche 
poco si spiega la presenza di furmica (107) se corrisponde effettiva¬ 
mente a formica (ripetizione del resto, giacché formica (287) si ritrova 
anche fra gli insetti) e di mirmicoleo (62) che sono entrambi insetti, 
benché per quest’ ultimo valga come attenuante il fatto che più che 
un insetto il formicaleone corrispondeva ad un animale fantastico, 
mentre anche la desinenza leo poteva facilmente trarre in errore. 

Nella sezione degli uccelli non vi sono interpolazioni, tutti i 131 
nomi corrispondono effettivamente a speci di detta classe o ad uccelli 
fantastici. 

Nella sezione dei molluschi sono inclusi soltanto i molluschi con con¬ 
chiglia, chè i cefalopodi ed i gasteropodi nudi sono invece collocati 
fra i natanti; in più vi è il riccio di mare (ecinus 251), il che si spiega 
col fatto che è animale vivente in mare e dotato di una robusta e 
rigida corazza. 

La sezione colobrarum contiene solo ofidi, ad eccezione di pagurus 
(272) corrispondente esattamente dal punto di vista grafico a pagurus 
di Plinio, animale però che per essere un crostaceo nulla à a che 
vedere con i serpenti e che avrebbe correttamente dovuto essere collo- 


IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


489 


cato fra gli artropodi (insectorum sive reptancium) mentre invece 
lo si ritrova di poi con la dizione: vaguris (437) fra i natancium. 

Nella sezione degli insectorum sive reptancium sono in prevalenza 
elencati artropodi ; però frammisti vi sono anche bubo (780, = bufo), 
salamandra (282), stillo (314 = gechi) che avrebbero, dato il carattere 
di tetrapodi e terragnoli, trovato il loro posto più logicamente nella 
prima sezione insieme a: lacerta, scincus e rana, poi popia (317, = girino 
d’ anfibio) che può benissimo essere stato interpretato come insetto, 
ed infine lumbricus (324) e Umax (326) che sono è vero striscianti, 
ma non ànno alcuna affinità con tutti i precedenti. 

L’ ultima sezione infine dei natancium è quella che pur corrispon¬ 
dendo nel suo complesso alla classe dei pesci, contiene il maggior 
numero di forme spurie e che con i pesci non ànno di comune che 
T habitat : così accanto ai cetacei (balena 340, marisopa 344, orca 346, 
fisiter 347, delfin 378, tirsio 381, cetera 421) che allora erano creduti 
pesci, si trovano la testuggine (di mare?) (356), molluschi in preva¬ 
lenza cefalopodi (coclea 355, auricularis 360 [che già si trova con la 
dizione auris 245 fra i molluschi], nautulis 364, loligo 410, polipus 411, 
sepia 412, pectunctus 426, conce 431, mitulis 435, lepus 439) crostacei 
(elefans 354, lueusta 389 ? astachus 390, squilla 404, pinotera 405, 
heracleotacus 432, vaguris 437), echinodermi (cucumis 348, stella 440) 
ed infine celenterati (urtica 436, pulmo 438). 

Questa grande confusione non è però imputabile tutta quanta a 
Polemio Silvio, giacché essa risale in massima parte a Plinio, nell’ opera 
del quale gli animali sono avvicinati non secondo veri criteri zoolo¬ 
gici ma essenzialmente secondo rapporti di habitat, od anche di super¬ 
stizione, quindi poiché Polemio Silvio non si è in fondo preoccupato 
di altro se non di cavare fuori dalla storia naturale di Plinio i nomi 
come vi si incontravano, così ne è derivata tale confusione, ed ancora 
aggravata da ciò che qui ci troviamo di fronte a semplici nomina nuda, 
mentre in Plinio vi sono spesso anche brevi commenti, di guisa che 
si dimostra sempre meglio 1’ assoluta incompetenza dell’ autore in fatto 
di conoscenze zoologiche e si conferma essere 1’ opera sua una semplice 
ed affrettata compilazione. 

f 

Queste considerazioni valgono quindi per le conclusioni generali che 
si possono trarre rispetto all’ importanza dell’ opera di Polemio Silvio -, 
dal punto di vista strettamente zoologico (tralascio il valore filologico 
che non è di mia competenza) 1’ interesse da essa presentato è estre¬ 
mamente limitato, giacché nessun nuovo contributo sientifico portava 
alle conoscenze che si avevano ai suoi tempi; ma dal punto di vista 



490 


EDOARDO ZAVATTARI 


I 


della storia della zoologia essa riveste invece un notevolissimo signi¬ 
ficato. 

Infatti con questi suoi elenchi Polemio Silvio mentre ci prova che 
T interesse per le conoscenze zoologiche non era del tutto spento nei 
primi secoli del mille, e che Y opera di Plinio aveva avuta una notevole 
diffusione anche al di là delle Alpi, ci mostra sopratutto che il concate¬ 
namento degli studi sulla natura non si era totalmente spezzato, giac¬ 
ché il suo scritto costituisce il legame fra V opera di Plinio, che pur 
essendo una semplice enciclopedia piuttostochè un vero trattato scien¬ 
tifico, rimaneva Sempre V ultima opera in ordine di tempo più pode¬ 
rosa in fatto di storia naturale dell 7 antichità, ed il primo saggio di un 
trattato, in cui anche le nozioni di storia naturale avessero la loro 
parte, che sia stato tentato nel medio evo, voglio dire : le Origines seti 
etymologiae di Isidoro di Siviglia (VII secolo). 

Ed accanto a questo che costituisce il A^alore essenziale dello scritto 
di Polemio Silvio vanno pure ricordati i rapporti che certamente inter¬ 
corrono ' fra l 7 opera stessa ed i numerosi bestiari ed il Physiologus 
sopratutto nelle sue redazioni nordiche, che tanta parte ebbero durante 
tutto il lungo medio evo nella conservazione e diffusione delle più 
antiche conoscenze sulla natura. 

Perciò il Laterculus di Polemio Silvio si presenta per la storia della 
zoologia del tenebroso periodo del mille come un elemento di im¬ 
portanza fondamentale, come un documento che per il suo significato 
ed il suo vàlore doveva essere tratto dall 7 oblio in cui era stato 
lasciato, meritava di essere con una certa ampiezza illustrato. 


Indice dei nomi usati da Polemius Silvius. 

(I numeri corrispondono alla numerazione progressiva che è stata adottata 

nel testo.) 


abelendeas 474 

alausa 479 

antia 459 

ablinda 308 • 

alburnus 478 

antus 223 

acalantis 155 

alceus 126 

apellion 145 

accipiter 121 

alcion 205 

apis 285 

acerna 371 

alietus 120 

apolester 448 

ace va 179 

ambicus 358 

appodis 218 

acina 329 

amulus 471 

aquila 111 

acopienser 366 

anabulio 277 

aranea 337 

acus 457 

anas 186 

araneus 441 

addax 52 

ancoravus 460 

arcoleon 84 

adis 21 

anguilla 402 

arcomus 83 

adonis 436 

anguis 258 

aries 352 

agatullis 183 

anser 157 

aris 11 

alauda 178 

ansisbena 269 

arpe 71 


IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


491 


asellus 397 
asinis 351 
asinus 7 
asio 330 
aspis 262 
astachus 390 
asteria 236 
attagen 172 
aurata 374 
auricularius 360 
auris 442 
ausaca 486 
avis tarda 159 
balena 340 
bannachus 22 
barbio 133 
barba 462 
basiliscus 252 
biber 36 
blata 279 
boa 264 
bos 39 

bubo 193, 280 
bubalus 40 
bucina 250 
bumbix 286 
buscas 141 
buteo 45 
cabarus 316 
cabro 283 
cacopleta 100 
calli tri x 68 
camedra 254 
cameloparda 3 
camelus 6 
camox 75 
cancer 312 
canicola 382 
canis 12 
cannis 449 
capito 467 
capra 14 
caprimulgo 171 
carauho 362 
caraulis 361 
cardelus 222 
carifera 237 
carnotina 181 
cattus 82 

Archivimi Romanicum. 


caus 58 
cebeva 196 
cefenis 327 
celidrus 276 
cenelapix 220 
cenoris 268 
centipeda 315 
ceppus 60 
cerasta 259 
cercopiticus 67 
cersina 445 
ceruleus 359 
cervus 49, 336 
cetera 421 
cibinnus 125 
cicada 338 
cicisa 180 
ciclammus 209 
ciconia 225 
cignus 161 
cimix 298 
cinamullis 114 
ciprinus 385 
ciris 129 
cirus 154 
cleomena 433 
cluua 213 
coclea 355 
coluda 428 
columba 238 
commagina 221 
conce 431 
conchilium 246 
congres 380 
cordolus 222 
cordus 233 
corgus 323 
cornix 192 
cornutus 452 
corocacinus 400 
corocatta 30 
corvus 190, 376 
coturnix 175 
cucumis 348 
culix 297 
cuniculus 94 
daltilus 444 
damma 51 
darpus 90 

Voi. VI. — 1922. 


dasipes 106 
delfin 378 
delpa 305 
dentix 375 
diomedia 200 
dipsas 261 
dorcas 53 
draco 253, 423 
echidra 270 
ecinais 420 
ecinus 251 
eena 430 
egittus 170 
elefans 1, 5, 354 
elefanstias 275 
eleia 43 
elops 443 
emirobius 311 
encataria 367 
engistrus 108 
eocle 41 
epileus 46 
eppoe 453 
equis 350 
eri tace 231 
esox 446 
eufratis 418 
euga 379 
eumorfus 119 
exocitus 417 
’exormisda 387 
falaris 210 
falco 120 
falacrocorax 189 
fasiana 162 
feber 55 
feniculus 232 
ficarius 331 
ficetula 140 
finix 109 
finicopter 113 
riisiter 347 
formica 287 
fringuellus 131 
fucus 294 
fungalis 97 
furmellaris 85 
furmica 107 
furo 95 


33 


492 


EDOARDO ZAVATTARI 


gabia 165 
gai us 136 
galgulis 123 
gallerita 163 
gallus 72 
ganta 158 
gerris 434 
glandaria 224 
glir 92 
glottis 207 
graculis 144 
gradius 341 
grillus 328 
gristus 296 
gromis 442 
gubio 462 
grux 156 
hamodita 274 
heracliotacus 432 
hercinia 122 
hirundo 185, 392 
histrix 79 
honocrotalis 149 
horfus 386 
iacolus 127, 256 
ibis 151 
ibix 74 
igneumon 10 
incendearia 203 
inuolus 307 
ipotanus 61 
ipnalis 260 
irioius 81 
iulis 401 
lacerta 19, 429 
lacrimusa 20 
lactrinus 483 
lagopus 169 
lanarius 333 
laparis 321 
larbus 461 
leo 34 

leontofanio 23 
leopardus 35 
lepus 95, 439 
leucocruta 31 
levaricinus 464 
licaon 44 
limax 326 


linusta 153 
linx 57 
liscasda 309 
loligo 410 
lucalus 318 
lucius 468 
lucurparta 391 
lueusta 293, 389 
ludra 56 
lumbricus 324 
lupus 17, 373. 
lupus cervarius 8 
lus 13 
luscinia .124 
lutarius 393 
manticora 32 
marisopa 344 
melancorifus 116 
meleagris 199 
mennonis 198 
mergis 184 
merula 408 
merulus 139 
milvus 146, 424 
minerva 332 
mirmicoleo 62 
mirrus 403 
mitulis 435 
moneocron 27 
morix 247 
morrois 268 
mufron 78 
mugilis 388 
mula 64 
mullus 370 
mulo 334 
murena 413 
mus eraneus 88 
mus marinius 399 
mus montanis 87 
mus mustela 86 
musca 292 
musculus 249, 342 
muscus 59 
mussimus 76 
mussomnium 303 
mustela 409 
mustèlopardus 70 
natrix 257 


naupreda 396 
nautulis 364 
nerdis 99 
nession 118 
nisus 166 
nitela 104 
noctua 98 
numidica 211 
oenanante 167* 
oester 289 
ofis 263 
olor 160 
onacer 47 
opips 215 
orca 346 
orcilus 226 
orix 4 

orsifragis 117 
ortica 436 
ostrium 243 
otis 208 
ovis 15 
oxurincus 28 
pagurus 272 
pantagatus 73 
papilio 310 
parander 25 
pardus 16, 377 
parra 230 
passer 135 
pastinaca 383 
pavus 407 
'pectunctus 426 
pecun 240 
pedusculus 300 
pelaica 470 
penelopele 143 
perdex 173 
perna 248 
perseus 202 
petalis 319 
pica 191 
picis 425 
picus 134 
pilargis 105 
pinotera 405 
piralbus 322 
pirrocorax 195 
piscis piscatur 365 


IL «POLEMII SILVII LATERCULUS» 


493 


pistris 349 
placensis 394 
platacervus 48 
pie tea 214, 219 
plotta 483 
plumbio 188 
polipus 411 
popia 317 
porca 475 
porcus 414 
porfirion 150 
prester 267 
pulix 299 
pullus 176 
pillino 438 
pumplio 234 ' 
purpura 245 
querquidula 187 
rana 101 
redo 472 
rex 132 
ricinus 482 
rinoceron 29 
riparia 229 
rombus 384 
rota 345 
rottas 480 
rubellio 454 
rupicaper 102 
ruscus 320 
rustecula 174 
salamandra 282 
salar 473 
salmo 447 
salpa 398 
salpugna 274 
samosa 484 
sargus 450 
satiriscus 64 
saumaca 487 
scarda 369 
scarus 468, 451 


schi tale 271 
scineus 24 
scinfis 291 
scirus 91 
scolopendra 284 
scorber 419 
scorpena 372 
scopis 235 
scorpius 313 
seleucis 197 
senator 130 
seps 265 
serpido 357 
serra 343 
sexpedo 301 
sfalagia 339 
sfinx 65 
silurus 455 
simius 66 
sindrix 77 
siptacus 115 
siren 148 
sofia 477 
solea 395 
solifuga 278 
spinternix 194 
spondilium 244 
squatus 466 
squilla 404 
stella 440 
stillo 314 
strix 147, 152 
struchio 110 
strurnus 138 
subter 212 
suessalus 164 
sunhos 302 
sus 63 
tabla 54 
talpa 89 
tauro 2 
taurus 142 


taxo 80 
tecco 427 
teredo 290 
termis 325 
terpedo 363 
terpsicerus 103 
testudo 356 
tetigonia 281 
tetroa 206 
theus 9 
ticris 33 
tinca 476 
tinea 304 
tinnus 415 
tirsio 381 
tirus 485 
titiunglus 228 
titus 227 
tragelafus 50 
tremulus 204 
trigon 217 
triton 353 
trocibus 168 
trocus 458 
trogopan 112 
tructa 463 
tubanus 335 
turdus 137, 406 
uena 42 
ulula 201 
umbra 165 
ursus 18 
urus 38 
uruca 306 
vaguris 437 
veneriosa 221 
vespa 288 
vibio 216 
vipera 255 
viscus 37 
vulpis 93 
vultur 26 


Edoardo Zavattari. 


33 * 



Zu Briiehs Bemerkung’en Bibl. areh. rom. 11/3, 26 IT. 

Ich bin Briich fiir seine Bemerkungen zu meinen katalanischen 
Etymologien (Bibl. arch. rom. II/l) aufierordentlich dankbar und will 
gleich bemerken, dafi mir seine Darlegungen iiber kat. àbuhir S. 28, 
gask. venie S. 30 (die auf v. Wartburgs Bemanglung Ztschr. 41, 619 als 
Antwort dienen kònnen), nprov. erburbci S. 34, sp. carajo S. 36, ptg. 
galivar , mali, escalivar , arag. escaliar S. 39, arag. masto S. 52, 
sp. canijo etc. S. 53 , ganfó S. 54, akat. granivola S. 55, asp. mar- 
fus etc. S. 59, ptg. gatimónias etc. S. 60, sp. mostrenco , mesteno 
S. 62, kat. vacar C sich gramen 5 S. 63, sp. avugo S. 67, sp .tvebejav 
S. 70, sp. baldeo S. 71 sehr erwagenswert scheinen. So sehr ich 
diese Fortschritte gegentiber meinen eigenen Erklàrungen begrufie, 
so entschieden mufi ich mich gegen andere Ausfuhrungen zur Wehr 
setzen, die meinen Gedankengang entstellen oder m. E. schlimm- 
bessern. Ich tue dies zwecks Raumersparnis mit schlagwortartiger 
Kiirze : 

mali, esbaltivse, nprov. abanti, c ohnmachtig werden’, kat. abaltiv s£ 
einschlafen 5 — *expavitive wird als «lautlich schlecht, begrifflich 
gar nicht passend» bezeichnet — wieso pafit eine aus dem ^Prateri- 
tum (!) von altkelt. *adbalò c komme um’ abgeleitete, erkonstruierte 
Form begrifflich und morphologisch besser ? — Ich bemerke hier, dafi 
das bei mir S. 3 Anm. erwahnte esveltiv las mevcadevias zu sp. snello 
(vgl. frz. svelte ‘behend’) gehort. 

aprov. ab ansai c auf dem Boden liegend 5 soli aus dem sp. abusado 
entlehnt und dabei an pausar angelehnt sein? Sonst gehen die Ent- 
lehnungen den umgekehrten Weg. 

sp. enconavse C schwaren (von Wunden) 5 , urspr. c erbittert werden 5 ist 
nicht auffalliger als indignavi 1 auf schwàrende Wunden angewendet; 
vgl. Thomas Mélanges 66. Von c wehe tun, schmerzen 5 ist auch dtsch. 
schwdven zu miteni 5 gelangt. Wir brauchen also nicht ein gali. Wort 
zu konstruieren. Ich sehe nicht ein, warum die Dissimilation l-l>l-n 
bei melancholia im Sp. nicht angenommen werden solite, da wir sie 


1 Hierzu noch arag. indignavse c enconarse las llagas de heridas 5 . 



ZU BRÙCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF. 


495 


doch im Ital. malinconia und sonst im Rom. haben. Dafi von einem 
encono (Postverbai aus enconar , das selbst ein gali. *kun sein soli!) 
aus, «das, in iibertragener Bedeutung verwendet, einen seelischen Zu- 
stand bezeichnete», ein -la (enconia) gebildet worden sein soli, ware 
vereinzelt — das Suffix -ia ist doch vorwiegend Bezeichnung von 
Adjektivabstrakta oder deverbal. 

sp. gatupério ,Mischung von Getranken von unangenehmem Gè- 
schmack 5 = batnquério c das Durcheinanderschiitteln 5 + vituperio 
Scbande 5 ? Warum mit mir nicht einfach = vituperio , da ital. putiferio, 
kat. Ubèri c Larm 5 auch sehr starke Umgestaltungen zeigen ? Seman- 
tisch vgl. frz. horreur auf Speisen angewendet (K. Glaser: Die 
neueren Sprachen 29, 377). Batuquèrio ist als weiterer Beleg fur 
-èrio willkommen. 

Kat. bleix = *bléstiu, «Romanisierung von got. *blests» nach dem 
Plural *bléstis ) ist wohl eine kiihne, durch keine Parallele belegte 
Rekonstruktion. Tallgren, Neuph. Mitt. 1921, S. 152, hat wohl eher 
recht mit seinem got. *blesa + phantasiare {panteixar C keuchen 5 ). 

Salam. columbeo c Schaukeln 5 erwàhnte auch ich in den Nachtragen 
S. 158. 

corrila c Schar 5 = corrulla "Galeèrenkammer 5 und dies zum Stamm 
von correr ware einleuchtend, — aber wie erklarte sich das Suffix? 
Kat. corrulla , das definiert wird als "espacio debajo de la cubierta, 
que toca al costado o fianco de la galera 5 , ist offenbar identisch mit 
dem REW 2243 aus corolla abgeleiteten kat. curull ‘kleines Dach 
iiber dem Schornstein 5 (Aguiló: c part superior de la xemeneya 5 ), so 
dafi correr hochstens sekundàr eingewirkt haben kònnte 1 2 . Kat. 
crétua c Spalt 5 aus crepitus , -ns, wie impetuosus — dieselbe Deutung 
legen meine Nachtrage auf S. 159 meiner Abhandlung nahe. 

Sp. duende "Kobold 5 soli daemone + domus + comite sein. Welcher 
Fachgenosse halt da mit? Doch gebe ich gern zu, dafi der Einwand 
wegen des - e berechtigt ist und lege in einem demnachst in der Rev. 

1 Aguilò libersetzt corrila c tropel, recua, hilera, rua\ Ftìr ruar finde 
ich bei Vogel die Bedeutung ‘iiber die Strafie fahren, vor dem Fenster 
einer Dame spazieien 5 . Rua heifit also c Korso J (ma de San Tomds ‘Wagen- 
korso am Nachmittag des 21. Dezember in Barcelona 5 ), mit derselben Be- 
dcutungsentwicklung wie Korso . Ist das bei Labernia nicht uberlieferte 
corrila also vielleicht eine neuere Bildung von ma — ruar\ *corruar ‘zu- 
sammen auf dem Korso spazieren gehen 5 ? Hier haben die Katalanen das 
Wort. Es miifite der stilistische Charakter des Vokabels erst untersucht werden. 

2 Hierher wohl auch coruell ‘Nadelòhr 5 , was der Gleichung it. cruna == 
corona neue Starke verleihen kònnte. 


496 


LEO SPITZER 


d . fil. esp. erscheinenden Artikel den onomatopoet. Stamm dond- (REW 
2748), mit -e wie in gleichfalls onomatopoet. dengue, zugrunde : urspr. 
also der c lebhaft und lustig sich bewegende Geist 5 , frz. gobelin c Polter- 
geist\ — Das iiber die Bedeutungsentwicklung von ptg. dondo 
‘glanzend 5 Gesagte ist Schikane; ich nahm an C weich’ > C dick und 
fett 5 > ‘glanzend 5 , Briich c glatt 5 > c glànzend\ Hier gibt es kein aut-aut, 
sondern hochstens ein et-et (man beachte galiz. dondo C weich 7 zart 5 ). 

Sp. encentar . Spitzer erwàhnt Diez nach Brlieh «nicht mit einem 
Worte» — warum hatte er das tun sollen, wo REW an der von 
Spitzer besprochenen Stelle den Altmeister zitiert? « Encentar ver- 
dient das Sternchen, das ihm Spitzer gab, nicht», — in dem betreffenden 
Artikel ist kein encentar (nur encetar\) mit Sternchen versehen 1 . 

Akat. engevera: Ès ist mir nicht klar geworden, ob Brtich den 
arab. Ursprung der ganzen Sippe bestreiten will. Fiir al- > en- vgl. 
auBer mali, engandora (bei Briich verdruckt: enganderd) neben 
akat. alcandora (bei Briich verdruckt: alcandera) noch 'mall. enclitd 
neben alquitrd /Teer 5 (falls nicht durch Verbalableitungen wie kat. 
encatarinar beeinfluBt). 

Sp. zopo : Wie man den onomatopoetischen Ursprung von *tsop 
l hinkendV neben cloppus , sp. tòpo c stolpernd% tropicar 'stolpern' 
(das Briich wieder S. 48 auf gr. TQicpog t Stiick 5 zuriickfiihrt !) 2 be¬ 
streiten kann, ist mir • unklar. Die Kontamination cloppus + &anka 
(log. ciancanu ) ? die er vorschliigt, ist ja erst recht bei onomato- 
poetischem Ursprung mòglich : Kontamination und Urschòpfung 
schliefien sich bekanntlich nach Schuchardts Feststellung nicht aus 7 
sondern diese begunstigt jene. 

Kat. bornar-bordar : Ich sprach von einem «Wechsel» zwischen rn 
und rd — Briich macht daraus einen «Lautwandel» und wendet sich 
gegen eine Annahme, die ich nicht geauBert habe. 

It. scaramuccia c Scharmiitzel 5 = *skermntium von einem Partizip 
* schermato steht wohl morphologisch isoliert: aggravio, abominio 
gehòren zu -iare-Ve rben. Kat. caramot c Gaffer 5 aus *cara-mut ( > 
Dies bloB erschlossene Wort ist sehr unwahrscheinlich, da man mit 
dem Gesicht wohl ruhig, aber nicht «stumm ist. 


1 Wohl Druckfehler wie auch S. 36 cor ré AValze 5 (1. corro), S. 46 ‘Sattel- 
kisten 3 (1. c Sattelkissen 5 ), S. 47 ptg. trópege (1. trópego ), S. 49 Corteseo 
(1. Cortesao), *aesturicare (1. aestuicare), S. 56 laix monar (1. menar). 

2 Ich sehe auch nicht ein, warum tropezar nicht ein Hnterpediare (zu 

REW 4494, Wagner, Beih. 4 zu \V. u. S. S. 94) sein soli, hochstens mit 
onomatopoetischer Beeinflussung von trop-. 



ZU BRaCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF. 


497 


An sp. eslabón c Kettenglied’ aus *esnubón , got. *snòbòii c vitta 5 
kann ich ebensowenig glauben wie an eslabón "schwarzer Skorpion’ 
= vlt. *nepoiie , zu nepa . Arag. eslavct £ Abhang 5 stellt Briich zu 
labi ‘gleiten 5 und fligt hinzu: «So erklart jetzt Spitzer selbst, Neuph. 
Mitt. 1913, 171 aliati , Garcia de Diego, Rev. d. fil. esp. 1920, 121 
eslava ». Ich verstehe das «jetzt» nicht, da meine Abhandlung Lexikogr. 
aus d. Katal . 1921 erschien. Fernet* bemerke ich, dafi diese beiden 
Zitate und diese Berichtigung in den Nachtragen S. 159 dieser Ab¬ 
handlung enthalten sind, so dafi die ganze Polemik Brtichs gegen mieli 
uberflussig wird. 

«Die nebenbei erwahnte und von Spitzer aufgenommene Herleitung 
des sp. atreversep [aus dtsch. slreben ] — ich schrieb: «vielleicht 
atreverse , wenn zu estreverse = dtsch. streben (Cuervo, Dice . s. w. 
atiborrar und atrever )», woraus Briich hatte entnehmen konnen, dafi 
mir eine andere und nattirlich die Diezsche Erklarung bekannt war. 

Spitzers Wiederaufnahme und Verteidigung der verungliickten .. . 
Herleitung des sp. dlàbe . . . aus vlt. alipe l Fett, Splint 5 durch Hans 
Sperber uberrascht.» Ich schrieb selbst, das letzte Wort iiber die 
alapa -Sippe sei noch nicht gesprochen. Flir Sperber konnte ich die 
Angabe Oudin’s (alaveo = c aubour 5 ) ins Treffen fiihren. Briich er¬ 
klart diese einfach als Verwechslung eines «Nichtspaniers» von 
alabeo l Krummwerden des Holzes 5 mit alborno c Splint 5 — ja, wenn 
wir so mit den Angaben der alten Lexikographen umgehen . . . 

caute de folondres ‘seitlich fallen 5 . Ob Briichs Erklarung *follun- 
dula c Rippengegend 5 = follis "Blasebalg 5 + c auf- und niedergehender 
Kolben 5 (der mit der atmenden Brust verglichen ware), mit lautlicher 
Einwirkung von bollar (//>//) irgend jemand aufier dem Autor 
iiberzeugen wird? Da Griera das kat. Wort als Kastilianismus be- 
zeichnet, so wird die Erhaltung des f gegeniiber bollar (fuetto hat 
f vor ue wie fuego ), die bei meinen Deutungen ohne weiteres klar 
ist, sehr auffallig. 

Nprov. balandran , mit. galandravmn , asp. gualandrin soli auf 
ein mhd. %vallender ^ilgernder 5 zuriickgehen ? Aber w > b ist nicht 
ohne weiteres klar; die Parallelen pélerine , esclavina hinken deshalb, 
weil wir hier eben ein c Pilger’ bedeutendes Wort nicht haben; auch 
scheint mhd. wallender nicht ein standiger Ausdruck fiir c Pilgei° 
gewesen zu sein (bei Lexer finde ich nur wallender man einmal be- 
legt); die Abtrennung von balandran £ Schaukeln, BrunnenschwengeP 
usw. macht auch Schwierigkeiten. Warum also nicht bei meinem 
balandrd C balancer 5 ( l wallender ManteP) bleiben? Das g- kann von 
siidfrz. garlandd c herumvagieren 5 oder tort. a la guilindraina 



498 


LEO SPITZER 


‘caminar o fer una cosa de qualsevol manera 5 , mali, galindaina c iiber- 
fllissiger, geschmackloser Putz 5 , sp. gucildrctpa c Fetzen 5 oder dgl. 
stammen. Auch gaban kann einwirken, das Griera Butlleti 1921 
S. 98 heranzieht (allerdings scheint mir dessen Annahme einer Kon- 
tamination valona + gaban unwahrscheinlich)L 

Guàjete por gudjete . Die Einwànde Briichs gegen meine Deutung 
iiberzeugen mich, nicht aber seine Deutung als Andalusismus statt 
*guarnete por gnarnete 5 schiitze dich um schlitze dich! 5 , das rein 
supponiert ist. Vielmehr legt die parallele Lautverbindung in ojte 
C pack dich ! 5 eine onomatopoetische Interjektion nahe. -te, beschliefit 
gern solche Bildungen in Sprachen, die Proparoxytona besitzen (ital. 
patapihnfete , càspita ). 

Fa braumenta calor = brctu + brument? Vielleicht besser 
braument Adverb, moviert wie ein Adjektiv. Ich habe in meinen 
«Ital. Kriegsgefangenenbriefen» S. 35 den Superlativ des Adverbs 
nicht in der Form - issimamente , sondern -mentissimo belegt. 

Kat. reguitsar ‘ausschlagen 5 soli ein got. *hwitjan sein, wahrend 
mali, a VaguicBoneta c auf den Fersen hockend 5 doch zu calcea ge- 
horen soli (ad calceas ist wohl statt Brlichs ad calces zu lesen). 
Aber wieso konnte tj den te-Laut im Kat. ergeben? Sonst ist doch 
«lautgesetzlich» // > e oder s oder in gelehrten Wortern 5. Uber 
diesen eigentlimlichen Laut vgl. Tallgren Neuph. Mitt. 1921, S. 151. 

Sp. legano "Augenbutter 5 hat v. Wartburg Ztschr . 41 ? 620 richtig 
erklàrt. An Hemica von téma 1 Augenbutter 5 kann ich angesichts der Ver- 
breitung der nasallosen Formen (nur westastur. mit ni) nicht glauben. 

Auch kat. mambrù erfahrt durch v. Wartburg ebd. (norm. malbrou 
"chaufferette en terre cuite’) eine Stiitze : an maniobrar "hantieren 5 , 
murcia. manobre l Handlanger 5 kann ich nicht glauben: Schwund 
des -o-\ wie erklàrte sich das -iinus- Suffix ? ; ferner Ubergang der 
Bedeutung von "Handlanger 1 > "HandgrifP > ^iserner Deckel 5 ? Auf 
Brlichs Bemerkung: «Die zufàllige lautliche Gleichheit ... genligt 
noch nicht, um die etymologische Identitat beider zu behaupten 

1 Ich stelle hier kurz die Worter zusammen, die ich in dieser liebens- 
wlirdigen Rezension meines verehrten Freundes Griera (Butti, de dialect . cat . 
1921) nicht mit gleichen Augen wie er ansehen kann: afrau , eixeribit , 
encallar , atxul-lat, bigamia (cagarniu ist aus caga-niu erst nach bigamia 
umgeformt), boldró, cateifa, esponera (spuma gàbe espoma\ fesols (das 
nichts mit fdsols c Rumpfmette 5 zu tun hat: sp. judias erklart Rohlfs Ztschr . 
40, 340 ganz richtig), lleganya, neguit (ein lt. *nequitu aus nequitia ist 
morphologisch nicht recht denkbar), noi (novius mit Lab. + i kann nicht mit 
odium parallelisiert werden), organyar, paltaltre, rovisos , sobec , tos. 


ZU BRÙCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF. 


499 


und statt der fehlenden sachlichen Begriindung einfach zu sagen : der 
genaue Grund der Ùbertragung des Eigennamens ist noch zu er- 
mitteln» erwidere ich, ' dafi sich jede noch so verkehrte Ansicht 
«begriinden» lafit, und dafi ich richtig erkannte Zusammenhange 
iiber unrichtige, aber irgendwie begriindete Hypothesen stelle 1 . 
Kat. mambrti > *manoperùnus ist von Bruch «begriindet» worden 
(iibrigens nur zum Teil) — ist die Gleichung aber richtig? Kat. 
mambrti "eiserner Deckel * * 5 , norm. malbrou "Kohlenpfanne 5 = Marl- 
borough ist von Wartburg und mir vorlaufig ohne nahere Begriindung 
geauhert worden — aber schon durch das Zusammentreffen beider 
Behauptungen ist deren Wahrscheinlichkeit erhòht. Ubrigens hatte 
ich, was Bruch verschweigt, roue à la Marlborough c Rad mit sehr 
breiten Felgen’, guienne ma(r)brouc "pièce de deux liards 5 erwahnt. 
Vgl. zur Bedeutung volksfrz. roue de derrière "pièce de cent sous\ 
Allerdings miissen wir das Wort mit Vorsicht behandeln; von den 
Worterbiichern hat es nur Bulbena-Tosell, aus dem es Vogel iiber- 
nahm; auch Griera {Butti, d . dialect cat . 1921, S. 99) kennt es nicht. 

Nprov. gimerre = nfrz. chimère . «Spitzer tragt hier in der An- 
merkung dieselbe Herleitung [wie Bruch] als etwas Neues vor, ohne 
seinen Vorgànger zu nennen.» Ich pflege eher zu viel als zu wenig 
meine Vorgànger zu zitieren. Auch wird mir Bruch vielleicht die 
Fahigkeiten zutrauen, selbst auf diese Etymologie zu kommen. Ich 
habe das Manuskript 1917 zuerst der Zeitschr . j. rom . Pliil. ein- 
gereicht und nicht alle Neuerscheinungen beriicksichtigen kònnen. I n 
den Nachtràgen S. 161 ist Briichs Artikel dann erwahnt, 
ebenso an anderer Stelle (Archiv 1921, S. 263). Ich bedurfte also 
der Mahnung nicht. 

«Das von Spitzer betonte Vorkommen eines mit gllihenden Torf- 
kohlen gefiillten und zur Erwarmung des Bettes dienenden pfannen- 
fòrmigen Gefafies bei den Ostfriesen um Emden stiitzt doch in 
keiner Weise die Annahme einer Grundbedeutung "Durchseihetuch, 
Durchschlag, Schòpfkelle 5 fiir vlt. pannai — Brlich hat das Ent- 

1 Ist es z. B. eine Begriindung, wenn die Dissimilation von ptg. trebelho 

zu trabelho S. 71 durch aquelle , das selbst ungeklàrt ist, gestiitzt oder 

S. 73 ein aus *querkband angeblich entstandenes caveau nach Bruch zu 
zu afrz. charchan «durch iibertriebene Franzòsisierung» erklàrt wird? Oder 
ist es begriindet, wenn schlankweg ein griech. Wort als im Lat. existierend 
angenommen wird wie bei InLyjQOt,og > biais, àijXor (fyvóv > ariège daufi, 
TiQciyog > bargagnare, cltqextis c genau 5 > *intregu l ganz 5 , tqv(j og > march. 
introppicare, lùridus { leichenblafi J + XvSQ.og { Besudelung’ > rom. lordo, lerdo 
(Kontamination eines lt. Adjektivs mit einem gr. Substantiv!), ntaoóg l Stein im 
Brettspiel > it. bescio c dumm’ us^.? 



500 


LEO SPITZER 


scheidende in meiner Parallele, dafi die friesische Bettpfanne schòn 
durchbrochen» ist, ausgelassen. 

Mail, pitxoiina wird richtiger von Tallgren Nenph. Mitt . 1920, 
S. 149 als parallele Bildung zu siz. picceriddu erklart. 

«Die Herleitung des kat. rebles c Nieren 5 . . . von kat. reble l Bruch- 
stein 5 durch Spitzer tiber eine angenommene Bedeutung ‘Nierensand 5 
hinweg bedarf keiner Widerlegung.» Daraus wiirde der Leser 
schliefien, dafi ich diese These als definitiv aufgestellt habe. Sie war 
nur eine von mehreren, von mir erwogenen Mòglichkeiten, und am 
Schlufi schrieb ich «non liquet». * Briich verschweigt ferner, dafi 
seine Deutung (zur Sippe von rdble) auch bei mir steht. Die 
Trennung von kat. reble und sp. ripio durch mich soli «bei der 
gleichen Bedeutung und ahnlichen Form von vornherein unwahr- 
scheinlich» sein. Aber siehe da — was tut Briich? Er nimmt fiir 
jenes lt. repliim , fiir dieses got. *ripja £ rauh 5 an und làfit dann die 
beiden Etyma einander beeinflussen. Ganz genau so verfahrt er bei 
sp. rapaz c Junge 5 und dessen Sippe, indem er zuerst erklart, «Ab- 
weichungen von der lautgesetzlichen Form an verschiedenen Stellen 
in verschiedener Art» seien «mehr als verdàchtig», wenn die Be¬ 
deutung des lt. und der romanischen Wòrter sich nicht absolut decke — 
dann aber fortfahrt: «Nun aber lassen sich alle romanischen Formen 
iiberhaupt nicht auf eine gemeinsame Grundform zuriickfiihren» und 
behauptet, ein Bedeutungsiibergang t Schofiling 5 > t Knabe' ) sei wahr- 
scheinlicher als der c Rauber 5 > c Knabé\ Ein Blick in Paulis Buch 
Enfant , gar^on, fille wiirde Briich iiber die Gleichberechtigung beider 
Ansatze in semantischer Beziehung unterrichtet haben. 

«Kat. rostar £ fegen, saubern 5 , das Spitzer als Riickbildung aus einer 
[1. einem?] nicht mehr vorhandenem *rostollar = nprov. restonlha 
C arracher le chaume 5 erklart, wird eher aus re + aprov. ostar £ weg- 
nehmen 5 entstanden sein; vgl. afrz. roster óter, enlever, priver, 
dégager.» So beachtenswert der Vorschlag ist, so wenig gerecht ist 
Pro und Contra abgewogen. Kat. rostollar verdient nur ein Sternchen 
— und hat es in meiner Abhandlung — fiir die Bedeutung C arracher le 
chaume 5 , wogegen das Verb rostollar in anderen Bedeutungen, wovon 
die "llaurar los rostolls, alzar 5 bei Labernia der von nprov. restonlha 
und der von l saubern 5 merklich nahe kommt. Dagegen ist afrz. roster 
in God.s Beispielen ganz anders gebraucht. Es ist dies einer der Falle, 
wo der geschickte Advokat Briich das xà rjuto visitilo ttoisÌv betreibt. 

«Die Verbindung des sp. tartaruga c Schildkròte 5 mit onomato- 
poetischem port. tàrtaro £ stotternd 5 . . . scheitert an den romanischen 
Formen mit dem Stamm tort -, die einfach nicht beriicksichtigt werden.» 



ZU L5RUCHS 13EMERKUNGEN BII5L. ARCH. ROM. 11/3, 26 FF. 


501 


So «einfach» habe ich mir die Sache nicht gemacht, da ich a. a. O. 
ausdrlicklich die Ansicht des REW vom sekundàren Charakter des o 
billige, auf die ja auch Brlich zuriickkommt. Wenn Briich mein 
Zitat aus Morgenstern, von der stotternden Schildkrote x , als eine «un- 
nótige Abschweifung» erklart, die man «in wissenschaftlichen etymo- 
logischen Artikeln besser unterlassen» soli, so erwidere ich ihm, dafi 
die Bedeutungsiibergange, die Dichter- und Volksphantasie schaffen, 
im wesentlichen die gleichen sind, und dafi Briichs kunstfeindliche 
Haltung in der Sprachwissenschaft ebenso unwissenschaftlich ist — 
Sprache und Kunst, wie Vossler und Schuchardt, dem Briichs Artikel 
gewidmet ist, eindringlich betonten, stehen ja in Wechselbeziehung 1 2 * * —, 
ebenso unwissenschaftlich ist.... wie die Etymologie sp. duende — dae- 
monem + domus + comite , die ohne die Spur eines kiinstlerischen 
Empfindens rein konstruktiv ermittelt — erkunstelt wurde ! Uberhaupt 
solite man mit der Abtrennung des Wissenschaftlichen vom Unwissen- 
schaftlichen vorsichtig sein, da die Zielsetzungen in verschiedenen 
Zeiten sich àndern. Es galt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
als unwissenschaftlich, iiber Goethes Faust ein Kolleg zu lesen. Es 
galt bis vor kurzem noch als unwissenschaftlich, statt einen altfrz. 
Text herauszugeben, Sprachvergleichung zu treiben. Es gilt vielleicht 
noch als unwissenschaftlich, sich mit kiinstlichen Weltsprachen zu 
beschaftigen, usw. usw. Wer weifi, wie unsere Etymologisiererei 
spateren Generationen erscheinen wird ! 

Galiz. carrancas "hinkend* ist keineswegs «volksetymologische An- 
lehnung an carrancas c Grimassen 5 », sondern erklart sich nach einem 
volkstumlichen Bildungstypus von Scheltbezeichnungen, wie ich Bibl. 
arch. rom. II 2, S. 139/140 darlege. 

1 Wenn Brlich meinen Ausdruck «Uberbrettltier», auf Morgensterns 
Schildkrote angewendet, nicht verstand, so hàtte er sich biofi daran erinnern 
mlissen, dafi zur Zeit seiner und meiner Kindheit in Miinchen die Ùberbrettl- 
Literatur entstand, die, von ersten Dichtern Deutschlands (Bierbaum, Wede- 
kind usw.) gepflegt, die kiinstlerische Neubelebung des Kabarettcouplets an- 
strebte: Morgensterns Tier sagt nun im Stil des Uberbrettl-Couplets «Ich 
bin die Schildkrò-kròte», womit mein Ausdruck wohl erklart ist. 

2 Es sei nur anmerkungsweise an die oft zitierte Stelle in Goethes Farben- 
lehre erinnert: «Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes 
zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innere, dieser das Àufiere 
fehlt, so mlissen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn 

wir von ihr irgendeine Art von Ganzheit erwarten ... Um aber einer solchen 

Forderung sich zu nàhern, so mtifite man keine der menschlichen Krafte bei 

wissenschaftlicher Tàtigkeit ausschliefien» [es werden dann unter anderem 
als solche Kràfté erwahnt «bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle 
Freude ani Sinnlichen»]. 


502 


LEO SPITZER 


Zum Schlufì noch eine theoretische Bemerkung: sie bezieht sich 
eben auf Briichs geringe Geneigtheit zu solchen. Er dekretiert, 
wertet, urteilt ab — aber nur nebenbei und im Voriibergehen, mit 
einer autoritativen Geste, einem moralisierenden, den Gegner hof- 
meisternden 1 Ton, was die etymologische Forschung deshalb nicht 
bereichert, weil diese in stetem Flusse befindliche Wissenschaft immer 
darauf angewiesen ist, vom weniger Plausibeln zum Plausibleren 
vorzuschreiten und ein etymologischer Vorschlag eben auf den 
«plausus» der Leser angewiesen ist 7 nicht diesen von vornherein 
als selbstverstàndlich voraussetzen darf 2 * * . Der Mann, dem wir 
den weitesten methodischen Einblick in die etymologische Forschung 
verdanken, eben der Jubilar Hugo Schuchardt, dem Bruch seinen 
Aufsatz unterbreitete, hat deshalb den prozessualen Weg der be- 
griindenden und gerecht abwàgenden Rede und Widerrede flir diesen 
Forschungszweig vorgeschlagen. Wer nun selbstherrlich verkiindet: 
«Spitzers Versuch ... ist gescheitert» (S. 58), «die von Spitzer an- 
genommene Bedeutungsentwicklung . . . hangt ganz in der Luft» 
(S. 60), «die Herleitung . . . bedarf keiner Widerlegung» (S. 65) —, 
selbst aber imstande ist, Etymologien wie flir ariège cialfì ‘Blitz’ 


1 Ich glaube wirklich nicht, daran erinnert werden zu mussen, dafi zu 
aprov. kat. jovent c Jugend> t > ‘Jiingling* frz. jeunesse, it. gioventù usw, 
‘junge Leute 5 «zum Vergleich nàher gelegen [hàttej als engl .youth beider 
Bedeutungen». Mit Verlaub! Engl. youth heifit ‘Jugend 5 und ‘Jungling’; 
man kann in letzterer Bedeutung a youth , plur. youths sagen; kann man 
dagegen etvva frz. un jeunesse, des jeunesses, it. una gioventù, delle 
(oder dei) gioventù im Sinn von c ein junger Mann 5 — c junge Leute> sagen? 
(Hochstens line jeunesse c ein junges Madchen 5 , àhnlich wie personne auf 
das Femininum beschrànkt; vgl. K. Glaser, Die neueren Spr. 1921, S. 349, 
der nur ein zentrfrz., also dialektisches jeunesse c jeune homme 1 anfiihrt.) 

2 Ich kann mich auch nicht mit so summarischen Vereinfachungen der 
Volkspsvche abfinden wie S. 50: «Eine Verdràngung des asp. maslo c Mànn- 
chen J wegen der obszònen Bedeutung c Penis 5 durch ptg. macho wàre nur 

in den oberen Stànden moglich gewesen, da die unteren obszòne Neben- 

bedeutung nicht scheuen, eher ein Wort wegen solcher bevorzugen.» Kurz 
und kiihn gesagt! Ich habe aber die Bemerkung gemacht, dafi gerade «das 
Volk» oft (sprachlich wie korperlich) schamhafter ist als die Gebildeten, 
und gerade in dem sakral gesinnten Spanien, in dem man von einem Mann 
nicht simpàtico sagen darf, ohne dafi an Homosexualitàt gedacht wurde, in 
dem salvo vuestro honor, respeto usw. in der Konversation so gern auf- 
taucht (von en salva la parte zu schweigen!), ist mir derlei wenig wahr- 
scheinlich. Die Wahrheit ist vielmehr die, dafi eine starke «interdiction 
linguistique», eine intensive «Verdràngung» ein um so stàrkeres Empor- 
treiben der Instinktmàchte zur Folge hat: sp. macho — hembra als Aus- 

driicke der Schneidersprache [wie dtsch. Mdnnchen und Weibchen von 



ZU BRUCHS BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF. 503 

{Ztschr. 38, S. 679) ein gr. drjlov cprjvóv , d-nique aus denique flir 
rom. anc. (Ztschr . 41, S. 582), gr. inr/.aQOiog fiir frz. biais ( Neuph . 
il//#. 1921, S. 117) oder einige der obzitierten zu wagen, setzt sich 
dem Vorwurf aus, dafi er eigene und fremde Arbeit nicht mit 
dem gleichen Mafie mifit. Wer selbst das sp. eslabón zu semantisch 
wie phonetisch ganz verschiedenen germ. Wortern stellt oder das 
gut erklarte sp. enconar neu etymologisiert wie Briich, aber von 
einem Mitforscher schreibt: «Man soli nicht ftir etymologisch vòllig 
geklarte Worter neue Etyma aufstellen, nur um seinen Scharfsinn zu 
beweisen», verdàchtigt ohne Berechtigung die Triebfedern des Schaffens 
dieses Mitforschers. Ich spreche Herrn Briich das Recht ab, mehr 
als meine Leistungen zu beurteilen. Die Psychologie des Schaffens 
ist etwas, was unter der menschlichen Haut beschlossen ist, um 
Bismarcks Ausdruck zu gebrauchen. Sie ist natiirlich auch Gegen- 
stand wissenschaftlicher Erforschung, aber dann mufi diese mit 
denselben biographischen und psychologischen Methoden und derselben 
eindringlichen Akribie arbeiten wie die Literaturwissenschaft. Mich 
bekiimmern derlei Obenhin-Urteile weniger um derer willen, denen 
sie gelten, als um derer willen, die sie aussprechen : sie richten 
einen grofieren moralischen Schaden an, als die Sache wert ist, um 
derentwillen sie gesprochen wurden. Wichtiger ist vertrauensvolle 
Voraussetzung guter Motive beim Nebenmenschen als die Klarung der 
Etymologie von sp. estiar. «Etre un grand philologue, c’est déjà beau- 
coup, mais ètre bon c’est encore plus», soli G. Paris gesagt haben. Ab- 
gesehen davon, dafi, sollten selbst Motive wie Ehrgeiz, der Drang, 
sich auszuzeichnen usw. bei einem geistigen Arbeiter vorhanden sein, 
deren Schadlichkeit fiir die Wissenschaft noch lange nicht erwiesen ist. 
Aus Widerspruch ist schon oft ein Spruch geworden ; das Besserwissen- 
wollen hat der Wissenschaft manches bessere Wissen vermittelt; selbst 
Grofienwahn hat schon bleibend Grofies gezeitigt, wie die Geschichte 
lehrt. Gerade Briich widerspricht gern und oft ; ich bin der letzte, der 
ihm das ankreidete. Nur darf der Opponent nicht vergessen, wie viel 
er seinem Gegner schuldet: die Ablehnung einer wissenschaftlichen 

Haken und Ose] zeigen sehr deutliche sexuelle Anschauungen. Aufierdem 
ist frz. conin , falls Jabergs Ansicht richtig ist, doch gerade in volkstiimlichen 
Kreisen wegen des Anklangs an con geschwunden ( Sprachgeogr ., S. 12).— 
Auch scheint mir die blinde Ergebenheit in die Lautgesetze ohne Beriick- 
sichtigung des stilistischen Charakters eines Wortes, das mathematische 
Rekonstruieren der Etyma, das Addieren der Worter zu Kontaminationen, 
wie sie Briich betreibt, die Vorliebe fiir ein gallisches, griechisches, germa- 
nisches Etymon gegeniiber einem innerromanischen fiir die etymologische 
Forschung kein Gewinn. 



504 LEO spizer: zu brOchs BEMERKUNGEN BIBL. ARCH. ROM. II/3, 26 FF. 

Meinung setzt voraus, datò diese den Ablehner beeinflufìt und befruchtet 
hat. Der wissenschaftliche Sieger ist oft tatsachlich der Besiegte. Ein 
noch so verfehlter etymologischer Artikel bringt in der Regel wertvolles, 
neue Gesichtspunkte erschliefiendes Material. Wir pflegen sehr gern 
das geleistete Gute als selbstverstandlich unerwahnt zu lassen und 
nur das Tadelnswerte hervorzuheben. So kommt es ? datò man die 
Namen ganz Grofier oft nur mit Tadel verbunden liest. Wollte man 
sich etwa aus den Ablehnungen von Einzelheiten, die ein Schuchardt 
oder Meyer Llibke erfahren haben, ein Bild des Gesamtwerks dieser 
Forscher machen, man wiirde ihnen sehr wenig gerecht. Hier tut mehr 
Dankbarkeit, mehr Bewufitsein ftir unser aller wechselseitige Ver- 
schuldung not. Wir Etymologen, ja wir Menschen sind alle nicht so 
unabhangig, wie wir uns hinstellen und glauben. Wir alle gleichen 
dem Zaunkonig der Fabel: unsere Vorganger, oft eine ganze Reihe 
von Generationen, haben gleich dem Adler uns eine betrachtliche 
Strecke in die Hohe gefiihrt, und auf das kleine Stuckchen Eigenflug 
diirfen wir nicht allzu Stolz sein. 

Leo Spitzer. 

Nachtrag: Ftir balandran zum Stamm balandr- S. 497 spricht noch 
die Bedeutungsangabe bei Lang Rom. 45, 407 c a loose gown, with short 
sleeves 1 , ferner in dem Vocabulari, Bogen 4, der dem Boletin d. 1. soc. 
castellonense 1922 cuad. VII beiliegt, bctlandrèu c talavàns o faldóns de la 
camisa 5 , weiter volksfrz. balandr in c balle de colporteur 5 anjou id. ^olporteur’, 
se balandriner c se promener lentement 5 (Sainéan Lang. paris. S. 266 und 
286), ferner astur. perlindango : «Es un baile muy antiguo que bailan las 
viejas de Cudillero. Y dicen que tomo su nombre de un mandil que usaban 
antiguamente con el traje de fiesta, las aldeanas de aquel consejo» (Aurelio 
de Llano, Dol folklore asturiano S. 246), wozu span. pelindrajo { Fetzen 5 , 
santander pelindrusca, chile.^ pelintruca c harapienta J , sip.pelandiisca'ramerà.' 
passen, die Garcia de Diego wegen chile. pellingajo , kat. pellingot c Fetzen> 
zu pellis stellen will {RFE 1922 S. 135), wàhrend ich nur Beeinflussung 
von pellis annehme und so noch ptg. pelintra C schlecht gekleidete Person 5 , 
das ich Bibl. arch. rom. II/2 180 zur.&<?7/£r£-Sippe stellte, anreihen kann. 
Zu duende macht mich A. Castro auf ave dnenda {Espéctdo S. 360), 
carne dnenda (Crescencia Wien. Sitzgsbér. 53, 551), palomas duendas 
(Rom. Forsch. 7, 504) aufmerksam und entscheidet sich fiir meine Ztschr. 
42, 19 ausgesprochene Hypothese: «esprit de la maison, familier»: «il ne 
faut exagérer Fimportance du - e ». 



L’àncien wallon stier et ster. 

En 1904, dans le tome V du Bulletin de la Société verviétoise 
d’archéologie et d’histoire y J. Feller a publié un volumineux mémoire 
de près de 150 pages sur Tane. w. stier et Tane. w. ster 1 . Mal- 
heureusement l’auteur y a défendu une ancienne explication, insoute- 
nable, exposée par G. Kurth dans sa Frontière linguistique en Bel- 
giqne et dans le Nord de la France, à savoir que ster et stier , 
qui seraient de simples variantes, auraient été empruntés du germa- 
nique, en l’espèce du mot germanique qui est continué par le néer- 
landais stede (dont on trouve une forme contractée stee dès le moyen 
néerlandais) et par Tallemand statt , lesquels signifient «lieu, place, 
endroit». 

Ster et stier sont des noms de lieu qui se rencontrent dans le pays 
wallon. 

C'est ainsi qu’il existe des dépendances Ster à Stavelot, Francor- 
champs, Ans, Sart du Ster fi Xhoffra) r , une dépendance Les Sterres 
à Jalhay, toutes localités de la province de Liège, pour ne citer que 
quelques exemples. 

Il y a une dépendance Stier fi Donceel dans la province de Liège, 
dont la forme patoise est stì (p. ex. i ve di sti «il vient de Stier») 2 . 

En composition, comme second terme de nom de lieu, les deux 
mots sont aussi employés, le premier très fréquemment, le second 
rarement, ce qui est du reste aussi le cas pour ce dernier dans 
l’emploi absolu. Le premier terme des noms de lieu en -ster et en 
-stier est, dans la grande majorité des cas, un nom d’homme, qui a 
dù désigner à Torigine Thabitant, Toccupant du lieu. 

Ainsi on trouve dans la province de Liège des noms de lieu comme 
Pepinster, Pironster , Jehanster, Rogister, Bernistcr, Wérister, dont 
les uns sont noms de commune, les autres noms de simple dépendance. 

On trouve dans la mème province une commune Bovenistier . 


1 Reproduit plus succinctement dans des Notes de philologie watt Oline 
du mème auteur (Paris, 1912). 

2 Communication due à l’obligeance de M. Discrv, pharmacien, à Donceel. 



506 


PAUL MARCHOT 


Feller a énuméré, soit d’après Kurth, soit d’après ses trouvailles 
personnelles, un bon nòmbre de formes anciennes de noms de lieu qui 
comportent ster ou stier . 

Je reproduis les plus anciennes par ordre de date. 

Pour ster : 

1028: Remianster (qui doit ètre Remience, prov. de Luxembourg, 
à la suite d’une déviation insolite). 

1233 et 1242: Ster (actuellement chapelle, sous Mozet, prov. de 
Namur). 

1246: Winand de Rogister . 

1254: pars grangiae quae dicitur Ster (le mème Ster qu’en 1233 
et 1242). 

1276: Henri Davister (= d’Avister). 

1276: Jacobus de Tinwinster . 

1277: Colebimster (faute par interversion pour Colunbester , mod. 
Colonster près Liège). 

Pour stier : 

1186: Bovingestir (Bovenistier). 

XIII e siede: sor le rivual de Bovegnis stir (Bovenistier). 

1300 et 1313: Bovingnistier (Bovenistier). 

1314: Bovignistier (Bovenistier). 

1314: le stier condist au chaine (c ne de Dormael). 

1330: Stiers (c ne de Donceel). 

1382: en Kokiestier (c ne de Wonck). 

On ne connaìt pas, dans le frangais proprement dit, ni un ester ni 
un estier s’empk^ant ainsi dans les noms de lieu, soit absolument, 
soit en composition. Tout au plus, ces mots feraient-ils penser à un 
mot du vieux frangais qui s’en rapprocherait quelque peu, à savoir 
estance , dont le sens est «séjour, demeure, residence, maison,..» 1 . 
Mais on les trouve le premier en bas latin et le second en latin 
vulgaire et en bas latin, ce qui est reste ignoré de Kurth et de 
Feller. 

Un substantif stare figure dans Du Cange, avec le sens de «domus 
ubi quis stat seu manet», dans de nombreux exemples, dont les plus 
anciens sont: «dedit Episcopus Dalmatio unum stare , quod ibi habebat» 
de 1095; «dono tibi estare Constantii de Alest» et « Estare Augerii...: 
de 1103. 

Du Cange donne aussi un sterium relevé chez Papias (évèque 


1 Godefroy, Dici, de Vane. Iangue frane., s. v. 



l’ancien vvallon stier et ster 


507 


de Hiérapolis en Phrygie, mort vers 163) 7 ayant le sens de «statio 
i[tem] solitarii habitatio». De 960, Du Cange mentionne un passage 
d’une charte du roi de Navarre «cum omnibus suis bonis, et cum suo 
stario integro:. De 961, Feller lui-mème transcrit un passage d’un 
diplòme de donation tire de Sigebert de Gembloux: «propter villam 
quae adjacet in comitatu Asbanio, quaeque ab incolentibus vocatur 
steria monticula». Il s’agit d’un Stiers non identifié en Hesbaye, 
dans le pays de Jodoigne (prov. de Brabant), le contexte faisant 
mention de Agioniscurta (Incourt, au sud-ouest de Jodoigne) comme 
localité proche. L’endroit est dénommé sterias (sans épithète) chez 
Godescalc, le continuateur de Sigebert^ et Stirs dans le diplòme d’Innocent 
relatif à la donation. 

Le stare qu’on trouve en bas latin est confirmé efficacement par 
un estar de l’ancien provengal, qui est le verbe estar employé 
substantivement d’abord au sens de «lieu de séjour», puis par exten- 
sion au sens de «maison, demeure». Pour le sens «lieu de séjour 
le dictionnaire de Levy donne un exemple, et pour celui de «maison, 
demeure» il donne quatre exemples, dont un pris à Bertrand de 
Born et deux à Flamenca . Levy mentionne que Raynouard a déjà un 
exemple du second sens. En frangais on a le mème phénomène avec 
nianoir . 

Pour terminer, je me vois obligé de réfuter quelques objections 
spécieuses de Feller formulées contre l’étymologie staro ster, à 
laquelle certes il a pensé un instant, ' mais qu’il s’est évertué ensuite 
à rejeter. Quant à celle de sterilirne stier, il l’a ignorée, n’ayant 
pas connaissance du vocable ster inni de Papias; il croit que stier 
n’est qu’une forme diphtonguée de ster . 

1 °. A Stavelot (prov. de Liège), il y a une sèrie de noms de 
dépendance construits symétriquement avec la finale -sta: Mèsta, 
Binsta, Mista, Hansta, qui, d’après l’explication traditionnelle des 
indigènes, doivent ètre interprétés par «Mal-placé», «Bien-placé», 
«Mieux placé», «Haut-placé». Ce sta étrange serait un suffixe -sta(t), 
«variante de - ster », qui serait plus voisin de la forme germanique, 
surtout de l’allemand - statt . Mais il est facile de voir qu’on a dans 
-sta l’impératif wallon sta (du verbe ster), lequel existe encore dans 
la contrée, notammentau pays de Malmédy 3 , et qu’il *faut expliquer 
les Mèsta, etc., comme on explique en franqais les noms de lieu 
Chantemerle, Chanteraine, etc. Cette sorte de composition, pour les 


1 Bastin, Morphologie du parler de Faymonville, § 82. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


3-1 



508 


PAUL MARCHOT 


désignations toponymiques, est attestée très tòt: «terra de Cantalupis 
en 804; Tenegaudia, noni d’une terre en Italie, en 805 1 . 

2°. Sur des centaines de noms en -ster, il y en a exceptionnelle- 
ment trois ou quatre da genre féminin, comme la Géronstère (lieu- 
dit et source célèbre à Spa), la Gihninster ou citasse de la Gil- 
minster (bois à Jalhay), la Maelster (mont et bois entre Francor- 
champs et Malmédy). Le suffixe ici aurait «mieux conservò la forme 
et le genre féminin de stede». Mais le suffixe -ster se pronongant 
en wallon (et en frangais) st§r, il est bien naturel qu’il ait pu se 
produire parfois une confusion avec les noms de lieu—dit finissant en 
terre (wallon ter), d’autant plus qu’en wallon des noms comme li 
dèeròster peuvent aussi bien ètre sentis comme féminins que comme 
masculins, puisque l’article definì est le mème aux deux genres. 

3°. On peut faire état du plus ou moins d’aridité, du caractère 
plutót ingrat de beaucoup de lieux en -ster, pour n’admettre leur 
fondation que tardivement, à l’époque franque, au XI e siede d’après 
les premiers exemples historiques (au X e en prenant en considération 
le steria de Sigebert): «Souvent les • ster sont des sommets boisés, 
des plateaux élevés», *sans culture; par ex. à La Gleize les - ster sont 
des collines boisées. Les noms en -ster ne remontent donc pas à la 
période gallo—romaine. 

En réalité, le mot ster avait en ancien wallon la signification très 
générale de «lieu de séjour, logis», et il a pu très bien s’appliquer, 
dans le haut moyen àge, à des établissements, à des installations 
provisoires ou éphémères, placés dans les bois, telles que cabanes, 
maisonnettes pour forestiers, charbonniers, bucherons, voire à des 
ermitages. 

4°. L’ancien verbe wallon ster (frangais e ster ) se pronongant 
actuellement sle, stare ne saurait ètre à la base des noms de lieu 
Ster ou en -ster, dans ces noms la prononciation étant (à de très 
rares exceptions près, tenant sans doute à des conditions phonétiques 
locales) toujours ster. De plus, il est assez étrange que, alors que 
le wallon ancien écrit, tout au moins de fagon assez générale, les 
infinitifs de la l ère conjugaison en -eir, on ne trouve dans les anciens 
exemples des noms ster, énumérés plus haut, aucun cas de graphie 
en steir (sauf un unique et tardif Colosteir de 1322, qui est Colonster 
près Liège). 

L’objection est bien plus apparente que réelle. 


1 Bourciez, El. de linguist. romane, § 199. 



L ANCIEN WALLON STIEJR ET STER 


509 


En wallon, comme en fran^ais, r final se maintient dans les mono- 
syllabes: tsor char, ir hier, fier fer, knr coeur, sur soeur, kiir cuir, 
flcer fleur, tur tour, nuer mur; il n’y a, à cette règie, que de ci de 
là une exception, en général plutót de caractèré locai ou régional. 
Par conséquent, dans la règie, r final de ster doit se maintenir et 
c’est ce qui arrive; le mot comporte du reste aussi, comme il a été 
dit plus haut, parfois une exception (d’après un traitement locai). Si 
Finfinitif ste, et aussi un autre infinitif qu’on peut y adjoindre, fc 
de fare , ne se conforment pas à la règie, c.’est qu’ils ont été en- 
trainés autrefois par l’action de la force analogique et égalisés par les 
autres verbes en -r de la l ère conjugaison. C'est la mème explication, 
par l’analogie, qui rendra compte du Stier de Donceel, prononcé sti 
en patois, lequel a été entraìné par la catégorie des noms en - arius 
(patois-i), fort nombreux dans la langue. Le mot ster , appellati 
au sens de «logis, demeure», se maintenant dans la langue avec son r 
final, on s’explique que les noms de lieu composés avec -ster ont aussi 
gardé Yr final. 

Quant au manque absolu de graphies en steir , c’est certàinement 
une difficulté; mais on peut faire remarquer que cette orthographe 
-eir des verbes de la l ère conjugaison n’est pas constante, mais seu- 
lement plus fréquente que celle en - er , et que du reste,* dans les 
infinitifs, Yr final s’était amui dès le XIII e siècle ce qui avait du 
amener un changement. dans la qualité de Ve, qui s’était ferme (mod. 
ste), tandis qu’il restait ouvert dans Tappellatif ster . 

Le traitement en wallon du mot germanique Ictr ou lari , lorsqu’il 
est employé isolément et non en composition, montre aussi que le 
traitement régulier de stare doit ètre st$r. Cest ainsi qu’on a un 
nom de lieu Bellatre fprov. de Liège), Bel-Air (c ne de Monstreux, 
Brabant), qui originairement est un Bel Ler 1 2 . Le premier est Belleire 
en 1275, Belere en 1314 3 . 

Mars 1922. Paul Marchot. 

1 Niederlànder, Zeitschr. ftir rom . Philol ., XXIV, 262. 

2 Kurth, La front . linguist. en Belgique , I, 291. 

3 Cuvelier, Cartai de l’abbaye du Val-Benoit, 211 et 356. 


34 * 




Libelli famosi del settimo secolo 


Das ist das wahrste Denkmal 
der ganzen MerOwingerzeit. 

B. Kruscii. 


Bibliografia. 


1. Baluze, Etienne: Capituiaria regum Francorum. Paris, Muguet, 
1677. — Nel secondo tomo abbiamo (c. 557—590) una «Nova collectio Jor- 
rnularum. Stephanus Baluzius Tutelensis ex veterrimis codicibus manu- 
scriptis eruit, in unum collegit, nunc primum edidit». Le formule XI—XV 
sono le nostre lettere. 

2. Bouquet, Martin: Recueil des historiens des Gaules et de la 
France . Paris, Libraires associés. — Nel quarto tomo (del 1741) abbiamo 
(p. 578—593) una «Nova collectio formularum a Stephano Baluzio ex codd. 
mss. edita» che è una semplice riproduzione della precedente. Idem nel 
quarto tomo (1869, p. 582—583) della nuova edizione (Paris, Palmé) edita 
sotto la direzione di Léopold Delisle. 

3. Walter, Ferdinand: Deutsche Rechtsgeschichte. Bonn, Marcus, 
1853. — Parlando delle Formulae Baluzianae, dice (I, 161): «Darunter sind 
die Nummern 8—15 keine Formeln, sondern Spottschreiben und darunter 
drei zum Theil in Reimen abgefafit.» 

4. de Rozière, Eugène: Recueil général des formules usitées dans 
Vempire des Francs du V e au X e siècle. Paris, Plon, 1859 — 1871. — Nel 
voi. 2° sono date come «Appendix» le nostre lettere (p. 1139—1143: n. 892 
—896) con l’avvertenza che appartengono al «cod. paris. A». Nel voi. 3° 
(p. 190) vengono indicate le pagine del codice: «Indiculum 27’; Item alium 
28; Parabola 28’; Item alia 28 bis; Indiculum 29.» 

5. Schuchardt, Hugo: Vokalismus des Vulgdrlateins . Leipzig, 
Teubner, 1866-1868. — Voi, 1°, p. 32, 64. 

6. Boucherie, A.: Cinq formules rhythmées et assonancées du 
VII e siècle . Montpellier (Seguin) et Paris (Franck), 1867, pp. 57. 

7. Meyer, Paul: [Recensione dell’opuscolo precedente]. Revue critique 
d’histoire et de littérature (Paris, Franck), 1867, p. 344—350. 

8. Holder, Alfred: Lex salica mit der Mallobergischen Glosse nach 
der Handschrìft von Sens-Fontainebleau-Paris 4627 . Leipzig, Teubner, 
1880. — Pag. 38 seg. 

9. Zeumer,Karl: Uber die alter en frdnkischen Formelsammlungen . 
Neues Archiv der Gesellschaft fiir altere deutsche Geschichtskunde. Han¬ 
nover, Hahn; B. VI, 1881; S. 75-77. 

10. Zeumer, Karl: Formulae merowingici et karolini aevi (Monu¬ 
menta Germaniae historica: Legum sectio V, formulae), Hannover, Hahn, 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


511 


1 

1882, p. 184, 220—226 (corrispondenza di Frodeberto e Importuno), 494-496 
(lettera di Crodeberto a Boba, riprodotta ancora nella stessa collezione in 
Epistolae Merowingici et Karolini aevi : tomus I, p. 461—464). 

11. von Winterfeld, P.: Hrotsvits literalische Stellung. Archiv flir 
das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Braunschweig, Wester- 
mann, 1905; B. 114, S. 59-62. 

12. Pirson, Jules: Pamphlets bus latins du VIP siècle . Mélanges 
de philologie romane et d’histoire littéraire offerts a m. Maurice Wilmotte. 
Paris, Champion, 1910; p. 485—522. — Cfr.: Kritischer Jahresbericht iiber 
die Fortschritte der romanischen Philologie. Erlangen, Junge. B. 12 
(1909—1910), erster Teil, S. 66. — Cfr. anche del Pirson: Le latin des 
formules mérovingiennes et carolingìennes. Romanische Forschungen 
(Erlangen, Junge), B. 26 (1909), S. 837—944. 

13. Monaci, Ernesto: Facsiniili di documenti per la storia delle 
lingue e delle Letterature romanze. Roma, Anderson. Fase. 2, tav. 78—83. 

14. Wattenbach, W.: Deutschlands Geschichtsquellen ini Mittel- 
alter. Berlin, Herz, 1885. B. 1, S. 106. 

15. Thierry, Augustin: Récits des temps mérovingiens. Paris, 
Calman-Lévy; p. 427—428. 

16. Du eh esne, L. : Fastes épiscopaux de Vancienne Gaule. Paris, 
Fontemoing. Voi. 2° (1899), p. 290, 305, 468. 


I documenti di cui ci occupiamo furono editi la prima volta dal 
Baluze, riprodotti dal Bouquet e quindi ripubblicati dal de Rozières 
come formule giuridiche, quantunque parecchi anni innanzi alla com¬ 
parsa del Recueil général, il Walter avesse avvertito che non si 
trattava di formule. L’ errore era nato dal fatto che i libelli in ques¬ 
tione si trovano in «un petit volume qui contient le recueil de Marculfe 
et, sous le titre de cartas senicas , d’ autres formules entre lesquel- 
les nos lettres» (Meyer). 

Cominciò ad occuparsi dei nostri documenti lo Schuchardt con brevi 
accenni circa la lingua, le rime e i ritmi; seguì il Boucherie che li 
divise secondo le rime, li tradusse e ne studiò il verso. Air opuscolo 
del Boucherie fece una recensione il Meyer, correggendo parecchie cose, 
combattendo le idee dell’ autore circa la versificazione e identificando 
il ms. (cod. paris. lat. 4627, J. 27’—29) che nelle pubblicazioni anteriori 
non era mai stato indicato *. Parecchi anni dopo, lo Holder dette un’ 


1 Per quanto riguarda il ms., a noi basta sapere che «d’après Técriture, 
ce ms. doit ètre assigné à la première moitié du IX e siècle. Il ne saurait 
remonter plus haut, car on y trouve (f. 14 V) une charte d’Ebroin, arche- 
vèque de Bourges [9 ottobre 810; cfr. n. 10 Zeumer, p. 218—219]. Cette 
circonstance n’est point indifférente. Nos cinq lettres, étant datées du milieu 
du VII e siècle environ, par la mention du maire de palais Grimoald (m. 656), 



512 


AMERINDO CAM1LLI 


accurata descrizione del codice, e lo Zeumer ripubblicò i nostri docu¬ 
menti nei M. G. H. y facendoli precedere da alcune considerazioni nel 
N. Archiv . Venne poi il Winterfeld che ne parlò in Herrigs Archiv, 
traducendone i primi tre in versi tedeschi, il Pirson che ne studiò la 
lingua, e finalmente il Monaci che ne pubblicò i facsimili, esaminandoli 
brevemente nelle sue lezioni di filologia romanza, tenute nell’ università 
di Roma durante Y anno scolastico 1913—14 h Fu appunto allora che 
pensai di ristudiare i nostri libelli, incoraggiato a ciò dallo stesso prof. 
Monaci. Poi venne la guerra e dovetti tralasciar tutto. Oggi, ripren¬ 
dendo il lavoro, una malinconia profonda m’ assale, pensando che 
Ernesto Monaci, la mia guida amorevole nel campo degli studi ro¬ 
manzi, non è più. 

Siano almeno queste mie povere ricerche in testimonianza dell’ affetto 
che non si spegne nel cuore del suo allievo. 

* 

Dopo i lavori a cui abbiamo accennato, non rimane che 

a) correggere alcune lezioni errate; 

b) distribuire i versi in modo più sodisfacente di quel che ab¬ 
biano fatto il Boucheriè e lo Zeumer; 

c) annotare, dove ancora è necessario, il testo e rifare la tradu¬ 
zione ; 

d) discutere se la quarta e la quinta lettera appartengano alla 
stessa polemica di cui son parte le altre tre, e se tutta questa 
corrispondenza è vera o semplicemente fida. 

Del primo punto è inutile parlare, ora che si hanno i facsimili. 

Circa il secondo punto, a me sembra che né il Boucherie, né lo 
Zeumer abbiano ben posto mente a un fatto che non so se altri ab¬ 
bia già avuto occasione di notare: che cioè, una coppia d’ assonanze 
non può esser percepita come tale, se le assonanze stesse non sono 
in posti della frase foneticamente paralleli. Se così non fosse, essendo 
sempre pochi i suoni d’ una lingua, tutto sarebbe assonanza, e ogni 

ont eu le temps d’éprouver par le fait des copistes, bien des altérations avant 
d’ètre recueillies dans le ms. 4627» (Meyer). A ogni modo si può affermar 
con sicurezza che le scuole caroline, per fortuna, non hanno trovato i nostri 
libelli degni dei rimaneggiamenti stilistici e retorici a cui sistematicamente 
sottoponevano le scritture dell’ epoca merovingica : cosa che invece dev’ essere 
accaduta all’ altro scritto che possediamo di Frodeberto, la lettera a Boba 
(n. 10). Ma forse qui c’ è di suo solo la firma. 

1 Tra coloro che, pur senza farne oggetto di esame, hanno rilevato l’im¬ 
portanza dei nostri documenti, dobbiamo notare il Wattenbach.. 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


513 


a tonica, p. es., assonerebbe con tutte indistintamente le altre a to¬ 
niche circostanti, ogni o finale con tutti gli altri o finali, e via discor¬ 
rendo 1 . Per venire ora al nostro caso delle assonanze finali del verso, 
o rime che dir si vogliano, è evidente che esse di regola dovranno 
trovarsi in un punto che foneticamente si distacchi da ciò che vien 
dopo ; altrimenti come mai nella nostra versificazione queste assonanze 
sarebbero venute a determinare la fine del ritmo? È naturale che, 
una volta solidamente stabilito il verso su le sue basi, esso prenda di 
quando in quando il sopravvento e si abbiano persino dei casi in cui 
la parola in rima formi strettissima unità fonetica con la parola seguente 
(cosicché, p. es., una rima in - ala si possa ottenere anche da parole 
come malamente ), ma quando, come nei nostri documenti, i diversi 
ritmi, pur avendo già una vita propria, vengono facilmente confusi 
tra loro e, peggio ancora, mischiati con gruppi aritmici, allora Y as¬ 
sonanza non può non rispondere al principio che abbiamo esposto. 
Prendiamo, p. es., i v. 5—6 della prima lettera che lo Zeumer divide : 
qnod recepisti I tam dura, estimasti I nos, iam ecc. Come mai, con 
queste assonanze, avrebbe Frodeberto percepito il verso 2 , o quello che 
egli riteneva tale, se tra recepisti e tam dura , tra estimasti e nos 
non c ; è nessuna pausa, nessun cambiamento di tono, nessun distacco 
fonetico insomma? Per conseguenza qui il ritmo non può finire che 
con dura. Le stesse considerazioni si facciano per tutti gli altri 
luoghi che abbiamo creduto di dover correggere. 

Quanto alle annotazioni linguistiche, dopo i lavori del Pirson, nei 
nostri documenti non si trova che da spigolare; per tradurre il testo 
ho invece dovuto lavorare un po’ di più, giacché la versione del 
Boucherie, per quanto meritoria, è troppo difettosa (ma egli stesso 
modestamente avverte di essere «peu familier avec le grimoire des 
formules du moyen-àge») e quella del Winterfeld è troppo poetica. 

* * 

* 

Esaminiamo ora, anticipando, Y ultimo punto. 

Il quarto e il quinto libello «scheinen zusammen zu gehòren» 
(Zeumer), ma le parole per similitudinem iuncta (v. 136) potrebbero 

1 Inutile avvertire che la stessa cosa accade nella musica. 

2 Giacché .non si può dubitare che Paul Meyer abbia ragione e che il 
nostro par nobile Jratrum intendesse scrivere versi veri e propri. Di simili, 
i due vescovi dovevano ben trovarne nel loro paese in poeti contemporanei 
o anteriori. I versi virgiliani (cfr. Rime e ritmi in Virgilio Marone 
Grammatico in Archivimi, VI, 2) provano che già nel quinto secolo era in 
circolazione nella Gallia una grande varietà di rime e di versi intensivi. 


.514 


AMERINDO CAMILLI 


indurre a ritenere che non abbiano nulla a vedere con gli altri, e 
siano stati aggiunti «par après, a cause d’une certaine ressemblance 
dans les idées». Così il Pirson, il quale però finisce per concludere 
che anche queste due lettere debbono «se rattacher à la mème polé- 
mique et émaner du mème milieu. Plusieurs passages de la qua- 
trième pièce rappellent directement certains faits relatés dans la troi- 
sième». A me sembra però più giusto affermare che parecchie espres¬ 
sioni della terza richiamano le frasi della quarta. Se infatti noi sup¬ 
poniamo. che la quarta lettera risponda alla seconda e che la terza 
sia stata scritta dopo la quarta, i rapporti fra la seconda, la terza e 
la quarta lettera ci appariranno molto più evidenti. 

Frodeberto 1 , appena pubblicata la seconda lettera, si rivolge al suo 
domnus (v. 177), tutor (v. 195), baro (v. 196), pregandolo di non 
voler prestar fede a calunnie ; ritorce Y accusa d' adulterio e riconferma 
quella di furto (v. 165 — 170); a chi gli aveva rinfacciato d’ esser nato 
in un monastero (v. 66) risponde che lui disonora i suoi genitori; a 
chi gli aveva detto che gli farebbe passar la voglia di scriver certe 
lettere (v. 41—3), dichiara che non ha paura. 

A ciò risponde Importuno : «Ma non son calunnie le mie : qui mihi 
minime credii } factu tinnii vidit (v. 76—7).- Ti raccomandi al tuo 
patrono; ma con che faccia, dal momento che gli vai danneggiando 
il tesoro-(v. 110—14)? Non hai paura di me, ma bada che io lo so 
come stanno le cose (v. 107) e potrei scoprire altri altarini (v. 126)». 
Come si vede, tutti questi passaggi della lettera di Importuno (e se 
ne potrebbero citare anche degli altri) ricevono lume solo dalla quarta, 
che a sua volta viene così strettamente riannodata alla seconda e alla 
terza. E non solo noi possiamo in questa maniera affermare che il 
mittente della quarta lettera è Frodeberto, ma possiamo con probabF 
lità identificare il destinatario in qualche stretto parente di Grimoaldo, 
già morto, di cui Frodeberto doveva temer la vendetta per Y oltraggio 
fatto al maggiordomo, ed a cui di nuovo si rivolge con la quinta 
lettera (la replica d' Importuno doveva aver fatto effetto!), pro¬ 
testando ancora una volta che è stato calunniato, che ha fatto 


1 I personaggi nominati nelle nostre lettere sono re Sigeberto li (638—658), 
il suo maggiordomo Grimoaldo, di cui veniamo qui a conoscere la disgrazia 
coniugale; Importuno, vescovo di Parigi tra il 664 e il 668 circa (che Im¬ 
portuno'fosse vescovo all’epoca dei nostri documenti, si ricava dal v. 42); 
Frodeberto, che va identificato col Chrodebertus successore di Papoleno nel 
vescovato di Tours c. il 660, di cui abbiamo anche la ricordata lettera alla 
badessa Boba, a proposito d 1 una religiosa che aveva violato il voto di cas¬ 
tità. Per le notizie su i nostri due vescovi si confr. il Duchesne (n. 16). 



LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


515 


sempre la volontà del suo signore (v. 233) e lamentandosi d’ esser 
caduto in disgrazia (v. 235) h 


* * 

* 

Ciò che abbiam detto però si fonda sul presupposto, non da tutti 
ammesso, che le nostre lettere sono autentiche, non fictae . 

Dice il Meyer : «Le fait mème d’ avoir été admis dans un formulaire, 
est à mon avis une forte présomption de Tauthenticité de ces cinq 
pièces. Si elles étaient un simple jeux d' esprit, leur place n' aurait 
pas été dans un recueil qui ne contient que des actes non suspects 
ou des formules tirées de diplòmes authentiques>. Veramente questa 
ragione del Meyer non è molto persuasiva, ma persuade ancor meno 
r argomento dello Zeumer per infirmare Y autenticità dei nostri docu¬ 
menti : «Nullo vero modo adduci possim, ut credam, tales epistolas re 
vera ab illis scribi potuisse; quas potius ab alio quodam in utriusque 
contumeliam fictas atque divulgatas esse existimo, praesertim cum 
utriusque partis literae in eodem codice mixtae inveniantur». Ma si 
tratta di libelli diffamatòri, quindi si capisce bene che i nostri due 
arcades abbiano cercato di dar loro la più grande pubblicità possibile, 
come del resto ci dicono espressamente i v. 129—30. Nulla di più 
facile, che qualche persona a cui son piaciuti, li abbia raccolti e, così 
uniti, per varie vicende, siano poi andati a finire nel nostro codice. 

A me sembra inoltre che quelli i quali han creduto di aver innanzi 
ein boshaftes Pasquill», come dice il Wattenbach, non abbiano ben 
considerato la quarta e la quinta lettera. Se i nostri documenti fos¬ 
sero stati scritti da qualche maligno che voleva danneggiare i due 
vescovi, a che le scuse verso un doninus e le raccomandazioni di non 
credere alle calunnie? Qui invece uno dei due si sente colpito e corre 
ai ripari: è proprio lui dunque che‘scrive. 

Ma abbiamo un' altra ragione per credere i nostri documenti auten¬ 
tici: il fatto non era nuovo. Settant' anni prima la stessa cosa era 
accaduta tra Felice, vescovo di Nantes, e Gregorio vescovo, anche lui 
come Frodeberto, di Tours ; con V unica differenza che, mentre allora 

1 Per Gaston Paris (opinione riferita dal Meyer), nella quinta lettera 
«Frodebert s’adresse aux religieuses du monastère où la femme de Grimoald 
aurait été placée«. Di quest’ opinione è anche lo Zeumer. Ma a quale scopo 
Frodeberto avrebbe scritto questa lettera alle monache? O il fatto era vero, 
e non c’ era bugia che tenesse, perché le monache lo dovevano saper bene ; 
o il fatto era falso, e questa lettera lamentosa sarebbe egualmente assurda, 
giacché esse dovevano saperlo altrettanto bene. 


516 


AMERINDO CAM1LLI 


si trovavano di fronte un vescovo birbante e un vescovo galantuomo, 
nel caso nostro tutt* è due i vescovi son matricolati. Il fatto si può 
legger anche nel Thierry (n. 15). 

* 

* 

Diamo ora il testo dei nostri libelli diviso ritmicamente, avvertendo 
che nel facsimile del f. 28 del Cod. (v. 51—68) non appare tutto ciò 
che si legge qui, perché un pezzo di pergamena aggiunta ricopre il 
testo. Abbiamo trascritto le parole ricoperte, secondo la lezione del 
Meyer e quella dello Zeumer che concordano. 

I 

Indiculumli /. 27' 

Sanctorum meritis beatificando donino et fratri Inportune. 

2 Domne dulcissime 
et frater carissime! 

4 [Inportune], 

quod recepisti tam dura, 

6 estimasti nos, iam vicina morte de fame, perire, 
quando talem annon[am] voluisti largire. 

8 Nec. ad pretium, nec ad donum 
non cupimus tale anoné. 

10 Fecimus inde comentum. 

Si domnus imbolat formentum? 

12 A foris turpis est crusta > 

ab intus miga nimis est fusca. 

14 Aspera est in palato, 
amara et fetius odoratus. 

16 Mixta vetus apud novella 

faciunt inde oblata non bella. 

18 Semper habeas gratum. 

qui tam larga manu voluisti donatum, 

20 dum Deus servat tua potestate 

in qua cognovimus tam grande largitatis. 

22 Vos vidistis in domo 

quod de fame (nobiscum !) morimur, homo ? 

24 Satis te presumo salutare 

et rogo ut prò nobis dignetis orare. 

26 Transmisimus tibi de ilio pane probato, 
si inde potis manducare. 


28 

30 

32 

34 

36 

38 

41 

44 

46 

48 

50 

52 

54 

56 

58 

60 

62 

? 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


517 


Quandiu vivimus, piane 
liberat nos | Deus de tale pane! 

Congregatio puellare sancta 
refudat tale pasta. 

Nostra privata stultitia 
ad te in summa amiticiae 
obto te semper valere 
et caritatis tue iuro tenere. 

II 

Item alium lii 

Beatificando domno et fratre 
Frodeberto pape. 

Domne Frodeberto, 

audivimus quod noster fromentus 

vobis non fuit acceptus. 

De vestra gesta volumus intimare, 

ut de vestros pares 

nunquam delectet referrere iogo tale. 

Illud enim non fuit condignum 
quod egisti, in Segeberto regnum, 
de Grimaldo maioremdomus, 
quem ei sustulisti sua unica ove, 
sua uxore, 

unde postea in regno nunquam habuit honore. 

Et cum gentes 

venientes 

in Toronica regione 

misisti ipsa in sancta congregatione 

[in] monasterio puellarum 

qu[i] est constructus in honorfe] . . . 

Non ibidem lectiones divinis legistis, 
sed . . .nis inter vos habuistis. 

Oportet satis obse. . . . 

. . . . conlocutione, 

quem nec est a Deo apta 

.ta. 

Sic est ab hominibus vestra sapientia 

.dentie. 

Sed qualem faciebatis in . . . 


f. 28 




518 


AMER1ND0 CAMILLI 


monasterio puellarum prò pane. . . 
monasterio fuisti generatus domn . . . 
perdidisti. 

68 Indulge ista pauca verba. 

Inportunus de Parisiagà terra. f. 28. 

Ili 

Parabola liii 

70 Domno meo 

Frodeberto sine Deo, 

72 nec sancto nec episcopo 
nec seculare clerico, 

74 ubi regnat antiquus 
hominum Inimicus! 

76 Qui mihi minime credit 
factu tuum vidit. 

78 Illum tibi necesse desidero, 

quare non amas Deo, nec credis Dei Filio. 

Semper fecisti malum contra Adversarium consilio. 

. 81 Satis te putas sapiente, 

sed credimus quod mentis: 

vere non times Christo nec tibi'consenti t. 

84 Cui amas per omnia, 
eius facis opera. 

86 Nec genetoris tui diligebant Christum 

quando in monasterio fecerunt temetipsum. 

88 Tuos pater cum domno 
non fecit sancta opera; 

90 propter domnus digido 
relaxavit te vivo, 

92 docuit et nutrijvit] 

unde se postea penetivit. 

94 Non sequis Scriptura, 
nec rendis . . . iqua. 

96 Memores Grimaldo 

qualem fecisti damnum! 

98 . . . um et Deo non oblituit 

de bona que tibi fecit. 

100 Quid inde . . . [m]ubere sua? 

Habuisti conscientia nua! 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


519 


102 Nec . . . [an]norum peracta 
sed contra canonica . . . 

104 . . . ea de sancta congregatione 

aput . . . non ex devotione; 

? sed cum gran . . . 

cur nos scimus damnas nimis . . . 

108 tollis eis aurum et argentum et honoris, 

. *. liberat per has regiones. 

110 Cur te presumis | tantum /. 28 bis 

dampnare suum thesaurum? 
quod ut alibi 

113 Ubi eum rogas per tua malafacta 
quod non sunt apta? 

115 Amas puella bella 
de qualibet terra, 

117 prò nulla bonitate 
nec sancta caritate. 

119 Bonus nunquam eris 
dum tale via tenes. 

121 Per tua cauta longa 

satis es[t] vel non est per omnia? 

123 Iube te castrare 

ut non pereas per talis, 

quia fornicatoris Deus iudicabit. 

126 De culpas tuas alias te posso contristare, 
sed tu iubis mihi exinde aliquid remandare; 

128 ut in quale nobis retenit in tua caritate, 
exeant istas exemplarias 
per multas patrias. 

131 Ipso domino hoc reliquo. 

Se vidis amico 

qui te hoc nuntiat et donet consilium verum, 

134 sed te placit, lege et pliga, in pectore repone, 
sin autem non vis in butte include. 

IV 

Item alia 

136 Incipiunt verba per similitudinem iuncta 
de fide vacua, dolo pieno falsatore. 

138 Agino Salomon per sapientia 


520 


AMERINDO CAMILLl 


bene scripsit hanc sententia, 

140 ut ne similis fiat stulto: 

Nunquam respondes ei in mutto! 

142 Et retractavi tam in multum, 
sic respondere iussi stulto, 

144 ut confudatur stultum grado, 
nunquam presumat gloriare. 

146 Respondi, dixi de falsatore: 

Nec ei parcas in sermone, 

148 qui se plantavit ex robore, 
qui non pepercit suo ore 
150 vaneloquio susorrone, 

verborum vulnera murone; 

152 qui sui obl[itus] adiutoris, 
inmemores nutritoris 
calcavit iur[a] et [pudoris], 

155 qui fei date et prioris /. 28 ' bis 

alodis sui reparatoris 
sordidas vomit pudoris. 

158 Incredulas dicit loquellas et inprobas 
quo inquinat et conscientias. 

160 Bonum merito conquisitas, 
mundas, sanctas et antiquas, 

162 pulchras, firmissimas et pulitas 
meas rumpit amititias. 

164 Verba dicit — que nunquam vidit, 
ea scribit — que fecit: 
animus parcat qui eum credit. 

167 Etsi non stringit furorem loquestem, 
latro fraudolentus, 
homicidum est reus certus. 

170 Adulter, raptor est manifestus: 

innumerus fecit excelsus. 

172 Errando vadit quasi caecus, 
fuscare tenptat meuiji decus. 

174 A Deo dispectus et desertus, 
ab Inimico est perventus 
et per lingua et per pectus. 

177 Nolite domne, nolite fortis, 
nolite credere tantas fortes. 

179 Per Deum iuro et sacras fontis, 





181 

183 

185 

187 

189 

191 

193 

196 

198 

200 

202 

204 

206 

208 

210 

212 

214 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


521 


per Sion et Sinai montis, 
falsator est ille factus, 
excogitator est defamatus. 

Deformat vultum et deformata sunt [. . .], 
qualis est animus, talis et status. 

Non est homo, hic miser talis, 
latrat sed ut canis. 

Psallat de trapa ut linguaris, 
dilator maior nullis talis! 

Falsator grunnit post talone, 
buccas inflat in rotore, 
crebrat et currit in sudore, 
fleummas iactat in pudore. 

Nullum vero facit pavore 
qui non habet adiutorem 
super secundum meum tutorem. 

Non movit bracco tale baronem, 
non [mov]it bracco contra insontem. 

Non cessare, bracco, 
ab exaperto sacco 
. . . [b]racco; 

et salte de crasciant[e] non timere falco. 

Non perdas | ilio loco, 

non vales uno coco; 

non simulas tuo patre, 

vere nec tua matre-, 

non gaudeas de dentes, 

deformas tuos parentes. 

Ad tua falsatura 
talis decet corona. 


V 

I n d i c u 1 u m 

Nolite domne, nolite sanctae, 

nolite credere fabulas falsas, 

quia multum habetis falsatores 

qui vobis proferunt falsos sermones; 

furi atque muronis, 

similis aetiam et susuronis, 

et vobis domne non erunt protectoris. 


/. 29 


522 


AMERINDO CAMILLI 


217 Latrat vulpis sed non ut canis, 
saltus init semper inanis; 

219 cauta prof eri t, iam non fronte, 
cito decadet ante cano forte. 

221 Volat upua et non arundo, 

isterco commedit in so frundo, 

223 humile facit captadura 
sicut dilatus in falsatura. 

225 Falsator vadit tanquam latrò, 
ad aura psallit ut escotus. 

227 Mentit semper, vadit toritus 
et occidit que nunquam vidit. 

229 Nolite, domne atque prudentis, 
vestras non confrangat mentis 
et non derelinquere serventes. 

232 Tempus quidem iam transactus 

et hoc feci quod vobis fuit adaptum ; 

234 iam modo per verba fallacia 

sexum deiactus de vestra grafia. 

* * 

Facciamo seguire alcune osservazioni al testo. 

I 

1 Lo Zeumer crede molto probabile che questa inscriptio , 
come quella della seconda lettera (v. 36—37), siano state 
aggiunte posteriormente «da ihre Haltung nicht sehr zu der 
des Textes zu passen scheint». Veramente è solo questa 
prima che, non avendo assonanza, si stacca dalla maniera 
del testo. Probabilmente la seconda è originale, e su di essa 
è stata rifatta la prima in epoca posteriore. — Inportune per 
Inportuno . Non credo sia un caso di confusione della vocale 
terminativa, ma un semplice errore dell’ amanuense che, in 
vece del dativo, ha scritto qui il vocativo del v. 4. 

4 Abraso nel cod., ma bisogna restituirlo, perché altrimenti 
dura rimarrebbe senza assonanza. 

7 Nel cod. annon seguito da una lettera abrasa : potrebbe 
quindi leggersi anche annona . 

9 II genitivo tale anone è stato dato a cupimus probabilmente 
per influenza di cupidus . Il Pirson , che spiega anone come 
accusativo, dice che la -e «sert peut-ètre a rendre Ve qui se 



LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


523 


serait degagé de Va final». Ma, quantunque il fenomeno 
-e < -a sia attestato nelle formule merovingiche, nelle nostre 
lettere sarebbe Y unico esempio. 

10 Comentum da comedere (Zeumer). 

11 Imbolai è un derivato di boia < vola . Cfr. Parodi: Del 
passaggio di v [in b e di certe perturbazioni delle leggi 
fonetiche nel latino volgare (Romania XXVII, p. 229). 

12—13 Crustaflisca. La vocale tonica rima perfettamente, giacché 
ambedue gli il sono brevi in romanzo. 

19 i Qui è per quem\ ma non è un volgarismo, sì bene una con¬ 
fusione accidentale tra il nom. e Y acc. * 

23 Per nobiscnm v. Ducange (la congettura è del Boucherie). 

24 Formula di cortesia frequentissima all’ epoca merovingica 
(Meyer). — Tra u ed m di presumo o! è nel cod. una lettera 
abrasa: verosimilmente m. 

25 Mi sembra strano questo passaggio dal tu al voi nella stessa 
frase: credo quindi si debba leggere digneris. 

26 Zeumer : Transmisimus libi de ilio pane. | Probato , si inde 
ecc. Ma anche qui il passaggio dal tu al voi (probato non 
potrebb’ essere che probaié) e poi di nuovo al tu sarebbe 
stranissimo. 

32 «Faeton humble de se désigner soi : mème; on employait souvent 
au mème sens vilitas nostra » (Meyer). Qui mi sembra 
ablativo. 

II 

43 Cod. iogotale referrerò con due ìi di trasposizione. 

44—45 Condigniim-regnum rimano perfettamente, perché il romanzo 
parte da condégnu-régnn. 

47 «Tangunt haec verba parabolen Nathan 2 Reg. 12» (Zeumer). — 
Quem non sta né per quiim (Boucherie), né per quoniam o 
quia (Zeumer): é il relativo che Y italiano può render 
benissimo. 

49 Da questo verso il Winterfeld deduce che la disgrazia coniu¬ 
gale di Grimoaldo dev’ essere stata la causa della sua perdita. 
Egli pensa che il povero maggiordomo abbia domandato invano 
giustizia al debole Sigeberto, dominato dal clero, e da ciò sia 
stato trascinato alla ribellione e alla rovina. Mi sembra un 
po’ fantastico. 

55 Forse honore sanctarum. 


Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1922. 


35 


524 


AMERINDO CAMILLI 


57 Facilissimo il senso, ma è difficile restituire la parola. Il 
Boucherie congettura congressionis , ma lo Zeumer avverte 
che non può essere, «quia quinta vel sexta litera, cuius pars 
superior superest, l seu alia eminentior litera fuit». Io pro¬ 
porrei conio cationis, parola che abbiamo nel v. 59 dove mi 
sembra abbia io stesso significato. 

58—59 Proporrei : oportet scitis obsecratione | prò hac conlocutione ; 
cioè: «ci vogliono molti scongiuri per questa sorta di colloqui . 

61 Forse mcilajcicta , come a v. 113. 

62 Corrisponde allo scritturale : < Quod stultum est Dei, sapientius 
est hominibus) (1 Cor. 1,25). 

63 Lo Zeumer avverte che in non è sicuro. 

Ili . 

86—87 Christum-temetipsum , esempio di rima i-é, come poi oblituit- 
fecit (v. 98—99), amico-veruni (v. 132—133), vidit-fecit 
(v. 164-165). 

88 Pirson: domna , cioè la monaca colpevole. 

89 Fecit sancta, con i puntini ó’ espunzione nel cod.-, ma non si 
può togliere senza guastare il senso. 

90—91 < Manumissionis forma quaedam alias non memorata significar 
videtur (Zeumer). .Ma, caso mai, avremmo allora libero , 
non vivo. A me sembra si possa spiegar benissimo : con un 
cenno del suo dito, con un gesto di misericordia. 

95 Lo Zeumer supplisce ni si iniqua , e infatti nel ms. si scorge 
la seconda gamba della n. A ogni modo la vocale tonica 
dell’ ultima parola è i, il che ci dà nei v. 94—95 la coppia 
di rime a i (nei nostri documenti la vocale tonica rima sempre), 
molto importante per la storia dell’ il francese. Cfr. a questo 
proposito però anche repone-include (v. 134—135), falsatura- 
corona (v. 208 - 209), dove abbiamo la coppia u-o . 

100 Forse ei sustulisti r come a v. 47. 

109 Forse de te Deus homines liberat (per libePet : cfr. v. 20, 29) 
o qualcosa di simile. 

112 Queste parole, come mi suggeriva il dott. W. A. Baehrens, 
devono essere una glossa marginale di ubi, penetrata nel 
testo. 

122 11 Meyer crede che per omnia sia la parodia d’ una formula 
di scongiuro : «par tout ce qui peut ètre invoqué», e la unisce 
come fa il Boucherie, al verso seguente, facendo rimare 
long a con non-est , il che non mi par possibile. Io vedo in 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


525 


questo per omnia , come in quello del v. 84, il comune signi¬ 
ficato di omninOj omnibus rebus , in omni re, 

123 Retenit mi pare qui intransitivo. 

130 Queste parole hanno nel codice i puntini d’ espunzione. 

135 Credo si debba leggere, o intendere, in butte te include , perché, 
dopo tutto ciò che ha detto di sopra, Importuno non può ter¬ 
minare, esortando Frodeberto a buttar la lettera nel cestino 
(Papierkorb traduce il Winterfeld), qualora non gli piaccia. 

IV 

Dal fatto che questa lettera e la seguente non sono nume¬ 
rate, lo Zeumer induce che V amanuense deve essersi qui 
accorto dell’ errore commesso includendo i nostri documenti 
in una raccolta di formule giuridiche. Può essere ; ma 
allora perché la donatio ad filios con cui ricominciano le 
formule non è numerata neanch’ essa? 

136 — 137 Anche questo titolo (cfr. v. 1) è ritenuto dallo Zeumer, 
posteriore. — Per falsatore cfr. v. 224. 

138 Agino non è da ayiog , come pensa lo Zeumer, ma da agina 
per metaplasma. 

141 Cfr. Prov. 24, 4 Ne respondeas stulto iuxta stultitiam 
suam (Zeumer). 

144 II cod. confundat’ con un segno d’ espunzione sotto la se¬ 
conda n . 

154 «Ita conieci*, linea quaedam eminentior, quam codex, ceteris 
abscissis, congruo loco exhibet, literae d convenit» (Zeumer). 

158—159 Inprobas - conscientias , come poi manifestus-excelsus (v. 
170—171) è esempio di rima é-è. 

160 Bonmn , lo credo neutro con significato avverbiale. 

164—165 È una quartina a rima alternata. 

167 Cod.: loqnestem non stringit furorem , ma bisogna tra¬ 
sporre per la rima. — Credo che stringit abbia qui il 
significato di impugnare, sfoderare, come in stringere 
gladium . 

171 II Boucherie corregge excessus, 

177 Domne e fortis ì come nella quinta lettera donine (v. 210, 
216, 229), sanctae (v. 210), prudentis (v. 229), sono singo¬ 
lari. 

178 Corretto in sortes , cioè sordes . 

183 Dopo sunt dev’ essere stata tralasciata la parola che rimava 
con status (Me}^er). 


35 * 


526 


AMERINDO CAMILLI 


186 II cod. ha un’ abrasione dopo latrat e un’ altra dopo sed. 
Lo Zeumer restituisce latrat vulpis sed non ut canis (cfr. 
v. 217). A me sembra che qui l’abrasione sia da rispettare, 
perché il senso corre molto meglio. 

187 «Quid vero hic innuatur, nescio» (Zeumer). A me par 
certo che trapa (cioè traba ), sia la trave a cui venivano 
legati per la tortura i rei, che naturalmente urlavano, o 
cantavano come dice il nostro autore. Un’ allusione simile 
sarebbe contenuta nel v. 226. 

188 Per dilator cfr. v. 224. 

192 Per lo Zeumer qui pudor varrebbe existimatio . Più sem¬ 
plice è intendere putor . 

196—197 Baronem-insontem , rima o'-ò. 

201 Zeumer e Pirson: decrascianto- abbaiando. Ma è molto 
strano. Più semplice riportarlo a craxo per citaraxo . 

203 «Maint exemple montre que les cuisiniers occupaient au 
moyen-àgè un rang très-inférieur» (Meyer). Lo Zeumer 
crede piuttosto che si debba leggere cocco . 

V 

218 Cod. faltus. — Ricorda la favola esopica delle volpe e 
dell 1 uva. 

221 Cod. annidine con un o sopra i e i puntini d’ espunzione 
sopra ne. — Credo che si debba restituire volat upua set 
non ut arando (cfr. v. 217), altrimenti non c’ è senso. — 
Leggo nel Brehm che il volo dell’ upupa è assai irregolare, 
incerto e agitato, e che basta la comparsa d’ una rondine 
per farla tremare dallo spavento. 

222 Credo che il d di frundo sia dovuto all’ influenza di annido : 
a ogni modo significa fronte, non fronda. — È noto che 
1’ upupa cerca il suo cibo affondando nel letame il becco 
sino al capo. 

224 Nella quarta e nella quinta lettera abbiamo le parole falsator 
(v. 137, 146, 181, 189, 212, 225), falsatura (v. 2Ò8, 224), 
dilator (v. 188), dilatus (v. 224) sinora spiegate: falsario, 
falsificazione, delatore. Ma il trovare in questo verso 
riuniti dilatus e falsatura fa pensare a quel passo della 
Lex salica (XXX, 7) che dice: «Si quis alterum dilatorem 
vel falsatorem clamaverit et non potuerit adprobare, de 
dinarios, qui faciunt solidos xv, culpabilis iudicetur». Che 
cosa si debba intender qui per dilator e falsator non è ben 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


527 


certo, e io naturalmente non ho la pretesa di entrar nella 
questione. Solo vorrei osservare che dilatus nel nostro 
documento (come Augusto Gaudenzi sostiene per la legge 
salica : cfr. Salica legge nel Digesto italiano) potrebbe indi¬ 
care colui che, negando il delitto di cui era accusato, ottene¬ 
va una dilazione per fornire la prova della sua innocenza, 
ed era poi condannato a pagare il prezzo della mora ((Ma¬ 
tura) qualora la prova stessa non fosse stata raggiunta. 
Il falsator pòi sarebbe non il falsario in genere, ma colui 
che bugiardamente impugna di falso Y accusa per ottenere 
la dilatio. Nel caso nostro Frodeberto, prima di scriver 
la quarta lettera, avrebbe iniziato un’ azione giudiziaria 
contro Importuno, il quale avrebbe ottenuto la dilazione. 

225—228 11 Boucherie divide: Falsator vadit I tanqucim latro, I 
ad aura psallit, I ut Escotus mentit, semper vadit I tori- 
tus et occidit I quod nunquam vidit. Lo Zeumer: Falsa¬ 
tor vadit , / tanquam latro ad aura psallit, ! ut Escotus 
mentit semper, vadit / toritus et oc dicit I quod nunquam 
vidit . Ma né queste divisioni, né altre che se ne potrebbero 
escogitare, anche trasponendo, riescono a far coincidere la 
rima con la cadenza fonetica. Ciò induce ragionevolmente 
a sospettare che la lezione del codice sia guasta. Se si 
tien conto che questa lettera è ritmicamente la più regolare, 
non sarà difficile trovare dove per 1’ appunto manchi la 
rima. Il primo verso è certamente falsator vadit tanquam 
latro e 1' ultimo et occidit quod nunquam vidit (infatti la 
cadenza dev’ esser necessariamente su la parola precedente 
et con cui comincia una nuova frase) : il che porta a rimare 
vidit con toritus (che è dunque parossitono e non può esser 
identificato, come s’ è fatto sin qui, con lortus) e a costruire 
il penultimo verso: mentit semper, vadit toritus . Dunque 
il secondo verso dev’ essere: ad aura psallit ut escotus, 
ed è proprio escotus che bisogna mutare per aver la 
rima. Dal Ducange al Pirson è sembrato che le parole ut 
escotus mentit fossero sicure e dovessero stare a ogni modo 
insieme, perché la frase «mentire come uno scozzese» è 
proverbiale; ma mi par chiaro, dopo ciò che ho detto, 
che questo sia un abbaglio. Che cosa si debba sostituire 
a escotus per restituire la lezione originale, è difficile dire 
il più semplice, mi sembra, è leggere escatus (da esca — 
cauter ). I ladri, mi diceva il prof. Gaudenzi, venivano 


528 


AMERINDO CAMILLI 


spesso decalvati nella parte anteriore della testa con Y acqua 
bollente o una sostanza cauterizzante. — Quanto a toritus 

10 riporterei a taurus . — L 7 occidit del v. 228 è stato 
corretto dallo Zeumer in oc dicit , perché evidentemente 
abbiamo qui una ripetizione del v. 164. 

235 II prof. Monaci mi diceva di sospettare che sexitm (che 
non dà senso: e non capisco come il Pirson possa spiegare : 
«car c’est le mensonge qui a fait déchoir la femme») si 
debba leggere sed sum = si sum : il d aperto dell’ apografo 
merovingio) sarebbe stato scambiato per cs e trascritto x . 

11 dott. W. A. Baehrens mi avvertiva che si potrebbe anche 
leggere s(tim) exul. 

* * 

* 

Ed ora ecco la traduzione. 

I 

Per i meriti dei santi, all 7 onorando signore e fratello Importuno. 
Signore dolcissimo e fratello carissimo! O Importuno, perché rice¬ 
vesti tanto dure novelle, credesti che noi perivamo per una morte di 
fame già vicina, giacché ci volesti largire tale derrata. Nè per prezzo 
nè per dono non desideriamo di tale derrata. Ne facemmo pane. 
Così il signore ci ruba il frumento? Di fuori brutta è la crosta, di 
dentro la mollica è ben nera ; è aspra nel palato, amara, e l 7 odore ne 
è fetido. La vecchia (farina) mischiata con la nuova ne fanno oblate 
non belle. Abbi sempre riconoscente me che volesti regalato con 
mano tanto generosa, mentre Dio conservi la tua carica, in cui cono¬ 
scemmo sì grandi generosità. O quell 7 uomo, voi avete forse visto in 
casa nostra che moriamo — Dio sia con noi ! — di fame ? Ho l 7 ardire 
grande di salutarti e ti supplico perché ti degni di pregare per noi. 
Ti abbiamo mandato di quel pane che abbiamo provato, se ne puoi 
mangiare. Sin che viviamo ci liberi assolutamente Iddio da tale pane. 
La santa congregazione delle fanciulle rifiuta tale pasto. Per la nostra 
privata stoltezza, in riassunto di amicizia, ti auguro di star sempre 
sano e di conservarci i vincoli della tua affezione. 

II 

All 7 onorando signore e fratello Frodeberto vescovo. Signor Frode- 
berto, abbiamo udito che il nostro frumento non vi è stato gradito. 
Noi vogliamo parlare dei fatti vostri, affinché mai più vi diletti rifare 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


529 


un simile scherzo sul conto dei vostri pari. Giacché non fu con¬ 
veniente ciò che facesti, nel regno di Sigeberto, circa Grimaldo il 
maggiordomo, che gli togliesti la sua unica pecora, sua moglie, cosa 
per cui poi nel regno non ebbe più rispetto. E per mezzo di persone 
che venivano nel paese di Touraine, la mettesti nella santa congrega¬ 
zione, nel monastero delle fanciulle, che è edificato in onore ... E 
lì non faceste letture spirituali ma aveste . . . tra voi. 

Il resto non si pub spiegare . Mi sembra però chiaro che nei 
v. 64—5 Importuno rimproveri Frodeberto di seguitare a far il 
donnaiolo nel monastero con la scusa del pane, e nel v. 66 gli 
rinfacci d' esser figlio d' tma monaca, come spiegherà meglio nella 
tersa lettera. Termina poi dicendo: Perdona queste poche parole. 
Importuno del paese di Parigi. 


Ili 

Al mio signore Frodeberto senza Dio, nè santo, nè vescovo, nè 
chierico secolare, in cui regna Y antico Nemico degli uomini ! Chi 
non mi crede affatto, ve^ga ciò che fai. T auguro che t’ accada ciò, 
perchè tu non ami Dio e non credi al figlio di Dio. Di fronte al 
consiglio del Demonio, facesti sempre il male. Ti reputi molto sag¬ 
gio, ma crediamo che tu menti : in realtà non temi Cristo, nè egli 
ti approva. Tu fai le opere di chi ami (= del Demonio) in tutto e 
per tutto. Nè i tuoi genitori amavano Cristo, quando ti fecero in 
un monastero. Tuo padre di fronte al suo signore non fece opera 
santa, giacché il signore con .un (cenno del suo) dito ti rilasciò vivo, 
Y istruì e ti nutrì, onde poscia si pentì. Non segui la scrittura, né 
rendi . . . Ricordati di Grimoaldo, che male gli facesti! ... e Dio 
non dimenticò il bene che ti fece. Perché ne ... la sua moglie? 
Avesti una coscienza pulita! (I v. 102—106 non si possono tra¬ 
durre) . . . perché lo sappiamo ci condanni . . . togli ad essi Y oro, 
T argento e Y onore . . .. liberi per queste regioni. Perché hai tanta 
audacia di danneggiare il suo tesoro? Perché gli domandi, a causa 
delle tue malefatte (= per riparare le tue m.), cose che non sono 
convenienti? Ami le belle ragazze di qualunque paese e non per al¬ 
cuna bontà o per la santa carità. Non sarai mai buono finché tieni 
tale via. Per la tua coda lunga ce ri’ è abbastanza (di belle ragazze) 
o non ti bastano affatto? Fatti castrare, affinché tu non vada all’in¬ 
ferno per tali cose, perché Dio giudicherà i lussuriosi. Circa altre 
tue colpe posso affliggerti, se tu mi costringi a mandartene nova- 
mente qualche cosa, sicché questi esemplari si spargano per molte 
terre, in quel modo quale s’ accoglie per noi nella tua carità (= con 


530 


AMERINDO CAMILL1 


quello stesso sentimento che tu nutrì per me nella tua carità). Questo 
però lo lascio al mio stesso signore (= a te stesso). Se stimi amico 
chi ti manifesta ciò e ti dà un verace consiglio*, se ti piace, leggi 
(la lettera) e piegala e riponila in petto; se poi non vuoi, vatti a 
ficcare in una botte. 


IV 

Cominciano le parole legate da una somiglianza, intorno al falsatore 
di vuota fede, pieno d’ inganni. Con la bilancia (= giustamente) Saio- 
mone per la sua sapienza scrisse bene questa sentenza, perché uno 
non divenga simile allo stolto: Non rispondergli mai sul suo detto! 
E dubitai moltissimo, (ma finalmente) così volli rispondere allo stolto, 
affinché lo stolto venga confuso nel suo cammino, né mai presuma 
gloriarsi. Risposi (e) dissi del falsatore: Non perdonare nel tuo dis¬ 
corso colui che si piantò là senza vergogna, che non risparmiò alcuno 
con la sua bocca vaniloqua, maldicente, scellerata per le ferite delle 
sue parole; che dimentico di chi T aiutò, immemore di chi lo nutrì, 
calpestò la giustizia e il pudore ; che intorno alla fiducia datagli ( ovv . 
alla fede data) e al primo ricuperatore del suo allodio rece ignobile 
lezzo. Dice parole incredibili e cattive con cui insozza anche le co¬ 
scienze. Rompe le mie amicizie conquistate ben meritamente, pure, 
sante, antiche, belle, tenacissime e nette. Racconta ciò che non vide 
mai, (ma) scrive quel che ha fatto lui (addossandolo agli altri): 
T animo mio perdoni chi gli crede! Anche se non impugna il furore 
ciarliero, è (sempre) ladrone frodolento, reo certo di omicidi. È adul¬ 
tero, rapitore palese: fece innumerevoli eccessi! Va errando come 
un cieco (e) tenta offuscare il mio onore. Disprezzato e abbandonato 
da Dio, è stato preso dal Demonio per la lingua e per il petto. Non 
vogliate, o signore, non vogliate, o forte, non vogliate credere tante 
sozzure. Lo giuro per Iddio e per i sacri fonti, per i monti Sion e 
Sinai : egli è divenuto falsatore, è un oltracotante screditato. Deforma 
il volto e son deformati ... ; quale è 1’ animo, tale è anche Y aspetto. 
Non è un uomo questo tale miserabile, ma latra come un cane. Urli 
dalla trave (della tortura), giacché è un linguacciuto, un dilatore (del 
quale) nessuno è maggiore, questo tale! Il falsatore grugnisce dietro 
i talloni (= vi abbaia dietro), gonfia le guance arrotondandole (— si 
dà aria d ? importanza), s' affaccenda e corre (tutto) in sudore, va 
spargendo fetidi umori. Però non fa alcuna paura chi non ha un 
aiuto superiore a quello del mio propizio protettore. Un bracco non 
muove un tale barone, un bracco non lo muove contro un innocente. 
Non cessare, o bracco, dal sacco spalancato ... e almeno non aver 


LIBELLI FAMOSI DEL SETTIMO SECOLO 


531 


paura d’ un falco che scrive. Non ti perdere codesto posto : tu non 
vali un cuoco. Non rassomigli a tuo padre e neanche a tua madre. 
Che tu abbia il mal di denti, tu disonori i tuoi genitori. Per la tua 
falsatura ci vuole questa ghirlanda. 

V 

Non vogliate, o signore, non vogliate, o santo, non vogliate prestar 
fede a falsi racconti; giacché avete in abondanza falsatori (attorno) 
che vi fanno discorsi menzogneri ; ladri e scellerati, e similmente anche 
dei maldicenti; e per voi, o signore, non saranno difensori. Latra la 
volpe, ma non come il cane ; sempre invano tenta dei salti ; mostra la 
coda, non già la fronte; presto soccombe dinanzi a un cane forte. Vola 
T upupa, ma non come la rondine; si ciba dello sterco che ha nella 
sua fronte (= che le arriva alla fronte) ; piglia un umile atteggiamento 
come il dilatore nella, falsatura (= come colui che, dopo aver ottenuto 
la dilazione, è riconosciuto falsatore). Il falsatore va (a finire) come 
il ladro: urla alP aria venendo scottato. Mente sempre, va gagliardo 
come un toro e dice quello che non ha mai visto. Non vogliate, 
(perciò) o signore e uomo prudente, eh’ egli fiacchi i vostri sentimenti, 
e non abbandonare chi ti serve. Del tempo invero n’ è già passato, 
ed io ho fatto sempre ciò eh’ è stato a voi gradito: è già solo per 
parole menzognere, se sono decaduto dal vostro favore. 

Amerindo Camilli. 



BIBLIOGRAFIA 


Vocabulari català-alemany de l’anj r 1502. Edició facsimil segons 
Tunic exemplar conegut, acompanyada de la transcripció. 
d’un estudi preliminar i de registres alfabètics, per Pere 
B a r n i 1 s. Biblioteca filològica de l’Institut de la Llengua 
Catalana. Barcelona, Institut d’Estudis Catalans, Palau 
de la Diputació MCMXVI. 

Dans le compte-rendu du Diccionari Aguiló nous ferons allusion aux 
riches collections de ce savant. En effet sa bibliothèque contenait des manu- 
scrits et des livres imprimés catalans en grand nombre. Heureusement la 
Diputació Provincial de Barcelona (diète de la province de B.) a fait l’ac- 
quisition de ce trésor et a ainsi empèché que tant de richesses amassées 
patiemment ne se dispersassent. La Biblioteca de Catalunya s’enorgueillit 
ainsi d’une collection d’ouvrages catalans qui doit ètre unique au monde. 
Quelle chance qu’elle ne soit pas sorde des murs de Barcelone ! 

Parmi les livres rares conservés dans le «fonds Aguiló» un des plus curieux 
est sans doute celui qui porte le titre « Vocabolari molt profitos per 
apendre la catalati alamany y lo alamany catalan». Cest un vocabu- 
laire imprimé en 1502 à Perpignan par un allemand, Jean Rosembach. La 
bibliothèque Aguiló en a conservò le seul exemplaire dont on ait connais- 
sance. Dans le présent volume M. Barnils nous en donne un facsimilé. Il 
en valait bien la peine, car c’est le plus ancien dictionnaire que nous ayons 
d’une langue romane. Les matériaux n’en sont pas ordonnés alphabétique- 
ment, mais d’après les matières. Ainsi p. ex. le chapitre 19 parie du mo- 
bilier. Au point de vue de la lexicographie catalane l’importance du livre 
n’est^pas si grande qu’on pourrait peut-ètre le croire. L’auteur était un 
allemand. Sans doute il savait le catalan, mais il a subi aussi l’influence 
du castillan, et son texte s’en ressent. Tantót son orthographe s’approche 
de celle du castillan, tantót il emprunte à cette langue les termes tels quels. 
Beaucoup des mots qu’il cite, affectent des formes différentes. 11 n’est donc 
pas possible de dire quel était le dialecte suivi par l’auteur. Probablement 
il a connu plusieurs parlers catalans et les a mèlés un peu dans son recueil. 
Pour un étranger sans préparation particulière et qui ne pouvait s’appuyer 
sur aucun autre travail de ce genre dans le domaine du catalan, on ne peut 
pas demander mieux. L’importance de la partie allemande du livre est 
probablement plus grande. (Voir à ce sujet le compte-rendu des Estudis 
Romànics 2.) 



BIBLIOGRAFIA 


533 


M. Barnils accompagne le texte d’une transcription soignée et d une étude 
préliminaire dans laquelle il examine consciencieusement toutes les questions 
auxquelles je viens de faire allusion. Il le fait suivre d’un registre alpha- 
bétique fort commode. W . v . wartburg. 

Griera, A. Contribució a una dialectologfa catalana. Extret 
del Butlletl de dialectologfa catalana, vols. Vili i IX. 
Barcelona MCMXXI. 

M. A. Griera a eu l’heureuse idée de réunir en un seul volume ses études 
de dialectologie catalane qu’il a publiées dans les volumes 8 et 9 du Butlletf. 
C’est la première fois qu’on essaie de nous donner des renseignements com- 
plets sur tous les dialectes du domaine catalan. Pour tous ceux qui s’in- 
téressent au développement des langues ibéroromanes ce livre est de la plus 
haute importance. On y voit jusqu’à quel point le catalan s’est écarté des 
autres idiomes de la péninsule. On est étonné de constater aussi la grande 
variété de ces dialectes, vu que la plupart ne se sont développés que depuis 
la Reconquista. Pour les détails je renvoie à mon compte-rendu du Butlletl. 
Je me permets une seule remarque générale. Ce qui caractérise un dialecte, 
ce ne sont pas seulement ses sons et ses formes, mais aussi son vocabulaire 1 . 
Il faudrait donc ajouter encore un chapitre sur le vocabulaire particulier à 
chacune des régions catalanes. Sans doute la publication de l’Atlas lin- 
guistique de la Catalogne, qui est sous presse, et le glossaire des dialectes 
catalans, que M. G- prépare depuis longtemps, mettront à la portée de tout 
le monde les matériaux nécessaires pour en juger. Espérons que l’infati- 
gable et féconde activité de M. G. nous en donne aussi l’interprétation. Car 
il n’y a personne qui puisse nous orienter mieux là-dessus que lui. 

W. v. Wartburg. 


Francesco Torraca. A proposito dell' Intelligenza. Napoli, estr. 
Memorie R. Accademia Archeologia ecc., 1920; in 8°, 
pp. 14. 

In questa Memoria accademica, Francesco Torraca, con il suo consueto 
acume e con geniale interpretazione, risolve parecchi importanti quesiti. 

Come si sa, nel ms. fiorentino contenente l’ Intelligenza, si lesse in fondo 
il nome di Dino Compagni, che ora più non appare; ma tale attribuzione 
non fu ritenuta da alcune studiosi, ultimo fra i quali i 1 prof. Vincenzo Biagi 2 . 
Questi vorrebbe pensare a tal Mastro Giandino , sulla fede del sonetto di 


1 C’est ce qu’a bien compris M. Bertoni en composant son beau livre «Italia 
dialettale». Pour la première fois on y essaie de caractériser les diverses 
régions d’un pays roman d’après leur vocabulaire. Voir les pages 38—49 
de son livre. Sans doute ce n’est qu’un premier essai; le problème demande 
à ètre approfondi. 

1 L’Intelligenza, che sia e di chi ; Pisa, Mariotti, 1920, per nozze 
Flamini-Landogna. • 



534 


GENNARO MARIA MONTI 


quattro quartine di Dino Compagni 1 , che comincia «La intelligenza vostra, 
amico, è tanta», tratto dal ms. vaticano latino 3214. Egli, infatti, interpreta 
questo sonetto nel senso che Mastro Giandino, autore del poemetto, l’abbia 
inviato al Compagni e che questi, dopo averlo letto, gli abbia espresso la 
sua riconoscenza e la sua stima. Il Torraca, invece, dimostra errata questa 
interpretazione — per cui il Del lungo e il Biagi avevano dovuto aggiungere 
parecchio al testo e porre tra parentesi alcuni versi — e dimostra che il 
sonetto è una domanda, non una risposta, è una preghiera, non un ringra¬ 
ziamento e «rientra nella serie non breve di quelli, che i rimatori toscani 
usarono mandarsi per proporsi scambievolmente enigmi, questioncelle, per lo 
più d’amore, ma anche d’altra materia» (p. 8). Dino, insomma, propone a 
Mastro Giandino la questione di quale «fra i due movimenti accidentali 

— calore e freddo — generi virtù». 

Nè basta; esclusa così l’attribuzione a Giandino, il Torraca dimostra che 
non è necessario attribuire il poemetto ad un «fisico» per le cognizioni spe¬ 
ciali e tecniche, che, secondo il Biagi, si debbono presupporre nell’autore di 
esso, perchè l’ Intelligenza è un centone di parti desunte da diverse fonti 
ed anche la fisiologia e l’anatomia son tratte da scrittori assai diffusi del 
tempo; mentre alcune notizie di farmacia son tradotte in versi dai Fatti di 
Cesare ; onde ben si può concludere con 1’A. che il rimatore del poemetto, 
«non solo non fu Giandino: ma non fu nemmeno medico o farmacista» (p. 14). 

Un’ultima ipotesi avanza il Torraca: che dalla stanza in decima rima 

— quale si ritrova in Garzo dell’Ancisa, in Ruggiero Apugliese e in altri 
antichi — con la soppressione di uno dei tre monorimi (vv. 7, 8, 9) sia deri¬ 
vata la nona rima dell’ Intelligenza e che da questa, con la soppressione 
dell’ultimo verso, sia nata l’ottava: ed anche quest'ultima osservazione è 
da prendersi, per la sua acutezza e genialità, in attento esame, perchè risol¬ 
verebbe una delle più difficili questioni metriche, e metterebbe ancora in 
maggior luce l’importanza delle laudi e dei laudesi nella nostra letteratura 
delle origini. 

Gennaro Maria Monti. 


Pietro Fedele. Per la storia dall’ attentato di Anagni. Roma, 
estr. Ballettino Istituto Storico li-, n. 41, 1921. 8° gr„ 
pp. 40. 

L’illustre prof. Fedele, che con tanta erudizione e genialità da più anni 
studia la figura di Bonifacio Vili, reca, con questo lavoro, non solo un con¬ 
tributo alla storia civile, ma lumeggia anche la nostra storia letteraria nei 
riguardi di Dante. 

La maggior parte, infatti, degli storici asserisce che il «magnanimo» ponte¬ 
fice non fu ingiuriato nè percosso e che «pur nel furibondo assalto, dato nel 
suo palazzo, e neh tumulto che ne seguì, quando gli aggressori, a mano ar¬ 
mata, si precipitarono nelle sue stanze, la sua persona fu, invero miracolosa¬ 
mente, rispettata» (pp. 5—6); e che, quindi, Dante parlasse «più da poeta che 


1 Dino Compagni e la sua Cronica; Firenze, Le Monnier, voi. 1. 


BIBLIOGRAFIA 


535 


da storico paragonando Filippo il Bello a Pilato, asserendo, quindi, che vara¬ 
mente vi fosse stata un’ offesa personale. 

L’A. invece, con erudizione grandissima e con uno spoglio completo di 
tutte le cronache del tempo, del processo contro la memoria di Bonifacio e 
di altre fonti storiche.— fra cui alcuni inediti documenti tratti dai Registri 
Angioini del Reai Archivio di Stato di Napoli — dimostra in modo sicuro 
che il Papa si presentò davvero ai nemici nei padulamenti pontifici — come 
aveva asserito il Villani — e che patì veramente violenza. Dante rispettò, 
pertanto, del tutto, la storia nei noti e mirabili versi del Canto XX.del Pur¬ 
gatorio, veementi di sdegno contro l’offesa recata al Vicario di Cristo e fu 
— come si esprime 1’ A. — «1’interprete vigoroso e potente del popolo ita¬ 
liano, nel quale la catastrofe di Anagni dovette fare un’ impressione. 

profonda» (p. 4). 

Ma, oltre a questo gran merito di aver chiarito definitivamente una tanto . 
discussa questione, l’Autore si è reso anche benemerito degli studi più spe¬ 
cificamente danteschi, avanzando l’ipotesi che il sommo poeta fosse a Perugia 
nel giugno 1304 e notando per primo due riscontri della Divina Commedia. 

I versi citati su Bonifacio presentano, infatti, evidente relazione con un passo 
del discorso tenuto da Benedetto XI al popolo di Perugia il 29 giugno, 
quale ci è stato trasmesso dal continuatore dei Flores historicarum in 
Westminster: «deploravit abhominabile excidium in vicarium Jesu Christi 
et Petri commissum. Nec tantum casum persone deflevit, quin immo ipsum 
Christum a militibus Pilati iterum spoliari asserens, captum, damnatum, et 
tamquam remortuum planxit in carcere». Il verso, poi, su Gioacchino da 
Fiora «di spirito profetico dotato», deriva certamente dall’ antiphona ad 
vespertini che i seguaci dell’abate calabrese cantavano nell’ufficio in suo 
onore: «beate Ioachim, spiritu dotatus próphetico, decoratus intelligentia, er¬ 
rore procul heretico», ecc. (p. 19). 

Così, in questo pregevolissimo lavoro, lo studio letterario s’innesta e si 
fonde con quello civile e uno dei passi più celebri della Divina Commedia 
viene adeguatamente illustrato nella sua fedeltà storica. 

Gennaro Maria Monti. 

Ernesto Buonaiuti. Filosofìa e Religione del Medio Evo . San 
Tommaso e Sigieri di Brabante. Roma, estr. Nuova 
Antologia, 1922. 4°. 12 pp. 

Come è noto, nei canti X—XIV del Paradiso Dante «ha voluto farci sen¬ 
tire in sublime consonanza quelle che in terra sembran voci dispaiate e dis¬ 
cordi» *, onde San Tommaso e San Bonaventura non soltanto, rispettivamente, 
cantano la gloria di S. Francesco e di S. Domenico, ma anche quella di Si¬ 
gieri e di Gioacchino da Fiora, entrambi, quest’ ultimi, condannati dalla 
Chiesa: e son note le due terzine entusiaste che il Divino Poeta dedica a 
Sigieri. Ma perchè questa speciale ricordanza del filosofo averroista e come 
conciliarla con le dottrine antiaverroiste dell’Alighieri? 


1 Cfr. P. P. T[rompeo], recensione a questo lavoro in La Coltura , anno I, 
fase. 9, Olschki, 1922, pp. 429-430. 




536 


GENNARO MARIA MONTI 


Ai molti studiosi di questa difficile questione, quali, a tacer d’ altri, furono 
il Cipolla 1 e il Mandonnet 2 , si aggiunge ora il Buonaiuti, forte storico 
del Cristianesimo,, antesignano del contemporaneo movimento in Italia di 
studi critici sulla religione, la cui figura «esperta di angosciosi travagli spiri¬ 
tuali» è veramente un centro vivo del moderno spirito religioso. Non è 
opportuno, in questa Rivista, trattare del rapido e perspicuo quadro dell’ Ari¬ 
stotelismo e del Platonismo nel Medio Evo e dei loro vari conflitti, che F A. 
traccia nella presente memoria, nè della ricostruzione del pensiero averroista 
di Sigieri, da lui, a ragione e d’ accordo con gli studiosi posteriori al 
Cipolla (ad es. il Gentile, il Torraca, lo Zingarelli etc.), identificato con 
Sigieri di Brabante, scomunicato nel 1278, ucciso in Orvieto fra il 1282 
e il 1284 3 . 

Ai cultori di letteratura importa, piuttosto, conoscere l’interpretazione 
del B. sulle discusse terzine: ora, egli spiega l’altissimo posto del canonico 
di Liegi con l 1 opinione che Dante conobbe soltanto superficialmente le sue 
dottrine filosofiche. Ma questa spiegazione — già avanzata dal Gentile 4 e 
dal Torraca 5 , da sola, non basterebbe a chiarire interamente l’entusiasmo 
di Dante per il teologo condannato; onde il B. avanza — e qui è la sua 
originalità — F ipotesi che il Brabantino «ha meritato la commiserazione e 
l’ammirazione di Dante» per «la docilità con cui accolse la sua condanna 
ecclesiastica», esaltando così «là dove, al di là delle idee, sono premiate le 
intenzioni e celebrato il merito della virtù cristiana» «colui che, pervenuto 
per le vie insidiose della dialettica, a conclusioni eterodosse, seppe far generoso 
gettito delle sue personali visioni, di fronte al grande fatto e alle imperiose 
esigenze della vita religiosa associata» (p. 11) Così Dante intorno a Beatrice 
convoca a raccolta «le figure dei pensatori, che nella fiamma della fede tem¬ 
prarono e vagliarono le elaborazioni della loro ragione», che «la medesima 
aspirazioni religiosa ha fatti degni di essere affratellati nell’ identico serto 
di luce e di gioia» (p. 12). 

Opinione, questa dell’A., già accolta benevolmente da alcune critici 6 , che 
veramente reca luce al difficile problema e spiega sufficientemente e chiara¬ 
mente F appellativo di «luce eterna» che con tanta enfasi e calore Dante 
pone sulle labbra di S. Tommaso d’Aquino: e ben a proposito l’A. cita il 
vecchio assioma medioevale, bandito per la prima volta da Alcuino, che ere¬ 
tico è soltanto colui che resiste all’insegnamento ufficiale ecclesiastico, non 
già colui che alla stessa autorità si sottomette: «Non est hereticus, nisi in 
contentane ». Così la breve ma densa e geniale memoria del Buonaiuti, oltre 
ad offrire grande interesse filosofico e storico, risolve pienamente, a parer 
mio, uno dei più discussi luoghi della Divina Commedia. 

Gennaro Maria Monti. 


1 Sigieri nella Divina Commedia , in Giornale Stor. Leti. IL, Voi. Vili, 
1886, pp. 53-139. 

2 Siger de Brabant et V Averroisme latin , Fribourg, 1899. 

3 Cfr. Zingarelli, Dante , Milano, F. Vallardi, s. d. pp. 240 e 719. 

4 La Filosofia , Milano, s. d. F. Vallardi, p. 137. 

5 Nel Commento, 3. ed. 1915, p. 729. 

6 Cfr. il Trompeo nella recensione cit. 



bibliografia 


537 


Raffaello Morghen. Dante, il Villani e Ricordano Malispini . 

Roma, est. Bull. Istituto Stov. It . n. 41, 1921. 8° gr. pp. 26. 

Già in un precedente lavoro 1’ A. si è proposto di dimostrare 1’ autenticità 
della cronaca di Ricordano Malispini; questo nuova memoria riprende, da 
una parte, lo stesso argomento della precedente e, dall’ altra, è un contributo 
alle fonti dantesche. 

Evidenti sono le relazioni fra la Divina Commedia e la Cronaca del 
Villani; donde due ipotesi: o che la seconda fosse fonte della prima o vice¬ 
versa; ma la prima soluzione è impossibile per ragioni cronologiche e la 
seconda — caldeggiata specialmente dal Neri in un pregevolissimo articolo 1 — 
è stata molto discussa perchè, come si esprime il Cipolla, «nel Villani le 
frasi storiche corrispondenti a quelle usate da Dante sono indossolubilment’e 
legate e immedesimate con altre frasi e notizie, si che in molti casi la nar¬ 
razione è irriducibile a quella del poeta, ma non viceversa» 2 . 

Appunto a rinsaldare gli argomenti del Cipolla e di altri, 1’ A. aggiunge 
molte considerazioni o minuti confronti, concludendo con 1’ osservare che «se 
pure il Villani ... ha subito in qualche luogo l’influenza del giudizio di 
Dante, ha d 1 altronde avuto di fronte a sè un’ altra, o altre fonti storiche dalle 
quali ha attinto i particolari di quei fatti sui quali Dante costruiva la sua 
concezione storica» (p. 11); e finendo con V identificare nella Cronaca di 
Ricordano la fonte storica del Villani. 

Date, per tanto, queste conclusioni e quelle sull 1 autenticità malispiniana 
del suo precedente lavoro, l 1 A. riprende la vecchia tesi del Busson che pro¬ 
prio il Malispini fosse stata la fonte comune di Dante e di Villani. E la 
dimostrazione di tale assunto è condotta criticamente con un raffronto minuto 
ed esauriente dei tre testi, e si fonda su alcuni passi danteschi veramente 
decisivi, come quello di Buoso da Doara, di Buondelmonte dei Buondelmonti 
e di altri, in cui si ritrovano delle espressioni del Malespini che mancano 
invece nel Villani; si che egli può sicuramente conchiudere: «è dunque da 
Ricordano che Dante attinge, ed è Ricordano Malispini che il Villani in¬ 
corpora senz’altro nella sua cronaca, ritoccandolo, correggendolo, amplian¬ 
dolo, con le notizie che egli poteva trovare in altre fonti, ornandolo con le 
reminiscenza letterarie del poema divino» (p. 24). 

Questa dimestrazione, quindi, non soltanto conferma, ancora una volta, 
l 1 autenticità Malispiniana ma risolve una fra le questioni più importanti 
della Divina Commedia, circa la fonte storica di tanta parte di essa; onde 
ben meritano rilievo l’importanza di questo difficile lavoro e la perizia e 
1’ acume dell 1 A., che sono di garanzia per nuovi e più vasti studi che dal 
suo ingegno si attendono. 

Gennaro Maria Monti. 

1 Dante e il primo Villani in Giornale Dantesco, Voi. XX, Firence, 
1912. 

2 Di alcuni luoghi autobiografici della Divina Commedia in Atti 
Accademia Torino , Voi. XXVIII, 1893, p. 389. 



538 


GENNARO* MARIA MONTI 


Vincenzo Morelli. Maometto in disgrazia . — Alessandro Cutolo. 

Le miserie di un genio incompreso nel 1600. In Fantasma, 
a VI, n. 81 e a VII. n. 97. Napoli, 1921—1922. 

Il Morelli e il Cutolo, due dotti cultori di storia letteraria e civile, en¬ 
trambi del R. Archivio di Stato di Napoli, hanno studiato acutamente Y i- 
nedito fascio farnesiano 393 dello stesso Archivio, contenente poesie seicente¬ 
sche provenienti dalla Corte di Parma. 

Il primo ne trae un anonimo Recitativo dalla rubrica «La turca battezzata 
che dal campo turchesco chiama V amante all’ istessa fede», che si ricollega 
a tutta la vasta letteratura sui Barbareschi cui 1’ A. già dedicò un ampio ed 
erudito lavoro 1 . 

Il secondo pubblica due epistole in 3 rima dirette al Duca Ranuccio Far¬ 
nese, gran mecenate dei letterati, come è noto, da Giovan Paolo Ambrogi 
poeta romano, che si raccomanda alla munificenza ducale per un sussidio sia 
per la stampa delle sue rime, sia per il suo sostentamento. 

Poesie, queste dell’anonimo e dell’Ambrogi, che, pur senza assurgere a 
soverchia importanza, rappresentano un esempio non dei peggiori della nostra 
poesia seicentesca, di quella musicale e di quella cortigiana, che aspettano 
ancora degli studi esaurienti e comprensivi che compiutamente le illustrino. 

Gennaro Maria Monti. 


1 I «Barbareschi» contro il Regno di Napoli. Napoli, Ceccoli, 1920: 
su cui cfr. la mia recensione nella Rivista di Cultura, a. I, Roma, fase. 30 
aprile 1921, pp. 183—184. 



Indice delle voci citate 

compilato du P.Aebischer 1 . 


abauti , prov. mod. 494 
abauzat, prov. mod. 494 
abbracciti, sicil. 294 
abejarroti, spagn. 203 
abelanco, prov. mod. 199 
abró, frane, dial. 195 
adichisire, mac -rum. 230 
aduura, dac.-rum. 254 
adruzenè, frane, dial. 323 
adriizi, lion. 316 
aiguisoir, frane. 89 
ainte, ant. rum. 274 
ala, spagn. port. 300 
di ab e, spagn. 497 
alitine, frane. 300 
alunà, rum. 275 
amblais, a. frane. 192 
ambosta, piem. 191 
amélangier, frane. 199 
andnpirare, mac.-rum. 231 
arenile, rum. 212 
àrapende, ant. spagn. 191 
aripa, rum. 254 
arpent, frane. 191 
artimaire , ant. frane. 166 
aruvinare , mac.-rum. 255 
arvanu, sicil. 294 
Asnois, Nièvre, Vienne 361 
astret, mac -rum. 255 
atreverse, spag. 497 
au, mac.-rum. 255 
ante, mac.-rum. 255 
Anvelais, Namur 361 


badie, frane. 202 
bagot, ant. catal. 203 
balandran, prov. mod. 497 
ballar in a, piem. 173 
bano, frane, del mezz. 208 
bardngà, rum. 214 
barj otti ado, prov. mod. 205 
, basire, pist. 202 
; bot, rum. 256 
| banca, prov. 202 
j beatimi , rum, 275 
beat, rum. 275 
befana, it. 459 
beklè , lion. 204. 
belho, prov. mod. 203. 
bèrbi, prov. mod. 207 
beretin, venez. 241 
Bernister, liegi 505 
ber rat, vallon. 358 
bertesca, ant. prov. 302 
besaine, ant. frane. 203 
he sci e, prov. 204 
bia, valses. 203 
bies, ant. frane. 9 
bijun, valses. 203 
! pindóm, valmagg. 161 
! bindurare, mac.-rum. 256 
bisat, retorom. 8 
bitte , frane. 301 
bleix, catal. 495 
blou, ant. frane. 301 
boffa, grigion. 191 
bolkier, vallm. ant. 364 


1 Poiché il voi. VI dell’ «Arch. Rom.» è quasi tutto consacrato ad argo¬ 
menti linguistici, si tralascia l’indice dei nomi. 

Archivimi Romanicum. — Voi. VI. — 1928. 


36 





540 


INDICE DELLE VOCI CITATE 


boi Bone, ital. 302 
bondar, prov. 302 
bornar, catal. 496 
bot, dac.-rum. 256 
Bouffioulx, Belgio 367 
bourbo, lim. 204 
bousson , ant. frane. 302 
Bovenistier, liegi 305 
Bovesse, Namur 361 
bovarina , it. dial. 172 
bozzima, ital. 458 
brais, ant. frane. 204 
braz, ant. frane. 16 
brea, sassar. 206 
bretesche, ant. frane. 302 
brientar, ant. lomb. 206 
brif, ant. frane. 206 
brizeau, frane, dial. 205 
broa , prov. 193 
brova, savoiardo 193 
brunàlt, venez. 242 
bufo, pis. 171 
buigla, boi. 168 
buturugà, dac.-rum. 213 

Cab oche, frane. 98 
cachila, rum. 232 
caer, dac.-rum. 256 
cafotin, frane, sett. 76 
calabozo, spagn. 199 
calagozo , spagn. 199 
calterire, ant. it. 164 
caltrire, lucch. 164 
caramot, catal. 496 
carinte, mac.-rum. 256 
carnai, istr.-rum. 213 
carrancas, galiz. 501 
cartoapi, megl. 231 
castron, dac.-rum. 231 
cave zzo, venez. 246 
chanfrein, frane. 211 
charpaint, grigion. 195 
charpente, frane. 194 
tharpint, friul. 195 
chastrez, vallon. ant. 3bl 
cheer, rum. 275 
chéturì, mac.-rum. 213 
chipirare, mac.-rum. 256 
chipita, mac.-rum 256 


chipitare , mac.-rum. 256 
chini, dac.-rum. 257 
ciciott, march. 173 
cieu-cieu, piem. 173 
ciò-ciò, ital. dial. 173 
cìol'ù, mac.-rum. 231 
clona, mac.-rum. 257 
clrcirare, mac.-rum. 257 
ciripi , dac.-rum. 257 
chipa , dac.-rum. 257 
cloambà , dac.-rum. 231 
coca, mac.-rum. 257 
coditremola, senese 174 
coiffe , frauc. 303 
cólta, dac.-rum. 257 
collera, it. 460 
columbeo. Salamanca 495 
cor rulla, catal. 495 
cortelasso, veron. 282 
cot, prov. 4 
cote, ital. 4 
i couado, limos. 47 
coue, ant. frane. 10 
couenne, frane. 36 
couget, vendom. 3 
couille, frane. 76 
coyer, frane. 4 
cràmura, dac.-rum. 257 
crapena, vaiteli. 195 
criante, jur. 207 
oriente, ticin. 207 
crier, rum. 275 
crinser, frane, dial. 207 
crinses, Morvan 207 
croamba, dac.-rum. 257 
cruc, prov. 200 
cruvicà, moran. 296 
cuccuascia, otrant. 170 
cucumea, rum. 258 
cuddura, sicil. 294 
calare, dac.-rum. 258 
culumb , mac.-rum. 258 
cuotuliare, calab. 249 
curubit, mac.-rum. 258 
cute, rum. 4 
cutrettola, fiorent. 174 

dfód, Grand’ Combe 208 
dèlayer, frane. 209 





INDICE DELLE VOCI CITATE 


541 


depara, dac.-rum. 259 
derbese, frane, dial. 208 
derbi , piem. 207 
desfoca, rum. 275 
deslegar, ant. prov. 209 
dezbàra, dac.-rum. 259 
dirmi* , dac.-rum. 259 
diroucare, calab. 296 
disntarivi, meglen. 230 
dor, ant. frane. 194 
dorgno, frane, merid. 194 
dorn, prov. 194 
dome, frane, dial. 194 
dournée, frane, dial. 194 
drdeila, dac.-rum. 231 
drigà, Forez 317 
droe, ant. frane. 304 
dru, frane. 313 sgg. 
druo, genov. 326 
drudarié, prov. raod. 325 
drudo, ital. 313 
druesse, frane, dial. 323 
druge, frane. 315 
drugier, ant. frane. 317 
drugier, frane, dial. 327 sgg. 
druiun , ant. frane. 313 
drussir, frane, dial. 323 
duende, spagn. 495 
dunare, dac.-rum. 259 

édriidyé, frane, prov. 328 
embozà , spagn. dial. 191 
encentar , spagn. 496 
enconàrse, spagn. 494 
enderce, frane, dial. 208 
engandora, maiorch. 496 
engevera, catal. ant. 496 
esbaltirse, maiorch. 496 
escafoter, vallon. 76 
eslabón, spagn. 497 
e slava, arag. 497 
e speto, spagn., port. 308 
estron, ant. prov. 309 

falbo, ital. 304 
faluppa, umbr. 171 
fatùr, rum. 212 
fanti, rum. 275 
fauve, frane. 304 
fecìoara, rum. 212 


filinia, sicil. 295 
flaon, ant. frane. 305 
fior, rum. 259 
fluer, dac.-rum. 260 
fluera, dac.-rum. 260 
foissier, frane. 79 
fradinho, part. 169 
frailecillo, spagn. 169 
frandzel, friul. 212 
franzélà, dac.-rum. 230 
frangola, rum. 231 
froda , ticin. 193 
frunceaua, rum. ant. 212 
furticchia, sicil. 171 
fusar, rum. 171 
fusella, lomb. 171 
fuso, pugl. 171 

garance, frane. 311 
garba, prov., spagn. 305 
gargarie, ant. frane. 69 
gatuperio, spagn. 495 
gàudire, mac.-rum. 260 
- gerdereau, Haut-Maine 69 
| gichero, ital. 208 
gimerre, prov. mod. 499 
| giop, retor. 209 
ghìoagà, rum. 275 
godiche, norm. 338 
I godo, minh. 4 
; goja, prov. 197 
gonne, ant. frane. 208 
goui, franco-prov. 197 
gouille, frane. 209 
gouyart, Champsaur, 197 
goyarda, Champsaur, 197 
glazù, Brescia 208 
glui, frane. 8 
granocchiaia, fior. 168 
granocchio, ital. 168 
grapado, prov. mod. 207 
gren, prov. ant. 208 
greumint, dac.-rum. 260 
grier, dac.-rum. 260 
grimpard, frane. 167 
groie, ant. frane. 199 
groue, ant. frane. 199 
grouet, frane, dial. 200 
grugnet, lomb. 169 


36 * 




542 


INDICE DELLE VOCI CITATE 


grutu, rum. ‘214 
gualandriu, ant. sp. 497 
gubbeja, irp. 197 
guchia, venez. 242 
gudura, dac.-rum. 260 
guermentery ant. frane. 208 
gaesde , ant. frane. 208 
gueuse, ant. frane. 208 
giilbia, napol. 196 
gutune , mac -rum. 212 

biacca, ant. sicil. 295 
baiate, mac.-rum. 231 
hairon, ant. frane. 306 
beuce, ant. frane. 69 

impreord, rum. 264 
incheìa , rum. 275 
ìngrernia, rum. 276 
iride , it. 280 sgg. 
iris , frane., piem. 282 

jardereau, ant. frane. 205 
jarjaio, prov. mod. 205 
Jehanster, liegi 505 
jena, Castrovillati, 295 
jina, sicil. 295 

kalbòs, vallon. 368 
kanaide, venez. 248 
kapis, vallon. 368 
ken, ant. frane. 4 
ki\or, rum. dial. 213 
koer, trevig. 4 

koi, frane, dial. 35 
kós, picard. 15 
kosio, frane, dial. 80 
kot, friul. 4 

kovei, friborgh. 4 
kua, frane, dial. 41 
kuado, prov. mod. 47 
kuaina, frane, dial. 43 
kuatie, frane, dial. 80 
kndàr, bologn. 4 
kue, piem. 4 
kael , frane, dial. 35 

knt, retorom. 4 
kiitela, prov. mod. 280 


kuterero, prov. mod. 25 
knvie, jur. 4 

làbardin, frane, dial. 93 
lagno , bar. 170 
latta, ital. 306 
legàna, rum. 232 
legana, rum. 498 
leisa, prov. 307 
leisse, ant. frane. 307 
lémante, frane, dial. 170 
HnóUtróm, valmagg. 161 
lirgo, prov. mod. 283 
liscuv?ti, meglen. 231 
lo, sav. 49 

liigiizòm, valmagg. 161 
lup, rum. 214 
lurba, genov. 161 
lutisor, dac.-rum. 261 

I màducà, rum. 213 

I magurà, rum. 214 

I maini, frane. 209 
maldra, Eure, 331 
mambrù, catal. 498 
maniobrar, Murcia 498 
mar, rum. 212 
marasàtt, bologn. 249 
maràzz, parmig. 249 
marca, prov. 193 
marchais, frane, dial. 209 
margalh, aveyron. 209 
margar, spagn., port. 209 
margelle, frane. 69 
margoulis, prov. mod. 209 
màruncà, dac.-rum. 261 
masain, grigion. 203 
masko, prov. mod. 308 
mieria, dac. rum. 261 
mijoarcà , dac.-rum. 231 

S monachino , ital. 169 
mossion, frane, dial. 362 
monsto, gasc. 191 
moza, spagn. dial. 191 

nache, frane, dial. 209 
neios, dac.-rum. 261 
nestimatà, dac -rum. 261 
ngordu, mac.-rum. 261 





INDICE DELLE VOCI CITATE 


543 


niui, vallm. 356 
nofe, frane, dial. 50 
nnyp f liegi 357 

óivci, mont. 161 
ólva, poschiav. 161 
orca, mac.-rum. 261 
oropéndolo, spagn. 168 
yrtn, lieg, 362 
orvicare , Cosenza, 296 
otta, ital. 163 
onche, ant. frane. 209 

paghèra , trent. 209 
pàmint, rum. 276 
pampaliiga, valmagg. 161 
papalaudo, prov. mod. 262 
paparudà, dac.-rum. 261 
papiciddu, sicil. 296 
papparutu, calabr. 262 
papilla , mac.-rum. 263 
pàscare, dac.-rum. 263 
pàscurà, dac.-rum. 263 
pastura, dac.-rum. 263 
pat, rum. 276 
pecchia, ital. 203 
pelindrajo, spagn. 504 
Pepinster, Liegi 505 
per caccia, calabr. 168 
pernice, ital. 168 
petit , frane. 210 
picàsiri meglen. 230 
piddata, sicil. 296 
piduritz. , meglen. 263 
pincistróm, valmagg. 161 
pinza, dac.-rum. 263 
piouvann, piem. 169 
piovana, piem. 169 
pìpàzé, lieg. 366 
pirghie, dac.-rum. 263 
piridare, mac.-rum. 263 
Pironster, liegi 505 
pintarru, sicil. 296 
pitxorina, maiorch. 500 
pivo, prov. mod. 256 
piovine, frane. 169 
pizzigone, cors. 170 
Plancenoit, Belgio 360 
pohoa*a, dac.-rum. 231 


poligola, bologn. 168 
pnndzà , meglen. 263 
porciglione , mare. 169 
porumb, rum. 227 
pradèr, lomb. 168 
pradirou, lomb. 168 
prior, rum. 264 
provese, venez. 251 
proyer, frane. 168 
pudurita, mac.-rum. 263 
puigula, bologn. 168 
pulpanà , dac.-rum. 231 
punga, rum. 229 
pur zana, romagn. 169 
purzlana, moden. 169 
pus pur are, mac.-rum. 264 
puta, rum. 264 

queusse, picard. 3 
queux, frane. 4 
queuz, ant. frane. 5 

ràcoare, rum. 264 
ràle, frane. 167 
rampichino, ital. dial. 168 
rampiet, piem. 168 
ranochiaja, fior. 168 
rapaz, spagn. 500 
raura, rum. 264 
reble, catal. 500 
rebos. ant. prov. 210 
rebrolisse, frane. 210 
reguitzar, catal. 498 
repèndol , venez. 168 
restoulha , prov. mod. 500 
rin, ant. frane. 210 
rincas, rum. 213 
rigaudoun, prov. mod. 318 
Rogister, liegi 505 
romp , ticin. 210 
rómpigh, lomb. 210 
ronco, spagn., port. 168 
ronco , Vecchiano 168 
ron\ài, rum. 264 
ronzar, spagn. 264 
rostar, catal. 500 
roster, ant. frane. 500 
rovegantin, padov. 166 
rovegar, venez. 167 






544 


INDICE DELLE VOCI CITATE 


rovegarolo, venez. 167 
ruginà, rum. 276 

sàboga, spagn. 210 
sarnbis, Poitù, 202 
sau, rum. 276 
sbasir, trent. 202 
sbrinzu, calab. 251 
scaltrire', ital. 164 
scaltro, ital. 164 
scaramuccia, ital. 496 
schele, rum. 218 
sciaorejare, nap. 252" 
sciorinare, ital. 252 
scula, rum. 265 
scurteìcà, rum. 213 
sene, jur. 163 
senici, ant. ital. 210 
sesco, prov. mod. 210 
sfiriri, meglen. 230 
sfrindzel, mac.-rum. 213 
sgorbia, ital. 196 
si fi e, vallon, 374 
sile, vallon. 374 
§ir, dac.-rum. 265 
skalterut, friul. 164 
shint, valmagg. 162 
sqI?, vallon. 363 
sopa, port. 309 
sorz, ant. frane. 9 
sotarol, venez. 174 
soutairé, prov. mod. 174 
spadacciòla, tose. 281 
spade, spadóni, trevig. 281 
spàdes, carn. 281 
spùria, rum. 232, 265 
spata, abruzz. 281 
spatella, napol. 281 
spes, mac.-rum. 265 
spezzaferr, pugl. 251 
spiruol, vallon. ant. 359 
spito, napol. 308 
Ster , liegi 505 
Stier, liegi 505 
strabiliare, ital. 165 
striga, rum. 265 
striochi, mac.-rum. 265 
stràghìatà, dac.-rum. 265 
suera. rum. 266 


sueri, dac.-rum. 26,5 
sumbuttu , otrant. 174 
summuzzari, sicil. 174 
surbi, vallon. 374 

facon, frane. 211 
talevande, frane, dial. 192 
tarabi, valmagg. 161 
tartaruga, spagn. 500 
tascoum, frane, merid. 202 
tecchia, roman. 172 
teccola, it. diai, 172 
\icut, meglen. 266 
ifnzur, mac.-rum. 266 
\ipa, rum. 266 
tiuiare , mac.-rum. 266 
tivd-gódea, meglen. 231 
toalà, dac.-rum. 231 
topo, spagn. 496 
Tr\l, serbo 160 
trobokà, fogg. 296 
truant, frane. 195 

i truc, prov. 200 
truci, frane, dial. 328 
tsmosi, vallon. 369 
{ucuire, rum. 266 
tulipan, prov. mod. 284 
tulipo, prov. mod. 283 

j uà, vallon. 359 
uitt, ital. dialett. 169 
urea, dac.-rum. 267 
usmetik, milan. 165 

vadru, frane, dial. 323 sgg. 
vàtàrog, dac.-rum. 267 
vaudru, frane, dial. 193 
verchère, frane, dial. 192 
verge, ant. frane. 211 
ver queir a, prov. 192 
verrina, sicil. 296 
verrou, frane. 296 
verzelle, frane, dial. 69 
vestu, mac.-rum. 267 
vignanu, sicil. 295 
vìrghe , dac.-rum. 267 
viroagà, dac.-rum. 231 
visa, prov. mod. 9 
Vivegnis , Liegi 360 





INDICE DELLE VOCI CITATE 


545 


vis, ant. frane. 9 
vordel, frane, dial. 68 
vuloagà, mac.-rum. 231 
vurricari, sicil. 296 

Wèri ster 505 

zampogna, ital. 460 
sdruminare, mac.-rum. 267 


sdrnncina , rum. 267 
sgii, dac.-rum. 267 
sgiria, dac.-rum. 267 
simma , sicil. 295 
smétiga, milan. 165 
soccu, sicil. 295 
sopo, spagn. 496 

X?tsì, vallon. 374 




















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